Winterblumen, Sommersonne
Sternenklarer Hälsinglandherbst, nackte Erde, kalte Luft. Als mein Bauch schwer und massig wurde, gab ich Wehmutter Britas Weisheiten an Armod weiter. Teilte mit ihm das Wissen, das ich seit den ersten Abenden bei ihr hatte sammeln dürfen – als ich zu ihr kam, war ich nicht mal acht und lauschte ihr abends aus dem Bett –, bis wir uns gegenseitig helfen konnten, mit Wunden und Leiden, Ausschlägen und Krankheiten. Ich verlor kein Wort über die Risiken, zeigte nur, was zu tun war – und empfand Dankbarkeit für alles, was Brita mir beigebracht hatte. Kurz nachdem sie starb, wurdest du gezeugt, Roar. Armod half mir so tatkräftig und beherzt, wie er alles anging, doch als die Wehen regelmäßiger kamen, wurde er blass um die Nase und wirkte ernst und unsicher. An die Schmerzen kann ich mich nicht erinnern, nur daran, dass sie einem starken Druck nach unten wichen, und einer Klarheit, wie ich sie nur einmal zuvor erlebt hatte. Es war so weit. Ich spürte, wie sich mein Körper ausdehnte und immer mehr Platz im Raum einnahm, in mir eine Stärke, die die Blutgefäße in meinem Gesicht sprengte. Das Zimmer duftete und stank zugleich, nach Körper, roher Kraft und modrigem Wasser. Als mein Kind das erste Mal schrie, war es, als hätte ich mich bis zum Gipfel eines Bergs hochgekämpft. Alles war Licht. Unsere Familie traf einen kleinen neuen Menschen. Ein seltsames schwindelerregendes Gefühl. Magie.
Tone Amalie.
Meine neugeborene Tochter hatte flaumiges Haar, breite Wangenknochen und einen schmalen Unterkiefer. Ein herzförmiges Gesicht. Als ich ihr behutsam über Nacken und Rücken strich, beruhigte sie sich. Ich bettete sie in einen Korb, und dort schlief sie ein, mein zukünftiges Barfußkind mit den runden Fußsohlen, dunklen Wimpern und roten Wangen. Du, Roar, lagst neben mir in unserem Bett auf dem Boden, den Daumen im Mund und noch ein wenig verängstigt von den Geräuschen und Schreien, die ich von mir gegeben hatte. Als du einschliefst, zuckten deine Augen unter den Lidern – vielleicht träumtest du von einer Kiste voll Äpfeln und Kartoffeln, genug für einen ganzen Winter. Oder von einem Morgen, an dem es in der Kate nicht kalt zog. Ein paar Wochen darauf zimmerte Armod aus gefundenen Brettern ein Bett, das uns über den Boden hob und in dem ihr Kinder seinen Vagabundengeschichten lauschen konntet. Abends kauerten wir uns unter den Fellen zusammen, um die Kälte abzuwehren. Wenn ihr schlieft, atmete ich in Armods Mund, ringsumher drehte sich alles, und nur wir zwei lagen still da.
Ich liebte es, davon geweckt zu werden, wie Tone Amalie leise gluckste, und sie im Bett zu stillen, die Nase in ihr flaumiges Haar zu drücken und zuzusehen, wenn Armod sich vor seinem rissigen Spiegel rasierte. Für gewöhnlich lagen Spiegel und Rasiermesser in der Holztruhe in der Ecke, aber an manchen Morgen holte er ihn hervor und platzierte ihn auf Nägeln in der Wand. Wenn er sich vor den Spiegel stellte, knarrte die Diele unter seinen Füßen so schön.
›Gewöhn dich nie an das Hässliche‹, hatte er gesagt.
Gewöhn dich nie an das Schöne, dachte ich, damit es für immer schön bleibt.
Er stellte den Rasierspiegel auf die Nägel und lehnte ihn an die Wand, knarz, ging mit dem Gesicht nah heran und rasierte sich unter der Nase, an den Ohren, unterm Kinn, knarz, trat einen Schritt zurück und prüfte, ob er etwas übersehen hatte, knarz. Du, Roar, klammertest dich an sein Bein und schautest neugierig zu ihm hoch, und wenn er fertig war, legtet ihr Spiegel samt Rasiermesser zurück in mein hübsches Kästchen in der Truhe. Ehe Armod den Deckel schloss, zogst du die Finger zurück, so, wie wir es dir gesagt hatten.
Wenn Armod draußen arbeitete, wippte dein Wuschelkopf meist neben ihm her. Du halfst ihm, Karotten aus der Erde zu ziehen, jagtest Hummeln, stapeltest Holzscheite auf – ein kleiner Junge mit Watschelgang, der endlich in einem sicheren Zuhause aufwuchs. Ich liebte dich. Und Armod liebte mich über alles. Zumindest hatte ich das bis zur Geburt deiner Schwester geglaubt. Doch wenn er mit ihr sprach, klang seine Stimme wie weiche Butter. Er strich ihr über den Kopf und ließ sich von ihr verzaubern. Ihre Haare in der sanften Herbstsonne, ihr lächelnder verschwitzter, stoppelbärtiger Vater – die beiden waren ein Teil von mir. Wenn Armod sie ansah, trat ein mir unbekannter Ausdruck in seinen Blick. Natürlich war es mit dir anders, Roar, dessen war ich mir bewusst. Und es war in Ordnung, trotzdem gehörten wir alle gleichermaßen zur Familie.
»Das hier ist mein Rudel«, sagte Armod, die Nase in Tone Amalies Haar gedrückt.
Armod rackerte sich derart ab, dass der Schweiß in Strömen an ihm herunterlief, wenngleich es bitterkalt war. Unter seinen Achseln zeichneten sich dunkle Ringe ab, manche vom selben Tag, manche älter. Obwohl ich unsere Kleider abkochte, gingen die Schweißflecken nicht aus dem Stoff, aber was machte das schon? Armod und ich würden uns ja doch bald wieder nass schwitzen. Man muss mit dem Wald leben. Wer versucht, sich der Natur zu widersetzen, hat längst verloren.
Draußen fror ich oft an den Händen, aber die Kate sperrte das Wetter aus. Wenn ich kochte, beschlugen die Fenster von Dunst und Fett, und wir bekamen unsere eigene verborgene Welt dort drinnen, während die feuchte Kälte uns draußen belauerte. Kniff ich die Augen zu, verschwamm der Weg zum Dorf, als wäre unsere Kate das einzige Haus auf der Welt. Als gäbe es nur noch uns und ringsum die Birken als bleiche Wächter.
