Am 15. März 1938 stand Willy Perl am Fenster seines Büros und blickte auf den Wiener Stubenring. Erst im vergangenen November hatte er endlich getan, worauf er seit seinem Studienbeginn 1925 hingearbeitet hatte: Er hatte seine eigene Kanzlei eröffnet.22 Doch noch ehe seine Karriere als Jurist richtig begonnen hatte, war sie auch schon wieder so gut wie zu Ende. Jüdischen Anwälten würde die Ausübung ihres Berufs bald verboten sein. Verantwortlich dafür war der Mann, der an diesem Tag in Wien eingetroffen war: Adolf Hitler. Wohl mit einer Mischung aus Angst und Wut beobachtete Perl die Menschenmassen unten auf der Straße, die sich mit Hakenkreuzfahnen und Armbinden auf den Weg zum Heldenplatz machten, wo ihr „Führer“ in Kürze eine Rede halten sollte.
Vier Tage zuvor, am 11. März, hatte Perl beim Abendessen die Radioansprache von Bundeskanzler Kurt Schuschnigg mitverfolgt, der das Ende Österreichs als eigenständiger Staat verkündet hatte. Wenige Stunden danach waren deutsche Truppen ins Land einmarschiert. In derselben Nacht hatten führende Köpfe der österreichischen Revisionisten die Flucht angetreten, unter ihnen Wolfgang von Weisl. Er war per Zug ausgerechnet nach Deutschland gereist und von dort weiter nach Frankreich. Das war nicht unklug gewesen, denn schon vor dem „Anschluss“ war es zu ersten Ausschreitungen gegen jüdisches Hab und Gut, aber auch gegen Leib und Leben gekommen. Perl hingegen war geblieben und ihm fiel es nun zu, die revisionistische Bewegung zu vertreten, als diese, wie andere politische jüdische Organisationen, von den neuen Machthabern vorgeladen wurde. Er wusste, dass er diese Vorladung nicht einfach ignorieren konnte, da ansonsten mit Repressalien zu rechnen war. Also trat er gemeinsam mit Erich Deutsch sowie zwei Repräsentanten des österreichischen Betar, Erich Wolf und Otto Seidmann, den Gang zu Adolf Eichmann an, und dies zutiefst beunruhigt. Denn die Revisionisten und vor allem die Aktion hatten sich seit Anfang der 1930er-Jahre gegen Hitler-Deutschland engagiert und mit Flugblättern zu einem Boykott deutscher Waren aufgerufen. Nun befürchtete Perl – zu Recht, wie sich bald zeigte –, dafür von den Nationalsozialisten zur Rechenschaft gezogen zu werden.
Eichmann, der als Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes der SS am 16. März in Wien eingetroffen war, zeigte sich zwar interessiert an Perls Angebot, Wien „judenrein“ zu machen, und verlangte eine schriftliche Ausführung des Vorschlags. Dies änderte aber nichts daran, dass er Perl und seine Begleiter festsetzen ließ. Danach wurden sie zur Zentrale der Revisionisten in der Biberstraße gefahren, wo sich Eichmann persönlich auf die Suche nach belastendem Material machte. Perl rechnete schon mit dem Schlimmsten, und nur Erich Deutsch als Sekretär der Revisionisten war es zu verdanken, dass Eichmann nicht fündig wurde. Weil eine rechtzeitige Entsorgung nicht mehr möglich gewesen war, hatte Deutsch die Schachteln mit den Flugblättern einfach auf dem Flur vor dem Büro platziert, und das derart offensichtlich, dass Eichmann ihnen keine Beachtung schenkte und die Verdächtigen schließlich in die Freiheit entließ.23
Perl kehrte umgehend in seine Kanzlei zurück und begann, an dem von Eichmann verlangten Memorandum zu arbeiten, mit dem er sich dessen Unterstützung für die Aktion sichern wollte. Präzise legte er dar, wie er sich die als „visafrei“ umschriebene illegale Einwanderung nach Palästina vorstellte. Nachdem er die Meinung seiner Weggefährten eingeholt hatte, machte er sich keine 48 Stunden später mit dem Schriftstück auf den Weg ins Hotel Métropole, das die Gestapo als Hauptquartier requiriert hatte und in dem sie prominente Gefangene unterzubringen pflegte. Der ehemalige Bundeskanzler Kurt Schuschnigg war nach seiner Verhaftung ebenso dort inhaftiert wie der Bankier Louis Nathaniel von Rothschild. Angesichts der Tatsache, dass Hunderte Menschen Tag für Tag im Métropole verhört und zum Teil schwer misshandelt wurden, war es für seine Freunde unverständlich, dass Perl sein Memorandum persönlich überbringen wollte. Doch dieser wollte jedes Risiko ausschließen und sichergehen, dass Eichmann, der mit der Zentralstelle für jüdische Auswanderung bald ins arisierte Palais Rothschild im vierten Wiener Gemeindebezirk übersiedelte, das Schreiben auch erhielt.
