Aaron
»Aber irgendwann, als die erste Kennenlernphase vorbei war, und wir uns immer mehr im Alltagstrott wiederfanden, da fing er an, Kommentare
zu machen.« Meine Nasenflügel blähten sich kurz auf, als ich tief einatmete. »‘Räumst du mal die Spülmaschine aus, Aaron, du hast wahrscheinlich eh nichts zu tun, oder?‘« Meine Finger vergruben sich in der Bettdecke, um ein Zittern zu unterdrücken. Ich sah Marco nicht an, während ich mir all das in Erinnerung rief, was mein Ex zu mir gesagt hatte. Wodurch ich mich kleiner
und wertloser
gefühlt hatte.
»‘Willst du das wirklich
anziehen? Vielleicht findest du in deinem Schrank ja auch etwas, das dich weniger wie einen kleinen Jungen wirken lässt.‘
‚Du bist wahrscheinlich ziemlich froh, dass du dir mich schon geangelt hast, oder? Sonst müsstest du dich mit dem kleinen Wohlfühlbäuchlein in die Partnersuche stürzen. Aber versteh mich nicht falsch, ich mag dein Bäuchlein. Da hast du ganz schön Glück gehabt, was?‘« Ich knirschte mit den Zähnen und bemühte mich, ruhig zu atmen. Erinnerungen und Gefühle strömten auf mich ein. Wie er strategisch solche demütigenden Kommentare eingestreut hatte, ohne sie offen als solche zu deklarieren. Wie er sie sogar in Gegenwart seiner
und manchmal sogar meiner
Freunde gesagt hatte. Immer war es ihm darum gegangen, sich in ein besseres Licht zu stellen, sich über mich
zu stellen, mich kleinzureden
. Und ich hatte es so lange – viel zu lange – einfach mit mir machen lassen.
»‘Du kannst mir nachher einen blasen, um es wiedergutzumachen.‘
‚Das ist ein Essen mit einem sehr wichtigen Geschäftspartner, vielleicht sagst du einfach so wenig wie möglich, in Ordnung? Vielleicht sollte ich doch André fragen, ob er mich begleitet.‘
‚Wenn du noch einmal so mit mir redest, dann bin ich weg, das kannst du mir aber glauben. Und glaubst du, irgendjemand sonst würde dich wollen?‘«
Ich merkte erst, dass mir einige wenige Tränen aus den Augenwinkeln rannen, als Marco sanft mein Gesicht in seine Hände nahm und mir über die Wangen strich. Beschämt wich ich seinem Blick aus. »Gott, tut mir leid. Ich hab’ mich da total hineingesteigert, oder? Wir kennen uns erst seit ein paar Stunden und ich heule dich gleich mit so einem gefühlsduseligen Scheiß voll«, sagte ich verschnupft und wollte mich seiner Berührung entziehen, was Marco aber nicht zuließ.
»Du musst dich nicht entschuldigen. Ich bin froh, dass du es mir erzählt hast«, hauchte er mir entgegen und bei dem weichen, warmen Ton in seiner Stimme kamen mir gleich wieder die Tränen. »Der Typ ist ein riesengroßes Arschloch und es tut mir unfassbar leid, dass er dich so behandelt hat.«
Ich lachte leise, obgleich es etwas kratzig und tränenerstickt klang. War ja klar, dass sich der liebe, einfühlsame, sanfte Marco für etwas entschuldigte, an dem er keinerlei Schuld trug. Wie hatte ich auch nur für einen Moment denken können, dass er wie Jonas war? Achja – ich hatte mir ja nicht die Mühe gemacht, ihn kennenzulernen. »Du
kannst ja nichts dafür.«
»Trotzdem. Du hast es nicht verdient, dir so einen Müll anzuhören, hörst du?« Er strich über meine Augenwinkel und zwang mich, ihn anzusehen. Seine hellen Karamellaugen tasteten mein Gesicht ab, wie eine federleichte Berührung. »Du bist wunderschön
, Aaron. Alles an dir. Das meine ich wirklich
verdammt ernst. Lass dir niemals einreden, dass es nicht so wäre.«
Unter seinem festen Blick wurde ich rot und verdrehte die Augen, um diese peinliche Reaktion zu überspielen. Die Situation war mir furchtbar unangenehm, aber sein Kompliment löste ein warmes Gefühl in meinem Bauch aus, auch wenn mir eine Stimme in meinem Kopf einreden wollte, dass er vielleicht nicht ehrlich war. »Okay.«
Meine Antwort ließ ihn leicht prusten. »Okay?«
»Jaha, was willst du denn von mir hören?«, fragte ich ungeduldig, aber anstatt mir zu antworten, schob er grinsend seine Hand in meinen Nacken und zog mich näher an sich heran, um seine Lippen weich und warm auf meine zu legen.
Sämtliche Luft entwich mir, als hätte ich sie die ganze Zeit angehalten, und ich spürte Marco an meinen Lippen lächeln. Bestimmt zog er mich auf seinen Schoß, sodass ich links und rechts von seinen Oberschenkeln auf dem Bett kniete. Ich lachte atemlos. »Wollten wir nicht reden?«
»Manchmal trifft das Herz die besseren Entscheidungen«, antwortete er keck.
Mein spöttisches Prusten wurde von ihm im Keim erstickt, als er mich in die Kissen drückte und sich mit seinem ganzen Gewicht auf mich legte.
Und ich beschloss, auch einfach auf mein Herz zu hören.