9

I ch verbrachte den Abend im Hotel, wünschte, ich wäre woanders und dachte dabei an Catherine/Kate Logan. In der Annahme, dass sie wirklich Catherine Logan hieß und nicht Kate Dingsda war, mit einem Mann und vier Kindern im Schlepptau.

Hätte ich mir bloß ihre Telefonnummer geben lassen!

Ich stellte sie mir bei dem Geburtstagsdinner vor, wie sie Wein trank und sich amüsierte, und wäre so gern dabei gewesen.

Stattdessen saß ich allein im Speiseraum des Hotels und schob geistesabwesend das Essen auf dem Teller herum, bis ich es aufgab und nach oben in mein Zimmer ging.

Das rote Blinken des Anruf‌beantworters neben dem Bett hob kurz meine Stimmung. Ich hechtete förmlich zum Telefon, um abzunehmen, doch meine Freude verflog, denn die Nachricht war nicht von Kate. Sie war von Ryan, der mich einlud, am nächsten Morgen auf dem Trainingsgelände den Pferden des Scheichs bei der Arbeit zuzuschauen.

»Kommen Sie spätestens um sechs zum neuen Hof«, sagte die aufgezeichnete Stimme.

Ein Blick auf die Uhr. Zehn nach neun. Offensichtlich Zeit fürs Bett.

Ich war seit jeher so etwas wie eine Nachteule, und mein Umzug vom ländlichen Devon nach London hatte mir die Augen für die Freuden langer Nächte im Westend geöffnet. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich zuletzt vor elf, geschweige denn vor zehn im Bett gelegen hatte. Als Pferdepfleger wäre ich völlig untauglich gewesen. Ich hätte nicht nur Angst vor den Pferden gehabt, sondern wäre auch nicht rechtzeitig aus den Federn gekommen, um sie zu bewegen.

 

Diesmal jedoch stand ich in meinen warmen neuen Sachen – Stiefel, Socken und Mantel – pünktlich am Mittwoch um 5 :55 Uhr auf Ryans neuem Hof.

»Morgen, Harry«, strahlte Ryan mich an. »Schön, dass Sie gekommen sind.« Er eilte von Box zu Box, sah nach dem Rechten, und ich trabte hinter ihm her. »Zum alten Hof kommt man von hier aus immer noch nicht«, klagte er. »Wir müssen über die Straße gehen. Verdammt ärgerlich.«

Eine Leiche auch, dachte ich bei mir, ließ es aber stecken.

Wenn ich in den vergangenen zwei Tagen eines gelernt hatte, dann, dass die guten Leute von Newmarket viel mehr um die sieben toten Pferde als um den toten Menschen trauerten.

Diese Einstellung konnte ich nur schwer nachvollziehen. Trauerten sie auch um die Kuh, die gestorben war, um ihnen das Roastbeef für ihren Sonntagstisch zu bescheren? Natürlich nicht. Und auch Pferde waren nur Tiere, oder?

Offensichtlich nicht.

Pferde waren für sie etwas anderes. Sie waren wie Familienangehörige, von allen geliebt und bewundert, ungeachtet ihrer eigentlichen Besitzer und Trainer; Menschen dagegen waren bloß … Menschen, mit all ihren Fehlern und Mängeln.

»So«, sagte Ryan und klopf‌te mir freundlich auf den Rücken. »Auf geht’s, sonst verpasse ich meinen Termin.«

Wir eilten die Straße entlang zum Haus und durch das alte Hof‌tor, hinter dem das blau-weiße Absperrband seit gestern etwas zurückgewichen war.

»Ist Janie schon da?«, fragte ich.

Ryan sah mich an, als fände er die Frage seltsam, was ich ihm wohl nicht verdenken konnte.

»Sie fängt erst um halb acht an«, sagte er.

Oliver wartete bereits im Land Rover auf uns.

»Morgen, Harry«, sagte er und gab mir über die Vordersitze hinweg die Hand. »Schön, dass Sie mitkommen.«

Ryan und Oliver erschienen mir ungewohnt freundlich, noch dazu so früh am Tag. Ich fragte mich, ob ich das Ziel einer Charmeoffensive war. Hatten sie ausgetüftelt, dass die Pferde des Scheichs am ehesten zu halten seien, wenn man nett zu seinem Vertreter war?

Ryan bog vom Hof links auf die Bury Road ab.

