7

D eclans Hof war eine viel bescheidenere Angelegenheit als Castleton House Stables. Und da er auf der anderen Seite der Stadt lag, an der Hamilton Road unweit der Rennbahn Rowley Mile, ließ ich mich um kurz nach elf mit dem Wagen dorthin bringen.

Declan erwartete mich nicht, und ich kündigte mein Kommen auch nicht an, sondern bat den Fahrer, direkt vorm Haus in der Einfahrt zu halten.

An die Tür kam jedoch Arabella, tadellos geschminkt und frisiert. Genau wie gestern.

»Ist Declan da?«, fragte ich sie.

»Unter der Dusche«, erwiderte sie. »Er kommt gerade vom Reiten.«

Aus irgendeinem Grund überraschte mich das.

»Reitet er denn noch?«

»Natürlich reitet er noch. So gut wie jeden Tag.« Meine Frage schien sie halb gekränkt zu haben. »Er hat doch erst vor zwei Jahren mit dem Rennreiten aufgehört.«

»Auf dem Trainingsgelände habe ich nur Ryan und Oliver gesehen, und die saßen in einem Land Rover.«

Sie verzog das Gesicht, als wäre schon die Erwähnung ihrer Namen in diesem Haus beleidigend.

»Oliver ist inzwischen zu alt zum Reiten, und Ryan hat ein kaputtes Knie. Deshalb musste er ja als Jockey aufhören.« Es waren Worte ohne Mitgefühl, nur eine knappe Tatsachenfeststellung.

»Warum hat Declan als Jockey aufgehört?«, fragte ich.

»Er wollte immer schon lieber Pferde trainieren, als Pferde reiten. Die meisten Jockeys hören zu spät auf. Und außerdem war er es leid, ständig zu hungern, um das Gewicht zu halten. Möchten Sie reinkommen?«

Sie blickte zu dem Mercedes und dem Fahrer hinter mir und zog fragend die Brauen hoch.

»Er wartet da«, sagte ich.

Ich trat in den Flur mit Galerie, und Arabella schloss die Tür.

»Kaffee?«, fragte sie.

»Gern.«

Sie führte mich über das Parkett in die Küche. Das Haus war vielleicht etwas kleiner als das ihres Schwiegervaters, jedoch in geschmackvollen Pastelltönen gehalten und blitzsauber.

Vom Küchenfenster schaute man direkt auf den Stallhof, und die Ställe selbst mochten zwar bessere Tage gesehen haben, waren aber gut gepflegt, und große Töpfe mit Geranien spendeten an allen Ecken Farbe.

»Milch?«, fragte Arabella.

»Ja, bitte.«

Sie goss welche ein und gab mir die dampfende Tasse.

»Schön wohnen Sie hier«, sagte ich.

»Danke. So groß wie Castleton House ist es nicht, aber dafür gehört’s uns.«

In ihrem Tonfall schwang eindeutig Groll mit. Die Eifersucht auf Ryan lebte und gedieh offenbar in der Hamilton Road.

Ich beschloss, dem Thema nicht auszuweichen.

»Haben Ryan und Declan sich noch nie vertragen?«

Sie warf mir einen scharfen Blick zu. »Wer sagt denn, dass sie sich nicht vertragen?«

Ich schürzte die Lippen und sah sie an. »Halten Sie mich nicht für dumm«, sagte ich. »Das ist ziemlich offensichtlich. Und ich habe gehört, wie er gestern in Olivers Küche mit Ihnen geredet hat, bevor ich reinkam.«

Sie seufzte. »Das war das erste Mal seit fünf Jahren, dass Ryan mich angesprochen hat. Und es war nicht gerade nett.«

»Was wollten Sie denn da?«

»Weiß der Himmel«, sagte sie. »Declan war der Meinung, wir sollten ihnen nach dem Brand und allem mal den Rücken stärken, aber das war keine gute Idee. Wir haben nichts mehr mit denen am Hut.«

»Früher denn?«, fragte ich.

