Mit der steigenden Zahl der verzweifelten Menschen, die Europa angesichts der politischen Entwicklungen am Vorabend des Zweiten Weltkriegs verlassen wollten, nahmen auch die dubiosen Machenschaften bei der Organisation der Fluchtmöglichkeiten zu. Paul Haller war nur ein Beispiel dafür. In Bukarest hatten zwielichtige Geschäftsleute begonnen, „Fahrkarten“ für die von Perl organisierten Transporte zu Wucherpreisen zu verkaufen. Dabei arbeiteten sie mit korrupten Polizisten zusammen, die in allerletzter Minute vor dem Auslaufen der Schiffe mit bis zu 50 Fahrscheinkäufern im Hafen auftauchten und diese an Bord pferchten, ähnlich dem Vorgehen der Gestapo in Wien auf den vollgestopften Raddampfern der DDSG.175 Weder die Organisatoren noch die Schiffsbesatzungen konnten sich dagegen wehren. Abgesehen von Platz- und Versorgungsproblemen stellte diese Praxis auch ein Sicherheitsrisiko dar, weil Perl nicht wusste, um wen es sich bei diesen Leuten handelte. So gelangten auf diese Weise zumindest zwei britische Spione an Bord eines Transportschiffs, die jedoch schnell identifiziert waren. Im Gegensatz zu den restlichen Passagierinnen und Passagieren sprachen sie nur Jiddisch und kein Deutsch und hoben sich deshalb wie die sprichwörtlichen bunten Hunde von der Masse ab. Einer der Männer hatte zudem ein auffällig großes Gepäckstück mitgebracht, in dem eine Funkausrüstung versteckt war. An deren unbemerkter Verwendung war aufgrund der Platzverhältnisse jedoch ohnehin nicht zu denken.
Zu Unstimmigkeiten, die sich ebenfalls auf Perls Arbeit auswirkten, kam es auch in der Tschechoslowakei. Dort gab es neben dem Alija-Hauptbüro in Prag mehrere regionale Vertretungen, unter anderem in Brünn unter der Leitung von Hermann Flesch. Dieser hatte Anfang März 1939 auf eigene Faust einen Transport mit 700 Personen auf der Aghios Nicolaos auf die Reise nach Palästina geschickt. Für die Finanzierung hatte die tschechoslowakische Nationalbank den Teilnehmenden Devisen in Höhe von 30 Pfund pro Kopf genehmigt. Kurz danach überschlugen sich jedoch mit dem Einmarsch der Wehrmacht die Ereignisse, nachdem einen Tag zuvor die Slowakei auf deutschen Druck ihre Unabhängigkeit erklärt hatte. Das verbliebene Staatsgebiet wurde als „Protektorat Böhmen und Mähren“ vom Deutschen Reich annektiert.
Infolge dieser Wirren verzögerte sich auch die Auszahlung der Devisen an Flesch. Dadurch stand der Vorwurf im Raum, der Reiseorganisator habe das Geld unterschlagen und die Flüchtlinge im Stich gelassen, die erst nach mehr als zweimonatiger Odyssee in Palästina einreisen konnten – auch weil kein Landungsteam bereitgestanden hatte. Bei einem gescheiterten Landungsversuch war die Aghios Nicolaos sogar von einem britischen Patrouillenboot beschossen und dabei ein Flüchtling getötet worden.176 Der nach dem deutschen Einmarsch nach London geflüchtete Flesch wies die Anschuldigungen gegen sich allerdings zurück. Er gab an, im Auftrag der Gestapo nach England gereist zu sein und dass es sich bei dem Transport um kein Privatunternehmen handelte. Die Probleme mit der Landung waren seiner Meinung nach der Tatsache geschuldet, dass die Briten die Küste gesperrt hatten, wovon auch die Katina und die Astir betroffen gewesen waren – und die Disziplin an Bord dieser Schiffe sei im Gegensatz zur Aghios Nicolaos tadellos gewesen, so Flesch.177 Dennoch wurde er von einigen Passagieren als „Betrüger“ und „Menschenhändler der übelsten Sorte“ beschimpft und ihm durch die Transportkommandanten sogar Selbstjustiz angedroht.178
