Während die Vorbereitungen für den ersten großen Transport der Aktion noch auf Hochtouren liefen, war Perl auch mit einer anderen Angelegenheit beschäftigt. Er wusste, dass die Ressourcen, die ihnen in Wien zur Verfügung standen, nicht ausreichten, um ihr Unternehmen in eine Massenbewegung zu verwandeln. Perl musste sich also im Ausland nach Unterstützung umsehen, und sein Ziel hieß London. Dort befand sich nicht nur das Hauptquartier von Jabotinskys NZO, auch eine Reihe von jüdischen und christlichen Hilfsorganisationen und Vereinigungen hatte ihren Sitz in der britischen Hauptstadt. Perl plante, ihnen einen Augenzeugenbericht von den Vorgängen in Wien zu liefern, und zwar persönlich. Um die Reise aber antreten zu können, brauchte er Hilfe von außerhalb der jüdischen Gemeinde, und diese bekam er abermals von Frank van Gheel Gildemeester. Sonst konnte er auf niemanden zählen, denn keiner seiner nicht-jüdischen Bekannten, weder Freunde noch Klienten, hatte ihm Beistand angeboten.
Gildemeester gelang es, Perl ein Einreisevisum für die Britischen Inseln zu verschaffen. Zu diesem Zweck wandte er sich an das britische Generalkonsulat und dort mit hoher Wahrscheinlichkeit an Captain Thomas Kendrick, den Passport Control Officer. Was weder Gildemeester noch Perl ahnen konnten: Bei Kendrick handelte es sich in Wahrheit um den Leiter der Außenstelle des britischen Auslandsnachrichtendienstes Secret Intelligence Service, besser bekannt als MI6. Seine tatsächliche Aufgabe war es daher, Informationen zu sammeln, während er im Rahmen seiner Tarnfunktion auch mit Eichmann in dessen Rolle als Organisator der jüdischen Auswanderung zusammenarbeitete. Gegen die offizielle Politik seiner Regierung – und vermutlich auch ohne dass Perl davon wusste – stellte Kendrick Schätzungen zufolge während seiner Zeit in Wien bis zu 10.000 Genehmigungen für die Einreise nach Palästina an Jüdinnen und Juden aus, um sie vor dem Holocaust zu retten.33 Er wäre also unter Umständen ein idealer Partner für die Aktion gewesen, wurde aber im Sommer 1938 vom Sicherheitsdienst der SS wegen Spionage verhaftet und im Hotel Métropole gefangengesetzt. Das Foreign Office erwirkte wenige Tage später seine Freilassung, doch er wurde umgehend des Landes verwiesen.34
Perl hielt also dank Gildemeester und vermutlich Kendrick – mit dem er später im Rahmen seiner Militärlaufbahn im Zweiten Weltkrieg für kurze Zeit sogar zusammenarbeiten würde – eine Einreisegenehmigung für Großbritannien in Händen. Eine entscheidende Sache fehlte jedoch noch, und zwar die Ausreisegenehmigung für das Deutsche Reich, ausgestellt von der Gestapo. Die unteren Ebenen der Bürokratie reichten Perls Ansuchen allerdings immer weiter nach oben durch, bis es schließlich auf Adolf Eichmanns Tisch landete – zu Perls Nachteil. Er war für Eichmann ein rotes Tuch, weil er es trotz dessen klarer Absage gewagt hatte, die Sache mit den Transporten weiterzuverfolgen. Schwerer wog aber vermutlich die Tatsache, dass Perl Eichmann umgangen und Rajakowitsch und Lange auf seine Seite gebracht hatte.
Zwar konnte Eichmann Perls Ansuchen nicht ignorieren, da die Gestapo auf Langes Anweisung im Moment die Pläne der Aktion unterstützte, aber er wollte immer noch keine „Verbrecherzentrale“ in Palästina, und eines konnte er sehr wohl tun: Perl Steine in den Weg legen.
