11.

Graciana Rosado hatte dem Team für den restlichen Tag freigegeben. Sie hatten alle noch die Nacht in den Knochen, sie waren erschöpft. Vor allem aber mussten sie etwas Abstand vom Erlebten gewinnen.

Nur sie selbst hatte sich am frühen Nachmittag nach Faro in die Rua do Municipio No. 15 begeben, dem Sitz der Polícia Judiciária. Sie befand sich als unscheinbares, weißes Gebäude mit einer dunkelgrünen Holztür in einer kleinen Gasse, die vom Kirchplatz abzweigte. Mit zwei winzigen Balkonen für die Raucher unter ihnen. Die Marina mit ihren Booten und Jachten und dem Gewimmel an Masten war nur einen Steinwurf entfernt.

Im Eingangsflur war es still. Und auch in dem Empfangsraum, der als erster von dem Gang abzweigte, befand sich niemand mehr. Die gute Seele des Hauses, Marisa, hatte heute frei, ihr komplett mit Pflanzen gefülltes Büro war leer.

Der Gang war ungewöhnlich hoch und luftig, ungewöhnlich für eine portugiesische Behörde. Auf dem Boden befanden sich abgewetzte Fliesen mit maritimen Motiven. Sie wollte über die Treppe zu ihrem Büro im ersten Stock, als sie die mala magica entdeckte, die im Eingangsbereich des Labors lag: die Tasche von Isadora Jordão. Dieser schwarze, klobige Koffer, der an eine Arzttasche erinnerte, war ihr ein ewiges Rätsel. Er musste über einen heimlichen Keller oder etwas in der Art verfügen, so viele Dinge zauberte Isadora daraus hervor.

Kurz bedauerte Graciana, sich doch nicht alleine im Haus zu befinden. Aber das Bedauern wich einem warmen Gefühl für die Kriminaltechnikerin, der die Sache offenbar ebenso wenig Ruhe ließ wie ihr. Sie vermutete, dass die Kollegin auch noch kein Auge zugetan hatte.

Graciana hatte ihr Labor schon immer fasziniert. Vor allem der hintere Bereich, in dem man sogar Geschosse abfeuern und deren Wirkung auf unterschiedliche Materialien prüfen konnte. Und überall waren Bücher. Neben einschlägigen wissenschaftlichen Werken auf Englisch bis Hebräisch hatte Isadora alles zusammengesammelt, was sie brauchte oder vielleicht mal brauchen würde. Wenn es hier so etwas wie ein Ordnungsprinzip gab, war es nur Isadora selbst bekannt. Überall stand und lag etwas herum: Ein Elektronenmikroskop teilte sich eine geflieste Arbeitsfläche mit einer Batterie an Reagenzgläsern samt Bunsenbrenner. Geräte für diverse Messverfahren, Kabelgewirr, ein paar Rechner und Monitore, ein Regal mit Weinen und stärkeren Getränken – für die Überstunden –, Souvenirs von Tatorten, aufgeschlagene Bücher, Objektive, das Periodensystem und vieles mehr bildeten ein geschäftig wirkendes Tohuwabohu. Und mit Sicherheit lag irgendwo auch noch Doc, Isadoras Hund, in seinem Körbchen und hatte alle viere im Schlaf von sich gestreckt. Der Name war an Doc Holliday angelehnt, ihrem Faible für amerikanische Revolverhelden geschuldet.

Als Graciana den Raum betrat, hustete sie ein wenig, damit Isadora nicht erschrak. Die empfing sie mit einem Lächeln – und war zu Gracianas Überraschung nicht allein: Leander Lost stand neben ihr.

Die beiden begutachteten gerade einen Gurt.

»Boa tarde «, sagte Leander.

»Boa tarde «, gab Graciana tonlos zurück, »was machen Sie denn hier?«

»Ich rekonstruiere mit Senhora Isadora den Sinn dieses Gurtes.«

»Nein, ich meine, ich hatte Ihnen doch freigegeben.«

»Ich hatte es als Empfehlung klassifiziert, nicht als dienstliche Weisung.«

»Aber, ja … natürlich. Sie hatten alle eine harte, lange Nacht. Ich wollte, dass Sie sich ausruhen können und Ihnen Gelegenheit dazu geben.«

Leander quittierte die Klarstellung mit einem Nicken: »Ich habe mich gefragt, ob es eine Auflistung der Gegenstände gibt, die transportiert worden sind. Und was davon gestohlen wurde.«

»Und?«

»Bislang existiert keine. Ich habe sie bei Bilt angefordert, dem Sicherheitsunternehmen. Sie haben sie schon gemailt.«

»Bom «, lobte sie.

