6.

»Da sind Kollegen aus Portimão«, gab Toninho über Funk durch, »die haben den São Miguel schon erreicht.«

»Dann sind sie vor uns«, antwortete Carlos, während Graciana den Mustang in Montanagrün abbremste. Sie schaltete runter, gab Gas und zirkelte die 460 Pferdestärken an den Grenzen der Fliehkraft um die nächste Kurve.

Ganz leicht meinte Carlos Esteves zu spüren, wie die Hinterräder den Bodenkontakt verloren. Dieser letzte, klitzekleine Moment vor dem Ausbrechen des Hecks. Und wie Graciana intuitiv minimal einlenkte und es ihr gelang, sie in einem Stück durch die Kurve zu bringen.

Dann trat sie das Gaspedal wieder voll durch, und der V8 dröhnte auf.

»Das ist keine acht Minuten von hier«, sagte Toninho, »ich könnte …«

»Du bleibst, wo du bist«, befahl Carlos.

»Wie bitte? Was hast du gesagt …« Sie hörten, wie er mit Papier an der Sprechermuschel raschelte und das Funkgerät dann leicht an die Tischkante klopfte. »Carlos? Ich hör dich nicht.«

»Mach keinen Scheiß und bleib wo du bist.«

»Was? … rschhhhh  … braucht Unterstützung … rschhhh? «

Graciana blickte in den Rückspiegel, wo Leander Lost auf der gelben Ducati Scrambler auftauchte. Eine leichte Maschine im Retro-Look. Der Fahrtwind ließ seine Lederkrawatte tanzen. Über dem weißen Hemd trug er nur eine Schutzweste mit der weißen Aufschrift Polícia.

Noch bevor sie das Golfresort Monte Rainha verlassen hatten, waren die anderen von Graciana angewiesen worden, die Schutzwesten anzuziehen. Bei einem Werttransporter, der möglicherweise überfallen wurde, war im Zweifelsfall mit robusten Tätern zu rechnen.

Hinter Lost folgte Duarte in seinem weißen Jaguar-Cabrio, der sich sichtlich mühte, den Anschluss nicht zu verlieren.

Carlos lächelte ein wenig in sich hinein. Sicher wäre er in seiner männlichen Ehre gekränkt, wenn es Graciana gelänge, den Abstand noch weiter zu vergrößern.

Sie bogen nach links ab, und der São Miguel zeigte sich in seiner ganzen Pracht.

In der ersten Kurve hörten sie das trockene Tak-Tak eines Schnellfeuergewehrs. Carlos zog seine Glock, die Standardwaffe der portugiesischen Polizei, und entsicherte sie mit einem routinierten Griff.

Hinter der vierten Kurve, wo sich die Straße relativ steil hinaufwand, parkte ein Lieferwagen quer auf der Straße, der Werttransporter mit dem Firmenlogo Bilt stand am rechten Fahrbahnrand an ein paar Felsblöcken.

Rund dreißig Meer davor war eine Limousine schräg auf der Mitte der Fahrbahn zum Stehen gekommen. Eine Frau in zivil kauerte in ihrem Schutz und schoss auf eine Gestalt mit einer Motorradmaske, die sich hinter dem Lieferwagen verschanzt hatte. Und die offenbar auf die Frau und ihren Begleiter aus einem Sturmgewehr feuerte.

Jedenfalls wurde gerade die offene Beifahrertür zweifach durchschlagen und die Heckscheibe splitterte.

Graciana stoppte den Mustang links neben der Limousine, wodurch sie die Straße weitestgehend blockierte.

»Raus und Deckung«, zischte sie Carlos zu und warf sich selbst gegen die Tür. Er huschte rechts hinaus und lief die wenigen Meter zu der Limousine.

Graciana hastete geduckt um den Mustang herum und erreichte den Mann, neben dem Carlos bereits kniete. Sie erkannte ihn und seine Begleiterin sofort. Wie Toninho angekündigt hatte, handelte es sich um Kollegen aus Portimão, die in der Polícia Judiciária der westlichen Algarve ihren Dienst versahen.

Gabriel Alves hielt sich die linke Schulter und keuchte vor Schmerz. Sein grauer Schnurrbart erzitterte bei jedem Keuchen.

»Geht«, presste er hervor. »Tut nur höllisch weh.«

Es schien, als wolle er damit weniger seine Begleiterin Rafaela Romão oder Carlos Esteves beruhigen als vielmehr sich selbst. Er presste die Kiefer aufeinander.

