26.

»Nous sommes presque sûrs qu’une de vos entreprises fabrique des faux billets. Nous devons savoir laquelle«, sagte Isadora am Telefon.

Die einzigen Mitarbeiter der PJ , die fließend Französisch sprachen, waren Isadora Jordão und Leander Lost. Die beiden hatte Graciana für den Informationsaustausch mit Saint Rivage in Bordeaux abgestellt.

Es war bereits Samstagnachmittag, aber auf Veranlassung von Nadine Deveraux kümmerten sich zwei Mitarbeiter von Saint Rivage nun auch am Wochenende um die Belange der portugiesischen Polizei. Nicht ganz uneigennützig, denn Deveraux witterte mittlerweile Industriespionage oder gar den Raub eines Patents. Es galt womöglich, massiven Schaden von Saint Rivage abzuwenden.

»Die Firma, die wir suchen, muss unter Sicherheitsvorkehrungen gearbeitet haben«, erklärte Lost seinem Gesprächspartner auf Französisch, »wenn Sie das als Suchkriterium benutzen, dürften nur noch wenige Firmen übrig bleiben.«

Es dauerte einige Augenblicke, bevor der Franzose antwortete: »Das stimmt. Es sind lediglich zwei.« Die eine Firma arbeitete an der Entwicklung eines Freund-Feind-Systems für die französische Luftwaffe, was Leander allerdings zu spezialisiert erschien für ihren Fall. Übrig blieben Didier et Fils, eine Farbmanufaktur, die inzwischen allerdings nicht mehr existierte. Eine von Saint Rivages Risikoinvestitionen, die sich nicht rentiert hatte. Der Vorgänger von Nadine Deveraux war für dieses Unternehmen verantwortlich gewesen. Die Daten, die ihr Vorgänger damals zur Firmenevaluation zusammengetragen hatte, existierten aber nach wie vor in einem Archivordner. Solche Bestände wurden für einige weitere Jahre aufbewahrt, falls es noch einmal zu einem Gerichtstermin oder irgendeiner juristischen Zankerei kommen sollte.

«Warum gab es damals die Sicherheitsvorkehrungen?«, fragte Lost.

»Pardon, da muss ich nachfragen.«

 

Während der Mann in Bordeaux sich bemühte, weitere Details herauszubekommen und Leander und Isadora auf seinen Rückruf warteten, nahmen sich Carlos und Graciana noch einmal die komplette Liste der Güter vor, die sich zum Zeitpunkt des Überfalls in dem Bilt-Werttransporter befunden hatten und von denen weder von den Absendern noch den Empfängern eines als verloren gemeldet worden war. Wenn Losts These zutraf, musste sich etwas im Wagen befunden haben, das für die Kriminellen viel wertvoller gewesen war als der Schmuck. Etwas, das aber offenkundig nicht fehlte. Vielleicht auch eine Festplatte, die nicht entwendet, sondern kopiert worden war. Oder etwas, dessen Wert sich nicht auf den ersten Blick erschloss. Hier könnte die entsprechende Versicherungssumme ein Indiz sein, weshalb sie sich im ersten Durchgang schließlich darauf verlegten. »Das hier«, hatte Carlos schließlich gesagt, »ist ziemlich hoch versichert für ein Ersatzteil mit der Bezeichnung T17/13-04.«

»Was soll das sein?«

»Bei Inhalt steht: Verbindungsstück für Turbolader. «

»Und die Versicherungssumme?«

»50.000 Euro.«

Graciana schnalzte anerkennend mit der Zunge.

»Und eine auffallend unauffällige Bezeichnung«, merkte Isadora an.

»Absender und Empfänger?«

»Absender ist eine Firma in Lissabon«, antwortete Carlos, »Empfänger eine in Faro. Bei beiden geht keiner ans Telefon, hab ich eben schon probiert und eine Nachricht auf den Anrufbeantwortern hinterlassen. Bilt hat allerdings vermerkt, dass die Sendung wohlbehalten beim Empfänger angekommen wäre.«

»Wie heißt die Firma hier in Faro?«

»Pereira Ltd.«

»Sagt mir nichts«, bekannte Graciana.

