Die Einsamkeit zwischen uns

Bricken ist wie ein Möbel, das sich nicht austauschen lässt. Sie sitzt, wo sie immer gesessen hat. Von wo aus sie über das Zimmer, das Haus und uns andere bestimmt hat. Gut möglich, dass die Alte uns allesamt überlebt, sie ist wie die Einlagerungen in den Steinstufen zu Doktor Thorséns Praxis in Söderhamn. Wie ein Fossil. Roar war einmal jung, wurde älter, wurde alt – und jetzt ist er tot, das weiß ich ganz sicher. Als Bricken und ich uns das erste Mal begegneten, war sie nicht mal fünfzig, und trotzdem hat sie sich seither kein bisschen verändert. Die gleichen Blicke aus den braun glänzenden Augen, dieselbe verfluchte Pelzmütze. Das Gesicht breit wie das einer Katze, das dunkle Haar tagsüber gebändigt, aber wenn sie es vorm Schlafengehen aufmacht, fällt es ihr über den Rücken wie ein Umhang. Falten um Augen und Mund, wie feine Lebenslinien oder Regenschlieren am Fenster. Mal wortkarg und auf Moll gestimmt, doch schon im nächsten Moment verwandelt sie sich in eine Schwiegermutter, die lacht und atemlos jeden Satz ausschmückt, Wörterflechten wie Spitzendekor auf einer Hochzeitstorte. Wie wir uns hier in der Küche angeglotzt haben. Sie Topf‌lappen häkelnd, während ich ihr am liebsten den Eintopf über den Kopf

Die Kiefernplatte unter dem karierten Wachstuch ist geschwärzt von Schmutz und Zeit, hier hilft kein Putzmittel der Welt. Macken von Kindergabeln und achtlos abgelegtem Werkzeug, Kerben, wo das Brotmesser an dunklen Wintermorgen ins Holz schnitt – alles verborgen unter der Tischdecke. Es gibt so viel im Haus, was man nicht sieht.

 

Noch vor Kurzem war Roar hier bei uns. Mein Schwiegervater mit den gewitterwolkenfarbenen Augen. Seinen Kaffee trank er von der Untertasse. Genau wie Bricken mit Zucker, nur dass er den Zuckerwürfel mit dem Kiefer festklemmte. Danach kippte er den Kaffee auf die Untertasse und schlürf‌te ihn mit kleinen Schlucken. Vielleicht, weil er in einer ausgebauten Waldarbeiterkate lebte? Oder weil ihm oben ein paar Zähne fehlten, schon als ich ihn das erste Mal sah?

»Ein paar musste ich ziehen. Die anderen habe ich verloren, könnte man sagen, an einem Abend als Kind, an dem Stein an der Weggabelung.«

Der Stein auf halber Strecke ins Dorf, wo die Schritte mal leichter, mal schwerer werden, je nachdem, welcher Tag es ist. Der einzige Stein auf dem Weg und nicht mal sonderlich groß.

Als ich hier einzog, behielten Roar und Bricken das untere Stockwerk, den ursprünglichen Teil des Hauses. Dag und ich bekamen die neue obere Etage. Geräumige Küche,

Anfangs streichelte Dag mir manchmal über den Rücken, damit ich lockerer wurde. Ich sah zu ihm hoch und lächelte. Oft meinte ich das Lächeln sogar ehrlich – das war, bevor mir auf‌fiel, dass er ziemlich einfältig dreinguckte. Einmal zog er mich nah an sein kaltes Gesicht heran, und es war, als erstarrte mein Gehirn zu Eis. Er sagte nichts, vielleicht ein kurzes »Hallo«, wenn’s hochkam. In der Hinsicht war er optimal – einfach gestrickt, anspruchslos. Einsilbig und nicht mit der Gabe gesegnet, Worte hübsch aneinanderzureihen. Ein paarmal die Woche wollte er Sex und stets warmes Essen auf dem Tisch. Nicht mehr, nicht weniger.

»Ich hab Hunger.«

So redete er. Klare Worte. Solide, normal. So, wie ich es haben und wie ich sein wollte.

