Marco
Mo (19:22): Hey, hab’s schon gehört. Tut mir leid für den Flop, wir dachten echt, ihr könntet euch gut verstehen. 😞
Mo (19:53): Friedensangebot 🙃: Willst du heute so gegen 21 Uhr bei mir vorbeikommen? Pizza und Bier gehen auf mich. ☺️ Dein Bruder und ein paar andere Leute kommen auch. 😙
Marco (20:03): Kommt Aaron?
Mo (20:06): Nein, er muss arbeiten, glaube ich. 😉
Marco (20:07): Ok.
Mo (20:07): Super, bis gleich. 🥰
Mo und seine Smileys.
Ich starrte die Worte auf meinem Display an und seufzte. In erster Linie hatte ich der Einladung nur zugesagt, um meinen Bruder und Mo ordentlich zusammenzustauchen, aber mittlerweile war die meiste Wut bereits verraucht. Aaron machte sich offenbar einen Spaß daraus, sich in dem Unbehagen anderer Menschen zu suhlen, weshalb ich beschlossen hatte, dass er meine Zeit nicht wert war. Er verdiente es auch nicht,
dass ich mir den Kopf darüber zerbrach, was da vorhin passiert war und womit ich eine solche Behandlung verdient hatte. Ich wollte das nur aus meinen Gedanken verbannen und vergessen, dass ich Aaron überhaupt je begegnet war.
Also steckte ich mein Handy zurück in meine Hosentasche und klingelte bei „Watts & Fields“, um kurz darauf die Tür aufzudrücken und die Treppen nach oben in den zweiten Stock zu hechten. Schon im Türrahmen fiel mir jemand mit einem lila gefärbten Haarschopf um den Hals.
»Du bist hieeer!«, rief mir Mo überschwänglich ins Ohr, weshalb ich mich kurz fragte, ob er sich eventuell schon einen leichten Schwips angetrunken hatte.
»Jep, bin ich«, murmelte ich und klopfte Mo etwas verhalten auf den Rücken. Über seine Schulter hinweg nickte ich seinem Mitbewohner Trey zu, der unsere Begrüßung mit einem Hauch von Spott beobachtete.
»Es tut mir echt so leid, dass du dich mit Aaron nicht verstanden hast. Ich hätte darauf wetten können, dass es zwischen euch beiden funkt.« Mo starrte mir aus wenigen Zentimetern Entfernung bedauernd ins Gesicht, weil er noch immer keine Anstalten machte, mich loszulassen.
Das war … eine merkwürdige Umschreibung dafür, warum unser Date ein totaler Flop gewesen war, aber ich wunderte mich nicht wirklich darüber. Vermutlich hatte Aaron Mo nicht die Wahrheit erzählt, warum es zwischen uns nicht gefunkt
hatte. Oder vielleicht sah Aaron gar nicht ein, dass er sich falsch verhalten hatte.
Auch wenn mein kleiner Ausbruch da wenig Raum zur Interpretation gelassen haben sollte.
»Vielleicht hätte es zwischen uns funken können, wenn er sich mal für ein paar Minuten von seinem Handy losgerissen hätte. Er fand anscheinend irgendeinen anderen Kerl spannender als mich«, sagte ich, bemühte mich um einen
leichten Tonfall, ein Grinsen und ein Schulterzucken, um meine Worte abzuschwächen und vorzutäuschen, dass ich mir nichts daraus machte. Dabei nagte es nach wie vor an mir, dass Aaron anscheinend schon nach einem einzigen Blick auf mich beschlossen hatte, dass ich seiner Aufmerksamkeit nicht wert war. Nicht mal aus Höflichkeit hatte er sich zusammengerissen.
Mo blickte mich verdutzt an. »Oh wow, ich dachte, er hätte Spaß gemacht, als er sagte, dass keine Unterhaltung in Gang komme, weil er am Handy sei.«
»Was?«, fragte ich perplex. »Wann hat er das gesagt?« Das klang fast so, als hätte er das Mo nicht im Nachhinein, sondern mitten in der betreffenden Situation mitgeteilt.
»Na, das hat er mir geschrieben, als ihr beide auf dem Date wart. Erst meinte er, du seist gerade auf dem Klo, und dann meinte er doch plötzlich, dass es so schlecht laufen würde, weil er die ganze Zeit am Handy sei.«
Also hatte er anscheinend nicht die ganze Zeit mit diesem Kerl geschrieben, sondern auch mit Mo, um sich darüber auszulassen, wie beschissen unser Date war.