Perl hatte mit alldem nichts zu tun. Dennoch verdächtigte ihn die NZO in London offensichtlich einer Komplizen- oder zumindest Mitwisserschaft, denn Shlomo Jacoby befragte ihn Mitte März telefonisch zu seinen Verbindungen zu Hermann Flesch. Perl gab an, Flesch weder persönlich zu kennen noch jemals mit ihm korrespondiert oder gesprochen zu haben; auch habe er erst durch Jacobis Anruf von Fleschs „Sonderaktion“ erfahren. Diese Aussagen wiederholte er in seinem Schreiben an Jacoby vom 20. März 1939 und hielt abschließend fest: „Ich halte sein Vorgehen für unanständig und glaube bisher keinen Anlass gegeben zu haben mich mit Flesch in Zusammenhang zu bringen.“179
Insofern wies Perl auch die von Katznelson vorgebrachten Anschuldigungen, er hätte in die eigene Tasche gewirtschaftet, als geradezu lächerlich zurück. Immerhin sei die Partei aufgrund seiner Expertise wesentlich abhängiger von ihm als umgekehrt und er habe mehrfach die Möglichkeit gehabt, sich persönlich zu bereichern und sich „ruhig mit einem Kapitalistenzertifikat nach Palästina zurückzuziehen“.180 Dafür hätte er keinen Partner gebraucht – weder Flesch noch Haller und schon gar keine dubiosen Geschäftemacher in Bukarest. Und hätte er wirklich ein unlauteres Motiv verfolgt und an der Alija verdienen wollen, hätte er die Agenden der Aktion gar nicht an die NZO übergeben müssen. Allein der Umstand, dass er immer noch in Rumänien war und für die Bewegung arbeitete, bewies seiner Meinung nach seinen integren Charakter.
Perl war also der Meinung, die NZO solle ihm gegenüber eher Dankbarkeit zeigen, anstatt ihn der Untreue zu verdächtigen. Deswegen stellte er seinerseits drei Forderungen. Erstens verlangte er die Auszahlung von 40.000 rumänischen Lei zur Tilgung seiner Schulden, da er für seine Tätigkeiten bislang kein Gehalt bekommen hatte. Zweitens bat er für den Zeitraum von April bis Juni 1939 um die Zahlung von 15 britischen Pfund pro Monat, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, bis er seinen ersten eigenen Transport auf die Beine gestellt hatte. Diese Summe verstand er als Darlehen und wollte sie zurückerstatten – oder gar darauf verzichten, sollte er früher zu Geld kommen. Drittens ersuchte er um eine schriftliche Genehmigung, in seinem eigenen Namen mit seinen Tätigkeiten als Reiseorganisator fortfahren zu können. Wie Perl in seinem Schreiben an Jacoby bemerkte, konnte ihn die NZO schwerlich daran hindern, er wollte jedoch nicht mit der Bewegung und Jabotinsky brechen. Vor allem wollte er aber wohl verhindern, dass gegen ihn eine ähnliche Kampagne samt Parteiausschluss wie gegen Paul Haller oder auch Hermann Flesch eingeleitet wurde, was seinem guten Ruf geschadet hätte.
Jacoby wollte von einer solchen Genehmigung – wie auch von den übrigen Forderungen – nichts wissen und wiederholte, was in Paris beschlossen worden war: Für alle Belange in Zusammenhang mit der heimlichen Einwanderung nach Palästina war ausschließlich das Zentrum für Alija zuständig, und Mitgliedern der NZO war es keinesfalls gestattet, in irgendeiner Form auf eigene Faust tätig zu werden, selbst wenn sie als Privatpersonen handelten. Perls Einwand, dass Katznelson ihm dies jedoch mündlich vor Zeugen zugesagt habe, wies Jacoby als Missverständnis zurück und forderte ihn erneut auf, seine selbstständigen Tätigkeiten sofort einzustellen. Zudem bekräftigte Jacoby angesichts angeblicher erdrückender Indizien, aber ohne konkrete Details zu nennen, Katznelsons Forderung nach Einsichtnahme in Perls Konten – wobei NZO-Finanzreferent Siegfried Graubart zuvor auch von Katznelson Einsicht in dessen Konten in London und der Schweiz verlangt hatte, um über alle Transaktionen im Bilde zu sein.181 Obwohl ihm bedeutet wurde, dass eine Weigerung als Schuldeingeständnis gewertet würde, lehnte Perl ab. Denn er betrachtete eine Offenlegung als einen Eingriff in seine privatesten Angelegenheiten, und nicht nur in seine eigenen. Da er der Erste aus seinem Umfeld war, der es ins Ausland geschafft hatte, hatte er nach seiner Ankunft in London seine Bankverbindung als Deckkonto benutzt und Transaktionen für verschiedene Personen durchgeführt, darunter Bekannte, Klienten sowie andere Mitglieder der Aktion, wie er Jacoby mitteilte. Da diese Aussage das Misstrauen gegen ihn nicht geschmälert haben dürfte, erklärte er sich als Zeichen seines guten Willens immerhin bereit, eine Klarstellung seiner finanziellen Situation zu übermitteln. Doch einmal mehr verwies er darauf, dass er seine Spesenabrechnungen für die NZO stets nach bestem Wissen und Gewissen erledigt hatte.182
