Im Rahmen ihrer Vorbereitung auf die Erstkommunion wollte ein Religionslehrer im Herbst 2012 seinen 8- und 9-jährigen Schülerinnen das Thema Tod und Sterben näherbringen. Deshalb besuchte er mit den Kindern eine Kapelle und zeigte ihnen den aufgebahrten Leichnam einer Frau. Einige der Kinder reagierten auf den Anblick der Leiche mit Albträumen.21 Wenn uns also etwas verstört oder aufwühlt – und das kann die Begegnung mit einem sterbenden oder toten Menschen durchaus –, können Träume das Thema aufgreifen. Aber dasselbe Erlebnis wirkt nicht bei allen Betroffenen auf die gleiche Art und Weise: Nur bei einigen Kindern sind nach der Begegnung mit dem Tod Albträume aufgetreten. Wir reagieren also verschieden, und es mag rätselhaft erscheinen, dass brutale, traumatische Erfahrungen nicht zwangsläufig Albträume auslösen. So wies Nelson Mandela in einem Interview darauf hin, dass er während seiner Gefangenschaft auf Robben Island nie von Albträumen geplagt worden ist. 22 Umgekehrt kommt es vor, dass Menschen von schrecklichen Träumen berichten, obwohl ihr äußeres Leben ohne furchtbare Ereignisse verlaufen ist. Was sind also die Auslöser beziehungsweise die Ursachen unserer Träume?
Auf der Suche nach traumauslösenden Faktoren haben zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler versucht, das Träumen experimentell zu beeinflussen. So hat Howard Roffwarg seine Versuchspersonen über mehrere Tage Brillen tragen lassen, in denen die Umwelt in Rot getaucht wurde. Die Traumbilder waren daraufhin von Nacht zu Nacht zunehmend mehr in Rot gefärbt. Sobald die Probanden die Brillen nicht mehr benutzten, verschwand der Effekt, und die Farben der Traumbilder waren wie vor dem Experiment. Es gibt also einen Informationstransfer zwischen unseren wachen Eindrücken und der Traumwelt. Bleibt die Frage, welche Tageserlebnisse Eingang in unsere Träume finden. Um das zu klären, haben Forscher ihren Probanden vor dem Schlafengehen verschiedene Filme gezeigt, einmal mit einem heiteren und ein anderes Mal mit einem belastenden Thema. Einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler waren anschließend frustriert, dass keine sicheren Kriterien gefunden wurden, die erklären konnten, ob und wie ein Filminhalt in der folgenden Nacht das Traumleben beeinflusst. Der Zusammenhang zwischen den Film- und den Traumbildern scheint überwiegend zufällig.
Bei anderen Experimenten wurden dagegen gewisse Zusammenhänge zwischen Wachinhalt und Trauminhalt erkennbar. Probanden, die sich vor dem Zubettgehen fest vornehmen, über ein subjektiv sehr bedeutendes Thema zu träumen, erleben zwar nicht immer, aber doch überzufällig häufig, dass ihr Traum die Thematik aufgreift.23 Die beiden Psychologinnen Inge Strauch und Barbara Meier haben anhand ihrer wissenschaftlichen Untersuchungen im Schlaflabor bestätigt, dass es genau auf diese subjektive Bedeutung ankommt: In der Realität emotional hochrelevante Themen fließen weit häufiger in unsere Träume ein als banale Alltagsangelegenheiten. Doch im Großen und Ganzen scheinen die Träume ihre Themen und Bilder nach einem unbekannten Muster zu wählen. Ob und wann ein Traum etwas aus der Tagesrealität aufgreifen wird und insbesondere welche Geschichte er daraus strickt, scheint immer noch ein weitgehendes Geheimnis. 24
Einige Forscherinnen und Forscher wollten sich mit diesen vagen Erkenntnissen nicht zufriedengeben und haben untersucht, ob von außen kommende Reize, die im Schlaf auf uns einwirken, Träume beeinflussen können. Um das zu klären, haben Inge Strauch und Barbara Meier ihren schlafenden Probanden das Geräusch eines Düsenjägers oder das schluchzende Weinen eines Menschen vorgespielt.25 Nur jeder dritte Traum scheint auf den Reiz reagiert haben, was bedeuten würde, dass eine direkte Beeinflussung der Träume nicht so einfach möglich ist. Unklar ist zudem, wie fehlerbehaftet solche Ergebnisse sind: Die Träume selbst könnten das Geräusch in einem Bild oder einer Szene verarbeitet haben, ohne dass dies erkennbar ist. Andererseits fiel auf, dass die Beurteiler der Träume – sie wussten nicht, ob und welchen Geräuschen die Träumerinnen und Träumer ausgesetzt waren – gelegentlich fehlerhafte Zuordnungen vornahmen: Sie vermuteten Geräuschreaktionen, wo gar keine Geräuschexposition erfolgt war, oder konnten das richtige Geräusch nicht zuordnen, verwechselten also Düsenjäger und Weinen.