Ganz toll.
Noch besser war aber, dass er sich anscheinend bewusst gewesen war, wie unmöglich er sich verhielt. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte.
War er dadurch nicht noch … bösartiger? Offenbar hatte er sich mit Absicht so verhalten.
»Wenigstens stimmt seine Selbstwahrnehmung.«
Mo hob eine Augenbraue, ließ meine Aussage aber unkommentiert und lotste mich zu den anderen ins Wohnzimmer. Sie hatten bereits zwei Familienpizzen bestellt und waren dabei, mehrere Sixpacks Bier zu vernichten. Mein Bruder Maxim saß neben seiner Freundin Micah auf der Couch, wobei sie die Beine auf seinem Schoß abgelegt hatte. Als ich den Raum betrat, hob er träge grinsend eine Hand, nur um
kurz darauf wieder das Fußgelenk seiner Freundin zu streicheln. Micah nickte mir lächelnd zu. »Komm her, Brüderchen, und erzähl uns von dem Debakel!«, forderte mich Maxim sensationslüstern auf und ich verdrehte genervt die Augen. Anscheinend wusste bereits jeder, dass Aarons und mein Date katastrophal verlaufen war.
»Da gibt es nichts zu erzählen«, brummte ich, als ich mich in den Sessel neben der Couch fallen ließ.
»Du kannst gerne über Aaron lästern«, bot mir Trey großzügig an, »daran stört sich hier niemand.«
Mo plusterte die Wangen auf, musste bei Treys stoischem Blick aber lachen. Bevor er etwas dazu sagen konnte, klingelte es schon wieder an der Tür. Ein Ausdruck der Verwirrung huschte über Mos Gesichtszüge. »Hä?« Sein Blick wanderte stirnrunzelnd über seine bereits anwesenden Gäste, dann begab er sich irritiert in den Flur, um der klingelnden Person zu öffnen.
Maxim stieß mir mit dem Zeigefinger gegen den Arm, damit ich meine Aufmerksamkeit wieder auf ihn richtete. »Was war denn das Problem? Hat es einfach nicht gefunkt oder …«
»Aaron«, meinte ich, »Aaron war das Problem.«
Maxims fein geschwungene Augenbrauen verschwanden fast in seinem dunkelbraunen Haaransatz. »Echt?«, fragte er ungläubig, als hielte er das für undenkbar. »Was -«
Er kam nicht dazu, seine Frage zu beenden, denn auf einmal befand sich besagtes Problem im Raum. Und das Problem hatte Jo im Schlepptau. »Hey, Leute!«, lächelte Letztere fröhlich in die Runde, während Aaron wenigstens den Anstand hatte, etwas unbehaglich auszusehen.
Hatte Mo nicht gesagt, dass Aaron nicht kommen würde? Ich warf ihm einen halb fragenden, halb wütenden Blick zu, als er hinter den beiden wieder im Raum erschien. Er hob unschuldig die Hände, als hätte er nichts damit zu tun.
»Joey!« Micah sprang auf und zog ihre Freundin in eine herzliche Umarmung. Dann kam Aaron an die Reihe, dem sie doch tatsächlich so schwungvoll in die Arme sprang, dass er leicht zurücktaumelte, um das Gleichgewicht zu halten. »Wow, was für eine Begrüßung, Mici«, lachte er und bei dem Klang zog sich mein Magen zusammen. »Pass auf, dein Freund sitzt da drüben. Er soll nicht eifersüchtig werden, dass ich dich lieber mag als ihn«, sagte er in gespieltem Flüsterton zu ihr, sodass mein Bruder es auch hören konnte. Maxim streckte ihm grinsend den Mittelfinger entgegen, woraufhin Aaron ihm einen Luftkuss zuwarf.
Das war das erste Mal, dass ich der Gruppen in dieser Konstellation beiwohnte. Bisher war ich ein paar Mal mit meinem Bruder, Micah, Mo und Trey feiern gewesen, aber weder Jo noch Aaron waren je dazugestoßen, obwohl ich wusste, dass Aaron sich mit den Vieren deutlich öfter traf als ich. Eigentlich glich es einem Wunder, dass wir uns bisher so erfolgreich aus dem Weg gegangen waren.