»Ein bisschen, als beide Brüder noch geritten sind. Aber auch da schon nicht viel. Sie sind extrem wettbewerbsorientiert – wie alle im Rennsport –, aber Ryan hat sich Declan gegenüber immer aufgespielt und behauptet, er sei der bessere Jockey, bloß, weil er mehr Siege verbucht hat. Er hat aber die besseren Pferde gekriegt. Oliver denkt, Ryan scheint die Sonne aus dem Hintern, der kann nichts falsch machen.«

Das hat Maria anders erzählt, dachte ich, behielt es aber für mich.

»Ist Declan auch für Oliver geritten?«

»Ganz selten. Ich glaube, Ryan wollte das nicht. Wenn er selbst nicht konnte oder wenn sie zwei oder mehr Starter im selben Rennen hatten, hat er seinem Vater gesagt, er soll statt Declan andere Jockeys nehmen. Ryan hat regelmäßig darüber gewitzelt, bloß war es nicht lustig. Jedenfalls nicht für uns.«

»Haben sich die Brüder deshalb zerstritten?«

»Eigentlich nicht«, blieb Arabella wunderbar indiskret. »Sie sind sich anscheinend schon als Kinder gegenseitig an die Kehle gegangen. Ryan ist der Älteste, und er hat immer darauf bestanden, dass seine jüngeren Brüder vor ihm kuschen und sich ducken. Das macht Declan nicht.«

»Und Tony?«, fragte ich. »Er duckt sich und kuscht?«

»Es gefällt ihm zwar nicht, aber er befürchtet, dass seine Jockeylaufbahn davon abhängt, und da könnte er recht haben. Er wollte unbedingt Prince of Troy im Derby reiten, auch wenn das jetzt keine Rolle mehr spielt. Also katzbuckelt er, wenn Ryan ihn sieht, und streckt zwei Finger hoch, sobald er ihm den Rücken kehrt. Lustig wäre das, wenn es nicht so traurig wäre.«

»Sie finden das also traurig?«

»Klar«, sagte sie. »Brüder sollten doch beste Freunde sein, erst recht, wenn sie eng zusammenleben.«

»Sehen Sie auch Susan manchmal?«

»Eher nicht. Sie hat doch nur ihre Kinder im Kopf.«

»Wie alt sind die?«, fragte ich.

»Fünf und zwei. Erst ein Mädchen, dann ein Junge.«

»Wie lange sind Ryan und Susan jetzt verheiratet?«

»Acht Jahre. Genau wie wir. Wir haben zwei Monate nach ihnen geheiratet, obwohl wir’s zuerst angekündigt hatten. Es war, als hätte Ryan auch in dem Rennen nicht Zweiter werden wollen.«

»Haben Sie und Declan Kinder?«, fragte ich ganz unschuldig.

»Nein«, sagte sie abrupt und auf eine Art, dass ich den Eindruck gewann, die Kinderfrage an sich sei ein wunder Punkt. Vielleicht hatte auch das etwas mit der Feindseligkeit zwischen den Brüdern zu tun.

»Vielleicht sehen Sie Susan öfter, wenn die Kinder etwas älter sind.«

»Das bezweif‌le ich«, sagte sie. »Dafür ist das schon zu verfahren.«

»Was ist zu verfahren?«, fragte ich unverblümt.

»Die Geschichte mit Scheich Karim. Ich wünschte, er hätte nie gesagt, dass er Pferde von Ryan zu uns verlegt. Ryan ist fuchsteufelswild. Oliver auch. Sie werfen uns vor, wir hätten sie hintergangen.«

»Stimmt das denn?«

»Nein. Natürlich nicht.«

So ganz wahr hörten sich ihre Worte trotzdem nicht an.

»Sie hatten also keinerlei Kontakt mit dem Scheich?«, sagte ich. »Ich könnte ihn fragen.«

»Beim Guineas-Ball vorigen Monat haben Declan und ich neben ihm gesessen.«

»Und?«, half ich nach.

