Wieder einmal saß Perl in der Zwickmühle. Denn wie Bernstein aus Rumänien meldete, bestanden die Eigner der Sakarya immer noch auf einer Vorauszahlung, bevor sie ihr Schiff losschicken würden. Doch wie sein Cousin hatte Perl Sorge, es könnte wie damals beim Drama von Arnoldstein etwas schiefgehen, und der Gedanke daran war angesichts Eichmanns erneuter Drohungen wenig erbaulich. Dieser hatte Mandler gegenüber persönlich angekündigt, die jüdische Bevölkerung in Wien und Prag kollektiv zur Verantwortung zu ziehen, sollte es sich bei diesem Transport erneut um eine „jüdische Schwindelei“ handeln. Eichmann bestand auf eine baldige Abreise und drohte, andernfalls die gewährten Devisen zurückzufordern.
Die Zeit drängte also, sodass Perl um die Entscheidung über die Vorauszahlung nicht herumkam. Nach langem Abwägen ging er das Risiko schließlich ein und schickte Rand die vereinbarte Summe. Es gab mittlerweile auch einen Vertrag, dessen Konditionen Bernstein mit Rand als bevollmächtigtem Vertreter der Schiffseigner ausgehandelt hatte. Wenn möglich, sollte die Sakarya am 4. November 1939 in Sulina eintreffen, allerspätestens jedoch bis zum 18. November.
Am Morgen des 10. Oktober erhielt Perl beim Frühstück einen Anruf von Mandler. Das Telefonat verschlug ihm den Appetit. Sein Cousin teilte ihm mit, dass seine Gruppe in zwei Tagen aus Prag nach Bratislava aufbrechen werde. Perl war entsetzt, denn noch konnte er ihre Weiterreise von Bratislava nach Palästina nicht bewerkstelligen. Weder war die Sakarya in Rumänien eingetroffen, noch stand das Flussboot für den Transfer ans Schwarze Meer bereit. Mit der DDSG war ausgehandelt, dass dieses erst am 19. November in Bratislava eintreffen würde. Doch Mandler wurde sehr deutlich: Seine Gruppe würde in zwei Tagen auf die Reise gehen – entweder nach Bratislava, um von dort nach Palästina zu fahren, oder in ein Konzentrationslager. Perl war sich im Klaren darüber, dass er nun improvisieren musste. Er sagte seinem Cousin zu, die jüdische Gemeinde in Bratislava zu kontaktieren und diese zu ersuchen, sich bis zum Eintreffen des Flussboots um die Flüchtlinge zu kümmern. Danach rief er seine Tante Liesel Kant in Wien an und bat sie, wieder einmal ihre guten Kontakte zur DDSG zu nutzen und von dieser eine schriftliche Bestätigung über die Verfügbarkeit eines Schiffs für Mandlers Gruppe und dessen geplanten Ankunftstag in Bratislava einzuholen. Dieses Schreiben wollte Perl den slowakischen Behörden zur Beschwichtigung vorlegen, um zu verhindern, dass diese die Flüchtlinge aus Prag wieder auswiesen oder gar Schlimmeres mit ihnen anstellten, aus Angst, auf ihnen „sitzenzubleiben“.
Liesel Kant kam dem Wunsch ihres Neffen nach, doch Perls Tag hatte es weiterhin in sich. Am Abend erfuhr er von Eri Jabotinsky aus Rumänien, dass Faltyns Gruppe ebenfalls in Richtung Bratislava aufbrach. Auch deren Weitertransport war ohne den Dampfer der DDSG nicht möglich und Perl fragte sich, wie die slowakischen Behörden auf die Ankunft von gleich 1000 jüdischen Flüchtlingen reagieren würden. Verschärft wurde die unsichere Lage durch die Tatsache, dass in Bratislava weitere 350 slowakische Betarim festsaßen, deren erwartetes Transportschiff vom Eigner zurückgezogen worden war. Mit diesen und den Gruppen von Mandler und Faltyn würden sich also in Summe bald an die 1400 unerwünschte Juden in Bratislava aufhalten. Perl hatte mit der DDSG aber nur eine Abmachung für ein einziges Flussboot getroffen und er war sich sehr sicher, dass die Slowaken wussten, dass die DDSG kein Schiff für eine derart große Anzahl von Menschen hatte. Er konnte also nur hoffen, dass den Flüchtlingen kein Leid zugefügt wurde, und versuchen, sie während der Zeit in Bratislava bestmöglich zu unterstützen. Gemeinsam mit Hecht wandte er sich daher zunächst an die jüdische Gemeinde von Zürich, die wiederum die Gemeinde in Bratislava um Fürsorge für die Reisenden aus Prag ersuchte und finanzielle Unterstützung versprach. Die in Aussicht gestellten Schweizer Franken sollten sowohl den Flüchtlingen zugutekommen als auch die slowakischen Behörden milde stimmen.
