19 — Das letzte Schiff

Idealismus, Ordnung und Disziplin waren laut Perl trotz der katastrophalen Zustände auf der Spyroula während der Wartezeit in Sulina nicht verloren gegangen. Zwar gab es wenig Platz und man konnte in den Stockbetten nicht einmal aufrecht sitzen, aber das rigide durchgeplante Sozialleben vermittelte den Passagierinnen und Passagieren zumindest einen Hauch von Normalität und verhinderte, dass sie dem Wahnsinn anheimfielen. An Deck war ein Kindergarten eingerichtet worden, Unterricht in Hebräisch und jüdischer Geschichte wurde abgehalten, es wurde gesungen und musiziert. Paare wurden verheiratet und ein Mädchen und ein Knabe an Bord geboren. Um das männliche Neugeborene zu beschneiden, kam sogar ein Rabbi aus Bukarest nach Sulina. Ein Wiener Künstler, der sich unter den Flüchtlingen befand, veranstaltete Kabarettaufführungen, in die er sein Publikum einbaute. Aus diesem Grund bekam die Spyroula von einem rumänischen Journalisten, der das Schiff einmal besuchte, den Spitznamen „Singender Kahn“ verliehen. Perl zufolge half das Kabarett den Flüchtlingen, ihre Wut und Ängste zu kanalisieren und zu verarbeiten. So wurden Lieder getextet und lauthals gesungen, die auch von den Passagierinnen und Passagieren auf der Sakarya übernommen wurden. Selbst diejenigen Flüchtlinge, die auf eigene Faust nach Sulina gekommen waren und im Hafengelände auf eine Mitfahrgelegenheit warteten, sangen mit.

Als das Wetter schlechter wurde, fanden diese Aufführungen fast jeden Abend statt, um die Moral hochzuhalten. Dennoch lagen bei immer mehr Reisenden die Nerven blank. Ein besonders unzufriedener Flüchtling auf der Spyroula begann mit aufwieglerischen Reden gegen die Organisatoren und fand immer wieder Zuhörer. Die Bitte der Transportkommandanten, dies zu unterlassen, ignorierte er und hetzte stattdessen noch mehr. Erst als dem Unruhestifter eines Nachts von Unbekannten sein falsches Gebiss entwendet und erst nach ein paar Tagen zurückgegeben wurde, kehrte wieder Ruhe ein.

Die Unzufriedenheit des Mannes war jedoch nachvollziehbar. Europa erlebte in diesen Tagen einen Jahrhundertwinter. Die Temperaturen gingen weit unter null und der Fluss fror selbst im Delta an der Mündung ins Schwarze Meer stellenweise zu. An manchen Tagen konnte die Sakarya aufgrund heftiger Stürme nicht einmal erreicht werden, weil sie außerhalb des Hafens ankerte, um Gebühren zu sparen. Den Passagierinnen und Passagieren blieb nichts anderes übrig, als eine Zeit lang ohne Essen auszukommen. Die schlechte Versorgungslage führte sogar zu Handgreiflichkeiten. Eliyahu Gleser, der wie sein Nachfolger Emil Faltyn mittlerweile ebenfalls nach Rumänien gekommen war, verabreichte Lola Bernstein einen Faustschlag, weil er sie beschuldigte, den Flüchtlingen nicht genug Geld für Lebensmittel zur Verfügung zu stellen und aus dem ganzen Unternehmen nur persönlichen Profit schlagen zu wollen.228 Laut Eri Jabotinsky als Zeuge des Vorfalls verließ Bernstein – die bei zwei weiteren Gelegenheiten in handfeste Streitereien geraten sollte und bei einer davon selbst kräftig austeilte – daraufhin den Raum, nicht ohne den übrigen Anwesenden vorzuwerfen, sie nicht verteidigt zu haben.229 Die Stimmung war also auf dem absoluten Tiefststand angekommen und nur Auszüge aus der hebräischen Bibel, so Perl, gaben den Flüchtlingen die Kraft, noch länger durchzuhalten.