In weiteren Laborversuchen wurden andere Sinnesorgane angeregt: Schlafende Menschen wurden berührt,26 Gerüchen, Musik oder optischen Reizen ausgesetzt. Gerüche und optische Reize haben unter Laborbedingungen das Träumen praktisch gar nicht beeinflusst, Berührungen im Schlaf schon eher. Das ist nicht verwunderlich, denn Körperkontakt ist selten ein völlig neutrales Erlebnis, sondern weckt bei wachen Menschen Gefühle – seien sie nun angenehm oder unangenehm. Berührungen im Schlaf sind wie im Wachzustand als intimes Erlebnis nicht banal, sondern gehen »unter die Haut«.
Insgesamt weisen also spontane Beobachtungen sowie experimentell gesetzte Faktoren in die gleiche Richtung: Erlebnisse27 , die uns subjektiv wirklich etwas angehen oder beeindrucken, finden häufig ihren Weg in die Traumbilder und Traumgeschichten. Das könnte erklären, warum sehr ähnliche oder die gleichen Erfahrungen nicht bei allen Betroffenen in die Träume einfließen. Aber wie kann es dann sein, dass wir manchmal über Banalitäten träumen? Im Leben und in den Träumen gibt es immer mal wieder Banales, das uns kaum interessiert oder nichts bedeutet. Denkbar ist aber auch, dass unser explizites Bewusstsein etwas als nicht so wichtig empfindet, während es aus der Perspektive des Unbewussten relevant ist. Das würde heißen, dass Unbewusstes und Bewusstes über die Bedeutung von etwas verschiedene Vorstellungen haben können. Zudem können wir nur einen Bruchteil der täglich auf uns einströmenden Informationen bewusst wahrnehmen. Was dem Bewusstsein entgeht, ist aber, wie bereits erwähnt, nicht zwangsläufig verloren, sondern kann unbewusst im impliziten Gedächtnis gespeichert werden.
Deutlich wird das an einem Traum, über den sich ein Patient des Schweizer Psychiaters C. G. Jung sehr wunderte. Kurz bevor er einen Vertrag unterzeichnen wollte, träumte er nämlich, dass seine Hand beim Unterschreiben schwarz wird. Als er daraufhin diskret einige Nachforschungen anstellte, wurde offensichtlich, dass er sich mit seiner Unterschrift tatsächlich die Hände »schmutzig« gemacht hätte. Dieses Erlebnis mag für manche an Magie grenzen. Doch wenn wir davon ausgehen – wofür die oben erwähnten Experimente zum impliziten Gedächtnis von Claparède und Sperry sprechen –, dass wir nicht nur bewusst, sondern darüber hinaus ergänzend auch unbewusst wahrnehmen, dies im Gedächtnis abspeichern und implizit den Sinn verstehen können, dann ist der Traum von der schwarzen Hand durchaus logisch und plausibel.
Quelle der Träume sind also häufig emotional wichtige und interessante Themen, was auch durch neuere neurowissenschaftliche Erkenntnisse bestätigt wird. Moderne bildgebende Verfahren wie die Positronen-Emissions-Tomographie (PET) oder funktionelle Magnetresonanztomographie (FMRT) zeigen nämlich, dass gewisse Teile des Gehirns – das sogenannte limbische System – nicht nur während des Träumens hochaktiv sind, sondern auch bei der Entstehung von sogenannten Basisemotionen.