Kurz darauf. Ein kellerschwarzer Wintermorgen. Gefrorene Wiesen und Weiden. Draußen stach uns die heimtückische Kälte in die Haut, aber in der Kate lagen Holz und Reisig getrocknet und ordentlich aufgeschichtet neben der Tür. Unsere Wohnstatt duftete nach Harz. Die Luft war schwer und warm, wie angesengt vom Ofenfeuer. Das Geräusch deiner rastlosen Füße auf den Dielen. Die Ferse zuerst, das Gewicht auf dem einen, dann auf dem anderen Bein. Ich summte euch Lieder über die Tiere des Waldes vor.
Dann fiel der erste Schnee. Armods freier Tag! Ein Tag, an dem ich mich nicht wegen der riesigen Kiefern sorgen musste. Unser Rudel unter dem Schneehimmel versammelt! Armod hatte sich wie immer frühmorgens angezogen und sein Werkzeug zusammengepackt. Du, Roar, saßt auf deinem angestammten Platz auf der Küchenbank, und Tone Amalie lag warm an meiner Brust. Den öligen Glanz in ihren Pupillen hatte sie von Armod, und an jenem Morgen hatten die beiden das gleiche Funkeln im Blick. Dicke Flocken rieselten auf unser Heim herab, als wollten sie die Kate weißen. Armod lachte, zog sich den Mantel enger um die Schultern und eilte mit Siebenmeilenschritten hinaus. Du und ich, wir sahen durchs Fenster zu, wie er seinen Hammer in den Schnee fallen ließ und inmitten der weißen Flocken zu tanzen anfing, bis seine braunen Locken eisig glitzerten. Er lachte uns zu und bedeutete dir, zu ihm zu kommen und mitzutanzen.
Morgens war die Schneedecke über den Gemüsebeeten übersät mit Spuren vom nächtlichen Tanz der Krähen. Die Kälte schlang sich immer fester um unser warmes Zuhause. Armod erzählte dir derart bunt und lebhaft von Männern auf Skiern, die auf dem Holmenkollen Hunderte Meter durch die Luft flogen, dass es war, als kämen sie jeden Moment zur Tür hereingeschlittert. »Sie flogen direkt aus den Wolken und landeten vor meinen Füßen!« Du hast gelächelt und in den Schnee hinausgeblickt, der taute, um bald wieder in Flocken niederzurieseln. Glitschige Steine und nasses Moos. Düsterer Himmel. Morgens war die Wassertonne an der Hausecke mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Dann brachen die Wolken auf, und ein kalter Regen peitschte herab, unsere Kleider sogen sich mit Schmelzwasser voll, und die Kälte biss sich an uns fest, nistete sich in uns ein. Armod pfiff trotzdem vor sich hin und sah zu den Baumkronen hinauf, obwohl sie längst kahl waren. Er war stets guter Laune und euch ein erstaunlicher Vater, erzählte Geschichten, vom Erdrutsch in Hagamarka, vom langen Sturm 1875 und nicht zuletzt vom Süßigkeitenhändler Svartbækken mit dem Hundefellmantel, der geköpft worden war, weil er einen jungen Mann erschlagen hatte.
»Der Henker hielt den Kopf an den Haaren in die Höhe, der Wind rauschte durch Svartbækkens Bart, Blut troff zu Boden, und plötzlich sahen meine Brüder und ich den Totenkopf mit den Zähnen klappern!«
Du hast jedes Mal vor Schreck und Entzücken gejauchzt, Roar, aber ich nicht – schließlich hatten wir unseren eigenen Henker. Die äußerlichen Schmerzen ließen sich ertragen – spitze Schneenadeln im Gesicht, eisiges Schmelzwasser in den Schuhen –, aber das Schlimmste lag noch vor uns: der Hunger.
Selbst die weißesten Birkenstämme haben dunkle Flecken – Armod und ich hatten die Kate zu spät gefunden. Wir hatten zwar den Berg aus Steinen aufgetürmt, die Armods Handflächen aufgeraut und seinen Rücken gequält hatten, doch die Zeit hatte nicht gereicht, um genug Gemüse anzubauen. Trotzdem wirbelte er Tone Amalie weiter durch die Luft, jagte dich über den Hof und aß von unseren Vorräten, als füllten sie sich über Nacht wie von Zauberhand auf. Wenn du nicht hinsahst, riss ich ihm das Brot aus der Hand. Er versuchte, es sich zurückzuholen, kitzelte mich und stürmte zur Vorratskammer, als wollte ich ihn bloß necken. Ich stellte mich ihm in den Weg, das Brotstück hinterm Rücken.
»Wir beide müssen den Gürtel enger schnallen«, sagte ich.
Armod machte nur eine wegwerfende Handbewegung. Seine lächelnden Augen suchten einen Weg an mir vorbei.
»Armod, hör auf!«
Endlich sah er mich an.
»Unsere Vorräte werden sonst nicht reichen. Wenn wir zu viel essen, bekommen die Kinder nicht genug.«
Die Einsicht traf ihn wie ein Hammerschlag.
Mehr gab es nicht zu sagen.
Er stand vor mir wie erstarrt, Armod, der Wanderer, der jederzeit hätte gehen können, der sich in eine Verbrecherin verliebt und sich per Vertrag zur täglichen Arbeit verpflichtet hatte. Bereute er seinen Entschluss?
Nicht, dass wir faul gewesen waren. In der Vorratskammer standen eine Kiste mit Rüben und ein Kübel voll kleiner Kartoffeln, die zwar einen längeren Sommer vertragen hätten, aber uns halbwegs sättigen würden. Doch für den Winter reichte es nicht. Ich zählte die Vorräte, zählte noch einmal nach. Nur zwei Sorten Menschen kümmern sich nicht ums Zählen: die Reichen und die Verrückten. Also zählte ich ein drittes, viertes, fünftes Mal. Mit demselben Ergebnis. Immer öfter fand ich mich vor der Vorratskammer wieder, wie gebannt von den sich leerenden Regalen. Jeder Tag schmeckte mehr nach Galle und in Fett gebratenen Fäustlingen.
Deine Kinderaugen folgten uns in der Dunkelheit, und Armod und ich versuchten, unsere Sorgen zu verstecken. Im Dorfladen ließen wir anschreiben, bissen lächelnd die Zähne zusammen, reihten uns hinter Anna und den anderen Kunden in die Schlange ein und fragten den Krämer leise und freundlich nach neuen Vorräten. Er konnte Ja oder Nein sagen, und bislang hatte er uns immer ein Ja gegeben. Weil er Armod für einen redlichen Mann hielt, weil wir einen guten Moment erwischt hatten, weil er sein Ja jederzeit in ein Nein verwandeln konnte? Ich wusste es nicht, wusste nur, dass der Krämer sämtliche Trümpfe in der Hand hielt und hier im Dorf mächtiger war als der Pfarrer daheim in Trondheim, dass er das Sagen hatte und für jeden einzelnen Kunden Preis und Qualität der Waren bestimmte. An seinem Bauchnabel ging die Sonne auf und in seiner Hose unter, und das Einzige, was ihm am Herzen lag, waren der Bereich dazwischen und seine Geldbörse, so drückte Anna es aus, als wir einmal zusammen aus dem Laden gingen.