Als Perl die Vorladung in Eichmanns Büro erhielt, konnte er sich ausmalen, dass das Treffen nicht einfach werden würde. Und so kam es auch. Auf die unausbleiblichen Schikanen zu Beginn folgte eine pingelige Befragung. Eichmann bezweifelte die Notwendigkeit der Reise und sah darin lediglich einen weiteren „jüdischen Trick“. Perls Argumentation, der Aufenthalt in London diene dazu, finanzielle Mittel sicherzustellen und die weiteren Abläufe zu koordinieren, wollte er erst nicht gelten lassen. Doch schließlich lenkte er ein und gestand dem Bittsteller zwei Wochen im Ausland zu. Um zu verhindern, dass Perl sich absetzte, verlangte Eichmann allerdings eine Sicherheit. Eine Geisel musste mit ihrem Leben für Perls Rückkehr geradestehen. Es war eine fürchterliche Entscheidung, aber Perl musste sie treffen und wählte Eduard Pachtmann aus – jenen Freund aus Studientagen, der ihm mit seinem Namen schon beim Zutritt ins Reichsfinanzministerium in Berlin behilflich gewesen war. Unmittelbar nach der Unterredung mit Eichmann suchte er daher Pachtmann auf und dieser, ein Allgemeiner Zionist und Leiter des Zionistischen Landesverbands, erklärte sich einverstanden, da er Perl zufolge um die Dringlichkeit und Notwendigkeit wusste, der Welt von den Vorgängen in Wien zu berichten. Auf Anweisung von Eichmanns Büro ging Perl danach in die polizeiliche Auswanderungsabteilung in der Dorotheergasse und erhielt sowohl die Ausreise- als auch die Einreiseerlaubnis für seine Rückkehr ins Deutsche Reich. Wie Perl in seinen Memoiren lakonisch bemerkt, war er wohl der erste und vielleicht auch einzige Jude, der je um ein Rückkehrrecht ins nationalsozialistische Deutschland angesucht hatte – und bewirkte damit, dass Pachtmann unbehelligt davonkam. Das Ausstellen eines Einreisevisums für einen Juden war nicht vorgesehen und stellte die Beamten der vormaligen österreichischen Polizei, die mit dieser Aufgabe betraut waren, offenbar vor derartige bürokratische Probleme, dass Eichmanns Forderung nach Bekanntgabe einer Geisel unter den Tisch fiel. Die Beamten dachten wohl, dass die Gestapo die Daten der ausgewählten Person registrieren würde und umgekehrt. Ohne dass Pachtmanns Name auch nur ein einziges Mal gefallen war, nahm Perl seine Unterlagen entgegen und traf die letzten Reisevorbereitungen.
Nun, da keine Gefahr für die Geisel bestand, fällte Perl eine folgenschwere Entscheidung: Er entschloss sich gegen eine Rückkehr nach Wien. Wie er sehr eindrücklich in seinen Memoiren beschreibt, waren die letzten Tage und Stunden vor seiner Abreise ein Wechselbad der Gefühle. Natürlich war er froh, dass er wie die 386 Passagierinnen und Passagiere seines anstehenden Transports eine Fahrkarte in die Freiheit in Händen hielt. Aber Wien war seine Heimat und der Abschied fiel ihm trotz allem schwer. Er ließ nicht nur die Stadt zurück, sondern auch seine noch lebenden Verwandten, vor allem seinen Großvater mütterlicherseits, Salomon Fischer, den er sehr verehrte. Doch Perls Familie bestand längst nicht mehr nur aus Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen – er hatte mittlerweile auch eine Ehefrau. In einer heimlichen Zeremonie und unter großem Risiko waren er und Lore, die zuvor zum Judentum übergetreten war, vom Oberrabbiner der jüdischen Gemeinde getraut worden. Außer dem Paar und dem Rabbi waren nur Lores Eltern sowie Perls Bruder Walter anwesend gewesen. Geheimhaltung war seit dem „Anschluss“ das Gebot der Stunde. Die Beziehung eines Juden und einer „Arierin“, selbst wenn sie zum mosaischen Glauben konvertiert war, galt als „Rassenschande“ und endete im Falle einer Entdeckung für beide mit der Deportation in ein Konzentrationslager. Das Paar hielt daher gebührend Abstand zueinander, wenn es sich gemeinsam in der Öffentlichkeit bewegte, um keinen Verdacht zu erregen. Oder es traf sich heimlich an privaten Orten, so auch in Perls letzter Nacht in Wien. Lore schlich sich in seine Wohnung und half ihm beim Packen. Zwar durfte er nur einen Koffer mitnehmen, doch Juden war es zu diesem Zeitpunkt immer noch erlaubt, ein großes Gepäckstück ins Ausland zu schicken. Also hatte Lore einen großen Koffer besorgt, den sie nun vollstopften und nach Jerusalem schicken würden, wo Walter Perl ihn nach seiner eigenen Ankunft in Palästina abholen sollte.
