27

A ls Oliver von dem Fohlen im Gestüt bei Cheveley zurückkam, wurde er von seiner Frau in der Küche mit eisigem Schweigen begrüßt.

Ich war auch da.

»Was ist los?«, fragte er ob des kühlen Empfangs.

Da Maria weiterschwieg, zündete ich für sie die erste Blendgranate.

»Maria fragt sich, warum Sie monatlich fünfhundert Pfund an Zoe und Peter Robinson überwiesen haben.«

Hatte ich ihn bei meiner Frage, warum Ryan Declan das Nasenbein gebrochen habe, zusammenzucken sehen, so war das nichts dagegen, wie er jetzt reagierte.

Das Blut wich ihm aus dem Gesicht, er taumelte kurz und stützte sich an einem Stuhl ab.

Sein Verstand funktionierte aber offensichtlich noch.

»Für meine Enkelkinder natürlich.« Er gewann etwas von seiner Fassung wieder. »Ich kann sie ja nicht dafür bestrafen, dass ihre Mutter ein Tramp war.«

Maria war jedoch keineswegs besänftigt.

»Du Scheißkerl«, schrie sie. »Mir sagst du, wir sind so knapp dran, dass ich mir nicht mal die Haare machen lassen kann, und dabei schmeißt du mit Geld um dich. Soll das heißen, die Bälger sind dir wichtiger als ich?«

Oliver wandte sich mir zu, und zum ersten Mal überhaupt bekam seine höf‌liche Fassade einen Riss.

»Verschwinden Sie aus meinem Haus«, sagte er wütend.

 

Ich nutzte meinen »taktischen Rückzug«, wie ASW es genannt hätte, um im Bedford Lodge Bilanz zu ziehen und mir den nächsten Schritt zu überlegen.

Als Erstes rief ich DCI Eastwood an.

»Danke für die Krankenakte«, sagte ich. »Gibt es da noch mehr? Sie scheint mir unvollständig.«

»So haben wir sie von ihrem Arzt bekommen«, sagte er.

»Könnten Sie nachfragen, ob da noch mehr ist? Hier fehlen Details zu allem, was über zehn Jahre zurückliegt.«

Ich hörte ihn seufzen. »Ich habe auch noch anderes zu tun. Um zu klären, ob entfernt die Möglichkeit eines natürlichen Todes besteht, haben Sie doch wohl genug.«

»Es wäre Nachlässigkeit meinerseits, wenn ich nicht alles verfügbare Material prüfen würde.« Dies im Ton des gelernten Strafverteidigers.

»Ich frage meinen Sergeant«, sagte er resigniert. »Er hat die Akte ja besorgt.«

»Gut«, sagte ich. »Ich warte.«

Er hatte wohl nicht vorgehabt, seinen Sergeant auf der Stelle zu fragen, aber ich ließ ihm kaum eine Wahl.

»Okay«, sagte er noch resignierter. »Ich gehe ihn gleich fragen und melde mich dann.«

Widerstrebend legte ich auf, doch der Chief Inspector hielt Wort und rief innerhalb von zehn Minuten zurück.

»Wir haben offenbar auch noch Unterlagen auf Papier«, sagte er.

»Könnte man die scannen und mir zusenden?«

»Das scheint ganz schön viel zu sein. Können Sie nicht einfach vorbeikommen und sie hier durchsehen? Das spart uns Zeit und Mühe, und beides ist kostbar.«

Ressourcenknappheit mal wieder, dachte ich.

»In Ordnung«, sagte ich. »Was meinen Sie mit hier?«

»Das Ermittlungszentrum in Bury St Edmunds. Das vorübergehende in Newmarket haben wir geschlossen.«

»Ich komme gleich hin.«

Besser so, damit er es sich nicht noch anders überlegte.

»Fragen Sie nach DS Venables. Er erwartet Sie.«

Ich scheuchte meinen Fahrer und seinen Mercedes auf, und bald waren wir auf dem Weg nach Bury St Edmunds.

Warum ich Zoes Krankenakte für so wichtig hielt, weiß ich selbst nicht. Vielleicht, weil Yvonne Kate erzählt hatte, Oliver habe Zoe zwangseinweisen lassen, und dass das in ihren Akten auf‌tauchte.