Faltyn gelang es jedoch, selbst Flussboote aufzutreiben und seine Gruppe auf eigene Faust nach Rumänien zu bringen.220 Eri Jabotinsky und das NZO-Büro in Bukarest, die ihn zuvor ersucht hatten, noch in Prag zu bleiben, wurden durch seine Ankunft vor vollendete Tatsachen gestellt. Weil sie sich nicht anders zu helfen wussten, mieteten sie den Frachtkahn Spyroula als zwischenzeitliches Quartier. Er verfügte über keinen Motor und musste zum Transport an ein anderes Boot angehängt werden.
Derweil wurde der Mandler-Transport, der seine Abreise aus Prag doch noch auf den 28. Oktober hatte verschieben können, in Bratislava durch die paramilitärische Hlinka-Garde interniert. Die Slowaken drohten, die Leute zurück ins Protektorat zu schicken, sollte sie nicht innerhalb von zehn Tagen weiterreisen. Die von Liesel Kant aufgetriebene Bestätigung der DDSG, dass ihre Saturnus am 19. November in Bratislava eintreffen würde, wurde zunächst ignoriert. Erst František Gross gelang es durch persönliche Vorsprache in der slowakischen Hauptstadt, eine Verlängerung der Frist bis zur geplanten Ankunft des Flussboots zu erreichen.
Perl musste also zur Kenntnis nehmen, dass wenig nach Plan lief – auch nicht die Fahrt der Sakarya aus der Türkei nach Rumänien. Am 3. November 1939 erfuhr er, dass sie sich leicht verspäten würde. Ihm schwante allerdings, dass „leicht“ stark untertrieben war. Dennoch konnte er die Abfahrt der Saturnus aus Wien nach Sulina nicht mehr verschieben, ohne Gefahr zu laufen, Eichmann und die Gestapo sowie die Slowaken zu verärgern und die Flüchtlinge in Wien und Bratislava so einem Risiko auszusetzen. Die Verspätung der Sakarya stellte den ganzen Transport mehr oder weniger in Frage. Auch wenn es noch keine Übereinkunft über eine Mitnahme der Faltyn-Gruppe gab, dürfte Perl sie fix eingeplant haben.221 Er wusste allerdings, dass deren ohnehin überschaubare finanzielle Reserven durch den Mehraufwand für den Lastkahn und die notwendige Verpflegung während der Wartezeit dahinschmolzen. Konnten sie jedoch den von ihm kalkulierten Beitrag nicht leisten, konnte er wiederum die für das Schiff vereinbarte Summe nicht bezahlen und die Türken würden von ihrem Geschäft zurücktreten. Damit würden alle zusammen – die Gruppen von Mandler und Faltyn aus Prag und Storfers Leute aus Wien – in Europa festsitzen und früher oder später in einem Konzentrationslager enden.
