Als sie sich ein gutes Stück entfernt hatten, ließ Tom seinen Hengst galoppieren. Er hoffte, dass Ludor sich schlau anstellte und Peter ihre Flucht nicht vor dem Morgengrauen entdeckte.
Der Mondschein warf lange graue Schatten auf den steinigen Boden. Nachdem die glühenden Reste des Lagerfeuers außer Sichtweite waren, befahl Tom Storm anzuhalten. Er zog die goldene Landkarte aus der Satteltasche und entfaltete sie. Silver lief währenddessen zu einem Bach, der gleich in der Nähe floss, und trank durstig.
Tom hielt die Karte ins Mondlicht und betrachtete die Bilder, die in das feine goldene Metall eingraviert waren. Sein Blick fiel auf das Schloss in der Mitte der Karte. Er sah auf und hinüber zum Palast, der wie eine Krähe auf einem Felsvorsprung saß. Schließlich zog die südwestliche Ecke der Karte seine Aufmerksamkeit auf sich.
„Ein Portal!“, rief Elenna, die ihm über die Schulter sah.
Auf der betreffenden Stelle war eine waldige Gegend zu sehen, die mit Nebeldschungel beschriftet war. Daheim in Avantia befand sich in dieser Ecke des Landes der Tiefe Dschungel. Darüber schwebte eine schwarze Wolke auf der Karte, die unter Toms Fingern pulsierte.
„Dort werden wir das nächste Biest finden“, sagte er.
Über dem Portal war mit winzigen Buchstaben ein Name eingraviert. Nergato.
„Was für ein Biest Nergato wohl sein mag?“, überlegte Elenna laut.
„Ich weiß es nicht“, erwiderte Tom. Er faltete die Karte zusammen und steckte sie zurück in die Satteltasche. „Egal was für ein Biest es ist, es wird sehr wütend sein. Niemand mag es, von zu Hause fortgerissen und in einer fremden Gegend ausgesetzt zu werden. Wir müssen es zurückschicken, bevor es großen Schaden anrichtet.“
Während sie weiterritten, wurde der Himmel langsam heller. Seltsame Farben schimmerten in der Luft. Die Sonne strahlte gegen die Glaskuppel, die sich über dem Himmel wölbte. Als er Storm den Weg entlanglenkte, wurde Tom von Traurigkeit erfüllt. Er hielt Ausschau nach Soldatengruppen, die auf der Straße zum Palast unterwegs sein konnten. In Avantia war König Hugos Schloss ein Symbol für Gerechtigkeit, Treue und Vertrauen. Aber hier in diesem verdrehten Königreich war es ein böser Ort.
Plötzlich schien der Himmel auseinanderzubrechen. Ein Blitz zuckte durch die Wolken.
Tom und Elenna schützten ihre Augen mit den Händen gegen das gleißende Licht.
„Es kommt aus dem Süden“, sagte Elenna. „Dieselbe Richtung, in der der Nebeldschungel liegt.“
„Wir folgen den Blitzen“, beschloss Tom.
Der Boden stieg steil an und gezackte Bergspitzen tauchten im Dämmerlicht auf. Sie folgten einem schmalen, gewundenen Pfad, der den Weg doppelt so lang machte. Bald zitterten Storms Beine vor Erschöpfung.
„Wir kommen dem Gewitter und dem Dschungel überhaupt nicht näher“, stellte Elenna fest, als sie die nächste Haarnadelkurve vor sich sahen. „Gehen wir überhaupt noch in die richtige Richtung?“
Tom streckte sich und klopfte Storm auf den schweißnassen Hals.
„Wir müssen einfach weitergehen“, sagte er entschlossen.
Seine Freundin seufzte erleichtert, als die Felswände endlich zurückwichen und den Blick freigaben auf das, was hinter den Bergen lag. Am Horizont war der flaschengrün leuchtende Nebeldschungel zu sehen. Heftige Blitze schossen aus dem Himmel direkt über den Bäumen. So einen Sturm hatte Tom noch nie gesehen.
Elenna hielt sich an ihm fest, als Tom Storm die Fersen gab. Der Hengst machte einen Satz vorwärts. Mit kraftvollen Sprüngen galoppierte er den Pfad hinunter auf den Dschungel zu und Silver lief neben ihm her.
Je höher die Sonne stieg, desto gnadenloser brannte die Hitze auf sie herab. Die Luft war feucht und schwer. Sie galoppierten einen überwucherten Weg entlang, an dessen Seiten Büsche mit blutroten, fleischigen Blüten wuchsen. Die Blütenblätter sahen aus wie hungrige Mäuler, die sich gleich öffnen und sie verschlingen würden.
Insekten summten um ihre Köpfe. Storm zuckte mit den Ohren, während Tom und Elenna mit der Hand nach den Moskitos schlugen. Das Dickicht auf beiden Seiten wuchs über ihren Köpfen beinahe zusammen, sodass der Himmel kaum mehr zu sehen war. Nach einer Weile ritten sie aus dem grünen Dunkel heraus und erreichten höher gelegenes Gelände. Der Dschungel war jetzt nicht mehr weit.
Über den Bäumen zuckten neue Blitze. Auf einmal blieb Silver stehen und stieß ein tiefes, kehliges Knurren aus.
Elennas Hand wanderte zu ihrer Armbrust. „Was ist los?“
Storm schnaubte und stieg auf die Hinterbeine. Dann schien plötzlich der Himmel zu explodieren. Hunderte von Vögeln in allen Farben und Größen flogen auf sie zu wie eine lebendige Wand. Die Luft war von lautem Flügelschlagen erfüllt.
„Was ist da los?“, rief Elenna.
Tom hatte Mühe, Storm zu zügeln und duckte sich im Sattel, als die Vögel über sie hinwegflogen. „Ich glaube, sie fliehen vor etwas!“, rief er zurück.
Der Lärm war ohrenbetäubend. Als die Vögel sich entfernt hatten, fing plötzlich der Boden an zu dröhnen. In dem Moment erschien eine Staubwolke am Rand des Dschungels. Silver heulte, Storm warf den Kopf wild hin und her und Tom umklammerte krampfhaft die Zügel.
„Tiere!“, schrie Elenna. „Hunderte!“
Sie sahen jetzt Affen, die kreischten und durch den Staub vorwärtsstürzten. Pumas, Warzenschweine, Orang-Utans. Hunderte von Tieren rannten brüllend, schnaufend, bellend und knurrend aus den Bäumen hervor und direkt auf die Freunde zu.
„Die Tiere des Nebeldschungels brechen aus!“, keuchte Tom. „Wenn wir hier bleiben, werden wir zu Tode getrampelt!“