»Mach dir keine Sorgen wegen ihm«, sagte sie.
Aber wie hätte ich mir keine Sorgen machen sollen? Einmal streckte der Krämer unser Mehl mit derart viel Kreide, dass du damit die Wände bemalen konntest, Roar. Armod und ich trugen unsere Einkäufe nach Hause, buken, kauten, schluckten. Wir klagten nicht. Der Krämer hatte uns Waren gegeben, und wir konnten nur hoffen, auch in Zukunft sein trockenes Brot essen zu dürfen. Im Dorf herrschte er allein. Man bekam etwas, oder man bekam nichts. Das Glück konnte uns jederzeit verlassen.
Und so kam es.
Keine Vorwarnungen, keine Garantien. Ich war mir sicher gewesen, dass wir das Ende des Wegs erreicht und das Schlimmste hinter uns gelassen hatten, doch die schlimme Zeit fing jetzt erst an. An dem Tag, da das Glück uns im Stich ließ, unterhielt ich mich auf der Straße mit einer hochgewachsenen, hageren Frau, während Armod im Laden war. Sie hieß Johanna. Als sie auf mich zukam, graute mir sofort vor möglichen Fragen, aber sie plapperte unbeschwert drauflos, gab mir Ratschläge und verlangte keinerlei Antworten. Als ich ihr erzählte, ich würde mich wegen der Wintervorräte sorgen, meinte sie, wir hätten rechtzeitig Pilze sammeln müssen, jetzt sei unter der feuchten Schneedecke nichts Essbares mehr zu finden.
»Getrocknete Pilze kann man im Winter gut aufkochen. Dieses Jahr musst du wohl ohne auskommen.«
Sie bekräftigte jedes Wort mit einem Nicken. Ich rang mir ein Lächeln ab, nervös wie immer. Menschen und Fragen jagten mir Angst ein; was, wenn mir jemand auf die Schliche kam, wenn man mich nach Norwegen zurückschickte? Zurück zum Pfarrer mit den weißen Haaren und Kollar. Zum Käfig, der mich nach Tronka bringen sollte. Ich musste mich beherrschen, nicht ständig zur Ladentür zu schielen in der Hoffnung, Armod käme endlich heraus.
»Wenn ihr Pilzstellen findet, müssen sie euch heilig sein. Riesenschirmlinge zum Beispiel sind sehr gesund und bekömmlich. Aber wenn sie kleine weiße Tupfen haben, sind sie gefährlich. Und du solltest nach Pfifferlingen suchen, die sind gelb oder orangebraun und lassen sich wunderbar trocknen. Verwechsle sie nur ja nicht mit Orangefuchsigen Rauköpfen oder Falschen Pfifferlingen! Waldchampignons und Seidige Ritterlinge könnt ihr auch pflücken, wenn die Lamellen an der Unterseite schön weiß sind. Achtet nur darauf, dass der Stiel keine strumpfartige Hülle hat! Pilze mit Strumpf sind giftig. Bevor du die Pilze trocknest, solltest du …«
Johannas Stimme verebbte. Über ihre Schulter hinweg sah ich, wie Armod aus dem Laden trat, der Korb baumelte leer an seinem Arm. Die Tür gab ein lautes Ächzen von sich, und vor mir bewegten sich Johannas Lippen. Ich sah sie auf den ersten Blick; die Angst in Armods Augen. Mit einem Mal erkannte ich den Mann, der mir so vertraut war, kaum wieder. Dein Vater kam ohne jede Regung im Gesicht auf mich zu, und trotzdem sah ich die Angst ganz deutlich. Mit einem Nicken verabschiedete ich mich mitten im Satz von Johanna und folgte Armod schweigend nach Hause. Den ganzen Weg über blickte er starr geradeaus, und seine Schritte bildeten einen regelmäßigen Takt. Obwohl er kein Wort sagte, wusste ich, was sich zugetragen hatte. Ich sah vor mir, wie Armod an seiner Schirmmütze genestelt und gewartet hatte, bis alle anderen Kunden gegangen waren. Wie er an den Tresen getreten war, sich geräuspert und seine Frage vorgebracht hatte, den Nacken leicht gebeugt, doch den Blick nach vorn gerichtet. Diesmal hatte der Krämer ihm ein Nein gegeben. Und selbst wenn es ein leises Nein gewesen war, hatte es in Armods Ohren geklungen wie ein Brüllen. Oder wie ein Wiehern.
»Ich kann nichts mehr anschreiben. Mehr, als du bis jetzt bekommen hast, wirst du nie zurückzahlen können.«
Mehr nicht. Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Vermutlich hatte der Krämer Armod kaum angesehen, jedes weitere Wort im Keim erstickt, zur Tür gezeigt, sich wieder seinen übervollen Regalen zugewandt und Armod abgewimmelt wie der Kuhschwanz die Schmeißfliege. Hatte weder Mehl noch Graupen in Papier gewickelt und nicht einmal eine Messerspitze Schmalz in Armods Blechdose geschabt. Stattdessen hatte er sich den Kragen gerichtet und war ins Lager hinter dem Verkaufsraum verschwunden. Kaum war die Tür hinter dem mächtigen Mann zugefallen, war nur noch das träge Ticken der Wanduhr zu hören. Und die Atemstöße eines hungrigen Mannes, der im Begriff war, in Sorgen zu ertrinken.
Manchmal stelle ich mir vor, wie Armod damals den Kopf senkte und in den leeren Korb blickte. Als er aus dem Laden trat, waren seine Augen gerötet. Wir begaben uns gemeinsam auf den Heimweg. Wortlos und in Gedanken versunken, und erst auf dem letzten Stück durch den Wald versuchte Armod, tröstende Worte zu finden.
