Das Parkhaus war zu dieser Uhrzeit praktisch leer. Die Geschäfte waren geschlossen, die Leute hatten ihre Einkäufe erledigt und nach Haus gebracht, nur in den Bars und Restaurants herrschte Hochbetrieb. Es war Samstag, das Ende einer anstrengenden Arbeitswoche. Die Nacht war noch recht jung, die Hitze war einer angenehmen Abendwärme gewichen.
Sol Pinho ging ins Columbus, der angesagtesten Cocktailbar in Faro. Im Erdgeschoss eines Altbaus untergebracht, standen die Tische und Stühle nicht nur im eigentlichen Innenraum, sondern auch in einem luftigen, meterhohen weißen Arkadengang. Und davor. Auf diagonal angeordneten Streifen weißer und schwarzer Pflastersteine, geebnet und poliert von Abertausenden Fuß- und Schuhsohlen, standen Reihen weißer, runder Tische. Von hier aus konnte man durch den angrenzenden Park auf die Marina und die Ria Formosa blicken. Nur wenige Meter entfernt lag die Banco de Portugal. Und der Zugang zu deren Tiefgarage.
Paare flanierten hier entlang, blieben stehen, rauchten, küssten sich, trafen Freunde. Ein Gewirr von Gesprächsfetzen hing in der Luft, veränderte sich in Ton und Lautstärke, ebbte ab und vermischte sich mit der Musik aus dem Columbus: moderner Fado. Sentimental, ja, aber nicht ganz so resignativ, sondern kraftvoll.
Sol hatte an einem der kleinen, runden Tische draußen einen Platz reserviert und bestellte bei dem Kellner einen Cocktail. Dann zündete sie sich eine Zigarette an und ließ den Blick ein wenig schweifen. Ihre Augen streiften dabei immer wieder die Frontseite der Bank und die Einfahrt der Tiefgarage. In ihrer Ohrmuschel befand sich ein winziger Lautsprecher, über den sie mit den anderen verbunden war. Sie hatte ihr kurzes, blondes Haar so gekämmt, dass es die Ohren weitgehend verdeckte. Das winzige Gegenstück, das Mikro, klemmte neben dem obersten Knopf ihrer Bluse. Sie hörte sehr deutlich die Geräusche der drei, die gerade mit einem Van in die Tiefgarage gefahren waren und kein Wort wechselten.
Das hatte Ulisses ihnen eingeschärft: »Kein Wort, bis ihr drinnen seid.«
Sie dachte an ihn, stellte ihn sich vor, horchte in ihr Inneres. Doch da war nichts. Er hatte keinen Platz mehr in ihrem Leben. Neben César wirkte er alt und verbraucht. Ein sinkender Stern. César würde der Vater ihrer Kinder werden. Und bei allem ungezügelten Temperament würde er ein liebevoller Vater sein, das spürte sie.
Und Ulisses?
Der Löwe im Winter, das gefiel ihm ja so. Das erschien ihm so passend. Dabei passte das gar nicht zu ihm. Er machte sich nichts aus Dichtern und Poesie. Sie hatte gestutzt. Etwas hatte sie stolpern lassen bei seinem Faible für den Film mit diesem seltsamen, aber sehr einprägsamen Titel. An der Art, wie er darüber lächelte. In sich gekehrt.
»Er hat seinen eigenen Plan, Cé«, hatte sie heute Morgen im Bett gesagt, seine warme Haut neben ihrer, sie strich ihm mit der flachen Hand über die Bartstoppel und musste lachen, weil es kitzelte und sie die Hand nicht wegziehen wollte.
»Was für einen?«
»Ich verrate es dir heute.«
»Jetzt?«
»Nein, du musst es selbst sehen. Heute Abend, Cé.«
César hatte den Van mit den abgedunkelten Scheiben in das Parkhaus gefahren und den Monteur machen lassen. Der teilte sich die Rückbank mit Ricardo Cabral, der wie sie einen Anzug trug.
