Aus den Aufzeichnungen des Täters:
Zu kaufende Objekte: Elektroapparate, nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fallende Drogen, Filmkombination, Tonbandgerät, unter das Betäubungsmittelgesetz fallende Drogen, medizinische Instrumente einschließlich Gurtspanner, Kosmetika, Selbstverteidigungswaffen, Transportgeräte, diverse Spezialinstrumente, Zweitschlüssel, Verkleidung für sie und mich
Weitere zu kaufende Objekte: Pfefferdose, Dolch, Leibbinde, Pistole, Handschellen, Plastilinstöpsel, Salzsäurebatterie, Kieferspreizer mit Schlauch
Salzsäure kaufen. HP-Flaschen von zu Hause. Miniaturflaschen leeren. Außerdem herstellen: Sträflingsmütze, einfache Handschellen, Kieferspreizer spezial, Augenbinde, Ohrenstöpsel. Kaffee-Extrakt kochen und in einen Behälter geben. Tonbandaufnahmen System und privat. Die Wirkung von Salzsäure prüfen
Schlafwagenfahrscheine, Hypnosebuch, Injektionsnadel, Perinimabel [sic], Stethoskop
Medizinische Instrumente, Betäubungswerkzeug entfällt, eventuell als Sicherheit. Eimer vorhanden, Schlauch, Plastikunterlage, Bettspanner. Kosmetika, Haarfarben und weitere Maskierung nicht notwendig, Grundkosmetika vorhanden
Kieferspreizer, Kopfkissenbezug, Schaumgummiunterlage, Plastikunterlage, Schaumgummistreifen, zwei Wasserbehälter, Luftfilter mit Einsätzen […] Ohrenstöpsel, Spezialkopfhörer, Augenbinde, Stopfen für die Nase und Pinsel, um Erbrechen hervorzurufen
Die Hosen sollen luftdicht und aus Plastik sein, die Schuhe dicke Gummisohlen haben. Ersparnisse und Tabletten in einer Streichholzschachtel aufbewahren. Das Messer in der Leibbinde. Schreckschusspistole immer geladen. Geldscheine im Notizbuch. Zwecks Anonymität Wäschezeichen und übrige Kennzeichen entfernen
Salzwasser ruft Durst hervor. Kauf einer chemischen Toilette, komplette Einrichtung einschließlich Schminke, Durchfalldrogen zur Schwächung […] Verdunstungsschutz wegen der Lampen, Pausen, Blitzlichtlampenersatz der Lampen […] kleines Tier als Erklärung für Geruch, Musik, den Kopf festbinden.
Sie hielten es für Selbstmord. Gegen acht Uhr abends wurden die zwei Polizisten Källmo und Lilja von der Leitstelle mit ihrem Streifenwagen nach Hökarängen in den Söndagsvägen 88 beordert. Es war ein Todesfall gemeldet worden.
Die Straße war kurvenreich. Haus Nummer 88 erwies sich als eines, das zu einer niedrigen Zeile aus Reihenhäusern gehörte. Als sie mit ihrem schwarz-weißen Wagen eintrafen, wartete eine Gruppe aus vier Personen vor dem Haus: eine junge Frau, zwei junge Männer, der eine in einem hellblauen Pullover, sowie ein Mann mittleren Alters mit Bart. Einer aus der Gruppe berichtete, dass im oberen Stockwerk eine tote Person liege. Man führte die Polizisten durch das Haus Nummer 86 zur Rückseite von Nummer 88, wo die Terrassentür offen stand. Der junge Mann im hellblauen Pullover erklärte, die Tote dort oben heiße Kickan Granell, sei achtzehn Jahre alt und seine Verlobte. Sie seien beide am Sonntag aus einem Spanienurlaub zurückgekehrt und hätten sich gestern treffen wollen, aber sie war nicht aufgetaucht. Und weil sie heute auch nicht ans Telefon gegangen war, waren er und sein Bruder hergefahren. Da hatten sie sie gefunden.
Die Polizisten betraten das Haus durch die Terrassentür.
Alles war in bester Ordnung. An der Haustür lag ein Stapel Post. Zuoberst eine Dagens Nyheter vom 9. Juli. Die Schlagzeilen lauteten: «FOA-Mann bringt Wennerström zu Fall», «Tückische Autobahn», «Washington wechselt Botschafter in Saigon aus». Ein kleiner Rahmen in der oberen rechten Ecke enthielt eine Wetterkarte, die für die meisten Regionen Schwedens auch weiterhin Regen und Wolken vorhersagte. Die Polizisten stiegen eine Wendeltreppe hinauf. Die Stufen knarrten. Oben angekommen, bemerkten sie einen schwachen Verwesungsgeruch. Zwei Türen standen offen, eine war geschlossen. Der Geruch kam aus dem Zimmer mit der geschlossenen Tür.