Perl war an einem absoluten Tiefpunkt angelangt. Wie damals, als er auf Rhodos vom Brand auf der Rim erfahren hatte, schien er mit seinen Nerven und seinen Kräften am Ende zu sein. Doch es gab eine Lösung für das Problem, denn Mandlers und Storfers Leute belegten mit 800 Personen nicht ganz die Hälfte der auf der Sakarya verfügbaren Plätze. Dazu kamen die 400 Menschen auf der Spyroula im Hafen von Sulina. Es standen also immer noch rund 800 Plätze für weitere Reiseteilnehmende zur Verfügung. Diese konnte er jüdischen Gemeinden anbieten, von denen er ohnehin laufend Anfragen bekam. Wie damals bei der „China-Gruppe“ musste er lediglich jemanden finden, der bereit war, zusätzlich zu seinen eigenen Reisekosten auch einen Beitrag zur Passage der beinahe mittellosen Leute von Faltyn zu leisten. Nachdem er sich mit Hecht beraten hatte, fiel die Wahl auf die Budapester Gemeinde der orthodoxen Aguda Israel. Deren Mitglieder waren zwar nicht für ihre Disziplin bekannt und aufgrund der strikten Einhaltung ihrer Speisegesetze kompliziert, was die Verpflegung an Bord anging, der logistische Vorteil war jedoch nicht von der Hand zu weisen, denn die ungarische Hauptstadt lag direkt auf dem Weg.
Perl musste also seine Koffer packen.
Nächster Stopp: Budapest.
Vor seiner Abreise aus der Schweiz rief Perl noch Lore in Wien an. Er sprach nur selten mit ihr, um die Gestapo nicht auf den Plan zu rufen und sie damit in Gefahr zu bringen. Sollten die Beamten, die ihr Gespräch womöglich belauschten, die richtigen Schlüsse ziehen und „Mirjam“ als Lore Perl, geborene Rollig, entlarven, konnte sie dies das Leben kosten. Doch an diesem Tag im November 1939 schob Perl seine Bedenken beiseite. Er musste die Stimme seiner Frau hören, denn womöglich war es das letzte Mal. Er wusste, dass er sich in Gefahr begab, wenn er die sichere Schweiz verließ. Das Gespräch ließ Perl zunächst seine Sorgen vergessen – bis er seine geplante Reise nach Budapest erwähnte. Lore schwieg erst, dann brach sie in Tränen aus. Die Angst um ihren Mann überwältigte sie so sehr, dass sie ganz auf ihre Tarnung vergaß. Ob die Reise wirklich notwendig sei, wollte sie wissen. Denn ihr war ebenso wie Perl bewusst, dass ihm eine erneute Flucht in die Schweiz verwehrt sein könnte. In Osteuropa würde er sich wieder in Eichmanns Reichweite befinden, vor allem im Falle einer Ausweitung der deutschen Aggression auf den Balkan.
Das Telefonat mit Lore hatte also nicht den gewünschten Effekt der Ermutigung, im Gegenteil. Perl fühlte sich schuldig, weil er ihr seinen Kummer aufgeladen hatte. In gedämpfter Stimmung fuhr er mit den Reisevorbereitungen fort und arbeitete seine Liste unerledigter Dinge ab. Doch wenigstens verlief die Fahrt nach Ungarn problemlos. Unmittelbar nach seiner Ankunft in Budapest traf er sich mit Vertretern der Aguda, die ihn im Hotel Bristol unterbrachten, wo er Monate zuvor als „liberischer Konsul“ logiert hatte.222 Eine Übereinkunft war schnell erreicht. Die Aguda zahlte für die Reise von rund 300 ihrer Mitglieder, allerdings nur in ungarischen Pengö. Ein Umtausch in Pfund oder Dollar war in Budapest nicht möglich, doch damit hatte Perl gerechnet und Vorkehrungen getroffen, um das Geld verbotenerweise außer Landes zu bringen. Hilfe erhielt er von einem jüdischen Arzt aus Boston, den er in seiner Zürcher Pension kennengelernt hatte. Dieser hatte sich Perl zufolge bereit erklärt, nach Budapest zu kommen und das Geld in die Schweiz zu schmuggeln, wo es auf dem freien Markt gewechselt werden konnte.
Es gab aber ein anderes Problem. Perl wurde vom ungarischen Betar kontaktiert, der unverzüglich von der Anwesenheit des ehemaligen „Herrn Konsul“ in der Stadt erfahren hatte. Der Grund lag auf der Hand: Auch die ungarischen Betarim wollten nach Palästina. Nun stand Perl wieder einmal vor einem Dilemma. Der Grund seiner Reise nach Budapest war der Versuch, die fehlenden Mittel für die Sakarya aufzutreiben. Nüchtern betrachtet, waren die Juden in Ungarn zumindest zu diesem Zeitpunkt noch weniger gefährdet als in Wien oder Prag. Einige von ihnen sollten nur deshalb auf der Sakarya mitfahren, weil sie für Faltyns Gruppe bezahlten. Perl fühlte sich allerdings nicht wohl bei dem Gedanken, die ungarischen Betarim einfach zurückzulassen.