In einer Sache war Perl jedoch zu keinem Kompromiss bereit: Er weigerte sich, seine Tätigkeiten einzustellen, und beharrte auf Katznelsons entsprechender Zusage, die dieser ihm gegenüber mehrfach getätigt hatte. Perl kam der Gedanke, dass man gerade ihm als eigentlichen Initiator die Organisation heimlicher Transporte nach Palästina verbieten wollte, einfach nur grotesk vor. Seiner Meinung nach hatte er sich immer korrekt verhalten und anders als Haller und Flesch mit seiner eigenständigen Arbeit erst begonnen, nachdem ihm Katznelson, den er lange für den höchsten Vertreter des Zentrums für Alija gehalten hatte, die Erlaubnis erteilt hatte – und vor allem erst, nachdem dieser ihn unfreiwillig aus der Arbeit für die NZO gedrängt hatte. Überhaupt hatte Katznelson ihm erklärt, dass Haller und auch Flesch nicht wegen ihrer Taten ausgeschlossen worden waren, sondern weil sie sich als Führungspersonen der NZO ausgegeben hatten. Perl wollte insofern die in Paris getroffenen Beschlüsse gar nicht in Frage stellen, sah aber nicht ein, warum man ihm keine Ausnahmegenehmigung erteilte, zumal man ihn „ohne einen Groschen Geld, mit Schulden in einem fremden Lande sich selbst“ überlassen hatte.183 Ebenso schwer wog der Umstand, dass er mittlerweile und ausgehend von Katznelsons Zusage vertragliche Verpflichtungen eingegangen war, die er nun ohnehin nicht mehr auflösen konnte.
Doch die NZO ließ sich nicht erweichen. Jacoby überantwortete die Angelegenheit Yehuda Benari, dem Generalanwalt der NZO. Benari bekräftigte Jacobys Forderungen unter Androhung von Konsequenzen und forderte Perl wiederholt auf, die angekündigte Klarstellung zu übermitteln, und zwar längstens bis zum 2. Mai 1939. Dem kam Perl erst Mitte Mai nach, als er für den Zeitraum Februar bis Mai 1939 für jeden Monat eine Bestätigung über den aktuellen Kontostand von etwas mehr als 20 Pfund übermittelte. Die Unterlagen, ausgestellt am 5. Mai von der Filiale der Barclays Bank in der Londoner Baker Street, adressierte er direkt an Wladimir Zeev Jabotinsky. Dieser war jedoch zu einer Reise nach Polen aufgebrochen und erhielt seine Post deshalb nicht oder verzögert.
Benaris Frist war damit verstrichen. Die Konsequenz: Perl wurde mit sofortiger Wirkung suspendiert.
Im Frühjahr 1939 bereiste Perl, der durch Freunde in der rumänischen NZO-Sektion von Benaris Entscheidung erfuhr, auf der Suche nach Schiffen, neuen Transportmöglichkeiten und Kooperationen den Balkan und wurde nicht nur in Rumänien, sondern auch in Jugoslawien und Griechenland mehrfach von der Polizei in Gewahrsam genommen. Sein Weg führte ihn auch nach Ungarn, wo er in Budapest mit Imre Kalman als Vorsitzendem der ungarischen Revisionisten einen Plan schmiedete, um leichter an Visa für seine Passagierinnen und Passagiere zu kommen. Denn die Zahl der Transporte stieg wieder an, kaum dass der Winter vorbei und die Donau wieder schiffbar war. Es waren aber nicht mehr nur die Revisionisten, die Flüchtlinge heimlich nach Palästina brachten. Der Hechaluz, der Dachverband zionistischer Jugendorganisationen, hatte bereits in der Vergangenheit einige Fahrten organisiert und weitete seine Operationen nun aus. Auch die Jewish Agency stellte mit dem Mossad – nicht zu verwechseln mit dem heutigen israelischen Nachrichtendienst gleichen Namens – eine eigene Organisation für die heimliche Alija auf die Beine, auch wenn sich das jüdische Establishment nach wie vor von allen derartigen Aktivitäten distanzierte.