»Heute sind wir auf den Limekilns«, sagte er. »Schnelle Galopps über zwölfhundert oder vierzehnhundert Meter. Einige gehen sechzehnhundert.«

»Wonach entscheiden Sie, welches Pferd welche Distanz geht?«, fragte ich, auch wenn ich befürchtete, damit nur wieder meine Unwissenheit zu offenbaren.

»Die Zweijährigen laufen kürzer, die Dreijährigen länger«, sagte Oliver, ohne sich erkennbar an der naiven Frage zu stören.

Wir bogen von der Straße auf einen schon halb mit Fahrzeugen vollgestellten Parkplatz. Am Geländer stehende Männer hielten Ferngläser und Notizbücher bereit.

»Verdammte Spione«, sagte Oliver.

Zu dritt duckten wir uns unterm Geländer durch, gingen über das Gras und hielten schließlich an einem Stück des hügeligen Geländes, das über seine ganze Länge in einhundert-Meter-Abständen durch paarweise angeordnete, jeweils etwa acht Meter voneinander entfernte, kleine weiße Scheiben markiert war.

»Sie verschieben die Bahnen jeden Tag ein Stück«, sagte Oliver. »Damit der Rasen nicht zu sehr malträtiert wird.«

»Wer ist ›sie‹?«, fragte ich.

»Der Jockey Club. Ihm gehört das Gelände. Wir bezahlen eine Gebühr für die Benutzung.«

Ryan trat zur Seite und sprach in sein Handy.

»Früher hatten wir Walkie-Talkies«, sagte mir Oliver. »Aber da hörten die Spione mit. Handys sind besser. Geschützter. Die Listen haben wir vorab gemacht. Ryan sagt ihnen nur, sie sollen loslegen.«

Wir schauten zu, wie eine Gruppe von vier nebeneinander galoppierenden Pferden auf uns zukam. Ryan und Oliver beobachteten sie genau durch ihre Ferngläser.

»Wonach schauen Sie?«, fragte ich Oliver, als die vier an uns vorbeidonnerten und am Ende ihres Laufs langsamer wurden.

»Hauptsächlich wollen wir sehen, wie sie im Verhältnis zur übrigen Gruppe abschneiden. Wir wissen, wie gut einer oder zwei sind, und messen die anderen daran.«

Vier Neue kamen die Strecke entlang auf uns zu. Wieder hob Oliver sein Fernglas.

»Zwei von denen gehören Scheich Karim«, sagte er. »Der außen und der Zweite von innen.«

Sogar ich sah, dass einer der vier Mühe hatte mitzuhalten. Zum Glück war es keiner vom Scheich.

»Zwecklos«, sagte Ryan enttäuscht, als sie an uns vorbeizogen. »Sollte nächste Woche laufen. Das lassen wir mal. Es wäre peinlich.«

»Und was machen Sie jetzt mit ihm?«

»Härter rannehmen. Wenn das nichts bringt, wird er verkauft, auch wenn ihn nach dem Auf‌tritt hier keiner mehr haben will.«

»Woher soll das jemand wissen?«, fragte ich.

»Von denen da«, und Ryan winkte verächtlich zu den bei ihren Wagen stehenden Männern hin. »Die verschnattern alles.«

Ein weiteres Pferdequartett kam die Bahn entlang.

»Der auf unserer Seite ist Arab Dancer«, sagte Oliver. »Auch einer von Scheich Karim. Zweijähriger. Feiner Hengst.«

Ich fragte mich, wie er die auseinanderhalten konnte. Für mich sahen sie alle gleich aus, besonders von vorn.

»Erkennen Sie die alle auf Anhieb?«, fragte ich.

»So ziemlich«, sagte Oliver. »Ich erkenne Pferde, wie Sie Menschen erkennen. Von Lester Piggott wird oft behauptet, er hätte jedes jemals von ihm gerittene Pferd erkannt, wenn es bei einem Regenschauer von ihm wegging.« Er lachte. »Nur die Besitzer bekam er nicht auf die Reihe. Das Pferd von heute ist allerdings einfach, Tony reitet es.«

Als die Pferde herankamen, erkannte ich Tony auf Arab Dancer. Wie die anderen Reiter stand er mit leicht gebeugten Knien in den Steigbügeln, den Körper beinah waagerecht über den Hals des Pferdes vorgereckt. So fungierten die Beine als Stoßdämpfer, fingen die ruckartigen Bewegungen des galoppierenden Pferdes unter ihm ab, und es sah aus, als glitten Tonys Kopf und Körper in unbemühter Leichtigkeit voran.