»Und dann habe ich Senhor Lost aufgehalten«, räumte Isadora ein. Die Kriminaltechnikerin mit den kurzen Haaren wedelte mit dem Gurt, der sich in einer Hülle befand, die ihn vor den Fingerabdrücken der Ermittler schützte.

»Was ist das für ein Gurt?«

»Der lag neben der Leiche«, erklärte Isadora, »er hat vier Karabinerhaken an der Rückseite. Und ich konnte mir darauf keinen Reim machen – Senhor Lost schon.«

Obwohl der logische Schluss sich gar nicht reimte, dachte Leander.

»Und? Wofür war er?«

»Zwei Motorräder«, sagte Isadora, »aber drei Männer.«

»Einer von ihnen wäre als Sozius mitgefahren«, antwortete Graciana nach einem Augenblick, »und wenn … wenn er sich beim Vordermann einhakt, dann macht er das, um die Hände frei zu haben, und …«

Sie sah sich den Gurt genauer an. Die Schnalle befand sich logischerweise vorne – die Karabiner aber hinten.

»Verkehrt herum. Er hätte mit dem Rücken zum Fahrer gesessen.«

Leander nickte: »Damit er die Hände frei hat, um das Sturmgewehr zu bedienen.«

»Und auf seine Verfolger zu schießen«, schloss Graciana.

»Ja«, sagte Isadora, »die haben sich einige Gedanken gemacht.«

»Keine Anfänger, sondern routinierte Profis, meinst du das?«

Isadora Jordão nickte: »Das ist natürlich Spekulation. Können ja auch hochtalentierte Anfänger sein.«

»Glaubst du aber nicht.«

»Nein, glaube ich nicht.«

»Ich auch nicht«, sagte Graciana. »Die Vorgehensweise, der Schusswechsel, die Flucht. Schon was zu dem eingesetzten Betäubungsmittel?«

»Mãe sagt, es ist Sevorane.« Mãe war ihr Computer, den sie in Eigenarbeit aufgerüstet und zu Höchstleistungen getuned hatte. Mãe hatte wahrlich beeindruckende Fähigkeiten und Zugriff auf eine riesige Menge von kriminalistischen Informationen über diverse Datenbanken, die synchron durchsucht werden konnten.

»Das ist ein Kinder-Anästhetikum«, ergänzte Leander. Senhor Léxico.

»Genau«, sagte Isadora, »farblos, kaum Eigengeruch. Schnell wirksam. Über die Lüftung eingeleitet.«

»Heißt?«

»Dass die in drei, maximal vier Sekunden weg waren.«

»Ich habe kurz mit den Bilt-Leuten in Faro gesprochen. Die Fahrer haben noch ein Notrufsignal an die Zentrale von Bilt an der Algarve abgesetzt.«

»Respekt«, sagte Isadora, »dann hatten sie schnelle Reflexe.«

»Ist das Mittel schwer zu besorgen?«

»Nein, wird massenhaft verwendet, unter anderem auch in der Tiermedizin, das heißt, du findest das bei jedem Veterinär. Keine Chance, die Täter auf diese Art einzukreisen.«

»Was ist mit den Waffen?«

»Schon eher. Wir haben ein G36, Sturmgewehr, deutsches Fabrikat«, sie deutete auf den Tisch neben sich. »Sehr verlässlich. Mittellanger Lauf, hohe Präzision auf über 300 Meter, falls erforderlich, hohe Kadenz, über 750 Schuss die Minute. Drei Männer mit ausreichender Munition könnten damit das Revier hier locker über eine Stunde halten, egal gegen was.«

»Die gibt’s nicht auf dem Wochenmarkt von Olhão.«

»Ganz sicher nicht. Schwarzmarkt oder Armeebestände. Aber … du musst Geld haben und genau wissen, was du willst, was du brauchst. Die, die das da oben getan haben, wussten, was sie wollten. Zumindest deren Kopf.«

