Aaron
»Eine Box zum Mitnehmen, bitte«, antwortete Marco auf Jos Frage, ob wir noch etwas bräuchten. Als sich seine viel zu perfekten Lippen zu einem Lächeln verzogen, machte mein Herz einen unangebrachten Satz. »Nur für mich.«
Ein Knoten bildete sich in meinem Magen.
Jo sah für einen Moment irritiert, dann geschockt aus und schien große Mühe zu haben, sich wieder zu fangen. Sie warf mir einen fragenden Blick zu, den ich jedoch mit aller Macht ignorierte.
»Natürlich«, meinte sie langsam, dann drehte sie sich abrupt um und hechtete in Richtung Küche, um Marco die gewünschte Box zum Mitnehmen zu bringen.
Unfähig, mich zu bewegen, beobachtete ich, wie meine offensichtlich ziemlich angepisste Begleitung fast schon rekordverdächtig einige Pommes in ihren Mund schaufelte, um vermutlich nicht mit mir reden zu müssen. Vielleicht wäre es lustig gewesen, wenn er selbst dabei nicht so hinreißend ausgesehen hätte.
Der Typ war wunderschön
. Das Wort nutzte ich in Bezug auf Männer eher seltener, aber bei Marco war es mir in den Sinn gekommen, sobald ich ihn das erste Mal von der Tür des Diners aus gesehen hatte: Er hatte braunes, kurzes Haar, das lässig der Erdanziehungskraft trotzte und trotzdem aussah, als hätte er dafür nicht einen Spritzer Haarspray verwendet. Sein Gesicht war scharf geschnitten und sein Körper nicht nur gebräunt, als
wäre er gerade aus einem Karibik-Urlaub gekommen, sondern mit Sicherheit auch sehr gut definiert. Sein dunkelgraues Shirt saß so eng, dass eigentlich keinerlei Zweifel daran bestanden, dass sich darunter ein Six-Pack verbarg.
Ich hatte noch im Türrahmen zu schwitzen begonnen und mehrmals ein- und ausatmen müssen, um das Gefühl, zu wenig
zu sein, zurückzudrängen.
Ich hasste diese Gedanken. Gedanken, die ich vor meinem Exfreund Jonas
nie gehabt hatte.
Fast wäre ich direkt wieder umgedreht und hätte Marco einfach sitzengelassen. Vielleicht wäre das sogar besser gewesen. Stattdessen hatte ich fast eine Viertelstunde gewartet, bis ich mich mit einem völlig verkorksten Plan zu ihm an den Tisch gesetzt hatte.
Ich fühlte mich schon seit einigen Minuten total mies, weil es offensichtlich war, dass sich Marco mehr als unwohl fühlte. Dabei hatte ich ja genau das gewollt, oder?
Als Jo ihm wortlos die Box brachte und sofort wieder von unserem Tisch verschwand, um wahrscheinlich nichts mit unserem Drama zu tun haben zu müssen, schmiss Marco lieblos seinen Burger und seine Pommes hinein. Ich fragte mich, ob er gleich ohne ein Wort hinausstürmen oder ob er mir vorher vielleicht doch noch eine reinhauen würde.
Ich räusperte mich. »Pass auf, Marco …«, setzte ich an und fragte mich, ob ich wirklich dazu fähig wäre, eine Entschuldigung hervorzubringen. Ich hatte mich wie der letzte Arsch verhalten, aber ich war mir trotzdem nicht sicher, ob ich es bereute. Wobei …
Das unangenehme Gefühl in meiner Magengrube sprach eine ziemlich eindeutige Sprache. Aber bevor ich herausfinden konnte, ob ich wirklich die Größe gehabt hätte, mich für mein unmögliches Verhalten zu entschuldigen, fuhr mir Marco harsch über den Mund.