Das Leid der Flüchtlinge ließ sich auch vor externen Beobachtern nicht verbergen. Die Briten wussten natürlich, dass Faltyns Leute im Januar 1940 schon ein Vierteljahr auf der Spyroula festsaßen, die mit der Saturnus und der Grein angereisten Personen auf der Sakarya immerhin auch schon fast einen Monat. Bereits im vergangenen Dezember hatten die britischen Nachrichtendienste einen nach Palästina geschickten Brief eines Passagiers der Faltyn-Gruppe abgefangen, in dem schwere Anschuldigungen gegen die Organisatoren erhoben wurden: „Wir sind den schlimmsten Kriminellen in die Hände gefallen, Revisionisten. Dieser Transport dient auch als Waffentransport und einer sagt, dass auch ein Teil der (Auswanderungs-)Organisation mit uns kommen wird. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was wir an Schmutz, Hunger und Kälte zu erdulden haben, und nicht zuletzt an Terror, brutaler Gewalt und Lügen. Informiert unsere Partei über diesen ‚Faltin‘-Transport, dessen Anführer bestraft werden müssen.“230

Das Foreign Office wollte die Zustände an Bord daher öffentlich ausschlachten, unter anderem per Rundfunk über die BBC, um weitere Flüchtlinge von einer illegalen Reise nach Palästina abzuschrecken.231 Derweil gingen in Sulina und Bukarest die Verhandlungen zwischen Perls Leuten und den Türken weiter. Bernstein warf den Besitzern der Sakarya vor, die getroffenen Abmachungen nicht einzuhalten. Diese wiederum erhöhten ständig den Preis, weil sie jeden Tag, an dem ihr Schiff unproduktiv in Sulina vor Anker lag, Geld verloren. Dass Perl stets vorgegeben hatte, eine reiche und mächtige Organisation zu vertreten, hatte in diesem Fall auch negative Auswirkungen. Wie er an Ernst Fink schrieb, hatten die Türken 10.000 Pfund mehr verlangt als ausgemacht und waren der Meinung, sie müssten nur genügend Druck ausüben, um an das Geld zu kommen: „[S]ie glauben, dass uns die Millionen der Amerika-Juden nur so offen zur Verfügung stehen.“232

Geld verloren jedoch auch die Flüchtlinge, die mit jedem Tag weniger finanzielle Mittel zur Verfügung hatten, weil sie sie quasi aufaßen. Zudem waren für die Stehzeit der Flussboote Gebühren an die DDSG angefallen. Bernstein argumentierte, dass die Türken für diesen Verlust verantwortlich seien, und kündigte sogar juristische Schritte an, wie sie in ihrer Übereinkunft vom vergangenen Dezember vorgesehen waren.233 Sie befand sich allerdings in der schlechteren Verhandlungsposition, weil der Krieg die Nachfrage nach Frachtraum konstant steigen ließ. Die Türken, die offenbar vor allem um ihr Schiff besorgt waren, boten dennoch an, die Flüchtlinge auch für das wenige Geld zu transportieren, das diese noch hatten, sofern Visa oder Genehmigungen zur legalen Einreise nach Palästina aufgetrieben werden konnten. Ihre Sorge um die Sicherheit der Sakarya war nicht unberechtigt: Das Foreign Office in London hatte den britischen Gesandten in Ankara längst angewiesen, die türkischen Behörden zu ersuchen, das Schiff bei der Durchfahrt der Dardanellen zu stoppen.234

Wladimir Zeev Jabotinsky persönlich ersuchte daher den britischen Außenminister Halifax, die Einreisebeschränkungen zumindest für diesen Transport vorübergehend aufzuheben. Eine Kopie seines Schreibens schickte er an jedes der übrigen Kabinettsmitglieder der britischen Regierung, doch dem Gesuch wurde nicht stattgegeben. Als auch diese Option vom Tisch war, kündigten die Türken erneut ihre Abreise an und drohten, die Leute auf der Sakarya wieder auszubooten. Davon zeigten sich Perl, Bernstein und die anderen allerdings wenig beeindruckt, denn sie wussten, dass die 1300 Personen, die sich bereits an Bord befanden, das Schiff keinesfalls freiwillig verlassen würden – ganz abgesehen davon, dass die rumänischen Behörden sie unter keinen Umständen mehr an Land gelassen hätten.235 Das sahen schließlich auch die Türken ein.