Der Verlobte zeigte auf das kleine Schlafzimmer, dessen Tür offen stand und das der Toten gehörte. Er sagte, dass ihre Ringe dort lägen, die sie nie ablegte, sowie mehrere Fotografien nebeneinander, die ihren Vater zeigten, und dass dies «merkwürdig» sei.
Die Polizisten öffneten die Tür. Die zwei jungen Männer drehten um und verschwanden rasch die Treppe hinunter. Källmo und Lilja sahen sich um. Auch in diesem Raum herrschte makellose Ordnung. Mitten im Zimmer standen zwei zusammengeschobene Betten. Nur dasjenige, das dem Fenster am nächsten stand, war bezogen.
Darin lag eine junge, blonde Frau.
Laken und Decke waren bis zum Brustkorb heraufgezogen, und ihr rechtes Bein sah darunter hervor. Ihr Gesicht war dem Fenster zugewandt. Sie war ganz offensichtlich tot. Der Geruch war hier im Zimmer durchdringender. Wachtmeister Lilja trat ans Fenster und öffnete es, um zu lüften.
Die Polizisten hoben das Laken an. Sie war nackt.
Ihr rechter Arm lag angewinkelt über den Brüsten, der linke zeigte schräg nach unten, und die Hand ruhte auf dem Venushügel. An ihrem Körper waren keinerlei offensichtliche Verletzungen oder Flecken, nur eine leichte rötliche Verfärbung der Haut auf der einen Seite der Brust und hinauf bis zum Hals – ein Anzeichen dafür, dass der Verwesungsprozess eingesetzt hatte. Es war kein Blut zu sehen, lediglich ein rötlicher Fleck von Verwesungsflüssigkeit, die aus ihrem Mund gekommen war, auf dem Kopfkissen. An den Nasenlöchern stand eine Schaumblase. Ihr rechtes Auge war geschlossen, das linke leicht geöffnet. Die Polizisten deckten sie wieder zu und inspizierten das Zimmer.
Auf dem Nachttisch stand ein Döschen Tabletten, ein weiteres auf dem Nachttisch des anderen Betts; das eine war mit «Preparyl» beschriftet, das andere mit «Polarmine». Sie zählten die Tabletten. In der Dose neben der Toten waren noch drei, in der anderen elf. Dann fiel den beiden etwas Seltsames auf: Das Kabel des Telefons, das in der Fensternische hinter einer Gardine stand, war fast durchtrennt.
Die zwei Polizisten besprachen sich. Es handelte sich hier doch wohl um Selbstmord? Es gab keinerlei Hinweise auf einen Einbruch oder ein Handgemenge: keine Unordnung, kein Blut, keine Verletzungen, nur eine tote Person in einem ordentlichen Bett. Außerdem zwei Tablettendöschen, die offenbar Schlafmittel enthielten. Und dann das durchtrennte Telefonkabel – musste man daraus nicht schließen, dass sie sichergehen wollte, dass sie, falls sie es sich anders überlegen würde, keine Hilfe herbeirufen könnte? Wenn man dann noch die seltsame Serie mit Fotos ihres Vaters im Nebenzimmer berücksichtigte, wirkte dann das Ganze nicht wie eine Art sentimentaler Abschied? Und die Ringe, die sie nie ablegte – war nicht auch das ein Element von Abschied, von Trauer oder Enttäuschung? So musste es sein.
Hier lag offensichtlich wieder einmal ein Mensch, der sich das Leben genommen hatte. Schweden: Wohlfahrtsland, Glücksland, Unglücksland, Selbstmordland.
Lilja und Källmo gingen zu Nummer 86 zurück. Dort warteten die vier Personen, die sie vorhin in Empfang genommen hatten. Der junge Mann im hellblauen Pullover saß mit einer brennenden Zigarette an dem kleinen Küchentisch, den Kopf in die Hände gestützt. Vor ihm stand eine Tasse schwarzen Kaffees. Sein Name war Jan-Olov Svensson. Der andere junge Mann stellte sich als dessen großer Bruder Stig vor. Die junge Frau war eine gewisse Lillan Sundin und mit der Toten gut befreundet. Sie wohnte nebenan in Nummer 86. Die Polizisten zeigten ihnen die Tablettendöschen, und einer der Anwesenden bestätigte, dass sie wohl Schlafmittel enthielten. Es handele sich um Selbstmord, meinten die Polizisten. Die beiden Brüder und die Frau widersprachen. Warum sollte sie so etwas getan haben? Lilja und Källmo hörten nur mit halbem Ohr zu, sie waren gedanklich bereits bei den nächsten Schritten. Einer der beiden bat, das Telefon benutzen zu dürfen, und forderte einen Leichenwagen an. Die in der Küche hörten, dass der Polizist am Telefon erwähnte, die Leiche sei «alt».
