Auch eine Kiefer lebt nicht ewig

Ein Baum. Ein Baum, den der Wind fällte. Ein mächtiger Baum, der umstürzte und sich kaum hochstemmen ließ, als es ohnehin längst zu spät war. Unser Moment auf Erden. Keine Warnungen. Keine Garantien.

 

Es muss geregnet haben an jenem Tag, auch wenn der Boden in meiner Erinnerung trocken ist. Fast-Winter. Ich war mit dem Korb im Wald, um die letzten Ritterlinge und Trompetenpfifferlinge sowie Preiselbeeren und Kräuter für eine Suppe zu pflücken. Die großen Bäume schützten mich vor dem Wind, und ich dachte darüber nach, wie seltsam es ist, dass auch eine Kiefer nicht ewig lebt. Ein Eichhörnchen huschte vorbei, als wäre es in großer Eile. Neben mir raschelte eine Espe, und durchs Geäst spähte eine Krähe mit glänzenden Flügeln zu mir herab. Es war eigenartig: Obwohl ihre Knopfaugen teilnahmslos wirkten, spürte ich ihren Blick wie Nadeln im Gesicht.

Ein Stück entfernt erstarrte ein Reh mitten in der Bewegung. Seine braunen Augen begegneten meinen grünen. Ich hatte kein Messer dabei, keine Waffe – wir hätten uns anfreunden können. Kurz standen wir so da, ehe das Reh den Zauber brach. Just in dem Moment spürte ich gleich unter

Das alles ist jetzt so lange her. Und trotzdem sind meine Erinnerungen an jenen Tag glasklar.

Sie haben sich meinem Gedächtnis eingebrannt. Ich kann euch vor mir sehen, draußen auf der kalten Wiese, wie ihr dort standet, als ich auf die Kate zuging, ich sehe euch lachen, die Wangen rau und rot gefroren. Ihr wart dabei, die Leine eures Kissendrachens zu entwirren, kichernd, und eure Sommersprossen waren wie kleine Sternenhimmel in euren Gesichtern. Später würdet ihr Armod bitten, den Drachen mit euch steigen zu lassen, das wusste ich. Meine Schritte waren leicht und mein Herz erfüllt von dem Reh, der Krähe, dem Schmetterlingsflattern und eurem Lachen.

Die Apfelbäume hatten gerade die letzten Blätter abgeschüttelt und duckten sich kahl vor dem Ostwind. Ich suchte im Laub, auf der Wiese und unter den Beerensträuchern nach Falläpfeln, die wir womöglich übersehen hatten. Neben euch im Gras lagen Armods Wollfäustlinge. Er musste sie dort vergessen haben, als er euch am Morgen umarmt hatte, danach hatte er sie in aller Hast gesucht, ehe er zur Arbeit aufbrach. Bestimmt waren seine Hände jetzt durchgefroren, das andere Paar war nicht so warm. Das blaurote Kreuzmuster leuchtete vor mir im Gras. Ich weiß noch, wie ich dachte, dass ich sie über den Ofen hängen musste, damit sie bis zum Abend trocknen konnten. Armod wollte doch eure Schaukel aufhängen. Während ich meinen Beschäftigungen nachging, legte ich mir immer

›Lass mich neben dir liegen‹, würde er sagen. ›Ich will meine Hand auf deinen Bauch legen und unser unsichtbares Kind begrüßen.‹

Ich gab ein paar Kräuterbündel in den Kessel und sah zu, wie sie auf der Oberfläche schaukelten, während das Essen vor sich hin köchelte. Ihr Kinder kamt in die Küche und sogt den Duft ein, bestimmt saht ihr mir etwas an, aber ich zwinkerte nur und wandte mich wieder dem Eintopf zu. Zwischendurch ging ich zu meiner Holztruhe und strich über den Deckel, den Armod so glatt geschliffen, geölt und mit neuen Beschlägen versehen hatte. Wenn die Sonne in einem bestimmten Winkel durchs Fenster fiel, warf der linke Beschlag einen hübschen Schatten auf die Dielen. Zum Dank hatte ich seinen Spiegel samt Rasiermesser poliert.

