Marco
»Wollen Sie schon mal etwas bestellen, solange Sie auf Ihre Begleitung warten?« Die hübsche Kellnerin lächelte mich freundlich an. Ich warf einen kurzen Blick auf mein Handydisplay, das mir anzeigte, dass meine Begleitung
bereits 10 Minuten zu spät war. Langsam zweifelte ich daran, dass er überhaupt noch auftauchen würde. Vielleicht hätte ich mich doch nicht auf ein Blind Date einlassen sollen, das mein Bruder Maxim und dessen Kumpel Mo für mich eingefädelt hatten. Die beiden hatten prinzipiell nur idiotische Ideen.
Ich pflasterte mir ein Lächeln aufs Gesicht und nickte knapp. »Ein Wasser ohne Kohlensäure bitte.«
»Wird erledigt.« Die blonde Frau zwinkerte mir zu und entfernte sich wieder von meinem Tisch. Auf dem Weg zur Bar drehte sie sich noch einmal kurz zu mir um, nur um sofort wieder den Blick abzuwenden, als sie merkte, dass ich ihr gedankenverloren nachsah.
Nach ein paar Minuten brachte sie mir mein Glas Wasser an den Tisch. Mir entging nicht, wie sie kurz zu dem leeren Platz gegenüber von mir schielte, bevor sie an einem anderen Tisch die Bestellung aufnahm.
Ich seufzte. Langsam wurde es mir ziemlich unangenehm, hier wie bestellt und nicht abgeholt herumzusitzen. Aaron hätte mir ja wenigstens mal eine Nachricht schreiben können, dass er sich verspätete.
Kaum dachte ich das, ließ sich auf einmal ein junger Typ in einem weißen kurzärmeligen Stoffhemd vor mir auf die Bank sinken. Er atmete schwer und Schweiß glänzte auf seiner Stirn und an seinem Hals. Die ersten drei Knöpfe seines Hemdes waren geöffnet, wodurch seine Schlüsselbeine und ein Teil seiner Brust entblößt wurde. Oberhalb des linken Brustmuskels konnte man lesen, dass „forever young“ auf seine Haut tätowiert war. Darunter stand ein Datum in römischen Buchstaben, vermutlich sein Geburtsdatum: I.IV.MM. 01.04.2000.
Pseudotiefgründiges Tattoo.
Ich riss meinen Blick von der schwarzen Tinte los und sah nach oben. Aaron war blond, sein Haar kurzgeschnitten, wobei ihm einige etwas längere Fransen frech ins Gesicht hingen. Mit den Fingern strich er sich diese gerade aus der Stirn und machte die Sicht auf seine Augen frei, die mich etwas unwillig anfunkelten. Blau. Ozeanblau.
Ein schwarzes Piercing steckte in seiner rechten Augenbraue, die sich infolge meiner intensiven Musterung nun fast provokant anhob. »Gefällt dir, was du siehst?«
Zuerst fiel mir auf, dass er sich nicht für seine Verspätung entschuldigte. Dann bemerkte ich, dass statt des üblichen flirtenden Tons, in dem diese Frage oft gestellt wurde, seine Stimme fast angriffslustig klang, als er sie aussprach.
Für einen winzigen Augenblick verspürte ich den Drang, unschuldig die Hände zu heben. Stattdessen zuckte ich mit den Schultern und nickte, denn … Ja, mir gefiel tatsächlich, was ich sah. Trotz des Tattoos, das kaum klischeehafter sein konnte, sah er auf eine lässige Art sexy aus. Das Weiß seines Shirts bildete einen spannenden Kontrast zu seiner gebräunten Haut, ebenso wie die schwarzen kreisrunden Stecker in seinen Ohren.
Aaron schnaubte spöttisch. »Du bist also Marco.«
Auch diesmal klang seine Stimme weder flirty noch in irgendeiner Weise interessiert.
Im Gegenteil: Er wirkte gelangweilt
, als könnte er sich sehr viel Spannenderes vorstellen, als mir Gesellschaft zu leisten. Als wäre er zu diesem Treffen gezwungen worden.
War er das vielleicht wirklich?
Ich versuchte, mich von seiner distanzierten Attitüde nicht verunsichern zu lassen, obwohl ich mich selten in Gegenwart einer anderen Person so unwohl gefühlt hatte. Und das wollte etwas heißen, denn ich hatte mich in meinem Leben schon mit vielen unangenehmen Personen unterhalten müssen.
Ich räusperte mich und setzte ein gezwungenes Lächeln auf. »Ja und du bist Aaron. Maxim hat mir schon viel über dich erzählt.«
Das ließ ihn skeptisch eine Augenbraue heben. »Tatsächlich?«
Ich nickte.