Kurz nach acht traf der Leichenwagen ein, und zwei Männer luden eine Zinkwanne und eine kleine Persenning aus. Einer der Polizisten wies ihnen den Weg. Oben im Schlafzimmer erzählten die Beamten den beiden Trägern, es handele sich um eine junge Frau, die sich das Leben genommen hätte. Einem der Männer mit der Zinkwanne kam die Sache mit dem durchtrennten Kabel eigenartig vor, und er sagte, das Kopfkissen scheine etwas zu glatt und ordentlich, als ob ihr Kopf dort abgelegt worden wäre und sich danach nicht mehr bewegt hätte. Er fügte hinzu, dass auch die Decke und das Laken aussahen, als hätte sie jemand so hingelegt – das hatten die Polizisten getan –, und sagte etwas in der Art von «Das ist wohl kein normaler Todesfall, das war sicher Mord oder so etwas, so aufgeräumt, wie es hier ist». Nachdem er sich ein wenig weiter umgesehen hatte, machte er auch noch darauf aufmerksam, dass es seltsam sei, dass weder eine Schere noch ein Messer herumlag, womit die junge Frau das Telefonkabel hätte abgeschnitten haben können. Die Polizisten schoben den Einwand beiseite und zeigten auf die Tablettendöschen, worauf der Sargträger nachgab.
Sie schlugen Decke und Laken auf. Der eine ergriff die Unterarme der Frau, der andere ihre Knöchel, und so hoben sie den Leichnam in den Sarg. Sie bedeckten sie mit der Persenning, trugen sie zum Auto hinunter und fuhren ab. Das Ganze dauerte nicht mehr als zehn Minuten.
Die beiden Polizisten gingen zurück ins Nachbarhaus zu der kleinen Gruppe, die in Schockstarre wartete, und stellten weitere Fragen. Sie erfuhren, dass seit Sonntagabend keiner von ihnen mehr Kontakt mit Kickan Granell gehabt hatte. Jetzt war es Dienstag. Die Eltern der Toten mussten informiert werden. Lillan Sundin erzählte, dass Kickans Mutter und Vater, Gunnel und Arne, Urlaub in Frankreich machten und am Sonnabend zurückerwartet würden. Lilja und Källmo fuhren wieder ab. Dies geschah am 27. Juli 1965.
Eine Ärztin im Södersjukhuset stellte den Todesfall offiziell fest. Als die Leiche ins Leichenschauhaus gebracht wurde, hatte sich auf dem Boden der Zinkwanne etwas rote Flüssigkeit gesammelt, die aus der Nase der Toten ausgetreten war.
Gegen elf Uhr abends waren Lilja und Källmo wieder in ihrer Dienststelle – in Farsta –, wo sie dem Wachhabenden, dem Ersten Polizeiassistenten Arne Johansson, über den Routineeinsatz Bericht erstatteten. Diesem kam jedoch die Geschichte mit der toten jungen Frau so ungewöhnlich vor, dass er beschloss, sie weiterzuverfolgen. Er rief im Kriminalkommissariat an, das den diensthabenden Spurensicherer losschickte. Wincent Lange war ein junger Småländer mit Ziegenbart, noch recht neu in diesem Job, aber gut ausgebildet. Bis er im Söndagsvägen eintraf, war es Nacht.
Lange betrat das Haus und machte Licht. Routiniert steckte er die Hände in die Hosentaschen, um nicht unnötig Fingerabdrücke zu hinterlassen. Dann begann er sich umzusehen. Auch er konnte feststellen, dass im Söndagsvägen 88 die allerbeste Ordnung herrschte.
Das Esszimmer war unberührt. Auf der Spüle in der Küche lagen fünf Scheiben Knäckebrot, ein verdrücktes Paket Margarine sowie eine ungeöffnete Sardinendose. Auf der anderen Seite vom Herd stand ein Teller mit Schokoladenkeksen. Nichts Auffälliges, doch hatte offenbar jemand eine kleine Mahlzeit vorbereitet, die dann nicht stattgefunden hatte. In dem kleinen Wohnzimmer direkt neben der Terrassentür und unter einem Bild, das Straßenbahnen im Schnee zeigte, stand eine Sitzgruppe. Auf dem Tisch unter anderem einige Briefe, ein Aschenbecher mit vier Zigarettenkippen, ein leerer Umschlag, auf den jemand «Kickan für Essen und Reise» geschrieben hatte, sowie eine angebrochene und fast ganz geleerte Schachtel «Noblesse».