Auch die anderen schüttelten die Köpfe.

In dem Augenblick klingelte Leanders Telefon. Es war der Mann aus Bordeaux. Er hatte tatsächlich jemanden aufgetrieben, der möglicherweise weiterhelfen konnte: der Sohn des letzten Besitzers der Farbfirma, die bankrottgegangen war. Sein Name war François Didier, und er war mittlerweile auch schon 66 Jahre alt.

 

»Oui, oui, an die Sicherheitsvorkehrungen erinnere ich mich noch genau«, sagte der Mann, der sofort an den Apparat gegangen war, als Leander seine Nummer wählte. Das sei kurz vor seinem eigenen Ruhestand gewesen. Er hatte die Firma nach dem Tod seines Vaters fast zehn Jahre lang geleitet, bevor sein Schwiegersohn sie übernahm. Er war in gutem Glauben an diesen Mann gewesen, aber seine Tochter hatte noch nie Glück gehabt bei der Wahl ihrer Begleiter. »Diese Person war ein Fiasko! Ein Fantast, er hat alles in den Abgrund gerissen«, schimpfte Didier. »Wenigstens ist er am Ende konsequenterweise von einer Brücke gesprungen – aber nur ins Wasser. Sehr theatralisch. Unseren Betrieb hat’s nicht gerettet, wär ja zu schön gewesen, und wir reden hier nicht von einer x-beliebigen Firma, wie sie an jeder Straßenecke auf- und gleich wieder zumachen, non, non, non, Didier et Fils blicken auf eine sechshundertjährige Tradition zurück! Damals hat man noch in den Wäscheeimer gepinkelt, um Indigo herzustellen.«

»Das ist mir bekannt, Monsieur«, sagte Leander. »Farben haben mich schon immer interessiert.«

»Sie belieben zu scherzen, Monsieur«, sagte der Mann leicht irritiert.

»Keineswegs«, sagte Lost. »Von der Indigo-Herstellung stammt auch der Ausdruck ›Blau machen‹. Die Färber haben häufig Bier getrunken, damit sie genug Harndruck bekamen, um auf die blaufärbende Pflanze Indigo urinieren zu können. Sie waren wegen ihrer Tätigkeit meist betrunken. ›Blau‹.«

»Mein Respekt, Monsieur Lost. Diese Geschichte kennen nicht viele. Nun – unser Familienbetrieb lässt sich bis ins Jahr 1421 zurückverfolgen. 1421 – das war 400 Jahre nachdem Leif Eriksson Amerika entdeckt hat und 71 Jahre, bevor man es Kolumbus zugeschrieben hat. Und seitdem erklärt man den Kindern in der Schule, dass es Kolumbus gewesen ist. Aber es war Eriksson.«

Ein heiseres Lachen.

»Ich weiß.«

»Ach, ja? Wissen Sie auch, wo er in Neufundland gelandet ist?«

»In L’Anse aux Meadows.«

Eine kurze Pause in der Leitung.

»Sie wissen eine Menge, wie mir scheint«, sagte der Franzose mit Respekt in der Stimme.

»Ich merke mir Dinge.«

»Das ist interessant. Ich fange gerade an, eine Reihe an Dingen zu vergessen. Das ist manchmal unschön, weil einem dann und wann Namen nicht mehr einfallen, jedenfalls in dem Moment nicht, wenn man sie braucht, aber es hat auch was Erleichterndes. Man löst sich von Ballast. Wissen Sie auch, was 1653 geendet hat?«

»Ja.«

»Und?«

»1652.«

Wieder das heisere Lachen.