»Haben wir eine Seriennummer?«

»Ist sehr gründlich entfernt worden. Aber ich lasse Mãe drüberlaufen. Eine Stanze, die Nummern in Metall presst, verändert damit auch die Struktur tiefer liegender Bereiche. Optisch mag die Nummer an der Oberfläche weggefräst worden sein. Aber sie lässt sich meist aus Verdichtungen tief im Metall wieder sichtbar machen. Dauert bloß etwas.«

Natürlich, das war keine hochkomplexe Antwort, und doch: In keinem ihrer Felder konnte man Isadora Jordão auf dem linken Fuß erwischen. Und darüber hinaus vermittelte sie einem das Gefühl, dass es ihr gleichgültig gewesen wäre, wenn.

Sie brauchte all das hier nicht, sie war ein freier Geist, der auf einem Hausboot in Olhão lebte, sie und ihr Vierbeiner Doc und ein paar Joints, die sie aus der Asservatenkammer mitgehen ließ.

Eines Tages, war Graciana sich sicher, würde Isadora ablegen und einfach verschwinden.

Aber noch war sie hier.

»Die Liste von Bilt mit den Wertgegenständen, die transportiert worden sind …«

»Hat Carlos«, kürzte Isadora ab, »er macht den Abgleich.« Es gab also noch jemanden aus dem Team, der arbeitete, obwohl er frei hatte.

»Wo?«, fragte Graciana.

»In der Oase.«

 

Die »Oase«, so bezeichneten sie den Innenhof der Polícia Judiciária. Er war links und rechts durch die beiden benachbarten Gebäude begrenzt, die zu dieser Seite keine Fenster hatten. Auf der Rückseite befand sich eine ungefähr drei Meter hohe Mauer, hinter der eine Fußgängerzone lag. Eine kleine, hölzerne Tür führte dort hinaus. Ein Doppeltor aus grün lackiertem Holz diente als Zufahrt.

Durch diese Abgeschlossenheit hatte der Hof das Wesen eines uneinsehbaren Atriums. Er vermittelte Geborgenheit. In den Ecken vor der Mauer standen eine ausladende Palme und ein Jacaranda-Baum. Von der Palme erstreckten sich zwei vorwitzige Wedel über die Mauer hinweg in die Gasse nebenan hinein. Der Jacaranda erhob sich mit zwei majestätischen, ausladenden Ästen. Die Blätter waren klein und grün. Im Frühjahr blühte er violett und war eine Pracht.

Unter der Palme stand ein länglicher, robuster Tisch aus Holz. Darauf zwei Windlichter, deren Einfassung nicht nur aus Glas, sondern aus marokkanischen Mustern bestand, sodass das Kerzenlicht darin bei Abend hübsche Schatten an die Wände warf.

Irgendwann hatte Isadora Jordão sie mitgebracht. Der Grill war ihnen von Carlos spendiert worden.

Neben dem Tisch gab es eine winzige Küchenzeile an der Wand mit einem Waschbecken, einem Gasherd mit zwei Kochstellen und einem Regal. Manchmal kochten sie hier zusammen, wenn der aktuelle Fall ihre Anwesenheit rund um die Uhr erforderte. Nun stand der große Wagen mitten im Hof, und Carlos saß in einem Klappstuhl neben der geöffneten hinteren Tür. Seine Konzentration richtete sich allerdings auf den Holzkohlegrill, auf dessen Rost sechs Hähnchenschenkel lagen.

Der Duft stieg Graciana sofort in die Nase, als sie zu ihm trat.

»Hmmm …«

Er sah auf und lächelte: »Hunger?«

»Eigentlich nicht, aber jetzt schon. Coxa de frango do Pai? «, erkundigte sie sich nach dem Ursprung des Rezeptes.

Carlos nickte: »Ja, nach Art meines Vaters.« Also mit Öl, Knoblauch und Weißwein, Paprikapulver und Piri Piri. Carlos’ Vater hatte außerdem immer noch Koriander dazugegeben und die Schenkel mit einem Messer mehrfach eingeritzt, damit die Marinade besser durch die Haut ins Fleisch drang. Die Marinade wurde mehrmals aufgetragen, immer wenn man die Schenkel wendete.

