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Unter Bewachung

„Wir dürfen nicht zulassen, dass sie uns zu Malvel bringen“, wisperte Elenna.

Tom blinzelte durch die Schlitze der Wagenabdeckung nach vorne, während sie die Straße entlangruckelten. Sie befanden sich am Ende einer Kolonne aus fünf oder sechs Karren.

„Die Waffen sind im zweiten Wagen“, sagte Tom. „Wir flüchten, sobald es geht, und schnappen sie uns.“

Aber er hatte keinen richtigen Plan. Als der Wagen durch ein Loch fuhr, wurde Tom hin und her geschleudert. Da er die Hände nicht benutzen konnte, um sich abzustützen, fühlte er sich schon völlig zerschlagen. Ein Blick in Elennas Gesicht sagte ihm, dass es ihr genauso ging.

Auch während der heißen Mittagsstunden fuhr die Kolonne weiter. Tom sah der Sonne zu, die nach ihrem Anstieg nun langsam wieder sank. Er wusste, dass sie sich Malvels Palast näherten. Erco kam immer wieder zu ihnen auf den Wagen, um seinem Sohn aus einer Wasserflasche zu trinken zu geben. Doch der Junge öffnete kaum die Augen.

„Lasst mich ihn untersuchen“, bat Elenna. „Vielleicht kann ich ihm helfen.“

Erco sah sie düster an. „Das habt ihr euch so gedacht“, knurrte er. „Aber ich werde nicht auf euer Lügengeschwätz hereinfallen.“

Tom wusste, dass es keinen Zweck hatte, vernünftig mit Erco zu reden. Er hoffte nur, dass Ludor sich erholte, bevor sie den Palast erreichten. Dann würde die Wahrheit ans Licht kommen. Als sich die Dämmerung über das Land senkte, hörten sie schließlich Nathans Stimme, die zum Halt rief.

„Wo sind wir?“, fragte Elenna.

Tom richtete sich, so gut es ging, auf und sah über den Rand des Wagens. Am Horizont konnte er die Umrisse von Malvels Palast erkennen, der sich wie ein dunkler Schatten vom Boden erhob. Die vorderen drei Wagen waren stehen geblieben und wurden im Kreis aufgestellt. Nachdem die Soldaten sich gestreckt hatten, begannen sie, Zelte aufzubauen. Das Ruckeln und Rumpeln hörte endlich auf, als auch der Wagen von Tom und Elenna stehen blieb. Storm wieherte und stampfte mit den Hufen.

„Sieht so aus, als ob wir hier unser Nachtlager aufschlagen“, sagte Tom.

Doch niemand kam, um ihre Fesseln zu lockern. Soldaten wurden zum Feuerholzsuchen geschickt. Tom zitterte vor Kälte. Der arme Ludor murmelte vor sich hin, aber Tom verstand ihn nicht. Schon bald war die Luft vom Knistern des Feuers und vom Geruch gebratenen Fleischs erfüllt. Ein Soldat, dessen Rüstung im Feuerschein glänzte, stand neben Toms und Elennas Wagen.

Toms Kehle war ausgetrocknet und sein Magen knurrte vor Hunger.

„Dieser Geruch ist die reinste Folter“, sagte Elenna.

Tom hörte die Soldaten lachen und scherzen. Nur Erco stimmte nicht mit ein.

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„Malvel wird sehr zufrieden mit uns sein, weil wir die Gesuchten geschnappt haben“, sagte Nathan. „Gut, dass du sie nicht getötet hast, Erco. Wir bekommen bestimmt eine saftige Belohnung.“

„Sei dir da mal nicht zu sicher, Nathan“, erwiderte ein anderer Soldat. „Noch haben wir sie nicht ausgeliefert. Und wenn wir versagen, wird Malvels Wut furchtbar sein.“

Gelächter und Gescherze verebbten, sodass die Soldaten ihre Mahlzeit schweigend beendeten. Bald darauf erfüllte ihr Schnarchen die Luft und das Feuer wurde kleiner. Tom zog an seinen Fesseln, aber das Seil schnitt nur schmerzhaft in seine Handgelenke. Er biss die Zähne zusammen.

„He, du!“, rief Tom Peter zu, der sie bewachte. Er setzte sich, so gut es ging, auf. „Bring uns bitte etwas zu essen und zu trinken, hab etwas Mitleid.“

„Auf keinen Fall“, sagte Peter und grinste böse. Tom sank zurück, aber erhob sich wieder, als er die Stimme des jungen Viehdiebs hörte.