Diesen moralischen Balanceakt musste Perl seit Anfang seiner Karriere als Transportorganisator bewältigen. So hätte er auch Mandler wesentlich mehr Plätze auf der Sakarya zugestehen können, der bereit war, dafür zu bezahlen, und sogar das gesamte Schiff gefordert hatte. Das wäre für Perl eine einfache Lösung gewesen, doch er wollte Menschen nicht aus dem einzigen Grund zurücklassen, dass sie arm waren. Zudem hatten sich etwa die Betarim im Gegensatz zu den meisten anderen Flüchtlingen lange auf ein Leben in Palästina vorbereitet. Ihnen alle Plätze zuzugestehen, war jedoch aus finanziellen Gründen nicht möglich, und daher war Perl auf Mandlers Leute angewiesen, die zwar vermögender, dafür aber wie die Passagiere der Aguda im Vergleich zu Mitgliedern des Betar auch weniger diszipliniert waren. Als Kompromiss erklärte er sich bereit, wenigstens 100 Betarim auf der Sakarya mitzunehmen, auch wenn sie, wie Faltyns Gruppe, nicht oder zu wenig für die Passage zahlen konnten. Gemäß seiner Abmachung mit den Behörden musste er jedoch auch 20 unerwünschte Juden außer Landes schaffen, die in ungarischen Gefängnissen saßen – und er selbst musste die Auswahl treffen.
Also suchte er das Gefängnis auf und traf dort unter anderem auf zwei österreichische Burschen im Alter von 16 und 17 Jahren. Ihre Familie hatte den Befehl erhalten, sich in Wien für eine „Umsiedlung“ zu melden. Ihre Eltern und ihre Schwester waren der Anweisung nachgekommen, die Brüder über die Grenze nach Ungarn geflohen. Dort waren sie allerdings schnell von der Polizei verhaftet worden. Die beiden waren mittellos, doch Perl zögerte keine Sekunde, sie mitzunehmen und ihnen damit das Leben zu retten.
Wie wichtig Perls persönliche Visite für den Transport insgesamt war, zeigt eine andere Begebenheit. Auch einer dreiköpfigen Familie aus der Ostslowakei, die vor einem Pogrom in ihrem Heimatort geflohen war, wies er Plätze auf der Sakarya zu. Als der Vater daraufhin seine Erleichterung ausdrückte, weil seine erkrankte Frau Blut hustete und ohne Hilfe im Gefängnis sterben würde, wurde Perl hellhörig. Er suchte daraufhin die Gattin des Mannes im Frauentrakt auf und ließ sich von ihr ein blutiges Taschentuch zeigen. Die Frau nahm an, dieser Beweis für ihre Lungenkrankheit würde ihr die Freiheit bringen, doch das Gegenteil war der Fall. Perl konnte keinesfalls die Einschleppung irgendwelcher Krankheiten auf sein Schiff riskieren. Schweren Herzens ließ er die ganze Familie zurück – und wunderte sich viele Jahre später, wie er die Kraft dazu hatte aufbringen können.
Nachdem Perl das Gefängnis verlassen hatte, tauchte er wieder in die Karnevalsstimmung ein, die seinen Memoiren zufolge dieser Tage in Budapest herrschte. Er hatte den Eindruck, die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt ahnten, dass die nächsten Jahrzehnte von Totalitarismus geprägt sein würden, und wollten das Leben ein letztes Mal in all seinen Facetten genießen. Überall wurde getanzt, musiziert und gesungen. Jedes noch so kleine Speiselokal mutierte in ein Kabarett oder eine Tanzbar. Sexuelle Ausschweifungen standen auf der Tagesordnung, die Prostitution florierte und auch Perl bekam ein unmoralisches Angebot von einer gelangweilten Arztgattin, die er nicht einmal kannte. Obwohl er mit dem Nachtleben noch nie viel angefangen hatte, tauchte auch er in diese entrückte Welt ein. Er konnte sich ihr auch gar nicht entziehen, wie er in seinen Memoiren schreibt, da Geschäfte in Budapest zu dieser Zeit immer noch in Kaffeehäusern und Bars gemacht wurden. So plagte ihn das schlechte Gewissen, weil er bei Musik, Tanz und Wein saß, während die für die Sakarya bestimmten Flüchtlinge im Internierungslager in Bratislava oder auf dem Lastkahn in der Flussmündung bei Sulina darbten, von der von ihm schweren Herzens im Gefängnis zurückgelassenen Familie ganz zu schweigen.