»Wir tippten an, dass er vielleicht auch ein paar Pferde zu uns schicken könnte, aber wir haben nicht damit gerechnet, dass er zwei Stuten hernimmt, die bei Ryan stehen. Das hätten wir nicht gewollt.«

»Aber angenommen haben Sie sie.«

»Na ja, schon. Sie sind aber noch nicht hier. Wir renovieren gerade ein paar alte Boxen, um Platz zu schaffen.«

»Sie könnten dem Scheich immer noch sagen, dass Sie sie nicht haben wollen.«

Sie sah mich an, als wäre ich verrückt.

»Wie kämen wir dazu? Scheich Karim ist der große Fang im Rennsport. Das weiß jeder. Er ist der nächste Scheich Mohammed.«

»Scheich Mohammed gibt Millionen für seine Pferde aus.« Das wusste selbst ich. »So viel blättert Scheich Karim nicht hin.«

»Das kommt vielleicht noch. Scheich Mohammeds allererster Sieger war eine Stute namens Hatta, die als Jährling ganze sechstausend gekostet hat. Und schauen Sie, wohin das geführt hat. Scheich Karim sagte uns, dass er sich viel stärker im Rennsport engagieren will, und daran möchten wir teilhaben. Eine Zucht will er auch aufbauen.«

Ja, dachte ich, mit Prince of Troy als Stammvater. Ob dieser Plan wegen des Brands auf unbestimmte Zeit verschoben worden war?

In dem Moment kam Declan die Treppe hinunter und in die Küche, das schwarze Haar noch feucht vom Duschen, und er freute sich herzlich wenig, mich zu sehen.

»Was zum Teufel wollen Sie?«, fragte er schroff.

»Der Scheich bat mich nachzusehen, ob hier alles für seine Stuten bereit ist.«

Frei erfunden, aber das konnte Declan nicht wissen.

»Aber ja, natürlich.« Ihm fiel wieder ein, wen ich vertrat. »So gut wie. Bis auf den Bodenbelag. Sollte heute passieren.«

Wir gingen hinten raus auf den Hof, wo seine Leute noch mit Futtereimern und Schubkarren voll verdreckter Holzspäne umhereilten.

»Sie nehmen also kein geschreddertes Papier?«, gab ich mich kundig.

»Manchmal schon«, erwiderte Declan. »Kommt auf den Preis an. Zuletzt bin ich von Schredderpapier auf Holzspäne umgestiegen. Die sind im Moment billiger. Und flattern nicht so rum. Weniger Durcheinander.«

»Ich dachte immer, als Pferdestreu würde Stroh verwendet.«

»Früher war das üblich, aber gutes Stroh ist heutzutage schwer zu bekommen. Für meinen Geschmack ist zu viel Staub drin, und es kann voller Sporen sein. Schlecht für die Atmung.«

Alles richtete sich anscheinend danach, was gut für die Pferde war.

»Wie viele Boxen haben Sie?«, fragte ich.

»Sechsundfünfzig, plus die vier renovierten.«

»Sind Sie voll belegt?«, fragte ich.

»Rappelvoll. Die vier neuen Boxen sind schon zugeteilt, und ich überlege, ob ich zum Auf‌fangen hinten noch einen Reservestall anbaue. Auf meiner Warteliste stehen etliche Besitzer, die sich verstärken wollen. Platzmangel ist mein Hauptproblem.«

»Hat sich der Scheich vorgedrängt?«

»Aber klar doch«, sagte Declan lächelnd. »Dafür hätte ich notfalls jemanden ganz rausgeworfen. Einen wie ihn brauche ich dringend, um auf einen größeren Hof umzuziehen.«

»Warum haben Sie dann seine Pferde warten lassen?«

»Doch nur ein paar Tage. Morgen kommen sie her.«

»Ihrem Vater und Ihrem Bruder gefällt das nicht«, sagte ich.

Er schnaubte eher belustigt als bekümmert. »Pech aber auch!«

Ungeachtet der Worte seiner Frau fragte ich mich, ob Declan den Scheich nicht doch überredet hatte, Ryan die Pferde wegzunehmen.