„Es tut mir leid, dass ihr gefangen genommen wurdet“, wisperte Ludor. „Ich hab versucht, es meinem Vater zu erklären, aber keiner versteht …“

Ihm versagte die Stimme. Tom war klar, dass er an das Biest dachte.

„Ich weiß, was du gesehen hast“, sagte Tom. „Aber die anderen würden es nicht glauben. Wir sind hier, um die Biester an ihre rechtmäßigen Heimatorte zurückzuschicken, damit sie niemandem mehr schaden können. Du musst uns helfen.“

Die Augen des Jungen wurden groß und rund. Er sah Tom unbehaglich an. „Aber mein Vater wird Ärger mit dem König bekommen. Du hast ihn ja gehört …“

„Malvel ist schuld an Tavanias Elend“, sagte Elenna. „Der Soldat wird Wasser und Essen holen, wenn du danach fragst. Dann kannst du uns befreien und unsere Mission geht weiter.“

„Aber wie wollt ihr Malvel aufhalten?“, fragte Ludor. „Alle haben Angst vor ihm. Sogar die Soldaten.“

„Lass uns frei“, sagte Elenna. „Wir kümmern uns um den Rest.“

Tom beugte sich näher zu Ludors Ohr. „Wir sind nicht allein“, flüsterte er. „Wenn ihr in den Palast kommt, dann suche nach Freya. Sie hält den Schlüssel zu Tavanias Schicksal in der Hand. Freya bildet einen Helden aus, der helfen wird, Malvel zu besiegen.“

„Ich weiß, dass Malvel ein schlechter König ist“, sagte Ludor. „Und ich weiß, dass auch andere das denken. Also gut, ich werde euch helfen.“

Toms Herz klopfte schneller, als sich Ludor stöhnend aufrichtete.

„He, Peter!“, rief er. „Kannst du mir etwas Wasser bringen? Und etwas zu essen? Es geht mir besser, aber ich bin so hungrig, dass ich das Stroh essen könnte, auf dem ich liege.“

„Ich darf meinen Wachposten nicht verlassen“, sagte Peter und musterte Tom und Elenna argwöhnisch.

„Sie können doch nirgendwo hin“, sagte Ludor. „Sie sind gefesselt.“

Peter nickte. Er warf Tom und Elenna einen letzten misstrauischen Blick zu, dann ging er fort.

Als Peter außer Sicht war, begann Ludor, die Seile zu lösen. Tom zog die Hände aus der Schlinge, sobald das Seil sich gelockert hatte, und begann, auch Elennas Fesseln aufzuknoten.

„Vielen Dank“, sagte er zu Ludor. „Du hast etwas sehr Mutiges getan.“

„Wir brauchen Waffen“, sagte Elenna und band ihre Füße los.

„Peter wird nicht lange weg sein“, warnte Ludor.

Nachdem Tom das letzte Stück Seil abgestreift hatte, glitt er vom Karren herunter. Er duckte sich und passte auf, während Elenna vom Wagen stieg und Silver losband. Dann kroch er auf dem Bauch zu dem Wagen mit den Waffen.

Das Licht der glühenden Holzscheite warf seltsame Schatten auf die Gesichter der schlafenden Soldaten. Erco lag auf dem Rücken, sein Mund stand offen. Nathan schlief ausgestreckt auf dem Bauch. Tom konnte Peter sehen, der auf der anderen Seite des Lagers Wasser aus einem Fass schöpfte.

Die Rückklappe des Waffenwagens war lose. Tom klappte sie herunter und tastete in die Dunkelheit. Kurz darauf schloss sich seine Hand um eine Armbrust und einen Köcher. Sie wären perfekt für Elenna. Er tastete weiter und zog für sich selbst ein Schwert und einen Schild heraus.

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Der Köcher schlug gegen einen Stapel Schwerter. Tom erstarrte. Nathan grunzte und drehte sich auf die andere Seite. Tom sah, wie Peter seinen Kopf aufmerksam umwandte. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er sich wieder über das Wasserfass beugte.

Vorsichtig kroch Tom zurück zu Elenna, die gerade Storm von dem Geschirr losband. Sein Hengst stupste ihn dankbar mit der Nase an. Tom drückte Elenna die Armbrust und den Köcher in die Hand und schwang sich auf Storms Rücken. Elenna stieg hinter ihm in den Sattel. Als der Hengst leise davontrabte, hörten sie Ludors sanfte Stimme.

„Viel Glück!“, wünschte ihnen der Viehdieb. „Tavania ist auf eurer Seite!“