Nachdem er seinen Pass zurückbekommen hatte, flog Perl nach Athen. Über das Schicksal der Parita, die weiterhin durchs östliche Mittelmeer irrte, konnte er nur mutmaßen. Das ohne Funkgerät ausgestattete Schiff fuhr zunächst ins türkische Iskenderun, dort durfte es zumindest Wasser und Kohle laden, aber keine weiteren Vorräte.208 Danach steuerte der Kapitän Zypern an, doch wieder fehlte vom erwarteten Landungsboot jede Spur. Nun entschlossen sich die Flüchtlinge auf der Parita, ihr Glück in Izmir zu versuchen, aber auch dort weigerten sich die Türken nach Intervention der Briten, ihnen Lebensmittel zu verkaufen oder sie an Land zu lassen. Obwohl es zu Demonstrationen der örtlichen jüdische Bevölkerung kam und einige Passagiere mit Suizid drohten, blieben die Behörden unerbittlich. Die türkische Polizei versuchte, das Schiff mit Gewalt aus dem Hafen zu drängen. Die Nerven lagen angesichts der Zustände an Bord nun auch bei der Mannschaft blank. Als der Kapitän den Befehl zur Abfahrt gab, verweigerten mehrere Seeleute den Gehorsam und stießen sogar Morddrohungen gegen ihren Chef aus. Dieser rief die türkische Polizei zu Hilfe, um der mittlerweile gewaltsamen Auseinandersetzung ein Ende zu bereiten und die Meuterer, die von den Passagierinnen und Passagieren unterstützt wurden, in die Schranken zu weisen. Tatsächlich hatten Teile der Crew auf der langen Reise begonnen, sich mit dem Leid der Flüchtlinge zu identifizieren, zumal sie buchstäblich im selben Boot saßen. Manche teilten daher sogar ihre Rationen mit ihnen. Vor allem der Zweite Schiffsingenieur schien sich besonders hervorgetan zu haben, wie der Beiname andeutet, der ihm von den Passagierinnen und Passagieren laut Perl verliehen worden war: der Engel.
Der Parita blieb schließlich nichts anderes übrig, als den Anweisungen der Türken nachzukommen. Nachdem ein Hilferuf an das Zentrum für Alija abgesetzt worden war, nahm sie Kurs auf Istanbul. In der Metropole, so das Kalkül der Transportkommandanten, würde ihr schreckliches Schicksal von der internationalen Öffentlichkeit stärker wahrgenommen werden als in Izmir und Iskenderun und die Türken vielleicht zum Einlenken bringen. Denn an eine Weiterfahrt nach Palästina war ohne Lebensmittel und angesichts des schlechten Gesundheitszustands vieler Passagierinnen und Passagiere ohnehin nicht zu denken. Die NZO schickte unterdessen einen Sondergesandten nach Istanbul. Dieser hatte entsprechende Geldmittel im Gepäck und konnte die Behörden tatsächlich umstimmen. Für insgesamt 1000 Pfund wurden Wasser, Essen und Medikamente erstanden und auf die Parita gebracht, die danach ein drittes Mal nach Zypern fuhr. Da aber erneut kein Landungsboot anzutreffen war, setzten der Kapitän und die Kommandanten des Transports alles auf eine Karte. Anstatt noch länger zu warten und erneut in eine Situation wie vor Rhodos oder Izmir zu geraten, nahmen sie direkten Kurs auf Palästina, genauer gesagt auf Tel Aviv – obwohl es dort gar keinen Hafen gab.
Die Parita tat nun genau das, wovon Perl – er hatte einst die Vision gehabt, einen großen Überseedampfer zu kaufen und ihn mit 10.000 Menschen an Bord vor Tel Aviv stranden zu lassen – geträumt hatte.209 Am 22. August 1939 lief sie unter dem lauten Geheul der Schiffssirenen an einem der beliebtesten Strände der Stadt auf Grund. Unzählige Menschen, die sich in der Nähe aufgehalten hatten, strömten jubelnd herbei. Die überraschten Briten, die das Schiff zwar auf ihrem Radar gehabt, aber nicht so schnell mit seiner Ankunft gerechnet hatten, sperrten den Strandabschnitt sofort ab und verhafteten die Passagierinnen und Passagiere.
