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S eine Hoheit Scheich Ahmed Karim bin Mohamed Al Hamadi rief man nicht einfach so zum Plaudern an. Man musste per E-Mail einen Gesprächstermin vereinbaren, und meiner wurde auf sieben Uhr britischer Zeit am nächsten Morgen festgelegt.

Der Abend in Castleton House Stables war nach den vorausgegangenen Ereignissen relativ ruhig verlaufen.

Um kurz nach sechs wurden die vorübergehend in Tom Widgerys Stall untergebrachten Pferde im Schritt die Straße hinauf zum oberen Tor und auf den neuen Hof geritten.

Oliver, Maria und ich traten in der Abendsonne vor die Tür und schauten zu, wie sich die lange Reihe der Vollblüter am letzten verbliebenen Feuerwehrwagen vorbeischlängelte.

Weil Pfleger aus ganz Newmarket eingesprungen waren, lief die Rückkehr ohne Unterbrechung ab.

»Was für ein Anblick«, kommentierte ich das nicht enden wollende Hufgeklapper auf dem Asphalt.

»Wohl wahr«, stimmte Maria lachend bei. »Wie der Aufmarsch der Zirkustiere bei uns im Ort, als ich klein war.«

»Nur fehlen hier die Elefanten«, sagte ich.

»Ja«, meinte Oliver nüchtern. Dann drehte er sich um und ging wieder ins Haus. Maria und ich folgten ihm.

»Was zu trinken?«, fragte mich Oliver. »Ich brauch jetzt was. Unbedingt.«

»Ich habe ein Zimmer im Bedford Lodge Hotel gebucht«, sagte ich. »Ich sollte Sie beide jetzt in Frieden lassen.«

»Gin und Tonic?«, fragte Oliver und gab Eis in zwei Gläser.

»Ein Fahrer wartet auf mich.«

»Zum Bedford Lodge brauchen Sie keinen Fahrer.« Oliver zerschnitt eine Zitrone, ohne sich umzudrehen. »Das liegt keine zweihundert Meter von hier.«

»Er hat meinen Koffer im Wagen.«

»Sagen Sie ihm, den soll er ins Hotel bringen und sich verziehen.« Er reichte mir ein geschliffenes Glas, das zu zwei Dritteln mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt war, bei der es sich vermutlich nicht um Wasser handelte. »Sie werden hier gebraucht. Wir müssen reden.«

Nicht nur, dass ich bleiben sollte, überraschte mich, sondern auch die Eindringlichkeit seiner Worte.

»Worüber?«, fragte ich.

Er leerte sein Glas in zwei langen Zügen und füllte es gleich wieder, ohne mit dem Gin zu geizen.

Vorsichtig blickte er zu Maria hinüber, die ihm jedoch schon ein ganzes Stück voraus war. Eine leere Flasche Chardonnay stand vor ihr, und sie schenkte sich gerade üppig aus einer zweiten Flasche ein.

»Gehen wir in die Stube«, sagte Oliver.

Er ging vor, während ich den Fahrer anrief.

»Geben Sie mein Gepäck im Bedford Lodge Hotel am Empfang ab, und fahren Sie nach Hause«, sagte ich ihm. »Heute Abend brauche ich Sie nicht mehr.«

Das schien mir etwas freundlicher als Olivers Wortwahl, er solle sich verziehen.

»Und morgen früh?«, fragte der Fahrer.

»Ich rufe Sie an, wenn ich Sie brauche.«

»Okay«, sagte er. »Ab acht bin ich in Newmarket, dann geben Sie mir einfach fünf Minuten vorher Bescheid. Oder brauchen Sie mich früher?«

Simpson White sah ungeachtet der Kosten immer zu, dass für die Leute im Einsatz ein Wagen mit Fahrer bereitstand. In diesem Fall konnte sich der Kunde das ohne Weiteres leisten.

»Acht Uhr genügt«, sagte ich, wenn ich auch annahm, dass Newmarket um diese Zeit längst hellwach und bei der Arbeit war, zumal die Sonne Mitte Mai um fünf aufging und die biologische Uhr der Pferde sich wie bei den meisten tagaktiven Säugetieren nach dem Licht richtet.

Oliver führte mich durch den Flur in seine »Stube«, ein recht kleines Zimmer mit einem großen Wandfernseher und zwei tiefen schwarzen Ledersesseln davor. Statt zu reden, schaltete er gleich die Liveübertragung der Pferderennen in Windsor ein.

