1. Was sind Träume? Von Wachwelten, Schlaf- und Traumwelten

»Einen Traum kann man nicht bauen, ein Traum baut sich.«3 Mit dieser Aussage weist Friedrich Weinreb auf ein zentrales Merkmal von Träumen hin. Träume sind nämlich unserem Willen entzogen. Unabhängig davon, ob wir Träume schätzen oder es bevorzugen, von ihnen verschont zu bleiben – wir haben es nicht in der Hand, ob sie kommen. Sie tauchen auf, wann sie wollen, und erzählen, was sie wollen.

Wachwelt und Schlafwelt

Wachen und Schlafen sind qualitativ völlig verschiedenartige Welten in unserem Ich-Erleben. Im Wachzustand hat unser Ich Zugang zu einem reflexiven Bewusstsein und verfügt über gewisse Entscheidungs- und Handlungsräume. Diese erlauben uns, das Leben willentlich und mehr oder weniger aktiv zu gestalten. Doch unser Wille versagt bereits an der Schwelle zum Schlaf. Wer unbedingt schnell einschlafen will, um am nächsten Tag besonders gut ausgeruht zu sein, liegt häufig lange wach. Wer krampfhaft zu schlafen versucht, wälzt sich nicht selten angespannt und unruhig von der einen auf die andere Seite.

Schlafen können wir erst, wenn wir loslassen, wenn wir zulassen, dass unser Ich ins Unbewusste eintaucht. Das setzt voraus, dass unser Ich auf Kontrolle verzichtet. Menschen, die aus welchen Gründen auch immer Angst haben, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren, haben oft Mühe mit dem Einschlafen. Im Grunde ist eine solche Angst vor Kontrollverlust plausibel, denn im Schlaf sind wir schutzlos und ausgeliefert. Gefahr droht zunächst einmal von der Außenwelt. Deutlich wird das an der Situation von Tieren, die in der freien Wildnis schlafen. Ihr Schlafverhalten muss sich am Feind orientieren. Ohne Feinde lässt es sich prinzipiell zu jeder Zeit und überall sorglos schlafen. Doch das ist in der Natur nur wenigen Tieren vergönnt. Die meisten Tiere haben Feinde und benötigen entweder einen sicheren Schlafplatz oder müssen in der Lage sein, rasch zu erwachen, um sich verteidigen oder flüchten zu können. Solange das gewährleistet ist, kann eine Art überleben.

In der frühen Menschheitsgeschichte waren die Menschen wohl in einer vergleichbaren Situation. Die Natur war bedrohlich und dies ganz besonders während des Schlafs. Sobald wir schlafen, können wir unsere Umwelt nicht mehr sinnlich wahrnehmen. Wir hören oder sehen nicht, wenn sich uns ein Mensch oder ein Tier in feindlicher Absicht nähert. Wir riechen nicht, wenn gefährliche Dämpfe unsere Atemluft vergiften. Auch eine bedrohliche Kälte spüren wir nicht unbedingt. Deshalb erfrieren noch heute obdachlose Menschen in eiskalten Nächten. Im Schlaf sind sie vor den tiefen Temperaturen nicht ausreichend geschützt. Die Menschheit wäre wahrscheinlich schon längst ausgestorben, wenn es ihr nicht gelungen wäre, für den Zustand des Schlafes spezifische Schutzvorkehrungen zu treffen. Manche Historiker gehen davon aus, dass für größere Menschengruppen ein langer tiefer Schlaf erst möglich wurde, als die Städte durch Stadtmauern und Nachtwächter genügend abgesichert waren.

Bis heute benötigen wir einen solchen sicheren Ort, um ohne Angst vor Übergriffen schlafen zu können. Selten machen wir uns bewusst, dass unser Schlafzimmer ein sicherer Ort ist, den in der Regel eine fremde Person nicht ungefragt betreten wird. Wer einmal von einem Einbrecher im Schlaf überrascht worden ist, weiß, wie lange es dauern kann, bis sich wieder das notwendige Geborgenheitsgefühl einstellt, ohne das an Schlaf nicht zu denken ist. Manche Menschen brauchen nach einem nächtlichen Überfall einen Wohnungswechsel, weil der Eindringling die Empfindung von Sicherheit in den eigenen vier Wänden völlig zerstört hat. Solche Erlebnisse lassen erahnen, wie schwer es ist, sich in Kriegsgebieten oder an Orten, die Naturkatastrophen ausgesetzt waren, schlafen zu legen. Das Vertrauen auf eine ungestörte Nachtruhe geht verloren, und es fällt schwer zu glauben, dass man wieder heil aufwachen wird.