»Nein, du
passt auf. Ich weiß echt nicht, für wen verdammt nochmal du dich hältst und was passiert ist, dass du dich wie das größte Arschloch auf diesem Planeten verhältst, aber ich bin bestimmt kein verdammter Fußabtreter, der hier für weitere 30 beschissene Minuten sitzt, um mit jemandem Zeit zu verbringen, der ganz offensichtlich überhaupt nichts mit mir zu tun haben möchte. Ich würde dich ja fragen, warum du überhaupt eingewilligt hast, dich mit mir zu treffen, aber ehrlich gesagt könnte es mir mittlerweile nicht noch weiter am Arsch vorbeigehen, was du zu irgendeinem
Thema zu sagen hast. Ich bin sicher, sobald ich hier aus der Tür bin, schüttelst du diese belanglose Begegnung zwischen uns ab und schreibst dem Typen zurück, mit dem du anscheinend so unbedingt vögeln willst, also ist das Ganze hier sowieso völlig sinnlos. Ich will nur, dass du weißt, dass das hier die größte Zeitverschwendung überhaupt war und ich ernsthaft wünschte, ich würde jede einzelne Minute zurückkriegen, damit ich mich stattdessen einer Wurzelbehandlung unterziehen könnte – denn die würde weit mehr Spaß machen. Außerdem zahle ich mein Essen ganz bestimmt nicht selbst. Du zahlst und gibst besser gutes Trinkgeld.« Er rutschte von der Bank und griff nach seiner Essensbox. »Hab’ noch ein schönes Leben, du Arschloch.«
Und mit diesen Worten verließ Marco den Diner.
In meinem Nacken spürte ich Jos Blicke. Vielleicht starrte mich nach Marcos dramatischem Abgang sogar der halbe Laden an, aber im Moment konnte es mir nicht gleichgültiger sein.
Blinzelnd griff ich wieder nach meinem Burger und nahm einen Bissen, während der einzige Gedanke, der in meinem Kopf herumspukte, der war, wie verdammt heiß Marcos Abgang gerade gewesen war.
* * *
»Du hast was
getan?«, rief Jo völlig entrüstet. Ich seufzte genervt und presste mir Daumen und Zeigefinger auf den Nasenrücken.
»Du hast selbst gesagt, dass er viel zu hübsch für mich ist«, hielt ich schwach dagegen und hörte Jo wenig damenhaft schnauben.
»Das war ein Scherz
! Ich hab’ damit nicht gemeint, dass du keine Chance bei ihm hast. Wenn das der Fall gewesen wäre, dann hätte er sich bestimmt nicht so lange von dir so scheiße behandeln lassen«, brauste sie auf.
Bei diesen Worten warf ich ihr nun doch einen ungläubigen Blick zu. »Ach, bitte. Er war einfach bloß höflich. Ich hab’ uns beiden ein sehr unangenehmes Gespräch erspart.«
Jo funkelte mich einen Moment an, dann runzelte sie langsam die Stirn und musterte mich abschätzend. Als eine Erkenntnis in ihren Augen aufblitzte, wurde mir unbehaglich zumute. »Du hattest einfach nur Angst«, stellte sie fast staunend fest, als könnte sie es nicht ganz glauben. »Angst, dass er dich zurückweisen könnte.«
Ich lachte, als wäre der Gedanke lächerlich, aber es klang eher frustriert als spöttisch. »Ich hatte keine Angst
.«
»Na klar hattest du das!« Sie schüttelte den Kopf. »Oh man, da quälst du den armen Kerl eine halbe Stunde lang, nur weil du so unsicher bist, dass du es nicht mal eine Sekunde für möglich hältst, dass er an dir interessiert sein könnte.«
Wenn sie es so ausdrückte, klang es ganz schön erbärmlich. »Er wäre im Leben nicht ernsthaft an mir interessiert gewesen«, murmelte ich, auch wenn ich damit indirekt zugab, dass sie mit allem, was sie sagte, Recht hatte. »Und selbst wenn: Der Typ ist so unfassbar schön, dass in seinem Leben sowieso niemals genug Platz für mich gewesen wäre, weil sein Ego wahrscheinlich alles für sich beansprucht.«
»Du bist so ein Arschloch, Aaron.«
»Der Typ ist Model
, Jo, Model
«, meinte ich bitter.