Lore Perl, 1938
Doch Geheimhaltung hin oder her, Lore ließ es sich nicht nehmen, ihren Mann gemeinsam mit dessen Tante Valerie Fischer zum Flughafen zu begleiten. Perl war gut vorbereitet, er hatte auf alles geachtet – und doch gefährdete ein fataler Fauxpas seine Abreise. Als er vom Zoll kontrolliert wurde, kamen neben dem einen Zehn-Mark-Schein, dessen Ausfuhr erlaubt war, zwei weitere Geldscheine zum Vorschein. Perl hatte sie in seiner Brieftasche schlichtweg übersehen. Es handelte sich lediglich um insgesamt 30 Reichsmark, aber obwohl Perl beteuerte, er würde für eine derart geringe Summe bestimmt nicht sein Leben riskieren, wollten die Beamten nicht an ein Missgeschick glauben. Während sich sein Flugzeug startklar machte, wurde Perl unter den verzweifelten Blicken von Lore und seiner Tante in ein Extrazimmer geführt und einer Leibesvisitation unterzogen. Auch sein Koffer wurde erneut durchsucht und der Inhalt dabei auf dem Boden verteilt. Wieder und wieder versicherte Perl, keine weiteren Wertsachen bei sich zu haben. Die Beamten fanden tatsächlich nichts, hatten aber erst ein Einsehen, als er seinen Trumpf aus dem Ärmel zog und erklärte, dass er in halboffizieller Mission nach London unterwegs sei, um die Massenauswanderung von Juden in die Wege zu leiten. Paradoxerweise wurde dabei die Einreisegenehmigung, die – wäre Perl später wie von Eichmann befohlen nach Wien zurückgekehrt – möglicherweise sein Todesurteil bedeutet hätte, zu seiner Rettung. Die Beamten hatten noch keinen jüdischen Pass mit einem solchen Vermerk gesehen und nahmen Perl daher seine Geschichte ab. Er dufte gehen und erwischte, nachdem Lore und Valerie seine Sachen hastig zurück in den Koffer gestopft hatten, sein Flugzeug in letzter Sekunde.
Doch noch immer gab es kein endgültiges Aufatmen. Die Flugroute führte über Prag und Rotterdam und daher auch durch deutschen Luftraum. Bei unerwarteten Problemen war eine Zwischenlandung auf deutschem Gebiet nicht ausgeschlossen. Die bangen Momente dauerten an. Erst als Perl unter sich die Kanäle der Niederlande erkennen konnte, wusste er, dass er in Sicherheit war.
Sein erster Weg in London führte Perl vom Flughafen direkt in sein Hotel am Russel Square. Nach Tagen unmenschlicher Anspannungen gab sein Körper der Erschöpfung einfach nach. Erst am nächsten Tag war Perl in der Lage, das Büro der Revisionisten anzurufen. Dort erwartete man ihn bereits, und Jabotinsky persönlich bat ihn, sofort zu ihm zu kommen. Vier Stunden lang berichtete Perl ihm, was sich in Wien zutrug, und zeigte ihm auch die Empfehlungsschreiben, die Gildemeester ihm für die Vorsprache bei britischen Politikern mitgegeben hatte. Im Zuge der nachfolgenden Beratung über das weitere Vorgehen machte Perl einen Vorschlag, der dem Anführer der revisionistischen Bewegung missfiel. Er wollte in England nicht als Revisionist auftreten, um das jüdische Establishment nicht von vornherein gegen sich aufzubringen. Stattdessen hatte er vor, sich einfach als Vertreter der Aktion vorzustellen. Jabotinsky bezweifelte den Sinn dieses Vorgehens stark, stimmte aber schließlich zu.