Doch der schlafende Mensch ist nicht nur von außen bedroht. Das im 19. Jahrhundert von Johannes Brahms komponierte Wiegenlied »Guten Abend, gute Nacht« erinnert mit seinem Refrain »Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt« die Menschen daran, dass es nicht in ihrer Hand liegt, ob sie wieder aufwachen werden. Gläubige Menschen, aber auch Atheisten wissen, dass die Kernbotschaft des Refrains stimmt: Es ist möglich, im Schlaf zu sterben, sei es, weil man einen Herzinfarkt erleidet oder weil die Organe aus anderen Gründen versagen. Im Schlaf kann man in den Tod hinübergleiten. In der Antike galten der Schlaf »Hypnos« und der sanfte Tod »Thanatos« als Brüder. Und diese prinzipielle Nähe zwischen Schlaf und Tod, ihre schicksalhafte Verbindung, greift das alte Wiegenlied auf. Doch es vergisst nicht, dem Kind einen seligen Schlaf mit süßen Träumen zu wünschen.

Schöne Träume sind eine gute Ausgangsbasis für einen friedlichen und erholsamen Schlaf. Hingegen können Albträume den Schlaf empfindlich stören. Ihre Bilder bedrohen uns von innen her. Nicht nur lebendige Einbrecher, die nachts in unsere Wohnung einsteigen, können uns in Panik versetzen, sondern auch die Räubergestalten in unseren Träumen. Die unmittelbaren körperlichen und seelischen Reaktionen bei einer solchen Gefahr in der Realität oder im Traum sind sehr ähnlich. Wer an Einbrecherbildern aufwacht, wird sich häufig ausgeliefert und schutzlos fühlen. Diese Gefühle sind ganz real, obwohl wir beim Aufwachen rasch erkennen, dass uns lediglich Traumräuber bedroht haben. Manchmal verleiten uns solche Traumräuber sogar zum Handeln: Wir kontrollieren, ob Fenster oder Türen wirklich gut verschlossen sind, damit wir die Gewissheit haben, dass tatsächlich niemand ungebeten bei uns eindringen kann. Allein die Gewissheit, dass es sich um einen Einbrechertraum handelt und die Einbrecher sich lediglich in unserem Kopf breitgemacht haben, reicht nicht immer aus, um uns wieder zu beruhigen.

Bewusstsein, Unbewusstes und Unbewusstsein

Unsere Erlebnisse im Schlaf nennen wir Traum. Doch diese Definition greift zu kurz und ist wenig präzise, denn im Wachzustand kennen wir etwas Ähnliches: den Tagtraum. Träumen ist also nicht auf den Schlaf beschränkt. Und wir bezeichnen jene Menschen als Träumer, die sich tagsüber gerne in ihre Phantasien versenken und von inneren Bildern forttragen lassen, anstatt sich der äußeren Realität zuzuwenden. Tagträumerei wird nicht immer gern gesehen. Speziell Eltern und Lehrer reagieren besorgt, wenn ein Schüler, eine Schülerin sich zu wenig auf die Anforderungen im Unterricht konzentriert, weil die Phantasiewelt ihn oder sie von den Aufgaben ablenkt und zum Trödeln verleitet. Was ist das Gemeinsame dieser Tagträume und der Träume der Nacht und was unterscheidet sie?

