Klimakiller Lebensmittelmüll

In Deutschland fallen jährlich rund zwölf Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle an. [1] Sie stehen für sinnlos in die Luft geblasene 38 Millionen Tonnen Treibhausgase (CO 2 -Äquivalente) oder – Achtung! – vier Prozent der gesamten Emissionen Deutschlands. Die zwölf Millionen Tonnen Lebensmittelmüll stehen außerdem für 43000 Quadratkilometer in Anspruch genommene landwirtschaftliche Fläche und für eine Wasserverschwendung von 216 Millionen Kubikmetern pro Jahr [2]  – das ist das Anderthalbfache dessen, was jährlich aus dem Bodensee zur Trinkwasserversorgung für Millionen von Menschen gepumpt wird.

Als 2022 Aktivisten der »Letzten Generation« den Verkehr auf deutschen Straßen blockierten, um für ihre Forderung nach einem »Essen-Retten-Gesetz« öffentliche Aufmerksamkeit zu erzeugen, meldete sich Christoph Minhoff zu Wort, der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie. Ein solches Gesetz sei nicht notwendig, weil deutsche Unternehmen jedes Jahr rund 300000 Tonnen Lebensmittel an die »Tafeln« spendeten, argumentierte Minhoff. Außerdem würden 52 Prozent der Lebensmittelverluste in den privaten Haushalten entstehen. Deshalb, so Minhoff, »wäre es hilfreich, wenn ›Die letzte Generation‹ ihre Kraft dafür einsetzen würde, die Verbraucher vom Wert der Lebensmittel zu überzeugen.«

Dass am Ende Verbraucherinnen und Verbraucher die Schuld tragen, gehört inzwischen zum gängigen Argumentationsrepertoire vieler Verbandsfunktionäre, Unternehmerinnen und Politiker: Durch »ethischen«, durch »richtigen« Konsum soll die Einzelne strukturelle Veränderungen herbeikaufen. Ja, es stimmt, dass 52 Prozent der zwölf Millionen Tonnen weggeworfener Lebensmittel auf das Konto privater Haushalte gehen und nur vier Prozent auf das Konto des Handels. Wahr ist aber auch, was die Verbraucherzentrale Niedersachsen in einem »Marktcheck« über Obst und Gemüse im Einzelhandel schreibt: »Obwohl im Handel selbst verhältnismäßig wenig Lebensmittel weggeworfen werden, hat er als Schnittstelle einen enormen Einfluss auf Lebensmittelverluste sowohl in der Produktion als auch bei Verbraucherinnen und Verbrauchern.« Mit anderen Worten: Wenn der Supermarkt keine krumm gewachsenen Möhren ins Regal legt, kann sie der Kunde auch nicht nachfragen und so dazu beitragen, dass weniger Lebensmittel verschwendet werden; wenn der Discounter Paprika nur im rot-grün-gelben Dreierpack anbietet, den Brokkoli nur in 500-Gramm-Stücken und die Möhren nur in der Ein-Kilo-Tüte, ist abzusehen, dass in Single-Haushalten ein Teil davon in der Mülltonne landet; und wenn die Lebensmittelketten den Obst- und Gemüsebauern nur makellose Ware abnehmen, sind sie mitverantwortlich für den Verbleib des nicht makellosen Rests.

Dass die Supermarktkundin oft genug eben keine Wahlfreiheit hat, das »Richtige« nachzufragen, zeigt eindrücklich ein »Marktcheck« der Verbraucherzentralen zu Obst und Gemüse. Bei ihrer Untersuchung in 25 Märkten (zwölf Supermärkte, elf Discounter, zwei Bio-Supermärkte) fanden die Verbraucherschützer:

Die Ergebnisse zeigten, dass in den Läden »noch großes Potenzial für die Einsparung von Lebensmittelverschwendung« bestehe, bilanzieren die Verbraucherschützer. Und fordern, der Handel solle auf seine selbst gesetzten Kriterien bezüglich Größe, Einheitlichkeit und Aussehen verzichten; die Supermärkte sollten außerdem Klasse-II -Ware zum neuen Standard machen und Obst und Gemüse grundsätzlich nach Gewicht und nicht nach Stück verkaufen. Auch der Präsident des Umweltbundesamts, Dirk Messner, findet: »Die gesetzlichen Vorgaben reichen aus für hochwertige Lebensmittel. Der Handel muss hier nicht noch unnötig nachlegen.« [3]

Es gibt ein weiteres gewichtiges Argument, warum die Supermärkte die optische Megaaufrüstung aufgeben müssen: Äpfel jenseits der Normgröße oder krumm gewachsene Möhren und Gurken würden endlich wieder ein realistisches Bild landwirtschaftlicher Prozesse und Erzeugnisse vermitteln. Denn das perfekte Obst und Gemüse ist so irreführend wie all die Milchkühe auf blumensatten Wiesen vor schneebedeckten Bergen und wie all die süßen Ferkel im Stroh, die einem der Handel auf Verpackungen und in Werbeclips präsentiert.

Freilich kollidiert die Forderung, endlich ein authentisches Bild der Landwirtschaft und ihrer Produkte zu zeigen, mit dem Geschäftsmodell der Supermärkte, das stark vom schönen Schein lebt: Man schreibt »Tierwohl« auf Fleischwaren von gequälten Tieren, man verkauft »Weidemilch«, ohne zu sagen, wie viele Tage im Jahr die Kühe wirklich auf Weiden grasen; man verwendet den Begriff »regional« inflationär, ohne ihn mit Inhalt zu füllen; man bildet fast immer einzelne Tiere oder kleine Gruppen im Grünen ab, wo Massenhaltung im Stall Standard ist; und in der Obst- und Gemüseabteilung zelebriert man einen verschwenderischen Frische-, Schönheits- und Perfektionswahn, der Obst- und Gemüsebauern zu Lieferanten normierter Ware degradiert und zum Einsatz von Pestiziden zwingt.