Die Parita am Strand von Tel Aviv, 1939
Mehr als 200 von ihnen konnten jedoch in der Menge untertauchen. Auch die Crew konnte sich vorerst dem Zugriff der Sicherheitskräfte entziehen, da sie das Schiff schon vor der Landung mit Rettungsbooten verlassen hatte. Das Gerücht, sie wäre von den Flüchtlingen über Bord geworfen worden, war reine Erfindung und konnte nicht verhindern, dass die Mannschaft doch noch von der Polizei geschnappt wurde. Allerdings endete die Geschichte für sie ohne ernste Konsequenzen, denn Perl zufolge wollten die Briten dieses für sie höchst peinliche Ereignis nicht noch mehr ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit rücken und sahen daher von einem Gerichtsprozess ab.
Der glückliche Ausgang der Reise mit der Parita war für Perl einmal mehr die Bestätigung, dass sich Wagemut auszahlte. Deswegen wollte auch er aufs Ganze gehen.
Bereits auf dem Flug von Rhodos nach Athen hatte Perl ein ganz spezieller Gedanke beschäftigt: Die Probleme, die die Transporte mit sich brachten, standen in nur geringer Relation zur Zahl der Passagiere. Gewisse Herausforderungen mussten auf jeder Fahrt bewältigt werden und sie wurden nicht zwangsläufig und schon gar nicht proportional größer, je mehr Menschen befördert wurden. Deshalb, so seine Schlussfolgerung, sprach nicht viel dagegen, die Zahl der Passagiere zu erhöhen – von bisher maximal 1200 auf bis zu 3000.
So verlockend die Vorstellung war, so viele Menschen auf einmal nach Palästina zu bringen, so ernüchternd war die Erkenntnis, dass er den Gedanken nicht zu Ende gedacht hatte. Es scheiterte am Beförderungsmittel. Diejenigen Reeder und Agenturen, die sich auf das Schmugglergeschäft einließen, besaßen in der Regel nur kleinere Schiffe – aus praktischen Gründen. Die illegale Fracht musste am Ziel schnell entladen werden, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Je länger die Verweildauer an einem bestimmten Ort ausfiel, desto größer war das Risiko, entdeckt zu werden. Sehr große Frachtschiffe fanden bei derart heiklen Operationen also selten Verwendung.
Hinzu kamen die politischen Entwicklungen. Die Zeichen standen im August 1939 bereits auf Krieg, woraufhin selbst kleinere Schiffe nicht mehr so leicht zu bekommen waren. Viele Eigner konnten mit legaler Fracht beinahe ebenso viel Geld verdienen wie mit illegalen Transporten und wollten daher das Wagnis, Juden nach Palästina zu schmuggeln, nicht länger eingehen. Weder in Athen noch im bulgarischen Varna, wo er telefonisch Optionen auslotete, wurde Perl fündig.
Mehr Erfolg hatte er in Galaţi. Schon Monate zuvor hatte Jonel Popescu einen Kontakt zum Besitzer einer rumänischen Schiffsagentur hergestellt. Dieser Mann namens Rand hatte damals angeboten, über seinen Schwager, der geschäftliche Beziehungen in den Iran und in die Türkei unterhielt, Flaggen dieser Länder für Perls Schiffe zu arrangieren. Perl wollte nun wissen, ob es zu den Flaggen auch gleich ein passendes Schiff gab, und die Antwort fiel ganz in seinem Sinne aus. Rand sagte ihm am 31. August zu, ein Schiff für 2000 oder mehr Passagiere aufzutreiben.