Räumlich betrachtet finden das Träumen und die vier Basisemotionen überwiegend in denselben Gehirnstrukturen statt. Zum basisemotionalen Steuerungssystem gehören jene Strukturen, die Wut, Furcht, Panik sowie das Such-System unterstützen, dem beim Träumen wahrscheinlich eine Schlüsselrolle zukommt. Das Such-System springt an, sobald uns etwas fehlt. Wenn wir beispielsweise durstig oder hungrig sind, ist das Such-System aktiv, ebenso wenn wir Lust auf Sex oder irgendein Interesse spüren. Sobald das Such-System aktiviert ist, schüttet es den Neurotransmitter Dopamin aus.28 Um zu überprüfen, ob dem Such-System tatsächlich eine Schlüsselfunktion beim Träumen zukommt, hat der Psychoanalytiker Ernest Hartmann gesunde Probanden nach der ersten REM-Phase geweckt und ihnen entweder L-Dopa 29 oder ein Placebo gegeben. Diejenigen, die L-Dopa eingenommen hatten, erinnerten deutlich lebhaftere, intensivere oder bizarrere Träume als Probanden, die ein Placebo oder gar kein Medikament eingenommen hatten.
Träumen hat also viel mit Neugierde und Erkundung zu tun. Die Psyche macht sich beim Träumen sozusagen auf die Suche und will etwas finden. Und das ist möglich, weil beim Träumen nicht nur Gehirnstrukturen erregt sind, in denen Emotionen verarbeitet werden, sondern auch Orte, die für Gedächtnisprozesse zuständig sind. Angeregt durch wichtige Erlebnisse durchsucht die Psyche unseren gespeicherten Erfahrungsschatz und strickt daraus Traumbilder oder ganze Traumgeschichten. Und da die Psyche, wie bereits erwähnt, im Traum viel freier ist als im Wachzustand, erlaubt sie sich Verknüpfungen und Muster, die wir unter rationaler oder moralischer Betrachtung im Wachbewusstsein manchmal verwerfen würden. Die im Schlaf weitgehend fehlende Gewissenszensur erlaubt es der Psyche, alte oder eingefahrene Lebensmuster zu verlassen und neue Optionen und Möglichkeiten auszuprobieren. Einige Neurobiologen kamen deshalb zu dem Schluss, dass wir vor allem träumen, um unsere Probleme zu lösen oder neue Ideen zu entwickeln.
Träumen wäre demnach ein sehr kreativer psychischer Prozess, der vielleicht schon 150 Millionen Jahre alt ist. Solange bevölkern nämlich die Säugetiere die Erde, und experimentell ist nachweisbar, dass bei allen höheren Säugern der REM-Schlaf vorkommt. Aus evolutionsbiologischer Perspektive würde das Träumen kaum über so lange Zeiträume bestehen, wenn es keinen Vorteil für das Überleben der Art und die Anpassung an die Welt hätte. Nicht nur die Aktivität unserer Psyche während der »Tagschicht«, sondern auch die psychischen Vorgänge in der »Nachtschicht«30 sind sinnvoll. Im Traummodus der Nachtschicht kann sich die Psyche quasi um das kümmern, was aus der Tagschicht liegen geblieben ist, weil es nicht verarbeitet werden konnte oder übersehen wurde. Wolfgang Kleespies hat vor diesem Hintergrund das menschliche Gehirn mit einer Bank verglichen: In der Tagschicht werden die operativen Alltagsgeschäfte erledigt, und in der Nachtschicht spielt die Psyche neue Geschäftsstrategien durch. Vereinfacht gesagt, sind Strategien immer dann gefragt, wenn es darum geht, die Zukunft zu gestalten. Ein ökonomisch interessierter Stratege fragt beispielsweise, wohin die Reise eines Unternehmens gehen soll, welche Ziele lohnend sind und mit welchen Mitteln sie erreicht werden können. Strategisch denken und handeln bedeutet, den Blick nach vorne zu richten. Wer ein Gespür für kommende Chancen und Potentiale hat, wer förmlich »riecht«, was lukrativ ist oder in der Luft liegt, kann strategisch erfolgreich sein. Und falls Träume strategische Hinweise enthalten oder zu strategischen Überlegungen anregen, dann wären sie eine wertvolle Ressource für die Gestaltung der Zukunft.