»Mach dir keine Sorgen, Unni«, sagte er und strich mir über die Wange. »Es gibt so viele Dinge, vor denen man Angst haben kann. Aber Angst hilft uns nicht. Wir können nicht zurück, also müssen wir nach vorn blicken. Uns etwas Neues überlegen. Unsere Fantasie kann niemand einsperren.«
Fantasie. Unsere Frühkartoffeln hatten wir längst gegessen, und auch die Pellkartoffeln gingen allmählich zur Neige. Bald blieben uns nur noch die Pflanzkartoffeln fürs nächste Jahr. Der Sack mit dem Kreidemehl sank zu einem Häufchen Elend auf den Holzdielen zusammen. Wir brieten ohne Fett und fütterten euch mit aufgeweichtem Brot und Geschichten, Hoffnung und in Schmelzwasser gekochten Blättern. Bitterkeit im Topf und in der Luft. Morgens und abends legte Armod sich mit einem Messer auf die Lauer, aber die Tiere hörten ihn und witterten seinen Hunger. Sie kamen nie nah genug heran, als dass er sie hätte erlegen und in Nahrung verwandeln können.
»Was passiert, wenn Menschen nichts essen, Mutter?«
Darauf gab ich dir keine Antwort.
Bald hatte der Hunger uns überwältigt. Der erste Schnee hatte uns noch sanft umarmt, doch jetzt hatte der Winter nichts Weiches und Mildes mehr an sich – nur Bodenfrost, kahle Beerensträucher, tote Felder. Tone Amalie bekam mit jedem Tag weniger Milch von mir. Deine Augen traten hervor, Roar, und unter meinen hingen pflaumengroße Säcke, die von kurzen Nächten, eisigen Winden und zu vielen hungrigen Bäuchen unter einem Dach zeugten. Ich fing an, Armod mit meinen Worten zu kratzen. So ist es wohl mit der Liebe – wenn sie im Bauch nicht wachsen kann, verliert sie auch in Kopf und Herz an Kraft. Der Hunger nagt an ihr, bis sie zerbröselt. Magere Mücken beißen besonders scharf.
Kalte weiße Unendlichkeit vor dem Fenster. Armod kamen die Geschichten immer mühsamer über die Lippen, und seine Erzählerhände wollten still im Schoß ruhen. Die Vorratskammer war nahezu leer, obwohl ich das Kreidemehl zum Backen mit Gras und Rinde streckte. Irgendwann mischte ich so viel Rinde in den Teig, dass die Fladen, die ich Brot nannte, staubtrocken waren und hart wie Stein. Du kautest und aßt, Roar, bekamst Bauchkrämpfe und weintest in der Nacht. Feine Salzlinien zogen sich von deinen Wangen den Hals hinab.
»Der Hunger tut mir im Bauch weh!«, sagtest du. »Aber wenn ich esse, tut er noch viel mehr weh. Was soll ich tun, Mutter?«
Am Ende hatte ich in der Vorratskammer nur noch eine mickrige Zwiebel, zwei Steckrüben und unsere Pflanzkartoffeln. Ich schälte die Zwiebel, schnitt vorsichtig eine halbe Rübe in winzige Stückchen und sah zu, wie sie auf den Boden des Kupferkessels sanken. Als ich ein paar Tage später eine Handvoll weicher, verschrumpelter Pflanzkartoffeln wusch und samt Schale – wir brauchten jeden Bissen! – in Würfel schnitt, war mir bewusst, dass ich an dem Ast sägte, auf dem wir saßen. Während die Kartoffeln kochten, starrte ich in den Kessel. Es war eine teure Mahlzeit; im Frühling neue Kartoffeln zu ziehen würde uns viel Mühe kosten.
Wenn wir dann noch am Leben waren.
Angst. Nackt wie abgekochte Knochen. Armod und ich sahen sie uns gegenseitig an. Meine Schwermut. Seine gerade erwachten Sorgen. Wenn er dachte, wir bekämen nichts davon mit, trocknete er sich mit dem Ärmel die Wangen. Sonst war sein Blick stets fest, sein Lächeln nah.
»Halt durch, Unni. Angst nützt nichts.«
Wir lebten weiter zwischen den Bäumen, gingen unseren Aufgaben nach und strebten besseren Tagen entgegen.
Weihnachten rückte näher, und der Hunger wurde immer größer. Ein mageres Mahl an Armods freiem Tag, danach schlichen wir ins Dorf und hofften auf etwas Weihnachtsstimmung, aber die Kinder verkleideten sich hier nicht wie in der Heimat und sangen nicht einmal. Als ich sah, wie Tone Amalie und du Eiszapfen von einer Dachtraufe brachtet, um sie zu essen, kratzte ich das letzte Mehl aus dem Sack. Mein Kessel war leer wie eine Trommel. Glitzernde schmelzende Diamanten in euren Mündern: Mehr gab es nicht, nachdem wir die letzten Brotkrumen verschlungen hatten. Jeden Abend schleppte Armod sich von Dorf zu Dorf und bot Arbeit gegen Essen an, doch meist kehrte er mit leeren Händen zurück. Wenn er frühmorgens loszog, presste er die Lippen aufeinander. Er verlor seinen Glanz, sein Lächeln war nur noch aufgesetzt, sein Gesicht grau.
»Es ist, wie es ist«, sagte er, »die Dinge lassen sich nicht ändern.«
Damit hatte er recht. Es hatte so kommen müssen.
Mir fehlte die Kraft, mich um Armod zu sorgen, wenn er fort war – tief drinnen war ich sogar froh, wenn er länger fortblieb in der Hoffnung, dass er Arbeit gefunden hatte und etwas zu essen mitbringen würde. Ich konnte Tone Amalie nicht mehr genug Milch geben, sie war so zerbrechlich wie ein trockener Zweig. Ihre Gesichtszüge schmolzen, und die Knochen traten hervor. Meine Tochter war nur noch ein Strich – dürfte ich nie wieder ihre runden Backen streicheln und pummeligen Handgelenke küssen? Gegorene Früchte. So riecht ein Kind, das hungert. Manchmal öffnete ich die Holztruhe und betrachtete mein Medizinkästchen, fuhr mit den Fingerspitzen über den roten Deckel, der etwas verbarg, womit ich Geld verdienen und so meine Kinder ernähren könnte. Aber ich hatte versprochen, nichts dergleichen mehr zu tun. Zumal wir nur deswegen hier waren. Also nahm ich allen Mut zusammen, ging nach Flor und fragte mich bis zu Annas hübscher Kate durch. Ich kannte hier ja sonst niemanden. Als sie die Tür öffnete, gab ich auf, noch bevor ich meine Frage überhaupt gestellt hatte: Annas Bauch wölbte sich unter ihrer Schürze wie ein Käselaib, sie sah mich verkniffen an. Sie begriff sofort, was ich wollte, und schnitt mir augenblicklich das Wort ab, nein, das könne ich mir aus dem Kopf schlagen, sie habe schon genug Münder zu füttern. Ich war mir sicher, dass sie eine Kleinigkeit hätte entbehren können, aber verhindern wollte, dass ich schon bald zurückkam. Schenk einem Straßenköter eine Handvoll Liebe, und er wird sich für den Rest seines Lebens daran erinnern. Als ich mit leerem Korb nach Hause ging, kehrten die Bäume im Wald mir den Rücken zu. Bestimmt hatten sie ihre eigenen Sorgen.