›Ganz normal‹, flüsterte ich manchmal in mich hinein. ›Geh ganz normal. Nick den Leuten zu, wenn du sie grüßt, gib knappe Antworten, lächle ein bisschen, aber ja nicht zu breit und nicht zu oft, sei einfach normal.‹

Vater und Sohn waren grundverschieden. Dag kratzte sich alle naselang am Kopf, brauchte Erklärungen und

»Anständiger Kerl«, sagte mein Vater einmal über Roar.

Ich gehörte zu Dag. Roar zu Bricken. Manchmal sah ich, wie er einen Arm um sie legte und ihr einen Kuss auf die Stirn drückte. Da strahlte sie. Wie vertraut sie miteinander umgingen. Noch bevor Roar sich die Hose höher über den Bauch zog, wusste Bricken, was er vorhatte und dass er sich am Ende an die Gürtelschnalle fassen würde. Wenn Bricken in der Küche verschwand, wusste Roar genau, welche Schranktür sie öffnen und wieder schließen würde. Manchmal standen sie einfach da und umarmten sich. Stirn an Stirn, Sommersprossen an Sommersprossen, wie gespiegelt. Ein gleichmäßig puckerndes Herz. Ich war überflüssig.

Das war einmal. Jetzt ist Roar tot. Das Küchenfenster ist angelehnt, die Gardine bewegt sich in der Augustbrise. Als Bricken den Stuhl zurückschiebt und aufsteht, verrutscht der Teppich. Ihre Zerstreutheit reizt mich, aber davon bekommt sie nichts mit. Sie schließt das Fenster, als wüsste sie, dass ich am liebsten fliehen will. Dann humpelt sie in die Stube, gestützt auf ihren Stock aus Metall und Plastik.

»Wo gehst du hin? Was machst du?«

Ich bereue sofort, gefragt zu haben.

Keine Antwort, wie immer. All die Fragen, die in diesem Haus nie beantwortet wurden. Noch viel mehr Fragen, die nie gestellt wurden.

Wie wir hier in der Küche auf und ab gegangen sind und die Flickenteppiche zerschlissen haben. All die Jahre, in denen ich Teppichkanten geglättet und mir auf den Holzdielen Splitter eingezogen habe. Eine Diele gibt ein zorniges Knarren von sich, wenn Besuch kommt, der nicht weiß, wo er hintreten muss. Unter vertrauten Schritten brummt sie freundlich. Bei Dag hat sie geseufzt, Brickens Füße begrüßt sie mit einem kaum vernehmlichen Knistern. Wenn Roar auf die Diele trat, hat sie leise gelacht. Darüber, wie meine Schritte klingen, habe ich nie nachgedacht. Vielleicht falsch, verstellt. All die Dinge, über die wir in Frieden nicht sprechen – dabei hört uns hier draußen doch sowieso niemand außer Eule und Fuchs. Die Suppenschüssel ist auf dem mittleren Regalbrett festgewachsen – ich kann mich nicht erinnern, dass sie jemals auf dem Tisch gestanden hätte. Und dann der schimmelgrüne Mörser. Irgendetwas stimmt nicht mit dem Ding, das habe ich an Roars Blicken gesehen. Und mit mir stimmt auch etwas nicht. Aber manches bleibt wohl besser im Dunkeln. Seit mehr als einem halben Jahrhundert rackere ich mich hier tagein, tagaus ab, fabriziere Erinnerungen, male mir aus, was hätte sein können, was hätte sein sollen, rede den Ärzten und meinen Nächsten nach dem Mund. Kann kaum unterscheiden, woran ich mich erinnern müsste, woran ich mich tatsächlich erinnere und was ich nur erfunden habe. Die Hälfte ist vermutlich Einbildung. Und ziemlich viel schier erlogen.

»Hilfst du mir mit den Formularen, Kåra?«

Die Papiere werfen Schatten auf den Boden, dunkle Umrisse, Geheimnisse. Wieder nagt ihr Blick an mir. Ihre Augen lassen mich an meine Kastaniensammlung denken, ich will, dass sie wegsieht. In Indochina herrscht Waffenruhe, aber hier?

Ich will einfach nur weg.