Am Beginn der langen Liste einflussreicher Personen, die Perl in den kommenden Wochen abarbeiten sollte, stand der Parlamentarier George Lansbury. Der ehemalige Vorsitzende der britischen Sozialdemokraten widmete sich dem Ziel, der Welt den Frieden zu erhalten. Aus diesem Grund hatte er sich seit seinem Rückzug von der Parteispitze drei Jahre zuvor mit einer Vielzahl von Politikern getroffen, darunter Franklin D. Roosevelt, Adolf Hitler und Benito Mussolini. Nun empfing er Willy Perl und nahm sich auch ausreichend Zeit für seinen Gast. Lansbury hörte nicht nur zu, sondern stellte einige Fragen und entließ Perl schließlich mit mehreren Empfehlungsschreiben. Eines dieser Schreiben war an einen konservativen Politiker adressiert, der aus Lansburys Sicht am ehesten in der Lage war, Perl weiterzuhelfen. Es handelte sich um den Earl of Winterton, der in Kürze die britische Delegation bei der von US-Präsident Roosevelt initiierten Flüchtlingskonferenz im französischen Évian leiten sollte.
Doch das Treffen mit Winterton wurde zu einer bitteren Enttäuschung. Dieser versprach zwar, dass seine Regierung alles Mögliche versuchen würde, wies aber gleichzeitig darauf hin, dass jede Hilfe für die Juden in Deutschland und Österreich das Los der Juden in anderen Ländern verschlechtern konnte. Denn wenn andere Länder, wie Polen oder Rumänien, sahen, dass vertriebene Juden in Großbritannien Aufnahme fanden, würden auch sie gegen ihre jüdische Bevölkerung vorgehen.
Perl wusste diese Worte zu deuten. Winterton würde nichts unternehmen. Ähnlich beschwichtigende Antworten erhielt er von den Hochkommissaren der britischen Dominions Australien, Kanada, Neuseeland und Südafrika. Diese hatte Perl ebenfalls kontaktiert, denn auch wenn Palästina das große Ziel war, war ihm klar, dass er angesichts der akuten Bedrohung nicht wählerisch sein konnte und andere mögliche Zufluchtsorte nicht ausschließen durfte. Denn in erster Linie kam es darauf an, die Juden aus dem Deutschen Reich herauszubekommen. Wohin sie fürs Erste gingen, war zweitrangig, solange es dort sicher war. Mitgefühl und Bedauern über die schrecklichen Vorgänge in Wien waren jedoch alles, was Perl in diesen Gesprächen zu hören bekam. Lediglich der australische Hochkommissar versprach, an seine Regierung in Canberra zu schreiben und ihr Perls Vorschlag, mittels einer Notfallverordnung sofort 100.000 Juden aufzunehmen, mitzuteilen.
Perl dürfte sich keinen großen Hoffnungen hingegeben haben und die Konferenz von Évian im Juli 1938 bestätigte seine düstere Vorahnung. Von den 32 Staaten, die sich Anfang Juli 1938 im malerischen Kurort am Genfer See trafen, erklärte sich lediglich die Dominikanische Republik zur Aufnahme von jüdischen Flüchtlingen in großer Zahl bereit – wenn auch nicht ganz uneigennützig, denn ihr Diktator Rafael Trujillo hatte im Jahr zuvor ein Massaker an der haitianischen Minderheit seines Landes angeordnet und suchte nach einer Möglichkeit, sich international zu rehabilitieren. Alle anderen Delegationen hielten strikt an ihren Einwanderungsbeschränkungen fest.35 Die Zusammenkunft endete allerdings nicht erfolglos – aus nationalsozialistischer Sicht. Deutschland war in Évian natürlich nicht vertreten gewesen, doch Hitlers Propaganda wusste das Versagen der internationalen Gemeinschaft perfekt auszuschlachten. Sinngemäß lautete die Botschaft: Wenn die ganze Welt die deutschen Juden nicht bei sich aufnehmen wollte, dann konnte das Deutsche Reich mit der Art, wie es mit ihnen umging, nicht ganz falsch liegen. Der desillusionierte Perl blickte später auf die beschämende Zusammenkunft am Genfer See sogar als den ersten Schritt in Richtung „Endlösung“ zurück, da sie den Nationalsozialisten vor Augen führte, dass sie womöglich an andere Wege als an Auswanderung denken mussten, um Deutschland und Europa „judenrein“ zu machen.