César konnte sein Smartphone und einen Computer bedienen, aber Nunos Job war für ihn Hexenwerk. Vorgestern schon hatte der sich in das Netz der Überwachungskameras gehackt. Das war wohlgemerkt nicht das Netz der Banco de Portugal – sondern das eines externen Sicherheitsdienstes, der die audiovisuelle Überwachung des Inneren übernahm.
Nuno zeichnete eine halbe Stunde lang das Bild der sechs Überwachungskameras und zweier Mikrofone auf, über die die Treppe und der Vorraum zum Tresor mit seinen Schließfächern überwacht wurde. Nach diesen 30 Minuten ersetzte er die Liveaufzeichnung von Bild und Ton durch die 30 Minuten, die er mitgeschnitten hatte. Wer immer die Monitore jetzt gerade überwachte, sah sich immer wieder dieselben 30 Minuten an. Und hörte die Stille des Treppenhauses.
Ulisses hatte sich für den Samstagabend entschieden. Wenn sie die Nummer erfolgreich durchzogen, würde das bis Montagmorgen um acht Uhr nicht auffallen. Da wären sie schon längst über alle Berge. Aber viel wichtiger: Heute spielte Benfica Lissabon gegen Manchester United. Wer also nicht mit der Familie im Restaurant saß, klebte vor dem Fernseher. Auch Wachleute, die eigentlich einen Blick auf die Überwachungsmonitore haben sollten.
»Wir können rein«, sagte Nuno.
César warf einen Blick auf die Uhr des Autos: 22:32.
»Gleich. Drei Minuten noch.«
In der Rua Aníbal Rosa da Silva No. 36 in São Brás de Alportel befand sich ein städtisches Grundstück, auf dem Busse und Transporter für den Bauhof über das Wochenende abgestellt wurden. Nur wenige Meter weiter ragte der Wasserturm sandfarben hoch in den Himmel. Das Gelände wurde am Wochenende nicht bewacht und außerdem tobte das Fußballspiel. Der ganze Ort saß zu Hause oder in den Bars und Restaurants vor dem Fernseher.
Ulisses ließ im Schutz der Dunkelheit mit einem Sprung und einem Klimmzug den Maschendrahtzaun hinter sich. Die Zugangstür für den schmalen Aufgang innerhalb des Wasserturms ließ sich mit einem Dietrich öffnen – er hatte es vor drei Wochen getestet.
Oben angekommen verschluckten ihn die Nacht und die Konstruktion der Turmspitze. Ein großes Rondell, das sich in länglichen Schlitzen nach allen Seiten öffnete – wie Schießscharten. Von hier aus hatte Ulisses alles im Blick: das langweilige Trachtenmuseum, die Kirche, einen Abfallbehälter mit Restmüll.
Die Straße runter, nach Westen, befand sich ein kleines Lokal mit einer grünen Holztür und Tischen auf dem Gehweg und dem Vorplatz, das gut besucht war, wie er von hier oben erkennen konnte. Der einzige GNR -Posten der Stadt lag am anderen Ende im Westen, praktisch am Ortseingang.
Ulisses warf einen Blick auf seine Uhr, eine Rotonde de Cartier. Er erlaubte sich nur diese eine Extravaganz: das Geldausgeben. Sie zeigte fünf nach halb.
Mit einem Funksignal brachte er den Sprengsatz im Trachtenmuseum zur Explosion, der ein gutes Drittel des Daches wegriss und in die Nachtluft katapultierte, von wo die Teile auf die umliegenden Gebäude und Straßen hinabregneten. Beeindruckend, dachte Ulisses und ertappte sich dabei, dass er den Anblick berührend schön fand: dieses plötzliche heftige Glühen im blauen Abendhimmel.
Nach einer Schrecksekunde waren sofort die Leute auf den Straßen, er konnte sehen, wie unzählige Handys gezückt wurden. Die allermeisten filmten das Gebäude, aus dem Stichflammen und Qualm aufstiegen, nur wenige hielten ihr Handy ans Ohr.