Im Wohnzimmer gab es auch eine kleine Nische mit zwei Sesseln sowie einen Plattenspieler mit integriertem Radio. Auf dem Plattenteller lag noch «Amore Scusami», ein Schlager mit Siw Malmkvist, der im Frühling neun Wochen lang in der Hitparade gewesen war.
Lange stieg die schräg gewinkelte Treppe hinauf. Auch hier konnte er nichts Auffälliges entdecken. Ganz oben über dem Geländer hing ein roter Bettüberwurf, und eine der kleinen Schranktüren stand einen Spalt weit offen. Etwas, das aussah wie ein Lappen, war von einem der Regalbretter gefallen und hatte sich unten in der Tür verklemmt. Auch das Badezimmer war sehr aufgeräumt. Dort stand ein Paket Waschmittel der Marke Jör, und an der Schräge über der Badewanne hingen vier Slips, ein Jumper und ein BH. Das war das Erste, was Lange auffiel. Wäscht man wirklich erst noch seine Unterwäsche, wenn man sich das Leben nehmen will?
Auch in Kickans Zimmer war alles, wie es sein sollte. Die kühl registrierende Prosa des Tatortbefundberichts gibt nicht nur das wieder, was Lange sah, sondern auch, wonach er Ausschau hielt. Als Erstes inspizierte er das Fenster und hielt fest, dass nichts darauf hindeutete, dass sich jemand hier Einlass verschafft hatte. Dann begann er sich umzusehen:
Das Bett steht an der südlichen Seite des Zimmers. Es ist mit der üblichen Ausstattung versehen, es fehlen jedoch Laken und Kopfkissenbezug. Auf dem Bett liegt ein Bettüberwurf. Er ist glatt und straffgezogen. Am Kopfende liegen zwei Zierkissen, und am Fußende sitzt ein kleiner Zier-Hund. […] Neben dem Kopfteil des Betts steht ein Nachttischchen. Foto 25 und 26. Darauf stehen eine Lampe und ein Wecker. Des Weiteren finden sich auf der Tischplatte ein Necessaire, ein Handspiegel, eine Rolle Spitzen, eine Schachtel Zigaretten der Marke Marlboro, eine Gazebinde, eine Schachtel Streichhölzer sowie ein Aschenbecher mit etwas Asche und einer Zigarettenkippe. Auf der Ablage unter der Tischplatte liegt ein Stapel Illustrierte, Zeitschriften und Ähnliches. Darauf steht ein Nähkorb. […] Die Platzierung des Sekretärs geht aus Skizze und Foto 27 hervor. Wie aus diesem Foto und aus Foto 28 zu ersehen, ist die Fläche der Schreibplatte zur Gänze mit unterschiedlichen Gegenständen angefüllt. Unter anderem einige ungeöffnete Flaschen, Kickan Granells zwei Ringe, Strümpfe, ein Frotteehandtuch, einige Briefe, ein Zettel mit dem Text «Karl Olov Werngren, Sköldungagatan 36A, Uppsala, Tel. 14 57 18», Brieftaschen und Portemonnaies, Halstücher, Strümpfe und ein Notizbuch. Am Fußende des Betts steht ein Sessel. Über dessen Rückenlehne hängt ein Kleid in gelblicher Farbe. Darunter ein anscheinend kürzlich gestrickter Cardigan und ein Anfang [sic] Rock aus demselben Material. Über der Rückenlehne hängt des Weiteren ein dünnerer Cardigan, und auf der Sitzfläche liegt eine weiße Bluse. Foto 29. Im Toilettentisch in der Südostecke des Zimmers finden sich die üblichen Gegenstände. Außerdem liegt dort ein Umschlag mit mehreren Arbeitszeugnissen. […] An der nördlichen Wand befindet sich ein Schrank und darüber ein Bücherregal. Auf dem Schrank liegen drei Fotografien von Kickan Granells Vater. Im Übrigen wird auf Foto 31 verwie sen.
