Nachbetrachtungen

Erstaunlicherweise hatte der Ausflug nach Wien für Willy Perl keine dienstlichen Konsequenzen. Nach seiner abenteuerlichen Rückkehr mit Lore auf US-kontrolliertes Gebiet – unter anderem hatte er sie dafür als seine Gefangene ausgegeben – wurde er zwar zum Rapport befohlen, kam aber ohne eine Verhandlung vor dem Kriegsgericht und ohne Strafe davon. Das war zwar eine Erleichterung, allerdings machte er sich im Moment weniger um sich selbst Sorgen als vielmehr um seine Frau, die noch immer unter den Folgen ihrer Zeit im Konzentrationslager litt.

Ab Mitte Februar 1943 war Lore in Ravensbrück interniert gewesen, nachdem sie drei Monate zuvor von der Gestapo wegen „judenfreundlichen Verhaltens“ verhaftet worden war. Wie ihr Mann hatte sie sich für Menschen in Not eingesetzt und war von einem Nachbarn deshalb angezeigt worden. Im Tagesbericht der Gestapo ist der exakte Grund für die Verhaftung angeführt: „Sie hat trotz staatspolizeilicher Warnung, die am 14.2.1942 wegen Umgangs mit Juden erteilt wurde, neuerdings einer Jüdin mehrere Tage Unterschlupf in ihrer Wohnung gewährt, um sie auf diese Weise vor der Evakuierung nach dem Osten zu schützen. Sie stand außerdem mit Juden, die aus dem Sammellager in Wien in die Nähe von Warschau flüchteten, in Verbindung und hat diese mit Leibwäsche versorgt.“246 Erst als die SS das Lager im April 1945 aufgegeben hatte und vor der nahenden Roten Armee geflohen war, war Lore nach mehr als zwei Jahren freigekommen und nach Wien zurückgekehrt, hatte aber auch dort unter chronischer Unterernährung gelitten.

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Lore Perl, 1945

Perl ließ seine Frau in einem Spital in Bad Schwalbach gesund pflegen, während er selbst zur US War Crimes Branch versetzt wurde. Ab Herbst 1945 ermittelte er als Hauptverhöroffizier gegen eine SS-Einheit, die während der Ardennenoffensive mehrere Gräueltaten an US-Soldaten sowie der Zivilbevölkerung begangen hatte.247 Diese Tätigkeit brachte ihm allerdings nicht nur die Anerkennung des Chefanklägers ein, der Perl als den besten Vernehmer und Ermittler bezeichnete, mit dem er jemals gearbeitet hatte.248 Die Beschuldigten behaupteten später, ihnen seien ihre Geständnisse durch Folter abgepresst worden, was in den Vereinigten Staaten zu einer politischen Kontroverse und sogar zu einer Untersuchung durch den Senat führte. Perl wurde mehrfach vorgeladen und erteilte bereitwillig Auskunft über die Anwendung von Psychotricks und Manipulation in seinen Verhören, denn das war es schließlich, was er in Camp Ritchie gelernt und selbst gelehrt hatte. Den Vorwurf, sich jemals an einem Gefangenen körperlich vergriffen zu haben, wies er jedoch entschieden von sich und stimmte auch einem Lügendetektortest zu, zu dem es aber nicht kam. Doch obwohl die gegen Perl und andere Ermittler erhobenen Vorwürfe nicht verifiziert werden konnten, wurden Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Verfahrens laut und daher alle in erster Instanz ausgesprochenen Todesurteile in Haftstrafen umgewandelt.

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Willy Perl in US-Uniform, ca. 1945

Der Kriegsverbrecherprozess in Dachau war die letzte wichtige Etappe in Perls militärischer Laufbahn. Lore hatte sich so weit erholt, dass sie wieder reisen konnte, und nachdem Perl im Herbst 1946 aus dem aktiven Dienst ausgeschieden war, ging er mit ihr in die Vereinigten Staaten. Sich wieder in Wien niederzulassen, kam nicht in Frage – ebenso wenig wie die Übersiedlung nach Palästina. Dort machten sich jüdische Untergrundmilizen wie die Irgun daran, ihren Forderungen nach einem eigenen Staat mit Terror gegen die britische Mandatsmacht Nachdruck zu verleihen, und Perl wollte seine Frau nicht noch mehr Chaos und Gewalt aussetzen. Er stattete seinem Bruder Walter, den er wie Lore sieben Jahre nicht gesehen hatte, nur zwei Kurzbesuche in Tel Aviv ab, einen im Spätsommer 1945 und einen nach dem Dachau-Prozess. Vermutlich traf er dort neben mehreren Cousins und Cousinen auch seine Tante Valerie Fischer, die ihn 1938 mit Lore zum Flughafen begleitet hatte, während es Liesel Kant nach Amerika geschafft hatte. Der Großteil seines Familienverbands, der 35 Jahre zuvor von Prag nach Wien übersiedelt war, war jedoch von den Nationalsozialisten ermordet worden, darunter Robert Mandler mit Ehefrau Martha und Tochter Rita.