Hoffentlich rasiert er sich nicht heute Abend, sondern erst morgen früh. Ich werde doch so gern von der knarrenden Diele geweckt, abends ertrinkt das Geräusch in den anderen Lauten.

Das Abendessen war fast fertig und mein Bauch noch immer flach, doch unter der Schürze wuchs ein kleines Leben heran. Ihr zwei habt hinter mir gespielt. Bald würdet ihr zu dritt sein. Die Herbstwinde würden zunehmen,

Er sollte längst hier sein.

Ich ließ mich auf den Stuhl sinken, fegte Krümel vom Tisch und stützte den Kopf in die Hände. Dann saß ich da. Siedender Sud. Siedende Sorgen. Neben dem kleinen Leben in meinem Bauch ein Gefühl der Vorfreude, das Warten darauf, dass alles wieder wäre, wie es sein sollte. Ich hörte, wie dein Magen knurrte, Roar, und wie du zu deiner Schwester sagtest, wir würden essen, sobald euer Vater heimkäme. Als ich aufsah, lächeltest du deine Schwester an, deine Zahnlücke war zu sehen, und noch war nichts passiert – nur das Wasser im Kessel war verkocht. Es war kalt, doch durchs Fenster fiel warmes Mondlicht. Wir würden ohne Armod anfangen müssen, er würde bestimmt bald kommen, sich auf‌tun und seinen Teller blitzblank leer essen, und ihr würdet darauf warten, dass er euch eine seiner Geschichten erzählte, die vielleicht sogar ein bisschen wahr wäre.

»Kommt, Kinder! Der Eintopf ist fertig!«

Trippelschritte, gefaltete Hände, Kniffe unterm Tisch, Gekicher.

»Ich werde ganz laut schlürfen!«

Deine Schwester muss das gesagt haben. Ich stellte den

Aber nicht von Armod.

 

Ein Mann trat ein, und ein harscher Herbstwind wehte in die Kate. Er machte die Tür nicht zu, weil ein Mensch mit einer Botschaft, wie er sie mitbrachte, nie lange bleiben will. Schweiß perlte auf seiner Stirn, sein Gesicht war dunkelrot. Seine blutgesprenkelten Augen suchten meine. Im ersten Moment wich ich zurück. Aber er wollte etwas anderes. Er war Holzfäller, wie so viele in der Gegend, und hatte bei Aufräumarbeiten auf dem Tuns-Hof geholfen, dem der Sturm besonders übel mitgespielt hatte. Von dort hatte er gesehen, wie eine Kiefer umgestürzt war. Er nahm die Mütze ab, knüllte sie zusammen.

Die Wahrheit schoss aus seinem Mund wie ein großer dunkler Vogel. Seine Stimme brach weg. Da begriff ich es.

»Es ging alles so schnell. Er hat keinen Laut von sich gegeben, als er starb.«

Mehr nicht.

Er stand nur da, atmete ein und aus und starrte zu Boden.

 

Der Raum lag im Dunkeln, und gerade hatte ich noch gedacht, wie friedlich alles wirkte. Der Kessel glitt mir aus den Händen und fiel mit einer Botschaft zu Boden, die für immer eine tiefe Kerbe im Holz hinterließ. Gemüsestücke und Brühe rannen über die Dielen wie ein träger steiniger

 

Sein Körper unter einem Baumstamm. Ich schrie dem Mann ins Gesicht drohte ihm mit Blicken wollte ihn töten brüllte die Wände an ihr Kinder kamt zu mir und ich schloss euch in die Arme – und so standen wir da. Ich wollte es nicht aussprechen, weil es dann wirklich geschehen wäre, wahr wäre. Zwischen uns ein Fremder und drei Worte.

Vater ist tot.

Es war wie eine Bedrohung, und mein Körper rüstete sich zum Kampf, erkannte nicht, dass alles zu spät war. Er versuchte, den Schmerz abzuwehren, die Dinge in Ordnung zu bringen, und der Fremde konnte mir dabei nicht helfen, auch er war eine Bedrohung, alles war eine Bedrohung, für mich und meine hungrigen Kinder.

Der Mann bat um einen Schluck Wasser. Ich weiß nicht, ob ich ihm etwas zu trinken gab, ehe er ging.