Angesichts der stetig steigenden Zahl illegaler Neuankömmlinge in Palästina hatten die Briten erneut ihre diplomatischen Anstrengungen erhöht und ihre Botschafter in Ungarn, Rumänien, Jugoslawien, Bulgarien und Griechenland angewiesen, den Regierungen dieser Länder mit Nachdruck eine Sache in Erinnerung zu rufen: Niemand durfte ohne gültiges Endvisum durchgelassen werden, auch nicht über die Donau.184 Aufgrund von Bemühungen des britischen Gesandten in Athen hatte die griechische Regierung tatsächlich eine Order erlassen, nach der es nicht nur Schiffen unter griechischer Flagge, sondern generell griechischen Seeleuten verboten war, Juden nach Palästina zu bringen, sofern diese nicht über einen Pass und ein gültiges Visum verfügten. Zudem erwog das Foreign Office eine Forderung an die rumänische Regierung, ein Transitvisum selbst bei Vorlage eines gültigen Endvisums zu verweigern, sofern nicht bewiesen werden konnte, dass tatsächlich die Absicht zur Weiterreise in das entsprechende Land bestand, etwa durch Vorlage von Fahrkarten oder entsprechender Korrespondenz.
Wie für die anderen Transportorganisatoren brachte das auch für Perl ein großes Problem mit sich. Endvisa etwa von südamerikanischen Staaten ließen sich zwar prinzipiell über dunkle Kanäle beschaffen, doch die hohe Nachfrage ließ erwartungsgemäß die Preise steigen. Da Perl das ihm zur Verfügung stehende Geld sinnvoller einsetzen wollte, als es korrupten Konsulatsmitarbeitern in den Rachen zu stopfen, kam er auf eine so simple wie anmaßende Idee: Er wollte die Visa einfach selbst ausstellen, indem er sich zum Konsul von Liberia erklärte. Weil er aber ebenso wie Kalman vermutete, dass ein solcher Schritt den Unmut der ungarischen Behörden erregen könnte, fragte er vorsichtshalber zuerst um Erlaubnis. Kalman verfügte über Kontakte zum Sicherheitsapparat und konnte ihnen einen Termin beim stellvertretenden Polizeipräsidenten von Budapest verschaffen. Diesem versprach Perl als Gegenleistung für die Duldung seines Vorhabens, noch mehr ungarische Juden sowie illegal eingereiste Juden aus ungarischen Gefängnissen aus dem Land zu schaffen. Die Antwort fiel in Perls Sinn aus. Nach einer kurzen Konsultation mit seinem Vorgesetzten machte der Polizeioffizier den beiden Bittstellern klar, dass er nie von ihrem Plan gehört hatte – und brachte so seine Zustimmung zum Ausdruck.
Perl verlor keine Zeit und ließ sich umgehend mit einem echten Visum als Vorlage einen gefälschten Stempel anfertigen. Ihm war aber bewusst, dass den Briten nicht lange verborgen bleiben würde, was er in Budapest trieb. Da er kaum verhindern konnte, dass die Sache aufflog und die Briten die ungarischen Behörden um Ermittlungen ersuchten, musste er Zeit gewinnen und so viele falsche Visa ausstellen wie möglich.
Also bastelte er an einem neuen Ablenkungsmanöver. Statt sich zu verstecken, ging er in die Offensive. Perl wollte die Briten glauben machen, er sei tatsächlich von offizieller Seite zum Konsul ernannt worden, weil er jemanden in der liberischen Regierung bestochen hatte. Dazu brachte er zunächst ein entsprechendes Gerücht in Umlauf und sorgte dafür, dass es den britischen Gesandtschaften in Budapest und Belgrad zu Ohren kam. Anlässlich seiner „Ernennung“ veranstaltete er sogar eine Party in dem Hotel, in dem er sich einquartiert hatte. Die Folge war, dass er bald auf offener Straße mit „Herr Konsul“ gegrüßt wurde.