Ich mustere eingehend die Fotos, die am Tatort aufgenommen wurden, wahrscheinlich von ebendiesem Wincent Lange und wahrscheinlich an ebendiesem späten Abend, und deren grelles Blitzlicht ein gewöhnliches schwedisches Heim von 1965 in einer Zeitblase eingefroren hat. Ich bin fasziniert davon, wie ordentlich alles ist. Der Boden im Wohnzimmer glänzt von Bohnerwachs. (Das Bohnerwachs ist zusammen mit den Hausfrauen verschwunden, denke ich. Heutzutage hat wohl niemand mehr für so etwas Zeit?) Ich erkenne auch die Mischung aus Stilen und Epochen wieder, die man in allen lebendigen Heimen findet. So ähnlich sah es bei uns zu Hause aus, als ich ein Kind war. Nur im Film haben die Leute immer Stringregale, Schmetterlingsessel, Pipistrello-Leuchten, Vinylfußböden und Sofas von Stockum. Die Sitzgruppe der Granells stammt aus den 60er Jahren, das Bücherregal ebenfalls, der Küchentisch und die Stühle vermutlich aus den 40ern, das Telefontischchen und der Sekretär aus den 50ern, und im oberen Stockwerk steht eine Truhe, die älter sein könnte als alles andere. Und dann der Fernseher, auf dünnen Möbelbeinen aus Holz. Das einzige sichtbare Bedienelement ist ein großes Rad an der Seite. Die Fotoserie folgt Langes Rundgang durch den Söndagsvägen 88, und genau wie er halte auch ich in Kickans Zimmer inne. Ich schaue mir die Fotos genauer an, drehe und wende sie, vergrößere sie. Ich hoffe, darauf mehr von IHR zu finden.
Ich sehe ein ziemlich typisches Mädchenzimmer, bewohnt von einer jungen Frau, die offenbar die Kindheit hinter sich gelassen hat, auch wenn immer noch einige Relikte davon zurückgeblieben sind: ein Plüschaffe auf einem hochbeinigen Hocker, ein Sparschwein aus Plastik sowie ein kleiner Globus aus Blech. Das Bücherregal unterstreicht das Bild der Alltäglichkeit, um nicht zu sagen Banalität. Auf dem unteren Regalbrett eine kleine Sammlung aus Ziergegenständen, der symbolische Platz in der Mitte wird von einem Foto eingenommen, das einen ernsten jungen Mann zeigt. Auf dem oberen Brett fast nur Schulbücher, unter anderem einige Wörterbücher und eine bekannte literarische Schulanthologie, «Dikt och tanke» – mit der ich übrigens selbst auch arbeiten musste, als ich zehn Jahre danach ins Gymnasium kam.
Menschen, die Kickan zu beschreiben versuchen, benutzen oft Wörter wie «lebhaft und freundlich». Oder «munter und fröhlich». Oder «spontan». Ein anderes wiederkehrendes Wortpaar ist «klein und blond». Oder «klein und hübsch». Das sagt nicht viel aus. Außer dass Kickan Granell nicht besonders groß war. Sie selbst fand sich etwas zu dünn, zu mager. Das Aussehen war ihr wichtig, sowohl ihr eigenes als auch das anderer Menschen. In ihrem Zimmer gibt es drei Spiegel: außer dem bereits erwähnten Handspiegel und dem großen Spiegel des Toilettentischs steht ein kleiner, anscheinend weißer Spiegelaufsatz am Fenster. Auch wenn sie vielleicht nicht der Typ Frau war, nach dem sich die Männer auf der Straße umdrehten, war sie durchaus bei den Jungen beliebt, und als sie älter wurde, nahm die Zahl ihrer Verehrer zu. Kickan selbst hatte gesagt, dass sie sich leicht verliebte, aber sie war nicht kokett, sondern hielt auf sich und legte Wert darauf, immer die Kontrolle zu behalten, was nicht so einfach war, da sie außerdem auch nett war, nett in dem Sinne, dass sie ungern jemanden verletzte. Daher konnte es vorkommen, dass sie ihre Mutter Gunnel um Hilfe bat, hoffnungsvolle Verehrer auf Abstand zu halten. Gunnel, wie ihre Tochter klein und blond, hatte unter den jungen Mädchen in der Nachbarschaft einen guten Ruf: Mit ihr konnte man über fast alles reden. Wenn Kickan Schluss machte, dann per Brief.
Sie war offenbar niemand, der einfach nur gefallen wollte. Vielmehr galt sie als «energisch», «tüchtig» und «effektiv», als «keck» oder «unerschrocken». Es machte ihr zum Beispiel nichts aus, allein von der U-Bahn durch den Wald nach Hause zu gehen, obwohl es dort dunkel war und man Exhibitionisten, Voyeuren und Spannern begegnen konnte. Sie wurde selten wütend, aber wenn, dann legte sie ein beeindruckend explosives Temperament an den Tag – sie ließ sich nichts gefallen. «Ambitiös» ist ein weiteres Wort.