Als er fort war, lagen wir uns in den Armen. Kleine lebendige Körper, die ich beschützen musste, eure Kleider klamm und kalt. Tone Amalie drückte ihre Puppe an sich. Ihr Gesicht war rot geweint, und deins, Roar, weiß wie Milch. Eure Augen spiegelten meinen eigenen Schmerz.

Vater ist tot.

Es sei schnell gegangen, hatte der Holzfäller gesagt, also sagte ich das auch. Armod habe keinen Laut von sich gegeben. Ich begriff sofort, dass es nicht stimmte – und später

Und dann sah ich ihn mit eigenen Augen.

Noch am selben Abend kam der Fremde zurück, zusammen mit zwei anderen Männern hatte er Armod hergetragen. Armods kalter, zerschmetterter Körper auf unserem Küchentisch, unter einem blumenbestickten Laken mit leuchtend gelbem Monogramm. Jemand anders hatte ihm die Augen geschlossen, er selbst war dazu nicht mehr fähig gewesen. Sein Gesicht in einem verzweifelten Schrei erstarrt, blaue Lippen, farblose Angst. Tone Amalie war noch zu klein, um über die Tischkante zu blicken, aber du, Roar, du musst ihn gesehen haben, bevor der Schlaf dich gerettet hat.

Vater ist tot. Ich stand mitten in der Küche, allein. Alles drehte sich, und doch ließ sich die Zeit nicht zurückdrehen. Hatte ich euch zugedeckt, oder wart ihr allein ins Bett gegangen? Ich weiß nur, dass ihr schlieft und dass ich dastand, zwei Münzen in der Hand, den Blick auf Armods Füße gerichtet. Der Anblick jagte mir Angst ein. Meine Ohren rauschten. Nie zuvor hatte ich diesen Ausdruck an ihm gesehen, der Schock kroch mir unter die Haut. Vorsichtig berührte ich die Hand, die unter dem Laken hervorsah. Das Handgelenk war eiskalt an meinen Fingern, und durch die Adern strömte kein Blut wie sonst. Alles, was ich spürte, war Stille. Er war so bleich, leer an Blut und Leben. Der Wald hatte die verblichenen Narben aufgerissen, die die Bärin ihm zugefügt hatte. Jetzt würden sie nie wieder heilen.

Ich zwang mich, sein Gesicht anzusehen, ich musste.

Mein Gefährte sah mich nicht mehr. Er war so schrecklich mager und wirkte müde, obwohl er tot war. Hinter der Angst und dem Schmerz steckte sein wahres Gesicht, aber es gehörte nicht mehr mir. Ich ging zu euch und lauschte eurem Atem, um mich zu beruhigen. Mein Körper pulsierte, bis er versteinerte, schwer wurde wie Blei, und erst spät in der Nacht sank ich zusammen.

 

Am Morgen weckten uns das Licht und die Kälte. Im Ofen war das Feuer erloschen, und außer mir konnte es nun niemand mehr anfachen. Armod hatte Brennholz mitbringen wollen. Jetzt musste ich welches besorgen. In Zukunft konnte nur noch ich Holz tragen. Wasser tragen. Kinder tragen. Ein Kind in mir tragen. Tragen, tragen, tragen. Zum Tisch und wieder zurück. Rund um die Uhr tragen, ohne innezuhalten. Irgendwann müssen wir gegessen haben, aber ich weiß nicht, ob ich mich um den Abwasch kümmerte. Eure Schaukel lag einsam und verlassen neben dem Schuppen. Als ich an ihr vorüberging, brachte ich es nicht über mich, sie wegzuräumen.

In der Nacht waren wir in unserem kleinen Zuhause zu viert, wie immer, nur lag einer von uns unter einem Leinenlaken auf dem Tisch, den er selbst gezimmert hatte. Ich schmierte Armods Finger mit Petroleum ein, um den Ring abzustreifen. Seine Hände fühlten sich seltsam an. Der Ring war ihm immer zu groß gewesen, denn er war ja nicht für ihn gemacht. Ring, Spiegel, Rasiermesser – schnell hinein

 

Schließlich wurde er aus der Kate getragen, aber die Lücke, die er hinterließ, nahmen sie nicht mit. Wir gaben ihn der Erde zurück und wurden zu den Hinterbliebenen hier oben. Jeden Morgen weckte mich ein unbehaglich fahles Licht. Gerötete, glasige Augen, hastige Atemzüge durch einen kaum geöffneten Mund. Das Haus war so schrecklich leer. Die bucklige Matratze, das feuchte Kissen, das verwaschene Bettzeug. Ich fuhr mir durchs Haar, um die Müdigkeit auszubürsten, und bereute es sofort.