In den Vereinigten Staaten ließ sich das wiedervereinte Paar zunächst in New York nieder. Als Anwalt konnte Perl in seiner neuen Heimat nicht praktizierten, weil ihm die Zulassung fehlte. Also arbeitete er als selbstständiger Berater in Personalfragen für Unternehmen und hielt lukrative Vorträge über Handschriftenanalyse. Daneben absolvierte er ein Masterstudium in Psychologie an der renommierten Columbia University. 1951 kehrte er als klinischer Psychologe zu den Streitkräften zurück und bekleidete leitende Positionen in Fort Leavenworth in Kansas und von 1955 bis 1958 im Army Hospital in München. Danach zog es ihn in die amerikanische Hauptstadt, wo er für staatliche Behörden im Gesundheitssektor arbeitete und an der George Washington University lehrte. Der Armee blieb Perl als Reserveoffizier weiterhin verbunden und stieg bis in den Rang eines Oberstleutnants auf.

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links: Willy Perl, ca. 1950; rechts: Willy und Lore Perl, ca. 1965

Die Alija holte den mittlerweile zweifachen Familienvater erst nach seiner Pensionierung in den 1970er-Jahren ein, als er sich an die Aufarbeitung des damals Erlebten machte. Das Resultat war das Buch The Four-Front War, in dem er die Schuld am Schicksal der Juden nicht nur den Nationalsozialisten zuschreibt. Im Zuge seiner Bemühungen, jüdische Flüchtlinge vor der drohenden Vernichtung zu retten, hatte er einen „Krieg an vier Fronten“ zu kämpfen – gegen Deutschland, gegen Großbritannien und dessen Einwanderungspolitik nach Palästina, gegen das jüdische Establishment, das sein Vorhaben ablehnte und ihn als Aussätzigen brandmarkte, und schließlich gegen die Elemente, also die Stürme, die raue See, die Kälte, den Hunger und die Epidemien.

Besonders bitter war für Perl das Verhalten der jüdischen Eliten. Seiner Meinung nach hätten mit einer anderen Politik gerade in der Frühphase des Krieges, als sich immer mehr Menschen auf eigene Faust nach Rumänien durchschlugen und sich die Städte an der Schwarzmeerküste in riesige Flüchtlingslager verwandelten, Tausende weitere Leben gerettet werden können. Finanzkräftige Hilfs- und Wohlfahrtsorganisationen hätten lediglich Flüchtlingsschiffe unter US-Flagge auf die Reise schicken müssen. Solche Frachter hätten die Briten kaum bedrängt, weil sie die Vereinigten Staaten zu einem Kriegseintritt an ihrer Seite bewegen wollten. Die Deutschen und Italiener wiederum hatten großes Interesse an einem neutralen Amerika, hätten ein Schiff unter US-Flagge also ebenfalls in Ruhe gelassen. Doch das jüdische Establishment, womit er vor allem die World Zionist Organization und die Jewish Agency meinte, wollte sich am heißen Eisen der illegalen Immigration nach Palästina nach wie vor nicht die Finger verbrennen. Daher unternahm es nichts in diese Richtung und machte sogar Stimmung gegen die „jüdischen Admiräle“, wie ein bedeutender Vertreter der WZO Willy Perl und die anderen Transportorganisatoren einmal abschätzig nannte – durch die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs allerdings rund 40.000 Menschen vor dem Holocaust gerettet werden konnten.249

Anerkennung für seine Taten erhielt „Admiral“ Perl, der die Dinge 1937 gemeinsam mit der Aktion in Gang gesetzt hatte, erst im hohen Alter. Das mag auch an seinen teils radikalen politischen Aktionen nach seiner Pensionierung gelegen haben, die in seiner Verhaftung und einer medial viel beachteten Verhandlung vor einem Bundesgericht gipfelten. Als führendes Mitglied der Jewish Defence League, einer Selbstverteidigungsgruppe für in der Diaspora lebende Juden, hatte er seit Anfang der 1970er-Jahre gegen die Verfolgung von Juden in der UdSSR protestiert und Demonstrationen außerhalb und sogar in der sowjetischen Botschaft in Washington oder bei öffentlichen Veranstaltungen mit sowjetischen Offiziellen organisiert.