 

Ich bin zu feige, um all die Geheimnisse mit mir herumzutragen. Damit meine ich nicht nur die Sache mit Roar, sondern auch alles andere. Ich bin von klein auf Mittelmaß. War als Kind nicht sonderlich klug, nicht so schnell im Kopf wie Bricken. Nie so schön wie sie, aber auch nicht hässlich. Mattbraune, leicht lockige Haare voll widerspenstiger Strähnen. Ein nettes, alltägliches Gesicht, unscheinbar an der Grenze zum Lieblichen. Brüste wie unreife Stachelbeeren. So war ich. Vielleicht hatte ich größere Füße als die anderen, aber auch sehr viel kleinere Träume.

Und mehr Angst. Zumindest fühlte es sich so an. Ich

»Barfuß rumzulaufen ist gefährlich – ein einziger Nagel kann dich töten. Wie damals Mats, der Mann von Cousine Signe. Der bekam eine Blutvergiftung, die zum Herz hochwanderte. Sobald der Strich dein Herz erreicht, stirbst du.«

Livas Geschichten waren so bunt, doch in mir zerfielen sie zu grauem Staub. Erst spürte ich ein Stechen im Bauch, vielleicht aus Angst, oder aus Neid, weil Liva mutiger war als ich. Mit einem Mal krabbelten mir unsichtbare Spinnen über den Rücken. Mein Herz hämmerte, ich war schweißnass und wollte die Zeit zurückdrehen. Liva steckte sich seelenruhig einen Grashalm zwischen die Lippen. Dort im Schatten sah sie aus wie ein Skelett.

»Und auf der Wiese bei den Schafen, wo du Blumen pflückst … kann sein, dass du da mal über eine Kniescheibe stolperst.«

Mein Magen verkrampf‌te sich.

»Irgendwann ist da ein Knecht in eine Mähmaschine

»Nein!«, flüsterte ich.

Bevor wir Kinder geboren wurden, hatte unsere Mutter in dem Pflegeheim über der Irrenanstalt gearbeitet. Aus dem Keller hatte sie gedämpf‌te Laute vernommen und mit eigenen Augen gesehen, wie Menschen die Treppe hinabgezerrt wurden. Natürlich blieb sie selbst immer im Erdgeschoss, zwischen den dicht an dicht platzierten Betten der Alten, ein geordneter letzter Halt vorm Tod. Aber sie kannte das Loch im Boden, durch das man hindurchgucken konnte. Verlotterte Menschen unter der Erde. Schreie. Leben auf abgewetzten Stühlen. Einmal hatte Mutter beobachtet, wie der Mann, der den Verrückten Essen brachte, hinterher mit leeren Augen ins Sonnenlicht trat. Ich kannte die Geschichten in- und auswendig. Meine Mutter hatte mir von Norrf‌ly erzählt, als ich mich geweigert hatte, unter dem Küchentisch hervorzukommen. Oder war es, als ich nicht aufs Pferd steigen wollte?

»Willst du wirklich in einem dunklen, fensterlosen Kartoffelkeller enden, Kåra? Nur noch die Menschen treffen, die dir Essen und Medikamente bringen?«

In dem Moment hatte ich sie gehasst.

»Nein!«, wiederholte ich jetzt unter der Fichte – für meine Mutter, für Liva neben mir und für mich selbst.

Existierte nicht mehr.

Plötzlich der Geruch nasser Wolle, als Liva zurück unter die Fichte kroch. Lächelnde Augen, lachender Mund. Ihr nasser strohblonder Zopf plumpste neben ihr auf den Boden.

»Ich hab beim Pinkeln einen Hasen in einer Felsspalte gesehen. Und obwohl ich nur ein paar Minuten da draußen war, bin ich pitschenass.«

Ich kroch unter die Pferdedecke, schlang sie mir um den Leib und legte den Kopf auf eine Wurzel. Der Stoff‌ fühlte

»Die sind riesig. Wiegen neunzig Kilo! Aber sie selbst wissen das nicht, weil sie mit Schafherden im Kaukasus aufgewachsen sind und sich für Schafe halten. Schäferhunde eben. Owtscharkas sind lammfromm, aber auch sehr mutig.«

Ich rutschte näher zu ihr.

