Perls Zeit in Rumänien, zumindest wie er sie in seinen Memoiren schildert, erinnert an einen Agentenroman und war reich an skurrilen Anekdoten. Bestechungen und Kontakte mit dubiosen Gestalten waren an der Tagesordnung und für geheime Treffen, die den Briten verborgen bleiben sollten, nutzte er ein Privatbordell. Da das Schmugglergeschäft Dollar und Pfund erforderte und die Mitnahme von Devisen beim Grenzübertritt nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Balkanländern verboten war, schmuggelte Perl oft Geld über die verschiedenen Grenzen, das zum Teil in seinem Spezialkamm versteckt oder in seinen Gürtel eingenäht war. Er wählte dafür vorrangig kleinere Grenzposten, an denen zwar Listen mit den Namen verdächtiger Personen vorhanden, die Grenzer aber nicht immer des Lesens mächtig waren. Als er bekannter wurde, musste Perl dennoch auf die Dienste unverdächtiger Kuriere zurückgreifen, die jedoch in zwei Fällen Geld in ihre eigene Tasche verschwinden ließen.
Auch sein hünenhafter Bodyguard David, der ihm von Jakob Schieber zugeteilt worden war, sorgte für das eine oder andere Glanzlicht. David hatte sich bereits durch seine Grobheit hervorgetan, als er bei einer Ansprache Perls einen Kritiker unsanft zum Schweigen gebracht hatte, indem er diesen kurzerhand von der Bühne geworfen hatte. Bald darauf war Perl im Gassengewirr der Bukarester Altstadt auf dem Weg zu einem Treffen mit einem Türken mit Verbindungen zur Istanbuler Unterwelt, als ihm auffiel, dass er verfolgt wurde. David nahm sich des Beschatters an und entschied sich, weil er von Perl für den Kritikerwurf von der Bühne gerügt worden war, die Situation dieses Mal relativ gewaltlos zu lösen. Er wies seinen Schutzbefohlenen an, weiterzugehen, und lauerte dem Verfolger auf. Als David mit einem kleinen Bündel unter dem Arm schließlich zu Perl aufschloss und dieser wissen wollte, was geschehen war, bedeutete er ihm lediglich, einen Blick in die nebenliegende Gasse zu werfen. Dort sah Perl ihren Schatten, ausgezogen bis auf Schuhe und Strümpfe und kaum mehr in der Lage, sie zu belästigen. Wer der Mann war, wusste Perl nicht, vermutete jedoch abermals einen britischen Handlanger.
Die eindrucksvollste Begegnung ereignete sich allerdings in einem Hotel in Galaţi. Wenige Tage nach der Abfahrt der Draga und der Elli wurde Perl frühmorgens durch Klopfen an seine Zimmertür geweckt. Vor dieser stand ein bulliger Mann in einem schäbigen Pelzmantel mit Biberfell-besetztem Kragen. Jonel Popescu unterschied sich in der Statur wenig von Perls Bodyguard David, hatte jedoch ganz andere Qualitäten. Perls Frage nach dem Grund seines Auftauchens bewies Popescu, dass der Mann, der ihm noch im Pyjama gegenüberstand, seine Dienste dringend notwendig hatte. Denn jeder in Rumänien, so brüstete sich der Besucher, kenne Jonel Popescu. Dass Perl noch nicht von ihm gehört hatte, unterstrich also dessen Naivität, was das Geschäftemachen hierzulande betraf. Popescu, der in der Zeitung über Perl gelesen hatte, war überzeugt davon, dass dieser es ohne ihn in Rumänien nicht weit bringen würde. Also bot er ihm kurzerhand an, für ihn zu arbeiten. Perl war skeptisch und holte sich Rat bei Bekannten der jüdischen Gemeinde. Denn er hatte bereits ein ähnliches Angebot von einem anderen Mann von ähnlichem Schlag erhalten. Sowohl dieser als auch Popescu waren Perls Bekannten ein Begriff und sie hielten beide für Schlitzohren und Glücksritter, doch nur Popescu hatte den Ruf, seinen Worten auch Taten folgen zu lassen.
