Die Posse um das Ende der Stubenring-Büros und das ungeklärte Schicksal der „China-Gruppe“ waren nicht Perls einzige Sorgen in diesen Tagen und auch nicht der einzige Reibepunkt mit Katznelson. Auch die Irrfahrt der Katina dauerte immer noch an. Perl war über die schlimmen Zustände an Bord im Bilde, denn Davaris hatte ihm mitgeteilt, dass die Lebensmittel auf dem Schiff nach dem unfreiwilligen Rückzug von der Küste Palästinas fast vollständig aufgebraucht waren. Aus diesem Grund ersuchte der Grieche um Geld für neuen Proviant. Auch wenn er Davaris prinzipiell für einen anständigen Mann hielt, war Perl zunächst skeptisch. Mittlerweile kannte er seine griechischen Geschäftspartner recht gut und wusste, dass derart dramatischen Meldungen von Haus aus ein gewisser Grad an Unwahrscheinlichkeit anhaftete.144 Doch nachdem er seine eigenen Berechnungen angestellt hatte, kam er zu dem Schluss, dass Davaris nicht zu lügen schien. Perl hatte allerdings noch keine Kenntnis davon, dass es um den Proviant noch schlechter bestellt war als angenommen, da ein Teil durch einlaufendes Meerwasser verdorben war. Davaris zufolge hatte es auch bereits Tote gegeben. Perl bezweifelte dies, lag damit allerdings falsch. Tatsächlich waren zu diesem Zeitpunkt drei Menschen gestorben und weitere Tote würden aufgrund der Zustände an Bord folgen.
In mehreren Telefonaten schilderte Perl daher Shlomo Jacoby eindringlich die Notlage der Passagierinnen und Passagiere und erbat mehr Geld aus London. Er und Epstein hatten sich auch umgehend an Katznelson gewandt, nachdem sie von Davaris über den Verlust der Artemisia und den Rückzug der Katina informiert worden waren – und waren prompt in eine neuerliche Auseinandersetzung mit ihrem neuen Vorgesetzten geraten.145 Denn Katznelson vertrat die Meinung, dass sie Davaris’ Nachricht einfach ignorieren sollten. Der Grieche konnte die Leute auf seinem Schiff schlecht verhungern lassen und würde sie daher schon mit Lebensmitteln versorgen.
Perl war anderer Ansicht. Davaris war gemäß ihrer Übereinkunft nicht für die Proviantbeschaffung zuständig und konnte dazu auch nicht verpflichtet werden, schon gar nicht auf diese Weise. Die Zwickmühle des Griechen – die Leute auf der Katina entweder verhungern zu lassen oder auf eigene Rechnung zu versorgen – auszunutzen, war für Perl moralisch nicht vertretbar. Davaris hatte sich ihnen gegenüber bislang untadelig verhalten und ihnen bei der Arnoldstein-Affäre aus der Klemme geholfen, indem er nicht nur Schiffe geschickt, sondern auch bei der Sicherstellung des von Haller verlorenen Geldes geholfen hatte.146 Perl wollte mit einem solchen an Erpressung grenzenden Vorgehen nichts zu tun haben – ebenso wenig wie Mila Epstein, die offenbar aus Sorge um die Passagierinnen und Passagiere dem „gewissenlosen, unmenschlichen“ Katznelson gegenüber leicht ausfällig wurde.147 Dieser entband sie daraufhin von ihren Aufgaben, was sie jedoch ignorierte, und sie rief ihren Onkel in London an. Jabotinsky ordnete daraufhin an, die laut Davaris benötigte Summe von 1100 Pfund nach Griechenland zu schicken, aber Katznelson hielt an seinem Entschluss fest, für Proviant keinen Groschen mehr als die bereits geleisteten 350 Pfund zu bezahlen. Obwohl Perl zuversichtlich war, die von Davaris geforderte Summe durch Verhandlungen zu reduzieren, stieß er mit seiner Bitte auch bei Jacobi auf taube Ohren. Epsteins Intervention bei Jabotinsky schien dennoch gefruchtet zu haben, denn Katznelson überwies schließlich 300 Pfund nach Athen, allerdings ohne Perl davon in Kenntnis zu setzen. Dieser sollte von der Zahlung erst durch Davaris erfahren, dem Katznelson zu einem späteren Zeitpunkt und diesmal in Perls Gegenwart weitere 100 Pfund bei Ausbootung zusagte.148
In der Zwischenzeit hatte, am 20. Februar 1939, auch die Chepo mit 750 Flüchtlingen aus Wien endlich ihre zweite Fahrt nach Palästina angetreten. Vermeintlich am Ziel angekommen, erging es ihr nicht viel anders als der Katina. Mehrmals musste sie sich von der Küste Palästinas zurückziehen, und mehr noch als auf der Katina nutzte die Crew die Gelegenheit aus, aus der Notlage der Reisenden persönlichen Profit zu erzielen.