Das Gespräch stockte kurz, weil er sich nicht die Mühe machte, weiter nachzuhaken. Noch dazu machte mich sein offen zur Schau gestelltes Desinteresse langsam nervös.
Schon wieder musste ich mich räuspern. »Was -«
»Was machst du beruflich?«, unterbrach mich Aaron plötzlich. Dabei klang er jedoch nicht, als würde er mich durch die Frage näher kennenlernen wollen, sondern mehr, als würde er mich im Rahmen eines Vorstellungsgespräches interviewen. Ohne mich um Erlaubnis zu bitten, griff er nach meinem Wasserglas und nippte daran.
Mir klappte fast die Kinnlade herunter.
Woah, dreist. Was war mit diesem Kerl los?
Wenn er mich gefragt hätte, ob er von meinem Wasser trinken durfte, hätte ich es ihm bereitwillig zugeschoben, aber dass er einfach so frech danach griff …
Ich hob die Augenbrauen an, um ihm zu zeigen, dass ich sein Verhalten mehr als gewöhnungsbedürftig fand, aber Aaron
starrte bloß ungerührt zurück, während er das Glas bis zur Hälfte leerte.
Wow. Einfach nur wow.
»Ich bin Student«, meinte ich langsam, während ich noch zu verarbeiten versuchte, was hier gerade passierte. »Im dritten Semester. Ich studiere …«
»Du studierst?«, unterbrach mich Aaron irritiert. »Mo meinte, du seist Model.«
Am liebsten hätte ich stöhnend den Kopf in den Nacken geworfen. Na, Prima. Das hatte ich eigentlich erstmal noch nicht auf den Tisch bringen wollen. Es war zwar nicht so, dass ich mich dafür schämte, des Geldes wegen hin und wieder zu modeln, aber mir gefiel nicht, wie die meisten Menschen darauf reagierten. Sie stempelten einen sofort ab.
Warum fragte Aaron überhaupt nach, wenn Mo ihn schon längst darüber in Kenntnis gesetzt hatte?
»Hm. Ja. Ich modele nebenbei. Keine große Sache«, murmelte ich und winkte ab, um möglichst schnell das Thema zu wechseln.
Seine Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Grinsen. Es war das erste Mal, dass man überhaupt eine Regung auf seinem Gesicht beobachten konnte. »Ich habe es auch nicht für eine große Sache gehalten, Hübscher
, keine Sorge.«
Das eigentliche Kompliment klang aus seinem Mund wie eine Beleidigung. Seine Überheblichkeit machte mich für ein paar Sekunden sprachlos. So offen hatte mir noch nie jemand gezeigt, dass er keinen Bock auf mich hatte, und ich wusste ehrlich gesagt nicht, womit ich das verdient hatte. War der Typ einfach ein Arsch? Andererseits war er mit Mo befreundet, mit dem ich mich auch gut verstand, und er und mein Bruder hielten uns beide offenbar für kompatibel. Ich glaubte nicht, dass mich Maxim mit einem absoluten Arschloch verkuppeln wollte. Vielleicht hatte er einfach nur einen schlechten Tag.
»Dann ist ja gut«, erwiderte ich mit falschem Lächeln, weil ich dem Ganzen noch eine Chance geben wollte und es mir im Gegensatz zu ihm schwerer fiel, fremde Menschen wie Scheiße zu behandeln. Vielleicht konnte ich seine Laune ja aufbessern, indem ich weiterhin freundlich zu ihm war. »Was machst du denn beruflich?«
Als hätte ich ihn um sehr viel mehr gebeten als nur darum, die Frage zu beantworten, die er mir auch schon gestellt hatte, seufzte er auf. Es gefiel mir nicht, welche Gefühle sein Verhalten in mir hervorrief. Ich fühlte mich unerwünscht. Lästig. Klein. »Ich jobbe in einem Café und einer Bar«, antwortete er nüchtern und blickte mir dabei nicht einmal ins Gesicht. Seine Augen fixierten die Serviette in seinen Händen, die er mehr und mehr zerrupfte. Für einen Moment spielte ich mit dem Gedanken, sie ihm aus der Hand zu reißen.
»Ah, um deine Studiengebühren zu bezahlen?«, mutmaßte ich weiterhin freundlich, da mein Modeljob letztendlich auch nur dieser Tatsache diente.
»Nein. Ich studiere nicht.«
Er führte das nicht weiter aus und ich hatte weder Lust noch die Gelegenheit dazu, ihm weitere Informationen aus der Nase zu ziehen, weil auf einmal die freundliche Kellnerin wieder neben unserem Tisch auftauchte. Gott sei Dank.
»Aaron, hey! In welchem Loch bist du denn versunken? Ich hab’ dich ewig nicht gesehen!«, wurde Aaron erfreut von ihr begrüßt. Er blinzelte irritiert und sah von seiner zerrupften Serviette auf.