Der Antwort kommen wir ein Stück näher, wenn wir den Unterschied zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein näher betrachten. Wenn Sie sich auf diese Zeilen konzentrieren, gelingt das nur, weil Sie wach und bewusst sind. Wachsein und Bewusstsein gehören also zusammen. Da Wachsein eine unabdingbare Voraussetzung für die hier gemeinte Bewusstheit ist, spricht man auch von Wachbewusstsein. Das Bewusstsein könnte man bildlich gesprochen mit einem Lampenlicht vergleichen. Im Wachen hat unser Ich sozusagen eine Lampe in der Hand und kann ihr Licht gezielt auf etwas richten. Das kann die Welt um uns herum sein, aber auch unser Körper oder unser Seelenleben. Bewusst ist all das, was im Lampenlicht sichtbar wird. Bewusstsein hat also mit Klarsicht und Erkenntnismöglichkeit zu tun. Dank dem Bewusstsein wissen wir, dass wir existieren. Wir wissen zudem, wer wir sind, wo wir sind, und können uns Datum und Uhrzeit vergegenwärtigen. Bewusstsein befähigt uns zu Orientierung in Zeit und Raum. Das Bewusstsein erlaubt uns weitere komplexe Fähigkeiten: Wir sind in der Lage, uns zu konzentrieren oder aufmerksam zu sein, logisch zu denken, Situationen zu beurteilen und überlegt zu handeln, um nur einiges zu nennen.

Doch die Bewusstseinslampe hat nur eine begrenzte Reichweite, sie kann nie alles ausleuchten, und deshalb bleiben grundsätzlich gewisse Areale im Dunkeln. Und diesen gesamten dunklen Bereich nennen wir in der Tiefenpsychologie das Unbewusste. Einige dieser dunklen Bereiche können wir relativ mühelos mit unserer Lampe erhellen. Wenn wir beispielsweise versuchen, uns zu erinnern, richten wir das Licht unserer Lampe aktiv auf unseren Gedächtnisspeicher, der im Unbewussten liegt. Sobald es uns beispielsweise gelingt, einen Namen zu erinnern, haben wir ihn ins Bewusstseinslicht geholt. Unsere Fähigkeit zur Erinnerung beweist, dass Erlebnisse oder Fakten, die uns in der Vergangenheit bewusst waren, ins Unbewusste hinabsinken und dort aufbewahrt werden. Vieles davon können wir wieder aktiv hochholen und uns vergegenwärtigen, anderes bleibt, selbst wenn wir uns anstrengen, im Dunkeln und kann nicht mehr explizit angeschaut werden.

Explizites Erinnern bezeichnet den bewussten Erinnerungsvorgang. Doch auch wenn wir eine Erfahrung nicht mehr explizit erinnern, also nicht mehr bewusst machen können, ist sie nicht gelöscht oder verschwunden. Sie bleibt aufbewahrt und ist wirksam über das sogenannte implizite Gedächtnis. Der Unterschied zwischen explizitem und implizitem Gedächtnis wird besonders deutlich an Menschen, die ihre Fähigkeit des expliziten Erinnerns verloren haben und nur noch implizit erinnern können. So hat der französische Neurologe Édouard Claparède 1911 von einer hirngeschädigten Patientin berichtet, die das jeweils aktuell Erlebte sofort vergaß. Jedes Mal, wenn er sie traf, musste er sich ihr erneut vorstellen, weil sie nicht mehr wusste, wer er ist. Explizites Erinnern war ihr nicht mehr möglich. Eines Tages verbarg er bei der Begrüßung in seiner Hand einen Reißnagel, worauf die Patientin verständlicherweise ihre Hand erschrocken zurückzog. Bei der darauffolgenden Visite weigerte sie sich, ihm die Hand zu geben. Sie war jedoch nicht in der Lage, zu begründen, warum sie so handelte.4

Auch der Neurowissenschaftler und Nobelpreisträger Roger Sperry hat bei sogenannten Split-Brain-Patienten den Unterschied zwischen expliziter und impliziter Erinnerung nachweisen können.5 Bei diesen Patienten ist die Verbindungsbahn 6 zwischen der linken und rechten Gehirnhälfte durchschnitten, weshalb die linkshemisphärischen, kognitiv-sprachlichen Fähigkeiten nicht mehr mit den emotional-bildhaften Eindrücken der rechten Hirnhemisphäre verknüpft werden können.