Doch das wahre Unglück ereignete sich in einer stürmischen, nebligen Nacht. Die Chepo lief an der Südküste Kretas auf ein Riff auf, drohte zu sinken und musste aufgegeben werden. Glücklicherweise geschah dies langsamer als vom Kapitän angesichts der Notlage zuerst angenommen, sodass die Frauen und Kinder mit den zwei vorhandenen Rettungsbooten auf eine kleine, unbewohnte Insel in der Nähe in Sicherheit gebracht werden konnten. Während der Funker unentwegt Notrufe absetzte, machte sich die Crew mit einigen Passagieren ans Pumpen. Der Untergang des Schiffs konnte damit zwar bestenfalls verzögert werden, mehr war allerdings auch nicht nötig, denn die Hilferufe waren gehört worden. Als sich eine Silhouette am Horizont abzeichnete, befürchteten die Schiffsbrüchigen zunächst die Ankunft eines britischen Kriegsschiffs, doch es war ein Frachter, der sich der Unfallstelle im Morgengrauen näherte – und sich bei näherer Betrachtung zum Erstaunen aller als Katina entpuppte.
Auf den ersten Blick war diese nämlich nicht als solche zu erkennen. Denn da die Wahrscheinlichkeit hoch war, dass auch die Katina wie zuvor die Draga und die Elli von den Briten fotografiert worden war, hatte Davaris entsprechende Vorkehrungen getroffen. Als erfahrener Schmuggler unterhielt er auf einer griechischen Insel eine Werkstatt, in der seine Schiffe bei Bedarf einer kosmetischen Korrektur unterzogen werden konnten. So war ein zweiter, unechter Schlot an Deck der Katina installiert und dem einstmals grauen Schiff ein schwarzer Anstrich verpasst worden. Mit einer portugiesischen anstatt einer griechischen Flagge hatte es Davaris’ Schönheitssalon daraufhin wieder verlassen. Diese optische Verwandlung war den Passagieren, die sich noch auf der Chepo befanden, herzlich egal. Sie waren froh, ihren schwimmenden Sarg gerade noch rechtzeitig verlassen zu können, ehe er auf den Grund des Meeres sank.
Nachdem auch die auf die Insel geflüchteten Frauen und Kinder an Bord geholt worden waren, waren insgesamt rund 1200 Menschen auf der Katina zusammengepfercht. Angesichts dieser Überbelegung und der nach wie vor katastrophalen Lebensmittelsituation nahm der Kapitän mit Volldampf Kurs auf Palästina, gefolgt von einem kleineren Landungsboot, das die Artemisia ersetzen sollte. In einer stürmischen Nacht wagte man Umstieg und Landung. Wohl aufgrund des Wetters schienen die Briten nicht mit einem Landeversuch zu rechnen, denn von ihren Patrouillenbooten war diesmal nichts zu sehen. Drei Personen gingen über Bord, eine musste nach der Rettung wiederbelebt werden. Doch alle 1225 Passagierinnen und Passagiere erreichten in jener Nacht im März 1939 den Strand bei Netanya und tauchten unbemerkt von der Mandatsmacht unter.149 Sie waren die letzten Flüchtlinge, denen Perl im Namen der NZO zu einem neuen Leben verholfen hatte.