Entgegen der Erwartung seiner Freunde, die in einem nahen Kaffeehaus auf seine Rückkehr warteten, wurde Perl nicht behelligt. Er überstand seinen Botengang unbeschadet, doch die Tage danach waren nicht minder nervenaufreibend. Während er Eichmanns Antwort harrte, wurde seine Kanzlei von verzweifelten Menschen, die einen Platz auf einem seiner Transporte ergattern wollten, regelrecht belagert. Von der anfänglichen Reserviertheit der jüdischen Bevölkerung Wiens gegenüber der Aktion war nichts mehr zu merken. Die Stubenring-Kanzlei wurde innerhalb kurzer Zeit zum Zentrum der illegalen Einwanderung nach Palästina, wie auch in Akten des Criminal Investigation Department Jerusalem der britischen Palestine Police und des britischen Kolonialministeriums zu lesen ist: „Natürlich war Wien schon seit den Tagen von Dr. Willy Perl und dem Stubenring-Büro mit seinen Gestapo-Partnern das berüchtigte Zentrum der jüdischen illegalen Einwanderung aus Deutschland und dem vom Deutschen Reich besetzten Gebiet.“24
Den Begriff „illegal+ lehnten die Mitglieder der Aktion jedoch ab und ersetzten ihn durch „frei“. Sie wussten aber auch, dass sie harte und unbarmherzige Entscheidungen zu treffen hatten. Denn selbst in einem idealen Szenario würden ihre Kapazitäten immer beschränkt bleiben, daher sollten vorwiegend junge und gesunde Menschen für eine Reise nach Palästina in Betracht gezogen werden, die mit den Strapazen der Reise und den mitunter harschen Bedingungen in ihrer neuen Heimat fertig werden konnten.25 Als logische Konsequenz ergab sich daraus, dass Familien unweigerlich getrennt werden würden.
Doch zunächst hatte es ohnehin den Anschein, als ob die Aktion auf ihrem Weg in einer Sackgasse angelangt wäre und kein weiterer Transport mehr nach Palästina aufbrechen würde. Denn als Perl einige Zeit später bei der Kultusgemeinde vorsprechen wollte, traf er im Wartezimmer zufällig auf Eichmann. Selbst Jahre später erinnerte er sich an den genauen Wortlaut der Antwort, mit der dieser ihn im Vorbeigehen – und ohne ihn eines Blickes zu würdigen – abspeiste: „Aus diesen Transporten wird nichts. Wir brauchen keine Verbrecherzentrale in Palästina. Die Juden werden atomisiert.“26
Perl interpretierte den letzten Satz zwar nicht im Sinne einer vollständigen Vernichtung, sondern als Zerstreuung der Juden in alle Himmelsrichtungen im Sinne einer neuen Diaspora, dennoch kehrte er zutiefst schockiert in seine Kanzlei zurück und berief umgehend eine Krisensitzung der Aktion ein. Seine Verzweiflung wich allerdings bald frischem Tatendrang, was erneut Moses Krivoshein zu verdanken war. Dieser machte Perl klar, dass jetzt nicht die Zeit war, den Kopf in den Sand zu stecken. Im Gegenteil, die Aktion musste in die Offensive gehen. Wenn Eichmann nicht auf sie hören wollte, mussten sie eben jemand anderen finden, der es tat.
Am besten in Berlin.