»Tony startet«, sagte er zur Erklärung. »Er reitet den Favoriten im Hauptrennen um halb acht.«

»Für Ryan?«, fragte ich.

»Nein, für Jonathan Ayers. Der trainiert auch hier in Newmarket. Tony reitet ziemlich viel für ihn.«

Wir ließen uns in die Sesselpolster sinken und schauten zu, wie auf dem Großbildschirm die zehn Pferde des Halbachtrennens hinter den Startboxen im Kreis gingen.

»Finden abends viele Pferderennen statt?«, fragte ich.

»Jede Menge«, antwortete Oliver. »Den ganzen Sommer über und auch im Winter, bei Flutlicht auf der Allwetterbahn.«

»Allwetter?«

»Kunstbelag. Kein Rasen. Derzeit gibt es fünf Arenen mit Allwetterbahn in Großbritannien. Da werden das ganze Jahr hindurch Rennen ausgetragen, vorwiegend abends.«

Die Pferde wurden in die Startboxen geführt.

»Zwölfhundert Meter«, sagte Oliver, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. »Listenrennen für Dreijährige und älter.«

Ich hätte gern gewusst, um was für eine Liste es ging, sparte mir aber die Frage.

Die Startmaschine sprang auf, und alle zehn flogen heraus, schnell wie der Wind, und die Rennfarben der Jockeys hoben sich leuchtend gegen den grünen Rasen ab.

»Wo ist Tony?«, fragte ich.

»Hellblauer Dress, orange Kappe«, antwortete Oliver. »Auf der anderen Seite, ganz hinten. Er hat eine gute Chance.«

Der Fernsehkommentator rief die Namen der führenden Pferde aus, und die Tonlage seiner Stimme stieg auf dem Weg zum Zieleinlauf dramatisch an. Ich hörte aber nicht richtig zu. Unvermutet sah ich mich von dem Wettkampf gefesselt, beugte mich im Sessel vor und wollte, dass Tony einen Zahn zulegte, dass er die Reiter vor ihm überholte.

Erst im letzten Moment, als das Feld höchstens noch zweihundert Meter vor sich hatte, unternahm er einen Vorstoß und zog an einigen Kontrahenten vorbei, als ständen sie still, doch das Ziel war zu nah, und der rasch aufholende Tony kam um eine halbe Länge geschlagen als Zweiter ein.

»Verdammt noch mal«, schimpf‌te Oliver. »Das hätte er gewinnen müssen. Ist viel zu spät raus.«

Ich sah, dass er wütend war, wusste aber nicht genau, ob auf das Pferd oder den Jockey.

Auf den Jockey.

»Tony hat nie sein volles Potenzial erreicht, weil ihm die Konzentration fehlt. Anders als Ryan. Ryan hätte das hier mühelos gewonnen. Declan auch.«

»Tony muss aber doch ziemlich gut sein«, sagte ich. »In der Zeitung stand, er hätte Prince of Troy im Derby reiten sollen.«

»Gegen mein besseres Wissen«, gab Oliver zurück. »Ryan wollte, dass wir an Tony festhalten, nicht ich. Ich war für einen Wechsel.« Er schnaubte vor Unmut darüber, dass man nicht auf ihn gehört hatte. »Zugegeben, Tony hat das Pferd bisher immer geritten und im Guineas seine Sache ordentlich gemacht, aber das Derby ist doch was ganz anderes. Das Guineas wird auf einer schnurgeraden Flachbahn hier in Newmarket ausgetragen, in Epsom dagegen gibt es viel Bergauf und Bergab und scharfe Kurven. Der steile Abstieg zur Tattenham Corner ist vielleicht der schwierigste Rennbahnabschnitt auf Erden. Dafür braucht man einen mit mehr Grips als Tony. Ryan, der kam da prima zurecht.«

Mir tat Tony ziemlich leid. Dauernd mit dem begabten älteren Bruder verglichen zu werden, konnte seinem Selbstvertrauen nicht guttun. Und dem Verhältnis zu seinem Vater auch nicht.

»Worüber wollten Sie denn reden?«, fragte ich.

»Noch was zu trinken?«, fragte Oliver im Aufstehen.

»Danke, ich hab noch.«

Mein Glas war halb voll, und ich nahm sehr vorsichtige Schlückchen. Das Verhältnis von Gin zu Tonic hätte selbst Dean Martin zurückzucken lassen. Oliver scherte sich wenig darum.