Nicht dass Kickan eine Streberin gewesen wäre. Ihr Lesestoff hielt sich im Rahmen des Üblichen. Aus der Untersuchung des Schlafzimmers ihrer Eltern lässt sich schließen, dass sie an dem Abend, an dem sie ermordet wurde, vorhatte, den Fortsetzungsroman in der neuesten Nummer von Damernas värld und danach «Catherine» von Juliette Benzoni zu lesen. Die heute nicht ganz zu Unrecht in Vergessenheit geratene Benzoni war 1965 gerade in Mode gekommen und hatte ihre Serie über Catherine begonnen, die schließlich sieben Bände umfassen sollte. Eine Beschreibung des Inhalts von «Catherine» liest sich so: «Die junge Catherine Lecroix wächst zu einer herzzerreißend schönen jungen Frau heran. Ihre ausdrucksvollen violetten Augen und ihr dramatischer, goldgelber Haarschopf wecken das Begehren des mächtigen Herzogs Philippe, der Ränke schmiedet, um sie zu seiner Geliebten zu machen, indem er sie gegen ihren Willen dem steinreichen, doch gefühlskalten königlichen Schatzmeister zur Frau gibt.»
Kickan war tatkräftig, wusste, was sie wollte, und arbeitete zielstrebig darauf hin. Im letzten Frühling hatte sie sowohl im Serafimerlasarettet gearbeitet als auch an zwei Tagen in der Woche Abendkurse besucht, um ihre Chancen zu erhöhen, zu einer Sekretärinnenausbildung bei Bar-Lock[1] angenommen zu werden. Akademische Ambitionen hatte sie keine. Im Frühjahr 1964 hatte sie das Gymnasium im zweiten Jahr abgebrochen. Damals besuchte sie die Lateinklasse von Stockholms samgymnasium in der Luntmakargatan. (Wahrscheinlich hatte sie sich dort nie richtig eingelebt. Sie verlor schnell den Kontakt zu ihren ehemaligen Schulkameraden im Stadtteil Vasastan.) Und zwar, weil bereits feststand, dass sie in den Sprachfächern durchfallen würde. Zwischen Kickan und ihrem Vater Arne war es wegen ihrer schwachen Leistungen zu ernsthaften Spannungen gekommen.
Arne Granells Berufsbezeichnung lautete zwar Buchhalter, doch er arbeitete als Verkäufer bei einem Herrenausstatter und träumte vom sozialen Aufstieg. Er war immer elegant gekleidet, und die älteren Mädchen in der Nachbarschaft fanden ihn attraktiv. Er war vier Jahre jünger als seine Frau. Viele seiner Wünsche hatte er, wie es so oft geschieht, auf seine Tochter übertragen. Kickan selbst hatte die Situation als belastend empfunden. Nachdem sie beschlossen hatte, die Schule abzubrechen, fühlte sie sich sehr erleichtert. Die Atmosphäre im Reihenhaus hatte sich auf einmal entspannt.
Die Ambitionen des Vaters lebten aber offenbar weiter, zumindest teilweise: Einer der Einwände, die er gegen Kickans Verlobung mit Jan erhoben hatte, hatte gelautet, Jan zeige zu wenig Initiative. Dass der zukünftige Schwiegersohn nur eine Ausbildung zum Möbeltischler absolvierte, machte das sicher nicht besser. Die Familie Granell wird als freundlich, aber ein wenig verschlossen beschrieben, als zurückgezogen, allerdings kann es sich dabei genauso gut um umgekehrten Snobismus handeln. Schweden sah sich zwar gern als ein Land, in dem die gesellschaftlichen Klassen genauso tot waren wie die Ideologien, und vermutlich war sozialer Aufstieg in jener Zeit so einfach wie nie zuvor oder danach – mein eigener Vater hatte vom Brauereiarbeiter zu dem großen Zukunftsberuf Ingenieur umgeschult. Dennoch fiel es vielen neu Zugezogenen wie den Granells schwer, in die zusammengeschweißte Gemeinschaft aufgenommen zu werden, die im Söndagsvägen zwischen denjenigen gewachsen war, die dort schon seit einem Jahrzehnt oder länger wohnten. Man sagte, die Leute dort seien etwas «vornehm». Es dauerte, bis man sich duzte.