Hatte Oliver gelogen, damit Zoe in der Psychiatrie weggesperrt werden konnte? Wurde er damit erpresst? Aber würde er wirklich fünfhundert Pfund im Monat zahlen, damit das geheim blieb? Wohl kaum, nachdem so viele Jahre vergangen waren.

DS Venables führte mich durch einen fensterlosen Gang in ein Zimmer mit einem runden Tisch und vier Stühlen. Auf dem Tisch stand ein Karton mit einer Reihe vorn mit einem Formular bedruckter Umschläge.

»Lloyd-George-Umschläge nennt man die anscheinend«, sagte der DS ausdruckslos. »Nach dem Politiker, der sie eingeführt hat. Inzwischen durch Computer verdrängt.«

Er lehnte sich an die Wand und steckte die Hände in die Hosentaschen, während ich mich an den Tisch setzte und nach dem Karton griff.

»Ich finde das nicht gut«, sagte der Sergeant.

»Was finden Sie nicht gut?«, fragte ich.

»Dass mein Chef Sie diese Unterlagen einsehen lässt.«

»Wieso nicht?«

»Ist doch klar«, sagte er. »Warum sollen wir der Verteidigung helfen?«

»Ich dachte, wir wären beide an Gerechtigkeit interessiert.«

Er schnaubte missbilligend. Ihm ging es offenbar nur um eine Verurteilung.

»Wonach suchen Sie denn?«

»Das weiß ich noch nicht«, sagte ich. »Erst, wenn ich’s finde.«

Der Karton enthielt vier Lloyd-George-Umschläge, alle vollgestopft mit gefalteten Papieren. Sie waren mit den Nummern 1 bis 4 versehen und chronologisch geordnet. Ich fing mit Umschlag 1 an und leerte seinen Inhalt auf den Tisch.

»Sie müssen nicht bleiben«, sagte ich zu DS Venables. »Ich lasse nichts mitgehen. Ich möchte nur alles lesen.« Ich nahm mein Handy aus der Tasche und legte es auf den Tisch. »Was ich mir später noch mal ansehen möchte, fotografiere ich einfach.«

Widerstrebend stieß sich der Sergeant mit den Ellbogen von der Wand ab.

»Ich komme in einer halben Stunde wieder.«

»Lieber in einer Stunde«, sagte ich. »Das hier ist viel. Ich verspreche Ihnen, dass ich mich nicht aus dem Staub mache.«

Er ging und schloss die Tür hinter sich.

Ich war überrascht, wie viele Informationen in unseren Krankenunterlagen erfasst sind und wie sie uns auf unserem Lebensweg von einer Arztpraxis zur nächsten folgen. Eine Tabelle vorn auf dem ersten Umschlag bot mehreren Adressen Platz, und bei Zoe waren drei verschiedene Adressen sowie fünf Ärzte aufgelistet und datiert.

Ich fing vorne an zu lesen.

Zoe Chadwick war bei ihrer Geburt 51  Zentimeter lang gewesen und hatte 3 ,8  Kilo gewogen. Jeder Arztbesuch war vermerkt, das Datum ihrer Schutzimpfungen ebenso notiert wie ihr Gewicht bei jedem Krankenhaustermin nach der Geburt.

Insgesamt war Zoe im ersten Lebensjahr dreizehnmal zum Arzt gebracht worden und im zweiten zehnmal. Ich fragte mich, ob das normal oder sie ein besonders kränkliches Kind war. Der Arzt hatte es aber in der Fülle seiner Kommentare nicht als ungewöhnlich hervorgehoben.

Der Keuchhusten mit dreieinhalb Jahren hatte ihr nachweislich schwer zugesetzt. Sogar die Antibiotika, die sie zur Vermeidung sekundärer Komplikationen wie einer Lungenentzündung bekommen hatte, waren aufgelistet.

Ebenfalls in Umschlag 1 befand sich das Schreiben einer Unfallstation in Cromer, wo Zoe im Alter von vier Jahren während eines Ferienaufenthalts wegen einer Verletzung am linken Fuß behandelt worden war. Aus dem Brief ging hervor, dass die Wunde zweimal genäht werden musste und keine weitere Behandlung erforderte, da die Mutter bestätigt hatte, dass das Kind noch gegen Tetanus geimpft war.

Alles Alltag und ziemlich langweilig.