Armod und ich fuhren uns immer häufiger an. Als er eines Abends ohne etwas zu essen heimkam, stieß ich ihn aus der Tür.
»Wenn es hier keine Arbeit für dich gibt, musst du eben weiter gehen!«, fauchte ich und stach ihn mit dem Blick. »Geh nach Süden, nach Osten Richtung Küste, sieben Tage nach Norden – irgendwohin. ›Es hilft nichts‹, sagst du immer, aber es hilft uns auch nichts, wenn du unseren Kindern kein Essen mitbringst!«
Wortlos ließ er den Kopf sinken. Unter seinem Hemd zeichneten sich die Knochen ab, er streifte den Mantel wieder über und verschwand in den Wald. Warum ich nicht ›nach Westen‹ gesagt hatte, war uns beiden klar. Weil wir nicht zurückkonnten – meinetwegen. Ich bereute meine Worte so sehr, dass es im Bauch brannte, und trotzdem lief ich ihm nicht nach. Mein Zorn verlangte einen Schuldigen, wollte toben und schreien und scherte sich nicht um Gerechtigkeit.
Und wenn er nie kehrtmachte? Wenn er fortwanderte, so, wie er es vor uns getan hatte? Als ich Armod einholte, legte ich ihm eine Hand auf die Schulter und sah, dass er weinte.
»Verzeih mir, Armod.«
Ohne ein Wort zog er mit den Fingern meine Wangenknochen nach.
»Ich habe das alles nicht wirklich gemeint.«
Ich schlang die Arme um ihn, drückte mein Gesicht an seinen Hals und spürte seine Knochen durch den Stoff. Da umarmte er mich, fest.
Du wirst dich nicht daran erinnern, Roar, aber an jenem Abend aßen wir gekochtes Moos, das Armod unter dem Schnee ausgegraben hatte. Du warst zu schwach, um auf deinen Stuhl zu klettern, also hoben wir dich hoch, setzten dich an den Tisch und sahen dir beim Kauen zu. Du warst inzwischen eher zwei als eins und sahst im selben Moment viel jünger und viel älter aus. Tone Amalies Augen traten aus ihren Höhlen, Knie und Ellbogen waren knochig. Helle Wimmerlaute, als wir zu Bett gingen. Du kautest Luft im Schlaf – ich hörte dich bis in meine Träume und drückte dich an mich.
Nichts dauert ewig – aber wie würde der Winter enden? Hätten wir damals Hilfe bekommen, wenn wir versucht hätten, im Dorf Bekanntschaften zu knüpfen, wenn wir uns sonntagmorgens zu einem der Grüppchen vor der Kirche gesellt hätten? Der Dorfpfarrer wagte eines Tages einen Vorstoß. Gestärkter Kragen und schweißnasses Haar, nachdem er den ganzen Weg bis nach Frieden auf sich genommen hatte. Aber ich wimmelte ihn ab, es ging nicht anders. Nicht nur aus Furcht vor möglichen Fragen, sondern weil ich mit Gottesmännern nichts zu schaffen haben wollte; wenn ich die Kirche passierte, war mir der Anblick des weiß verputzten Klotzes zutiefst zuwider. Nein, wir mussten allein zurechtkommen. Wenn Tronka oder der Pfarrer uns nicht zu Fall brachten, dann eben der Hunger. Am Ende käme es aufs Gleiche heraus.
Ich hängte gefrorene Blätter und Zweige zum Trocknen, die Kälte entwich und tröpfelte zu Boden. Wenn ich die Blätter kochte, ergaben sie nur selten eine nahrhafte Brühe. Morgens ging Armod los wie ein alter Mann, abends kam er zurück wie ein ausgewrungener Lappen. Wir waren zu schwach, einander zu berühren. Als uns am Körper Haare wucherten, wusste ich, dass es gefährlich wurde. Bald konnte ich Tone Amalie nicht mehr stillen.
Armod und ich gingen uns aus dem Weg, sprachen nicht miteinander, hatten uns nichts zu sagen. Die Haut schlackerte uns um die Knochen. Mit wahrem Hunger verhält es sich seltsam. Ohne Essen erscheinen die Tage so unendlich lang. Man versucht, den Körper stillzuhalten, um jedes Fünkchen Kraft zu bewahren, und die Welt schrumpft Stück für Stück zusammen. Ihr Kinder wart so mager, dass eure Haut Falten warf, der Hunger nagte an eurem Verstand, eure Gesichter verschwanden unter strohigen Strähnen.
Leere Augen. Tone Amalie wimmerte, und du, Roar, lagst neben mir wie ein murmelndes Gerippe. Armod erzählte keine Geschichten mehr, verstummte. Eure winzigen Fingerkuppen rissen auf, und von euren Körpern blätterte die Haut. Zwei Zähne fielen mir aus. Als mein Bauch sich aufblähte, wusste ich, das Ende war nah. Ich sah dich an, Roar, du gabst keinen Laut von dir und konntest dich nicht mehr aufsetzen. Ein einziger Windhauch hätte unsere Leben auslöschen können. Ich betrachtete Tone Amalie, das Flackern in ihren eingesunkenen Augen. Als ich sah, wie sich der hungrige Bauch meines kleinen Mädchens unter der Decke wölbte, lief es mir kalt über den Rücken.
»Tone Amalie? Tone Amalie, Hummelchen?«
Ihr Körper war so schlaff. Sie weinte nicht mehr und reagierte nicht auf meine Stimme.
Würde sie sterben?
Vielleicht.
Jede einzelne Minute war von diesem Gedanken durchdrungen.
Der Tod zog bei uns ein.
Als Tone Amalie mit ihren müden Augen sah, wie der Gimpel gegen das Fenster flog und zu Boden taumelte, waren wir schon fast zu schwach, um ihn hereinzuholen. Sie versuchte, unsere Aufmerksamkeit zu erheischen, aber nur du, Roar, hattest den dumpfen Aufprall und den Blick deiner Schwester bemerkt. Ich selbst starrte ins Leere. Armod hatte das Gesicht in den Händen vergraben und atmete mühsam ein und aus. Dann nahm ich aus dem Augenwinkel deine Bewegungen wahr, hörte, wie du uns riefst, aber mir fehlte die Kraft, mich zu dir zu drehen. Du riefst erneut und zeigtest zum Fenster.