Zu strategischen Überlegungen hat beispielsweise der bekannte biblische Traum des Pharaos31 geführt. Im Traum beobachtet der Pharao, wie sieben fette Kühe aus dem Nil steigen und im Gras weiden. Kurze Zeit später steigen sieben magere Kühe aus dem Nil, fressen die prächtigen Kühe, bleiben aber ausgezehrt und hässlich. In der darauffolgenden Traumszene muss der Pharao mit ansehen, wie sieben ausgedörrte Ähren sieben vollgefüllte Ähren verschlingen und trotzdem kümmerlich bleiben. Diese Traumbilder beunruhigen den mächtigen Herrscher sehr, und weil er sie verstehen will, ruft er nach dem Traumdeuter Joseph. Diesem gelingt es, eine Brücke zwischen Traumwelt und Wachwelt zu bauen, weil er die metaphorische Sprache der Träume übersetzen kann. Joseph erklärt, dass sich die beiden Traumteile strukturell und inhaltlich gleichen. Zunächst sind Fülle und Wohlstand zu sehen, in denen Tiere und Pflanzen prächtig gedeihen. Anschließend zeigt sich das Leben von der armen Seite; Tiere und Pflanzen sind stark abgemagert. Doch diese Gegensätze stehen sich nicht einfach ruhig gegenüber. Das Ausgezehrte vernichtet den ursprünglich da gewesenen Wohlstand vollständig. Am Ende bleibt nichts übrig außer Not und Elend – ein Albtraum, der laut Joseph auf den zyklischen Wirtschaftsprozess des Landes verweist. Nach sieben Jahren des Überflusses werden sieben Jahren der Hungersnot über das Land ziehen und vom ursprünglichen Wohlstand rein gar nichts übrig lassen. 32 Doch diese Traumbilder sind für Joseph nicht ein hinzunehmendes Schicksal, sondern eine Gefahr, mit der es klug umzugehen gilt. Seine strategische Weitsicht kommt ins Spiel, als er dem Pharao empfiehlt, sich für die Notzeiten mit einer klugen Haushaltspolitik zu rüsten. In den Jahren des Wohlstandes sollte er Steuern erheben, um die Kornkammern für die Jahre des Hungers aufzufüllen. Diese Idee hat den Pharao überzeugt, und die in den fetten Jahren gesammelten Getreidereserven standen zur Verfügung, als Jahre später tatsächlich eine Hungersnot ausbrach.
Der Albtraum des Pharaos hat also zu einer richtungweisenden Entscheidung geführt: Ohne den Traum hätte er wahrscheinlich keine Vorsichtsmaßnahmen für die Zukunft getroffen, sondern erwartet, dass Wachstum und Wohlstand einfach bestehen bleiben. Aus strategischer Sicht ist deshalb die Frage »Warum träumen wir?« weniger interessant als die Frage »Wozu träumen wir eigentlich?«. Mit einem Warum schauen wir nämlich zurück in die Vergangenheit und suchen nach den Ursachen von gegenwärtigen Entwicklungen. Mit dem Wozu blicken wir dagegen primär nach vorn und wollen wissen, wohin sich die Umstände oder Situationen entwickeln.33
Einen solchen strategischen Blick auf Träume hat zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts auch der Schweizer Psychiater C. G. Jung gefordert, als er dafür plädierte, Träume nicht nur in kausaler, sondern auch in finaler Hinsicht zu analysieren.34 Unter kausaler Betrachtung sucht man nach den Wurzeln des Traumes, will also wissen, welche kurz oder weit zurückliegenden Erlebnisse der Traum aufgreift und warum. Bei finaler Betrachtungsweise interessiert, wozu ein Traum geträumt wird. Was will er bewirken? Was ist sein Ziel oder Zweck? Gerade bei Albträumen mag es schwerfallen, eine solche Traumabsicht in Betracht zu ziehen. Welchen Zweck soll etwa der Albtraum eines sehr erfolgreichen Mannes in leitender Position haben, in dem er mit ansehen muss, wie die hinteren Waggons eines Zuges entgleisen, weil der Lokführer mit Höchstgeschwindigkeit aus dem Bahnhof rast? 35 Der Traum erinnert an die Gefahren der Geschwindigkeit. Wer am falschen Ort zu schnell fährt, kann eine schlimme Katastrophe verursachen. Dieser Traum könnte bezwecken, dass sich der