Perl hatte nicht geträumt. Am Tag nach seiner Begegnung mit Eichmann saß er mit Krivoshein in einem Zug auf dem Weg in die Reichshauptstadt. Die Reise verlief ruhiger, als Perl erwartet hatte. Zwischen der „Ostmark“, wie Österreich nun genannt wurde, und Deutschland gab es keine Grenze mehr, und bei den gelegentlichen Kontrollen ging er als Anhängsel Krivosheins durch, der als Einwohner Palästinas über einen von den britischen Behörden ausgestellten Pass verfügte. Als sich doch einmal ein Soldat nach dem Grund ihrer Reise erkundigte, gab Perl kurzerhand an, er reise in offizieller Mission und solle in Berlin die Massenauswanderung der Wiener Juden arrangieren. Das war zwar eine etwas übertriebene Version der Wahrheit, aber er wurde daraufhin nicht mehr behelligt.
In Berlin war ihre erste Anlaufstelle Georg Kareski, der Chef der deutschen Revisionisten. Kareski hieß sie in seinem Haus willkommen, erklärte den beiden später beim gemeinsamen Abendessen jedoch, dass er ihren Plan, sich bei der Gestapo über Eichmann und dessen Ignoranz zu beschweren, für ein Selbstmordkommando halte. Während ihrer langen Unterredung, die bis in die frühen Morgenstunden dauerte, brachte Krivoshein zudem ein anderes Problem aufs Tapet, das durch den „Anschluss“ entstanden war. Die offizielle Währung im ehemaligen Österreich war nun wie im übrigen Deutschland die Reichsmark. Diese wurde von den griechischen Geschäftspartnern der Aktion jedoch nicht akzeptiert. Die Schmuggler wollten ausschließlich britische Pfund, allenfalls noch US-Dollar.
Pfund und Dollar waren allerdings im Deutschen Reich so gut wie nicht zu bekommen, da diese für den Import von Rohstoffen und anderer dringend benötigter Güter reserviert waren. Potenzielle Sponsoren der Aktion, wie Industrielle oder Geschäftsleute, würden kaum zugeben, über Devisen zu verfügen, weil der Besitz solcher illegal, ja ein schweres Verbrechen war. Und auch der Schwarzmarkt war angesichts der hohen Wechselraten und der ohnehin begrenzten Mittel der Aktion keine Option. Der einzige Weg der Devisenbeschaffung, so das Fazit von Perl und Krivoshein, war demnach das Reichsfinanzministerium am Berliner Wilhelmplatz. Kareski hielt eine Anfrage beim Ministerium zwar für ebenso sinnlos wie einen Besuch bei der Gestapo, doch da Perl und Krivoshein die lange Reise nun schon auf sich genommen hatten, konnte ein Versuch nicht schaden.
Am nächsten Tag stiegen die beiden in den Bus Richtung Wilhelmplatz. Die letzten Meter legten sie jedoch, bedacht auf einen standesgemäßen Auftritt, mit dem Taxi zurück. Es war dies der Auftakt zu einer – sollte sich die Sache wirklich so zugetragen haben – hollywoodreifen Scharade: Selbstbewusst erkundigte sich Perl bei der Wache am Haupteingang des Ministeriums nach dem Büro eines gewissen Doktor Pachtmann. Der Angesprochene verwies die Besucher daraufhin an den Informationsschalter in der Eingangshalle, nicht wissend, dass „Pachtmann“ der Name eines früheren Kommilitonen Perls war, der dort ganz gewiss nicht arbeitete. Nachdem sie das Gebäude betreten hatten, ließen Perl und Krivoshein den Informationsschalter links liegen und gelangten mit dem Aufzug in eines der oberen Stockwerke, wo sie auf gut Glück an eine beliebige Tür klopften. Der Beamte dahinter forderte sie nicht nur auf, einzutreten, sondern hörte sich auch ihr Anliegen an. Nun stellte sich zwar heraus, dass die Angelegenheit überhaupt nicht in seine Zuständigkeit fiel, immerhin schickte er sie aber zu einem Kollegen weiter. Da auch dieser ihnen nicht weiterhelfen konnte, wiederholte sich das Prozedere und sie wurden an einen dritten Mann verwiesen, der sich endlich als der richtige Ansprechpartner herausstellte. Zwar gab dieser ihnen keine Zusage, doch immerhin verlangte er eine schriftliche Eingabe für eine weitere Bearbeitung, die Perl noch am selben Tag lieferte. Das war streng genommen zwar noch kein Erfolg, aber ein erster wichtiger Schritt in die richtige Richtung.