Roger Sperry zeigte nun einer Frau, deren Verbindung zwischen der linken und rechten Hirnhälfte infolge einer Operation unterbrochen war, pornographische Bilder. Sie errötete und begann zu kichern, war jedoch nicht in der Lage zu erklären, warum sie so reagierte. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass Bewusstwerden und Erinnern ein mehrstufiger Prozess ist: Auf der ersten Stufe brauchen wir gesunde Augen und intakte Gehirnbereiche und Nervenbahnen,7 damit wir überhaupt ein Bild sehen können. Wenn in diesen Körpergebieten ein Defekt vorliegt, sind wir blind. Auf der zweiten Stufe können wir die Bedeutung des Bildes unbewusst erfassen und reagieren stimmig. Roger Sperrys Patientin muss das Bild als Pornobild »erkannt« haben, denn sie hat sinnvoll reagiert. Auch Édouard Claparèdes hirngeschädigte Patientin muss den Zusammenhang zwischen Hand und Schmerz »erkannt« haben, denn sonst hätte sie nicht den Handschlag verweigert. Beide Frauen »wussten« etwas, aber weil sie nicht auf die dritte Stufe gelangen konnten, wussten sie es nicht explizit. Erst hier wären sie fähig gewesen, ihre Wahrnehmungen, Erlebnisse und Erinnerungen in Worte zu fassen und über die Zusammenhänge nachzudenken.

Dieses reflexive oder explizite Bewusstsein im Wachzustand ist gemeint, wenn ich das Bild vom Lampenlicht benutze. Und nach neurowissenschaftlichen Erkenntnissen scheint das reflexive Bewusstsein lediglich etwa fünf Prozent unserer geistigen Aktivitäten und unseres Verhaltens auszumachen. Selbst völlig gesunde Menschen leben überwiegend unbewusst, und die meisten Informationen, die auf uns einstürmen, werden im unbewussten Teil unserer Psyche verarbeitet und im Gedächtnis gespeichert.8 Von dort aus können Informationen den Weg in unsere Träume finden, auch wenn sie uns nur implizit bewusst waren. Aber Traumerlebnisse wandern auch wieder ins Gedächtnis zurück. Es scheint sogar, dass wir beim Träumen unser Gedächtnis konsolidieren, also Fähigkeiten und Geübtes besser verankern. Träumen unterstützt Lernprozesse. 9

Doch das Unbewusste, das sich im Traum zeigen kann, besteht nicht nur aus vergessenen oder verdrängten persönlichen Erfahrungen. Es gibt dort dunkle Bereiche, in die unsere Bewusstseinslampe noch nie vorgedrungen ist. Dieser Bereich umfasst alles, was wir bislang nicht wissen oder für möglich halten. Sobald wir einen Einfall oder einen Geistesblitz haben, gerät etwas Unbewusstes irgendwie ins Lichtfeld unserer Bewusstseinslampe.

Kreative Menschen kennen dieses Phänomen gut und warten in einer schwebenden Aufmerksamkeit, bis im entscheidenden Moment etwas Interessantes an der Peripherie des Lichtkegels erscheint. Sobald ein Mensch etwas allgemein Bedeutendes aus dem Unbewussten auftauchen sieht, hat er das Zeug zum Genie. Erzählt wird das in Daniel Kehlmanns Roman Die Vermessung der Welt. Als einer der beiden Romanhelden, der Mathematiker Carl Friedrich Gauß, in seiner Hochzeitsnacht urplötzlich zu einer mathematischen Erkenntnis gelangt, widerfährt seiner Frau etwas Unglaubliches: Sie muss erleben, wie Gauß das Bett verlässt, um die neue Formel aufzuschreiben. Er schämt sich zwar für sein Verhalten, will die Formel aber unbedingt vor dem Vergessen schützen.10 Diese Szene ist absurd und realistisch zugleich. Realistisch insofern, als alles, was aus dem Unbewussten ins Bewusstseinslicht tritt, sich nicht an Konventionen hält. Einfälle kommen, wann sie wollen, und nehmen keine Rücksicht darauf, ob es uns gerade passt oder nicht. Gleichzeitig sind wichtige Einfälle häufig flüchtiger Natur. Wie Carl Friedrich Gauß müssen auch wir bedeutsame Einfälle schnell festhalten und dem Unbewussten gewissermaßen entreißen, damit sie nicht wieder in der Dunkelheit des Unbewussten verschwinden. Derartige Geistesblitze und Einfälle beweisen, dass das Unbewusste ständig vorhanden ist und als verdunkelter Hintergrund auf unser Bewusstsein einwirkt.

