6 — Notlage in Arnoldstein

Perls Befürchtungen, dass es ein Fehler gewesen war, sich von Krivoshein zu trennen, hatten sich schneller bestätigt als gedacht. Die Leute, mit denen Haller in Athen verhandelt hatte, hatten sich als Betrüger herausgestellt. Sie hatten einen Wachmann bestochen und sich so Zutritt zur Socrates verschafft, um sich als deren Eigner ausgeben zu können. Danach waren sie untergetaucht. Die Aktion stand nun ohne Geld und ohne Schiff da, und dies konnte katastrophale Konsequenzen nach sich ziehen. Denn die Nationalsozialisten würden das Verschwinden der Devisen der Reichsbank zweifellos nicht so einfach hinnehmen und die so dreiste Unterschlagung des Geldes als „jüdischen Schwindel“ betrachten. Zudem standen in Wien die 800 Passagierinnen und Passagiere zur Abfahrt bereit und die Gestapo erwartete ihre baldige Ausreise. Sollte es dazu nicht wie geplant kommen, drohte allen Involvierten – Organisatoren wie Reiseteilnehmenden – die Deportation nach Dachau. Da Haller davon ausging, dass Eichmann keine weitere Verzögerung dulden würde, und er es nicht wagte, die Sache publik zu machen, gab er am 1. September 1938 das Kommando zur Abfahrt aus Wien.

Die 800 jungen Männer und Frauen machten sich voller Hoffnung und Enthusiasmus auf den Weg. Ursprünglich war geplant gewesen, die direkte Strecke durch Jugoslawien zum eigentlichen Starthafen in Sušak zu nehmen, doch die Jugoslawen hatten die Durchreisegenehmigung widerrufen, sodass Haller die Route über Kärnten und Julisch-Venetien wählte. Sušak und Fiume waren nur durch einen Fluss voneinander getrennt, der Hafen wurde von Italienern und Jugoslawen gemeinsam verwaltet. Perl zufolge waren den Passagierinnen und Passagieren griechische Visa zugesagt worden, mit denen sie, wie beim letzten Transport, an jugoslawische Einreisegenehmigungen gelangt wären.49 Allerdings dürften die Griechen im Zuge des Vorfalls um Krivoshein Ende August 1938, als die Briten auf die Einhaltung der ihnen gegebenen Zusagen pochten, diese Visa widerrufen haben. Offiziell beteuerte das griechische Außenministerium, sein Generalkonsul in Wien habe die Visa ohnehin nie ausgestellt.50 So oder so war damit auch der Weg nach Jugoslawien versperrt und die Gruppe musste den Umweg über Italien nehmen und über Fiume in den Hafen gelangen.

Die italienischen Grenzbehörden wussten allerdings, dass kein Schiff für die Flüchtlinge bereitstand – und deren Ausreise damit nicht gesichert war –, und verweigerten dem Zug die Weiterfahrt. Auf deutscher Seite wurde er beim Grenzort Arnoldstein auf ein Nebengleis geschoben, um den restlichen Schienenverkehr nicht zu behindern. Für die Passagierinnen und Passagiere, die sich zu acht ein Abteil teilten, begann eine Zeit des Ausharrens, die sie an die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit führte.

Haller, der den Zug mit seinem Bruder Heinrich nach Arnoldstein begleitet hatte, hatte Perl zufolge bereits Jabotinsky und ihn selbst in London kontaktiert und sie gebeten, entweder ein anderes Schiff aufzutreiben oder die italienischen Grenzbehörden zu überreden, den Zug passieren zu lassen, auch wenn die Weiterreise noch nicht gewährleistet war. Vom fernen Großbritannien aus ließ sich jedoch keine Lösung finden, deswegen reiste Perl Ende August in Jabotinskys Auftrag nach Griechenland. In London zu bleiben, war ohnehin keine Option, da seine Aufenthaltsgenehmigung für Großbritannien bald ablief. Die für die Reise benötigten Visa trieb Jabotinsky über einen befreundeten italienischen Schriftsteller auf, der zu seinen Bewunderern zählte.