Zu meiner großen Überraschung hellten sich seine Züge innerhalb von Sekunden auf und er sprang von seinem Sitz hoch, um das Mädchen in eine vertraut wirkende Umarmung zu ziehen. »Jo!« Er klang nicht minder fröhlich als sie und mir fielen bei dem herzlichen Umgang der beiden fast die Augen aus dem Kopf. »Ich habe ein paar Extraschichten geschoben. Sorry,
dass ich mich so lange nicht gemeldet habe.« Aaron ließ sie los, drückte ihr einen Kuss auf die Wange und schob sich lächelnd wieder auf die Bank mir gegenüber, ohne den Blick auch nur eine Sekunde von ihr abzuwenden.
Okay. Vielleicht hatte sein Arschlochgehabe mir gegenüber doch nicht den Hintergrund, dass er schlechte Laune hatte.
Er hatte anscheinend einfach nur keinen Bock auf mich.
»Schon in Ordnung, Süßer. Wir sollten uns die Tage mal treffen«, meinte sie und fuhr ihm liebevoll mit einer Hand durch seinen blonden Wuschelkopf.
Meine Laune sank weiter in den Keller. Flirteten die beide gerade? Ich hatte mich bei Maxim gar nicht danach erkundigt, ob Aaron wie ich nur auf Männer stand oder …
»Definitiv«, lächelte er sie an.
Für einen Moment konnte ich ihn nur anstarren, weil das Lächeln auf seinen Lippen sein komplettes Gesicht veränderte. Er strahlte richtig und seine blauen Augen funkelten, als würde sich die Sonne in einer Wasseroberfläche spiegeln. Mein Herz schlug gegen meinen Willen ein wenig schneller und ich verfluchte das dämliche Organ dafür, dass es für das dumme Ding offenbar keine Rolle spielte, ob Aaron ein totales Arschloch war oder nicht.
»Und ihr habt hier ein Date, hm?« Jo grinste mich verschmitzt an und sah dann wieder zu Aaron. »Er sieht viel zu gut für dich aus, das weißt du, oder?«, neckte sie ihn.
Aarons Gesicht verfinsterte sich so schnell, dass sein wunderschönes Lächeln nur noch ein fernes Echo war.
Noch deutlicher ging es jetzt wirklich nicht mehr.
Für den Bruchteil einer Sekunde sah Aarons Miene sogar gequält aus. »Ja ja«, meinte er kurz angebunden und griff nach der Speisekarte, die er bis eben nicht eines Blickes gewürdigt hatte, »kannst du mir bitte einen Cheeseburger, Pommes und einen Schokoladen-Milchshake bringen?« Er schlug die
Speisekarte wieder zu und warf mir dann einen ungeduldigen, auffordernden Blick zu, als würde es an mir liegen, dass wir nicht schon längst bestellt hatten. Und immer noch auf diesem grauenhaften Date festsaßen.
Wenn Jo Aarons Verhalten in irgendeiner Weise irritierend fand, dann ließ sie es sich jedenfalls nicht anmerken. Schmunzelnd notierte sie seine Bestellung auf ihrem Block.
Mir war schon längst der Appetit vergangen und am liebsten wäre ich einfach aufgesprungen und hätte ohne einen einzigen Blick zurück den Diner verlassen, aber meine gute Erziehung hinderte mich daran. Dabei wäre das am einfachsten gewesen. Für uns beide. »Für mich einen Bacon Cheeseburger, eine Portion Pommes und -«, mein Blick fiel kurz auf mein halbleeres Wasserglas, das ich im Gegensatz zu Aaron noch nicht angerührt hatte, »nochmal ein Glas Wasser ohne Kohlensäure, bitte.« Während ich Aaron mein Wasserglas zuschob, lächelte ich Jo an.
Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, wie mich Aaron mit einer hochgezogenen Augenbraue bedachte.
Tja, ich konnte auch sassy
.
»Alles klar, ihr beiden, bin gleich wieder da.«
Als Jo uns beide wieder allein ließ, wurde die Stille sofort wieder unangenehm. Ich durchforstete mein Hirn nach einem unverfänglichen Gesprächsthema, das Aaron idealerweise nicht langweilen würde, fand aber nichts, weil ich mir ziemlich sicher war, dass alles, was ich gesagt hätte, bei ihm die gleiche nüchterne Reaktion ausgelöst hätte. Vermutlich hätte ich ihm anvertrauen können, dass ich vergangene Woche einen Mord begangen hatte, und er hätte mir bloß müde entgegengeblinzelt und mich gefragt, ob ich das wirklich für so eine große Sache hielt, weil ich es schließlich gewohnt sein müsste, andere Menschen zu Tode zu langweilen.