Inmitten dieser Surrealität ging die Arbeit weiter. Gemeinsam mit Hecht, der nach einer Woche zu ihm gestoßen war, kümmerte Perl sich um die genaue Zusammensetzung der Gruppe, die finanziellen Fragen und den Ankauf von Vorräten für den Flussdampfer der DDSG. Pünktlich am 19. November 1939 verließ die Saturnus Wien mit insgesamt 211 Menschen an Bord in Richtung Bratislava, wo weitere Passagiere zustiegen. Nur vier Tage später kam sie in Sulina an. Soweit lief also alles nach Plan.
Fast. Denn von der Sakarya fehlte jede Spur.
Laut seiner Vereinbarung mit Rand hätte die Sakarya am 18. November 1939 in Sulina sein sollen – einen Tag vor der Abfahrt der Saturnus aus Wien. Dass deren Fahrt nach Rumänien überhaupt genehmigt worden war, obwohl dort die Möglichkeit des Weitertransports noch nicht gegeben war, grenzte an ein Wunder. Das NZO-Büro in Bukarest äußerte mittlerweile Zweifel an Rands Verlässlichkeit und der Existenz der Sakarya. Perl glaubte jedoch an das, was er im Lloyd’s Register of Shipping ausfindig gemacht hatte, und mahnte Eri Jabotinsky, Druck auf den Rumänen auszuüben. Jabotinsky misstraute Rand gewaltig, denn dieser hatte ihm bislang täglich versichert, die Sakarya habe Istanbul „soeben“ verlassen. Als er erfuhr, dass das Schiff tatsächlich aufgebrochen, aber nach Smyrna unterwegs war, nahm er sich Perls Rat zu Herzen. Er rief Rand an und ließ keine Zweifel hinsichtlich der zu erwartenden Reaktion der an Bord der Spyroula hungernden und frierenden Betarim, sollte er sie betrügen und die Sakarya nicht bis zum 10. Dezember in Sulina sein. Rand war empört und beschwerte sich angeblich sogar beim Innenministerium über diese plumpe Drohung. Und er wähnte sich sicher, denn was konnten die Juden schon machen? Jeder würde die Schuldigen kennen, sollte ihm tatsächlich etwas zustoßen. Das war in der Tat ein starkes Argument, dennoch war Jabotinsky überzeugt, dass seine Worte den Schiffsagenten zumindest zum Nachdenken gebracht hatten.
Episoden wie diese zeigten Perl, was die Verträge mit den Schmugglern tatsächlich wert waren – nämlich oft nicht das Papier, auf das sie geschrieben waren. Schon die Rückholaktion des von Haller in Athen verlorenen Betrags im Herbst 1938 hatte viel Geld verschlungen und war nur durch die Hilfe einer einflussreichen Person wie Davaris möglich gewesen. Dass er sich auch im Fall der Sakarya bei Streitigkeiten kaum auf die rumänische oder türkische Justiz würde verlassen können, war Perl klar. Erstens würde ein Prozess Monate, wenn nicht länger, dauern, und diese Zeit hatten Perl und vor allem die betroffenen Flüchtlinge einfach nicht. Zweitens würde vor Gericht die Partei gewinnen, die dem Richter mehr Bestechungsgeld zahlen wollte und konnte, und das waren mit Sicherheit nicht Perl und Konsorten. Perl gab sich diesbezüglich keinerlei Illusionen hin, weil ihm völlig bewusst war, mit wem er sich eingelassen hatte und dass es sich bei seinen Partnern eben nicht um seriöse Schifffahrtsgesellschaften handelte, wie er auch dem Schweizer Fluchthelfer Ernst Fink schrieb: „Es sind vielmehr, wie ja nicht anders zu erwarten ist, Berufsschmuggler, früher einmal waren sie Bootlegger in Amerika, dann wieder schmuggelten sie Waffen nach Spanien, oder ich weiss nicht welche Rauschgifte, heute schmuggeln sie – unter anderem – auch Juden nach Erez. Dass bei solchen Leuten die schönsten Verträge nichts nützen, dass vielmehr alles eine Frage des jeweiligen Kräfteverhältnisses ist, ist klar.“223 Die revisionistischen Transportorganisatoren setzten daher zur Wahrung ihrer Interessen vor allem auf den Betar, der laut Perl dafür bekannt war, Wortbrüchige an getroffene Abmachungen mit „entsprechenden Mitteln“ zu „erinnern“.