Als Perl also die britischen Inseln nach rund zweieinhalb Monaten wieder verließ, dürfte es um seine Stimmung nicht sonderlich gut bestellt gewesen sein. Zum einen hatte er in London keinen nennenswerten Erfolg verbuchen können, zum anderen lag eine wahre Mammutaufgabe vor ihm. Er sollte Einreisegenehmigungen für die Wiener Gruppe auftreiben, das verlorene Geld zurückholen und ein neues Schiff finden. Er hatte nur keine Ahnung, wie er all das ohne ein Wunder bewerkstelligen sollte.

Ein Ausweg musste aber unbedingt gefunden werden, nicht nur um der Flüchtlinge willen, die in Arnoldstein festsaßen. Es war nicht auszuschließen, dass die Gestapo den Vorfall zum Anlass für weitere Massenverhaftungen in Wien nahm. „Probeverhaftungen“ hatte es schon gegeben, weswegen Perl Hallers Ansinnen, seine Leute so schnell wie möglich aus Wien wegzubringen, prinzipiell nachvollziehen konnte.51 Außerdem drohte das Ansehen der Aktion massiv Schaden zu nehmen und die Fortführung des gesamten Unternehmens war grundlegend gefährdet. Es würde nicht nur schwieriger werden, Teilnehmerinnen und Teilnehmer für neue Transporte zu finden, auch mögliche Geldgeber im Ausland würden sich ihre Unterstützung zweimal überlegen. Die „Komödie von Arnoldstein“, wie Eichmann es nennen sollte, bedeutete Wasser auf den Mühlen des jüdischen Establishments, das den Revisionisten und der Aktion Unverantwortlichkeit unterstellte und nun seine Bestätigung bekam.

In Athen traf sich Perl mit dem Reeder Davaris, den ein Bekannter von Berthold Kornmehl mit Namen Rosenzweig, der selbst als Flüchtling in der griechischen Hauptstadt lebte, ins Spiel gebracht hatte. Davaris, so Rosenzweig, sei unter Umständen daran interessiert, Juden in großem Umfang nach Palästina zu transportieren, sofern der Preis stimmte. Haller und Kornmehl hatten den Griechen von Wien aus bislang nicht erreichen können, doch Perl hatte vor Ort mehr Glück und konnte Davaris zumindest überreden, einen Vertreter zu weiteren Verhandlungen nach Fiume zu schicken, ehe er selbst in die italienische Hafenstadt reiste. Kurz nach seiner Ankunft kam auch Mordechai Katz mit den Betarim aus Osteuropa an, für die Perl schleunigst ein Quartier auftreiben musste. So viele Fremde fielen in einer kleinen Stadt wie Fiume natürlich auf und er wollte verhindern, dass die Zeitungen Wind von der Sache bekamen und ihnen unnötig viel Aufmerksamkeit zuteilwurde. Zudem verwiesen die Italiener alle Juden, die sie obdachlos auf der Straße aufgriffen, des Landes.52 Aus diesem Grund spielte Perl auch mit dem Gedanken, ein Frachtschiff zu mieten und es außerhalb der Drei-Meilen-Zone in internationalen Gewässern ankern zu lassen, doch letztendlich fanden die Betarim in einer Lagerhalle Unterschlupf.53 Was die in Arnoldstein gestrandeten Flüchtlinge betraf, beauftragte er einen Anwalt durchzusetzen, dass diese auch ohne Schiff nach Italien einreisen durften. Gemeinsam mit Katz sprach er diesbezüglich auch bei der Hafenbehörde vor.54