Noch nie war ich auf einem solch miserablen Date gewesen. Maxim und Mo konnten sich darauf gefasst machen, dass ich sie zur Rede stellen würde.
Ich blinzelte, als ein Piepsen das unbehagliche Schweigen zwischen uns durchbrach. Aaron holte sein Handy aus seiner Hosentasche und blickte aufs Display. Seine Mundwinkel verzogen sich minimal und nachdem er mir einen kurzen Blick zugeworfen hatte, der fast irgendwie trotzig
wirkte, entsperrte er doch tatsächlich sein Handy und antwortete der Person, die ihm geschrieben hatte.
Wieder ohne eine Entschuldigung. Ohne eine Erklärung.
Es war fast so, als hätte sich Aaron eine Liste mit absoluten No-Gos auf einem ersten Date zusammengestellt, nur um sie dann alle zu brechen und unser Date gehörig in den Sand zu setzen. Fast wollte ich ihm für seine Hartnäckigkeit applaudieren.
»Ein Notfall?«, fragte ich und verbannte den hoffnungsvollen Tonfall aus meiner Stimme. Wenn er jetzt behauptete, dass es einen Notfall in seiner Familie gab, nur um mich dann mit der Rechnung sitzen zu lassen, dann wäre ich zwar sicher für ein paar Sekunden angepisst, aber die Erleichterung würde nichtsdestotrotz deutlich überwiegen.
Leider tat er mir diesen Gefallen nicht.
Er hob irritiert den Kopf, dann schienen meine Worte zu ihm durchzusickern. Ein Grinsen bildete sich auf seinen Lippen, das in meinen Augen aber nicht echt wirkte. »Ah, nein, nur so ein Typ, mit dem ich hin und wieder schreibe«, antwortete er abwinkend.
Wow.
Einfach nur wow.
Normalerweise fiel es mir nicht allzu schwer, mit anderen Menschen Konversation zu betreiben oder auch bei Personen freundlich zu bleiben, die ich nicht ausstehen konnte – dafür
hatten meine Eltern gesorgt, die auf Benefizveranstaltungen regelmäßig mit mir und Maxim die perfekte Familie gespielt hatten. Aber das hier nahm mir sämtlichen Wind aus den Segeln.
Ich war so schockiert – und so ungern ich es zugab, auch etwas verletzt
und gedemütigt
–, dass meine Stimme einfach den Dienst quittierte und ich kein Wort herausgebracht hätte, selbst wenn ich es versucht hätte.
War das … sein Ernst? Konnte man wirklich so ein überheblicher, empathieloser Kotzbrocken sein?
Offenbar konnte man, denn schon kurz nachdem Aaron sein Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch gelegt hatte, um sich wohl doch endlich mal wieder daran zu erinnern, dass er sich gerade auf einem Date mit mir befand, piepte sein Handy erneut. Und Aaron griff breit grinsend danach, ohne mich auch nur einmal anzusehen.
Ich ballte unter dem Tisch die Hände zu Fäusten und musste mich dazu ermahnen, ruhig zu atmen. Als Aaron auch noch lasziv eine Augenbraue hochzog, während sein Blick weiterhin an seinem Handy festklebte, riss bei mir der Geduldsfaden. Glücklicherweise tauchte in diesem Moment Jo mit unseren Getränken auf und ein weiterer Kellner stellte unser Essen vor uns ab.
»Lasst es euch schmecken«, strahlte sie völlig unempfänglich für die merkwürdige Stimmung an unserem Tisch und verschwand wieder.
Im Gegensatz zu mir schien der Cheeseburger für Aaron dann doch genug Ansporn zu sein, sein Handy zur Seite zu legen und sich wieder der Realität zuzuwenden. Ohne mich auch nur in irgendeiner Weise zu beachten, biss er genüsslich in seinen Burger und gab einen zustimmenden Laut von sich, weil er ihm offenbar schmeckte.
Ich hatte echt genug und schüttelte langsam den Kopf. »Maxim und Mo sollten eine Karriere in der Partnervermittlungsbranche in Betracht ziehen«, konnte ich es mir nicht verkneifen zu sagen, als ich mir eine Pommes in den Mund warf. »Ganz offensichtlich sind sie wie geschaffen dafür.«
Für einen Moment blinzelte Aaron, als würde es ihn irritieren, dass ich immer noch hier saß. Kauend hob er eine Augenbraue. »Aha. Ich werde ihnen ausrichten, dass du das denkst.«
»Nicht nötig«, winkte ich ab und traf im selben Moment eine Entscheidung. »Ich werde es ihnen definitiv selbst ausrichten«, lächelte ich ihn süßlich an.
Als ich Jo kurzerhand wieder zu uns winkte, schien es tatsächlich so, als würde sich Aaron etwas versteifen.
Jo kam lächelnd an unseren Tisch. »Braucht ihr noch etwas?«