Die Metapher des Lampenlichts für unser reflexives Bewusstsein hilft zu verstehen, wie unterschiedlich Menschen bewusst und wach sind und ihr Bewusstsein auf das hintergründige Unbewusste richten: Manche Menschen sind fähig, ein helles Lampenlicht eng gebündelt und ausdauernd auf einen Punkt zu richten, wodurch sie zu hoher Konzentration fähig sind. Andere neigen dazu, ein diffuses, breit gestreutes Dämmerlicht zu benutzen. Dieses Dämmerlicht entspricht dem, was wir frei schwebende Aufmerksamkeit nennen, und es lässt Menschen offen werden für Bilder und Eindrücke aus dem Unbewussten. Anders als beim Träumen im Schlaf können wir uns aus solchen Tagträumen aktiv und bewusst ausklinken. Auch wenn manche Menschen wenig Lust haben, sich von den Bildern ihres Unbewussten zu lösen, um sich äußeren Aufgaben zuzuwenden: Wenn sie sich anstrengen, wird es ihnen gelingen. Solange wir wach sind, können wir grundsätzlich unsere Blickrichtung und Blickschärfe verändern.

Im Schlaf gelingt das nicht mehr. Sobald wir erschöpft sind oder müde werden, beginnt sich bildlich gesprochen unsere Bewusstseinslampe von selbst zu dimmen. Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit lassen langsam nach, ebenso die Fähigkeit zu denken oder wahrzunehmen. Eine Weile können wir dagegen ankämpfen, aber letztlich löscht sich das Bewusstseinslicht jede Nacht von selbst aus. Wir können also unsere Bewusstseinslampe nicht wie eine reale Lampe beliebig ein- und ausschalten, sondern müssen ihre Eigendynamik ertragen.11 Doch der Schlaf ist weder ein stockfinsterer noch ein ereignisloser Zustand. Wir können viel erleben, und was wir erleben, nennen wir Traum. Im Schlaf sind wir also nicht völlig bewusstlos, sondern verfügen über ein Traumbewusstsein, das sich allerdings von unserem expliziten Bewusstsein unterscheidet.

Traumwelten

Im Gegensatz zu unseren Tagträumen wissen wir beim nächtlichen Träumen nur in Ausnahmen, dass die Wachwelt überhaupt existiert. Erkennbar und wirklich ist im Traum in der Regel ausschließlich die Traumwelt. Erst beim Aufwachen werden wir fähig, zwei Welten zu unterscheiden: die Wachwelt und die Traumwelt. Und die Traumwelt gilt einigen als Trugwelt.12 An dieser Einschätzung beginnen sich die Geister zu scheiden. Können Träume wichtig und manchmal sogar hilfreich sein, oder fügen sie uns ähnlich einem Betrüger nur Schaden zu, weil sie uns etwas vorgaukeln und vortäuschen?

Auf den ersten Blick wirken die Handlungen und Szenen vieler nächtlicher Träume nicht trügerisch, sondern eher realistisch. Traumereignisse können in sich geordnet eine völlig logische Geschichte ergeben, die sich durchaus in der Realität abspielen könnte. Erst beim genauen Vergleich zwischen Traum und Realität finden wir häufig doch noch einige Diskrepanzen. Beispielsweise kann es sein, dass wir im Traum mit Menschen ganz vertraut zusammen sind, die wir in der Realität seit vielen Jahren aus den Augen verloren haben. Auch wenn unser Traumverhalten deutlich von unserem üblichen Verhalten in der Realität abweicht, können wir das als unrealistisch empfinden. Der Traum bestätigt dann nicht das Bild, das wir von uns haben, sondern präsentiert unbekannte oder unvorstellbare Persönlichkeitsfacetten von uns. Das wäre etwa der Fall, wenn wir im Traum handgreiflich werden, obwohl wir uns in der Realität nie auf solche Weise auseinandersetzen würden. Realitätsfern kann es auch erscheinen, wenn unsere Wohnung im Traum viel großzügiger als in der Realität geschnitten ist oder eine fremde Person bei uns wohnt.