Schicksal vielleicht? Offenbar sollte es einfach nicht sein, dass wir beide uns verstanden. Sei es freundschaftlich oder … romantisch.
Gerade, als ich dieses Wort dachte, begegnete ich Aarons Blick, der mich nahezu zu durchbohren schien. Er setzte Micah ab, ohne den Blickkontakt zwischen uns zu unterbrechen. Also sah ich
weg.
»Wusstest du, dass er kommen würde?«, flüsterte mir Maxim leise zu und beugte sich etwas näher zu mir.
»Sicher nicht.« Ich angelte mir ein Bier aus dem Six-Pack, öffnete die Flasche mit dem Öffner, den mir Maxim zuvorkommend entgegenhielt, und trank einen großen Schluck, mit dem festen Vorhaben, mich mit ein paar Flaschen Bier abzuschießen. Das würde eine Weile dauern, aber ich war mir sicher, dass es die Mühe wert war.
Aus dem Augenwinkel sah ich, dass sich Micah diesmal auf Maxims Schoß warf, damit sich Aaron neben ihn auf die Couch und Jo auf Aaron setzen konnte.
Mo stand etwas ratlos mitten im Raum herum und blickte zwischen Aaron und mir hin und her, als befürchtete, dass gleich die Hölle losbrechen könnte.
Da musste er sich keine Sorgen machen. Ich würde mit dem Idioten kein Wort wechseln, wenn es sich vermeiden ließ. Glücklicherweise schien er das ähnlich zu sehen, denn seine Aufmerksamkeit war nun wieder voll und ganz auf Jo gerichtet, die sich enger an ihn schmiegte und ihm etwas ins Ohr flüsterte, das ihn den Kopf schütteln ließ. Offenbar war das nicht das, was sie hören wollte, denn sie blickte finster drein.
»Wollen wir ganz offen über den Elefanten im Raum sprechen oder …«, setzte Trey in seiner typischen Trampeltiermanier an, wurde aber von Aaron sofort unterbrochen.
»Oder wir spielen ein Trinkspiel«, schlug er stattdessen vor. »Mo, hast du nicht dieses ‚Wer im Raum?‘-Spiel neu gekauft?«
Mos Augen begannen zu leuchten und er verschwand kurz im Flur, um mit besagter Spielebox zurückzukommen.
»Das wird lustig«, meinte er und packte enthusiastisch die Karten mit den verschiedenen Fragen aus.
»Und wie genau funktioniert das?«, fragte Micah.
»Einer von uns zieht immer wieder eine Karte, auf der irgendeine Frage wie „Wer im Raum hat schon mal einen Popel gegessen?“ steht, und wir müssen alle darüber nachdenken, auf wen von uns das am ehesten zutrifft. Dann zeigen wir auf die jeweilige Person. Die Person, auf die am meisten Leute zeigen, muss trinken.«
»Dann brauchen wir aber etwas Stärkeres«, verkündete Trey und machte sich bereits daran, den „guten Stoff“ aus einem Schrank zu holen. Jo half, die verschiedenen gefüllten
Shotgläser zu verteilen. Als sie mir meines in die Hand drückte, zwinkerte sie mir kurz zu, um sich dann wieder auf Aarons Schoß zu setzen.
»Gut. Bereit?«, fragte Mo grinsend in die Runde. Er hatte es sich neben Trey auf dem Boden bequem gemacht. Allgemeines Nicken. »Dann lese ich einfach mal vor: Wer im Raum würde einen Porno drehen?«
Wir dachten kurz darüber nach, dann zeigten wir alle auf Mo. Nur der zeigte auf Trey. Empört plusterte er die Wangen auf: »Was? Wieso glaubt ihr alle, dass ich einen Porno drehen würde?«
Trey drückte schmunzelnd Mos Zeigefinger weg, der immer noch auf ihn zeigte. »Weil du der Versaute von uns bist. Und jetzt trink.«
Ergeben exte Mo seinen Shot, nur um sich dann schüttelnd die nächste Karte zu greifen. »Wie schön, dass das die Version ab 18 ist. Dann können wir ja davon ausgehen, dass ich gleich besoffen unter dem Tisch liegen werde, während ihr alle stocknüchtern bleibt.«
»Du wolltest das Spiel so unbedingt spielen«, grinste Trey.