»Sie machen mir in zwei Minuten mehr Spaß als mein Schwiegersohn in seinem ganzen Leben. Na ja, wie auch immer, ich vergeude Ihre Zeit, Monsieur Lost: Was brauchen Sie noch mal?«

»Den Grund für die Sicherheitsvorkehrungen.«

»Ah, oui, das war’s. Nun: Unser Betrieb hatte sich in den letzten Jahren spezialisiert auf, sagen wir mal, besondere Farben. Spezialfarben für Spezialaufträge in der ganzen Welt. Der wichtigste Auftrag meiner Karriere kam 2011 – die fluoreszierende Farbe für die Smaragdzahl auf den Eurobanknoten. Wenn Sie einen Euroschein gegen das Licht kippen, sehen Sie es. Die Farbe habe ich selbst mit meinen Mitarbeitern entwickelt, viele Wochen im Labor. Ich klinge vielleicht nicht so, Monsieur, aber ich bin promovierter Chemiker!«

»Beeindruckend«, sagte Lost. »Wie kommt es, dass Ihre Firma in finanzielle Schwierigkeiten geraten ist mit so einer Spezialqualifikation?«

»Sagte ich das nicht schon? Mein Schwiegersohn!«, rief François Didier. »Er hat unser Geld mit Hochrisikofonds durchgebracht. Wir waren pleite.«

»Diese fluoreszierende Farbe«, frage Lost, »für die Eurobanknoten. Wer kannte die exakte Formel?«

»Nun, so etwas ist natürlich ein streng gehütetes Firmengeheimnis, mit so was geht man nicht hausieren. Wir. Die Zentralbank. Und am Ende natürlich auch Saint Rivage, die unsere kompletten Patente und Mischungen im Rahmen der Firmenevaluation eingesehen haben. Aber jetzt ist es egal, denn die Europa-Serie endet, und die Serie für 2024 wird bereits vorbereitet mit neuen Farben. Didier et Fils wird aber nicht mehr davon profitieren.«

»Halten Sie es für möglich, dass Madame Deveraux die exakten Mischungsangaben auf ihrem Laptop hat?«

»Sie ist für uns zuständig, wenn wir noch Gelder erhalten. Ja, ich nehme an, sie hat das alles auf ihrem Rechner.«

 

Wenig später bekamen sie Besuch im Präsidium: Rafaela Romão, wie üblich Boots und Jeans, und Gabriel Alves, der seinen verletzten Arm immer noch in einer Binde trug. Sie hatten die beiden seit der Schießerei nicht mehr gesehen und begrüßten sich herzlich.

»Olá é boa noite! «

»He, was macht der Arm?«, fragte Carlos und stand auf, um Alves vorsichtig die Hand zu schütteln.

»Schmerzt nicht mehr – nur das Duschen ist immer noch abenteuerlich.«

»Das kann ich mir vorstellen, Mann. Ich hoffe, du hast es bald hinter dir. Was treibt euch her?«

»Wir haben den Kollegen Duarte besucht, um zu schauen, wie es ihm geht«, sagte Rafaela. »Er hat erzählt, dass ihr alle hier seid, und da wollten wir mal Hallo sagen, aber gar nicht lange stören. Wir sind eigentlich schon auf dem Sprung zurück nach Portimão.«

»Ihr stört nicht.«

»Wir sind erleichtert«, sagte Alves, »Duarte in so guter Verfassung zu sehen. Nur komisch, dass er bei der Hitze einen schwarzen Anzug trägt.«

»Lange Geschichte«, sagte Carlos. »Wollt ihr was trinken?«

»Eigentlich gerne«, sagte Rafaela Romão, »wir sind auch nicht im Dienst. Aber wir müssen tatsächlich gleich wieder los. Eines bloß: Wir haben gehört, der … Mann ist identifiziert.«

Sie sprach es an, als würde sie es lieber nicht ansprechen, aber es doch wissen wollen.

»Gonçalves Amado«, antwortete Graciana, »kanntest du ihn?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Hatte er Familie?«, fragte sie. Es war deutlich zu spüren, dass sie die Geschichte nicht kaltließ. Natürlich nicht. Sie hatte ihn in Notwehr erschossen und sorgte sich, ob es da vielleicht eine Frau gab, die sie zur Witwe gemacht hatte, und Kinder, die jetzt Halbwaisen waren. Wie fein von ihr.