Träumer mit den Themen Schnelligkeit und Langsamkeit in seinem konkreten Leben auseinandersetzt: Lebe ich auf der Überholspur? Will ich zu schnell vorwärtskommen? Oder könnte irgendeine Situation entgleisen, weil ich etwas zu überstürzt umsetzen möchte? Das sind keine populären Fragen. Doch falls sie »ins Schwarze« treffen, entsteht ein Entscheidungskonflikt: Kann ich unbeeindruckt weitermachen, oder ist es vorteilhaft, auf die Bremse zu treten? Welches Tempo ist also in Zukunft angemessen? Dieser Traum lädt dazu ein, eine Prognose zu fällen. Falls der Träumer mit dem richtigen Gespür die richtigen Weichen stellt, kann er unter Umständen seine eigene seelische Gesundheit verbessern. 36
Gerade in Krisen und heiklen Situationen können Träume gesundheitsfördernd wirken, wenn wir ihre Bilder für die Lebensgestaltung berücksichtigen. Eine Traumprognose ähnelt einer Wetterprognose, und an beiden sind Menschen seit Urzeiten interessiert. Wer die Wetterentwicklung kennt, kann sich darauf einstellen und manches besser planen, und wer seine seelischen Entwicklungstendenzen kennt, kann sich ebenfalls besser einrichten. Das hat den Vorteil, dass man sich nicht an Durchschnittswerten, sondern an der individuellen Befindlichkeit orientieren kann. Nicht jeder sogenannte Workaholic muss nämlich sein Arbeitstempo drosseln, sein Pensum verringern oder seinen Lebensstil ändern. Die Work-Life-Balance kann stimmen, auch wenn jemand extrem viel arbeitet und statistisch betrachtet sehr ungesund lebt. Doch falls ein Traum vom Entgleisen eines Zuges spricht oder andere Gefahren zeigt, lohnt es sich zu fragen, wie es um das eigene Gleichgewicht bestellt ist. Zum gesunden Leben braucht es eine körperliche und seelische Balance, die wir immer mal wieder verlieren und immer auch wiederfinden können.
Unsere Psyche scheint die körperliche und seelische Balance immer wieder anzustreben, indem sie sich selbst reguliert. Was ist damit gemeint? Das Prinzip der Selbstregulation finden wir auf der körperlichen Ebene bei unserem autonomen Nervensystem mit Sympathikus und Parasympathikus. Während der Sympathikus eine allgemeine Leistungssteigerung ermöglicht und deshalb unter Anforderung Herzfrequenz und Blutdruck erhöht, Glukose mobilisiert sowie die Muskeln besser durchblutet, drosselt sein Gegenspieler Parasympathikus diese Aktivitäten herunter. Bei Aktivität und Stress dominiert die Wirkung des Sympathikus, in Entspannungsphasen hat der Parasympathikus die Oberhand. Anspannung und Entspannung wechseln sich als lebensnotwendige Gegensätze ständig ab und versuchen sich – solange wir gesund sind – immer wieder auszubalancieren.
Auch auf der seelischen Ebene scheint es einen Drang zur Ausbalancierung zu geben. Wer nämlich in seiner bewussten Lebenseinstellung extrem übertreibt, sehr einseitig oder seelisch ungesund lebt, der wird vielleicht mit Träumen konfrontiert, die in lebhaftem Kontrast zur eigenen Weltsicht oder Wirklichkeit stehen. C. G. Jung hat diese Kontrastierungstendenz der Träume als Kompensation bezeichnet. So wundert sich ein Mann, dass er von einem betrunkenen Landstreicher träumt, der sich im Straßengraben wälzt. Da er sich selbst moralisch tadellos erlebt, scheint ein solcher Traum nur unsinnig.37 Wenn man aber die Idee der Kompensation aufgreift, könnten die Traumbilder auf einen Persönlichkeitsaspekt hinweisen, der mit dem einseitig positiven Selbstbild des Träumers stark kontrastiert. Der Traum könnte nämlich fragen: Auf welche Menschen schaust du im realen Leben herab? Und bist du wirklich ein durch und durch gewissenhafter Mann oder hast du in dir auch eine verwahrloste Seite, die du unbewusst verachtest? Oder verdrängst du vielleicht deine Angst vor einem Abstieg in die Gosse?