Gut zwei Minuten später sah Ulisses das Blaulicht des GNR -Fahrzeugs, das sich weithin sichtbar von dem Revier ins Ortszentrum bewegte – in Richtung Museum. Als der Einsatzwagen noch zweihundert Meter von dem Museum entfernt war, zündete er den Plastiksprengstoff im Mülleimer.
Man konnte den Blitz bis hierher sehen. Der Schall erreichte ihn mit kurzer Verzögerung.
Die Detonation hatte sich hinter dem Wagen der GNR ereignet, das Blaulicht verlangsamte stark. Ulisses stützte den Lauf des Sturmgewehrs auf den Beton des Wasserturms. Er nahm die aufgeregten Besucher des Lokals ins Visier, die telefonierten und herumliefen. Einige rannten zu ihren Autos, die gegenüber vor der Kirche geparkt waren.
Er zielte hoch, ein gutes Stück über die Köpfe, um niemanden zu treffen. Dann gab er zwei lange Feuerstöße ab.
Die Salven jagten über die Menschen hinweg und knallten in die Hauswand dahinter. Putz und Gestein splitterten, Staub stieg auf. Die Menschen schrien auf, gingen in Deckung oder warfen sich zu Boden.
Ulisses wechselte die Position und bestrich eine leere Gasse ebenfalls mit einem Feuerstoß. Er traf zwei Autos und ein Straßenschild. Einige Projektile schlugen auf dem Pflaster auf und prallten als jaulende Querschläger ab.
Spätestens jetzt, wusste er, würden die Funkfrequenzen der Polizei glühen.
Er klappt das Schulterstück der Waffe ab und verstaute dieses wie den nun warmen Lauf samt Magazin im Rucksack, den er wieder schulterte. Bevor Ulisses Cruz sich auf den Weg zurück nach unten machte, wo keine 30 Meter entfernt sein Motorrad auf ihn wartete, zündete er den Sprengsatz im Seitenschiff der Kirche.
Ohne einen Blick auf die Uhr zu werfen, wusste Sol Pinho, dass Ulisses oben in São Brás zugeschlagen hatte.
Erst klingelte nur ein Handy ein paar Tische weiter, dann zwei weitere, dann viele. Ein Gast lief nach drinnen ins Lokal und redete auf den Besitzer ein, der vom Fußballspiel auf einen Nachrichtenkanal umstellte. Dort gab es aber noch nichts zu sehen. Einig Gäste standen von ihren Tischen auf und begannen zu telefonieren. Keine zwei Minuten später bog ein GNR -Fahrzeug mit Blaulicht ab, um sich auf den Weg nach Norden zu machen. Es würde, das wusste Sol, bei Weitem nicht das einzige bleiben.
»Das kann ich Ihnen nicht sagen.«
Graciana sah von dem Mann zu Leander, der reglos neben ihr stand. Sie hatte nur ihn mitgenommen und Carlos und Isadora im Büro gelassen, damit sie mit der Überprüfung der Liste fortfuhren. Sie wollte ganz sichergehen, dass es keine weitere Sendung gab, die ebenfalls von Interesse gewesen wäre.
Ihr kleiner Ausflug in die JVA zu Raul da Silva war offenbar wie von ihr erwünscht unbemerkt geblieben.
»Ich kann es Ihnen nicht sagen«, wiederholte der Mann.
»Stimmt das?«, fragte sie ihn.
»Nein«, sagte Lost.
Der Blick des Mannes wanderte von Graciana zu dem seltsamen Polizeibeamten im schwarzen Anzug. Tiago Pereira wirkte verärgert. Der Mann war um die 50, trug eine beige Hose, Segelschuhe, knallblaues Hemd und silbernes, halblanges Haar. Eine drahtige, würdevolle Erscheinung im Licht des Torbogens, das zu seinem Anwesen führte. Eine geduckte Villa, die klare Kanten vermied und in einem sanften Braunton gehalten war. Vielerlei indirekte Lichter, maurischer Stil.