Am nächsten Tag wurde Perl selbst von einem Kriminalbeamten zur Polizei gebracht, wo er verhört und ihm vorübergehend der Pass abgenommen wurde, weil Haller bei den Grenzbehörden in Arnoldstein angegeben hatte, Perl sei der Leiter und könne die ganze Sache aufklären. Wieder auf freiem Fuß, musste er feststellen, dass sich nicht nur die Italiener für ihn interessierten. Ein Gast in seinem Hotel, der sich als Handelsreisender ausgab, war in Gesellschaft eines Mitarbeiters des britischen Konsulats gesehen worden. Beobachtet hatte die beiden ein örtlicher jüdischer Geschäftsmann, der Perl und Katz daraufhin über dieses Treffen informierte. Perls Verdacht, es könnte sich bei dem Unbekannten um einen Agenten des britischen Nachrichtendienstes handeln, erhärtete sich, als er durch Bestechung des Rezeptionisten an die Telefonnummer gelangte, die der Mann vom Hotel aus angerufen hatte. Die anschließende Beschattung ergab, dass dieser die meiste Zeit am Hafen in einer Schiffsagentur verbrachte. Von den lokalen italienischen Behörden kam wenig später die Bestätigung. Die Briten wussten, warum Perl und Katz sich in Fiume aufhielten, und hatten bei der italienischen Regierung dagegen protestiert. Auch wenn sie bezüglich der Details und der involvierten Personen noch im Dunklen tappten, waren sie schon seit Monaten über die „Umtriebe“ der Aktion im Bilde.

So hatte etwa der britische Generalkonsul in Wien am 23. Juli 1938 folgende Zeilen an das Foreign Office in London übermittelt: „Nachforschungen scheinen zu bestätigen, dass junge Juden beiderlei Geschlechts von einer hiesigen Organisation nach Palästina geschickt werden, aber wer genau dahintersteckt, kann derzeit noch nicht mit Sicherheit dargelegt werden. Wie es heißt, werden diese illegalen Emigranten in versiegelten Zügen nach Athen geschickt, wo sie auf kleine Dampfer umsteigen und nach Palästina gebracht werden. Sie schwimmen dann an Land und setzen ihre Reise zu Fuß fort.“55

Zwei Wochen zuvor hatte bereits der britische Hochkommissar in Palästina, Harold MacMichael, Kolonialminister MacDonald über „eine große Bewegung illegaler jüdischer Immigranten in Zentraleuropa mit Ziel Palästina“ informiert, von denen einige in kleinen Gruppen unlängst an der Küste Palästinas gelandet waren. Zudem sollten MacMichael zufolge in Kürze bis zu 4000 Menschen, die vor allem in Österreich rekrutiert worden waren, auf griechischen Inseln auf ihren Transfer nach Palästina warten. Nichts von dieser zweiten Aussage entsprach für den Moment den Tatsachen, könnte aber dahingehend interpretiert werden, dass sich MacMichaels nicht genannte Quelle möglicherweise auf Perls Behauptung gegenüber Rajakowitsch bezog, die Aktion könne ein halbes Jahr lang alle zwei Wochen 1000 Personen aus Wien fortschaffen. Wie auch immer, der Hochkommissar wies den Kolonialminister darauf hin, dass er alle ihm möglichen Schritte unternommen habe, diese seiner Ansicht nach jedoch nicht ausreichten, um das Problem zu lösen. Nur vier Tage nach seinem ersten Schreiben wandte sich MacMichael schließlich erneut an MacDonald und bat ihn, bei der griechischen Regierung zu intervenieren, da angeblich 1000 illegale Einwanderer in Athen erwartet wurden.56

Daher deponierten die Briten sowohl in Griechenland als auch in Italien ihren Unmut. Wohl weniger aus Angst vor diplomatischen Verstimmungen als vielmehr aufgrund der Sorge, auf den mittellosen Flüchtlingen sitzen zu bleiben, schenkten die Italiener der Protestnote Gehör. Aus Rom kam die Order, die osteuropäischen Betarim auszuweisen. Katz gelang es jedoch durch geschickte Verhandlungen mit den Lokalbehörden in Fiume, immer wieder einen Aufschub zu erwirken, indem er ihnen versicherte, ihr Schiff habe nur Verspätung und würde bald auftauchen.