Die vier Pferde schossen an uns vorbei, dass der Boden unter meinen Füßen von ihrem Hufschlag auf dem Gras erzitterte. So roher Kraft so nah zu sein hatte ohne Frage etwas unerhört Aufregendes.

Mit Arab Dancer schienen sowohl Ryan als auch Oliver zufrieden zu sein.

»Er entwickelt sich gut«, sagte Ryan. »Bei seinem Debut in Newbury letzten Monat ist er Zweiter geworden. Nächste Woche schick ich ihn vielleicht nach Chester. Danach interessiert uns das Coventry Stakes.« Seinem Ton nach hätte mir das Coventry Stakes ein Begriff sein sollen. »Es wäre schön, wenn Scheich Karim ihn dort laufen sehen könnte.«

»In Coventry?«, fragte ich.

Ryan und Oliver lachten laut. Offenbar hatte ich etwas völlig Falsches und sehr Lustiges gesagt. »Nein. Bedaure, Harry. Das Coventry Stakes wird am ersten Tag in Ascot ausgetragen. Es ist das Spitzenrennen für Zweijährige dort.«

Vielleicht bedauerten sie es ja, aber das hielt sie nicht davon ab weiterzulachen, bis das nächste Pferdequartett schließlich ihre Aufmerksamkeit beanspruchte.

»Okay, so weit das erste Lot«, sagte Ryan, als die letzte Gruppe an uns vorbeizog. »Gehen wir einen Kaffee trinken.«

Wir liefen übers Gras zum Land Rover zurück, und beim Einsteigen kicherten die beiden immer noch.

So lustig war es doch wohl auch wieder nicht, dachte ich. Bei dem Namen hätte sich jeder irren können. Wie bei der Fetthenne, die kein Huhn ist, der Blindschleiche, die nicht blind ist, und dem Hotdog, der kein Hundefleisch enthält.

»Was macht denn ein gutes Rennpferd aus?«, fragte ich. »Kommt es eher auf die Abstammung oder aufs Training an?«

»Beides«, erwiderte Oliver. »Die Abstammung ist wichtig. Ein Pferd aus schlechter Zucht lässt sich durch Training kaum in einen erstklassigen Sieger verwandeln, aber umgekehrt geht’s. Und die Zucht ist nicht alles. Spitzenpferde müssen das richtige Temperament, die richtige mentale Einstellung haben.«

»Mentale Einstellung?«, fragte ich erstaunt.

»Absolut. Sie brauchen Siegeswillen. Es gibt eine Menge guter Pferde, die sich einfach nichts daraus machen, um die Wette zu laufen. Ursprünglich waren Pferde in Herden lebende Beutetiere mit ausgeprägtem Fluchttrieb, wie Zebras es immer noch sind. Manchen genügt es, in der Herde mitzulaufen, andere wollen sie anführen. Speziell diese Einstellung kann aus einem guten Pferd einen Champion machen. Wie der große italienische Vollblutzüchter Federico Tesio mal gesagt hat: ›Ein Pferd galoppiert mit der Lunge, hält durch mit dem Herzen und siegt mit dem Charakter.‹«

»Mit seinen Beinmuskeln aber auch, oder?«

»Die lassen sich antrainieren«, sagte Oliver. »Ohne ein starkes Herz und eine gute Lunge bringt das aber nichts. Ein ruhendes Pferd atmet rund zwölfmal in der Minute, ähnlich wie ein ruhender Mensch, aber auf der Trainingsbahn atmet es bei jedem Schritt. Durch seine Beinarbeit bewegt sich das Zwerchfell wie ein Kolben auf und ab und drückt in hohem Tempo Luft in die Lunge und wieder raus. Hundertvierzig Atemzüge pro Minute im vollen Galopp. Sechzig Liter Luft pro Sekunde. Vergleichen Sie das mit Usain Bolt. Er holt auf der gesamten Hundertmeterstrecke nur ein- oder zweimal Luft. Ein Pferd braucht also ein großes Herz, um den ganzen Sauerstoff‌ durch den Körper zu den Muskeln zu befördern. Was meinen Sie, wie groß Ihr Herz ist?«

»Ich habe keine Ahnung«, sagte ich lächelnd. »Solange es pumpt, mache ich mir darüber keine Gedanken.«

»Rund zweihundertfünfzig Gramm wiegt’s«, sagte er. »So groß wie eine geballte Faust.« Zur Veranschaulichung ballte er seine. »Und wie groß ist das Herz eines Rennpferds?«

