Aaron
Marco küsste mich. Nachdem ich ihn wie Dreck behandelt hatte. Nachdem ich ihn gedemütigt hatte.
Obwohl ich es nicht verdiente, küsste mich Marco. Sanft. So sanft.
Ich spürte, wie mich seine linke Hand an der Hüfte packte, während sich die andere in meinen Haaren vergrub, um mich an Ort und Stelle zu halten. Nicht, dass ich vorgehabt hätte, irgendwohin zu gehen.
Zwar war da immer noch diese leise Stimme in meinem Kopf, die mir sagte, dass das hier eine ganz blöde Idee war, die letztendlich nur wieder mit Herzschmerz und Selbstzweifeln für mich enden würde, aber das Pochen in meinen Ohren war lauter.
Mein Herz hämmerte so schnell, dass Marco es spüren musste, weil er sich mit seinem ganzen Körper eng an mich drückte. Ich spürte ihn überall, roch ihn, schmeckte ihn. Überall war Marco. Marco. Marco.
Er roch nach Sonne und einem zitrusartigen frischen Männerduschgel, das mich ganz schwindelig machte.
Ich schlang meinen rechten Arm um seinen Hals und zog ihn noch näher an mich heran, obwohl zwischen uns nicht mal mehr ein Blatt Papier Platz gefunden hätte. Als er mit der Zunge über meine Unterlippe strich, öffnete ich den Mund und hieß sie mit meiner eigenen willkommen. Seine Küsse schmeckten nach dem Schnaps, den wir getrunken hatten, und seiner ganz eigenen
Note, die bei mir sämtliche Zweifel, Befürchtungen und Ängste ausradierte, weil ich schlichtweg zu keinem klaren Gedanken mehr fähig war.
Ich biss Marco in die Unterlippe, was ihm ein Stöhnen entlockte. Ein Schauer rieselte mir über den Rücken und ich schob meine Hände unter sein Shirt. Er zitterte und begann als Reaktion darauf sofort mein kurzärmeliges Hemd aufzuknöpfen, als hätte er bloß auf eine Erlaubnis gewartet.
Das rüttelte mich nun doch wach. Ich unterbrach den Kuss widerwillig, drückte aber meine Stirn gegen seine, um ihm weiterhin nah zu sein. »Warte mal. Scheiße. Warte.«
Ich atmete schwer und spürte, wie sich Marco auf meine Worte hin verkrampfte. Als er sich zurückziehen wollte, hielt ich ihn an der Hüfte fest. »Wir sind hier bei Mo. Unsere Freunde sind da draußen und warten vermutlich auf uns – wir können nicht …«, versuchte ich zu erklären, woraufhin er sich sofort wieder entspannte.
Ich drückte meine Lippen erneut sanft auf seine, zog seine Oberlippe zwischen die Zähne und knabberte daran. Dann hauchte ich ihm einen letzten Kuss auf die Lippen und zog meinen Kopf zurück. Wenn er mich nicht gegen die Badezimmertür gepresst hätte, hätte ich jetzt einen Schritt zurück gemacht, um nun doch etwas Distanz zwischen uns zu bringen. Ich spürte nämlich nur zu deutlich, wie sich unsere Unterkörper weiterhin gegeneinanderpressten. Es war unverkennbar, welche Wirkung der Kuss bei uns beiden hinterlassen hatte.
Räuspernd drehte ich den Kopf zur Seite und strich mir mit dem Daumen über die Augenbraue, in der das Piercing steckte. »Wenn du nicht willst, dass es für uns beide richtig peinlich wird, solltest du vielleicht …«
Er trat verstehend einen Schritt zurück. »Das war …«
»Heiß.« Wir grinsten uns leicht verlegen an.
»Unerwartet wollte ich eigentlich sagen«, meinte er.
Ich zog eine Augenbraue hoch. »Wie kann das für dich
unerwartet gewesen sein? Du hast mich doch geküsst.«
Er prustete. »Ich hab’ halt nicht erwartet, dass ich das tun würde.«
»Ich auch nicht.« Ich biss mir auf die Unterlippe, die sich durch Marcos Küsse leicht geschwollen anfühlte. »Warum hast du es getan?«, fragte ich leise.