Unabhängig davon bedeutete die neuerliche Verzögerung durch die Verspätung der Sakarya weitere Mehrkosten für die Flüchtlinge an Bord der Saturnus und der Spyroula. Daher brauchten sie dringend das Geld, das Perl über die Aguda in Budapest aufgetrieben hatte. Die Verstrickungen der verschiedenen Parteien führten nun jedoch zu einem wahren Teufelskreis. Denn die Aguda wollte verständlicherweise erst zahlen, wenn ihre Leute in Budapest an Bord eines Flussboots gingen. Die DDSG wollte jedoch erst ein neues Schiff schicken, wenn die Saturnus in Sulina ihre Passagiere ausgeladen hatte und sich auf dem Rückweg befand. Dass die Flüchtlinge von Bord der Saturnus gingen, ließen wiederum die Rumänen nicht zu, solange der Weitertransport nicht gewährleistet war. Dafür musste erst die Sakarya auftauchen. Aber selbst wenn diese am 10. Dezember in Sulina eintreffen sollte, hätten die drei Wochen Verspätung ein derart großes Loch in die Finanzen der Flüchtlinge gefressen, dass diese den vereinbarten Preis nicht mehr zahlen konnten. Das aber hieß, die Sakarya würde nicht abfahren, die Saturnus ihre Passagierinnen und Passagiere nicht auf die Sakarya transferieren, die DDSG kein weiteres Schiff für die Aguda in Budapest schicken und diese das dringend benötigte Geld nicht überweisen.
Perl konnte keinesfalls zulassen, dass sich diese Angelegenheit endlos in die Länge zog. Jeder weitere Tag bedeutete unnötige Mehrkosten, doch noch wesentlich schlimmer war die Angst vor einem altbekannten Gegner: dem Winter. Die Zeit drängte, denn die Donau konnte jeden Moment zufrieren, wie Perl schon im Vorjahr erlebt hatte. In diesem Jahr kam noch eine entscheidende Sache hinzu. Es herrschte Krieg und die Boote der DDSG wurden auch von der Wehrmacht benötigt. Perl mochte sich die Reaktion der Gestapo gar nicht ausmalen, würde die Saturnus wegen eines jüdischen Transports bis zum Frühjahr in Rumänien festsitzen. Vermutlich würde die DDSG ihr Schiff daher bald zurückrufen, und zwar mit den Passagierinnen und Passagieren an Bord. In einem solchen Fall bestand wenig Zweifel über deren weiteres Schicksal.