»Ganz genau. Braucht aber noch etwas. Gibt es schon Neuigkeiten von Miguel?«

»Ja – sein Zustand ist jetzt stabil.«

Graciana lächelte. Wie sie alle aus eigenem Antrieb hier eingetrudelt waren. Wie sie keine große Sache daraus machten und auch nicht die anderen informiert hatten, um sie nicht unter Druck zu setzen. Es erfüllte sie mit Dankbarkeit und berührte sie, und weil ihr keine Worte dafür einfielen, trat sie an ihn heran, legte ihre Hand auf seine Schulter, gab ihm einen Kuss auf die Wange.

Er sah auf, ihre Gesichter waren plötzlich ganz nah. Mit einem Blick in ihre Augen verstand er, spürte, was sie fühlte, und da auch Carlos Sprache manchmal als ein viel zu grobes Instrument empfand, legte er seine Hand auf ihre und drückte sie. Das Feuer im Grill loderte auf, weil etwas von der Marinade in die Glut tropfte, und Carlos löschte sie mit einem Schwenk aus der Wasserflasche. Dann war der Moment zwischen ihnen verflogen.

Nun betrat auch Leander den Innenhof und gesellte sich zu ihnen. »Senhora Graciana«, sprach er sie an, »haben Sie Senhora Cristina informiert?«

Inzwischen hatte er sich an die portugiesische Tradition gewöhnt, die Frauen mit ihren Vor- und die Männer bei ihrem Nachnamen zu nennen.

»Nein, ich … sie dürfte jetzt seit drei Tagen in Christchurch sein. Sie hat noch fast sechs Wochen Urlaub mit ihrem Freund vor sich – soll sie wegen des Falls jetzt um die halbe Welt zurückfliegen?«

»Sie ist unsere Chefin«, stellte Leander sachlich fest.

»Ganz recht. Und ich bin ihre Stellvertreterin und habe beschlossen, dass sie – Stand heute – bis zu ihrer Rückkehr nicht zu informieren ist.«

Leander nickte. Für ihn war die Sache damit erledigt. Das war das Schöne an einem durchdachten Regelwerk: Es sorgte für Ordnung und hatte für jeden eine Antwort parat. Selbst Menschen, die meinten, dass ohnehin alles vorbestimmt sei, schauten schließlich trotzdem nach links, bevor sie die Straße überquerten. Es gab Richtig und es gab Falsch, 0 und 1, Yin und Yang. Und dazwischen gähnende Leere: Nichts. Leander wäre der größte Freund von Bürokratie gewesen, wäre sie nicht das Gegenteil von dem, was er am meisten schätzte: Effizienz.

Die Chefin Sobral war im Urlaub, ihre Stellvertreterin Graciana Rosado führte praktisch treuhänderisch bis zu ihrer Rückkehr die Amtsgeschäfte. Ihr oblag es damit, die Chefin in ihrer privaten Zeit zu kontaktieren oder nicht. Paragraf 17–4, Absatz f und f’ und Fußnote 2 und 2a. Sie hatte sich dagegen entschieden – und müsste sich im Zweifelsfall dafür verantworten. In der Befehlskette unterstanden Carlos Esteves und er ihren Weisungen.

»Der Geruch raubt mir den Verstand«, bekannte Isadora, als sie in den Innenhof trat.

Carlos klatschte die Hand gegen die Stirn: »Ich hab vergessen, das Brot und die Pinienkerne anzurösten.«

 

Zu den Hähnchenschenkeln gab es ein Glas Weißwein und Wasser. Rucolasalat mit Parmesansplittern und, ja, gerösteten Pinienkernen (Isadora war kurzerhand mit dem Bunsenbrenner drübergegangen, ebenso wie über die Brotscheiben; gut, sie schmeckten ein wenig nach Gas, aber kross waren sie).

Sie saßen hinten am Tisch, die Palme spendete ihnen Schatten.

»Lecker, Carlos«, sagte Isadora und warf Doc ein Stück zu, der es noch in der Luft fing und verschlang. Nach dem dritten Bissen trank Doc den halben Wassernapf leer.