Angesichts dieser offenen Zurschaustellung hatten die Briten keinen Zweifel daran, dass Perl sein neues Amt tatsächlich bekleidete und die Visa damit rechtlich gesehen einwandfrei waren. Daraufhin legten sie Beschwerde bei der Regierung Liberias ein, doch bis dort die Ermittlungen in Gang kamen und die Sache aufgeklärt war, hatte der vermeintliche Konsul seinen Visastempel bereits ausgiebig verwendet. Als das Außenministerium in Monrovia erklärte, gar kein Konsulat in Budapest zu unterhalten, ließ Perl seinen Stempel einfach auf „Generalkonsulat von Liberia, Paris“ ändern. Neuerliche Beschwerden der Briten folgten auf dem Fuß, doch wieder hatte Perl wertvolle Zeit gewonnen.185
Für eine Finte wie diese bedurfte Perl allerdings der Unterstützung lokaler NZO-Repräsentanten wie Kalman und vor allem einer einwandfreien Reputation. Die Suspendierung durch die NZO Mitte Mai 1939 kam für ihn daher äußerst ungelegen. Ein suspendiertes Mitglied verlor vorübergehend all seine Rechte und Funktionen, was noch zu verkraften gewesen wäre, zumal Perl der NZO formal gesehen ohnehin nicht angehörte. Schwerer wog der Umstand, dass Benari keine Zeit verlor, diese Disziplinarmaßname publik zu machen. Das Zentralkomitee der NZO in Rumänien wurde angewiesen, alle anderen lokalen Zweige der Bewegung sowie die jüdische Presse davon in Kenntnis zu setzen, um den Aktivitäten Perls Einhalt zu gebieten. Damit wurde den Angehörigen der revisionistischen Bewegung auch untersagt, sich mit Perl in irgendeiner Form in Verbindung zu setzen. Die NZO wies zudem darauf hin, dass sie für keinerlei von Perl gemachtes Versprechen verantwortlich war.186
Perl war von diesem Schritt schockiert, denn er wusste, dass er im Falle einer Veröffentlichung vor aller Welt quasi als Aussätziger gebrandmarkt wäre. In mehreren hastig verfassten Briefen und Telegrammen und sogar in einem Telefonat mit Benari Ende Mai versuchte er, das Unheil abzuwenden. Er versicherte, seine Finanzerklärung an Jabotinsky rechtzeitig abgeschickt zu haben, und wollte nicht dafür verantwortlich gemacht werden, dass dieser die Unterlagen wegen der Reise nach Polen nicht bekommen hatte. Hilfe bekam er von Mila Epstein, die Benari bestätigte, dass Perl von Katznelson die Genehmigung für Transporte in eigenem Namen wirklich erteilt worden war. Epstein tat dies übrigens ohne Perls Wissen und gegen dessen Willen, da dieser seine Freundin, die ebenfalls mit Katznelson auf Kriegsfuß stand, aus der Sache heraushalten wollte.
Perl beharrte weiterhin auf seinem Standpunkt, dass er angesichts seiner Verdienste um die Bewegung eine andere Behandlung als Haller oder Flesch verdient hatte: „Ich wurde hier mit Schulden und unbezahlten Rechnungen, mit einem deutschen Judenpass, in einem fremden Lande zurückgelassen. Ich war ja nicht [...] willkürlich aus der Arbeit ausgeschieden. Es geschah doch gegen meinen Willen. Ja, was hätte ich denn hier anfangen sollen? Mich an die Organisation mit dem Ersuchen um Geld wenden? Das habe ich in vielen Telegrammen und Telefongesprächen gemacht. Es war erfolglos. Wenn es nach mir gegangen wäre, dann wäre ich schon längst in Erez, und nicht hier in irgend einem fremden Lande mit täglichen Aufenthaltsschwierigkeiten. Mein Zertifikaz [sic!] war fest reserviert und ich erhielt es nicht wegen der Arbeit, da ich unten auf der schwarzen Liste bin. [...] Ich bin heute wegen dieser Arbeit von Erez ausgeschaltet in einem abscheulichen Lande, das mir natürlich ewig fremd bleibt.“187 Um diesen Standpunkt zu untermauern, verwies er auf den Umstand, dass das Zentrum für Alija seit der Astir und seinem Ausscheiden kein Schiff mehr auf die Reise geschickt hatte, und zitierte einen kürzlich veröffentlichten Artikel, in dem Jabotinsky die illegale Immigration nach Palästina zum „jüdischen Nationalsport“ erklärt hatte.188
Benari zeigte sich trotz der leidenschaftlich vorgetragenen Argumente weiterhin unbeeindruckt. Die gegen Perl eröffnete offizielle Untersuchung wegen Disziplinarbruchs sowie materieller Unklarheiten infolge nicht exakter Abrechnungen wurde fortgesetzt. Bei Beibehalten seiner Tätigkeiten drohte ihm der Ausschluss aus der Bewegung. Doch wegen seiner Verdienste in der Vergangenheit kam Benari ihm entgegen. Er wies die jüdischen Zeitungen in Rumänien an, die Veröffentlichung des Kommuniqués zur Suspendierung auszusetzen, und gestand dem Beschuldigten eine weitere Woche zu, die geforderten Finanzunterlagen zu übermitteln.189 Perl bedankte sich, ersuchte aber erneut um eine Spezialerlaubnis zur Durchführung eigener Transporte. Zudem sagte er zu, in der Zwischenzeit nichts Entscheidendes bezüglich seiner Geschäfte zu unternehmen, und bot Einsicht in seine Verträge an, um zu beweisen, dass er sich niemals als Vertreter der NZO ausgegeben hatte.