»Er ist tot!«
Da wurden wir wach. Ein münzgroßer Fleck auf dem Glas. Ich atmete ein, mehr nicht. Armod hob den Kopf und fokussierte seinen glasigen Blick aufs Fenster. Dann richtete er sich auf, stützte sich auf den Tisch und stemmte sich hoch. Nachdem er den toten Vogel hereingeholt und mir gereicht hatte, hielt er inne, zitternd wie ein Grashalm. Hübsches Gefieder, gebrochenes Genick. Ich brachte Wasser zum Kochen, rupfte den Vogel leidlich und gab ihn in den Topf. Rote und schwarze Federn zu meinen Füßen. Ich ließ das Fleisch köcheln, bis es von den Knochen fiel. Tone Amalie und du bekamt je einen Becher Brühe, während der Gimpel weiter garte.
»Gut!«, sagtest du. »Gut.«
Deine Schwester stimmte dir zu.
Wir teilten das Essen in gerechte kleine Portionen, füllten den Rest der Brühe mit Schmelzwasser auf und tranken davon. Danach kratzte Armod den Topf aus und gab dir die letzten Fleischreste. Er und ich aßen sogar die Knochen. Winzige Vogelgebeine, die zwischen den Zähnen knirschten und beim Schlucken kratzten.
Nie zuvor hatte eine Mahlzeit so gut geschmeckt wie dieser Gimpel. Ich erinnere mich noch genau an den Duft und wie wir uns nach den letzten Bissen endlich wieder in die Augen sahen. Ihr Kinder habt gelächelt und schlieft später ohne Tränen ein. Der Gimpel lebte in euren Brustkörben weiter. Armod legte die Stirn an meine Schulter und saß eine Weile da wie im Halbschlaf, ehe er sich erhob und nach draußen ging, um Wühlmäuse zu fangen. An dem Tag hatte er keinen Erfolg, doch schon am nächsten kehrte er mit einem ganzen Beutel voll zurück, und ich entdeckte unter der Schneedecke Preiselbeersträucher, die ich sorgfältig abpflückte. Die Mäuseknochen krachten im Mund wie altes Dünnbrot, und du, Roar, fischtest die Beeren aus der wässrigen Suppe in deinem Becher und zerkautest eine nach der anderen. Du konntest wieder lachen, deine Zähne schimmerten wie Perlen. Wir wurden nicht satt, aber wir überlebten.
Die Schneeschmelze spülte die letzten Zweifel fort und schuf Platz in Armod und mir für rohe Entschlossenheit. An den Zweigen der Salweide zeigten sich die ersten Triebe. Sie machte den Anfang auf unserem Hof, und ihre schuppigen Winterknospen wandten sich der Sonne zu.
Weck die anderen Bäume, kleine Weide!
Ich pflückte die flaumigen Kätzchen ab und drehte sie zu Dochten. Aus dem Bast flocht ich einen großen Korb für die Kartoffeln, die wir im Sommer aus dem vergrößerten Acker holen würden. Noch ehe der Frost aus dem Boden wich, buddelte Armod wieder Steine aus und schichtete sie zu einem Steinmännchen auf – ein Denkmal seiner Liebe zu uns. Die teils tief in der Erde begrabenen Brocken marterten seinen Rücken, und wochenlang schlief er nicht eine Nacht durch. Und das alles nur für uns. Weil wir ohne Ackerboden und Nahrung sterben würden. An den schlimmsten Abenden kochte ich Wasser auf, gab ein Knäuel Weidenrinde in den Kessel und ließ den Sud ziehen. Armod trank davon, das Gebräu half ihm einzuschlafen. Langsam erwachten unsere Lebensgeister, und in der Luft lag etwas Sehnsüchtiges, Forderndes. Armod baute einen Zaun rings um den Hof, der uns vor Hunger schützen sollte. Als ließe der Hunger sich von einem Zaun abhalten. Wenn Armod schuftete, ruhte er sich nie länger aus als ein paar Minuten. An einer Ecke des Zauns ließ er einen Durchschlupf für Trolle frei und die Katze, die erst zwanzig Jahre später hier einzog. Eigentlich hatte er die Lücke schließen wollen, doch die letzte Zaunlatte war zu Höherem bestimmt.
»Ihr bekommt eine Schaukel, Kinder. Am höchsten Apfelbaum.«
Als er das sagte, hast du laut gelacht, Roar.
»Ich werde fliegen, Vater.«
»Ja, du wirst fliegen, Roar, das verspreche ich dir. Wir werden alle fliegen.«
Die Schaukel war schon fast fertig. Armod hatte eine ganze Weile auf dem Steinmännchen gesessen und den Sitz glatt geschmirgelt, doch er wollte die Schaukel erst im nächsten Frühjahr aufhängen, wenn Tone Amalie größer war und sich nicht so leicht verletzen konnte. Euer Vater wollte, dass ihr auf der Schaukel den Wind in den Haaren und an den Kleidern spürtet. Er wollte euch in den Himmel hochschwingen, damit ihr saht, wie groß der Wald war, während die Baumwipfel abwechselnd näher kamen und sich entfernten. Ihr solltet nicht am Boden festgekettet sein. Was war schon eine Lücke im Zaun, wenn man dafür Freiheit bekam? Hin und wieder entwischten auch meine Gedanken durch den Durchschlupf.
Maiwind, endlich milde Wärme. Das Haus bekam ein neues Gesicht, roch jetzt nach trockenem Holz und sonnenwarmem Harz. Ihr Kinder aßt Fichtenspitzen, bis eure Bäuche zwickten. Und trotzdem waren wir dankbar, da die Spitzen verrieten, dass die schlimmste Zeit fast überstanden war. Die Vogeljungen tschilpten so schön, und doch hatten wir nur einen Gedanken: Wir würden sie verspeisen, so wie damals ihren Vater. Ich folgte ihren Pieplauten bis zum Nest. Verzeih mir, kleiner Sperling. Deine Jungen haben meine gerettet. Als endlich der Frühling hereinbrach, sammelte ich alles Lebende, was mir in die Finger kam, wir aßen Tannenspitzen und Flechten, ich kochte Suppen, buk Brot und braute Bier aus Birkensaft. Ihr Kinder trankt es wie ein Zauberelixier. Armods Schultern waren noch steif, als er euch hochhob zu euren künftigen Kletterästen, aber in seine Erzählerhände kehrte neues Leben zurück, und er schnitzte für euch Flöten aus jungen Weidenzweigen. Du spieltest ein paar schiefe Töne, Roar, während Tone Amalie an ihrer nur herumlutschte.
Ihr vergaßt den Hunger, als wäre nie etwas gewesen. Armod ebenso. Aus einem alten Kissenbezug, einem Holzkreuz und ein paar Schnüren bastelte er euch einen Drachen, der euer Ein und Alles wurde. Das leuchtend blaue Monogramm auf dem Bezug verlieh dem Drachen etwas Majestätisches, und Armod zeigte euch, wie man ihn steigen ließ. Du liefst barfuß den Weg zum Dorf entlang und sahst den Drachen über euch herschweben, dicht unter den Wolken.