Doch Perls Freude darüber hielt nicht lange an. Schon am nächsten Tag trat ein, womit er bereits länger gerechnet hatte: Deutschland überfiel seinen Nachbarn Polen. Weil er die Zeichen der Zeit zu deuten wusste, hatte Perl bereits mit Bekanntwerden des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts am 23. August 1939 Vorkehrungen getroffen. Sein Plan sah vor, Griechenland bei Ausbruch von Kampfhandlungen in Europa sofort zu verlassen und in die Schweiz zu gehen, von der er annahm, dass sie in einem Konflikt neutral bleiben würde. Dass sich die dafür nötige Erlaubnis bereits in seinem Besitz befand, hatte er, wie für ihn typisch, abermals geschickt eingefädelt: Kurz vor seiner Reise nach Rhodos Anfang Juni 1939 hatte er in Bukarest ein Besuchervisum für Großbritannien erhalten, indem er erneut anmaßend in die britische Botschaft spaziert und tatsächlich von einem Beamten empfangen worden war. Auf dessen Frage, ob er derjenige Willy Perl sei, der in die „illegale Einwanderung“ nach Palästina verwickelt war, hatte Perl gewohnt schlagfertig gekontert, indem er verneint und sich stattdessen als der Willy Perl vorgestellt hatte, der in die „freie Einwanderung“ nach Palästina verwickelt war. Nach diesem verbalen Geplänkel hatte sich Perl zufolge eine muntere Unterhaltung entwickelt. Der Beamte hatte wissen wollen, warum Perl nach Großbritannien musste, wo seine Aktivitäten auf dem Balkan doch so gut liefen. Perl hatte zugegeben, dass seine Organisation Geld brauchte, und er plante, dieses bei reichen Juden in England aufzutreiben.
Eine Woche nach dem Treffen, von dem er ein Gesprächsprotokoll angefertigt hatte, erhielt er tatsächlich ein Visum für die einmalige Einreise nach Großbritannien, datiert auf den 31. Mai 1939. Ergänzt war es um eine handschriftliche Anmerkung in roter Tinte: „Pleasure visit only“. Dies war die von Perl erwartete Falle. In Palästina hätte er aufgrund der dort gültigen Bestimmungen bei der Einreise interniert werden können, auf den britischen Inseln jedoch nicht. Um ihn dennoch aus dem Verkehr zu ziehen, brauchten die Behörden in einem funktionierenden Rechtsstaat wie dem Vereinigten Königreich einen triftigen Grund. Das Sammeln von Spenden konnte als geschäftliche Tätigkeit ausgelegt werden und verstieß daher gegen die Einreiseauflagen seines Besuchervisums für Vergnügungszwecke, womit seine Verhaftung möglich wurde – auch wenn schwer vorstellbar ist, dass die Briten wirklich damit rechneten.
Tatsächlich hatte Perl nie geplant, nach London zurückzukehren. Das Visum hatte er sich nur besorgt, weil er davon ausging, dass es ihm das Herumreisen auf dem Balkan erleichtern sowie die Mär von seiner angeblichen Kooperation mit den Briten aufrechterhalten würde. Es war für ihn eine Art Freifahrtschein, der als Beleg für seine Behauptung diente, bald wieder nach England zu fahren und das weitere Vorgehen punkto illegaler Einwanderung nach Palästina mit dem Foreign Office abzustimmen. So wollte er möglichen Geschäftspartnern die Angst vor der Royal Navy nehmen. Der wahre Wert der Einreisegenehmigung ins Vereinigte Königreich lag allerdings darin, dass sie die Beschaffung von Visa anderer Staaten erleichterte, weil diese Perl ins eigene Land lassen konnten ohne zu riskieren, ihn nicht mehr loszuwerden. So hatte er damit nach seiner Rückkehr aus Rhodos tatsächlich problemlos ein Schweizer Durchreisevisum erhalten – und obendrein sogar kostenlos, weil er sich als ein im Auftrag einer Zeitung reisender Journalist ausgegeben hatte.