Perl hatte sich mit seiner Forderung nach mehr Geld für die Katina durchgesetzt, doch es war bereits offensichtlich, dass er auf dem kürzeren Ast saß und Katznelson drauf und dran war, diesen abzusägen. Sein neuer Vorgesetzter drängte ihn immer weiter an den Rand, indem er von ihm getroffene Vereinbarungen einfach für nichtig erklärte, ihn mit Falschinformationen versorgte und ihn vielfach desavouierte. Anfang März 1939 wurde Perl schließlich mitgeteilt, dass er fortan von jeglicher Verschiffungsarbeit ausgeschlossen sei und eine andere Verwendung finden werde. Lediglich an der Einschiffung der Reisenden eines neuen Transports mit dem Frachter Astir durfte er noch mitwirken und arbeitete drei Tage und zwei Nächte ohne Schlaf durch, weil ein Streik der Mannschaft die Abreise des Schiffs gefährdete. Als die Astir am 6. März 1939 den Hafen von Varna verließ, hatte er seine Schuldigkeit getan und wurde von seinen Aufgaben entbunden.
Noch schockierender für Perl war allerdings, dass Katznelson sich ihm gegenüber benahm, als sei er ein Verbrecher, und sogar Einsicht in seine Konten verlangte.150 Offensichtlich stand er unter Verdacht, sich wie Haller an den Transporten bereichert zu haben. So hatte Julius Steinfeld Anfang Februar 1939 NZO-Finanzreferent Graubart mitgeteilt, die Passagiere der Aguda hätten bislang jeweils eineinviertel Pfund direkt an Perl abgeliefert, wie im Vorfeld mit diesem vereinbart.151 Dies dürfte Misstrauen bei der NZO erregt haben, ebenso wie die immer neuen Geldforderungen Perls für die Verpflegung der Leute auf der Katina. Perl konnte das Eintreffen des Schiffs vor Palästina allerdings nur schätzen, und da es sich immer weiter – erst um sechs Tage, dann um acht Tage und schließlich um einen Monat – verzögerte, wurden auch fortlaufend mehr Mittel für den Provianteinkauf notwendig. Perl erhielt aber keine Gelegenheit, sich zu rechtfertigen. Nachdem die Astir abgelegt hatte, brach Katznelson nach Warschau auf, ohne ihn von seiner Abreise in Kenntnis zu setzen. Zudem war Betar-Leiter Jakob Schieber angewiesen worden, Perl kein Geld ohne Katznelsons ausdrückliche Zustimmung auszuzahlen. Das stellte Perl vor gravierende Probleme, denn er hatte im Namen der NZO Schulden gemacht, auf denen er nun sitzenzubleiben drohte. Da er Katznelson in Warschau tagelang nicht erreichen konnte, musste ihm Mila Epsteins Vater aushelfen. Als schließlich doch ein Telefonat mit Katznelson zustande kam, erklärte dieser, ihm nur aus seiner Zwangslage zu helfen, wenn er, wie gefordert, seine Konten prüfen ließe.
