Tom hatte Mühe, auf den Beinen zu bleiben. Er starrte mit weit aufgerissenen Augen auf das Loch, das sich in der Höhlendecke bildete. Doch etwas Merkwürdiges geschah. Die Höhle brach nicht über ihnen zusammen.
Tom rannte zu Elenna, die in der Nähe des Eingangs stand. „Es ist nicht gefährlich“, sagte er und lachte erleichtert. „Sieh mal! Die Steine fallen nach oben!“
Es war das Unglaublichste, was er je gesehen hatte. Statt in die Höhle zu stürzen, flogen die Steine nach draußen und wirbelten zum Himmel hinauf. Eine große Felsplatte brach ab und flog hoch. Jetzt war das Portal zu sehen, das zitternd und schimmernd am Himmel stand. Felsbrocken so groß wie Fässer segelten durch die Luft.
Tom ging rückwärts und zog Elenna mit sich. Sie drückten sich flach gegen die Wand und sahen zu, wie zerbrochene Stalagmiten und Stalagtiten sich vom Boden erhoben und nach oben flogen.
„Das ist unglaublich!“, keuchte Elenna.
Nergato kam als Letztes in Bewegung. Sein riesiger Körper wand sich wie ein blauschwarzes Band aus den Stalagmiten heraus. Seine durchsichtigen Flossen glänzten hell, als das Licht durch sie hindurchleuchtete und überall kleine Regenbogen erschienen.
Er schwebte durch das Loch in der Decke hoch in die Luft und wurde immer kleiner, bis er nur noch ein Punkt in der Mitte des Portals war. Dann verschwand er und die gezackten Ränder des Portals schlossen sich. Nichts war mehr zu sehen. Der Himmel war wieder leer und heil.
In der stillen Höhle hörte man lose Steine über den Boden kullern.
„Nergato ist weg“, sagte Elenna. „Du hast es geschafft!“
„Wir haben es geschafft“, verbesserte Tom sie. „Wenn du nicht die Idee gehabt hättest, ihn in die Höhle zu locken, wären wir jetzt beide tot.“
Zusammen traten die beiden aus der Höhle. Tom hob seinen angesengten und zerschrammten Schild auf. Elenna fand sein Schwert, das mit der Spitze im Boden unter einem Baum steckte.
Tom erinnerte sich an den Rückweg, als wäre er in seinen Kopf eingezeichnet. Dankbar berührte er den gelben Juwel an seinem Gürtel. Er ging durch das Dickicht voran, über Lichtungen und um Felsen herum, bis sie wieder zu den Trittsteinen kamen, die über den Sumpf führten.
Als Tom und Elenna den ersten Stein betraten, fing Silver an zu bellen. Storm wieherte und ließ seine Vorderhufe durch die Luft wirbeln.
„Genug!“, sagte Elenna lachend, als sie ans andere Ufer gelangten. Sie streichelte Silvers grauen Kopf. Der Wolf legte ihr die Vorderpfoten auf die Schultern und schleckte ihr über das Gesicht. Storm drückte seine Nase gegen Toms Brust und schnaubte, während Tom seinem Hengst glücklich den Hals tätschelte. Über ihnen schrie ein Vogel. Tom entdeckte einen grünen Papagei, der auf einem Ast ganz in der Nähe saß.
„Die Tiere wissen anscheinend, dass es im Dschungel wieder sicher ist und sie zurückkehren können“, sagte er.
Zwischen den Bäumen tauchte eine kleine Antilope auf.
„Schon bald wird hier alles wieder ganz normal sein“, meinte Elenna lächelnd.
Als plötzlich etwas dicht über ihre Köpfe flog, hielt Tom kurz die Luft an. Aber es war nur ein Falke. Der Vogel senkte seine blaugrauen Flügel und landete auf einem der moosbewachsenen Trittsteine. Er klapperte mit dem Schnabel und neigte den Kopf.
„Ist das nicht Oradus Vogel?“, fragte Elenna.
Bevor Tom antworten konnte, ertönte eine Stimme, die sie nur zu gut kannten. „Das ist er!“ Tom und Elenna wirbelten herum und sahen den schimmernden Oradu zwischen den Bäumen schweben. Der gute Zauberer von Tavania sah besser aus als je zuvor. Er trug Umhang und Hut und hielt seinen Zauberstab in der Hand. Sein Gesicht wirkte noch immer geisterhaft und blass, aber er lächelte Tom und Elenna fröhlich zu.
„Herzlichen Glückwunsch euch beiden“, sagte Oradu mit tiefer Stimme. „Nergato ist nach Hause zurückgekehrt und dank eurer Anstrengungen habe ich das hier zurückerhalten.“ Aus seinem Umhang zog er einen kleinen Eisenkessel.
Mit jeder Aufgabe, die sie bewältigten, bekam der Zauberer eine seiner magischen Kräfte zurück. Bald würde er wieder vollständig sein und bereit, Malvel gegenüberzutreten.
„Wie geht es meiner Mutter?“, fragte Tom. „Und Dalaton? Hat sie ihn zu einem Helden ausgebildet? Sind sie immer noch in Malvels Schloss?“
„Freya und Dalaton geht es gut“, erwiderte Oradu. „Sie bereiten sich auf den Kampf mit Malvel vor. Sie haben Verbündete gefunden.“
Er ließ die Hand über dem Kessel kreisen. Es funkelte und glitzerte und ein Bild von Freya und Dalaton erschien. Der ehemalige Gefängniswärter war kaum wiederzuerkennen. Der dickliche, gemütliche Mann, den sie am Anfang ihrer Mission in Tavania getroffen hatten, war verschwunden. Stattdessen sahen sie nun einen kräftigen, selbstbewussten Krieger vor sich, der es mit jedem Gegner aufnehmen konnte.
Oradus Hände zitterten. „Ich werde schwächer“, sagte der Zauberer und ließ den Kessel bedauernd sinken. „Bisher habt ihr immer gesiegt, aber das letzte Biest …“
Er schimmerte und verschwand – und mit ihm seine Worte. Seine Sachen schrumpften und verstauten sich selbst in Storms Satteltaschen. Dann flog der Falke davon.
„Noch ein Biest“, sagte Elenna. „Dann ist es in Tavania wieder sicher.“
„Nicht ganz“, erwiderte Tom grimmig. „In Tavania wird es nicht sicher sein, solange Malvel auf dem Thron sitzt.“
„Wir haben ihn schon früher geschlagen“, meinte Elenna. „Wir können es wieder schaffen.“
Tom betrachtete seine tapfere Freundin und Storm und Silver.
Mit Freunden wie diesen würde er niemals versagen.