»Na und?«, fragte sie und wurde wieder laut. Das Pärchen, das an dem Tisch hinter ihr sitzte, warf uns schräge Blicke zu. »Was hast du bitte für Vorurteile? Denkst du ernsthaft, jeder schöne Mensch ist ein eingebildetes Arschloch mit einem Riesenego?«
Ich verzog missmutig die Lippen. Nein. Eigentlich dachte ich das nicht, aber seit Jonas war ich Schönlingen gegenüber grundsätzlich misstrauisch. Aber wenn ich das laut aussprach, würde ich mir nur anhören dürfen, dass ich mein unmögliches Verhalten nicht meinem Exfreund anlasten durfte, weil ich selbst dafür verantwortlich war.
»Geht es hier etwa um Jonas?«
Ich zog schockiert die Augenbrauen in die Höhe, weil ich für einen Moment dachte, dass sich mein Mund doch irgendwie selbstständig gemacht hatte. Manchmal war die Intuition meiner ältesten Freundin fast schon gruselig. »Nein«, knirschte ich durch zusammengebissene Zähne, weil ich mich jetzt ganz bestimmt nicht über Jonas unterhalten wollte.
»Marco ist nicht Jonas«, beharrte Jo gnadenlos auf dem Thema.
So ungern ich mich auch darauf einlassen wollte, den Kommentar konnte ich einfach nicht so stehen lassen. »Das kannst du gar nicht wissen, du hast vielleicht zwei Sekunden mit ihm geredet.«
Das nahm Jo immerhin kurz den Wind aus den Segeln. Sie verzog unzufrieden die Lippen. »Schön, mag sein, dass er wie Jonas sein könnte. Fakt ist aber, dass er ein anderer Mensch ist und eine Chance verdient gehabt hätte, dich vom Gegenteil zu überzeugen.«
Stöhnend vergrub ich mein Gesicht in den Händen. »Mein Gott, wieso diskutieren wir überhaupt darüber? Der Typ hätte eh kein Interesse an mir gehabt und selbst wenn, dann hat
er spätestens jetzt jegliches Interesse verloren, dafür habe ich schon gesorgt.«
»Du könntest dich bei ihm entschuldigen. Das hat er jedenfalls verdient.«
Bei dem Gedanken verkrampfte ich mich. Mir fiel es sowieso schon unheimlich schwer, mir Fehler einzugestehen und mich bei anderen zu entschuldigen, aber nach Marcos Ansage würde ich ihm nie wieder
unter die Augen treten können. So sexy er in dem Moment auch gewirkt hatte, ich schämte mich in Grund und Boden für die Aktion. Mir war es tausendmal lieber, dass er mich einfach für ein unsensibles, eingebildetes Arschloch hielt als für einen Feigling, der sich bloß vor einer Enttäuschung geschützt hatte.
Zeugte schließlich nicht gerade von Charakterstärke, wenn man jemand anderen vor einen fahrenden Zug schubste, nur um die eigenen Gefühle zu schützen. Ich hatte ihn durch meine demonstrative Gleichgültigkeit wahrscheinlich ziemlich gedemütigt. Dabei war es eigentlich Jonas gewesen, den ich mit diesem Verhalten hatte treffen wollen.
Ich weiß, das ergibt überhaupt keinen Sinn.
»Weißt du, was? Du solltest dich so oder so bei ihm entschuldigen, das war einfach nicht okay, was du da abgezogen hast.« Als ich nicht reagierte, trat sie mir gegen das Schienbein. Ich funkelte sie an. »Tut er dir nicht leid?«
»Ich glaube nicht, dass er mir leidtun
muss. Er hat mir mehr als eindrucksvoll seine Meinung gegeigt.« Bei dem Gedanken daran wurde mir immer noch heiß. Der Typ war sowieso ein lebender feuchter Traum, aber die Erkenntnis, dass ganz schön viel Feuer und eine gehörige Portion Intelligenz hinter seinem hübschen Gesicht schlummerten, machte ihn noch um einiges attraktiver.
»Gut, falsch ausgedrückt. Tut es
dir nicht leid?«, verbesserte Jo sich und taxierte dabei aufmerksam mein Gesicht, als würde sie mich der Lüge überführen wollen.