Perl war zutiefst gekränkt und wollte sich angesichts seiner Verdienste um die Alija und der damit verbundenen großen persönlichen Risiken nicht auf diese Weise behandeln lassen. Denn schließlich war er es gewesen, dem die rumänischen Behörden bei den bisherigen Transporten den Pass abgenommen hatten, bis die jeweilige Flüchtlingsgruppe das Land auch wirklich verlassen hatte. Ihn hatte die rumänische Polizei – wohl auf Druck der Briten – erst unlängst verhaftet, verhört und zwei Tage lang eingesperrt. Selbst in dieser Situation hatte er Katznelson noch gedeckt und dessen Namen nicht preisgegeben, als die Beamten nach dem Leiter der Unternehmung gefragt hatten. Für diese Loyalität hatte Perl sich eigentlich den Dank seines Vorgesetzten erwartet, über den er sich bereits seit Längerem bei der NZO in London hatte beschweren wollte. Bislang hatte er damit gezögert, weil er wusste, dass Jabotinsky genug vom „Gezänke in der Partei“ hatte. Er wollte diesen daher nicht mit noch einer Klage behelligen, obwohl er von Mila Epstein dazu ermutigt worden war. Nun aber war der Bogen endgültig überspannt. In einem langen Brief brachte Perl sein Unverständnis über seine Behandlung durch Katznelson zum Ausdruck. Er adressierte ihn allerdings nicht an Jabotinsky, sondern an Shlomo Jacoby, den er lange nur für den Finanzreferenten gehalten hatte. Dass in Wirklichkeit Jacoby die Oberaufsicht führte, hatte er erst kürzlich von Katznelson erfahren – was unterstreicht, wie sehr Perl auch von der Führung der NZO außen vor gelassen worden war. Es ging allerdings nicht nur um gekränkten Stolz und um die Schulden, die Perl im Namen der Bewegung gemacht hatte. Tatsächlich war er auf seine Arbeit für die Alija angewiesen, weil er mit einem Teil der erzielten Überschüsse und dem Spesenersatz durch die NZO seinen Lebensunterhalt finanzierte. Im Grunde war er selbst nichts weiter als ein mittelloser Flüchtling, der seiner Profession als Rechtsanwalt im Ausland nicht nachgehen konnte und sehen musste, wie er über die Runden kam, während er weiter auf dem Balkan ausharren musste.
Ursprünglich hatte Perl geplant, eines Tages wie die Haller-Brüder, Wolf und Kornmehl selbst nach Palästina zu gehen, die übrigens nicht mit einem illegalen Transport, sondern legal mit einem Einwanderungszertifikat ins Land gekommen waren. So hatte er bereits im Herbst 1938 an seinen Freund Eduard Pachtmann vom Zionistischen Landesverband geschrieben und sich nach dem Zertifikat erkundigt, das auch ihm offenbar zugesagt worden war. Pachtmann hatte wenig später geantwortet, dass Perls „Gesinnungsgenossen“ – gemeint sind wohl Heinrich Haller und der in Wien verbliebene Rest der Aktion – ihm eine Liste mit potenziellen Kandidaten für Zertifikate aus den Reihen der Revisionisten vorgelegt hatten, auf der Perls Name allerdings nicht enthalten war. Als Begründung wurde angegeben, dass die Briten ihn auf der sogenannten schwarzen Liste der in Palästina unerwünschten Personen führten. Perl hatte dem damals widersprochen und dies sogar durch den ihm bekannten britischen Parlamentarier George Lansbury überprüfen lassen, von dem er während seiner Zeit in London Unterstützung erhalten hatte. Dennoch hatte er den für die Zertifikatsvergabe zuständigen Alois Rothenberg als Leiter des Wiener Palästinaamts, mit dem Pachtmanns Zionistischer Landesverband im Rahmen der legalen jüdischen Einwanderung nach Palästina eng zusammenarbeitete, trotz Pachtmanns Fürsprache nicht überzeugen können.152 Dass Paul Haller – laut Perls zuvor erwähntem Freund Israel – im Sommer 1938 angekündigt hatte, Perl sein Zertifikat vorzuenthalten, um ihn auf diese Weise fertigzumachen, wirft abermals kein gutes Licht auf diesen.153