Ähnlich drastisch träumte eine Frau von einer Einladung zu einer vornehmen Gesellschaft. Als ihr die Tür geöffnet wird, betritt sie einen Kuhstall.38 Wenn Träume die innere seelische Wahrheit und Wirklichkeit darstellen, wie sie gerade ist, dann könnte die Träumerin erfahren, dass ihre Freunde nicht nur gebildet, sondern manchmal auch »eine dumme Kuh« sein können. Auch dieser Traum rückt etwas Primitives ins Blickfeld und balanciert somit die einseitige Bewunderung der Träumerin für die geladenen Gäste aus. Ihre positive Sichtweise wird ergänzt um weniger schöne Aspekte.
Doch wie sollen solche Bilder von unschönen menschlichen Eigenschaften der seelischen Gesundheit dienen? Führen sie nicht lediglich in einen unguten psychischen Sumpf? Wer von einem Landstreicher, Junkie oder einer verwahrlosten Person träumt, wird innerlich von etwas berührt, das er vielleicht in seinem äußeren Leben nur aus den Medien kennt. Wer sich durch solche Traumbilder zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbstwertgefühl anregen lässt, kann unter Umständen die eigenen Stärken und Schwächen realistischer erkennen. Jeder von uns hat nämlich einen Selbstwertkomplex. Wenn wir in einer Gruppe zusammensitzen und einige Zeit über Bildung, Beziehung, Geld, Schönheit oder Erfolg diskutieren, werden wir uns mehr oder weniger bewusst einen Rankingwert zuschreiben. Und falls wir uns weit oben ansiedeln, fühlen wir uns unter Umständen zu überlegen oder zu sicher. Ein Landstreicher im Traum könnte schmerzhaft vor Augen führen, dass dem nicht ganz so ist, sondern dass in jedem von uns auch Verpöntes oder Ängste vor dem Verpönten leben. Vielleicht fühlen wir uns durch ein solches oder ähnliche Bilder ermutigt zu klären, wie viel wir im Leben unserer persönlichen Leistung und wie viel wir dem Glück verdanken. Wer sein Glück wahrnimmt, wird häufig milder in der Beurteilung von anderen Schicksalen oder weniger arrogant. Doch Träume können nicht nur ein überhöhtes, sondern auch ein zu niedriges Selbstwertgefühl ansprechen. Manchmal fühlen wir uns nämlich zu blöd, zu klein oder zu wertlos, obwohl es um uns gar nicht so schlimm steht. So kann die Träumerin des Kuhstalltraums überlegen, ob ihre Minderwertigkeitsgefühle darauf basieren, dass sie sich im Vergleich mit anderen zu sehr abwertet oder vielleicht sogar verachtet.
Es wäre falsch, wenn die beiden Traumbeispiele den Eindruck erweckt hätten, dass den Traummotiven »Landstreicher« oder »Kuhstall« eine feststehende Bedeutung zugeordnet werden kann. Dem Sinn von Träumen kann man ohne Kenntnis der Lebenssituation des Träumers, ohne seine Einfälle und Erläuterungen zur Traumgeschichte nicht auf die Spur kommen. Kompensation bedeutet ja, dass zwischen unserem Bewusstsein und dem Unbewussten eine mehr oder weniger große Spannung oder Diskrepanz bestehen kann, die sich ausbalancieren will. Deshalb können wir der Bedeutung eines Traumes nur auf die Spur kommen, wenn wir beide Aspekte – unsere bewussten Haltungen und unsere unbewussten Traumbilder – miteinander vergleichen.