Wenn ich jeden Umschlag so von vorne bis hinten durchging, jeden Arztkommentar, jedes Krankenhausschreiben las, würde ich entschieden zu lange brauchen. Ich sah die drei anderen Umschläge kursorisch durch, bis ich zu den Unterlagen kam, die mit Zoes erster Einweisung in die Psychiatrie zu tun hatten. Sie steckten in Umschlag 4 aus der letzten Phase vor der Digitalisierung, und es waren viele, darunter mehrere Briefe von Psychiatern wie auch Psychotherapeuten.

Yvonne hatte nicht ganz recht gehabt.

Der erste Brief stammte nicht von einem Psychiater, wie sie Kate erzählt hatte, sondern von einem Psychologieprofesser an der Universität York, der schrieb, auf Wunsch ihres Vaters habe er Zoe Chadwicks Verhaltensweisen beobachtet und sei zu dem Schluss gekommen, dass sie an Schizophrenie litt und möglicherweise eine Gefahr für sich und andere darstellte.

Dieser Brief hatte einen Ablauf in Gang gesetzt, der damit endete, dass Zoe nach Absatz 2 des Gesetzes für psychisch Kranke von 1983 zur Beurteilung ins Maudley Psychiatric Hospital in Camberwell eingewiesen wurde.

Nicht, dass die Beurteilung klar und eindeutig ausgefallen wäre.

Der Briefwechsel zwischen den Klinikärzten war der Krankenakte beigefügt, und ich las ihn in chronologischer Reihenfolge. Einig waren sich die Mediziner offenbar nur darin, dass Zoe an irgendeiner psychischen Erkrankung litt, sei es Schizophrenie oder sonst eine dissoziative Störung.

Ob sie eine ernste Gefahr für sich und andere darstellte, darüber gingen die Meinungen damals auseinander.

Als echter Augenöffner jedoch erwies sich der kurze Brief eines Psychotherapeuten.

Während die Ärzte darüber stritten, was mit ihr nicht stimmte, konzentrierten sich die Therapeuten eher auf die Frage, warum sie krank war, und einer von ihnen berichtete, dass Zoe in einer Therapiesitzung behauptet hatte, ihre ganze Kindheit hindurch von ihrem Vater und ihren Brüdern sexuell missbraucht worden zu sein.

Wie bitte?

Ich las das noch zweimal, um sicherzugehen, dass ich nichts missverstanden hatte, aber da stand es schwarz auf weiß. Kein Vertun.

Allerdings war eine solche Anschuldigung wohl nicht zum ersten Mal erhoben worden.

»Wie gehabt«, stand in Bleistift oben quer über dem Brief, vermutlich von ihrem Hausarzt geschrieben, danach ein Gedankenstrich und ein einziges Wort – »Fantastin«.

Wie gehabt.

Es sah aus, als müsste ich doch alle vier Sammlungen komplett lesen.

Der Sergeant kam wieder, als ich den Brief des Therapeuten mit dem Handy ablichtete.

»Wie läuft’s?«, fragte er.

»Gut«, antwortete ich. »Ist aber noch ein Berg. Ich bin mindestens noch eine Stunde hier.«

»Dann lass ich Sie mal weitermachen«, sagte er.

»Könnte ich einen Kaffee bekommen?«, fragte ich.

Ich sah ihm förmlich an, wie er mit sich rang, ob auch er der Verteidigung helfen sollte, und sei es nur, indem er mir einen Kaffee holen ging.

»Ich schau mal. Mit Milch und Zucker?«

»Nur Milch, danke.«

Er verschwand, und als ich nach Umschlag 2 griff, rief Kate an.

»Hi«, sagte sie. »Wo bist du?«

»Bei der Polizei in Bury St Edmunds. Ich sehe Zoe Chadwicks Krankenunterlagen durch.«

»Ach so. Brauchst du noch lange?«

Ich sah auf die Uhr. Schon halb fünf. Wo war der Tag geblieben? Aber eigentlich hatte ich eine Menge getan, seit ich diesen Morgen am Hotel abgesetzt worden war.

»Mindestens noch eine Stunde«, sagte ich. »Warum?«

»Ich dachte, wir könnten nachher vielleicht was zusammen trinken.«

»Wie wär’s mit Abendessen?«, sagte ich. »Und frag doch Janie, ob sie mitkommt.«

»Janie?« Kate schien unschlüssig.