Im Frühjahr 1939 hatten sich Perls Situation und seine Fluchtpläne ohnehin geändert. Aufgrund seiner Aktivitäten und seiner Bekanntheit war Perl sich sehr sicher, dass die Briten ihn mittlerweile auf dem Radar hatten und ihm bei der Einreise nach Palästina die Internierung drohte. Damit lag er richtig, denn das Criminal Investigation Department der Palestine Police betrachtete ihn als den führenden Vertreter der revisionistischen Alija für den gesamten Balkan, gemeinsam mit Eri Jabotinsky und, kurioserweise, Jonel Popescu, dem in diesem Zusammenhang irrtümlich der Vorname „Trajan“ zugeschrieben wird.154
Liberisches Visum, ausgestellt in Wien im Oktober 1938
Zwar wird Perl im Bericht des CID-Beamten Cocorempas vom September 1938 noch als britischer Staatsbürger bezeichnet, doch spätestens seit Anfang Dezember 1938 wusste das britische Passport Control Office in Wien, dass es sich bei ihm um einen Wiener Advokaten handelte. So hatte das Kreuzverhör einer Frau, die sich um ein britisches Visum beworben hatte, ergeben, dass deren Mann sich bei einem Anwalt namens Willy Perl für einen illegalen Transport angemeldet hatte und im November entweder auf der Draga oder der Elli nach Palästina gereist war. Die britischen Beamten hatten daraufhin in Erfahrung bringen können, dass Perl einen neuen Transport vorbereitete, der laut Visa für Liberia bestimmt war und Ende Januar oder Anfang Februar 1939 – Katina oder Chepo – aufbrechen sollte. Sie hatten sogar einen der Passagiere ausfindig gemacht und befragt, konnten diesem allerdings trotz mehrfacher Versuche keine Details entlocken und gewannen den Eindruck, dass die Teilnehmer von den Organisatoren komplett im Dunklen gelassen wurden.155
Aus Gründen der persönlichen Sicherheit gab Perl sich Mühe, auch seine eigene Identität und Rolle zu verschleiern, und benutzte einen Decknamen, um die Briten zu narren. In seinen Memoiren findet sich eine ausführliche Beschreibung, wie er mittels fingierter Briefe und Fotografien die Briten glauben machen wollte, der eigentliche Drahtzieher sei ein Mann namens Teff. „Teff “ war in Wahrheit sein Spitzname aus Studientagen, den er im Rahmen der Transporte verwendete, so auch bereits im Dezember 1937 in seiner Korrespondenz mit Krivoshein. Doch bezüglich des Erfolgs dieses Unterfangens gab er sich keinen Illusionen hin, wie er in seinem Brief an Jacoby bitter resümiert: „Ich stehe heute da, nach Palästina kann ich nicht, da ich infolge dieser Tätigkeit auf der schwarzen Liste bin. Ich habe ein weiteres Jahr meines Lebens – von meinem persönlichen Standpunkt ausgehend – verloren, und hänge heute mit noch unrealisierten Zukunftsplänen, irgendwo in einem fremden Lande, in der Luft.“156