Als er in der Küche verschwand, um sein Glas nachzufüllen, schaute ich mich im Zimmer um.

Zu meiner Linken stand eine Glasvitrine voller kleiner Pokale und runder Silbertabletts. Ich ging hin, um sie mir näher anzusehen.

»Der Trainer kriegt immer ein Pokälchen«, sagte Oliver, der mit einem vollen Glas wieder hereinkam. »Den großen Pokal schleppt jeweils der Besitzer ab, obwohl wir die ganze Arbeit machen.« Groll wie aus dem Bilderbuch. »Manche Besitzer wissen nicht mal, wie ihre Pferde aussehen, außer dass sie vier Beine und einen Schwanz haben. Geliebt und gehegt werden sie von den Trainern.«

Ja, dachte ich, aber der Besitzer zahlt die Trainingsgebühren und bringt überhaupt erst das Geld für den Kauf des Pferdes auf.

Oliver setzte sich wieder in den einen Sessel und ich in den anderen.

»Also dann …«, sagte ich auf‌fordernd.

»Noch nicht«, erwiderte er. »Tony tritt auch im nächsten an.«

Wir verfolgten das Rennen, aber diesmal konnte ich keine Begeisterung aufbringen. Tonys Pferd kam langsam aus der Startbox und wurde, soweit ich sah, im Lauf des Rennens immer langsamer. So langsam, dass er gar nicht mit auf dem Schirm war, als der Sieger durchs Ziel ging.

»Zwecklos«, und Oliver schaltete den Fernseher aus. »Aber was soll ein Handicap Klasse 6 für Vierjährige auch bringen? Drunter geht’s kaum. Da winkt schon die Hundefutterfabrik.«

Wenigstens gab er diesmal nicht Tony die Schuld.

»Schmeckt Ihnen Ihr Drink?«, fragte er.

»Aber ja«, sagte ich und nahm noch ein Schlückchen.

Ich dachte langsam schon, er hätte es sich anders überlegt und wollte nicht mehr mit mir sprechen, doch da lag ich falsch.

»Harry«, sagte er schließlich und legte mir die Hand auf den Arm, »was erzählen Sie dem Scheich?«

»Worüber?«

»Über den Brand natürlich.«

»Was soll ich ihm denn sagen?«, fragte ich.

»Die Wahrheit«, erwiderte Oliver und sah mir fest in die Augen. »Dass es ein Unfall war. Dass wir getan haben, was wir konnten, um die Pferde zu retten.«

»War es denn ein Unfall?«, fragte ich unverblümt. »Meinen Sie nicht, wir sollten die polizeiliche Untersuchung abwarten, bevor ich das sage?«

»Wollen Sie ernsthaft behaupten, dass jemand vorsätzlich meinen Stall angezündet hat?«

»Ich behaupte gar nichts«, sagte ich. »Ich finde nur, es wäre gut, die kriminaltechnischen Ergebnisse abzuwarten. Schließlich will ein menschlicher Leichnam erklärt sein.«

Oliver sah nicht gerade glücklich aus.

»Erzählen Sie mir von den anderen Pferden des Scheichs. Wie viele sind das?«

»Neun«, sagte Oliver, korrigierte sich dann aber. »Jetzt nur noch sieben. Fünf Hengste und zwei Stuten.« Er lachte. »Zu den Stuten musste ich ihn überreden. Er zieht männliche Pferde vor. Wohl was Arabisches.«

»Wo hat er sie gekauft?«, fragte ich.

»Auf der Auktion natürlich«, sagte Oliver. »Teils vor über einem Jahr, aber zwei Hengste und zwei Stuten aus Buch 1 hat er vergangenen Oktober hier gekauft. Der gestorbene Conductivity war einer davon.«

»Buch 1 ?«, fragte ich.