»Ja«, sagte ich. »Sie braucht vielleicht Aufmunterung. Gehn wir doch zu dem Chinesen. Ich hatte kein Mittagessen und hab Hunger.«

»The Fountain? «

»Den meine ich. So um halb acht?«

»Ich bestelle einen Tisch«, sagte sie, immer noch etwas zögernd.

Ich legte auf, und DS Venables kam mit einer Tasse dampfender brauner Flüssigkeit wieder, die entfernt nach Kaffee schmeckte.

»Danke«, sagte ich.

»Um sechs habe ich Feierabend, bis dahin müssen Sie also fertig sein.«

»Sollte klappen«, sagte ich. »Kommen Sie kurz bevor Sie gehen noch mal.«

Der Sergeant zögerte einen Moment, zuckte dann aber die Achseln und ließ mich wieder allein. Sein angeborener Drang sich querzustellen, machte es ihm nicht leicht.

Ich ging sämtliche Unterlagen durch, machte aber keine großen Entdeckungen mehr zum Thema Missbrauch. Die einzige Referenz war vielleicht ein an Zoes Arzt gerichteter Brief, in dem ein Schulpsychologe sich darüber besorgt zeigte, dass die jüngsten Ermittlungen des Kinderschutzes im Ergebnis wenig dazu beigetragen hatten, Zoes seelisches Befinden und ihre Konzentrationsfähigkeit im Unterricht zu verbessern.

Der Brief datierte vom Juni 2004 , da war Zoe fünfzehn gewesen.

Er lag im selben Umschlag wie zahlreiche Arztberichte, die das Ausmaß von Zoes Selbstverletzungen dokumentierten, besonders das Aufschneiden der Haut an Armen und Beinen mit Rasierklinge und Schere. Dreimal waren die Verletzungen so schwer gewesen, dass ihre Eltern sie ins Krankenhaus gebracht hatten, und noch in mehreren anderen Fällen war ein Arztbesuch nötig gewesen.

Sie tat mir so leid.

Wie verzweifelt musste sie gewesen sein, wenn ihr nur noch blieb, sich die Haut aufzuschneiden.

Was hatte sie gesucht? Aufmerksamkeit? Verständnis? Liebe?

Oder war es etwas völlig anderes?

Ich dachte an meine Zeit als Rechtsanwalt in Totnes zurück. Die Tochter eines Scheidungsmandanten hatte sich als Selbstbestrafung regelmäßig die Arme aufgeschnitten, in der irrigen Annahme, sie sei schuld daran, dass die Eltern ihre Ehe beendeten.

Wollte auch Zoe sich selbst bestrafen?

Wenn ja, wofür?

Die Krankenberichte lieferten keinen Hinweis.

Alles in allem wunderte es mich bei der Häufigkeit der Selbstverletzungen, dass sie in ihren frühen Teenagerjahren nicht öfter an psychiatrische Fachkliniken überwiesen worden war.

In den übrigen Berichten ging es praktisch nur noch um alltägliche, nicht notfallbedingte Arztbesuche und so wenig aufregende Probleme wie einen Akneausbruch und eine wiederkehrende Nebenhöhlenentzündung.

Interessant fand ich lediglich noch den von einem Dr. Andrews, Leiter des Healthy Woman Centre in der Bell Street in Cambridge, unterschriebenen Brief vom 8 . August 2002 . Er war an Zoes damaligen Hausarzt Dr. Benaud adressiert und hielt fest, dass der zuvor am Telefon besprochene gynäkologische Eingriff an diesem Morgen erfolgreich abgeschlossen und die Probe zur Analyse eingeschickt worden war. Merkwürdigerweise wurde weder auf das Problem noch auf das Ergebnis näher eingegangen.

Ich hatte gerade alles, was mir relevant erschien, abfotografiert, als DS Venables wiederkam und mir sagte, jetzt müsse ich gehen.

»Irgendwas gefunden?«, fragte er süf‌fisant auf dem Weg durch den fensterlosen Gang.