Kopie von Willy Perls Reisepass
Benari übermittelte Perls Bitte wunschgemäß an das oberste Gremium der NZO. Dieses erörterte die Angelegenheit ein letztes Mal und kam plötzlich zu dem Schluss, dass Katznelson womöglich doch gesagt habe, er habe nichts gegen die Organisation von Transporten in eigenem Namen. Doch es habe sich dabei um ein privates Gespräch zwischen Perl und Katznelson gehandelt, so das Gremium, und deswegen sei diese Aussage nicht von Belang – und ohnehin habe die Unterhaltung vor der Konferenz von Paris stattgefunden, auf der dem Zentrum für Alija das Monopol auf die revisionistischen Transporte zugesprochen worden war. Perl wurde die gewünschte Ausnahmeerlaubnis endgültig verweigert, und mit dieser finalen Entscheidung war für Benari die Diskussion beendet. Ein weiteres Mal forderte er Perl auf, schriftlich von jedweder selbstständigen Tätigkeit Abstand zu nehmen.190
Damit saß Perl in der Zwickmühle. Er war bereit, seine getroffenen Arrangements kurzzeitig pausieren zu lassen, aber aufkündigen wollte er sie nicht. Doch bevor er eine Lösung finden konnte, eskalierte die Sache ohnehin aus einem anderen Grund. Wenn Perl geglaubt hatte, dass mit Übermittlung der Kontostände zumindest die Vorwürfe gegen ihn vom Tisch waren, hatte er sich getäuscht. Benari hatte die Unterlagen mittlerweile erhalten, wies sie aber als unzureichend zurück. Er hatte eine Vollmacht verlangt, die es einem von Perl frei wählbaren Mitglied des obersten Gremiums der NZO ermöglichte, vertrauliche Einsicht in die Kontoführung zu erhalten, um sämtliche Transaktionen nachvollziehen zu können. Die bloße Bekanntgabe der Kontostände wertete Benari hingegen als Versuch, die Ermittlungen zu umgehen, und verwies zudem auf ein weiteres Konto Perls bei der National City Bank of New York – wobei unklar ist, woher die NZO davon wusste, sollte ein solches tatsächlich existiert haben. Am 6. Juni 1939 forderte er Perl daher ein letztes Mal auf, seine privaten Tätigkeiten umgehend einzustellen, andernfalls drohte zum 12. Juni der sofortige Ausschluss aus der Partei.191 Doch es war Perl, der die Reißleine zog.