Mo verdrehte die Augen und las vor: »Wer im Raum würde am ehesten als Sexsklave dienen?«
Wieder zeigten alle auf Mo, nur der zeigte diesmal auf Maxim. »Du zeigst doch nur auf mich, weil du es nicht über dich bringst, auf dich selbst zu zeigen«, lachte mein Bruder. Mo streckte ihm die Zunge raus und exte den zweiten Shot.
»Ihr seid alle scheiße.« Er las im Stillen die nächste Karte. »Ha! Das ist gut: Wer im Raum würde am ehesten jemanden vom gleichen Geschlecht küssen?« Triumphierend blickte er in die Runde.
Zu Recht, weil diesmal immerhin nur Aaron und Trey auf ihn zeigten. Jo zeigte auf Aaron; Micah, Mo und Maxim dagegen auf mich. Diesmal musste ich also trinken. Das Zeug brannte kurz
in meinem Hals, aber schon nach kurzer Zeit breitete sich ein warmes Gefühl in meinem Bauch aus. In dem Tempo würde es dennoch ewig dauern, bis ich mir meinen Verstand durch den Alkohol vernebeln konnte.
»Wer im Raum würde am ehesten eine Weltreise mit nur einem einzigen Rucksack antreten?«, las Mo vor.
Jo prustete. »Hast du dir das gerade ausgedacht, damit du nicht mehr drankommst?«
»Nein«, grinste Mo nicht besonders überzeugend und zeigte, wie alle außer mir (ich zeigte auf Maxim), auf Aaron. Sogar Aaron selbst zeigte auf sich und exte gleichzeitig seinen Shot.
Mir brannte es auf der Zunge, zu fragen, ob er das vielleicht schon mal gemacht (eher unwahrscheinlich) oder zumindest in naher oder ferner Zukunft geplant hatte, aber ich hielt mich zurück. Mich hatte nicht zu interessieren, was Aaron zu tun oder lassen gedachte.
»Wer im Raum würde sich am ehesten ein Tattoo ohne wirkliche Bedeutung stechen lassen?«
Noch während Mo die Frage vorlas, zeigte ich auf Aaron, obwohl mir mein Gehirn sicher noch gesagt hätte, dass das eine doofe Idee war, wenn ich auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht hätte. Aber jetzt war es zu spät, weil mich Aaron bereits überrascht und mit hochgezogenen Augenbrauen ansah. »Woher willst du das denn wissen?«, fragte er. Entgegen meiner Erwartung (und bisherigen Erfahrung) klang seine Frage nicht aufmüpfig, sondern belustigt. Freundlich-belustigt. Das war neu.
Ich tippte nur wortlos auf meinen linken Brustmuskel. Seine Augen wanderten von meinem Gesicht zu meiner Hand und für einen kurzen Augenblick meinte ich, einen Schatten über sein Gesicht huschen zu sehen. Fast schützend legte sich seine eigene Hand über sein Tattoo.
War ich da vielleicht doch zu voreilig gewesen?
Jo räusperte sich, um die plötzliche Stille zu unterbrechen, die sich durch meine und Aarons teilweise stumme Unterhaltung über uns gesenkt hatte. Micah musste trinken, weil sie sich mit 16 einen Schmetterling auf die Hüfte hatte stechen lassen. Niemand sonst zeigte auf Aaron.
»Wer im Raum würde am ehesten einen Dreier mit einer Frau und einem Mann haben?«
Huch. Das war schon schwieriger. Da ich keine Ahnung hatte, wie Jo und Aaron sexuell gepolt waren, blieben mir nur meine Freunde, die entweder hetero- oder homosexuell waren. Ich entschied mich kurzerhand für Micah, während alle anderen auf Aaron zeigten.