Den ihnen entgegengebrachten Willen zur Unterstützung erklärte sich Perl auf zweierlei Art: Erstens erkannten alle Beamten, mit denen sie gesprochen hatten, die Bedeutung ihres Vorhabens an, Wien „judenfrei“ zu machen. Perl hatte ihnen auch ausführlich dargelegt, dass Deutschland dadurch ein doppelter Gewinn winkte: einerseits die Lösung des „jüdischen Problems“ und andererseits die Schwächung des britischen Weltreichs, das sich dann nicht nur mit den Juden, sondern auch noch mit verärgerten Arabern herumzuschlagen hätte. Zweitens hatte Perl immer wieder betont, er und Krivoshein seien aus Wien geschickt worden. Seine Gesprächspartner schlossen daraus, die beiden Männer seien tatsächlich in offizieller Mission in Abstimmung mit den Wiener NS-Behörden unterwegs – und erkundigten sich zum Glück nicht auf direktem Weg danach, wer genau sie geschickt habe. Denn eine einfache Kontaktaufnahme mit Wien hätte der Sache wohl ein schnelles Ende bereitet. So aber erhielt Perl zwei Tage nach der Vorstellung im Reichsfinanzministerium eine Antwort und er, Krivoshein und Kareski staunten nicht schlecht: Diesmal war es keine Absage. Die Aktion wurde berechtigt, sich von der ehemaligen Österreichischen Nationalbank in Wien 480.000 Reichsmark in 24.000 britische Pfund wechseln zu lassen.
So abenteuerlich die Geschichte auch anmutet, von einem an die Briten weitergeleiteten Bericht des amerikanischen Generalkonsuls in Wien wird sie zumindest in groben Zügen bestätigt. Der Amerikaner hatte aus jüdischen Politkreisen erfahren, dass die Reichsbank Devisen für die illegale jüdische Einwanderung nach Palästina zur Verfügung stellte und die Gestapo dem zustimmte, während die Wiener Kultusgemeinde weder in das Vorhaben involviert noch darüber erfreut war. Der Generalkonsul stufte die Angelegenheit als äußerst delikat ein, denn der Umstand, dass die deutschen Behörden für eine „unwichtige Zahl österreichischer Juden“ eine substanzielle Devisensumme zur Verfügung stellten, war eine für Österreich beispiellose Großzügigkeit, die sich nur mit politischen Hintergedanken erklären ließ, nämlich mit einer weiteren Belastung der britisch-arabischen Beziehungen – und genau das war auch einer der Punkte, mit denen Perl seinen Gesprächspartner in Berlin für seinen Vorschlag hatte begeistern wollen.27
Für Perl bedeutete die Zusage des Reichsfinanzministeriums, dass er damit die Ausreise von 2000 Personen finanzieren konnte, denn die griechischen Schmuggler verlangten zwölf Pfund pro Person. Er hatte zwar Mittel für den Transport von zweieinhalbmal so vielen Menschen gefordert, aber es war immerhin ein Anfang. Ein Problem gab es allerdings: Die Aktion konnte im Moment weder den Transport von 5000 noch von 2000 Personen bewerkstelligen. Doch die Würfel waren gefallen. Jetzt mussten Worten Taten folgen.
Willy Perl, 1938
Zurück in Wien, beriefen Perl und Krivoshein umgehend eine Sitzung der Aktion ein, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Noch war eine Ausreise aus dem Deutschen Reich auf legalem Weg möglich, sofern man keine Schulden hatte, alle erforderlichen Abgaben und Gebühren sowie die sogenannte Reichsfluchtsteuer bezahlte, die ab einer bestimmten Vermögenshöhe fällig wurde, und über die entsprechenden Reisedokumente verfügte. Perl und seine Mitstreiter waren sich über das Prozedere daher einig: Sie wiesen die ausgewählten Passagierinnen und Passagiere an, alle Formalitäten zu erledigen und sich umgehend gültige Pässe sowie Ausreisevisa zu besorgen. Gesammelt wurden die Unterlagen in Perls Büro, um einem Verlust durch Unachtsamkeit oder Diebstahl vorzubeugen. Doch vor allem der Erhalt eines Visums wurde zunehmend schwieriger, da sich vor den diplomatischen Vertretungen – sofern sie überhaupt noch geöffnet hatten – lange Menschenschlangen bildeten und die Wartenden häufig von NS-Schlägern beschimpft und attackiert wurden.