Leander erwiderte seinen Blick, ohne zu blinzeln. Er konnte seinen Mitmenschen scheinbar minutenlang in die Augen schauen, er empfand das nicht als unangenehm, denn er blickte einfach auf deren Nasenwurzel.
»Möchten Sie sagen, ich lüge?«, fragte Pereira und schaute weg.
»Ich habe gar kein Bedürfnis, etwas über Sie zu sagen«, stellte Lost klar, »ich beurteile Ihre Aussage. Es entspricht nicht der Wahrheit, dass Sie uns keine Antwort geben könnten. Sie können. Sie wollen oder Sie dürfen bloß nicht.«
Pereira musterte den relativ blassen, schlaksigen Kerl noch einen Augenblick unschlüssig, bevor er sich an die Inspetora wandte: »Ja, er hat recht. Ich kann, aber ich darf nicht.«
»Es ist wichtig, Senhor. Es geht um eine Überfallserie, in deren Verlauf zwei Menschen ums Leben gekommen sind. Ich muss wissen, was in dem Werttransporter an Sie geliefert wurde.«
Er musterte sie und bemaß wohl die Dringlichkeit der Sache, denn danach nickte er: »Also gut. Ich muss telefonieren. Wie kann ich Sie erreichen?«
»Wir warten.«
Er schenkte ihr ein verzeihendes Lächeln, als sei sie ein Kind, das einem Erwachsenen einen naiven Vorschlag unterbreitet hatte. Dann sagte er: »Das wird nicht ganz unkompliziert, fürchte ich. Die Sache wird ein wenig Zeit in Anspruch nehmen.«
Die Entscheidung, ob sie sich darauf einlassen oder zu einer anderen Maßnahme greifen sollte, wurde Graciana durch einen Anruf aus der PJ abgenommen. Es war Carlos: »In São Brás hat es Explosionen gegeben. Und jemand hat auf ein Lokal geschossen!«
»Alles, was verfügbar ist und ein Blaulicht hat, ist jetzt gerade auf dem Weg nach São Brás de Alportel«, sagte Nuno, der den Polizeifunk abhörte. »Wie es aussieht, brennt irgendein Museum.«
César nickte. Alles lief exakt so, wie Ulisses es vorhergesagt hatte.
Auch hier unten im Parkhaus war jetzt mehr los. Paare und auch Familien kamen und stiegen in ihre Autos, um nach Hause zu fahren. Die meisten telefonierten.
»Dann los«, sagte er und stieg aus.
Nuno und Ricardo Cabral folgten ihm zu der Seitentür, die César mit der gefälschten Plastikkarte öffnete – der Weg für die Angestellten. Sie schlüpften hinein und gingen das Treppenhaus hinunter. Dann durch die erste Brandschutztür und von dort in den Gang, der nach einer weiteren Tür in den Vorraum des Tresors führen würde.
Jetzt war Cabral an der Reihe. Mit einer Akkuflex umging er das Schloss der Sicherung auf brachiale Weise und schnitt sich den Weg frei. Kurz checkte er die Sicherungen, dann deaktivierte er eine davon.
Prompt erlosch das Licht.
Sie setzten sich Nachtsichtgeräte auf und gingen weiter.
Kurz darauf stand das Trio vor der riesigen, massiven Tresortür.
Wie verabredet, war Sol die letzte Schließfachkundin des Tages gewesen. Nicht nur, um die Bewegungsmelder mit dem Spray schachmatt zu setzen, sondern Pontes ganz genau bei der Eingabe des Codes zu beobachten.
Wie Ulisses prognostiziert hatte, drehte der Bankangestellte zwar eifrig an den Rädchen, aber die voreingestellte Nummer blieb letztlich dieselbe. Und das bedeutete: Sie brauchten den Code nicht. Das Personal behielt ihn aus Bequemlichkeit einfach bei.
Was sie benötigten, war der Schlüssel mit dem langen Stiel und dem speziellen Bart, den Sesam-öffne-dich.