Die Ausschluss-Drohung war nicht die einzige Maßnahme, die die NZO ergriffen hatte. Wie die rumänische Polizei Perl mitteilte, wurde seine Aufenthaltsbewilligung wegen der „Intervention einer ‚jüdischen Gruppe‘“ nicht verlängert.192 Er begab sich deswegen Anfang Juni 1939 nach einer kurzen Zwischenstation in Bulgarien, wo er ebenfalls nicht bleiben durfte, auf die von Italien besetzte Insel Rhodos. Von dort ließ er Benari am 8. Juni wissen, dass er von sich aus und mit sofortiger Wirkung aus der revisionistischen Bewegung ausschied, weil er die gewünschte Spezialgenehmigung nicht erhalten hatte und seine vertraglichen Zusicherungen nicht auflösen wollte. Er gab allerdings an, bislang „keine endgültigen Verfügungen wegen Abreisen etc. getroffen und auch keinen Transport geführt“ zu haben, denn in der Hoffnung, doch noch eine Bewilligung zu erhalten, hatte er alles aufgeschoben.193
Offensichtlich frustriert, rechnete Perl bei dieser Gelegenheit in einem weiteren Brief an Benari vom 9. Juni 1939 mit Katznelson ab, den er als die treibende Kraft der gegen ihn initiierten Intrige betrachtete. Schon früher hatte er die Sinnhaftigkeit von dessen Bestellung zum Leiter der Alija angezweifelt, denn Katznelson verstand seiner Meinung nach nichts von dem Geschäft und hatte noch kein einziges Schiff mit eigenen Augen gesehen. Katznelson kenne sich daher auch nicht mit den Kosten für die Schiffe aus und könne Perl nicht vorwerfen, er hätte zu hohe Preise gezahlt. Laut Perl gab es gravierende Unterschiede zwischen den einzelnen Frachtern, und dass seine Schiffe teurer gewesen waren als die von Katznelsons Kompagnon Avraham Stavsky organisierte Astir, lag daran, dass sie besser ausgestattet waren, über mehr Rettungsmaterial und teilweise sogar über separierte Kabinen für Kranke oder Kinder verfügten und im Notfall auf eine Hilfsflotte setzen konnten. Im Fall der Chepo hatte das vorhandene Funkgerät den Passagierinnen und Passagieren das Leben gerettet, als das Schiff in Seenot geraten war. Auf der Astir hingegen hatte es trotz der hohen Ticketpreise kein Funkgerät gegeben, sodass Katznelson und Stavsky laut Perl froh sein konnten, dass sich kein Unglück mit unzähligen Toten ereignet hatte, was der revisionistischen Sache kaum zum Vorteil gereicht hätte.
Damit war Perl mit seiner Kritik an Katznelson noch nicht am Ende, im Gegenteil. In seinem Brief an Benari brachte er seine tiefste Überzeugung zum Ausdruck, dass er im Gegensatz zu den Leuten, die nun am Ruder waren, mit seiner Erfahrung viele weitere Tausend Menschen nach Palästina hätte bringen können. Daher sei es geradezu seine Pflicht, seine Fähigkeiten zum Wohle jüdischer Flüchtlinge zu verwerten – vor allem weil sich unter Katznelsons Führung die ehemals erfolgreiche und noch weiter ausbaufähige Arbeit in Rumänien ins Negative gekehrt habe. Für Perl war sein ehemaliger Vorgesetzter das genaue Gegenteil von seiner eigenen Person und damit nichts weiter als ein Erbsenzähler, ein „Mann ohne Phantasie, ohne Schwung, [ein] kalte[r] Rechner, der glaubt, dass alles nur ein Produkt von Zahlen ist und dabei – und das ist das Wesentliche – nur mit dem kleinen Einmaleins operiert“.194 Diese Meinung teilte auch Mila Epstein, die Katznelson als unfähig und als „herzlosen Kerl“ bezeichnete, ohne den bedeutend mehr Menschen hätten gerettet werden können.195
Tatsächlich war seit der Astir kein vom Zentrum für Alija in Auftrag gegebenes Schiff mehr gefahren, und auch diese war nach drei Monaten immer noch unterwegs. Denn trotz wiederholter Versuche hatten ihre 720 Passagierinnen und Passagiere in Palästina nicht landen können und die Astir war gezwungen gewesen, sich Mitte April 1939 in den Hafen von Lavrio, eineinhalb Stunden von Athen entfernt, zurückzuziehen. Dort schmuggelten ein paar Unzufriedene aufgrund der katastrophalen Zustände auf dem Schiff ein Hilfsgesuch an die Hafenverwaltung von Bord. Daraufhin wurde der von Stavsky eingesetzte cholerische Transportkommandant namens Mosche mehrmals vorübergehend verhaftet. Um den Schein einer harmonischen Reisegesellschaft zu wahren, stellten die 200 Betarim an Bord bei einer Inspektion des Schiffs durch die Behörden ihre Disziplin zur Schau, während die Aufrührer unter Deck ruhiggestellt worden waren. Auch Stavsky, der von der Palestine Police wie Krivoshein des Waffenschmuggels verdächtigt wurde, reiste aus Athen an und mahnte die Passagiere, angeblich wenig einfühlsam, zur Ordnung: „Menschenleben spielen bei uns keine Rolle! Es ist uns ganz gleich, wenn auch 200 Menschen draufgehen! [...] Wenn Ihr Euch nicht ruhig benehmt, wird Mosche das Schiff verlassen, und dann könnt Ihr verrecken.“196 Mitte Mai brach die Astir wieder auf, legte jedoch vor Kos neuerlich einen Zwischenstopp ein. Dort lag sie Anfang Juni 1939, als Perl nach Rhodos übersiedelte, noch immer vor Anker.