Auch dieser Trick war nicht neu. Schon in Rumänien hatte Popescu das Gerücht gestreut, Perl sei ein vermögender Financier der illegalen Einwanderung nach Palästina, der sich aus Gründen der Geheimhaltung jedoch als Sonderkorrespondent der New York Herald Tribune ausgebe. Um seiner Tarnung mehr Gewicht zu verleihen, hatte Perl sich einen gefälschten Presseausweis mit dem Logo der Zeitung besorgt und ließ sich vertrauliche Post an die Adresse der amerikanischen Botschaft schicken, die er dort zweimal pro Woche abholte.210 Auch zuvor in Athen war er als Vertreter einer großen und einflussreichen Vereinigung aufgetreten. Dass er im Bericht des CID-Beamten Cocorempas ebenfalls als Financier bezeichnet wird und zudem von der Existenz einer mächtigen jüdischen Organisation die Rede ist, lässt sich als Beleg für den Erfolg dieser Scharade werten. Dazu beigetragen hatte vermutlich auch sein Erscheinungsbild, auf das er stets Wert legte, um von Geschäftspartnern und Behörden respektiert zu werden. Keinesfalls wollte er als armer Schlucker und damit als vogelfrei gelten. In seine beiden ohnehin hochwertigen Anzüge hatte er daher noch in Wien Originaletiketten der bekannten und für ihn unbezahlbaren Nobelmarke Knize einnähen lassen, da er bereits damals davon ausgegangen war, dass die Polizei im Ausland nicht nur seine Post abfangen, sondern möglicherweise auch seine Hotelzimmer durchsuchen würde. Dass er in billigen Hotels abstieg, verkaufte er in Verhören wiederum als Versuch, möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erregen.
Willy Perls „Presseausweis“
Dieser Einfallsreichtum war auch im Athen des Sommers 1939 das Gebot der Stunde. Perl war sich im Klaren darüber, dass im Kriegsfall eine Abreise aus Griechenland schwierig werden könnte. Der zivile Flugverkehr würde womöglich eingestellt werden und daher jeder Ausländer im Land versuchen, ein Zugticket in Richtung Westen zu ergattern. Daher hatte er seit dem 23. August für eine Woche im Voraus eine tägliche Platzreservierung im Orient-Express. Verwaltet wurde diese ungewöhnliche Buchung von einem ihm freundlich gesinnten Mitarbeiter der Zuggesellschaft. Im Gegenzug für einen kleinen „Beitrag“ zu dessen Lebenserhaltungskosten stornierte der Bahnangestellte die aktuelle Reservierung, sollte Perl sie nicht benötigen, und fügte für die kommende Woche eine neue hinzu. Um sicherzugehen, dass er in dem zu erwartenden Chaos den Bahnhof rechtzeitig erreichen konnte, hatte Perl zudem einen Disponenten der Athener Notrufzentrale bestochen, der ihm bei Bedarf unverzüglich ein Rettungsfahrzeug schicken würde. Er hatte dem Mann aber weder Grund noch Ziel verraten, weil er befürchtete, dieser könnte eine Gelegenheit wittern und das Arrangement auch anderen anbieten und ihn selbst außen vor lassen.