Unter Marcos aufmerksamem Blick kribbelte meine Haut. Er zuckte mit den Schultern. »Weil ich es wollte.«
»Warum wolltest du es?«
Meine Frage ließ ihn schmunzeln. »Fischt da jemand nach Komplimenten?«
Ich verdrehte die Augen. »Nein«, sagte ich ehrlich, »die Frage ist doch irgendwie berechtigt, nachdem ich vorhin so unmöglich zu dir war.«
»Wenn ich die Entscheidung, dich zu küssen, mit meinem Kopf getroffen hätte, dann wäre die Frage wohl berechtigt gewesen, ja«, sagte Marco grinsend und wackelte zweideutig mit den Augenbrauen.
Ich vergrub meine Hand in seinem Shirt und zog ihn wieder etwas näher zu mir heran. Das Grinsen auf seinen Lippen verblasste. »Welcher Körperteil hat denn dann die Entscheidung getroffen?«, fragte ich und presste meine Lippen auf seinen Hals. Er atmete zischend ein.
»Ich glaube, du weißt ganz genau, welcher Teil es war.«
Ich drückte meine flache Handfläche gegen seine linke Brust, während ich mich seinen Hals entlang zu seinem Ohr hinauf küsste. »Dein Herz?«
Als er lachte, spürte ich es unter meiner Hand in seiner Brust rumpeln. »Ja. Klar. Mein Herz. Was sonst?«
»Richtig. Was sonst?« Ich zupfte mit den Zähnen an seinem Ohrläppchen und spürte, wie er erschauerte. Meine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen.
»Und warum hat dein Herz
diese Entscheidung nun getroffen?«
»Jetzt fischst du aber wirklich nach Komplimenten, oder?«
Ja
. »Wenn du mir welche machen willst, sag ich nicht nein.«
Plötzlich legte er mir seine Hände an die Wangen und drehte meinen Kopf so, dass ich ihm ins Gesicht sehen musste. Seine karamellfarbenen Augen tasteten nahezu sanft meine Gesichtszüge ab. »Du bist ein sehr attraktiver Mann, Aaron.«
Ich lächelte schwach. »Danke.«
Aber Marco war noch nicht fertig. Mit dem Daumen fuhr er über meine rechte Augenbraue, dann über mein Augenlid, über die Wange und über den Stecker in meinem Ohrläppchen. »Mir gefallen deine Piercings. Sie sind unheimlich sexy und lassen dich ein bisschen verwegen wirken«, sagte er und seine Stimme klang dabei etwas heiser.
Ich grinste und drückte seine Hand weg. »Ich nehme es zurück, du musst mir keine Komplimente machen, weil du sonst so peinliche Sachen sagst.«
Marco blieb ernst und strich mir nun durch das Haar. »Deine Haare sind unglaublich weich und sehen aus, als wärst du in einen Wirbelsturm geraten«, flüsterte er.
»Bitte sei leise«, flüsterte ich lächelnd zurück.
Seine flache Hand strich über meinen Hals, dann meine Brust entlang und blieb über meinem Herzen, meinem Tattoo liegen. Eine Gänsehaut zog sich über meine Arme. »Die schwarze Tinte auf deiner Haut sieht gut aus. Ist das dein Geburtsdatum?« Er öffnete mein Hemd etwas weiter und strich mit dem Daumen über den Schriftzug. Ich atmete zittrig ein und nickte leicht. »Ja. Und … das meiner Zwillingsschwester.«
Marco stockte und blickte mich überrascht an. Er hatte vorhin schon durchblicken lassen, dass er mein Tattoo für eine Laune hielt. Für etwas, das keine tiefere Bedeutung hatte.
Dabei bedeutete es etwas. Alles.
»Sie ist gestorben«, hauchte ich in den Raum zwischen uns und hielt mich an seinen Seiten an dem Stoff seines Shirts fest. »Krebs.«
Ihr Tod lag mittlerweile 9 Jahre zurück und es fiel mir von Jahr zu Jahr leichter, darüber zu sprechen. Einfach würde es trotzdem niemals werden. Ich vermisste sie mit jeder Faser meines Herzens. So so sehr.
»Das tut mir leid.« Marcos Daumen strich mir sanft über die Wange und ich lächelte leicht. Traurig.
»Ja.«
»Deshalb
„forever young“«, murmelte er und ich war mir nicht sicher, ob er mit sich selbst oder mit mir sprach. Ich nickte dennoch.