Katznelson hatte also seit seinem Amtsantritt keinen einzigen Flüchtling in Palästina abgeliefert. Wie Perl süffisant in seinem Schreiben an Benari vom 9. Juni bemerkte, wäre die Bewegung aus diesem Grund mit ihm anstelle von Katznelson und Stavsky selbst dann noch besser gefahren, wenn die Vorwürfe gegen ihn der Wahrheit entsprächen. Doch das taten sie nicht und so hatte Perl beschlossen, sich diese Behandlung nicht länger gefallen zu lassen. Er drohte, im Falle weiterer verleumderischer Aussagen gegen seine Person, mit rechtlichen Schritten. Den Vorwurf, sich persönlich an der Alija bereichert zu haben, bestritt er bis zu seinem Tod vehement. Von den erwirtschafteten Überschüssen hatte er nur Mittel für das tägliche Leben und die Spesen zur Seite genommen, die durch die Tätigkeiten anfielen, etwa die hohen Telefonkosten. Alles andere war für den nächsten Transport verwendet worden, wie er an seinen Freund Reuben Hecht selbst 1991 noch schrieb: „Wir waren doch alle von einem Gedanken besessen: Das naechste Schiff hinauszukriegen.“197
Zweifellos schwingt in Perls Abrechnung mit Katznelson, die dessen Unvermögen hervorhebt und seine eigenen Leistungen überhöht, viel von seiner großen persönlichen Enttäuschung mit. Perl beendete sein Kündigungsschreiben an Benari mit dem Hinweis, dass ihm sein Ausscheiden aus der revisionistischen Bewegung schwerfiele, da sie identisch sei mit seinem Freundeskreis. Von einigen dieser vermeintlichen Freunde verleumdet und im Stich gelassen, war er im Juni 1939 vollkommen auf sich allein gestellt und wie damals in Wien 1938 gezwungen, seine Habseligkeiten zu packen und in das nächste fremde Land zu ziehen, wo er wieder nur auf begrenzte Zeit geduldet war.
In seinen Memoiren erwähnt Perl Katznelson mit keinem Wort, ebenso wenig wie seine Suspendierung und den nachfolgenden Bruch mit der Bewegung – weil er über niemanden, der an den Transporten beteiligt war, ein schlechtes Wort verlieren wollte, wie er Mila Epstein und Reuben Hecht einmal mitteilte, und ihm dies bei manchen Personen wohl schwergefallen wäre.198 Die Auseinandersetzung mit Benari, der niemals direkt mit den Flüchtlingen und den Transporten zu tun gehabt hatte und daher diesbezüglich ahnungslos war, bezeichnet er als nebensächlichen Streit über Spesen sowie als Querelen privater Natur, die unter anderem einer „Frauengeschichte“ geschuldet waren. Benari hatte ihn Zeit seines Lebens gehasst, schrieb Perl 1991 an Reuben Hecht, weil er 1930 während eines viermonatigen Aufenthalts in London im Haus von Benaris Schwiegereltern eine Dame kennengelernt und mit ihr eine Affäre begonnen hatte. Benari hatte ihm daraufhin sinngemäß vorgeworfen, keinen Anstand zu besitzen.@@@199
Am 19. Juni 1939 setzte Benari den offiziellen Schlusspunkt unter die Angelegenheit. In einem letzten Schreiben hielt er fest, dass Perl von sich aus die Bewegung verlassen hatte, und stellte die Beweisaufnahme ein. Er behielt sich jedoch das Recht vor, über die revisionistischen Zeitungen kundzutun, dass Perl diesen Schritt unternommen hatte, um sich keinem Urteil stellen zu müssen.200 Damit gingen die beiden Streitparteien endgültig getrennte Wege, doch nicht für lange Zeit.
Es sollte schneller zu einem Wiedersehen kommen als gedacht.