»Nein.«

»Hätte ich Ihnen gleich sagen können.« Er lachte. »Mit dem Kram hab ich vorige Woche schon meine Zeit vergeudet.«

»Trotzdem besser, wenn man auf Nummer sicher geht«, sagte ich und überlegte, ob ich ihn nach dem Brief des Psychotherapeuten fragen sollte. »Haben Sie irgendwas nachverfolgt?«

»Einen ihrer früheren Ärzte wollte ich wegen der Armschlitzerei und so weiter kontaktieren, aber er ist vor drei Jahren gestorben.«

Es schien ihn wenig zu kümmern.

»Sonst nichts?«, fragte ich.

»Nee.«

Er ließ mich raus, und der Fahrer brachte mich nach Newmarket zurück.

 

Das Essen im The Fountain entsprach voll und ganz Janies Empfehlung, besonders die köstlichen Pfannkuchen mit knuspriger Ente.

»Gibt’s was Neues?«, fragte Kate. »Hast du was rausgefunden?«

»Eigentlich nicht«, antwortete ich und warf ihr einen raschen »Lass mal«-Blick zu.

In Janies Beisein wollte ich nichts ausführen. Ich wusste zwar, dass sie momentan ziemlich sauer auf Ryan war, es konnte aber sein, dass sie noch zu Oliver hielt. Was mich nicht hindern würde, ihr ein paar Fragen zu stellen. Genau deshalb hatte ich Kate gebeten, sie mitzubringen.

»Erzähl mir bitte noch mehr über Zoe«, sagte ich beim nächsten Pfannkuchen.

»Was denn?«, fragte Janie.

»Hatte sie mal einen Freund?«

»Nicht, dass ich wüsste. Die Jungs in der Schule haben eher einen Bogen um sie gemacht. Die meisten Mädchen auch.«

»Hat sie mit dir mal über Sex geredet?«

Sie kicherte. »Über Sex?«

»Ich dachte, Mädchen reden die ganze Zeit über Sex, genau wie Jungs in dem Alter.«

»Das stimmt natürlich. Bei Zoe hab ich davon aber nichts mitgekriegt. In der Hinsicht war sie nicht wie wir andern. In gar keiner Hinsicht eigentlich. Sie war immer so ernst und angespannt. Ich glaub, ich hab sie nie lachen gehört.«

»Hat sie jemals über zu Hause geredet?«

»Sie hat überhaupt nicht viel geredet.«

»Weißt du, ob sie mit ihren Brüdern gut auskam?«, fragte ich.

»Soweit ich mich erinnere, ist sie mit niemandem gut ausgekommen. Immer hat sie Sachen über sie erfunden.«

»Was für Sachen?«, fragte ich.

»Ach, ich weiß nicht. Mal hat sie geschwärmt, wie toll sie wären, dann wieder gestöhnt, sie wären brutal zu ihr oder den Pferden.«

»Ist da mal der Sozialdienst eingeschaltet worden?«

»Einmal auf jeden Fall«, sagte Janie. »Zwei Frauen tauchten in der Schule auf. Zoe hat sich aber gegen sie gesperrt. Sie würden lügen und wollten nur, dass sie ins Heim kommt. Das war typisch für sie. Wenn man versuchte, ihr zu helfen, hängte sie einem irgendwas an.«

»Die Schnittwunden an den Armen zum Beispiel?«, sagte ich. »Das weiß ich von Kate.«

»Genau«, sagte Janie. »Einer Lehrerin hat sie erzählt, ich sei das gewesen. Völliger Blödsinn natürlich, sie war es selbst, aber mir hat sie damit allen möglichen Ärger eingebrockt.«

»Mich wundert, dass die Lehrerin ihr geglaubt hat«, sagte ich.

»Hat sie vielleicht gar nicht, aber Sie wissen ja, man sichert sich für alle Fälle ab. Die Lehrerin hat den Vorwurf also einfach an ihren Vorgesetzten weitergereicht, und dann ist das zunehmend außer Kontrolle geraten.«

»Ging aber noch mal gut?«

»Letztendlich ja«, sagte Janie. »Aber erst, nachdem sie mich ins Kreuzverhör genommen hatten. Ich hab nie wieder Vertrauen zu ihr gefasst. Keiner hat das – weder die Schüler noch die Lehrer.«

»Und ihr auch nicht mehr geglaubt?«

»Das am wenigsten. Sie hat immer schrägeres Zeug über Leute erfunden. Alle würden sie schikanieren. Da war schon was dran, aber sie hat ihnen grausige Sachen angedichtet und Stein und Bein geschworen, jedes Wort sei wahr. Schon seit der Grundschule, wohlgemerkt.«

»Die St Louis Roman Catholic Primary School?«, fragte ich.