Unabhängig davon, ob wir Traumbotschaften als hilfreich erleben oder nicht, scheint das Träumen als biologisches Phänomen unsere seelische Gesundheit zu unterstützen. Bereits vor einigen Jahrzehnten konnten nämlich Forscherinnen und Forscher die ungünstigen Wirkungen beobachten, die auftraten, wenn sie den REM-Schlaf von Menschen konsequent störten.39 Nach etwa sieben Tagen REM-Schlaf-Entzug klagten viele Probanden über Nervosität, Gereiztheit oder Konzentrationsstörungen und erlebten unmittelbar nach Beendigung der Störungsversuche vermehrt REM-Schlaf-Phasen. Dieses physiologische Nachholbedürfnis könnte darauf hinweisen, dass wir ein gewisses Maß an ungestörtem REM-Schlaf und somit auch ein gewisses Maß an Träumen brauchen, um in einer körperlichen und seelischen Balance zu bleiben.
Diese modernen Erkenntnisse sind im Grunde nicht ganz neu. Laut jüdischer Überlieferung ist ein Mensch gesund, wenn er die Welt des Verborgenen mit der Welt der Erscheinungen – also unbewusste Traumwelten mit der konkreten Realität – verbinden kann. Erst durch die Verbindung beider Lebenshälften und Lebenswirklichkeiten lebt ein Mensch ganzheitlich, und das bedeutet nichts anderes als: gesund.40 Das meint wohl auch Reinhold Messner, wenn er sagt: »Mein Leben ist ein doppeltes. Ich habe alles zuerst erträumt und dann gelebt«, und er ergänzt: »Ohne Traum gibt es kein Abenteuer. Gebuchte Abenteuer – was für ein Widersinn. Abenteuer sind weder planbar noch kopierbar noch versicherbar.« 41 Wie Reinhold Messner sind wir alle in zwei Welten zu Hause, im Bewussten und im Unbewussten. Und falls wir uns bewusst gegen reale Abenteuer entscheiden, so begegnen wir ihnen immer noch in unseren Träumen – und mit den Albträumen sogar den schrecklichen Abenteuern, die unserem Bewusstsein ein Horror und manchmal auch ein Rätsel sind.
Was passiert, wenn man Menschen lange genug reden lässt? Wir stoßen dann fast immer auf Komplexe, also auf Themen, die intensive Gefühle auslösen. Wenn wir beispielsweise in einer kleinen Gruppe genügend lang über Geld sprechen, dann kommen wir ziemlich bald mit unserem persönlichen Geldkomplex in Berührung. Geld geht uns nämlich alle an. Zu Geld haben wir alle eine persönliche Beziehung, eine eigene Meinung und ein bestimmtes Gefühl. Sobald etwa eine Diskussion über Einkommen, Vermögen oder Steuern sehr hitzig wird, sind Komplexe im Spiel. Das Gleiche gilt für hochemotionale Gespräche über das Familienerbe. Bei einem Gespräch über das Erbe können über das Thema Geld längst überwunden geglaubte Erlebnisse des Zu-kurz-gekommen-Seins oder weit in die Kindheit zurückreichende Geschwisterrivalitäten wieder aktuell werden. Dann kommen alte Eltern- und Geschwistererfahrungen erneut hoch und wir werden emotional zurückversetzt in unsere seelische Vergangenheit. Wir empfinden oder handeln wie in der Kinderzeit, was uns allerdings nicht immer bewusst ist.
Sobald wir in derartige kindliche Beziehungsmuster mit den dazugehörigen Kummergefühlen oder Konflikten zurückfallen, sind unsere Eltern- und Geschwisterkomplexe am Werk und können uns unter Umständen innerlich völlig beherrschen. Komplexe sind sozusagen unsere wunden Punkte, aber nicht per se krankhaft oder schädlich, sondern etwas völlig Normales. Jeder hat sie, sowie auch jeder eine Leber oder ein Herz hat. Komplexe als seelische Organe werden erst zum Problem, wenn wir kindlich reagieren, obwohl das längst nicht mehr angemessen oder notwendig ist. Wer beispielsweise einem sadistischen Vater ausgeliefert war, erwartet häufig unbewusst, dass sich alle Autoritätspersonen sadistisch verhalten. Doch diese Vorstellung ist stereotyp und unzutreffend. Und selbst wenn wir im Leben mit einer sadistischen Autorität konfrontiert werden, was ja durchaus passieren kann – wir sind kein kleines, ohnmächtiges Kind mehr.