Im nächsten Schritt ging Willy Perl mit Erich Deutsch zur ehemaligen Österreichischen Nationalbank, und zwar mit 40.000 Reichsmark in der Tasche, die sie von all jenen eingesammelt hatten, die sich für einen Transport registriert hatten. Denn die Aktion hatte sich entschlossen, zunächst nur den Betrag zu wechseln, der für die Anzahlung an ihre griechischen Geschäftspartner gebraucht wurde. Diese würden dafür ein Schiff in Athen bereitstellen und den Rest der vereinbarten Summe bei der Ankunft der Geflüchteten in Palästina erhalten. Nach Vorlage des Zertifikats aus Berlin gelangten Perl und Deutsch in der Nationalbank problemlos an 2000 britische Pfund. Dieses Geld übergaben sie Krivoshein, der sich umgehend auf den Weg nach Griechenland machte.
Es ist gut möglich, dass Perl bereits zu diesem Zeitpunkt ein wenig mulmig zumute war, denn schließlich handelte es sich um keine geringe Summe, die er aus der Hand gegeben hatte. Aber spätestens, nachdem Krivoshein auch nach Tagen nichts von sich hatte hören lassen, wurde die Aktion von einer kollektiven Unruhe erfasst. Schließlich kannte niemand von ihnen den Abenteurer aus Palästina richtig und konnte daher ausschließen, dass er untergetaucht war. Dass er Kontakte zur Unterwelt besaß, implizierte ja, dass er nicht nur legale Geschäfte getrieben hatte. Sollte Krivoshein wirklich untergetaucht sein, war nicht nur das Geld verschwunden. Es bedeutete auch, dass kein Schiff für sie bereitstand – und sie damit allesamt zum Tode verurteilt waren.
Der Stimmung wenig zuträglich war, dass Perls Kanzlei von Hilfesuchenden weiterhin regelrecht belagert wurde, die sich, zum Teil mit Gold oder Juwelen, die Teilnahme an einem Transport erkaufen wollten. So bildeten sich – entgegen Perls Anweisungen, der jedes Aufsehen vermeiden wollte – in den Korridoren und vor dem Haus Menschentrauben. Die von Perl befürchtete Konsequenz ließ nicht lange auf sich warten – die Kanzlei wurde von der Polizei gestürmt. Wie er von den Beamten erfuhr, hatte ein besorgter Nachbar eine kommunistische Verschwörung oder eine jüdische Versammlung oder aber auch beides gemeldet. Nach dem anfänglichen Schock realisierte Perl jedoch, dass es sich bei den Polizisten nicht um Eichmanns Schergen handelte, sondern um die normale, vormals österreichische Polizei. Also setzte er erneut auf sein Allheilmittel, von dessen Wirkung er sich schon auf seiner Reise nach Berlin hatte überzeugen können: Er erzählte einfach die Wahrheit. Als die Beamten von Perl vor die Wahl gestellt wurden, sich entweder in eine großangelegte und von Berlin abgesegnete Auswanderungsaktion einzumischen oder deren Organisatoren unbehelligt zu lassen, entschieden sie sich für den Abzug.
Erneut war Perl heil davongekommen – was im Grunde ein Wunder war, da er sich durch einen Hang zur Provokation auszeichnete. So hatte er schon kurz nach dem „Anschluss“ auf einem Fragebogen zu seiner Abstammung nicht die Namen aller Vorfahren und deren Geburtsorte angegeben, sondern lediglich „reine jüdische Abstammung seit 4000 Jahren“ quer über das Blatt geschrieben. In der Menge der ausgefüllten Erklärungen war dies zunächst nicht aufgefallen und er war einfach nur von der Liste der Anwälte gestrichen worden. Dann aber hatte sich seine Antwort doch herumgesprochen, denn ein NS-Funktionär, mit dem die Kanzlei am Stubenring zu tun hatte, echauffierte sich über diese „provokative Impertinenz“.