Perl sah daher nur eine Lösung. Er musste die DDSG überreden, trotz allem sofort ein weiteres Schiff zu schicken. Im Grunde war dies eine unmögliche Aufgabe, aber er hatte noch ein As im Ärmel: Liesel Kant. Seine Tante hatte generell gute Kontakte zur DDSG, vor allem aber zu einem der Direktoren namens Schätz. Dieser war für das „Geschäft mit den Juden“ zuständig und hatte sich in der Vergangenheit als verlässlicher und anständiger Partner erwiesen. Erst hatte Perl gedacht, Schätz hege romantische Gefühle für seine Tante, doch mittlerweile war er zur Ansicht gelangt, dass dies nicht alles war. Dem DDSG-Direktor schien das Schicksal der Flüchtlinge auf der Saturnus und der Juden generell nahezugehen und er nahm deswegen auch für sich selbst Risiken in Kauf, um zu helfen. Anfang Dezember traf er sich mit Perl in Budapest, im Gepäck ein Ultimatum: noch drei Tage, dann würde die Saturnus umkehren. Schätz wollte jedoch versuchen, seine Kollegen im Direktorium und die Gestapo zu überreden, doch noch die Frist bis zum 10. Dezember abzuwarten, die Eri Jabotinsky Rand gesetzt hatte. Dieser Tag war jedenfalls der absolut späteste Zeitpunkt für eine Rückkehr der Saturnus. Sollte ihm der DDSG-Vertreter in Sulina die Ankunft der Sakarya bis dahin bestätigen, würde er alles daransetzen, Perl mit der Grein sofort ein Schiff für die Leute aus Budapest zu schicken.
Das war vermutlich mehr, als Perl zu hoffen gewagt hatte. Dennoch löste es nicht sein Problem. Er hatte nach wie vor weder Schiff noch Geld. Dafür wurde behauptet, dass er von Rand hereingelegt worden sei, der die Sakarya anderweitig vermietet habe, und dass die Flüchtlinge aus Wien und Prag nun ohne Ausreisemöglichkeit in Sulina festsäßen und die Saturnus umkehren müsse, weil Berlin sie anderweitig zu verwenden gedenke. Diese Gerüchte hatten sich bis nach Zürich herumgesprochen, denn es war Ernst Fink, der Perl am 5. Dezember davon in Kenntnis setzte. Fink hatte Gelder für die Reisekosten eines Teils der Flüchtlinge auf der Sakarya aufgetrieben und wurde daher unter anderem von der lokalen Kultusgemeinde über den Wahrheitsgehalt der Gerüchte befragt. Er erbat von Perl eine Stellungnahme, um „den Schwätzern das Gegenteil beweisen“ zu können, die auch behaupteten, Perl würde die Leute nur nach Rumänien transportieren, um an ihr Geld zu kommen, und sie dann im Stich lassen. Als Drahtzieher vermutete Fink den Dachverband der zionistischen Jugendorganisationen Hechaluz, was einmal mehr auf die Konkurrenz zwischen den verschiedenen Transportorganisationen hindeutet.224
Wer auch immer hinter den Gerüchten steckte, der über seine Rivalen in der Regel gut informierte Perl hatte eine Antwort parat. Er konterte die Kritik, indem er darauf hinwies, dass sich andere Reisegruppen in einer ähnlich misslichen Lage befanden, darunter zwei Transporte des Hechaluz.225 Zu allem Überfluss setzten allerdings auch die Briten die Regierung in Bukarest unter Druck. Ihnen waren die Vorgänge in Sulina nicht verborgen geblieben und sie intervenierten bei den Rumänen, die Flussboote zurückzuschicken und keinesfalls den Umstieg auf ein Hochseeschiff zu erlauben. Perl erfuhr davon von Lola Bernstein, die ihm die deprimierende Situation beschrieb. Er bot daraufhin an, nach Sulina zu kommen, doch seine Bekannte riet ihm aufs Schärfste davon ab. Sie hatte erfahren, dass die Rumänen ihn bei seiner Ankunft umgehend verhaften wollten, um die Briten zu beschwichtigen. Auf dem nächsten Donaudampfer, der zurück nach Wien fuhr, war angeblich schon ein Platz für ihn reserviert. Bernstein beschwor ihn daher, in Budapest zu bleiben, dort die Abreise der Aguda-Leute voranzutreiben und mit der DDSG in Kontakt zu bleiben. Perl stimmte zu und bat Hecht, an seiner Stelle nach Rumänien zu reisen.
So wurde Hecht alias Yerushalmy Zeuge, wie die Sakarya tatsächlich am 10. Dezember 1939 in den Hafen von Sulina einlief. Die frierenden Menschen an Bord der Saturnus und der Spyruola jubelten in dem Glauben, ihre Reise endlich fortsetzen zu können.
Weit gefehlt.