Und dann kam der Sommer. Mit voller Kraft. Die herrliche Wärme ließ alles rasch wachsen. Kinder, die über sonnenwarmen Boden krabbelten, Wangen, die sich langsam wieder füllten. Farbe in unseren Gesichtern. Die Erlen hingen voller Kätzchen. Erst aßen wir Sauerklee und Tannenspitzen, später Kohl, Zwiebeln und Salat aus frischem Löwenzahn. Armod fand genug Arbeit, um unsere Schulden beim Krämer abzustottern, bald konnten wir wieder im Laden einkaufen, und eines Abends ließt ihr Kinder sogar etwas Milch in euren Bechern übrig. Ihr hattet fröhliche Gesichter und nackte Sommerbeine. In den ersten Wochen träumten wir von Apfelblüten und Sonnenschein und wandten die Gesichter dem Licht zu, um jeden Strahl zu genießen. Doch die Sonne kam jeden Tag zurück, und schon bald hatten wir uns an die helle, liebevolle Wärme gewöhnt. Armod warf seine Sorgen über Bord. Morgens tanzte das Licht über seine Rasierklinge, und ein goldener Schimmer fiel auf seine Wangen und die Astlöcher in den Wänden.
Essensdunst und eine dünne Fettschicht auf den Fenstern. Ich rief euch herein von eurem Spiel, umgeben von Schmetterlingen und Gartenvögeln, und gerade als ihr euch die Bäuche mit gebratenem Fisch und warmen Himbeeren vollgeschlagen hattet, kam Armod mit zwei Feldmäusen vom Kartoffelacker zurück. Wir lachten und schüttelten die Köpfe. Tone Amalie nahm den Daumen aus dem Mund und lächelte uns an. Ihr sangt ein Kinderlied, und mein Kleidersaum schwang im Takt, während ich die Fenster zum Lüften aufriss und den Tisch abdeckte.
Die Wärme war beharrlich. Die Ratenzahlungen verlangten lange Arbeitstage, und ich brachte Armod Proviant aufs Feld, wo sich Frauen im blauen Flachsmeer schinden mussten. Zu Hause auf unserer Lichtung sickerte die Sonne sanft durch die Baumkronen aufs Gras, doch draußen auf den Feldern floss sie ungehindert über die schweißnassen Körper. Die Flachsblüten laugten die Menschen aus und spiegelten sich strahlend blau in deren Augen – wie um an den mühsamen Weg vom Leinsamen bis zum Bettleinen zu erinnern. Später hörte ich von einer Frau, die die Farbe Blau nach jenem Sommer nicht mehr ertrug.
Armod versuchte, Eichhörnchen und Tauben zu fangen, aber sie gingen ihm selten in die Schlinge. Trotzdem aßen wir abends handfeste Mahlzeiten aus gebratenem Fisch, Waldbeeren und noch nicht ganz reifen Äpfeln. Armod erwies sich als geübter Angler, aber Salz war teuer, und wir konnten den Fisch nicht lange lagern. Ich hoffte auf Regen, der die Pilze weckte, von denen Johanna aus dem Dorf mir erzählt hatte.
Gleißendes Sonnenlicht, verbranntes Gras. Bald waren wir gezwungen, unser Gemüse unreif zu ernten. Die Fische versteckten sich auf dem Grund des Sees und bissen bald auch nachts nicht mehr an. Der Bach, der unseren kleinen Waldsee wässerte, floss zusehends träger, als gingen ihm die Kräfte aus. Alles verdorrte. Die Regale in der Vorratskammer wurden leerer, statt sich zu füllen.
Wir aßen die letzte Zwiebel.
Den letzten Kohlkopf.
Dünne Fischsuppe aus Rotauge und Blättern.
Ehe wir’s uns versahen, war der Sommer ein zäher Strudel aus Dürre und Sorgen geworden. Wir wurden langsamer und harrten der Einsicht, die uns wie ein Faustschlag hätte treffen müssen. Stattdessen rieselte ein Gefühl der Ohnmacht auf mich herab, sacht wie Schneeflocken im März. Auch dieses Jahr würde es keine Ernte geben. Ich legte den Kopf an Armods Schulter, spürte seinen Arm im Rücken. Ihr Kinder spieltet in der Sonne, lachtet, während wir, die gerade die Vorräte durchgezählt hatten, weinten. Doch hinter eurem Lachen fielen eure Gesichter ein, dabei hattet ihr gerade erst zugenommen. Du wurdest so schrecklich mager, Roar. Tone Amalies Wangen waren plötzlich grau – der Hunger stahl ihnen die Farbe. In eure Blicke trat die Müdigkeit von Erwachsenen. Auf der Suche nach Holz, Beeren und Pilzen streifte ich stundenlang durch den Wald, und wenn ich manchmal mit Holz, selten mit Beeren und nie mit Pilzen zurückkam, saht ihr mich mit großen Augen an, die Münder weit aufgesperrt wie hungrige Vogeljunge.
Die Sonne schien durchs Fenster und wärmte Tone Amalies Locken. Aber niemand wird satt davon, dass man ihm über den Kopf streicht.
Wieder standen wir mit der Mütze in der Hand vor einem Schicksal, das taub war gegen Bitten von Leuten wie uns. Ein Heim ist das unablässige Klappern mit Gerätschaften. Geht das Essen aus, verstummen auch die Objekte. Ein Heim ist, sich am Küchentisch zu versammeln und einander in die Augen zu sehen. Aber nicht, wenn der Tisch leer ist. Dafür hatte Armod ihn nicht gebaut. Der Hunger zerkratzte uns von innen. Vögel auf den Zäunen. Vögel im Gebüsch. Vögel, die am Himmel kreisten. Sie alle suchten nach Futter, so wie wir. Wir hielten uns beschäftigt, um nicht ins Grübeln zu verfallen, achteten aber darauf, mit unseren Kräften sparsam umzugehen. Ich pflückte braungefleckte Blüten vom Fliederstrauch am Holzschuppen und flocht sie in Tone Amalies Haar. Manchmal sah ich, wie sie sich die winzigen violetten Punkte vom Kopf zupfte, um sie sich in den Mund zu stecken.