Für jemanden mit dem Auftreten und der Überzeugungskraft Popescus, der noch dazu kein Jude war, hatte Perl zweifellos Verwendung, also engagierte er ihn als seinen Assistenten. Fortan war der Rumäne als „Attaché für persönliche und interne Angelegenheiten des jüdischen Auswanderungsbüros“ im Einsatz. Diese Bezeichnung, die er sich selbst ausgedacht hatte, zierte auch bald seine eigens dafür angefertigten Visitenkarten. Popescu meinte es also wirklich ernst, allerdings nicht aus finanziellen Gründen. Zwar wollte der Rumäne Perl zufolge mit seinen Aktivitäten für die jüdische Auswanderung vermutlich sehr wohl etwas verdienen, aber vor allem ging es ihm darum, eine gute Tat zu vollbringen, für die man sich später an ihn erinnern würde.
Sehr schnell sollte sich zeigen, dass Popescu, der mit seiner speziellen Art bei Perl abwechselnd und zuweilen gleichzeitig für Erheiterung, Frust und Freude sorgte, nicht übertrieben hatte und in der Tat über gute Kontakte verfügte. Seine Vertrautheit mit Rumäniens politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kreisen half Perl, an den richtigen Schrauben zu drehen und die ihm zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel optimal einzusetzen. Oder anders ausgedrückt: Popescu wusste, wer zu bestechen war, wem man drohen, wem man schmeicheln musste und wen man getrost ignorieren konnte. Dies erfuhr Perl schon bald auf der Fahrt in die südöstlich von Galaţi und direkt im Donaudelta gelegene Stadt Tulcea, die für ihn beinahe im Gefängnis endete.
Der Grund waren Vögel.
Perl war ein Meister darin, seine Verhandlungspartner mit Tricks zu verwirren und zu manipulieren. Doch von Jonel Popescu konnte selbst er noch etwas lernen. Sein neuer Mitarbeiter war der geborene Showman und stellte dieses Talent unter Beweis, als sie im November 1938 nach Tulcea aufbrachen, um sich dort umzusehen. Perl war auf der Suche nach einem neuen Hafen für die Abfahrt ihres nächsten Schiffs, weil die Schmiergeldforderungen der Behörden in Galaţi exorbitante Höhen erreicht hatten – und vermutlich auch, um eine erneute Beobachtung durch unliebsame Zaungäste wie bei der Draga und der Elli zu vermeiden, so spekulierte zumindest der britische Konsul Macrae, der erneut erst im Nachhinein von dem Transport erfahren würde.75
Um nach Tulcea zu gelangen, hatte Perl vorgeschlagen, ein Auto mit Chauffeur zu mieten, was Popescu jedoch empört zurückgewiesen hatte. Ein Auto für sie beide gemeinsam war keinesfalls angemessen. Um in Tulcea Eindruck zu machen, mussten sie unter allen Umständen jeweils in einem eigenen Wagen anreisen. Für Perl war der Einwand nachvollziehbar und sie machten sich an jenem Tag mit zwei Autos auf den Weg. Da Popescu sich vor der Abfahrt noch die Hände in einem Schönheitssalon maniküren ließ, hatte Perl ein wenig Vorsprung. Er entschloss sich, entlang der Strecke mehrere Zwischenstopps einzulegen, um die Landschaft und vor allem die Vögel zu bewundern – seltene Exemplare, die nur in den Marschen des Donaudeltas heimisch waren. Zum Verhängnis wurde ihm sein Entschluss, sie zu fotografieren. Denn beim zweiten oder dritten Stopp tauchte plötzlich ein rumänischer Soldat aus dem Unterholz auf und nahm ihn mit der Waffe im Anschlag in Gewahrsam. Perl wurde über einen Feldweg zu einem kleinen Kommandounterstand geführt. Der Korporal, der ihn dort in Empfang nahm, hielt ihn für einen russischen Spion und erklärte ihn für verhaftet. Perls Einwände in holprigem Rumänisch und auch sein deutscher Pass vermochten die Soldaten nicht von seiner Unschuld zu überzeugen.
Doch Perl behielt Hoffnung, denn er wusste, dass er noch einen Trumpf im Ärmel hatte. Es dauerte auch nicht lange, bis eine Staubwolke das Kommen seines Attachés für persönliche und interne Angelegenheiten ankündigte. Popescu saß bei offenem Verdeck in seinen Pelzmantel gehüllt mit dicker Zigarre auf der Rückbank. Nachdem er von Perl erfahren hatte, was geschehen war, ging er in die Offensive. Nicht nur, dass er sich vom offenbar beeindruckten Korporal mit „Exzellenz“ ansprechen ließ; er holte auch seine goldene Taschenuhr hervor und verkündete mit donnernder Stimme, die beiden Soldaten am nächsten Baum aufknüpfen zu lassen. Dann forderte er sie auf, über ihr Telefon unverzüglich eine Verbindung nach Bukarest herzustellen, um mit dem König – seinem Cousin – zu sprechen. Die Drohung zeigte die gewünschte Wirkung. Die Soldaten bettelten um ihr Leben und erst nach Perls Fürsprache, der in das Schauspiel einstieg und Popescu um Nachsicht ersuchte, ließ dieser die beiden vom Haken. Nach diesem Intermezzo fuhren sie nach Tulcea weiter, für das sich Perl nach Begutachtung als Starthafen für seinen nächsten Transport entschied.