Die Zeit arbeitete allerdings nicht nur in Fiume gegen die Auswanderungswilligen. Eichmann wollte keinen internationalen Skandal und drohte jeden Tag, den Zug nach Dachau zu schicken. Der war nach fast einer Woche auf dem Abstellgleis mittlerweile von Fäkalien umgeben, da den 800 Menschen an Bord zunächst verwehrt worden war, auszusteigen. Erst nach einiger Zeit durften sie unter Bewachung auf einen nahen Hügel, um ihre Notdurft zu verrichten. Nahrungsmittel hatten sie für drei Wochen eingepackt, doch langsam wurde das Wasser knapp. Dieser Beschreibung Perls stehen die Schilderungen einiger Reiseteilnehmer gegenüber, denen zufolge die Flüchtlinge von der örtlichen Bevölkerung versorgt wurden und sich der Aufenthalt in Arnoldstein eher wie ein „Ferienlager“ gestaltete. Ähnliches berichtet der ebenfalls in Arnoldstein anwesend gewesene Max Stock, später Mordecai Hacohen. Er schreibt, dass die Passagierinnen und Passagiere die Nächte zwar in ihren Abteilen verbringen mussten, tagsüber den Zug jedoch verlassen durften. Um die Moral hochzuhalten, organisierte er auf dem Feld neben den Gleisen Turnübungen, freitagabends wurde dort die Schabbat-Feier abgehalten.

Laut Stocks Memoiren tauchten nach einiger Zeit sowohl Krivoshein als auch Perl in Arnoldstein auf, und es soll zu einem Eklat gekommen sein: Um Krivoshein in dessen Unterkunft festzusetzen, soll Perl dessen Kleidung unter dem Vorwand, sie reinigen zu wollen, entwendet haben. Der Grund dafür war angeblich, dass Perl Krivoshein als Bedrohung für seine Führungsrolle gesehen habe – ein ungewöhnlicher Vorfall persönlicher Rivalität in ihrer Organisation, wie Stock schreibt. Perl war jedoch nachweislich zu keinem Zeitpunkt in Arnoldstein, sodass sich dieser Vorfall, wenn überhaupt, zwischen Krivoshein und Haller, den Stock in diesem Zusammenhang jedoch überhaupt nicht erwähnt, abgespielt haben dürfte. Dass Krivoshein in Arnoldstein war, ist durchaus denkbar: Er hatte Athen Ende August per Flugzeug in Richtung Rom verlassen und kehrte erst Mitte Oktober nach Griechenland zurück, sodass es gut möglich ist, dass er sich in dieser Zeit nicht nur in Italien aufhielt, sondern auch nach Österreich fuhr. Dass manche Schilderungen Stocks allerdings zu hinterfragen sind, zeigt auch die ebenfalls nicht zutreffende Behauptung, Perl und nicht Haller hätte das Geld in Athen verloren.57

Was immer sich in Arnoldstein wirklich ereignet hatte – Perl wusste, dass die Sache eilte. Doch die Verhandlungen mit Davaris’ Vertrautem Nikolopoulos konnten zu keinem Abschluss gebracht werden. Die Griechen wollten für die lediglich 800 Pfund, die die Aktion ihnen bieten konnte, das Risiko nicht auf sich nehmen und stattdessen lieber Orangen nach Athen transportieren. Die verzweifelten Betarim aus Osteuropa, die davon erfuhren, wollten schon Retourvisa anfordern, da unternahm Perl noch einen letzten Versuch und rief Davaris in Athen an. Er stellte dem Griechen ein exklusives Arrangement bei zukünftigen Aufträgen in Aussicht und erhöhte sein Angebot um 600 Pfund. Zwar hatte Perl im Moment nicht mehr als 800 Pfund zur Verfügung, er versprach jedoch, seine Schulden mit dem Geld zu begleichen, das Haller in Athen verloren hatte und das er einzutreiben gedachte. Die Aussicht auf künftige lukrative Geschäfte ließ Davaris schließlich einlenken und ein alter Dampfer namens Draga nahm Kurs auf Fiume.58

Die Rettung war in greifbarer Nähe.

