Ein warmer Sonntag im Juli oder August 1951. In Ahrenshoop, dem Fischerdorf auf dem Darß, tummeln sich die Erholungssuchenden und genießen das Zusammenspiel von Bade- und Kulturfreuden. Ende des 19. Jahrhunderts bereits hatte sich hier um Paul Müller-Kaempff, Elisabeth von Eicken und Fritz Grebe eine Künstlerkolonie gebildet, und gleich nach dem Zweiten Weltkrieg schickte man sich an, diese Tradition aufzugreifen und »im schönsten Land der Welt« (Uwe Johnson) ein »Bad der Intelligenz« zu etablieren. Maßgeblichen Anteil daran hatte der im Juni 1945 aus dem Moskauer Exil heimgekehrte Johannes R. Becher. Als Präsident des kurz darauf gegründeten Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands machte er sich daran, Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler an die Ostsee zu locken. Ein »Intelligenz-Sammelpunkt« mit weiter Ausstrahlung sollte sich auf diese Weise bilden.
Becher selbst fand früh Wohlgefallen an Ahrenshoop, spielte mit dem Gedanken, ein Anwesen – das heutige Dünenhaus – zu erwerben, und hoffte auf Inspiration für sein eigenes dichterisches Schaffen. 1950 jedoch musste er seine Sommerfrische jählings abbrechen: Eine Liebschaft drohte seine Ehe zu gefährden, es kam zu offenem Zwist am Urlaubsort, und von da an reiste er nur noch selten nach Ahrenshoop.
Im Sommer 1951 freilich lässt er es sich nicht nehmen, im weißen Leinenanzug den Strand entlangzuschreiten, den er gern aufsucht. Zuvor hat er im Ortskern, in der Bunten Stube, nach dem Rechten gesehen und seine Werke unauffällig in die vorderste Reihe gerückt.
Binnen weniger Sekunden verdüstert sich seine Stimmung. Becher, ein erklärter Gegner der Freikörperkultur – die von der ostdeutschen Bevölkerung keineswegs, wie heute oft behauptet, immer schon leidenschaftlich praktiziert wurde –, empört sich beim Anblick provokativ zur Schau gestellter »deformierter Körper« und will das allein »im Interesse der Ästhetik« nicht dulden. Und was kommt ihm da, am Strand Richtung Wustrow, unter die Augen? Eine splitternackte Frau um die fünfzig gibt sich hemmungslos der Sonne hin, lediglich ihr Antlitz schützt sie vor der Hitze mit einer Zeitung, genauer: mit einem Exemplar des Neuen Deutschland.
Becher vermag es nicht, seine Erregung zu zähmen, stürzt auf die Nackte zu und sorgt für eine Ansprache, die in den Anekdotenschatz der Weltliteratur eingehen wird. »Schämen Sie sich nicht, Sie alte Sau?«, soll Sonettspezialist Becher der unschuldig Ruhenden zugerufen haben – eine pointierte, wenngleich rhetorische Frage. Als die Angesprochene die Zeitung zur Seite legt, macht sich Verlegenheit breit. Es ist Anna Seghers, die Grande Dame der DDR-Literatur. Man tut so, als sei nichts vorgefallen, wechselt ein paar belanglose Worte und wünscht sich einen schönen Tag.
Der eh am liebsten in seiner Ferienwohnung hockende Brecht und Hanns Eisler, die diesen Sommer ebenfalls in Ahrenshoop verbrachten, sollen von der Szene nichts mitbekommen haben.
Das allein wäre schon eine feine Geschichte, doch sie erfährt eine zusätzliche Pointe, als Anna Seghers wenige Wochen später in der Deutschen Staatsoper zu Berlin der Nationalpreis Erster Klasse der DDR verliehen wird. Überreicht wird ihr die Auszeichnung vom späteren Kulturminister Becher, der mit einem zarten »Meine liebe Anna …« ansetzt. Diese hat indes den verbalen Zwischenfall von Ahrenshoop nicht vergessen und zischt ihm ein »Für dich immer noch die alte Sau« zu – in einer Lautstärke, die die verdutzten Festgäste in den ersten Reihen an diesem Dialog partizipieren lässt.