Carlos Esteves schüttelte den Kopf: »Nein, mach dir keine Gedanken, jedenfalls nicht deswegen.«

»Obrigada «, sagte sie.

»Und die anderen?«, fragte Alves.

»Von denen fehlen jegliche Anhaltspunkte«, sagte Carlos.

»Also«, sagte Gabriel Alves, »wann immer wir gebraucht werden …«

»Kurier erst mal deinen Arm aus«, sagte Graciana zum Abschied. Ihr Handy vibrierte, und sie schaute aufs Display – die JVA in Faro. Sie war augenblicklich hellwach.

»Die Liste Bilt-Transporters«, wandte sie sich an die anderen, »wir müssen die akribisch auf besondere Sendungen überprüfen. Stichwort: unangemessen hohe Versicherungssumme. Auf geht’s.«

Sie selbst verschwand mit ihrem Handy in der Damentoilette, nahm ab.

»Sofort?«, fragte sie.

»Ja, sofort«, antwortete die Stimme.

 

Das Gefängnis von Faro war nur ein paar Minuten mit dem Auto von dem Kommissariat entfernt. Graciana ging die paar Meter zur Hauptstraße und nahm dort ein Taxi, damit sie ihren Dienstwagen nicht vom Parkplatz bewegen musste, was später zu Fragen geführt hätte. Der Besucherraum wirkte nachts im kalten Neonlicht, das von der Decke auf sie herabstrahlte, noch mal abweisender. Und da Silva um zehn Jahre älter. Der Gefängnisalltag hatte tiefe Furchen in sein Gesicht gegraben.

»Die Schließer müssen gehen.« Er deutete mit dem Kopf auf die beiden Vollzugsbeamten, die für Gracianas Sicherheit sorgten.

»Nein«, sagte der Mann ihm gegenüber.

»Ist in Ordnung«, sagte Graciana ruhig und zückte ihren Dienstausweis, »Rosado, PJ . Sie verlassen jetzt beide diesen Raum und warten vor den Türen, bis ich Sie rufe. Das ist eine Dienstanweisung.«

Die beiden jungen Männer verständigten sich über einen kurzen Blick, dann verließen sie den Besucherraum.

Da Silvas Augen lächelten.

»Es ist viel passiert, und ich habe wenig Zeit«, begann sie ohne Umschweife. Ihr alter Chef nickte.

»Es gibt Leute, über die hört man nur auf Umwegen«, sagte er dann, »deswegen hat es einen Moment gedauert.«

Moment war gut, dachte Graciana. Sie hatten sich gestern erst gesehen. Wenn stimmte, auf was sie hoffte – Klarnamen –, dann arbeitete das Informationsnetzwerk der Gefängnisse schneller und verlässlicher als die Kripo.

»Gonçalves Amado hatte wohl mit denen zu tun. Und wie man hört, bleiben die gerne beim gleichen Personal.«

»Und wer sind die? «

»Zwei Brüder. Ulisses und César Cruz. Schon mal gehört?«

»Nein.«

»Waren damals bei dem Überall auf den Zug beteiligt. Die Jungs, deren Aktion euer Amado verpfiffen hat – ohne Namen zu nennen.«

»Die beiden haben sich aus der Sache herausgeschossen?«

»Genau«, sagte Raul da Silva und fügte nicht ohne Grund hinzu: »Obwohl alle Polizeieinheiten auf so ein Szenario vorbereitet waren.«

Graciana blickte ihm direkt in die Augen, um darin die Bestätigung für ihre Annahme zu finden, und fand sie: Diese Leute waren brandgefährlich. Einmal in der Falle, schossen sie sich notfalls den Weg frei. Wer einmal damit davonkam, blieb dabei. Es passte. Es passte zu den Tätern auf der N 125. Es passte zu denen vom São Miguel.