Doch auch unabhängig von Perls vorlauter Ader verschärften sich die Umstände für ihn und die jüdische Bevölkerung weiter. Ab Ende April 1938 mussten Juden ihr Vermögen anmelden, wenn es die Summe von 5000 Reichsmark überstieg. Zudem erließ Großbritannien strengere Einreisebestimmungen, um dem Ansturm von Flüchtlingen aus Deutschland einen Riegel vorzuschieben: Deutsche Staatsbürger benötigten wieder ein Visum, und als solche galten die deutschen Juden trotz aller Schikanen und Gewaltexzesse, die sie zu erdulden hatten. Zu diesen Torturen zählten in Wien auch die fortgesetzten Massenverhaftungen.
Einer solchen fiel Ende Mai Perls bester Freund zum Opfer: Erich Deutsch.
Den Mitgliedern der Aktion war schon seit Langem bewusst, dass sie mit dem Feuer spielten. Aus diesem Grund hatten sie Vorkehrungen getroffen für den Fall, dass einer von ihnen der Gestapo in die Hände fiel. Als Perl per Telefon von Deutschs Verhaftung erfuhr, hielt er sich an das vereinbarte Protokoll und reagierte umgehend. Er verließ seine Wohnung, die sich im Stockwerk über seiner Kanzlei befand, und tauchte in einem Kaffeehaus unter. Auf dem Weg dorthin benachrichtigte er zwei Mitglieder der Aktion, die ihrerseits die ihnen vorab zugeteilten Kontaktpersonen verständigten. Aus dem Kaffeehaus rief Perl danach mehrmals in seiner Kanzlei an und erfuhr von seiner Sekretärin, dass auch er ins Fadenkreuz der Polizei geraten war. Zwei Beamte in Zivil hatten sich nach ihm erkundigt und ihn zu einem Gespräch vorgeladen, weil sie eine Auskunft benötigten. Perl witterte eine Falle, womöglich unter Eichmanns Beteiligung.
Noch am selben Abend berief er ein geheimes Treffen der Aktion im Haus eines befreundeten Revisionisten ein. Die alles entscheidende Frage dabei war, ob Deutschs Verhaftung und der Besuch der Beamten in der Kanzlei am Stubenring in Zusammenhang mit ihren Aktivitäten standen – und womöglich mit Krivosheins Funkstille. Die willkürliche Inhaftierung von Juden war zwar an der Tagesordnung und vielleicht hatte Deutsch einfach Pech gehabt, vielleicht aber war seine Verhaftung kein Zufall und erklärte auch, warum Krivoshein nichts von sich hatte hören lassen. Eventuell war dieser vor Deutsch von den Behörden in Gewahrsam genommen worden. Es war gut möglich, dass Krivoshein der Gestapo bei seinem Verhör von der Berlinreise und dem Devisenzertifikat erzählt hatte. Das wäre für die Polizei durchaus ein Grund, Perl vorzuladen, und würde er nun untertauchen, könnte er damit das gesamte Unternehmen gefährden. Also gab es nur eine logische Konsequenz: Er musste der Vorladung nachkommen und sich stellen.
Doch bevor Perl dies tat, suchte er Deutschs Wohnung auf. Denn dessen Verhaftung brachte ein weiteres Problem mit sich. Bislang hatte die Aktion von jenen künftigen Transportteilnehmenden, deren Ausreise zumindest von deutscher Seite nichts mehr im Wege stand und die schon einen entsprechenden Stempel im Pass hatten, insgesamt 60.000 Reichsmark eingesammelt. Aus Sicherheitsgründen wurde diese nicht unbeträchtliche Summe nicht in Perls Kanzlei aufbewahrt, die leicht das Ziel einer erneuten Razzia werden konnte, stattdessen hatte man sich auf Deutschs Wohnung als Versteck verständigt. Nun mussten Perl und die anderen aber genau das befürchten, was sie zu vermeiden gehofft hatten: dass die Polizei bei Deutschs Verhaftung auch das Geld gefunden und konfisziert oder gar in der eigenen Tasche hatte verschwinden lassen. Unendlich groß war daher die Erleichterung, als Perl gemeinsam mit einem befreundeten Arzt das Geld sicherstellen konnte.