Als die deutsche Wehrmacht am 1. September 1939 in Polen einmarschierte, hatte Perl also bereits alles für eine rasche Abreise aus Athen erledigt – beinahe. Dummerweise hatte er vergessen, seine Hotelrechnung vorab zu begleichen, und als er zur Rezeption kam, hatte sich dort bereits eine lange Schlange gebildet. Weder wollte Perl einfach abreisen und die Zeche prellen noch das Geld einfach auf den Schalter legen, da er aufgrund seiner zahlreichen und teuren Ferngespräche den Rechnungsbetrag nicht kannte. Also stellte er sich an und wartete. Seine Arbeit als Transportorganisator hatte ihn zwar Geduld gelehrt, dennoch brachte ihn jede weitere Minute näher an den Rand des Wahnsinns. Zu allem Überfluss tauchte auch noch sein Kontaktmann von der Zuggesellschaft auf und verkaufte Fahrkarten an andere Hotelgäste. Als Perl endlich an der Reihe war, zahlte er hastig und rannte zum vereinbarten Treffpunkt mit dem Krankenwagen. Den Mitarbeiter der Zuggesellschaft nahm er kurzerhand mit, um zu verhindern, dass dieser es womöglich nicht zum Bahnhof schaffte und seine Reservierung damit hinfällig wurde.
Als der Rettungswagen angebraust kam, traf Perl den Disponenten auf dem Beifahrersitz an, und nachdem er und sein Begleiter eingestiegen waren, rasten sie mit Sirenengeheul zum Bahnhof. Um sicherzugehen, dass er auch das restliche Geld bekam, das Perl ihm versprochen hatte, mahnte der Disponent den Fahrer zur Eile an und ergänzte den Lärm von Sirene und Hupe sichtlich begeistert mit einer Trillerpfeife. Polizisten machten ihnen den Weg frei, und wenn es auch immer langsamer voran ging, je näher sie dem Bahnhof kamen, blieben sie im Gegensatz zu den anderen Verkehrsteilnehmern wenigstens in Bewegung und erreichten ihr Ziel rechtzeitig. Perl betrat sogar als einer der Ersten den Zug und konnte ohne Probleme den für ihn reservierten Sitzplatz in Anspruch nehmen. Doch er musste bald feststellen, dass die Eile umsonst gewesen war. Der Orient-Express setzte sich nicht in Bewegung.
Von seinem Sitzplatz aus beobachtete Perl, wie sich immer mehr Menschen auf dem Bahnsteig drängten und versuchten, sich durch Bestechung die Mitfahrt zu sichern. Er wurde zunehmend nervös, auch weil sich das Gerücht verbreitete, Italien sei an der Seite Deutschlands in den Krieg eingetreten und der Zug könne daher gar nicht mehr nach Westeuropa fahren. Erneut blieb Perl nichts anderes übrig, als abzuwarten und sich in Geduld zu üben, und er atmete erleichtert durch, als sich der Orient-Express nach zwei Stunden und zum Bersten voll mit Passagierinnen und Passagieren doch in Bewegung setzte. Kurz nach Saloniki kam ihm allerdings das nächste beunruhigende Gerücht zu Ohren: Die Wehrmacht sei bereits in Jugoslawien einmarschiert und der Zug müsste daher an der Grenze haltmachen. Dieses Mal zwang sich Perl zur Ruhe, weil er wusste, dass dies nur Unsinn sein konnte und er sich nicht von der allgemeinen Nervosität anstecken lassen durfte.
Um sein Ziel zu erreichen, brauchte er einen kühlen Kopf. Denn der Umstand, dass er über ein Visum für die Schweiz verfügte, bedeutete nicht automatisch, dass er die Schweizer Grenze unbehelligt erreichen würde. Zu viele Dinge konnten sich in einer Situation wie dieser von einer Stunde auf die andere ändern. Perl hatte vor allem Bedenken, Mussolini könnte alle deutschen Juden zu feindlichen Ausländern erklären und in ihr Herkunftsland abschieben. Aus diesem Grund beschloss er, nur kleine und isolierte Grenzübergänge zu benutzen, an denen entsprechende Anweisungen aus Rom erst verspätet eintreffen würden – im besten Fall erst, nachdem er sie passiert hatte. Perl verließ daher den Orient-Express bereits in Ljubljana, wo er ein Paar aufsuchte, das einst mit seinem Vater befreundet gewesen war. Mit dessen Hilfe reiste er über einen kleinen Checkpoint am Isonzo unbehelligt nach Italien ein. Per Taxi ging die Reise weiter nach Mailand, wo er im Haus von Leone Carpi unterkam.