Nach weiteren zähen Verhandlungen wurde am 22. Januar 1940 endlich ein Durchbruch erzielt. Die Schiffseigner erklärten sich mit insgesamt rund 13.000 Pfund plus den Kosten für 75 Tonnen Kohle sowie einer Million rumänischer Lei einverstanden.236 Die fehlenden Mittel kamen von der NZO aus London, dem Betar, der Hilfsorganisation Joint Distribution Committee und einer amerikanischen Vereinigung namens American Friends of a Jewish Palestine. Auch der rumänische Politiker Wilhelm Filderman als Präsident des Zentralen Hilfskomitees für Emigranten hatte sich an den Verhandlungen beteiligt und streckte Geld vor. Im Gegenzug wurden ihm die von Rand unterschlagenen 2878 Pfund übertragen, die er allerdings auf eigene Faust eintreiben musste.

Nachdem die Finanzierung des Transports somit gesichert war, gab es nur noch eine Frage zu klären: Wer durfte mit?

Die Sakarya war das größte Schiff, das Willy Perl je gechartert hatte, aber auch ihrer Kapazität waren Grenzen gesetzt. Ursprünglich hatte er mit mindestens 2000 „Fahrgästen“ kalkuliert. Zwischenzeitlich war sogar von bis zu 2600 Personen die Rede gewesen, mit den Türken hatte man sich nun auf 2200 Passagiere geeinigt. Interessentinnen und Interessenten für die noch verfügbaren Plätze gab es mehr als genug, denn in Sulina und den anderen rumänischen Häfen warteten unzählige Menschen auf eine Möglichkeit, Europa zu verlassen. Als Gegenleistung für den moralischen und vor allem finanziellen Beistand der jüdischen Gemeinden des Landes sollten vor allem deren Mitglieder berücksichtigt werden, und dann gab es da auch noch die rumänischen Betarim – von den unglücklichen 350 slowakischen Betarim ganz zu schweigen, die nach Monaten immer noch in Bratislava festsaßen.

An Perl ging der Kelch der Auswahl dieses Mal vorüber, da er nicht vor Ort war – anders als Reuben Hecht, der deswegen sogar mit einer Waffe bedroht wurde. Als dieser eines Nachts in seinem Arbeitszimmer in Sulina saß, von dem aus er über die eisige Donau blicken konnte, stürmten mehrere Betarim herein und richteten einen Revolver auf ihn. Sie ermahnten Hecht, es sei seine Pflicht, sie mitzunehmen und nicht irgendwelche Fremden, also Nicht-Revisionisten. Täte er das nicht, sei er für ihr grausiges Schicksal verantwortlich, denn sie würden sich allesamt in den Fluss stürzen. Obwohl es draußen angeblich um die 40 Grad minus hatte, öffnete Hecht das Fenster und forderte sie auf, zu springen. Die kalte Luft sorgte auf der Stelle für Abkühlung der erhitzten Gemüter und die Truppe zog wieder ab. Am nächsten Tag kehrte sie zurück und entschuldigte sich.237

Auch Willy Perl stand unter Druck, wie er Ernst Fink wissen ließ: „Ich brauche für die Durchführung der Sache heute alle meine Kraft und Energie. Und wenn ich heute auch nur einem meine Adresse gebe, noch so vertraulich, habe ich in 5 Tagen Dutzende von Bitten, Anfragen, Vorwürfen. Da es sich um arme verzweifelte Menschen handelt, die die Lage objektiv nicht übersehen können, aber denen man doch das Recht nicht nehmen kann, sich Gedanken zu machen, wäre ich moralisch verpflichtet zumindest dem einen oder anderen, eigentlich allen, zu antworten. Ich aber halte es für im Dienste der Sache viel wichtiger, alle Kraft und Zeit für die glückliche Liquidierung zu verwenden, als dem oder jenem einen wertlosen Gefallen zu erweisen. […] In diesen Dingen gibt es nur eines: ruhigen Kopf bewahren, ruhig und sachlich Schritt für Schritt setzen und sich von niemandem in irgend eine […] unbegründete Panik jagen zu lassen.“238