»Keine Ahnung«, sagte ich. »Größer vermutlich, weil es ein größeres Tier ist.«

»Fünf Kilo im Schnitt«, sagte Oliver. »Zwanzigmal so viel wie ein Menschenherz. Größer als ein Basketball. Und bei einem Rennen kann es weit über zweihundertmal in der Minute schlagen.«

»Erstaunlich.«

»Das Herz von Secretariat war sogar noch größer, doppelt so groß wie normal.«

»Secretariat?«

»Fabelhaftes Pferd. Hat in den 1970 ern in den USA die Triple Crown gewonnen. Hält immer noch die Zeitrekorde für alle drei Rennen.«

Was das Triple Crown war, fragte ich lieber nicht. Ich hatte angenommen, es habe etwas mit Rugby zu tun, aber das stimmte wohl nicht.

»Und Rennpferde kennen noch einen anderen Trick«, sagte Oliver. »Bei der Arbeit pressen sie die Milz zusammen, das bringt noch mal fünfzehn Liter konzentrierte rote Blutkörperchen in ihren Kreislauf, wodurch die Zahl der Sauerstoff‌träger mehr als verdoppelt wird.«

»Bemerkenswert«, sagte ich.

»Allerdings.«

Ryan fuhr zum Tor hinein und parkte an der Tür des Stallbüros.

Ich sah auf die Uhr. Viertel nach sieben. Immer noch eine Viertelstunde, bis Janie zur Arbeit kam.

Wir gingen durch das leere Büro zur Küche, wo Oliver Instantkaffee in drei Tassen löffelte.

»Das zweite Lot geht in einer halben Stunde raus«, sagte mir Ryan. »Sie können gern mitkommen.«

»Sind wieder Pferde des Scheichs dabei?«

»Heute nicht«, sagte Ryan. »Eins läuft am Freitag in Newbury, daher macht’s heute nur einen leichten Galopp. Ein anderer Hengst von ihm lahmt ein wenig.«

»Er lahmt?«, fragte ich besorgt.

»Kein Grund zur Beunruhigung. Kleiner Abszess am rechten Hinterhuf, weiter nichts. Der Tierarzt war da und hat ihm Antibiotika gegeben. Nächste Woche ist er wieder auf dem Damm.«

»Und die beiden Stuten?«, fragte ich.

»Die trainier ich nicht«, antwortete Ryan entschieden. »Vergebliche Mühe.«

Ich konnte mir vorstellen, dass die beiden Stuten einfach unbeschäftigt in ihrem Stall stehen gelassen worden waren, seit der Scheich angedeutet hatte, sie verlegen zu wollen. Ich fragte mich, ob sie ausgemistet oder auch nur gefüttert worden waren.

»Dann lasse ich Ihr zweites Lot mal aus«, sagte ich.

»In Ordnung«, sagte Ryan und trank seinen Kaffee. »Ich geh jetzt den Hof ab. Wir sehen uns sicher nachher noch, Harry. Dad, bis gleich im Land Rover.«

Er stand auf, kam jedoch nicht allzu weit.

Es klopf‌te laut an der Tür. Ryan und ich warteten in der Küche, während Oliver öffnen ging.

Wenig später kam er mit Detective Chief Inspector Eastwood zurück, der zu mir rübersah und mich mit einem Nicken grüßte.

Oliver war aschfahl.

»Was ist denn?«, fragte Ryan und packte seinen Vater am Arm.

Oliver schwieg. Er winkte nur matt ab und ließ sich mit gesenktem Kopf schwer auf einen Stuhl sinken.

»Wir haben die Brandleiche identifiziert«, sagte der Inspector zu Ryan. »Tut mir leid, Mr Chadwick. Es war Ihre Schwester Zoe.«

Ryan stand da und starrte den Inspector an.

»Das geht doch nicht«, sagte er. »Das muss ein Irrtum sein.«

»Es ist kein Irrtum«, sagte der Kriminalbeamte. »Wir haben die DNA der Leiche mit der von uns gespeicherten DNA Ihrer Schwester abgeglichen. Sie stimmen völlig überein.«

Ryan stand da wie in Trance.

»Gespeichert?«, fragte ich. »Wieso hatten Sie denn Zoes DNA gespeichert?«

Der Inspector trat näher zu mir.

»Zoe Robertson wurde voriges Jahr festgenommen«, sagte er leise. »Wie üblich wurde dabei ihre DNA erfasst und in der UK National Database gespeichert.«

»Festgenommen?« Oliver hatte es gehört und hob den Kopf. »Weshalb?«

»Brandstiftung.«