Aus diesem Grund blieb Perl nur eine einzige Möglichkeit, um nicht vor die Hunde zu gehen: Er musste die Expertise nutzen, die er sich in den vergangenen Jahren angeeignet hatte, und sich als Reiseorganisator selbstständig machen. Knapp drei Wochen nach dem Auslaufen der Astir schloss er seinen ersten eigenen Vertrag, wie er Jacoby gegenüber angab. Denn Menschen mit Emigrationsbedürfnis gab es auch auf dem Balkan genug, sodass Perl nicht auf die NZO und ihr Netzwerk in Osteuropa angewiesen war. Auch in Wien arbeiteten – trotz Ende der Aktion und Schließung des Büros am Stubenring – weiterhin Leute daran, Flüchtlingsgruppen nach Palästina zu schicken. Einer von ihnen war Julius Steinfeld von der Aguda, dem Perl schon im Februar 1939 ein Angebot über einen neuen Transport von 600 Personen vorgelegt hatte. Steinfeld wusste allerdings nicht, ob dieses Angebot mit der NZO abgestimmt war. An deren Finanzreferenten Siegfried Graubart schrieb er deswegen, er müsse wissen, wer sein Partner sei und ob die NZO überhaupt noch Transporte aus Wien organisieren werde.157 Steinfeld zufolge hatte Perl behauptet, London habe in der Sache nichts zu melden, die NZO hatte wiederum Perl angeblich als unverantwortlich bezeichnet. Der Bruch zwischen beiden schien sich also bereits zu diesem Zeitpunkt abgezeichnet zu haben, was vielleicht auch daran lag, dass die NZO eifersüchtig auf Perl war – schließlich waren die Transporte seit den Anfängen in Wien vor allem unter dem Namen „Perl-Aktion“ bekannt und das Stubenring-Büro hatte sich immer als eigenständige Unternehmung verstanden und nicht als revisionistische Parteiangelegenheit. Für Unmut bei der NZO sorgte vermutlich zudem, dass Perl, anders als sie selbst, nicht aus ideologischen oder politischen Überlegungen handelte, sondern einfach pragmatisch Menschen zur Flucht verhelfen wollte.
Ein weiterer möglicher Partner für den frischgebackenen unabhängigen Transportunternehmer war daher Joshua Torczyner von der Wiener Sektion des apolitischen Sportverbands Maccabi.158 Dieser charterte Anfang April 1939 den Frachter Efterpi, mit dessen griechischem Eigner Andronikos Willy Perl zuvor in Bukarest verhandelt hatte.159 Umbenannt in Liesel und umgebaut für eine Kapazität von 1000 Passagieren hätte die Efterpi ursprünglich in Triest in See stechen sollen, aber die dortige Hafenbehörde kommissionierte das Schiff für lediglich 600 Personen. Der mit einer entsprechenden Vollmacht von Eichmann ausgestattete Torczyner reiste mehrmals in die italienische Hafenstadt, konnte aber selbst nach wochenlangen Verhandlungen keine Aufstockung erreichen. Schließlich leitete er die Liesel, möglicherweise auf Perls Betreiben, nach Rumänien um. Die Anreise der Passagierinnen und Passagiere wickelte er über die Donau und die DDSG ab.160
Ob und in welchem Ausmaß Perl in den Transport mit der Liesel involviert war, geht weder aus Perls Memoiren noch aus den übrigen verfügbaren Quellen eindeutig hervor. Faktum ist, dass sich Torczyner mit Paul Haller zusammengetan hatte, wie unter anderem eine abgefangene Korrespondenz und ein fingierter Telegrammwechsel des Criminal Investigation Department mit Torczyner zeigen, über den die Palestine Police an mehr Informationen gelangen wollte.161 Diese Zusammenarbeit erklärt auch, warum sich Haller und die ehemaligen Stubenring-Mitarbeiter Herrnfeld und Ellbogen Anfang des Jahres beim Schweizer Fluchthelfer Ernst Fink in Zürich als „Herren vom Makkabi Wien“ vorgestellt hatten und die Liesel von Triest aus aufbrechen sollte. Dort verfügte Haller laut CID offensichtlich mit einem gewissen Ingenieur C. Kornfeld über einen Kontakt.