»Ja. In meiner Erinnerung wird sie immer das süße 12-jährige Mädchen sein, auch wenn wir am gleichen Tag geboren wurden und sie jetzt so alt wäre wie ich. Und wenn sie nicht altert, dann … will ich das auch nicht. Hier oben jedenfalls.« Ich tippte mir gegen die Schläfe.
Marco atmete aus. »Wow. Wer hätte gedacht, dass wir so tiefgründige Gespräche führen würden, nachdem du meintest, dass ich Hübscher
mir keine Sorgen machen sollte, dass du Modeln für eine große Sache halten könntest.«
Ich verzog leicht das Gesicht, als er mich daran erinnerte, war aber ein wenig dankbar für den Themenwechsel. »Gruselig, wie du das wortwörtlich wiedergeben kannst. Das hat dein Ego echt getroffen, oder?«
»Dass du „Hübscher
“ wie eine Beleidigung ausgesprochen hast? Definitiv, ja. Ob du Modeln für eine große Sache hältst oder nicht, ist mir dagegen ziemlich egal.«
»Gut, denn das war die Wahrheit«, grinste ich, woraufhin er mich neckend in die Seite kniff. Ich legte meine Arme um seinen Hals und näherte meine Lippen wieder seinen. »Und du bist wirklich hübsch.«
»Warum klingt das schon wieder wie eine Beleidigung?«, nuschelte er belustigt gegen meine Lippen, als ich sie auf seine drückte. Ich leckte ihm sofort über die Unterlippe.
»Warum fangen wir schon wieder an, uns zu küssen? Sollten wir nicht eigentlich mal wieder zu den anderen gehen? Die fragen sich bestimmt schon, was wir hier drin tun«, murmelte er zwischen einigen Küssen.
»Ich glaube, die haben schon eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was wir hier drin tun.«
»Vielleicht sollten wir sie dann nicht enttäuschen und genau das tun, was sie denken«, hauchte er mir verschwörerisch zu und brachte mich damit zum Lachen.
»Da denkt schon wieder dein Herz, oder?«
»Ja, mein Herz – schau.« Er griff mit beiden Händen nach meiner rechten Hand und drückte sie auf seine Brust, genau über seinem Herzen. Es schlug unglaublich schnell gegen meine Handfläche. »Oh. Wow. Du solltest das untersuchen lassen.«
Er verdrehte grinsend die Augen. »Achja?« Er drückte seine Handfläche gegen meine Brust und stellte wahrscheinlich fest, dass mein Herz genauso schnell schlug wie seines. »Du auch. Wir könnten uns gemeinsam untersuchen lassen. Oder noch besser: Wir könnten uns gegenseitig untersuchen.«
»Der war lahm.« Als ich ihn trotz seines lahmen Spruchs wieder breit grinsend zu mir herunterziehen wollte – er war tatsächlich einen halben Kopf größer als ich –, klopfte es hinter mir so laut an die Tür, dass ich zusammenzuckte. »Vögelt ihr da drin?«, rief Mo schamlos.
»Nein«, antworteten Marco und ich unisono und prusteten los.
»Warum glaube ich euch nicht?«
»Willst du reinkommen?«, fragte ich zurück.
»Nein, danke. Vögelt ruhig mal zu Ende. Freut mich, dass ihr die Sache zwischen euch klären konntet.« Und damit hörte man, wie er sich wieder von der Tür entfernte.
Marco sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Er hat uns die Erlaubnis gegeben.«
Ich schlug ihm scherzhaft mit dem Handrücken gegen die Brust und er lachte. »Dein Herz ist so notgeil.«
»Ich weiß.«
Kopfschüttelnd, aber grinsend drückte ich ihn nun doch von mir weg und fuhr mir mit meinen Händen durch die Haare, weil ich es im Gefühl hatte, dass Marco sie völlig zerzaust hatte.
»Deine Haare sahen schon vorher aus, als hätten sie noch nie im Leben einen Kamm gesehen.«
Mein Blick wanderte auf der Suche nach einer schlagfertigen Antwort zu seinem Haarschopf, der leider immer noch perfekt aussah, obwohl ich auch mit den Händen darin herumgewühlt hatte.
»Erzählst du es mir? Irgendwann?«
Der abrupte Themenwechsel irritierte mich. Verwirrt runzelte ich die Stirn. »Was?«
»Warum du dich so merkwürdig verhalten hast.«
Oh. Das.
Für einen Moment hatte ich vergessen, dass meine Unsicherheit unsere erste Begegnung sabotiert hatte. Mittlerweile fiel es mir schwer, die Gefühle nachzuvollziehen, die mich im Diner überkommen hatten, als ich Marco von der Tür aus betrachtet hatte.