Micah blinzelte mich belustigt an. Ich zuckte grinsend mit den Schultern. »Hey, mir blieb die Wahl zwischen Mo – der so schwul ist, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass er sich die Aufmerksamkeit im Bett mit einer Frau teilen würde«, Mo nickte mir mit erhobenem Daumen bestätigend zu, »meinem Bruder und Trey, die beide durch und durch hetero sind, und dir«, verteidigte ich mich weiter. »Bei den beiden«, ich wedelte in die Richtung von Aaron und Jo, »habe ich keine Ahnung, welches Geschlecht sie im Bett bevorzugen.«
Jo grinste verschmitzt. »Frauen«, sie zeigte auf sich selbst, »alles«, sie zeigte auf Aaron, der gerade seinen zweiten Shot exte und mir dann doch tatsächlich zuzwinkerte, als hätte er sich vorhin nicht wie der letzte Arsch benommen. Ich ignorierte es und verarbeitete stattdessen die neue Information.
‚Alles‘ bedeutete wahrscheinlich, dass er pansexuell war. Jedenfalls, wenn ich Jo wirklich wortwörtlich nehmen durfte.
Das Spiel schritt einige Runden voran, in denen wieder hauptsächlich Mo trinken musste.
»Wer im Raum würde am ehesten als Stripper arbeiten können?« Während Mo die Karte vorlas, zeigte er bereits auf mich – und mit ihm alle anderen inklusive Aaron.
»Na, ob das ein Kompliment ist«, nuschelte ich in meinen Shot und stürzte ihn hinunter.
»Ist es«, zwinkerte mir Jo zu.
»Okay, okay«, lallte Mo auf einmal. »Wir ändern jetzt mal ein bisschen die Regeln: Hier sind ein paar Fragen mit Dingen, die man auch jetzt gleich als Pflicht ausführen könnte – im Sinne von „Wahrheit oder Pflicht“. Die Person, auf den die meisten Leute zeigen, muss die jeweilige Sache ausführen.« Diebisch grinste er in die Runde und erntete synchrones Aufstöhnen.
»Ich glaube, du hast jetzt schon genug getrunken, mein Lieber. Wir unterbrechen das Ganze hier und du isst mal ein bisschen Pizza, bevor du uns gleich wirklich besoffen unter dem Tisch liegst«, meinte Trey, nahm Mo die Karten ab, um sie wieder in der Schachtel zu verstauen und diese anschließend außer Mos Reichweite zu bringen. Mo ließ sich von ihm schmollend etwas Pizza in den Mund schieben.
Schmunzelnd erhob ich mich, um mal kurz im Bad auf die Toilette zu verschwinden. Als ich mir nach Nutzung der Toilette die Hände wusch, fiel mir im Spiegel auf, dass meine Wangen leicht gerötet waren. Ich spritzte mir gerade etwas kaltes Wasser darauf, als es an der Tür klopfte.
»Hm?«, machte ich in der Erwartung, dass Mo die Pizza, die er gerade erst gegessen hatte, wieder hervorwürgen wollte.
Stattdessen betrat Aaron das Bad und schloss die Tür hinter sich.
»Was –«
»Können wir kurz reden?« So, wie Aaron an dem schwarzen Armband an seinem linken Handgelenk herumfummelte, wirkte er fast nervös.
Meine geplante Standhaftigkeit geriet ins Wanken. »Ich glaube nicht, dass das nötig ist.«
»Ich glaube schon«, hielt er sofort dagegen und fuhr sich mit der Hand kurz durch die Haare, die ihm schon
wieder in die Stirn hingen. Er wich meinem Blick aus, als er weitersprach. »Ich hab’ mich vorhin wie ein riesengroßes Arschloch verhalten«, gab er zu. Sein Blick flackerte kurz in meine Richtung, aber noch immer konnte er mich dabei nicht ansehen. »Es tut mir leid.« Bei den Worten war seine Stimme fast unhörbar leise.
»Hat Jo dir gesagt, du sollst dich bei mir entschuldigen? Du kannst mir dabei ja nicht mal in die Augen sehen«, schnaubte ich und verschränkte unbeeindruckt die Arme vor der Brust. Als Aaron zusammenzuckte, meldete sich ganz kurz mein schlechtes Gewissen. Es schien ihn Überwindung gekostet haben, sich bei mir zu entschuldigen. Trotzdem wirkte es auf mich nicht aufrichtig, es schien nicht von ihm selbst zu kommen. Dadurch hatte es keine Bedeutung für mich.
Ich wollte mich an ihm vorbei aus dem Badezimmer drängen, aber Aaron drückte mir die flache Hand auf die Brust, um mich am Gehen zu hindern. Seine Faust schloss sich um den Stoff meines T-Shirts und knüllte ihn an meiner Brust zusammen. Für einen Moment dachte ich, er wollte mir seine andere Faust ins Gesicht schlagen. Ich sah sie aus dem Augenwinkel zittern.