»Die Besten. Die rund fünfhundert jahrgangsbesten Jährlinge.«

»Wer entscheidet das?«

»Die Auktionatoren. Sie verkaufen ja. Maßgebend ist die Abstammung der Pferde – hauptsächlich die Väter. Bei der Oktoberauktion gibt es vier Bücher. Mit insgesamt über zweitausend Katalognummern. Und das ist nur eine Jährlingsauktion. Es gibt noch andere wie in Doncaster, eine Menge in Irland, Frankreich und den USA

»Großes Geschäft.«

»Riesig. Für Buch 1 liegt der Durchschnittspreis bei dreihunderttausend Guineen. Der teuerste Hengst letztes Jahr ging für über vier Millionen weg.«

»Unglaublich.«

»Allerdings. Zumal wenn man bedenkt, dass das Pferd noch ganz unerprobt ist. Vier Millionen, nur weil man sich wegen Mama und Papa was von ihm verspricht. Klappt hoffentlich besser als bei Snaaf‌i Dancer.«

»Snaaf‌i Dancer?«

»Berüchtigter Sohn von Northern Dancer. Als Jährling bei den Keeneland Sales in Kentucky seinerzeit für unfassbare zehn Millionen Dollar verkauft und hat es gar nicht erst auf die Rennbahn geschaff‌t. Zu langsam offenbar. Und als Deckhengst hat er wie zum Hohn dann auch kaum was gerissen. Gerade mal vier Fohlen gezeugt, und alle waren unbrauchbar.«

Und die meisten Leute denken, gezockt wird nur beim Buchmacher.

»Hat der Scheich seine Pferde persönlich gekauft?«, fragte ich. »War er auf der Auktion?«

»Nein«, erwiderte Oliver. »Ich war da, und natürlich auch Ryan. Plus ein Vollblutagent, Bill Vanduf‌ful. Er hat die Gebote abgegeben.«

»Wusste der Scheich, welche Pferde Sie für ihn kaufen würden?«

»Nein, nur, dass wir vorhatten zu kaufen. Welche Pferde, hing vom Preis ab. Wir haben noch für zwei, drei andere Hengste geboten, aber die gingen zu weit rauf. Bei der Auktion muss man immer zusehen, dass darf man kein Schnäppchen verpassen.«

»Vier Millionen hört sich für mich nicht nach einem Schnäppchen an.«

Er lachte. »Unsere Liga ist das leider auch nicht. Scheich Karim sagte mir, er wolle ein paar gute Hengste, aber nicht um jeden Preis. Bis zu einer halben Million durf‌ten wir gehen. Conductivity blieb da knapp drunter.«

Mir schien das immer noch ein Heidengeld für ein unerprobtes junges Pferd.

»Und die beiden Stuten?«, fragte ich.

»Viel günstiger«, sagte er. »Schnäppchen. Bill und ich konnten unser Glück kaum fassen. Alle anderen waren nach den Topangeboten anscheinend einen Kaffee trinken. Die Gelegenheit durf‌ten wir uns nicht entgehen lassen.« Er lächelte breit. »Ich musste lediglich einen Besitzer finden, der für sie zahlt. Scheich Karim sagte schließlich Ja.«

»Und wenn er Nein gesagt hätte?«

»Dann hätte ich jemand anderen gesucht. Dass ein Trainer bei der Auktion Pferde kauft und erst später die Besitzer angibt, ist ganz normal. ›Kauf auf gut Glück‹ nennt sich das. Mach ich seit Jahren regelmäßig.«

»Wer streckt denn das Geld vor?«

»Ich habe eine Abmachung mit meiner Bank.«

Tolle Abmachung, dachte ich, wenn er mit unerprobten Pferden als einziger Sicherheit Schecks über eine halbe Million ausstellen durf‌te. Aber was wusste ich schon? Pferde hatten offensichtlich mehr Wert, als mir klar war.

Oliver lachte nervös. »Noch hab ich Haus und Ställe nicht verloren.«

Die Pferde waren also doch nicht die einzige Sicherheit.

»Wie viele haben Sie denn insgesamt im vorigen Jahr auf gut Glück gekauft?«

»Fünf, mit denen des Scheichs«, sagte er. »Zwei Hengste und drei Stuten.«

»Wem gehören sie jetzt?«

»Einer meiner Stammbesitzer hat eine Stute gekauft.«

»Und die Hengste?«

»Ach, na ja«, erwiderte Oliver kleinlaut, »für die haben wir keine Besitzer gefunden.«

»Sie suchen noch, nehme ich an?«

»Das dürf‌te jetzt schwierig sein«, sagte er. »Beide sind in dem Brand umgekommen.«

»Und dafür haften Sie persönlich?«

»Gott sei Dank nicht«, sagte er und hob wie zum Stoßgebet die Hände. »Ich hatte sie versichert.«

Ach ja?, dachte ich.