Trotz allem gab Perl seine Bemühungen nicht auf und setzte das Klinkenputzen in London fort, jedoch erfolglos. Verzweifelt wandte er sich schließlich erneut an Lansbury, der nun ein Treffen mit seinem Parteifreund, dem Kolonialminister Malcolm MacDonald, in die Wege leitete. Doch MacDonald tat nichts anderes, als seinen Besucher wieder an Winterton zu verweisen, der das Problem wiederum auf die Konferenz von Évian abwälzte. Unterstützung wurde Perl nur durch einzelne Parlamentarier zuteil. Doch deren Fürsprache reichte nicht aus, den Standpunkt der britischen Regierung zu ändern.
Ebenso wenig Erfolg hatte Perl bei den jüdischen Hilfsorganisationen, obwohl er bedacht diplomatisch vorging. Er trat bewusst nur als ein Vertreter der Aktion auf, konnte aber im jüdischen Establishment trotzdem keine Unterstützer für seine illegalen Einwanderungsoperationen gewinnen. Aus diesem Grund suchte er Hilfe bei einer überparteilichen Instanz. Perl glaubte, Joseph Herman Hertz besäße als Oberrabbiner der United Hebrew Congregations of the British Empire genug Autorität und Anerkennung, um quer über die politischen Gräben zu vermitteln. Dieser zeigte sich auch empfänglich für Perls Schilderungen über die Zustände in Wien und die Notwendigkeit zu handeln, doch Perl hatte eine Sache übersehen. Hertz war durch und durch englandfreundlich eingestellt und demnach ebenso empfänglich für die Argumente der Allgemeinen Zionisten und der Arbeiterzionisten. Diese mussten von Perls Besuch erfahren und beim Oberrabbiner interveniert haben, denn bereits bei seinem zweiten Treffen mit dem Mann aus Wien war Hertz von seiner zuvor angedeuteten Unterstützung abgewichen. Auch er wollte nun nichts mehr für die Aktion unternehmen und riet Perl stattdessen, den etablierten jüdischen Institutionen zu vertrauen und die Briten nicht zu verärgern. Das Gebot der Stunde, so Hertz, sei „Quiet Diplomacy“, doch aus Perls Sicht sollte diese stille Diplomatie nur die Untätigkeit des Establishments kaschieren.
Perl blieb nichts anderes übrig, als seine Hoffnungen auf Hilfe für weitere Transporte der Aktion zu begraben. Stattdessen versuchte er, Geld zur Unterstützung der bereits in Palästina Angelandeten zu sammeln, denn mittlerweile wusste er, dass der erste große Transport angekommen war – auch wenn Krivoshein noch während der Reise per Telegramm und äußerst theatralisch um mehr Geld zur Versorgung seiner Leute ersucht hatte. Angeblich waren 50 von ihnen erkrankt, manche benötigten riskante Operationen und einer litt unter psychischen Problemen.36 Nun, da sie in Palästina waren, verging kaum ein Tag, an dem Perl nicht den Dankesbrief einer Teilnehmerin oder eines Teilnehmers an der Reise erhielt – kurz nach seiner Ankunft in London hatte er mehrere Nachrichten postlagernd nach Athen geschickt, wo Krivoshein sie jederzeit in Empfang nehmen konnte, und diesem so seine neue Adresse mitgeteilt.37 Diese Schreiben gaben Perl immer wieder neuen Mut und ließen ihn das Ziel nicht aus den Augen verlieren.
Doch die nächste Ernüchterung ließ nicht lange auf sich warten. Ein Gesuch zur finanziellen Unterstützung, das die NZO an das Council for German Jewry übermittelte, wurde schlichtweg abgelehnt. Diese Hilfsorganisation vergab an alle Jüdinnen und Juden, die sich legal mit einem Einwanderungszertifikat in Palästina niederließen, eine Förderung. Jabotinsky und Perl hatten nun darum ersucht, auch denjenigen, die ohne Zertifikat ins Land gekommen waren, unter die Arme zu greifen. Anstelle der 60 Pfund, die normalerweise pro Kopf gewährt wurden, hatte Perl nur um jeweils drei Pfund gebeten. Doch das Council wollte die illegale Einwanderung nach Palästina in keiner Weise fördern oder gar dazu ermuntern. Dass sich die Aktion nicht im Vorhinein um das Wohl der gesetzwidrig ins Land Geschleusten gekümmert hatte, so war dem Antwortschreiben sinngemäß zu entnehmen, war allein deren Problem.38
Perl kochte vor Wut. Und auch die jüngsten Nachrichten aus Wien waren nicht geeignet, seine Stimmung aufzuheitern.