Ich fühlte mich tatsächlich extrem schuldig und hatte mich auch schon mies gefühlt, als ich so dreist behauptet hatte, ich würde mit irgendeinem Kerl schreiben – dabei war es nur mein bester Freund Mo gewesen, der mich gefragt hatte, wie mein Date mit Marco lief.
Mo (18:43): Und? Wie läuft’s? 😙
Aaron (18:43): Erwartest du echt, dass ich mittendrin mein Handy raushole und dir darauf antworte?
Mo (18:44): Eigentlich nicht, aber anscheinend hast du echt keine Ahnung, wie man sich bei einem Date verhält. 🙄 Leg gefälligst dein Handy weg. 😡
Aaron (18:44): Er ist gerade auf der Toilette.
Mo (18:44): Braucht er schon eine Auszeit von dir? 🤣
Aaron (18:44): Vermutlich.
Mo (18:45): Autsch. Läuft es echt so schlecht? 😕
Aaron (18:45): Schlechter.
Mo (18:45): Woran liegt’s? 😅
Aaron (18:45): Unter anderem daran, dass ich an meinem Handy bin, anstatt mit ihm eine Unterhaltung zu führen.
Mo (18:45): Ohje. Findet ihr keine Gesprächsthemen? 😅
Darauf hatte ich ihm nicht mehr geantwortet, obwohl mein Handy sogar noch mehrmals gepiepst hatte.
Mit Sicherheit hätten wir ein paar Gesprächsthemen gefunden, wenn ich die Kunst der Selbstsabotage nicht perfektioniert hätte.
»Du hast doch seine Telefonnummer. Ruf ihn an und entschuldige dich.«
Ungläubig starrte ich Jo an. »Ich habe vor seinen Augen angeblich mit einem Kerl über WhatsApp geflirtet und du willst, dass ich mich übers Telefon
bei ihm entschuldige?«
»Du siehst also ein, dass du richtig Mist gebaut hast.«
»Das habe ich nie in Frage gestellt.«
»Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung«, meinte sie und zog ihr Handy heraus, um darauf herumzutippen. Ich beobachtete sie einige Sekunden mit hochgezogenen Augenbrauen, dann wurde ich misstrauisch: »Was machst du da?«
»Ich frage Mo, ob er Marco heute auch zu sich einladen kann«, sagte sie leichthin. »Und du solltest dann natürlich auch kommen. Oder musst du heute arbeiten?«
Unruhe breitete sich in mir aus. Für einen Moment spielte ich mit dem Gedanken, die Frage zu bejahen, damit ich Marco nicht unter die Augen treten musste. Ich fühlte mich nicht bereit dazu. Am liebsten wäre es mir gewesen, die Sache einfach unter den Tisch zu kehren und Marco in Ruhe zu lassen. Ich war mir sicher, dass er nicht verzweifelt darauf wartete, dass ich bei ihm angekrochen kam und um Entschuldigung bat. Vermutlich hatte er mich in seinem Kopf schon längst unter „Ist meine Zeit nicht wert“ verbucht und er würde mich bald vergessen haben, wenn ich ihn nicht durch eine sicher unerwünschte Entschuldigung an meine Existenz erinnerte.
Feigling. Du bist so ein Feigling, Aaron.
»Nein«, antwortete ich ergeben.
»Schön«, flötete Jo und strahlte mich zufrieden an. »Marco hat Mo bereits zugesagt.«
Überrascht runzelte ich die Stirn. War ich zwischenzeitlich kurz weggedriftet? »Was? Einfach so?«
Müsste er nicht auch auf Mo stinksauer sein? Immerhin hatten der und sein Kumpel Maxim das Ganze überhaupt erst in Gang gebracht.
»Ich glaube nicht, dass er weiß, dass du auch kommst. Mo weiß es ja auch nicht.« Sie zwinkerte mir zu.
Na klasse. Ich durfte den armen Kerl also ein weiteres Mal in eine sehr unangenehme Situation bringen. Wenn das nicht eine meiner leichtesten Übungen war.