»Was sagt Mãe zu den Fingerabdrücken des getöteten Schützen?«, fragte Carlos. »Haben wir eine Identität?«

Isadora zog eine Grimasse: »Keine Übereinstimmung. Und abgesehen davon haben wir übrigens keinerlei Fingerabdrücke im Lieferwagen selbst. Die haben saubere Arbeit geleistet.«

»Ja. Mit Löschschaum«, sagte Graciana. »Die machen so was nicht zum ersten Mal.«

»Bleibt die Identität des Toten«, sagte Leander Lost, »ist die ermittelt, können wir vielleicht Hinweise auf sein kriminelles Umfeld erhalten. Im besten Fall auf seine Komplizen. Was ist mit seiner DNA

»Ich habe die Doutora um eine DNA -Probe gebeten«, sagte Graciana. »Die Rechtsmedizin klärt das selbstständig ab.« Falls also der unbekannte Tote im Zusammenhang mit einer anderen Straftat etwas zurückgelassen hatte, aus dem sich eine DNA -Sequenz gewinnen ließ – ein Blutstropfen, ein Haar oder Ähnliches –, würde das Computersystem der portugiesischen Polizei das melden. Noch war die Sequenzierung der DNA des Toten aber nicht abgeschlossen.

»Hast du schon die Liste gesichtet, Carlos?«

Carlos wischte sich die Hände ab und nahm den Stapel Ausdrucke, den er neben seinem Stuhl abgelegt hatte.

»Ich habe angefangen, die Sendungsliste mit dem abzugleichen, was noch im Wagen gefunden wurde. So lässt sich bestimmen, was fehlt. Und wie es aussieht«, er wischte sich eine Strähne aus der Stirn, »wurde hauptsächlich Schmuck entwendet. Versicherungswert: 80.000 Euro. Ich bin mit dem Abgleich noch nicht ganz durch, aber auf jeden Fall fehlt der Schmuck schon mal komplett. Ein Laden in Vila Real de Santo António hat ihn verkauft. Und es gibt ein Juweliergeschäft hier in Faro, das den Schmuck angekauft hat. Der Werttransporter war aber eine Sammelfahrt. Ich habe hier«, er blätterte um, »gut 64 Auftraggeber, Dokumente, Gegenstände, Wertsachen und so weiter. Letzte Station wäre Portimão gewesen.«

»Dann schau dir mal die beiden Juweliere genauer an. Und Sie, Senhor Lost, begleiten mich zu Bilt. Einverstanden?«

»Ist Wasser nass?«

Hin und wieder vergriff er sich noch in dem Arsenal der Redewendungen aus Dan B. Tuckers Appendix.

 

Die Filiale der Frederic Bilt Lda. befand sich nordwestlich von Faro auf der Ausfallstraße IC 4. Sie garantierte einen schnellen Anschluss an die Autobahn. Das unscheinbare Gebäude mit einer breiten Durchfahrt lag zwischen einem Kentucky Fried Chicken und einer BP -Tankstelle.

Aurelio Da Costa war ein Mann, der sich ungerne bewegte. Deshalb saß er in seinem Büro auf einem Stuhl mit Rollen, mit denen er den Weg von hier zum Regal oder zum Tresor quasi gleitend zurücklegen konnte. Er trug die Arbeitskleidung des Sicherheitsunternehmens, dessen Filiale in Faro er leitete. Dunkelgraue Hose, dunkelgraues Hemd, das knallrote Logo der Firma prangte auf der Brusttasche.

Leander und Graciana Rosado saßen ihm gegenüber in einem schmucklosen Büro, das Minimalisten als gemütlich empfunden hätten. Mit einer ausschweifenden Geste deutete Da Costa durch das rückwärtige Fenster auf den Innenhof, wo sich der Fahrzeugpark von Bilt befand. Dort waren mehrere Werttransporter abgestellt. Einer von ihnen wurde gerade gewaschen.

»Vor Abfahrt wird jeder Transporter sorgsam überprüft«, erklärte er mit sonorer Stimme, »dazu gehört auch der Unterboden, die Bremsen, die Reifen, die Schlösser, all das. Erst wenn der Prüfer grünes Licht gibt, setzt sich der Transporter in Bewegung.«

Es irritierte Da Costa ein wenig, dass der Mann in Anzug und Espadrilles ihn so aufmerksam anstarrte, aber es gab in jeder Branche schräge Vögel. Die PJ war da sicher keine Ausnahme.