Krivoshein war aus dem Spiel. Warum, ist unklar, denn über die Gründe dafür finden sich unterschiedliche Aussagen der involvierten Parteien. Laut Perl hatten die in Wien gebliebenen Mitglieder der Aktion unter Paul Hallers Führung beschlossen, die Zusammenarbeit mit dem Abenteurer zu beenden, weil sie keinen Nutzen mehr in dessen Beteiligung sahen. Dem gegenüber steht Krivosheins eigene Darstellung, wonach es zu Differenzen über finanzielle Fragen und die Zusammenstellung der Transporte gekommen sei und er sich deswegen zurückgezogen habe.39 Eine weitere Perspektive auf das Geschehen, die beide Versionen unter einen Hut bringt, bietet ein vertrauliches Dossier über die illegale jüdische Immigration nach Palästina, verfasst vom Criminal Investigation Department (CID) der britischen Palestine Police.40 Dieser Bericht vom Mai 1939 ist aufschlussreich, weil er eine Fülle von Details enthält und sich auf eine Vielzahl unterschiedlicher Quellen stützt: auf Dokumente, die bei mutmaßlichen Schmugglern sichergestellt worden waren, auf die Verhöre illegaler Einwanderer, auf abgefangene Briefe und schließlich auf die Informationen von Agenten.41
Krivoshein werden in diesem Dossier die ersten Transporte zugeschrieben, sein angebliches Motiv dahinter erstaunt jedoch: Er soll aus Profitstreben gehandelt haben. Dem Bericht zufolge gab es auch eine Vereinbarung zwischen ihm und den Revisionisten über das Außerlandesbringen deren Mitglieder. Im Sommer 1938, so der Bericht, kam es jedoch zum Bruch und die Revisionisten – gemeint ist wohl die Aktion – kümmerten sich fortan selbst um die Transportorganisation.
Wie so oft scheint also Geld der Auslöser für den Streit gewesen zu sein. Persönliche Gier als treibendes Motiv ist denkbar, eher dürfte es Krivoshein aber um einen Gewinn für die Irgun gegangen sein, um deren politische Ziele verfolgen zu können. Haller wiederum – so lässt es sich zwischen den Zeilen aus Perls Memoiren herauslesen – schien ein Interesse daran gehabt zu haben, Krivoshein loszuwerden, um selbst die Organisation der Transporte übernehmen zu können und den Erlös nicht mit Krivoshein teilen zu müssen.
Doch ungeachtet der Gründe für den Streit war Perl jedenfalls alles andere als begeistert von den Ereignissen in Wien. Er hatte den exzentrischen Krivoshein, der bei den Transporten regelmäßig in einer weißen, admiralsähnlichen Fantasieuniform aufgetreten war, als wertvollen und verlässlichen Partner betrachtet – wenn auch als „in Konzeptionen unklaren Menschen“, sodass erst er aus dessen Ideen einen konkreten Plan entwickelt hatte.42 Dennoch war es Krivoshein gewesen, der sich um die Organisation der Schiffe in Griechenland und die Landungen in Palästina gekümmert hatte. Krivoshein – und nicht die Leute in Wien – verfügte über gute Kontakte auf dem Balkan und in der Levante, kannte sich in der Unterwelt aus und wusste mit den Schmugglern umzugehen. Ein Mann von seinem Schlag wurde dringend gebraucht, um die Operationen der Aktion nicht nur am Laufen zu halten, sondern weiter auszudehnen.