Sie war nah dran. Nah. Sie spürte es. Ulisses und César Cruz.

Amado belastete bei dem Bahnüberfall in Braga die Brüder Cruz, um seine Haut zu retten.

Ein Mittäter wurde erschossen, der andere verurteilt. Der Verurteilte starb Jahre später in Salamanca. Und zwar …

»Die Sache in Salamanca«, wandte Graciana sich an da Silva, »drei in eins, wann war das?«

Raul da Silva war von dem Gedankengang überrascht, aber dann nickte er, als ihm klar war, wie schnell ihr Verstand die Dinge verknüpfte.

Drei in eins hatte selbst Wellen bis nach Portugal geschlagen.

»Drei Banken in einer Stunde«, sprach Raul da Silva es aus, »ziemlich abgebrüht. Das war 2017 in Salamanca. Du denkst, die waren das, ja?«

»Ja.«

Denn auch das passte.

2017 – sieben Jahre nach dem Überfall auf den Geldtransporter auf der N 125 und Elias’ Tod.

Ein toter und ein querschnittgelähmter Polizist. Die Zeitungen hatten berichtet, Elias war trauriger Höhepunkt in den Abendnachrichten. Das Innenministerium hatte eine beträchtliche Summe für Hinweise auf die Täter ausgelobt. Vergeblich.

Vielleicht waren die schon längst außer Landes, überlegte Graciana. Hatten sich mit dem Bargeld nach Spanien abgesetzt und waren da abgetaucht, während man in Portugal jeden Stein nach ihnen umdrehte. Und drei Jahre später war ihnen das Geld ausgegangen.

Da hatten sie es 2015 in Braga versucht – der Überfall auf den Zug, der gescheitert war. Und dann hatten sie in Salamanca zugeschlagen.

»Und jetzt sind sie zurück«, fasste sie eher für sich zusammen.

Da Silva nickte, sie spürte seinen Blick auf sich, auf ihrem Gesicht, das er so gut kannte.

»Ich denke, du wirst morgen früh in die do Municipio fahren und dir ansehen, was es über die Brüder Cruz im Rechner zu finden gibt.«

Graciana verzog keine Miene. In seinen Augen lag Sorge.

»Ich würde vieles geben«, sagte er, »wirklich viel, um rückgängig zu machen, was ich getan habe.«

Er ließ den Satz stehen, die Worte klangen nach. Wie eine Gitarrensaite, die in nachlassender Intensität einen Ton in die Welt schickt.

Graciana Rosado deutete ein Nicken an: Ja, sie glaubte ihm.

»Jemanden auszulöschen, löscht auch dich selbst aus. Lad dir das nicht auf.«

Graciana schwieg. Blickte auf ihre Hände, die sie auf dem Tisch zusammengelegt hatte.

Raul da Silva, der spürte, wie sie ihm entglitt, wie seine Worte nicht die erwünschte Wirkung entfalteten, legte nach: »Es macht niemanden wieder lebendig.«

Jetzt schaute sie ihn direkt an, und ihre Augen blitzten.

»Mich schon«, sagte sie.

 

Miguel Duartes Kopf schmerzte. Was kein Wunder war so kurz nach der Verletzung. Aber noch etwas anderes bereitete ihm Kopfschmerzen. Es gab zwei Fotos an der Wand in dem Besucherhaus, an die die Erinnerung zurückgekehrt war. Und nun wie aus dem Nichts eine weitere: die Erinnerung an ein Tor. Doch die Spieler, an die er sich erinnerte, gehörten nicht zum FC Porto, von dem er ja Fan war, wie der Kollege mit dem zerknitterten Hemd und dem Dauerhunger ihm erzählt hatte, sondern zu Real Madrid!

Kurz war er irritiert gewesen, denn er sah das Tor von Cristiano Ronaldo – der Portugiese war. Und obwohl er das war, spielte er für Real Madrid an diesem Tag, an den er sich erinnerte. Und plötzlich stürzten viele Erinnerungen auf ihn ein, in denen er Carlos Esteves damit aufgezogen hatte – Warum spielte der beste Portugiese für einen Club in Madrid, hm?