Rafaela kauerte hinter dem rechten Vorderreifen und hob kurz die Waffe, um ein paar Schüsse auf den Mann am Lieferwagen abzugeben.

Wie Graciana jetzt erst bemerkte, lag hinter dem Lieferwagen einer der Täter. Sie sah nur seine Schuhsohlen, das Knie, einen angewinkelten Arm. Eine Blutlache unter seinem Körper, die in der abendlichen Sonne tiefrot glänzte.

Hinter ihnen stoppten nun Leander Lost und Duarte, der seinen Wagen geistesgegenwärtig rechts abstellte, sodass die drei Fahrzeuge nebeneinander nun eine lückenlose Barrikade bildeten.

Er und Leander verschanzten sich hinter dem Jaguar.

»Kollegen aus Portimão«, rief Graciana Leander zu. Der nickte.

»Wie viele sind es?«, fragte Carlos.

»Noch zwei, glaube ich«, gab Romão zurück. Sie hatte dunkles Haar und einen langen, geflochtenen Zopf, der ihr den halben Rücken hinabreichte. Sie war Mitte vierzig, eine kräftige, entschlossen wirkende Frau, die Jeans, Boots und eine hellgraue Bluse trug.

»Der Rettungswagen ist angefordert«, sagte Graciana Rosado.

Hinter ihnen kroch ein rostiger, alter R4 die Straße hoch, der zweite Gang heulte erbärmlich im roten Drehzahlbereich.

Sie sahen, wie gleichzeitig eine Gestalt weiter oben aus dem Werttransporter sprang und auf den Lieferwagen zulief. Eine Gestalt mit einer Motorradmaske.

»Deckung«, rief Romão, und bevor jemand etwas erwidern konnte, kam sie hinter dem Auto hoch und schritt mit vorgehaltener Waffe auf den Lieferwagen zu. Graciana, Duarte und Carlos tauschten einen verblüfften Blick. Ganz schön mutig.

Prompt legte der Mann, der aus dem Werttransporter gekommen war, über das offene Fahrerhaus des Lieferwagens auf sie an und feuerte.

Das Sturmgewehr hatte eine Kadenz von 750 Schuss in der Minute – Romão feuerte noch in dem Augenblick zurück, in dem sie sich auf den Boden fallen ließ.

Die Projektile durchschlugen die Limousine und den Jaguar, und wenn Carlos richtig sah, verzog Duarte bei jedem Treffer in seinen Jaguar kurz das Gesicht, als sei er selbst verletzt worden.

Graciana schoss zurück. Leander, der sich flach auf den Boden gelegt hatte, visierte unter dem Wagen hindurch die Beine des Schützen an.

Laufschritte näherten sich von hinten.

Sie sahen sich über die Schultern.

»Idiota!«, rief Carlos Toninho wütend zu, der den R4 verlassen hatte und geduckt zu ihnen lief. Er hatte einen Leinensack dabei, in dem sich schwere, sperrige Gegenstände befanden.

Romão kam wieder auf die Füße hoch.

Das Röhren eines Motorrads.

»Runter«, bellte Duarte in Richtung Toninho, der nur noch wenige Meter entfernt war.

Ein Motorrad jagte davon – sie sahen es nicht, sie konnten es nur hören, weil der Lieferwagen ihnen nach wie vor die Sicht auf die dahinter liegende Straße versperrte.

Toninho lief weiter, er hatte sie nun fast erreicht.

Ein zweites Motorrad fuhr vor und der Mann darauf verschoss sein ganzes Magazin auf die Autos leer. Blech wurde durchschlagen, ein Reifen platzte.

Duarte federte etwas unelegant in die Höhe, packte Toninho an der Schulter und drückte ihn vehement nach unten.

»Runter!«, zischte er wütend.

Vier, fünf Kugeln schlugen auf der Kühlerhaube seines Cabrios ein, die sechste und siebte hinterließen zwei Geschosskränze in der Windschutzscheibe. Und die letzte Kugel – traf Duarte am Kopf.

Er wurde von der Wucht zurückgerissen, stolperte, wollte noch einen Stützschritt machen, aber schlug schon hart mit Rücken und Kopf auf dem Asphalt auf.

Als habe sich eine riesige Glocke über sie alle gelegt, die nur noch Bewegungen in einer extrem gedehnten Zeit zuließ, erstarrten alle in Fassungslosigkeit. Und mitten in diesem nahezu statischen Zustand schien Leander Lost der Einzige zu sein, der dieser Verlangsamung nicht unterworfen war. Denn er griff umgehend zu seinem Smartphone: »Hey Siri, ruf Doutora Oliveira an.«