Im Gegensatz dazu war Paul Haller in Perls Augen zwar ein kluger Kopf und ein hervorragender Ideologe, jedoch nicht sonderlich praktisch veranlagt und keinesfalls dazu in der Lage, Krivoshein zu ersetzen. Diese Darstellung in Perls Memoiren scheint Haller allerdings sogar noch zu schmeicheln, denn wie ein Freund Perls namens Israel diesem in mehreren Briefen während der Wartezeit auf den nächsten Transport aus Griechenland schrieb, hatte Haller nicht nur ein Alkoholproblem, sondern war auch dabei, den von Perl aufgebauten guten Ruf der Aktion durch seine Unfähigkeit zu zerstören. Der mit Haller zerstrittene Krivoshein wiederum soll sich laut Israels Schreiben angeblich einen Harem gehalten haben. Die beiden, die sich charakterlich ähnlich gewesen sein sollen, einte nur ihr Unmut über Perl, über den sie schimpften und den sie der Feigheit bezichtigten, weil er aus Angst nach London geflohen sein soll. Der cholerisch veranlagte Haller hatte zudem sogar angekündigt, Perl fertigzumachen wie alle seine Gegner, und soll auch Israel selbst mit der Deportation nach Dachau gedroht haben.43
Unabhängig davon, ob diese Aussagen der Wahrheit entsprechen: Für Jabotinsky offenbarte sich ein Führungsproblem in Wien und er reagierte umgehend, um die Aktion personell zu unterstützen – und so auch mehr Einfluss auf sie auszuüben. Denn Perl schreibt in seinen Memoiren zwar, dass das Unternehmen zu diesem Zeitpunkt bereits die volle Unterstützung der revisionistischen Partei samt der NZO in London sowie der Weltorganisation des Betar genoss, doch das dürfte mit ziemlicher Sicherheit nicht der Fall gewesen sein. Denn in einem Brief an den Jabotinsky-Vertrauten Shlomo Jacoby von März 1939 gibt Perl an, bis zu seiner Ankunft in London keinerlei Kontakt mit der NZO bezüglich seiner Transporte gehabt zu haben. Diese schien sich auch erst für die Sache zu interessieren, nachdem Krivoshein und die Wiener Gruppe bewiesen hatten, dass es möglich war, Leute in größerer Zahl heimlich in Palästina anzulanden. Nun wollte die NZO in das Unternehmen einsteigen, konnte dies aber nicht auf eigene Faust tun, weil ihr die nötige Expertise fehlte. Deswegen hatte sie unlängst einen Vertrag mit Wien über einen gemeinsamen Transport geschlossen, weil sie laut Perl „dem Umstande Rechnung trug, dass sich tatsächlich alle Positionen in den Händen der Aktion befanden“.44 Dies zeigt auch, dass die Aktion nicht für Jabotinsky und die NZO arbeitete, sondern höchstens mit ihnen, denn wie Perl hatten auch die übrigen Mitglieder der Aktion schon ein halbes Jahr vor dem „Anschluss“ alle Funktionen in der Partei zurückgelegt.
Jabotinsky wollte allerdings einen seiner eigenen Leute vor Ort haben und wählte dafür den Betar-Funktionär Mordechai Katz aus, der sich der Sache im Auftrag der NZO annehmen sollte. Perl wäre dafür ohnehin nicht in Frage gekommen, schließlich hatte er Eichmanns Frist zur Rückkehr verstreichen lassen und wäre wohl bei seiner Ankunft sofort verhaftet worden. Katz suchte zunächst Krivoshein in Athen auf und versuchte, ihn zu einer neuerlichen Kooperation zu bewegen. Es kam jedoch zum Streit, und nachdem Katz Jabotinsky über den wenig erfreulichen Ausgang des Treffens informiert hatte, reiste er weiter nach Wien.45