Eine Umleitung nach Rumänien aber war nur sinnvoll, wenn auch dort Transporthelfer bereitstanden. Haller hatte an der Schwarzmeerküste jedoch niemanden, denn Angehörigen der NZO war die Zusammenarbeit mit ihm untersagt. Es ist also durchaus denkbar, dass der eben arbeitslos gewordene Perl in seiner Notlage seine Dienste anbot. Sollte dies der Fall gewesen sein, wäre er aufgrund von Hallers Ächtung durch die NZO infolge der Arnoldstein-Affäre vermutlich unter allem Umständen um Geheimhaltung der Kooperation bemüht gewesen. Er stand jedenfalls zumindest mit Kornfeld in Triest in Kontakt, wie dieser im Dezember 1938 einem Betar-Funktionär in Tel Aviv – das Schreiben gelangte später in den Besitz der British Palestine Police – bezüglich der heimlichen Einwanderung von 200 polnischen Juden nach Palästina mitteilte: „In der Sache der Reisemöglichkeiten haben wir das Interesse unseres Freundes Dr. W. P. geweckt, derzeit in Bukarest.“162
In seinen Memoiren bezeichnet Perl den Transport mit der Liesel als Kooperation zwischen Revisionisten und Maccabi. Die NZO bestritt allerdings, irgendetwas damit zu tun zu haben. Bei seinem Besuch bei der Jüdischen Gemeinde Wien im Februar 1939 bezog Jabotinskys Sekretär Hans Löw sogar klar Stellung gegen den Transport und wollte den Amtsdirektor der Gemeinde, Josef Löwenherz, zu einer Intervention bewegen: „Ich habe ihn als die verantwortungsvolle Persönlichkeit des Wiener Judentums davor gewarnt, es zuzulassen, dass Hunderte Leute entweder nach Ako [sic!] oder nach Dachau gebracht werden [...], da diese Leute keine Landungs-Agency besitzen, welche eine einwandfreie Landung durchführen [kann]. Ich habe ihm zu verstehen gegeben, dass ein solcher Transport ein für allemal jede weitere Möglichkeit Transporte durchzuführen unmöglich machen wird.“163 Löwenherz entgegnete, keinen Einfluss auf die Organisatoren zu haben, wollte diese aber zumindest auf Löws Einwände aufmerksam machen. Löw zog in seinem darauffolgenden Bericht an London auch die Möglichkeit in Betracht, beim chinesischen Konsulat Einfluss zu nehmen, weil der Maccabi seine Leute mit chinesischen Visa ausgestattet hatte. Ebenso betonte er die Notwendigkeit, eine weitere Vergabe von Transitvisa durch das rumänische Konsulat in Wien zu verhindern, weil die dortigen Mitarbeiter im Verdacht standen, leicht käuflich zu sein.
Dennoch konnte die NZO den Transport mit der Liesel nicht abwenden, dessen Teilnehmende je nach Vermögensverhältnissen zwischen 200 und 1300 Reichsmark bezahlten. Unter ihnen befand sich auch eine Gruppe von rund 150 Personen aus Graz, die von der dortigen Kultusgemeinde zusammengestellt worden war.164 Diese reiste zunächst nach Wien und sammelte sich in einem Vereinslokal des Maccabi. Am Abend des 29. April 1939 fuhren die Grazer und die wesentlich größere Wiener Gruppe und damit insgesamt 720 Personen mit von Torczyner organisierten Straßenbahnsonderzügen zur Station der DDSG bei der Reichsbrücke.