Wir gingen weiter die Stallreihe entlang, deren Insassen die Köpfe vorstreckten, um sich uns anzusehen. Declan tätschelte ein paar von ihnen, auch einen großen Braunen mit schwarzer Mähne.

»Das ist Orion’s Glory. Mein bisher bestes Pferd.« Declan nahm eine Möhre aus der Tasche und gab sie dem mächtigen Tier. »Dreijähriger Sohn von Sea The Stars.«

Ich sah wohl eher verwirrt als beeindruckt aus.

»Sea The Stars hat das 2000 Guineas, das Epsom Derby und den Prix de l’Arc de Triomphe in ein und demselben Jahr gewonnen.«

»Ach so«, sagte ich. »Ist das ungewöhnlich?«

»Außer ihm hat das noch kein Pferd geschaff‌t. Eines der besten, die es je gab.«

»Besser als Prince of Troy?«, fragte ich.

»Das werden wir nie erfahren«, antwortete Declan ohne erkennbare Gefühlsregung. »Sein Tod ist ein großer Verlust für den Rennsport.«

»Und für Ihren Bruder.«

Wieder schnaubte er. »Der hatte verdammt viel Glück.«

»Pech, meinen Sie doch wohl?«

»Erstens hatte er Glück, dass ihm das Pferd gehört hat«, entgegnete er heftig. »Und zweitens, dass er es dann nicht ruiniert hat.«

»Inwiefern?«, fragte ich.

»Er hat es zu oft laufen lassen. Sechs Rennen sind für einen Zweijährigen viel zu viel.«

»Er hat sie doch alle gewonnen.«

»Das war ja das Dumme. Ryan war so siegversessen, dass er immer wieder aus demselben Brunnen geschöpft hat. Er konnte von Glück sagen, dass der Hengst nicht schon vor dem Start im Guineas am Ende war. Die beiden Derbysieger Golden Horn und Galileo sind als Zweijährige nur je einmal gestartet, und zwar erst im Oktober. Ryan hat einfach den Hals nicht vollgekriegt.«

»Und Ihr Orion’s Glory?«, fragte ich. »Wie oft ist er gestartet?«

»Zweimal in der vorigen Saison und jetzt erst einmal. Sein nächstes Rennen ist das Derby, stimmt’s, Junge?« Wieder tätschelte er den straffen, muskulösen Hals des Pferdes. »Sollte auch eine verdammt gute Chance haben, jetzt, wo Prince of Troy nicht mehr dabei ist.«

Wie praktisch, dachte ich.

 

Declan und ich gingen zum anderen Ende des Hofs, wo zwei Handwerker damit beschäftigt waren, den neuen Boden in der letzten Box zu verlegen.

»Wie läuft’s?«, fragte Declan.

»So gut wie fertig«, kam die Antwort. »Wir kleben nur noch die letzten Matten an. Bis heute Nachmittag ist alles klar.«

»Gut«, sagte Declan. »Besten Dank.« Er wandte sich an mich. »Ich probier’s mit Gummi. Weniger Verletzungsgefahr als bei Beton und angeblich thermisch ef‌fizienter. Das sollte es bei dem Preis aber auch sein.«

»Nur das Beste für die Pferde des Scheichs«, stimmte ich bei.

Declan schüttelte den Kopf. »Seine zwei kommen in den Hauptstall, zu den anderen Stuten. Hier sollen Hengste stehen. Die verletzen sich öfter, wenn sie mit den Hufen gegen den Boden schlagen.«

Ich hatte keine Zweifel, dass Declan sich auf sein Geschäft verstand. Er war höf‌lich, aber bestimmt gegenüber seinen Mitarbeitern und bewies eine echte Zuneigung zu seinen Pferden, die er reihum tätschelte und mit Möhren aus dem scheinbar unerschöpf‌lichen Vorrat in seinen Jackentaschen fütterte.

»Hier«, sagte er und hielt mir vor einer Box eine Möhre hin. »Geben Sie ihm die.«

Ich zögerte, und Declan bemerkte wohl meinen Gesichtsausdruck.