In der Zwischenzeit hatte Haller von Eichmann die Erlaubnis erhalten, nach Griechenland zu fahren, um ein neues Schiff aufzutreiben. In Athen ließ er sich mehrere Optionen vorführen und entschied sich für den Dampfer Socrates, der nach einer Anzahlung von 2000 Pfund 1000 Passagiere vom italienischen Fiume – dem heutigen Rijeka – nach Palästina bringen sollte. Piräus als Starthafen hatte demnach ausgedient. Der Grund dafür war vermutlich, dass sich die Briten mittlerweile bei der Regierung in Athen über deren Haltung gegenüber der illegalen Migration beschwert hatten. Das griechische Außenministerium hatte daraufhin mittels diplomatischer Note vom 22. Juli 1938 versichert, keine Abfahrten illegaler jüdischer Einwanderer aus griechischen Häfen mehr zu gestatten und keine Transitvisa mehr auszustellen.46 In einem Bericht wenige Tage später an den britischen Außenminister Lord Halifax beklagte sich ein Mitarbeiter der britischen Gesandtschaft in Athen allerdings über die in griechischen Beamtenkreisen weitverbreitete Korruption. Diese, und nicht etwa humanitäre Gründe, sei für die bisherige Duldung der illegalen Migration verantwortlich gewesen.47
Dieser Bericht der britischen Gesandtschaft ist nicht nur von besonderem Interesse, weil er den Kenntnisstand der Briten verdeutlicht, er widmet sich auch ausführlich Krivoshein und lässt diesen – ähnlich wie die Aussagen von Perls Freund Israel – in keinem guten Licht erscheinen. So habe Krivoshein damit geprahlt, hohe wie niedere Beamte bestochen zu haben, um seine Aktivitäten ungestraft durchführen zu können. Er habe die illegale Migration zudem kommerzialisiert und ein Vermögen gescheffelt mit dem Leid der Juden, und zu allem Überfluss lebe er mittlerweile mit einer jungen Frau von erst 17 Jahren zusammen, die an einem der Transporte teilgenommen habe. Um der illegalen Migration einen Riegel vorzuschieben, hatte der Diplomat einem Vertreter der griechischen Regierung inoffiziell vorgeschlagen, Krivoshein als die Schlüsselfigur auszuweisen und nach Palästina abzuschieben, wo dessen Pass eingezogen werden sollte.
Tatsächlich wurde Moses Krivoshein Ende August 1938, als er nach dem Streit mit Haller nach Griechenland zurückkehrte, wegen illegaler Einreise verhaftet. Er hatte von Italien aus eine Passage nach Alexandria in Ägypten gebucht, bei einem Zwischenstopp in Piräus jedoch sein Schiff verlassen und war nicht mehr an Bord gegangen. Ein Beamter des CID mit Nachnamen Cocorempas, der sich zu diesem Zeitpunkt in Athen aufhielt, nahm Krivosheins Verhaftung als Anlass zu der Hoffnung, dass die Griechen endlich ihre Zusage, gegen die illegalen Transporte vorzugehen, einhielten. Doch wie er in Erfahrung bringen konnte, war Krivoshein nur festgesetzt worden, um Geld von ihm zu erpressen. Nach Fürsprache des Unterstaatssekretärs für öffentliche Sicherheit war er sogar noch am selben Abend wieder entlassen worden. Der CID-Beamte sah darin den Beweis, dass die derzeitige griechische Regierung mit ihrer überwiegend deutschlandfreundlichen Gesinnung die illegale Migration entgegen ihrer Ankündigung kaum unterbinden werde. Denn eigentlich sollten den Migranten weder griechische Häfen noch griechische Schiffe mehr zur Verfügung stehen – was allerdings leicht umgangen werden konnte, indem ein unter griechischer Fahne fahrendes Schiff einfach unter einer anderen Nationalität, etwa der Panamas, registriert wurde.48
Dennoch sollte die von Haller gecharterte Socrates von Fiume aus in See stechen. Neben 800 Flüchtlingen aus Wien waren für diesen Transport gemäß der Abmachung mit der NZO auch 220 Betarim aus Osteuropa vorgesehen. Der Großteil von ihnen stammte aus Polen, dessen Betar-Landesverband vom späteren israelischen Premierminister Menachem Begin geleitet wurde. Begin hatte die Gruppe zusammengestellt und sich in Absprache mit Katz um die Reisevorbereitungen gekümmert. Katz wiederum schleuste die Gruppe laut Perl auf teils abenteuerlichen Wegen an die Adria. Ihre Einreisevisa für Italien stammten vom italienischen Handelsattaché in Warschau, der von seiner jüdischen Sekretärin bezirzt worden war. Allerdings wartete in Fiume eine herbe Enttäuschung auf die jungen Auswanderer. Keiner von ihnen konnte an Bord gehen.
Denn es gab kein Schiff. Haller war reingelegt worden.