Mit einer Zahnbürste, einer Reserveunterhose und einem Stück Seife in der Tasche – Dinge, die in einem Gestapo-Gefängnis rar waren und daher zu den täglichen Begleitern jedes Mitglieds der Aktion zählten – machte sich Perl am nächsten Tag auf den Weg zur Polizei. Er wurde verhaftet und einem Verhör unterzogen, doch aus den banalen Fragen des Polizeibeamten – etwa ob er ein Freimaurer sei oder eine Affäre mit einer „Arierin“ habe – konnte er schließen, dass er sich umsonst Sorgen gemacht hatte. Weder hatte seine Vorladung etwas mit der Aktion zu tun, noch ging es um seine Beziehung zu Lore. Er war wie Deutsch das Opfer einer willkürlichen Verhaftungswelle geworden und der Beamte ihm gegenüber arbeitete lediglich einen Katalog mit Standardfragen ab.
Das Resultat ließ sich freilich nicht mehr rückgängig machen. Perl wurde zunächst mit mehreren Männern in eine Zelle gepfercht und dann zur „Schutzhaft“ in den „Notarrest“ der Gestapo in der Karajangasse überstellt. In der ehemaligen Volksschule, in der auch der spätere österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky vorübergehend interniert war, kam es zu einem Wiedersehen mit Erich Deutsch.
Gemeinsam mit anderen Gefangenen und unter Mithilfe einer jüdischen Passantin gelang es ihnen, eine Nachricht aus dem Gefängnis zu schmuggeln. In den wenigen Zeilen informierten sie die restlichen Mitglieder der Aktion über ihren Verbleib und wiesen sie an, mit ihrer Unternehmung wie geplant fortzufahren. Willy Perls Bruder Walter eilte daraufhin zum Gefängnis, doch als er dort eintraf, befanden sich Perl und Deutsch bereits wieder auf freiem Fuß. Walter dürfte seinen Ohren kaum getraut haben, als sein Bruder ihm erzählte, was geschehen war. Wieder einmal hatte Perl gepokert und am Ende durch das Glück des Wagemutigen gewonnen.
Wie dem Gefängniskommandanten zu Ohren gekommen war, hatte ein anderer Jude namens Diamant behauptet, Perl habe seinen Pass an sich genommen. Daraufhin ließ der Polizeioffizier Perl zum Verhör kommen und wollte wissen, ob er plane, mit einem fremden Pass zu fliehen. Perl verstand augenblicklich. Diamant war einer der künftigen Transportteilnehmer, deren Reisedokumente bereits in der Stubenring-Kanzlei verwahrt wurden. Perl gab also freimütig zu, dass er nicht nur einen fremden Pass hatte, sondern gleich 300. Der Beamte war entsprechend empört und verdächtigte Perl der Passfälscherei, doch dieser ließ sich nicht einschüchtern und berichtete, was in der Kanzlei am Stubenring geplant wurde. Zum Abschluss verwies er auf einen Transport, der bereits am kommenden Montag Wien verlassen sollte, dessen Abreise nun jedoch aufgrund seiner Verhaftung gefährdet war. Das war eine Lüge, mit der er Eindruck schinden wollte, und seine Rechnung schien aufzugehen, denn der Polizist wurde nervös. Anstatt Perl aber gehen zu lassen, griff er zum Telefonhörer, um die Sache mit einer höheren Dienststelle abzuklären – und zwar ausgerechnet mit Adolf Eichmann.
Perl gefror das Blut in den Adern. Eichmann würde seine Geschichte nicht bestätigen, im Gegenteil. Doch Perl hatte zunächst Glück, denn der SS-Mann war nicht in seinem Büro. Daraufhin ließ sich der Gefängniskommandant mit dem Gestapo-Beamten Rudolf Lange verbinden und erklärte ihm die Lage.28
Perl konnte nur Teilen der Unterhaltung folgen, aber er begriff, dass sich das Blatt tatsächlich zu seinen Gunsten wendete. Um den Aufbruch von mehreren Hundert Juden nicht zu verzögern, wurde Perl auf Befehl Langes vorübergehend entlassen, musste sich aber verpflichten, sich nach Abfahrt des Transports unverzüglich wieder in der Karajangasse einzufinden. Erich Deutsch durfte ihn begleiten, einen anderen inhaftierten Mitarbeiter der Aktion namens Karl Goldstein musste er trotz Insistierens jedoch zurücklassen.
Als Perl nach Hause kam, fand er dort den langersehnten Brief Krivosheins vor. Es war Freitagabend. Am Montag musste der Gestapo ein Transport präsentiert werden.
Die Zeit lief.