»Wer arbeitet die jeweilige Fahrtroute aus?«, fragte Graciana.

»Ich.«

Sie musterte ihn daraufhin eine Spur genauer.

»Nach welchen Kriterien tun Sie das, por favor?«

Da Costa atmete tief ein: »Das Wichtigste besteht darin, keine Routine aufkommen zu lassen. Keine einzige Fahrtroute, die ich entworfen habe, gleicht komplett einer anderen. Ich tendiere zwar zu Nebenstraßen, aber ich achte immer darauf, dass sie durch bewohntes Gebiet führen. Oder es sich um eine viel befahrene Straße handelt. Also: wo Vorbereitungen für einen Überfall auffallen würden oder wo es zumindest Zeugen gibt.«

»Die Strecke hoch zum São Miguel ist nicht gerade stark bebaut«, sagte Leander.

»Das stimmt. Aber es gilt nur für einen kurzen Teil der Strecke, und darüber hinaus ist der Gipfel ein beliebtes Ausflugsziel. Man kann davon ausgehen, dass die Straße relativ stark frequentiert ist. Noch dazu gibt es jede Menge Pisten für Mountainbiker da oben. Die können von jetzt auf gleich aus dem Nichts auftauchen.«

»Gleich auf jetzt?«, fragte Leander.

»Unmittelbar«, übersetzte Graciana. »Gibt es Zwischenstopps?«, fragte sie weiter.

»Nur bei Kunden. Sendung abliefern oder in Empfang nehmen. Ansonsten gibt es keinen Halt.«

»Das heißt, der Werttransporter stoppt nicht – höchstens verkehrsbedingt«, schlussfolgerte Lost.

Aurelio Da Costa nickte.

»Halten Sie die Fahrt per GPS fest?«

»Ja. Wir haben in jedem Fahrzeug verplombte Tracker. Wir verfolgen sie stichprobenartig live. Und wir archivieren sie ausnahmslos. Ich nehme an, Sie möchten den aktuellen haben?«

»Bingo«, bestätigte Lost.

Der Mann griff in seine Schublade, zog einen USB -Stick hervor und reichte ihn Graciana.

»Obrigada  – Senhor Da Costa, wer kennt die Route noch? Die Fahrer doch ganz sicher.«

»Die Fahrer bekommen die Route relativ kurzfristig mitgeteilt, bevor sie mit dem Transporter das Firmengelände verlassen. Aber Zeit für einen oder zwei Anrufe, eine SMS oder einen Plausch im Bistro nebenan bleibt immer.«

»Denken Sie, einer von denen oder beide sind in finanziellen Schwierigkeiten?«

»Das weiß ich nicht. Wir zahlen gut, um solchen Sachen vorzubeugen. Aber man steckt natürlich nie drin – wenn Menschen von irgendwem das Angebot bekommen, mit ein paar 10.000 Euro an einer Beute beteiligt zu werden, wenn sie eine Route preisgeben, lässt sich mit einer Risikozulage von 200 Euro im Monat nicht vorbeugen. Man muss seinen Leuten vertrauen.«

Graciana nickte und räusperte sich – das war das verabredete Zeichen, damit Leander sich ganz besonders auf ihr beider Gegenüber konzentrierte. Auf seine Mimik.

»Es ist nicht besonders höflich«, setzte Graciana zur entscheidenden Lüge an, »aber ich bin dazu verpflichtet, Ihnen diese Frage zu stellen, Senhor Costa: Sind Sie in irgendeiner Form in diesen Überfall involviert?«

Da Costa warf ihr einen langen Blick zu: »Ja. Als Geschädigter.«

 

Auf dem Weg zurück nach Fuseta bestätigte Leander Lost ihr, was Graciana intuitiv bereits meinte, erfasst zu haben: Da Costa hatte die Wahrheit gesagt – er hatte mit dem Überfall nichts zu tun.

Leander Lost hatte seit seiner Ankunft an der Algarve drei Spitznamen verpasst bekommen. Der Alemão war recht naheliegend. Als sie begriffen, dass er ein fotografisches Gedächtnis hatte und es ihm eher Probleme bereitete, etwas zu vergessen, als sich daran zu erinnern, nannten sie ihn gerne heimlich »Senhor Léxico «. Das war wie ein Kosename.