Gewitterschwere Luft, doch es kam kein Regen, nicht ein Tropfen. Immer nur Trockenheit. Dörrendes Sonnenlicht und knisperndes vertrocknetes Gras. Die Hitze umschloss uns, bis alles erstarrte. Es blieb heiß, immer nur heiß. Bald lag der Boden splitternackt vor Menschen und Tieren. Im Dorf galt ich als wunderlich, weil ich mich von allem fernhielt, und trotzdem merkte ich, wie die Menschen, die sich sonst gegenseitig halfen, Stück für Stück auseinandertrieben. Als ich Johanna im Wald über den Weg lief, an einer Stelle, wo Pfifferlinge hätten wachsen sollen, hatte sie etwas Wildes im Blick. Einstige Freunde prügelten sich im Straßendreck um eine von einem Wagen gekullerte Rübe. Ein Mann wurde beschuldigt, er habe den Hund seines Nachbarn gegessen. Das Dorf löste sich auf, und ich mied es mehr denn je. Die frühere Gemeinschaft verwandelte sich in eine Ansammlung aus gut hundert Menschen, die jeder für sich Essbares suchten. Einmal mehr zeigte sich: Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Ich selbst dachte an das Leid, vor dem wir geflohen waren. Es hatte uns eingeholt.
»Was jetzt, Armod?«
Keine Antwort.
Wir gerieten aus dem Gleichtakt. Wenn ich mit meinem leeren Korb heimkam, hörte ich schon von Weitem, wie er euch mit Geschichten über Abenteuer und Reisen fütterte. Immer wieder wolltest du von jenem Februartag hören, an dem der Eisschnellläufer Axel Paulsen zu Reichtum gekommen war, indem er seinen niederländischen Konkurrenten auf dem zugefrorenen Oslofjord abgehängt hatte.
»Er war schnell wie der Blitz, Kinder! Einen schnelleren Menschen wird es auf dem Eis nicht mehr geben. Natürlich ein Landsmann.«
»Erzähl uns eine Gruselgeschichte, Vater.«
Armod riss die Augen auf und flüsterte, dass er während einer Arbeitspause gesehen habe, wie das Dampfschiff Ydale bei herrlichstem Sommerwetter gekentert war, nur eine halbe Tageswanderung von hier entfernt. Ich hielt jäh inne.
»Dreizehn Kinder ertranken!«
Du hast die Luft angehalten, Roar.
»Hütet euch vor tiefen Gewässern, Kinder.«
Ihr saßt stumm da, und ich widmete mich wieder meiner Arbeit. Ich habe Armod nie danach gefragt, aber oft darüber nachgedacht: dieser Drang zu erzählen, gesehen zu werden. War Armod auch vor etwas geflohen? Lag tief unter den Geschichten etwas begraben?
Ein wandelndes Gerippe im vertrockneten Grün: In allem suchte Armod Nahrung, trank Fantasien und Sonnenstrahlen und teilte sie mit euch. Mir selbst fehlte die Kraft, euch etwas vorzuspielen, ich zog mich immer mehr in mich zurück, war oft gereizt. Ohne Regen kein Essen. Kein feuchter Geruch nach Leben. Was wir gesät hatten, konnte nicht gedeihen. Der Bach im Wald war bloß ein durstiges Rinnsal und konnte jeden Tag vollends austrocknen. Unsere Achselhöhlen rochen säuerlich nach Schweiß, obwohl unsere Mühen ohnehin vergebens waren. Unsere Mägen knurrten, stießen Klagelaute aus. Ich vermisste den Essensdunst in der Kate, der sich sonst so schwer vertreiben ließ. Selbst die uns so verhassten Wühlmäuse hätten in einem Wacholdereintopf himmlisch geschmeckt.
»Was jetzt? Was sollen wir tun, Armod?«
Er wandte sich von mir ab. Wir verfaulten innerlich. Das Schicksal hatte uns auf die Probe gestellt, und wir waren gescheitert. Unsere Träume nahmen sich immer wirklicher aus, Schlaf und Wachen ließen sich kaum mehr voneinander unterscheiden. Nur war der Wachzustand noch schmerzvoller, elender. Armut – eine lebenslange Prüfung in Zähigkeit. War ich allein im Wald, hörte ich mich manchmal unser Schicksal verfluchen. Die Verzweiflung eines Menschen, der sich nicht eingestehen will, dass er längst aufgegeben hat.
»Es geht so nicht weiter, Armod«, sagte ich, als ihr uns nicht hören konntet. »Schau uns an! Deine Geschichten und Flunkereien machen uns nicht satt. Was sollen wir tun? Sag’s mir!«
Keine Antwort. Keine Regung.
»Sag’s mir, Armod. Sag irgendwas! Was sollen wir tun?«
»Still!«
In seinen Blick trat etwas Wildes, Rohes.
»Sag du’s mir doch, Unni! Was fragst du mich? Was schlägst du vor? Was denkst du?«
»Ich sag dir, was ich denke. Ich bereue, dass ich dir hierher gefolgt bin, in ein Land, wo es für uns kein Essen, keine Zukunft gibt!«
Seine Augen blitzten.
»Hast du schon alles vergessen?«
Er hob die Stimme, und ich schrumpfte zusammen. Die Liebe verkroch sich in den Wänden. Armods Worte bildeten einen Sumpf unter meinen Füßen, obwohl er nichts aussprach, was ich nicht schon selbst gedacht hatte.
»Hast du vergessen, dass wir wegen dir hier sind, Unni? Wegen deines Kästchens und deiner Kräuter? Wegen des Unglücksraben von Pfarrer? Wegen Tronka?«
Tronka – das Narrenhaus von Trondheim. Ehe Armod weiterreden konnte, riss ich die Tür auf und rannte los, fort von engen Zellen und verriegelten Irrenhaustüren, von unserer Kate und Angst und Hunger, vom braunen Atem des Pfarrers und groben Händen im Dunkeln. Irgendwo zwischen den Bäumen geriet ich ins Stolpern, schnitt mich an einer dicken Wurzel, schlug mir die Knie auf und schmeckte Rotz im Mund. Ich presste das Gesicht an den Boden, und Weißmoos dämpfte meine Stimme, als ich mir den Schmerz aus dem Leib schrie. Niemand hörte mich, und als ich mich endlich auf den Heimweg machte, war das Echo längst verstummt. Die Haut schlackerte mir um die Knochen wie ein runzliger Trauerflor. Aus der Kate hörte ich Armods Stimme, er erzählte schon wieder vom Schiffsunglück seines Onkels, davon, wie sein Vater mitgeholfen hatte, die Schienen nach Elverum zu verlegen, wie er Armod und seine Brüder zur Hinrichtung des Süßigkeitenhändlers Svartbækken mitgenommen hatte. Hatte Armod überhaupt Brüder? Ich wusste so wenig über ihn. Drei fantasierende Kinder, umgeben von dürrer Erde. Winterblumen und Sommersonne – Hunger kennt keine Jahreszeit.