Über die Beziehung zwischen Kickan und ihrem Freund sagen die Leute übereinstimmend, dass er sehr ruhig und still gewesen sei, geradezu träge, vielleicht sogar ein wenig lethargisch. Ebenso sind sich alle darin einig, dass Kickan die Dominante war, wegen ihres starken Willens, ihrer Energie und allgemeinen Effektivität. Aber auch, dass beide damit glücklich waren. Kickan war sehr gesprächig und konnte gut mit Menschen umgehen, was ihr bei ihrer Arbeit im physiologischen Labor des Serafimerlasaretts sehr zugutegekommen war. Dort hatte sie hinter einem kleinen Schiebefenster gesessen, getippt, Besucher mit einem Lächeln empfangen und ihnen den Weg gewiesen. Als die Vertretungsstelle im Juni auslief, hatte sie ausgezeichnete Beurteilungen erhalten.
Als ich mir die Fotos ansehe, fällt mein Blick wieder auf das Regal, in dem die Bücher liegen wie beiseite geschoben – oder vielmehr schon fast vergessen von einem Menschen, der froh und ungeduldig war, seine Schulzeit endlich hinter sich zu lassen und dem Erwachsenenleben und der Zukunft entgegenzulaufen.
Was es in diesem Zimmer nicht gibt, sagt in meinen Augen fast genauso viel aus wie das, was auf den Fotos zu sehen ist. Es fehlen schrille Poster mit langhaarigen Teenageridolen von der Sorte, die sogar in dem Zimmer hingen, das ich mir mit meinem Bruder teilte. Schließlich schreiben wir das Jahr 1965, als die Rolling Stones zum ersten Mal nach Schweden kamen, ein ziemlich misslungenes Konzert spielten und mit «Satisfaction» einen Riesenhit landeten, die Animals ebenfalls einen mit «Don’t Let Me Be Misunderstood», Bob Dylan mit «Like a Rolling Stone», The Who mit «My Generation», die Beatles mit «Yesterday» und die Hep Stars mit «Cadillac». Es fehlt ein kleiner Plattenspieler aus Plastik von der Sorte, die seit kurzem zum üblichen Inventar vieler Jugendzimmer gehörten. Nicht einmal ein Transistorradio oder ein Hula-Hoop-Reifen oder ein Foto von James Dean. An der Wand hängt ein Gemälde, das ein Paar von Seidenschwänzen darstellt. Das Einzige, worin man notfalls eine vage Verbindung zur Jugendrevolte und den neuen Zeiten sehen könnte, ist eine Packung Anti-Baby-Pillen, die es damals seit gut einem Jahr auf Rezept gab. Die Schachtel Marlboro, die ebenfalls dort liegt, ist dahingegen nichts Besonderes: Rauchen gehörte zum Erwachsenwerden dazu.
Dieses unpersönliche, ordentliche Zimmer gehörte einer jungen Frau, die zahlreichen Aussagen zufolge nur wenig Freiheiten genoss. War sie unterwegs, rief sie regelmäßig zu Hause an und erzählte, wo sie sich gerade aufhielt. Ein Teil ihres explosiven Temperaments und auch ihres starken Willens scheint sich in den vielen Auseinandersetzungen mit ihrem Vater während ihrer Pubertät entwickelt zu haben. Es gab durchaus Situationen, in denen sie als «widerspenstig» empfunden bzw. beschrieben wurde.
Ich glaube allerdings, dass man es sich zu leicht macht, wenn man das Fehlen von Rolling-Stones-Postern im Zimmer als Beweis dafür wertet, dass ihr Vater auch weiterhin ihr Leben bestimmte. Es kann sich dabei genauso gut um ihre eigene Wahl handeln. Wie die meisten anderen mochte sie die Beatles – in jenem Jahr veröffentlichte die Band zwei ihrer besten LPs: «Help!» und «Rubber Soul», während gleichzeitig ihr Film «Hi-Hi-Hilfe!» Premiere hatte, der unerwartet gute Rezensionen erhielt –, war aber nicht übermäßig begeistert von langen Haaren bei Männern, die gerade in Mode gekommen waren. Schon besser gefiel ihr eine andere Neuerung, ebenfalls aus dem Jahr 1965: der Minirock[2]. Sie war ein Mensch mit eigenem Willen und eigenem Geschmack, denke ich, und hefte mich dann wieder an Langes Fersen.
Die Fotoserie erreicht das Elternschlafzimmer.
Lange betrat das Zimmer der Eltern und hielt fest, dass auch hier alles wohlgeordnet und aufgeräumt wirkte. Auf einem Stuhl vor dem einzigen Fenster lagen eine Strickjacke, ein langärmeliger blauer Jumper, ein BH und ein schwarzer Slip.