Ronaldo schoss das Tor, es war ein Elfmeter. Es war das Spiel des Jahrzehnts: die Erzrivalen Real Madrid gegen Atlético Madrid im Lissaboner Stadion da Luz. Finale der Champions League. Und mittendrin zwei spanische Top-Clubs, die alle anderen europäischen Clubs nach Hause geschickt hatten. Ja, ganz genau: Die Spanier machten es unter sich aus, sie spielten in ihrer ganz eigenen Liga. Beim Stand von 1:1 ging es in die Verlängerung, und dann fielen drei – drei! – Tore. Das letzte in der 120. Spielminute durch Ronaldo, der diesen großartigen Sieg mit dem vierten Tor krönte.

Die Feier in Lissabon und dann – Sevilla. Die Stadt, das Haus, die Freude, die Restaurants, die Clubs, die Frauen … Für einen Moment war es klaustrophobisch: so viele Erinnerungen und so wenig Platz. Wo sollte er die alle unterbringen? Er bekam Herzrasen und stolperte aus dem Casinha.

Soraia, die gerade die Außendusche am Pool reparierte – eine tolle, sehr patente Frau, wie er fand – kam ihm entgegen.

»Ich glaube, ich sterbe«, murmelte er und ging in die Knie.

»Was hast du, Miguel?«, fragte sie ernsthaft besorgt und griff schon nach ihrem Smartphone für den Notruf.

»Zu viele Erinnerungen. Ich bekomme schwer Luft, mein … Herz …«

»Leg dich auf den Rücken.«

Er tat es. Er tat es, weil sie es in einem Ton sagte, der ohne Panik war und in dem die Gewissheit mitschwang, das Richtige zu tun.

»Bom «, sagte sie und beugte sich über ihn, »es ist gut, dass sie kommen, die Erinnerungen, Miguel, lass es zu.«

»Es sind so viele. Was ist … mir platzt vielleicht der Kopf. Es ist nicht genug Platz …«

»Nein, das geht nicht. Sie kommen ja nicht neu dazu. Sie sind schon da gewesen. Du brauchst keinen zusätzlichen Platz, verstehst du? Du öffnest nur die Türen zu ihnen.«

Sie lächelte so voller Mitgefühl und strich ihm nun auch noch beruhigend über die Wange. Ganz sanft. Er kannte sie, er kannte sie von früher, das wurde ihm nun klar. Wie hatte er übersehen können, wie attraktiv sie war?

Miguel erinnerte sich, den Alemão komisch von der Seite angesehen zu haben, weil das Gerücht umging, er habe sich unter anderem in ihre Grübchen verliebt und für wie dämlich er das damals gehalten hatte. Aber jetzt verstand er. Er fühlte es.

Er kam mit dem Oberkörper hoch und küsste sie auf den Mund, er musste es einfach tun. Und wenn der Preis dafür sein Leben gewesen wäre (seinen Hang zur Dramatik entdeckte er bei dieser Gelegenheit auch gleich wieder).

Soraia wich erstaunt, aber auch belustigt etwas von ihm zurück.

»Verzeihung«, sagte er schnell, »ich weiß nicht, ich musste es einfach tun.«

»Schön, jetzt hast du’s getan. Und jetzt? Geht es dir besser?«

»Ja«, antwortete er, nachdem er kurz in sich hineingehorcht hatte und ebenso erleichtert wie überrascht war, »ja, es geht besser.«

Er machte Anstalten aufzustehen, und Soraia half ihm hoch. Kurz war er ihr wieder nahe. Sie schenkte ihm ein Lächeln, in dem kein Vorwurf lag. Tatsächlich trug sie es ihm nicht nach.

»Ich gehe mal ein paar Fotos abhängen«, sagte er.

»Ja, das ist gut.«

Er blieb noch einen Augenblick lang stehen, dann machte er kehrt und verschwand im Casinha.