Toms Lunge drohte zu zerspringen. Im Wasser neben sich sah er Elenna. Seine Freundin ging unter, aber er kam nicht an sie heran.
„Wir werden ertrinken“, dachte Tom verzweifelt. „Und ich kann nichts dagegen tun.“
Er konnte kaum blinzeln, geschweige denn den Arm bewegen, der noch immer das Schwert hielt. Wo war Nergato?
Kam er durch das Wasser auf sie zu? Glitt sein langer Körper durch den sumpfigen Schlamm? War sein Maul weit geöffnet und bereit zuzuschlagen und sie zu zerfetzen?
Tom spürte, wie sich die Liane um seinen Bauch spannte, und begriff, dass er sich rückwärts bewegte. Etwas zog ihn durch den Sumpf.
Es gelang ihm, sich so weit umzudrehen, dass er den Kopf aus dem Wasser strecken konnte. Hustend und spuckend holte er Luft. Das Gefühl kehrte in seine Glieder zurück, während er keuchend nach Atem rang. Die modrige Sumpfluft roch süß wie Nektar.
Tom hörte Silver bellen. Panik erfasste ihn, als er sah, dass Elenna mit dem Gesicht nach unten ganz still dalag. Storm stand am Ufer und stemmte die Hufe in den Boden. Das Ende der Liane steckte zwischen seinen Zähnen. Er zog so fest, dass seine Hufe tief in den Schlamm einsanken. Matsch spritzte seine Beine hoch, als er Tom und Elenna aus dem Wasser befreite. Erschöpft rollte Tom Elenna auf den Rücken und legte sie aufs Ufer. Dann kroch er an ihre Seite. Sie begann zu husten und Erleichterung erfüllte ihn. Elennas Gesicht verzog sich schmerzhaft und sie spuckte Wasser aus. Obwohl ihr das Wasser übers Kinn lief, versuchte sie zu lächeln.
„Alles in Ordnung?“, fragte Tom und nahm seine Freundin in den Arm.
Sie nickte. Silver leckte ihr über das feuchte Gesicht.
Storm ließ das Seil fallen und wieherte Tom zu.
„Vielen Dank“, sagte Tom aus tiefstem Herzen und strich dem Hengst über die samtigen Nüstern. „Du hast uns gerettet!“
Toms Fingerspitzen und Zehen kribbelten noch ein wenig, aber der Schmerz war aus seinem Körper verschwunden. Nur seine Hand tat noch weh. Tom betrachtete die Handinnenfläche. Der Umriss des Schwertgriffs hatte sich wie ein Brandabzeichen in seine Haut gebrannt. Die Wunde war rot und warf Blasen.
Tom rieb sich das Wasser aus den Augen und sah sich suchend nach seinem Schwert um, das mit dem Griff nach oben in dichten Wasserpflanzen feststeckte. Es war nicht weit vom Ufer entfernt und Tom konnte es mit seiner gesunden Hand herausziehen.
„Welches Biest hat solche Kräfte?“, fragte Elenna und rappelte sich auf.
„Das war nicht einfach nur eine besondere Kraft oder irgendetwas, das wir bei anderen Biestern schon erlebt haben“, meinte Tom grimmig. „Es war, als wären wir vom Blitz getroffen worden! Wie sollen wir gegen solch eine Waffe kämpfen?“
Vom Biest war nichts zu sehen. Das Wasser lag still da und der Dschungel wirkte noch leiser als zuvor.
„Ich glaube nicht, dass Nergato noch im Wasser ist“, sagte Elenna und betrachtete den Sumpf. „Sonst würden wir Blasen aufsteigen sehen. Er muss wieder auf die andere Seite zurückgekehrt sein.“
„Er wartet auf uns“, dachte Tom.
„Wir können nicht das Risiko eingehen, noch einmal hinüberzuwaten“, sagte er. „Ein zweites Mal haben wir vielleicht nicht so viel Glück. Wir müssen einen Weg finden, der um den Sumpf herumgeht.“
Also machten sie sich am Ufer entlang auf die Suche. Ihre Kleider waren nass und stanken nach dem fauligen Wasser. Die Dschungelbäume drängten sich so weit vor, dass das Licht nur schwach durch die verknoteten Wurzeln und Äste schimmerte.
Tom versuchte, den Schmerz in seiner Hand nicht zu beachten. Stattdessen half er Storm bei jedem Schritt durch das dichte Unterholz. Silver lief geschmeidig zwischen ihnen.
„Sieh doch!“, rief Elenna und deutete auf eine Ansammlung von Steinen, die durch die Bäume vor ihnen zu erkennen war. „Meinst du, wir könnten sie als Trittsteine benutzen?“
„Einen Versuch ist es wert“, sagte Tom und wickelte Storms Zügel um einen Ast. „Tut mir leid, aber du musst hierbleiben.“
„Passt aufeinander auf“, sagte Elenna zu Silver. Der Wolf ließ sich neben Storm nieder und legte den Kopf auf die Pfoten.
Tom ging voran. Vorsichtig trat er mit Elenna im Gefolge auf die Steine, auf denen ein rutschiger Belag aus dickem, grünem Moos wuchs.
Die ganze Zeit über ließ Tom den Sumpf nicht aus den Augen und hielt sein Schwert bereit. Hunderte von Fischen trieben mit dem Bauch nach oben auf dem Wasser. Ihre silbrigen Schuppen glitzerten im schwachen Licht, das vom Nebel gefiltert wurde.
Der Elektroschock, der Tom und Elenna beinahe getötet hatte, war für die Fische zu stark gewesen.
Tom sprang vom letzten Stein in den weichen Matsch am anderen Ufer. Elenna eilte nach ihm an Land und hielt sich an einem Ast fest, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. In den Bäumen vor ihnen hing etwas seltsam Durchsichtiges, das im schwachen Licht glitzerte. Es wehte sanft hin und her, als Tom es mit der Schwertspitze berührte.
„Ihh“, sagte Elenna und erschauderte. „Was ist das?“
Im grünen Dschungellicht war ein Rautenmuster auf dem Ding zu erkennen. Und Tom wusste plötzlich, was es war.
„Das ist Nergatos Haut“, sagte er. „Er muss sie abgestreift haben, so wie Schlangen es tun.“
Elenna starrte die riesige Hauthülle an, die hoch hinauf bis in die Bäume reichte. „Schlangen werfen ihre Haut ab, wenn sie wachsen“, sagte sie. „Wie groß kann dieses Biest nur sein?“
Tom durchtrennte die Haut mit dem Schwert und schob sie wie einen Vorhang auseinander. „Es wird Zeit, dass wir es herausfinden“, sagte er und stürzte sich in die Dunkelheit auf der anderen Seite.