»Es tut mir leid, okay?«, herrschte er mich nun deutlich lauter an und sah mir dabei demonstrativ in die Augen. Seine Miene wirkte gequält. »Ich bin nicht gut in sowas. Aber ich weiß, dass ich mich dir gegenüber wirklich unmöglich benommen habe, und es tut mir ehrlich leid. Du hattest es nicht verdient, dass ich dich so behandelt habe.« Sein Atem ging hektischer und traf mich im Gesicht, wodurch mir auffiel, dass uns auf einmal nur noch wenige Zentimeter trennten. Offenbar hatte Aaron mich in seinem Überschwang immer näher an sich herangezogen. Aus der Nähe konnte ich sehen, dass sich ein paar helle Sommersprossen über seine Wangen und seine Nase zogen und sich in seinen Augen ein fast sternförmiges Muster
abzeichnete, das sie noch eindrucksvoller wirken ließ. Als hätte ich noch irgendeinen Grund gebraucht, ihn anziehend zu finden.
Ich schluckte. »Warum hast du es dann getan?«, flüsterte ich, weil ich nicht wollte, dass er unsere plötzliche Nähe durchbrach, wenn ich lauter sprach.
Wieder huschte ein Schatten über sein Gesicht. Innerhalb von Sekunden baute er eine Schutzmauer auf, die alle Emotionen wegsperrte und nichts mehr über sein Gesicht nach draußen drängen ließ. »Ist das wichtig?«, fragte er mit rauer Stimme und machte zu meinem großen Missfallen einen Schritt zurück. Als fiele ihm erst jetzt auf, dass er immer noch mein Shirt fest im Griff hielt, öffnete er abrupt die Faust und ließ sie sinken.
»Finde ich schon.« Ich wäre gerne wütend geworden, weil er mich anscheinend mit einer bloßen Entschuldigung ohne genauere Erklärung abspeisen wollte, aber sein verschlossener Gesichtsausdruck deutete darauf hin, dass ich mit Wut hier nicht weiterkommen würde. »Ich würde es gerne verstehen.«
»Ich habe nur mit Mo geschrieben«, sagte er plötzlich statt einer Erklärung, »nicht mit irgendeinem Typen, den ich unbedingt ‚vögeln‘ will.« Er malte Gänsefüßchen in die Luft und spielte damit wohl auf die Worte an, die ich ihm vor meinem Abgang an den Kopf geknallt hatte.
Ich runzelte die Stirn. »Was?«
»Ich habe gelogen«, gab er zu und fuhr sich mit dem Knöchel seines Zeigefingers über die Stirn. »Ich habe nur mit Mo geschrieben. Du kannst ihn fragen.«
Das musste ich nicht, denn das hatte dieser mir schließlich schon erzählt. Nur dass die Information neu war, dass Mo der einzige war, mit dem er vorhin geschrieben hatte.
Nichtsdestotrotz änderte es nichts an der Tatsache, dass er überhaupt Nachrichten geschrieben hatte, während er sich eigentlich mit mir auf einem Date befunden hatte. Das machte
man einfach nicht, eigentlich selbst dann nicht, wenn es sich nicht mal um ein Date, sondern um ein Treffen mit Freunden handelte. Es war immer unhöflich.
»Und warum behauptest du dann, dass du mit irgendeinem Kerl schreiben würdest?«
Aaron verzog die Lippen und wandte den Blick zur Seite.
Als ich zwei Schritte nach vorne machte, meine Hand gegen seine Brust drückte und mit ihm gemeinsam gegen die Badezimmertür stieß, zog er überrascht die Luft ein. Aber er machte keine Anstalten, sich meinem Griff zu entwinden. Seine blauen Augen weiteten sich bloß und suchten mein Gesicht ab. »Was tust du?«, fragte er heiser.
Der raue Ton seiner Stimme jagte mir eine Gänsehaut über den Körper und, selbst wenn ich gewollt hätte, ich hätte mich nicht davon abhalten können, meinen Zeigefinger an sein Kinn zu legen, sein Gesicht hochzudrücken und meine Lippen auf seine zu pressen.