Hechts Begegnung mit den bewaffneten Betarim und Perls Brief an Fink veranschaulichen, wie groß Anspannung und Verzweiflung in Sulina waren, vor allen bei denen, die nicht mit einem Platz auf der Sakarya rechnen konnten. Denn die Türken pochten auf eine genaue Einhaltung der Vereinbarung und bestachen die Hafenwachen, unter keinen Umständen mehr als 2200 Personen auf das Schiff zu lassen. Doch dieselben Wachen standen auf der Bakschisch-Liste von Perls Leuten, damit sie ein Auge zudrückten, wenn Menschen an Bord geschmuggelt wurden. Entweder schlüpften die blinden Passagiere beim Abzählen durch oder sie wurden als Vorräte getarnt an Bord gebracht, zum Beispiel als Inhalt von Kartoffelsäcken. In einer dunklen Ecke des Hafens war dafür extra eine Nähstube eingerichtet worden, in der diese „‚illegalen‘ Illegalen“ in ihr Versteck eingenäht wurden. Wegen der Beengtheit in den Säcken konnten sie sich nicht sehr dick anziehen und mussten bei Temperaturen unter null Grad stundenlang regungslos daliegen, um von der Besatzung nicht entdeckt zu werden. Dennoch fanden sich genug Menschen, die diese Qualen auf sich nehmen wollten, sodass es am Ende 165 Leute mehr als vereinbart auf die Sakarya schafften. Laut Hecht geschah dies entgegen der Anweisung der Organisatoren – allerdings hatte die für den Proviant zuständige Mila Epstein es so arrangiert, dass das Beladen des Schiffs während der Nacht stattfand und die Aktion daher im Schutz der Dunkelheit durchgeführt werden konnte.

Unter den Passagieren befand sich auch Eri Jabotinsky, der das Kommando über die nun zu einer großen Reisegesellschaft vereinigten Gruppen aus Wien, Prag und Budapest übernahm. Eigentlich hätte er in Rumänien bleiben sollen, aber die Türken bestanden darauf, dass er mitkam. Ihnen war zugetragen worden, dass die Flüchtlinge die Sakarya womöglich an einem Strand in Palästina auf Grund setzen könnten, wie es bei der Parita der Fall gewesen war. Jabotinsky sollte die Versicherung sein, dass genau dies nicht geschehen würde. Die Türken gingen davon aus, dass die NZO dessen Verhaftung kaum riskieren und die Sakarya ihre Passagierinnen und Passagiere daher wie vereinbart still und heimlich abliefern würde.

Das letzte Hindernis vor der Abfahrt in Sulina war eine plötzliche Steuerforderung der Hafenbehörden in der Höhe von 800 Pfund. Meseregi sprach daraufhin beim türkischen Gesandten in Bukarest vor und bat um eine Intervention. Perl hatte ihm zuvor telefonisch geraten, den Diplomaten seines Landes klarzumachen, dass die Rumänen nicht für etwas Geld verlangen konnten, wenn sie den Briten doch versprochen hatten, gerade dies nicht zu tun: nämlich ihre Häfen für illegale Flüchtlingstransporte zur Verfügung zu stellen. Tatsächlich zogen die Hafenbehörden ihre Forderungen zwei Tage später zurück, und am 1. Februar 1940 stach die Sakarya unter dem Jubel der Menschen an Bord – und den Tränen der Zurückgelassenen – in See.

Die nächsten Herausforderungen ließen allerdings nicht lange auf sich warten. Ein erlittener Motorschaden fiel weniger ins Gewicht, denn der Schiffsingenieur konnte die Sakarya wieder flott machen. Weit unangenehmer war die Überraschung, die beim Verlassen der Dardanellen auf die Passagierinnen und Passagiere wartete. Die Briten, die bestens über die Sakarya und ihre Position informiert waren, lagen schon auf der Lauer – in Gestalt der HMS Fiona. Die Sakarya wurde von ihnen angewiesen, zu stoppen, und erst ein Warnschuss brachte die Crew zum Einlenken. Danach enterten schwer bewaffnete Marineinfanteristen das Schiff, die die Passagierinnen und Passagiere für so verzweifelt hielten, dass sie mit Widerstand rechneten. Zwei Offiziere verhörten mit Hilfe der mitgereisten Leyla als Dolmetscherin den Kapitän, der ihnen Bernsteins und Mandlers Vertrag mit den Eignern aushändigte. Diesem zufolge sollte die Reise in den Atlantik gehen, wobei die Flüchtlinge jedoch beim türkischen Alexandretta, dem heutigen Iskenderun, auf zwei kleinere Boote umgeladen werden sollten. Die Offiziere wiesen den Kapitän daraufhin zu dessen Erstaunen an, Kurs auf Haifa zu nehmen. Da sich die Sakarya in internationalen Gewässern befand, verstieß ein solcher Befehl gegen geltendes Seerecht. Dennoch gehorchte der Kapitän, ließ sich die Anweisung allerdings schriftlich bestätigen.239