Aus diesem Grund wurde Perl vom FBI überwacht und im Juni 1976 schließlich verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen, sich mit Unbekannten zu einem Angriff auf die Wohnungen zweier sowjetischer Botschaftsangehöriger verschworen zu haben, bei dem zwar niemand verletzt, aber mit einer Schusswaffe Fenster zerstört werden sollten. Perl bestritt das Vorhaben nicht. Er gab jedoch an, die Idee dazu sei von einem Exilisraeli an ihn herangetragen worden, der die Aktion auch ausführen sollte und bei dem es sich in Wirklichkeit um einen Informanten des FBI handelte. Mit anderen Worten: Das FBI hatte ihn in eine Falle locken wollen, und zwar aufgrund von politischem Druck aus dem State Department, das sich ein gutes Auskommen mit den Sowjets wünschte. Das Gericht sah allerdings keine Beweise dafür und befand Perl für Verstöße gegen das Waffengesetz sowie geplante Sachbeschädigung für schuldig; lediglich der Vorwurf der Verschwörung wurde in einem Berufungsverfahren fallengelassen.250 Das Gefängnis blieb Perl erspart, doch unter der Auflage, seine Verbindungen zur Jewish Defense League zu kappen, erhielt er eine Geldstrafe sowie eine Bewährungszeit von drei Jahren. Vom Verfahren gezeichnet und finanziell angeschlagen, zog er sich daraufhin ins Private zurück.

Erst im November 1980 trat Perl wieder öffentlich in Erscheinung, als ihm anlässlich des einhundertsten Geburtstags von Wladimir Zeev Jabotinsky die Jabotinsky Centennial Medal für besondere Verdienste um den Staat Israel und das jüdische Volk verliehen wurde. Überreicht wurde sie ihm bei einem Galadinner in New York vom israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin. In den späten 1930er-Jahren hatten sie gemeinsam daran gearbeitet, jüdische Flüchtlinge nach Palästina zu bringen: Perl in Wien sowie am Balkan und Begin in Polen. Begegnet waren sie einander jedoch erst kurz nach Begins Wahl zum Regierungschef 1977 bei einem Besuch der Perls in Israel. Das Treffen war von Reuben Hecht eingefädelt worden, der als Begins persönlicher Berater wohl auch dafür verantwortlich war, dass der Ministerpräsident ein Vorwort zu The Four-Front War beisteuerte.

Die Verleihung der Jabotinsky Centennial Medal dürfte für Perl ein emotionaler und bedeutender Moment gewesen sein, und er war nur der Auftakt zu einer Reihe von Auszeichnungen. 1984 erhielt er einen Orden vom Simon Wiesenthal Center in Los Angeles, 1986 wurde er anlässlich seines 80. Geburtstags vom US-Senat geehrt, ein Jahr später auch von Präsident Ronald Reagan.251 Den Höhepunkt stellte das Jahr 1990 mit zwei ganz besonderen Veranstaltungen dar, für die der an Parkinson erkrankte Perl gewaltige Reisestrapazen auf sich nahm. Zum einen wurde ihm das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien verliehen. Die Zeremonie im Festsaal des Wiener Rathauses war, wie er Reuben Hecht schrieb, eine sehr feierliche Angelegenheit und für ihn und Lore eine Genugtuung in Anbetracht der Dinge, die ihnen in dieser Stadt angetan worden waren.252 Zum anderen wurde er als der Hauptinitiator der Sakarya eingeladen, in Tel Aviv eine Ansprache beim fünfzigjährigen Jubiläum des Flüchtlingstransports zu halten. Damit wurden seine Leistungen auch in Israel gewürdigt.

Noch wenige Jahre vor seinem Tod gab der von seiner Erkrankung mittlerweile deutlich gezeichnete Perl der Shoah Foundation sowie dem United States Holocaust Memorial Museum stundenlange Interviews. In diesen Gesprächen legte er auf bewegende Weise Zeugnis ab über sein langes Leben, das ihn mit den dunkelsten und den edelsten Seiten der Menschen konfrontiert hatte und das geprägt war von Vertreibung, Hass und Gewalt – aber mehr noch von grenzenloser Liebe, Aufopferung und dem unerschütterlichen Glauben, jedes noch so große Hindernis zu überwinden.

Am 24. Dezember 1998 starb Willy Perl im Alter von 92 Jahren in seinem Haus in Beltsville, Maryland. Was wäre zum Abschluss passender als die Worte von jemandem, der sich mit einem seiner Transporte in die Freiheit retten konnte: „Männer wie Willy Perl werden einem Volk geschenkt, wenn es ihrer am dringendsten bedarf. Bei Lebzeiten gelten sie als Abenteurer, später werden sie zu legendären Gestalten.“253