Aber er war auch ein »Detector de mentiras «, ein menschlicher Lügendetektor.

Das klang überragender, als es war, denn Leander konnte sich »nur« darauf festlegen, ob ein Mensch log oder nicht. Aus welchem Motiv, das erschloss sich ihm nicht. Menschen logen aus Höflichkeit, Rücksicht, ja, Empathie und Zuneigung. Es gab eine Menge hehre Gründe für die Lüge.

Dennoch: Senhor Aurelio Da Costa hatte nicht gelogen. Und schied damit aus der Gruppe möglicher Verdächtiger aus.

Sie betrachtete Leander kurz von der Seite, während sie den Dienstwagen auf die Überholspur dirigierte und drei Autos am Stück überholte. Bei nur 150 PS . Da der Mustang wegen der vielen Ein- und Durchschüsse beim Überfall nicht mehr zu fahren war, musste sie sich dringend um einen neuen zivilen Dienstwagen kümmern. Am besten, bevor Cristina Sobral aus Neuseeland zurückkam.

Leander schaute mit reglosem Gesichtsausdruck nach vorn. Graciana war immer wieder erstaunt, wie stark der sinnliche Schwung seines Mundes und die langen, feinen Wimpern im Kontrast standen zu seinem nahezu faltenlosen Gesicht. Denn Leander bediente sich seiner Gesichtsmuskulatur nur im überschaubaren Maß. Meist wirkte seine Miene etwas eingefroren. Es sei denn, man hatte gelernt, sie zu lesen, so wie sie selbst und Carlos und natürlich Soraia. Denn sie war wie Da Costas Büro: von minimalistischer Überschaubarkeit.

»Also«, sagte Leander plötzlich, »ist der Behälter mit dem Anästhetikum unterwegs angebracht worden. Dazu muss er irgendwo gehalten haben.«

»So ist es. Doutora Oliveira hat vorhin am Telefon signalisiert, dass die beiden Fahrer morgen vernehmungsfähig sein werden. Ich würde da gerne mit Ihnen zusammen hin, Senhor Lost.«

Stille.

Mit kurzer Verzögerung begriff Graciana, dass sie ihre eigentliche Frage, nämlich, ob das für ihn in Ordnung war und wann sie ihn abholen konnte, überhaupt nicht artikuliert hatte. Denn die war im Subtext mit auf den Weg geschickt worden.

Aus seiner Sicht hatte sie aber lediglich eine Aussage getroffen. Aussagen erforderten in der Regel keine Antworten.

Daher: »Spricht etwas dagegen, wenn ich Sie gegen zehn vormittags hier abhole?«, fragte Graciana, während sie in der Abenddämmerung vor der Villa Canto das Baleias hielt.

»Nein«, antwortete Leander und stieg aus. Dann beugte er sich doch noch mal vor: »Der Fall Riemann, was ist mit dem?«

Sie überlegte kurz, wog die Vor- und Nachteile der Entscheidung ab, dann sagte sie: »Das ist ab morgen Mittag Ihr Fall, Senhor Lost. Ich konzentriere mich auf den Werttransporter-Überfall. Und Senhor Esteves springt je nach Bedarf zwischen uns beiden.«

»Verstehe. Bis morgen.«

»Ja. Grüßen Sie Soraia von mir.«

Leander nickte und schloss die Tür.

Graciana fuhr los und beobachtete im Rückspiegel, wie Leander die Gartenpforte öffnete und sich auf dem schmalen Weg dem neuen Zuhause von Soraia und ihm näherte.

Zwei Kurven später fuhr sie rechts ran, stoppte auf einem schmalen Feldweg und stieg aus.

Hier, hinter einer Begrenzung aus Steinen und Kakteen, grasten zwei Pferde. Über der Ria Formosa war der Mond aufgegangen, und es war nahezu windstill. Graciana setzte sich auf einen Felsblock und sog den Anblick in sich auf.

Es roch nach Meer, und die Zikaden gaben ein gedämpftes Konzert.

Sanft strich sie mit den Fingern über den Stein, der die gespeicherte Wärme der Sonne immer noch abstrahlte.

Das hier war Elias’ Lieblingsplatz gewesen.

Und einer der Männer von gestern vermutlich sein Mörder.

Endlich ein Anhaltspunkt.