Doch Perl hatte die Rechnung ohne Eichmann gemacht.

Wäre es nicht zu einem kleinen Zwischenfall auf See gekommen, wäre die Draga gerade noch rechtzeitig in Fiume eingetroffen. So aber endete Eichmanns Ultimatum einen Tag vor ihrer Ankunft, und der Sonderzug der Aktion rollte am 19. September 1938 wie angekündigt in Richtung Dachau. Nur Perls Drohung, die Passagiere an Bord würden angesichts der Deportation kollektiven Suizid begehen, ließ den SS-Mann seine Entscheidung nochmals überdenken. Eichmanns berechtigte Sorge war wohl, dass ein solches Ereignis an der Grenze zu Italien kaum unter den Teppich gekehrt werden könnte und einen internationalen Skandal nach sich ziehen würde. Schließlich hielt sich der britische Premierminister Neville Chamberlain dieser Tage wegen der Sudetenkrise für Gespräche mit Hitler in Deutschland auf. Das Deutsche Reich stand also im Fokus der Weltöffentlichkeit. Eichmanns Stellung innerhalb des NS-Machtapparats war noch nicht gefestigt genug, um sich einen derart blutigen Ausgang der „Komödie von Arnoldstein“ leisten zu können.

An Bord des Zugs spielten sich derweil dramatische Szenen ab. Als den Passagieren klar wurde, dass sie umkehrten und ihre Leiden der vergangenen Wochen umsonst gewesen waren, kam es laut Perl zu verbalen und sogar physischen Angriffen auf Paul Haller und dessen Bruder Heinrich, was allerdings ebenfalls von einigen Reiseteilnehmern in Abrede gestellt worden ist. Perls Drohung der Massenselbsttötung war zwar ein Bluff gewesen, doch um zu verhindern, dass sich jemand aus Verzweiflung das Leben nahm, mussten dennoch Aufpasser ernannt werden. Einen jungen Mann hielt dies trotzdem nicht davon ab, aus dem Fenster des fahrenden Zuges in den Tod zu springen. Womöglich wollte er auch nur einen Fluchtversuch unternehmen und dem Schicksal entkommen, das in Wien auf die unfreiwilligen Rückkehrerinnen und Rückkehrer wartete. Denn selbst wenn sie der Deportation – vorerst – entkommen waren, hatten sie ihre Zelte in der alten Heimat geistig wie materiell abgebrochen. Für sie war es daher keine Heimkehr, sondern eine Ankunft im Nirgendwo. Das galt auch für diejenigen, die sie zurückgelassen hatten. Die Eltern, die ihre Kinder bereits in Sicherheit wähnten, brachen in Tränen aus, als diese völlig unerwartet wieder an ihre Wohnungstür klopften.

Die Stimmung in Wien war an einem Tiefpunkt, doch wenigstens in Fiume gab es vorsichtigen Grund zur Freude. Die Draga war mittlerweile angekommen und die 220 Betarim, die schon mit ihrer Rückreise nach Osteuropa gerechnet hatten, marschierten in geordneter Formation zum Hafen. Dort wartete der Präfekt von Fiume in Uniform und in Begleitung seiner Ehefrau und verabschiedete die jungen Leute. Zu diesen gesellten sich 26 weitere Juden, die von einer „Mitfahrgelegenheit“ nach Palästina gehört hatten, da die Draga durch das Fehlen der Passagierinnen und Passagiere aus Wien nur zu einem Fünftel belegt war. Mit dabei war – als Einziger der „Arnoldsteiner“ Gruppe – auch Max Stock. Er hatte es nach seiner Rückkehr nach Wien mit einem Pass für staatenlose Flüchtlinge und einem italienischen Transitvisum per Flugzeug nach Venedig und von dort weiter nach Fiume geschafft. Ihm zufolge wurden die Betarim von Mordechai Katz angewiesen, sich um Mitternacht für die Einschiffung bereitzumachen, und von freundlichen Carabinieri wurden sie zum Hafen begleitet.