Diese wenigen Beispiele zeigen, dass selbst realitätsnahe Traumgeschichten aus Sicht der Träumerin oder des Träumers bereits sehr phantasievoll sein können. Und die Übergänge von eher realistischen zu ausgeprägt phantastischen Träumen sind fließend. Doch trotz einiger Ähnlichkeiten zwischen Traum und Realität existieren auch gewichtige Unterschiede. Wir können im Traum auf dem Mond spazieren gehen oder etwa wie ein Vogel über einen Wald fliegen, weil sich eine Traumgeschichte nicht an die physikalischen Gesetze unserer Wachrealität halten muss. Einer goldenen Schlange am Himmel, einem Märchenriesen oder sprechenden Drachen können wir im Traum, aber nicht in der Realität begegnen. Diese Wesen treffen wir nur im Traum, und das gilt auch für Verstorbene. Im Traum können sie noch lebendig sein. Die Gesetze der Zeit mit der strikten Reihenfolge Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind für die Traumwelt nicht bindend. Diese Gestaltungsfreiheit der Träume wirkt auf manche Menschen faszinierend und anregend, während andere darin den Beweis dafür sehen, dass Träume uns nur in eine unnütze Scheinwelt führen. Welche der beiden Sichtweisen ist nun richtig? Oder wann kann sich die Beschäftigung mit Träumen lohnen?

Über die mögliche Bedeutung der Träume

Im antiken Griechenland galt der Traum fast tausend Jahre lang als Medizin. Kranke Menschen reisten zu den Tempeln des Heilgottes Asklepios, legten sich dort schlafen und hofften, durch einen Traum geheilt zu werden.13 Was für uns heute unvorstellbar, vielleicht sogar unglaubwürdig klingt, war damals gängige Praxis, und an den antiken Tempelstätten sind bis heute zahlreiche steinerne Tafeln erhalten, auf denen Asklepios für eine Heilung gedankt wird. Auch der griechische Arzt Hippokrates – Begründer des bis heute gültigen ärztlichen Eids – war von der Bedeutung der Träume überzeugt. Nach ihm können wir durch Träume von wichtigen Dingen erfahren, die auf keine andere Weise zu erkennen sind. Hippokrates war zudem der Auffassung, dass die Seele mittels Bildersprache im Traum die Ursache einer Erkrankung mitteilen kann.

Diese lange Zeit in Vergessenheit geratene Erkenntnis holte Sigmund Freud im Jahr 1900 mit seinem Buch Die Traumdeutung wieder ans Licht und bereitete damit den Boden für die moderne tiefenpsychologische Traumdeutung. Freud hatte beobachtet, dass Träume wichtige Informationen zu den Hintergründen der Symptome seiner Patientinnen und Patienten enthalten. Allerdings musste er zugeben, dass die Bedeutung der Traumbilder nicht ganz einfach zu entschlüsseln ist. Diese Unverständlichkeit beruhte seines Erachtens auf einer innerseelischen Zensur, die unsere peinlichen Wünsche und Regungen vor uns versteckt. In jüngster Zeit konnte jedoch anhand moderner bildgebender Untersuchungsverfahren des Gehirns gezeigt werden, dass eher das Gegenteil zutrifft: Traumbilder tauchen dann auf, wenn unsere normale Wachzensur ausgeschaltet ist. Im wachen Zustand sorgen gewisse Gehirnareale im Stirnbereich (Frontallappen) dafür, dass wir uns kontrollieren, steuern und disziplinieren können, anstatt völlig enthemmt und triebgesteuert zu reagieren. Genau diese Areale sind jedoch beim Träumen inaktiv.14 Im Traum leben wir sozusagen viel freier und unkontrollierter als im Wachen, weil logisch stringentes und zielgerichtetes Handeln in den Hintergrund tritt. Das zeigt sich auch darin, dass Tätigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen, die Reflexion und Denken erfordern, im Traum nur selten vorkommen, selbst bei Menschen, die tagsüber viele Stunden damit beschäftigt sind. 15

Was bewirkt dieser weitgehende Verlust unserer Kontroll- und Steuerungsfähigkeit im Traum? Der Weg wird frei für Ungewöhnliches, Überraschendes und Bizarres. Träume entwerfen und erproben Neuartiges. In gewisser Weise spielen die Träume mit uns und setzen uns dabei neuen Erfahrungen, Erlebnissen oder Emotionen aus.16 Unter diesem Blickwinkel sind Menschen, die mit Unordnung, Ungewohntem oder Chaos gut zurechtkommen, wahrscheinlich aufgeschlossener für ihre Traumwelt als Menschen, die auf Kontrolle und Struktur nicht gerne verzichten wollen. Angesichts der Komplexität des Lebens können wir es uns jedoch kaum von Chaos oder Ordnung fernhalten, sondern müssen mit beiden Qualitäten umgehen lernen.