»Sie würden morden, um ihr Herrchen zu beschützen.« Liva senkte die Stimme. »Sie verschmelzen mit der kargen Landschaft und trotten zwischen ihren Schafsfreunden umher. Aber immer wachsam und misstrauisch. Wenn ein Raubtier die Herde bedroht, werfen die Owtscharkas ihr Schafskostüm ab. Dann werden sie richtig wild, reißen die Angreifer in Stücke und verschlingen die Kadaver.«

So wollte ich auch sein. Wäre ich eine Owtscharka-Hündin, dachte ich, oder hätte eine an meiner Seite. Würde sich so eine Riesin mit gefletschten Zähnen zwischen mich und das Leben stellen. Ich blickte mich um, suchte in den Schatten nach dem weiß-braunen Fell einer mutigen zotteligen Hündin, aber nein, nirgends waren ein massiger Tierkörper, riesige Pfoten oder wachsame Augen zu sehen.

Als der Regen nachließ, strahlte eine sommerweiße Sonne über dem Wald. Perfektes Wetter, um über gefällte Baumstämme zu balancieren und von rauen Felsen zu springen, für warme Erde unter bloßen Füßen. Schluss mit Ungeheuern und dunklen Kellerlöchern. Ich folgte meiner

Damals log ich noch nicht so oft.

 

Liva hopste durch die Welt. Ich dagegen stolperte, und die Leute starrten mich an. Meine Mutter meinte, ich trüge das Herz auf der Zunge, sei dünnhäutig und selbstbezogen.

»Angeborene Schwächlichkeit«, sagte sie eines Tages zu meinem Vater, »mit dem Mädchen stimmt was nicht.«

Natürlich sollte ich das nicht hören. Dass ich schwächlich war, wie Tante Gurli aus der Familie meiner Mutter in Söderhamn.

Tante Gurli.

Die sie weggebracht hatten.

»Keine Sorge, Magda«, sagte mein Vater. »Sie braucht nur ein paar Aufgaben, dann löst sich alles von allein. Wald, Tiere, Äcker – der perfekte Nährboden für Mitgefühl und Seelenfrieden.«

Ich wollte eine Ameise sein mit hartem Außenskelett zum Schutz vor der Welt, nicht der wabbelige Geleeklumpen, der ich war. Ameise oder mutige Hündin – nichts davon wurde wahr. Stattdessen folgte mir eine zartgliedrige Angst überallhin, wie ein räudiger Fuchs. Sie wollte gestreichelt und hochgenommen werden, sich an mich schmiegen, mir gehören. Wollte, dass ich die Luft einsog, als wäre es das letzte Mal, dass ich die Augen zukniff und mein Herz hämmern ließ, mich anspannte, bis meine Finger weiß wurden. Hätte ich eine Owtscharka, die mich liebte. Die sich in

Genau das tat sie später auch.

Doch als ich Kind war, kam sie nur selten. Damals prallte mein Leben mit toten Vögeln zusammen und spitzen Nähnadeln, mit den anderen in der Schule, wenn ich eine falsche Antwort gab, mit der Frau mit dem Korb und den stierenden Augen, die mich nicht leiden konnte. Damals half die Owtscharka mir noch nicht. Je öfter die anderen tuschelten, dass ich feige sei und seltsam, desto fester schlang sich die Angst um meine Brust. Ich fürchtete mich vor den Gesichtern der Erwachsenen, wenn sie sich über die Schüsse von Ådalen unterhielten. Oder als der Mann einer Cousine ein Blutgerinnsel bekam und plötzlich gelähmt war, als sich alle im Krankenzimmer versammelten und miteinander flüsterten, während Schatten über ihre Gesichter tanzten.

Er hatte zwei kleine Kinder.

Kurz darauf starb er, glaube ich. Möglich wär’s jedenfalls.

 

Der Tod ist eine komische Sache. Ich spüre ihn seit Jahrzehnten. Ein Mensch lebt. Atmet. Spricht. Dann verändert er sich, verschwindet. Hört auf zu existieren. Wie soll man sich je daran gewöhnen? Hier sitze ich in einem Körper, der dem einer Toten bis aufs Haar ähnelt, mit dem einzigen Unterschied, dass ich atme. In meinem Kopf wirbeln die Gedanken durcheinander, bilden ein wirres Geflecht wie das Muster auf Brickens Arbeitsplatte, die sie zum Siebzigsten bekommen hat. Ich schnappe mir den letzten Zuckerwürfel, bevor sie ihn nimmt, obwohl ich meinen Kaffee schwarz trinke. Bricken steht auf, holt ein Paket