Am 20. September 1938 lichtete die Draga ihre Anker und nahm Kurs auf Palästina. Willy Perl sah zu, wie sie aus dem Hafen fuhr – gemeinsam mit Lore, die in der Zwischenzeit in die Stadt gekommen war, um bei ihrem Mann zu sein. Mit ihr feierte Perl am nächsten Tag seinen Geburtstag und gönnte sich danach ein wenig Erholung, um die Anspannung der letzten Wochen zu verdauen. Doch bereits am 24. September machte er sich auf den Weg nach Athen, um mit Davaris persönlich über weitere Schiffe zu verhandeln, da im Büro am Stubenring mittlerweile an einem neuen, noch größeren Transport gearbeitet wurde, auch um die „Arnoldsteiner“ Gruppe endlich außer Landes zu bringen. Lore begleitete Perl nicht, sondern kehrte nach Wien zurück, sehr zum Bedauern ihres Ehemanns. Doch weder wollte sie ihn bei seiner Arbeit behindern, noch konnte sie ihre Eltern zurücklassen, für die sie sorgte. Am Bahnhof von Fiume musste sich das Paar daher erneut Lebewohl sagen, als Perl in den Zug nach Griechenland stieg.

Um Geld zu sparen, reiste er dritter Klasse, verließ den Zug bei der Ankunft in Athen jedoch aus dem Erste-Klasse-Abteil. Denn er erwartete, dass Davaris, der ihm auch das Einreisevisum für Griechenland verschafft hatte, ihn am Bahnhof abholen würde. Daher wollte Perl, wie schon bei seiner Scharade vor dem Reichsfinanzministerium, einen stilechten Auftritt hinlegen. Schließlich kam er als Vertreter einer Organisation, die über Geld und Einfluss verfügte – zumindest war es das, was er den Reeder glauben machen wollte. Dieser hatte für seinen Geschäftspartner ein Zimmer in einem der besten Hotels Athens reservieren lassen, was der in Wahrheit beinahe mittellose Perl natürlich ablehnte. Er zog sich aus der Affäre, indem er vorgab, lieber bei Freunden zu wohnen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, und kam schließlich bei Kornmehls Bekanntem Rosenzweig unter.

Innerhalb von fünf Wochen erreichte Perl bei Gericht in mehreren Prozessen die Freigabe des von Haller verlorenen Geldes, das bereits von den Behörden konfisziert worden war. Ein Teil davon war allerdings von einem vermögenslosen Griechen mittlerweile behoben worden und Perl musste erst eine polizeiliche Hausdurchsuchung erwirken, bei der die ausstehende Summe schließlich sichergestellt wurde. Die Anwalts- und Prozesskosten von rund 1000 Pfund übernahm Davaris, mit dem Perl auch eine neue Übereinkunft erzielte. Der Grieche stellte die Schiffe für zwei weitere Transporte und Perl erklärte sich bereit, zwölf Pfund pro Passagier zu bezahlen. Dafür sollten die Frachter – erneut die Draga sowie die Elli – überholt werden, um den Menschen an Bord ein wenig mehr Komfort zu bieten. Über seine Übereinkunft mit dem griechischen Schiffseigner informierte Perl auch die Gestapo, die sich trotz der „Komödie von Arnoldstein“ bereit erklärte, noch einen Versuch zu wagen.

Damit waren die Eckpunkte der neuen Transporte geklärt. Ein Problem aber gab es noch zu lösen, und das war die wie immer leidige Frage der Visa. Der Vorfall in Arnoldstein hatte auf bedrückende Weise gezeigt, dass die Anreise zum Abfahrtshafen per Zug nicht die optimale Variante darstellte. Zu viele Grenzen mussten überschritten werden. Doch es gab eine Lösung und diese war Perl beinahe sein ganzes bisheriges Leben quasi vor der Nase dahingeflossen.

Die Donau.