Dass sie unterwegs nach Haifa waren, sprach sich unter den Passagierinnen und Passagieren schnell herum. Diese kamen nun allesamt an Deck, sodass sich die auf der Sakarya als Wachen zurückgelassenen Soldaten bedroht fühlten und bereits den Finger am Abzug hatten. Doch anstatt anzugreifen, stimmten die Flüchtlinge Perl zufolge lauthals „God save the King“ an, und die Briten salutierten.240 In einem Bericht der Royal Navy wiederum ist von einem prominenten zionistischen Anführer – bei dem es sich vermutlich um Eri Jabotinsky handelte – an Bord der Sakarya die Rede. Dieser gab später an, die Reisenden hätten gedacht, dass die Briten die heimliche Einreise nach Palästina unterstützten und die Aufbringung und Eskortierung des Schiffs nach Haifa nur inszeniert sei, um die Araber zu beschwichtigen. Deswegen sei die Begrüßung der Soldaten so freundlich ausgefallen.

Keine zwei Wochen nach ihrer Abfahrt in Sulina lief die Sakarya am 13. Februar 1940 mit heulendem Nebelhorn in Haifa ein. Eine monatelange Reise fand damit ihr Ende, auf der es insgesamt vier Todesfälle gegeben hatte: zwei Männer an Bord der Saturnus, ein acht Monate altes Baby an Bord der Sakarya, als sie bei Sulina vor Anker lag, und eine Frau während der Fahrt nach Palästina. Die britischen Behörden konfiszierten das Schiff und nahmen sowohl Crew als auch Passagierinnen und Passagiere fest, darunter Eri Jabotinsky. Doch der Kapitän hatte immer noch seinen schriftlichen Beweis, dass er von den Offizieren der Royal Navy zur Fahrt nach Palästina faktisch gezwungen worden war. Nach Intervention der Türkei wurde er mit seinen Männern kurze Zeit später auf freien Fuß gesetzt und auch die Sakarya wurde wieder freigegeben. Die Flüchtlinge kamen zunächst in die Internierungslager von Atlit und Sarafand. Das Colonial Office und das Außenministerium diskutierten in weiterer Folge die Möglichkeit, sie entweder in türkische Hoheitsgewässer oder, im Fall der ungarischen Jüdinnen und Juden, in ihre Heimat zurückzuschicken. Doch weder das eine noch das andere hatte ernsthafte Aussichten auf Erfolg. Nach bangen Monaten wurden die Neuankömmlinge in die Freiheit entlassen.

Willy Perl, unermüdlich, hatte in der Zwischenzeit längst mit der Arbeit an seinem nächsten Transport begonnen. Von Venedig war er nach Mailand gereist, um sich mit Leone Carpi und anderen revisionistischen Funktionären zu treffen. Zwar waren sie alle der Meinung gewesen, dass weiterhin die Rettung der osteuropäischen Juden Priorität haben sollte, doch Carpi wollte mit Perls Hilfe ein eigenes Schiff organisieren, das direkt von Italien aus nach Palästina fahren sollte – was auch den Briten nicht lange verborgen geblieben war.241 Danach war Perl, weil er nicht mehr nach Rumänien konnte, wieder nach Griechenland gefahren, wo er laut einem britischen Bericht noch in den Kauf von zwei kleineren Schiffen mit Namen Epiros und Syros involviert war.242

Doch im März 1940 – fast genau drei Jahre, nachdem der erste Transport der Aktion Palästina erreicht hatte – wurde er auf Betreiben der Briten von der griechischen Polizei festgenommen und in einen Zug nach Deutschland gesetzt.243

Eichmann wartete schon.