»Sie haben doch nicht etwa Angst vor ihm?«, sagte er mit einer Mischung aus Belustigung und Schadenfreude.

»Nein, natürlich nicht.« Ich hatte weniger vor »ihm« Angst als vor seinen Zähnen, einer Reihe großer weißer Grabsteine, die soeben geräuschvoll eine Mohrrübe zu Brei zermalmten. Mir lag nichts daran, einem geschenkten oder ungeschenkten Gaul ins Maul zu sehen, aber so leicht gab Declan nicht auf.

»Halten Sie dem Pferd die Möhre auf der flachen Hand hin, und es nimmt sie sich.« Er machte es mir vor. »Na los. Wird schon.«

Da er ein Nein offensichtlich nicht gelten ließ, nahm ich wie angewiesen eine Möhre und zwang mich, die rechte Hand auf das Tier zuzubewegen, während sich mein übriger Körper von ihm weglehnte.

Ich spürte den Atem des Pferdes auf der Haut und dann ein Kitzeln, als es das Maul auf meine Hand legte. Die Möhre wurde eher durch die Lippen als wie erwartet mit der Zunge ins Maul befördert, und meine Hand blieb trocken und leer zurück.

Declan lachte.

»Hatten Sie noch nie mit Pferden zu tun?«, fragte er mit ungläubigem Staunen.

»Noch nie«, sagte ich und zählte im Stillen nach, ob meine Finger noch alle da waren und keiner auf demselben Weg verschwunden war wie die Möhre.

»Auch nicht als Kind mit einem Pony?«

»Nein.«

Tatsächlich hatte ich immer eine Heidenangst vor Pferden gehabt, seit ich als Sechsjähriger auf dem Jahrmarkt in Totnes erlebt hatte, wie eins durchgedreht war. Der abgeworfene Reiter war auf die Straße gestürzt und mitgeschleift worden, da sein Fuß noch im Steigbügel steckte. Wie der Kopf des armen Mannes bis hinunter zur Fore Street immer wieder auf dem Asphalt aufschlug, sehe ich heute noch vor mir.

»Ich bin etwas allergisch gegen Pferde«, sagte ich. »Asthma.« Und bemühte mich ernsthaft, ein wenig zu keuchen.

Es stimmte zwar nicht, aber es war eine Notlüge, die ich seit vielen Jahren benutzte, um ihnen aus dem Weg zu gehen. Meistens klappte es.

»Entschuldigung«, sagte er, wenn ich auch nicht genau wusste, wofür.

Wir gingen weiter die Ställe entlang.

Einer war leer, und die Tür stand weit offen.

»Jackbarrow«, sagte Declan zur Erklärung. »Er läuft heute Nachmittag in Beverly. Am frühen Morgen ist er los.«

»Fahren Sie hin?«, fragte ich.

»Ach was«, sagte er entschieden. »Ich habe meinen Futtermeister mitgeschickt.«

»Ist das üblich?«

»Ich fahre zu den Rennen in Newmarket und natürlich zu allen großen Meetings – Ascot, York, Epsom, Chester, Goodwood und so weiter –, aber hauptsächlich, um präsent zu sein und zur Kontaktpflege. Pferdetraining ist mein Job, ich setz mich nicht drei Stunden hin und drei zurück ins Auto, nur um einen Sattel aufzulegen. Hier bin ich besser aufgehoben.«

»Müssen Sie dem Jockey keine Anweisungen geben?«

»Das hab ich gestern Abend telefonisch gemacht. Und ich sehe mir das Rennen im Fernsehen an, damit ich weiß, dass er sie befolgt.« Er lächelte breit, und ich war mir sicher, dass er dem fraglichen Jockey das Gleiche gesagt hatte.

»Noch einen Kaffee?«

»Gern.«

Er führte mich jedoch nicht wieder ins Haus, sondern in sein Stallbüro, das offensichtlich aus den letzten beiden Boxen einer Stallreihe hervorgegangen war.