Carpi war als Anführer der italienischen Revisionisten von Perls Auftauchen überrascht, freute sich jedoch darüber. Denn auch er dachte an die Organisation eines Transports nach Palästina und konnte Perls Hilfe dafür gut gebrauchen. Die Bedrohung für die jüdischen Gemeinden in Italien war zwar weit geringer als im Deutschen Reich, aber er fürchtete, dass ihre jungen Männer bald von der Armee für Hilfsarbeiten zwangsrekrutiert werden könnten und in diesem Fall das Land nicht mehr verlassen dürften. Entsprechend enttäuscht war Carpi, als er erfuhr, dass sich sein Gast nur auf der Durchreise befand. Perl hatte Verständnis für das Anliegen des Italieners und versprach, von der Schweiz aus etwas für ihn zu unternehmen.
Nachdem Carpi Perls Taxi bezahlt hatte, fasste er zusammen, was seit dessen Abreise aus Athen von der BBC und im italienischen Radio über die Vorgänge in Polen und im restlichen Europa berichtet worden war. Erleichtert nahm Perl zur Kenntnis, dass es offenbar noch keine speziellen Regelungen für die Grenzübertritte von Juden oder deren Reisepässe gab, weder in Italien noch in der Schweiz. Danach ging er mit Carpi seine Weiterreise durch. Der Italiener holte zu diesem Zweck mehrere Erkundigungen per Telefon ein und empfahl ihm schließlich eine Einreise in die Schweiz über den Luganersee bei der Ortschaft Ponte Tresa, gleich mit der ersten Fähre des Tages. Die Grenzkontrolle fand dort erst während der Überfahrt statt und fiel in der Regel eher informell aus. Der Vorschlag erschien Perl sinnvoll. Früh am nächsten Tag machte er sich daher mit einem Bekannten Carpis auf den Weg zum Luganersee. Auf der 80 Kilometer langen Autofahrt hatte er viel Zeit zum Nachdenken und so knapp vor dem Ziel befiel ihn erneut die Angst, das Schicksal könnte seine sorgsam gemachten Pläne doch noch durchkreuzen. Was würde aus ihm werden, wenn die Schweizer Behörden ihm die Einreise in letzter Sekunde verweigerten?
Als Perl in Ponte Tresa ankam, lief jedoch alles wie geplant. Nur eine Handvoll Personen wartete auf die Überfahrt und niemand nahm Notiz von ihm. Ausgerechnet der Schweizer Grenzbeamte zeichnete sich durch besonderes Desinteresse aus und blieb halb verschlafen in einer Ecke der Fähre hocken, ohne die Papiere der an Bord kommenden Reisenden zu kontrollieren. Perl wähnte sich bereits in Sicherheit, da erhob sich der Mann – die Fähre war noch rund eineinhalb Kilometer vom Schweizer Ufer entfernt – doch noch und kam schnurstracks auf ihn zu. Perl wurde nervös, denn er ahnte, was ihm möglicherweise blühte. Seine Befürchtung schien sich zu bestätigen: Obwohl er mit mehreren anderen Leuten auf einer Bank saß, war sein Pass der Einzige, der verlangt wurde. Schließlich konnte er aber aufatmen. Denn nachdem er die Frage, ob er etwas zu verzollen habe, verneint hatte, wurde er nicht weiter behelligt. Wenige Minuten später legte die Fähre am anderen Ufer an und Perl setzte seinen Fuß auf Schweizer Boden. Damit war er nach fast genau einem Jahr, seit seiner Abreise aus London Ende August 1938, erstmals wieder in einem Land, in dem er nicht willkürlich verhaftet werden konnte oder den Launen der Obrigkeit schutzlos ausgeliefert war – wenn auch nicht für lange.