Die Draga und die Elli setzten derweil ihre Fahrt nach Palästina fort, allerdings getrennt voreinander. Die Draga war, nachdem sie in den rumänischen Zeitungsberichten erwähnt worden war, zudem in Libertad umbenannt worden und fuhr nun unter panamaischer Flagge. Abwechselnd durften die Passagierinnen und Passagiere an Deck, um Luft zu schnappen, streng organisiert nach einem Stundenplan. Zum Zeitvertreib sangen sie die Hatikva, jüdische Volkslieder oder neu erdachte Stücke, doch sobald ein anderes Schiff am Horizont auftauchte, gab der Transportkommandant per Pfeife ein Kommando und alle mussten sich unter Deck zurückziehen.
Aus Sicherheitsgründen war auch der Ort der Landung geändert worden, da der Strand von Tantura mittlerweile von der britischen Polizei überwacht wurde. Ziel der Reise war stattdessen das nördlich von Tel Aviv gelegene Netanya, 1938 noch ein überschaubares Dorf. Zwar war die Landestelle vom Meer aus nicht so leicht ausfindig zu machen wie jene bei Tantura, doch sie hatte einen entscheidenden Vorteil, von dem man sich noch heute ein Bild machen kann: Der schmale Strand wird von Klippen abgeschirmt, sodass man von der umliegenden Gegend aus nicht sieht, was unten am Wasser vor sich geht – ideale Voraussetzungen also für eine geheime Landeoperation, zumal das Dorf oben auf den Klippen für die Flüchtlinge über einen Pfad leicht zu erreichen war. Der Aufstieg war zwar steil, doch in Summe weit weniger beschwerlich als der stundenlange Fußmarsch in den Dünen bei Benyamina. Im nur jüdisch besiedelten Netanya konnten die Neuankömmlinge außerdem im örtlichen Kino Unterschlupf finden und es lag auch keine arabische Siedlung in der Nähe, von der aus ihnen bei Entdeckung der Verrat an die Briten drohte.
Von Seiten der Irgun war Moshe Chasan für die Landungen in Netanya verantwortlich. Unter seinem Kommando versteckte sich eine dreiköpfige Gruppe in den Klippen und beobachtete das Meer. Das Einsatzprotokoll sah vor, dass ein Teammitglied Verstärkung aus dem Dorf holen sollte, sobald die Schiffe auftauchten – wobei selten eines zum vereinbarten Zeitpunkt ankam. Für den Notfall hatte sich die Irgun eine besondere Maßnahme überlegt. Sollten die Briten die Landung stören, würden die Dorfbewohnerinnen und -bewohner aus ihren Häusern zum Strand strömen, die Neuankömmlinge würden sich unter diese mischen und im entstandenen Gewimmel der Verhaftung entgehen.
Die Irgun hatte also ihre Hausaufgaben gemacht, als auch dieses Mal die Passagierinnen und Passagiere der Draga für die Landung auf die Artemisia umstiegen. Doch wieder kam es, wie bei fast jedem Transport, zu einem unvorhergesehenen Zwischenfall. Nachdem die ersten 300 Personen problemlos an Land gegangen waren, wurde die Draga außerhalb der Drei-Meilen-Zone von einem britischen Schiff aufgespürt. Um von der Artemisia abzulenken, drehte der Kapitän ab und entfernte sich im Zickzackkurs von der Küste. Das Manöver hatte die beabsichtige Wirkung. Die Artemisia konnte unbemerkt entkommen, doch das britische Schiff folgte der Draga volle zwei Tage lang. In dieser Zeit war an eine Rückkehr zur Küste, um die restlichen Passagierinnen und Passagiere an Land zu bringen, natürlich nicht zu denken. Erst als die Briten die Verfolgung aufgaben, keimte wieder Hoffnung an Bord auf, das Ziel doch noch zu erreichen. Ein Blick in den Lagerraum offenbarte allerdings das nächste Problem.
Der Draga ging die Kohle aus.