Träume spielen manchmal schlimme Möglichkeiten durch, die wir im wachen Leben nicht gut ertragen oder bewältigen können. So träumte ein passionierter Hobbygärtner, wie eine Wildschweinhorde seinen Garten durchwühlte, und war am Morgen sehr erleichtert, seinen Garten unzerstört zu finden. Sein Albtraum hat sich nicht bewahrheitet, aber wie sich eine solche Zerstörung anfühlt, ist ihm geblieben. Das Angstgefühl hat er quasi im Traum erprobt. Ähnlich musste sich eine Frau nach dem Aufwachen sofort bei ihrer Freundin versichern, dass sie noch lebt, weil sie ganz realistisch von deren tödlichem Herzinfarkt geträumt hatte. Diese Träumerin spürte, dass ihr schockierender Traum eine Einübung ins Abschiednehmen war. Träume spielen allerdings nicht nur mit schrecklichen Möglichkeiten, sondern auch mit unseren Wünschen und Sehnsüchten, erzählen etwa von einem Traumhaus, einer Traumfrau oder Traummann. Da bedauern wir gelegentlich, aufwachen und in die Realität zurückkehren zu müssen.

Wann träumen wir und wie?

Wer häufig von schlimmen Träumen geplagt wird, wünscht sich vielleicht ein traumloses Leben und blickt unter Umständen neidisch auf Menschen, die nicht träumen. Andere dagegen finden es schade, dass ihnen die Welt der Träume verschlossen bleibt. Kann es sein, dass manche Menschen träumen und andere gar nicht?

Da wir ohne Erinnerung keinen Zugang zu unseren Träumen bekommen, müssen wir zunächst klären, wie es um unsere Erinnerungsfähigkeit bestellt ist. Eine 1984 durchgeführte repräsentative Umfrage bei 1000 Schweizer Bürgerinnen und Bürgern ergab, dass lediglich 6 Prozent sich nie an ihre Träume erinnerten. Im Gegensatz dazu erinnerten 14 Prozent der Befragten – also jede siebte Person – die eigenen Träume jeden Morgen. Umfragen in anderen Ländern zeigen ähnliche Ergebnisse.17

Die Fähigkeit, sich an Träume zu erinnern, ist allerdings keine unveränderbare Persönlichkeitseigenschaft, sondern unterliegt gewissen Schwankungen. So scheint die Traumerinnerungsfähigkeit während der Pubertät am besten zu sein und kann in persönlichen Umbruchsphasen oder Identitätskrisen wieder ansteigen. Kreativen oder sogenannten »dünnhäutigen« Menschen fällt die Erinnerung häufig leicht. Und Menschen, die aufgrund ihrer Durchschlafstörungen häufig aufwachen, erinnern sich häufiger an Träume als Menschen mit einem ungestörten Schlaf. Je häufiger ein Mensch erwacht, desto wahrscheinlicher kann er einen Traum einfangen. Das macht sich die moderne psychologische Schlafforschung zunutze. Sie lässt Menschen in einem Schlaflabor schlafen, weckt sie zu genau definierten Zeiten und erfragt die Träume. Doch diese systematische Untersuchung der menschlichen Traumaktivität ist erst möglich, seit vor etwa 90 Jahren die Struktur unseres Schlafes enträtselt worden ist.