Komplexe beeinflussen nicht nur mehr oder weniger bewusst ständig unser Wachleben, sondern sie tauchen häufig auch in Träumen auf.42 Gerade in Lebenskrisen oder wenn wichtige Entscheidungen getroffen werden müssen, spielen Träume mit unseren eingefahrenen Komplexmustern, verknüpfen sie auf neue Weise oder ergänzen sie durch neue Perspektiven. Als ein 30-jähriger Mann – ich nenne ihn Stefan – mit dem Gedanken spielte, endlich aus der gemeinsamen Wohnung mit seiner geschiedenen Mutter auszuziehen, verblüffte ihn folgender Traum:
Meine Mutter und meine Tante sitzen in unserer Küche. Ich komme dazu. Mutter sagt uns beiden, dass sie weggehen wolle, weil ihr in Frankfurt eine attraktive Stelle angeboten worden sei. Ich habe Tränen in den Augen, die niemand sehen soll, deshalb gehe ich aus der Küche hinaus. Ich bin schockiert.
Stefan hatte bisher nicht gewagt, eine eigene Wohnung zu nehmen, weil er überzeugt war, dass seine Mutter mit dem Alleinsein nicht zurechtkommen würde. Gleichzeitig war er verärgert, dass er noch zu Hause wohnte und sie so eng aufeinanderhockten. Er fühlte sich kontrolliert und war genervt von ihrer Einmischung in sein Leben. Gespräche endeten meistens mit gegenseitigen Vorwürfen und einer gereizten Stimmung. Und nun stellte ein Traum Stefans Überzeugungen quasi auf den Kopf. Nicht von ihm, sondern von seiner Mutter geht der Impuls zu einer Lebensveränderung aus. Nicht seine Mutter, sondern er reagiert traurig, wenn die Trennung näher rückt. Dieser Traum ermöglichte Stefan, sein bisheriges Bild von seiner Mutter, sich selbst und ihrer Beziehung zu hinterfragen. Hatte er seine Mutter zu sehr auf ihre Mutterrolle reduziert und nicht wahrhaben wollen, dass sie mittlerweile eine Frau mit eigenen Zukunftsplänen sein könnte? Hatte er übersehen, dass sie ein Leben ohne Verantwortung für ein Kind attraktiv finden könnte? Stefan war fünf Jahre alt gewesen, als der Vater wegging und den Kontakt vollständig abbrach. Lange Zeit spürte er, was für eine Katastrophe die Trennung für ihn und seine Mutter bedeutete. Sie klammerten sich aneinander und gaben sich gegenseitig Halt und Trost. Im Traum ist die jetzt anstehende Trennung für seine Mutter keine Katastrophe mehr. Wahrscheinlich deshalb nicht, weil sie nicht zurück und auf den Verlust des bisherigen Lebens, sondern nach vorn auf die zukünftigen Möglichkeiten schaut. Eine solche Haltung erleichtert Veränderungsschritte. Stefan dagegen wird mit seiner möglichen Trauer konfrontiert, was ihm bisher nicht in den Sinn gekommen wäre. In seinem Wacherleben dominieren nämlich Groll und Verärgerung. Es ist für ihn schwer vorstellbar, dass er durch die Trennung überfordert sein könnte, weil ihn Traurigkeitsgefühle überschwemmen, die er nicht zu zeigen wagt.
Stefan ist durch den Traum auf seinen wunden Punkt aufmerksam geworden. Der Wunsch nach einem selbstständigen Leben war überschattet durch die Trennung seiner Eltern und den damit verbundenen schmerzlichen Gefühlen, die ihm bisher kaum bewusst waren. Durch die Traumbilder wurde es ihm möglich, einen anderen Blick auf seine Situation zu werfen und seine Angst vor der Veränderung neu zu bewerten.