Die Frankfurter Kaufmannstochter Bettina Brentano ist von der Nachwelt – vor allem der männlichen – oft ungerecht behandelt worden. Mit ihrem impulsiven, koboldartigen Wesen wollte sie sich nicht recht in ein konventionelles bürgerliches Leben einfügen, was ihr – so ging und geht man gern mit unangepassten Frauen um – den Ruf einer »schwierigen« und »anstrengenden« Person einbrachte.

Mit ihrem sprühenden Temperament und ihrer wachen Intelligenz nahm sie so unterschiedliche Geistesgrößen wie Friedrich Schleiermacher, Hermann von Pückler-Muskau, Ludwig Tieck, Felix Mendelssohn Bartholdy, Ludwig van Beethoven oder Robert Schumann für sich ein.

Im März 1811 heiratet sie mit Mitte zwanzig den Dichter Achim von Arnim, der kurz zuvor mit ihrem Bruder Clemens die Volksliedersammlung Des Knaben Wunderhorn herausgegeben hat. Das eigentliche Objekt ihrer schwärmerischen

Im Sommer 1811 reisen die Arnims nach Weimar, man wohnt bei Goethens – eine heikle Kon- stellation, da die Hausherrin, Goethes Frau Christiane, die extrovertierte Besucherin als Eindringling empfindet. Die zwei Damen waren, wie Tony Kellen schrieb, »ihrer Geistesrichtung und ihrem Charakter nach so unterschiedlich, dass sie sich unmöglich vertragen konnten«.

Mitte September kommt es zum Eklat, der der Weimarer Tratsch-und-Klatschküche allerbesten Stoff liefert. Man besucht eine Ausstellung des Schweizer Malers Johann Heinrich Meyer, der in Weimar seit 1806 als Direktor der Fürstlichen freien Zeichenschule wirkt und ein enger Freund und Berater Goethes ist. Bettina und Christiane verharren vor einem Gemälde, das die Letztere eifrig zu loben beginnt. Ehe sie sichs versehen, brechen sich die unterschwelligen

An »echten« Zeugen mangelt es, zumal sich Bettinas Gatte, den Zwist vorhersehend, rechtzeitig in einen Nebenraum zurückgezogen haben soll. Wo das Konkrete fehlt, ist die Phantasie gefragt. Milan Kundera hat diese Lücke in seinem Roman Die Unsterblichkeit üppig gefüllt. Da liest man: »Bettina redet, sie wird immer aufgeregter, und auf einmal fliegt ihr Christianes Hand ins Gesicht. Im letzten Augenblick macht sie sich bewusst, dass es sich nicht gehört, jemandem eine Ohrfeige zu verpassen, den man als Gast beherbergt. Sie bremst ihre Geste, wodurch ihre Hand Bettinas Stirn nur streift. Die Brille fällt zu Boden und zerspringt. Die Leute in ihrer Nähe drehen sich um und erstarren vor Verlegenheit; aus dem Nebenraum kommt Arnim gelaufen, der Ärmste, und weil ihm nichts Intelligenteres einfällt, geht er in die Hocke und sammelt Splitter für Splitter die Scherben ein, als wollte er sie wieder zusammenleimen.«

Wie auch immer: Die Auseinandersetzung zieht umgehend Konsequenzen nach sich. Goethe tut, was ein guter Ehemann in einer solchen Situation zu tun hat: Er verbietet den Arnims sein Haus. Und Achim von Arnim tut, was ein guter Ehemann in einer solchen Situation zu tun hat: Er hält zu seiner Gemahlin.

So endet diese Beziehung jäh. Bettina unternimmt – als sei nichts geschehen – immer wieder neue Anläufe, Goethes Vertrauen zurückzugewinnen. Vergebens. In Briefen tituliert Goethe seine hartnäckige Möchtegern-Geliebte als »leidige Bremse« und spricht in seinem Tagebuch von ihrer »Zudringlichkeit«. Die »Blutwurst«-Affäre lässt sich nicht rückgängig machen.

Überhaupt, die Blutwurst. Warum die wütende Bettina zu dieser kuriosen, im Weimar Goethes wohl nicht sehr verbreiteten Beleidigung griff, bleibt ein Rätsel. Das Grimm’sche Wörterbuch immerhin führt die Wendung »Blutwürst machen«

Und wie es sich für eine gute Geschichte gehört, sorgt der Lauf der Zeit dafür, dass sie Wandlungen durchläuft. Die »wahnsinnige Blutwurst« konkurriert so mit einer »toll gewordenen Blutwurst«, während Rüdiger Safranski in seiner Goethe-Biographie etwas enttäuschend von einer »dicken Blutwurst« spricht.

Erwähnt sei zudem – obwohl der Goethe-Bezug hier locker ist –, dass Fredi Bobic, Stürmer des VfB Stuttgart, 1996 nach Spielschluss Schiedsrichter Hans-Jürgen Kasper eine »blinde Bratwurst« nannte. Auch ungeachtet der rauen Sitten auf Fußballplätzen eine recht ungewöhnliche Beleidigung. Bobic wurde für ein Spiel gesperrt. Die Wurst scheint als Schmähvokabel mehr herzugeben, als man denkt.