Als der Jenaer Psychiater Hans Berger im Jahr 1924 erstmals die elektrischen Ströme des Gehirns mit dem von ihm erfundenen EEG (Elektroenzephalogramm) aufzeichnete, dauerte es nur noch wenige Jahre, bis er beweisen konnte, dass unser Schlaf nicht monoton verläuft, sondern in fünf verschiedene Stadien gegliedert ist, die sich im Laufe der Nacht rhythmisch wiederholen.18 Beginnend mit dem Schlafstadium 1 bis hin zum Stadium 4 wird der Schlaf zunehmend tiefer, parallel werden im EEG die Frequenzen immer langsamer und die Amplituden höher. Etwa 90 Minuten nach dem Einschlafen gleitet der gesunde Mensch üblicherweise zum ersten Mal in das fünfte und letzte Schlafstadium, in dem das Gehirn wieder aktiver arbeitet und fast erwacht. Gleichzeitig erhöhen weitere Körpersysteme ihre Aktivität: Puls- und Atemfrequenz steigen und die Genitalien werden verstärkt durchblutet. Den schnellen ruckartigen Augenbewegungen, die im Elektrookulogramm (EOG) zu erkennen sind, verdankt dieses Stadium den Namen REM-Schlaf. Die beiden Amerikaner Eugene Aserinsky und Nathaniel Kleitman haben knapp 30 Jahre nach Entdeckung des EEGs diesen Begriff als Abkürzung für »Rapid Eye Movements« gewählt. Doch während im REM-Schlaf nachweislich viele Organe erregt sind, zeigt das Elektromyogramm (EMG), dass der Muskeltonus des Körpers stark sinkt, weshalb sich eine Person im REM-Schlaf praktisch nicht bewegen kann. Das hat die Natur sinnvoll eingerichtet, denn nach neurobiologischen Erkenntnissen scheinen wir in unseren Träumen nicht lediglich passive Beobachter in einem »Schlaf-Kino« zu sein. Bildgebende Untersuchungen zeigen vielmehr verblüffend ähnliche Gehirnaktivitäten bei geträumten Handlungen und den entsprechenden tatsächlich ausgeführten Handlungen. 19 Wären wir im REM-Schlaf nicht bewegungsunfähig, könnten wir wohl ungehindert unsere Traumerfahrungen ausleben.

Mit der Einführung der drei genannten Messmethoden EEG, EOG und EMG sowie der Kenntnis der Schlafstadien begann die Ära der psychologischen Schlaflaborforschung. Um herauszufinden, wann und wie Menschen träumen, haben Eugene Aserinsky und Nathaniel Kleitman 1955 begonnen, ihre verkabelten schlafenden Probanden zu definierten Zeiten zu wecken und sofort nach Träumen zu befragen. Bei Weckungen in den REM-Phasen berichteten die Probanden in mehr als 80 Prozent von lebhaften und bilderreichen Träumen. Aus den Schlafphasen 1 bis 4, dem sogenannten Non-REM-Schlaf, wurden weit weniger Träume erinnert. Diese Träume waren im Vergleich zu den REM-Träumen meist kürzer, weniger intensiv, und anstatt Szenen wurde häufiger von Gedanken berichtet. Doch spätere Untersuchungen konnten belegen, dass die Unterschiede zwischen REM- und Non-REM-Träumen viel geringer sind als ursprünglich angenommen. Die systematischen Weckungen im Labor legen zudem nahe, dass alle gesunden Menschen während des gesamten Schlafs träumen und lediglich die Fähigkeit variiert, sich unter alltäglichen Bedingungen an Träume zu erinnern.20

Es ist häufig nicht besonders schwer, die eigene Erinnerungsfähigkeit an die Träume zu verbessern. Mit Offenheit, Neugier und Interesse an der Welt der Träume ist bereits ein erster wichtiger Schritt getan. Wer dann noch einen Schreibblock mit Stift oder ein Diktiergerät neben das Bett legt, um die Träume unmittelbar nach dem Aufwachen festzuhalten, wird erstaunt sein, wie viel mehr Träume durch eine positive Einstellung und die genannten praktischen Aufzeichnungshilfen greifbar werden. Für Menschen, die sich bisher nicht gut an ihre Träume erinnern können, ist es entscheidend, den Träumen vermehrt Achtsamkeit zu schenken. Doch das kostet Zeit. Wem diese Zeit fehlt, etwa weil bereits beim Aufwachen die anstehenden Tagespflichten im Kopf herumschwirren, wird kaum Energie für die eigenen Traumbilder aufbringen. Da bleiben noch das Wochenende oder Urlaubstage. Hier könnte die notwendige Muße vorhanden sein, die es erlaubt, besser in sich hineinzuhorchen, um den Träumen auf die Spur zu kommen.