Und doch waren sie noch da, schlummerten unter der Oberfläche. Weil Jonas
sie mir eingepflanzt hatte.
Ich atmete tief durch. »Ja. Wollen wir morgen vielleicht … einen Kaffee trinken? Bei mir?«
»Wieso erst morgen?«
Eine Augenbraue bahnte sich ihren Weg nach oben, als ich Marcos verschmitztes Grinsen sah. »Weil es«, ich holte kurz mein Handy hervor und warf einen Blick auf das Display. »ein Uhr nachts ist und ich da in der Regel keinen Kaffee mehr trinke.«
»Wir könnten ihn dann ja morgen früh trinken.«
Ich prustete. »Hörst du eigentlich, was dich dein Herz
da sagen lässt, oder schaltest du da einfach auf Durchzug?«
Unschuldig grinsend zuckte er mit den Schultern, was bei Marco irgendwie süß wirkte. Ich verdrehte die Augen.
»Ich will nur reden, ehrlich«, sagte er dann etwas ernster und blickte mir fast ein wenig schüchtern in die Augen.
»Und „reden“ bedeutet in etwa so viel wie „reden“ wie „Herz“ auch „Herz“ bedeutet?«, fragte ich ihn unbeeindruckt.
Er grinste amüsiert. »Nein. Reden bedeutet reden.«
»Okay. Aber vorher müssen wir uns den anderen stellen, insofern sie nicht alle auf der Couch eingeschlafen sind.« Ich griff hinter mir nach der Türklinke und warf Marco einen fragenden Blick zu. »Bereit?«
Als er bestätigend nickte, öffnete ich die Tür und trat in den verdächtig leisen Flur. Reflexartig griff ich nach Marcos Hand, um mich an ihm festzuhalten. Er ließ es, ohne zu zögern, geschehen und verschränkte seine Finger mit meinen. Sanft drückte er sie.
Im Durchgang zum Wohnzimmer stellten wir fest, dass die anderen natürlich noch nicht schliefen – Micah, Jo und Maxim waren auch nicht nach Hause gegangen, obwohl es schon recht spät war. Sie saßen alle so da, wie wir sie zurückgelassen hatten, nur dass sie alle aussahen, als würden sie sich mit aller Macht das Grinsen verkneifen. Und natürlich starrten sie uns an, als hätte ihnen das Klicken der Badezimmertür bereits angekündigt, dass wir gleich vor ihnen stehen würden.
Ich fuhr mir verlegen mit dem Daumen über die Augenbraue. Das schien irgendwie ein Tick zu werden.
Maxim machte zuerst den Mund auf. »Was ist im Bad bitte passiert, dass ihr jetzt auf einmal Händchen haltet, obwohl ihr vorher noch nicht mal in die Richtung des anderen sehen konntet?« Amüsiert sah er auf unsere ineinander verschränkten Hände. Erst da wurde mir bewusst, wie das eigentlich aussehen musste. Ich machte Anstalten, meine Hand zurückzuziehen, aber Marco hielt sie eisern fest.
»Viel«, sagte er grinsend und als er meinen Handrücken an seinen Mund zog, um einen hauchzarten Kuss darauf zu setzen, blieb mir fast das Herz stehen, »und doch nicht so viel, wie ihr vielleicht denkt.« Er zwinkerte seinem Bruder zu, der belustigt zurückgrinste.
»Ich hab’ euch gesagt, das würde gut aussehen«, kommentierte Mo vergnügt und deutete zwischen Marco und mir hin und her.
Jonas’ leise Stimme in meinem Kopf meldete sich kurz, die mir zuflüsterte, dass ich neben Marco klein und ungenügend aussah, aber das Lächeln, das er mir bei Mos Worten zuwarf, vertrieb sie sofort wieder.
»Wir gehen dann auch«, verkündete Marco und löste damit überschwängliches Johlen und Pfiffe bei unseren Freunden aus. Lachend und augenverdrehend winkte er ab. »Nicht das, was ihr denkt! Wir gehen einen Kaffee trinken.«
Als Marco mich aus der Wohnungstür schob, hörte ich noch, wie Mo murmelte: »Sie hätten ja wenigstens versuchen können, uns anzulügen. Kaffeetrinken ist doch sowieso der universale Code für Sex.«