Vor der Tür standen zwei große, halb mit Möhren gefüllte blaue Plastikfässer.

»Bellas Bruder baut in Norfolk Karotten an«, sagte Declan. »Die hier sind für die Supermärkte zu krumm.«

Er beugte sich vor und füllte seine Jackentaschen auf, ehe er hineinging. Ich folgte ihm.

»Hi, Chrissie«, sagte er. »Das ist …« Er hielt inne. »Pardon.«

»Harry Foster«, sagte ich.

Chrissie war eine füllige Frau um die fünfzig, die an einem der drei Schreibtische saß. Sie stand auf, und wir gaben uns die Hand, während Declan den Wasserkocher anstellte und Instantkaffee in Becher löffelte.

»Ärgern Sie sich nicht«, sagte Chrissie. »Meinen Namen vergisst er auch oft. Wie ein Pferd heißt, nie. Ich denke manchmal, er ist selber halb Pferd. Unterhält sich mit ihnen in einer Sprache, die sie offenbar verstehen.« Sie lächelte und warf Declan einen bewundernden Blick zu, ehe sie wieder daranging, farbige Magnetstreifen an eine kunststoff‌überzogene Metalltafel zu heften. Jeder Farbstreifen war mit einem Namen in schwarzen Großbuchstaben bedruckt.

»Was machen Sie da?«, fragte ich.

»Die Lots für morgen. Wer was reitet, wo und wann. Die blauen Streifen sind unsere Pfleger und Arbeitsreiter. Rot sind die Zweijährigen, Weiß die Dreier, und die Gelben sind ältere Pferde.«

Es gab viel mehr rote und weiße Streifen als gelbe.

»Was passiert, wenn die Pferde älter als drei werden?«, fragte ich.

»Ein paar gute halte ich auch mit vier noch in Training, und eins oder zwei werden als Deckhengst eingestellt, aber die anderen kommen in die Auktionen für Pferde in Training. Die meisten laufen dann Rennen auf dem Festland, manche kommen auch in Hindernisställe. Die Flachrennen hier bei uns sind hauptsächlich für Zwei- und Dreijährige.«

»Sie müssen also immer wieder neue finden.«

»Unbedingt«, sagte er. »Fast mein halber Stall wird jährlich neu besetzt. Auf den Jährlingsauktionen den nächsten Schwung zusammenzustellen, nimmt eine Menge Zeit in Anspruch. Es ist vielleicht das Wichtigste an dem Job.«

Ich sah Chrissie weiter beim Anordnen der Magnetstreifen zu. Den blauen Reiter-Namensschildern standen drei Säulen für die drei Lots der ihnen zugeteilten Pferde gegenüber.

»Manche Trainer machen das jetzt am Computer«, sagte Declan und reichte mir meinen Kaffee. »Mir ist die alte Methode lieber. Da wird kein Pferd versehentlich übergangen, weil es sofort auf‌fällt, wenn ein Streifen keinem Reiter zugeordnet ist.«

»Kommen alle Pferde täglich raus?«, fragte ich.

»Täglich außer sonntags«, antwortete er. »Was man in sechs Tagen nicht schaff‌t, packt man auch in sieben nicht.« Er lachte. »Unsere Starter für Montag und Dienstag bekommen sonntags morgens einen Spritzer, aber damit hat es sich. Danach ist Ruhetag.«

»Kommen die Pferde nie nachmittags raus?«, fragte ich.

»Manchmal lasse ich auch welche nachmittags bewegen. Hängt oft davon ab, ob jemand da ist, der sie reitet, oder ob ich Turfspionen ausweichen will.«

»Turfspione?«

»Newmarket ist eine Hochburg der Wetttippgeber – der Turfspione. Sie stehen da und beobachten die Pferde auf dem Trainingsgelände – die erkennen sie auf einen Blick – und verkaufen dann per Bezahltelefon ihre Tipps an Zocker. Da oben wimmelt es von ihnen, besonders mittwoch- und samstagmorgens.«

»Arbeitstage«, sagte ich.