Sie sah mich komisch an, als überlege sie, woher ich das wusste.

»Es stand in der Krankenakte«, sagte ich wahrheitsfern. Ich hatte es aus dem Simpson-White-Bericht. »War Zoe katholisch?«

»Ich glaube nicht«, antwortete Janie. »So wenig wie ich. Nur etwa die Hälfte der St-Louis-Kinder waren Katholiken, obwohl wir zum Schulgottesdienst alle in die katholische Kirche gehen mussten.«

»Zoe war also von Anfang an merkwürdig?«

»So richtig weiß ich das nicht mehr«, sagte Janie. »Ich glaub schon. Sie schien in ihrer eigenen Fantasiewelt zu leben.«

Fantastin.

Und niemand hätte ihr geglaubt, auch wenn einiges von dem, was sie erzählte, der Wahrheit entsprach.

 

Unsere Hauptgerichte kamen, und wir unterhielten uns eine Weile über dies und das, aber weil ich nicht anders konnte, lenkte ich das Gespräch doch wieder auf die Chadwicks.

»Weißt du zufällig, wie alt Ryan war, als er zu Hause ausgezogen ist?«

»Ausgezogen?«, sagte Janie. »Aus Castleton House, meinst du?«

Ich nickte und schob mir einen Happen Rindfleisch in schwarzer Bohnensoße in den Mund.

»Als ich anfing, war er noch da«, sagte Janie. »Er hatte aber eine Wohnung über dem alten Hof. Ebendie, die jetzt abgebrannt ist. Weggezogen ist er erst, als er geheiratet hat.«

Vor acht Jahren. Mit vierunddreißig.

»Und Declan?«, fragte ich.

»Der ist da weg, bevor ich anfing. Aber erst kurz vorher.«

Seltsam, dachte ich, dass er bei dem feindseligen Verhältnis zwischen ihm und seinem älteren Bruder nicht schon früher ausgeflogen war.

»Oliver legt großen Wert darauf, seine Jungs in der Nähe zu haben. Er ist das Haupt der Chadwick-Dynastie, sagt er immer, der Dynastie, die den Kurs des Galopprennsports noch auf Jahrzehnte bestimmen wird.«

»Hat er sich seit heute Morgen noch mal bei dir gemeldet?«, fragte ich.

»Auf meinem Handy hab ich ein paar Anruf‌e von der Stallbüronummer verpasst«, sagte Janie. »Bin extra nicht rangegangen. Die sollen ein bisschen schmoren.« Sie grinste mich an, aber ganz echt war das nicht. Es ging nicht bis zu den Augen.

»Du machst da also weiter?«

»Ja. Wahrscheinlich.« Sie seufzte. »Was bleibt mir andres übrig?«

»Ich bin sicher, dass es Ställe gibt, die dich mit Handkuss nehmen würden.«

»Besser das Übel, das man schon kennt.«

»Besteh aber wenigstens auf der Gehaltserhöhung«, sagte Kate.

»Und einer Entschädigung für verletzte Gefühle«, hängte ich an.

Wir aßen gut gelaunt zu Ende.

»Fährst du heute Abend nach Hause?«, fragte ich Kate, als wir aufstanden, um zu gehen.

»Nur, wenn du mich zwingst«, sagte sie. »Hab meine Tasche im Mini.«

Ich lächelte sie an, und sie erwiderte mein Lächeln.

»Igitt«, sagte Janie und lachte. »Ihr Turteltauben. Ich kotze gleich.«

Geschlossen traten wir durch die Restauranttür hinaus auf die Newmarket High Street.

»Hat eine von euch mal von einem Healthy Woman Centre in Cambridge gehört?«

Sie lachten beide.

»Was gibt’s denn da zu lachen?«, fragte ich.

»Der Name«, sagte Kate. »Er ist so irreführend.«

»Wieso?«

»Weil jeder weiß, dass dieses Zentrum für die gesunde Frau schlicht eine Abtreibungsklinik ist.«