Die Reise stand aber weiterhin unter keinem guten Stern. Nach den Schwierigkeiten in Triest kam es auch in Sulina zu einer Verzögerung, weil der griechische Konsul aufgrund der den Briten gemachten Zusagen die Abfahrt zu verhindern versuchte.165 Erst nachdem die Liesel unter panamaischer Flagge registriert und laut dem britischen Konsul in Galaţi zu diesem Zweck zuvor in London verkauft worden war, konnte sie am 22. Mai Kurs auf Palästina nehmen.166 An Bord befanden sich neben den Passagierinnen und Passagieren aus Wien und Graz auch 120 Betarim aus Ungarn sowie 80 rumänische Jüdinnen und Juden.167 Es ist durchaus denkbar, dass Perl in die Organisation dieser zusätzlichen Gruppen involviert war. Die Mitnahme von ungarischen und rumänischen Juden als Gegenleistung für die Zuerkennung von Transitvisa entspricht jedenfalls den Vereinbarungen, die Perl für gewöhnlich mit den Behörden dieser Länder traf. Die Reise dauerte knapp vier Wochen, dann wurde die Liesel vor der Küste Palästinas von den Briten aufgebracht und von einem Kriegsschiff nach Haifa eskortiert.168
Mit Blick auf den Reiseverlauf scheinen die von Löw und der NZO geäußerten Bedenken also nicht unberechtigt gewesen zu sein. Denn bereits ein ebenfalls von Haller in Zusammenarbeit mit Ernst Fink organisierter und Mitte März 1939 in Fiume gestarteter Transport auf der Aghia Zioni hatte einen beinahe fatalen Ausgang genommen. Schon die mangelnde Verpflegung der Passagierinnen und Passagiere, die Erpressung durch die Crew und Machtkämpfe an Bord hatten für reichlich Kontroversen gesorgt. Der traurige Höhepunkt war jedoch die Landung in Palästina gewesen, die, extrem schlecht vorbereitet, erst nach langer Verzögerung und unter halsbrecherischen Bedingungen zwischen Gaza und Aschkelon – auf arabischem Gebiet – über die Bühne gegangen war. Nachdem sich die Flüchtlinge aus Angst vor einem Überfall durch Araber zunächst in einer alten Festung am Strand verschanzt hatten, waren sie tagsüber dreieinhalb Stunden in eine jüdische Siedlung marschiert, wo die Hälfe von ihnen von alarmierten britischen Soldaten verhaftet worden war.
Dass die Liesel vor Aschkelon aufgebracht wurde, deutet darauf, dass auch sie dort hätte landen sollen – womöglich unterstützt von denselben Männern, die, von Haller angeheuert, bereits für die Aghia Zioni angeblich keine sonderlich gute Arbeit geleistet hatten.169 Welcher Gruppierung diese Männer angehörten, ist umstritten. Einem Brief eines nicht identifizierbaren Absenders an Perls Freund Reuben Hecht zufolge handelte es sich bei ihnen um zwei ehemalige Leute der Irgun, die wegen Disziplinlosigkeit und Geschwätzigkeit hinausgeworfen worden waren.170 Nach einer Aussage von Joshua Torczyner kamen die beiden von der radikalen Stern Gang, was einer vormaligen Mitgliedschaft in der Irgun nicht widerspricht.171 Auch Julius Steinfeld von der Aguda, der dem Maccabi-Transport wie die NZO kritisch gegenüberstand, war zu Ohren gekommen, dass angeblich die Irgun die Landung durchführen sollte, und zeigte sich sehr erstaunt darüber.172 Wenig später ließ ihn die NZO allerdings wissen, dass weder sie noch die Irgun mit dem Transport etwas zu tun habe, und erteilte ihm die Befugnis, derartige Behauptungen als unwahres Gerücht zu brandmarken.173
Die Liesel scheint der Schlusspunkt in Paul Hallers Karriere als Transportorganisator gewesen zu sein. Die meisten Mitglieder seiner Gruppe wurden noch im Mai 1939 von der Palestine Police verhaftet. Haller selbst war laut CID-Bericht zu diesem Zeitpunkt noch auf freiem Fuß, doch seine Spur verliert sich danach.174 Was von ihm blieb, war jedoch sein zweifelhafter Ruf, und auch deswegen wollte Perl unter allen Umständen verhindern, mit ihm in einen Topf geworfen zu werden. Aus diesem Grund hatte er sich sogar noch vor seiner „Freistellung“ durch Katznelson von diesem die Erlaubnis geholt, unter eigenem Namen Transporte zu organisieren – anders als Haller, der sich auch nach dem Bruch mit der NZO als deren Vertreter ausgegeben hatte. Doch wie sich bald zeigen würde, war Perls Bemühen um ein gutes Einvernehmen mit seinem ehemaligen „Arbeitgeber“ vergeblich.