Tone Amalies Augen waren geschwollen, wenn wir gemeinsam den Tisch deckten. Schranktüren wurden geöffnet und geschlossen, Becher auf den Tisch gestellt, abgeräumt. Dann wurde es still. Mein Kopf war zu schwer, um ihn aufrecht zu halten. Die Erinnerungen schürf‌ten mir die Brust auf. Schlamm im Kopf. Blasse Unrast. Angstpfützen im Bauch. Gedanken wie Zecken. Armut. Mein Inneres verschwand in ein Schluckloch. Übrig blieb nur eine ausgehöhlte Hülle.

Er war einmal hier gewesen. Bei uns, mit uns. Ein Grauschleier über dem Leben mag nicht schön sein, aber er ist immer noch schöner als das schiere Nichts.

Mein Körper stand am Herd oder draußen bei den Rüben, während meine Seele durch die Zaunlücke floh. Wenn ich an der Schaukel vorbeiging, wandte ich den Blick ab. Als ich sah, wie du mit den Fingern über Armods Steinmännchen strichst, wäre ich fast an Schleim und Tränen erstickt. Wochen und Monate vergingen, aber es half nichts. In den Winternächten vermied ich es, zum Himmel hinaufzusehen. Die Sterne funkelten nicht mehr, sie warfen ein fahles Licht auf die Leere hier unten.

Die Landschaft war kreideweiß. Die Gesichter der Menschen rot gefroren. Die Trauer fühlte sich so unsagbar einsam an. Ich brachte es nicht über mich, Armods Mütze vom Haken zu nehmen. Es wäre zu endgültig gewesen. Dabei gab es längst kein Entrinnen mehr.

Nie mehr. Immer nur ›nie mehr‹.

»Im Frühling kommen die Vögel zurück, Mutter«, sagte Tone Amalie und tätschelte meine Hand.

Dabei hätte ich sie trösten müssen.

»Ja, Hummelchen, das stimmt.«

»Wenn die Sonne uns wärmt, wird alles gut.«

Lächelnd schluckte ich den Kloß in meinem Hals hinunter.

Ich brachte dir bei, wie man Mehlsuppe kocht, dein kleiner Körper huschte zwischen Tisch, Herd und Vorratskammer hin und her. Draußen fielen weiße Flocken vom Himmel, aber niemand tanzte mit ihnen. Der Schnee legte sich aufs müde Gras, aber die letzte Herbstwärme des

Dann drehte ich mich um und rannte los. Fort vom Schnee ohne Tanz, fort von der Kate, in der sich niemand rasierte. Die Kälte schnitt mir wie Messer in die nackten Sohlen. Der feuchte Waldboden zwang mich, die Füße hoch anzuheben, um vorwärtszukommen. Was auch immer vorwärts bedeutete. Wohin ging ich? Wohin konnte ich? Irgendwann gab ich auf, legte mich in den Tauschnee und spürte, wie mir die Kälte unter die Haut kroch.

Ich weinte nicht mehr.

Roar, hast du damals mitbekommen, was an jenem Tag geschah? Habe ich dich traurig gemacht?

Über die Narbe, die Armods Tod hinterlassen hatte, wuchs Einsamkeit. ›Unsere Fantasie kann niemand einsperren‹, hatte er gesagt. Aber das stimmte nicht. Armods Fantasie war schleichend verblasst und immer mehr zur Lüge geworden. Jetzt lag sie unter der Erde begraben.

Der Himmel war eisblau an jenem Tag, und die

 

Die Tage reihten sich aneinander. Unglück, Seuchen, Trauer, all das kann uns krank machen. Aber ich wurde nicht krank. Ich machte weiter. Und das tue ich noch immer. Uns bleibt nichts anderes übrig, als weiterzumachen. Aber wenn der Wind durch die Baumkronen weht, höre ich noch heute Armods Atem.