Er sah mich scharf an. »Sie lernen schnell.«

»Oliver hat es mir gesagt.«

»Aber ich halte mich nicht daran. Ich lasse die Pferde auch an anderen Tagen arbeiten.«

»Um den Turfspionen zu entgehen?«

»Eigentlich nicht. Ich finde es einfach praktischer, sie breiter zu verteilen, als zweimal die Woche einen Haufen Arbeitsreiter kommen zu lassen. Wer den Spionen wirklich entgehen will, trainiert sein Pferd am besten, wenn keiner von ihnen zuschaut.«

»Nachts?«

Declan lachte. »So verrückt bin ich nicht. Renngalopp im Dunkeln ist lebensgefährlich. Den Quatsch überlässt man am besten Dick Turpin und Black Bess. Nein. Man macht es wie ich vor zehn Tagen. Um Punkt fünf nach halb vier ging auf dem Limekilns-Trainingsgelände mein privates Probederby über die Bühne: Orion’s Glory gegen meine zwei besten Vierjährigen über die vollen 2400  Meter. Zum Ende hin hat er sie stehen lassen, als liefen sie rückwärts, und die Turfspione waren wie alle anderen auch auf der Rennbahn, um Prince of Troy bei seinem Sieg im 2000 Guineas zu bewundern.« Noch einmal lachte er darüber, wie er den Feind ausgetrickst hatte. »Behalten Sie das aber bitte für sich!«

»Warum war es denn so wichtig, nicht gesehen zu werden?«

Ein strenger Blick. »Wegen der Quoten, Mensch!«

Ich sah ihn verständnislos an.

»Hören Sie«, sagte er. »Nehmen wir an, ich halte Orion’s Glory für ein ganz besonderes Pferd, so besonders sogar, dass ich ihm den Derbysieg zutraue. Und das tu ich. Er hat sich rasant entwickelt seit dem Lauf in Doncaster vorigen Monat. Wirklich gut zugelegt hinten. Auf keinen Fall will ich, dass jetzt ein Haufen Turfspione ihn aller Welt als Tipp verkauft und die Eventualquote runterbringt oder ihn jetzt, wo Prince of Troy tot ist, gleich zum Favoriten macht.«

Ich nahm an, er wollte auf ihn wetten, aber das war offenbar nicht der einzige Grund.

»Wenn andere Trainer denken, dein Pferd hat gute Chancen, versuchen sie, dir einen Strich durch die Rechnung zu machen. Orion’s Glory soll die Überraschung des Rennens werden – antreten und siegen, weil niemand mit ihm rechnet, weil die Favoriten sich alle gegenseitig in Schach halten.«

»Für morgen fehlt uns noch ein Arbeitsreiter«, unterbrach ihn Chrissie. »Zweites Lot. Jamie muss nach York. Er reitet im ersten.«

»Ruf Bob Cox an«, sagte Declan. »Frag ihn.«

»Hab ich schon«, erwiderte Chrissie. »Er kann nicht wegen einer Knöchelverletzung.«

»Hast du’s bei Colin Noble versucht?«

Chrissie griff zum Telefon.

»Wer sind die Arbeitsreiter?«, fragte ich.

»Vorwiegend aktive und ehemalige Jockeys. Die meisten Trainer haben ihre Stammleute, aber mittwoch morgens stehen am Eingang der Rowley Mile immer etliche bereit, die auf einen Ersatzritt und einen Zahltag hoffen. Auf die greife ich wenn nötig manchmal zurück. Muss ich morgen vielleicht auch.«

»Könnten Sie nicht selbst einspringen?«

»Wenn es dick kommt – so wie heute –, mach ich das zwar, aber ich kann sie nicht gleichzeitig reiten und beobachten.«

Arabella kam ins Stallbüro.

»Peter Robertson hat mich angerufen«, sagte sie. »Zoe ist anscheinend wieder verschwunden.«

Ich sah zufällig gerade Declan an, und er wurde kreidebleich, als ihm bei ihren Worten das Blut aus dem Gesicht wich.