Kein Nachthemd. Auf dem Nachttisch ein Fläschchen mit Nasentropfen, ein Feuerzeug, ein Brieföffner, der romantische historische Roman «Catherine» und darauf eine Dose Niveacreme. Der Deckel war geöffnet – ein interessantes Detail.
Für Lange sah es so aus, als ob sich die junge Frau fertig gemacht hätte, um ins Bett zu gehen, nicht um zu sterben.
Lange untersuchte das Telefon mit dem fast ganz durchtrennten Kabel in der Fensternische. Auch er konnte kein Werkzeug finden, dass dafür benutzt worden sein könnte. Der Brieföffner war ganz eindeutig zu stumpf. Er begann sich das Bett genauer anzusehen. Waren nicht sowohl das Laken als auch das Kopfkissen eine Spur zu glatt, als dass jemand darauf gelegen und sich bewegt haben könnte? Er entdeckte zweierlei: Auf dem Kissen fand er außer einem Fleck aus getrocknetem Blut auch noch einen unerklärlichen kleinen Klecks von etwas, das gelbbraune Farbe zu sein schien. Und weiter unten auf dem Laken, ungefähr dort, wo ihr Unterleib gelegen haben musste, bemerkte Lange einen kleinen harten, gräulichen Fleck. Seine Erfahrung sagte ihm, dass es sich dabei sehr wohl um getrocknetes Sperma handeln könnte.
Lange hatte genug gesehen. Der Fall musste eingehender untersucht werden.
Früh am nächsten Tag, einem Mittwoch, wurde die Leiche in der Rechtsmedizin in Solna obduziert. Die Autopsie wurde von dem bekannten jungen Rechtsmediziner Sven-Olof Lidholm durchgeführt – der von einigen «Leichholm» genannt wurde, da er fast nur dann in Erscheinung trat, wenn es um Tote ging. Nicht alle Polizisten mochten ihn: Er sah gut aus, zeigte sich gern in den Medien und war alles andere als ein Duckmäuser: War er abweichender Meinung, zögerte er nicht, das kundzutun. Während er die Untersuchung durchführte, diktierte Lidholm:
1. Die Leiche liegt nackt auf dem Obduktionstisch.
2. Der Körper misst 160 cm und ist normal gebaut, Fettgewebe und Muskulatur sind normal.
3. Die Haut weist einen deutlichen Sonnenbrand auf mit Streifen von einem sogenannten Bikini.
4. Keine verbleibende Leichenstarre.
5. Der Körper befindet sich im Anfangsstadium der Verwesung, die sich am deutlichsten im rechten oberen Teil des Rumpfes und an den Oberarmen zeigt.
Lidholm hielt penibel alle Anzeichen der Verwesung fest und ging dann zur Untersuchung des Kopfes über. Er suchte nach Wunden oder ähnlichen Verletzungen, die unter den Haaren verborgen waren, fand aber nichts. Auch die Nase schien intakt zu sein, obwohl sich darin seltsamerweise ziemlich viel Blut befand. Sowohl Lippen als auch Zähne waren unbeschädigt: «Die Zungenspitze drückt gegen die Innenseiten der oberen Vorderzähne.» Das Zungenbein schien intakt zu sein. Nein, keinerlei Hinweise auf ein Verbrechen.
Lidholm sah sich das Gesicht aus der Nähe an, und jetzt fand er Flecken, wenn auch sehr kleine, die sich als Spuren von Gewalteinwirkung deuten ließen. Auf dem linken Nasenflügel befand sich eine helle, undeutliche Verfärbung der Haut. Auffälliger war ein runder blauer Fleck auf dem linken Augenlid. Direkt daneben fiel Lidholm ein bogenförmiger, einen halben Zentimeter langer Kratzer auf. Wodurch könnte der hervorgerufen worden sein? Möglicherweise durch einen Fingernagel? Als Lidholm die Bindehaut der Augenlider untersuchte, fand er stecknadelkopfgroße Blutungen der Art, die man Erstickungsblutungen nennt und die durch Sauerstoffmangel entstehen, zum Beispiel bei jemandem, der erwürgt wird. Davon fanden sich jedoch nur wenige.
Das war alles. Andere Verletzungen gab es nicht.
Auch die Geschlechtsorgane waren unverletzt, ebenso die Analregion. Er nahm Proben aus der Scheide und führte eine erste einfache Untersuchung per Mikroskop durch, bei der er jede Menge Spermien fand. Die junge Frau hatte kurz vor ihrem Tod Geschlechtsverkehr gehabt. Bei der anschließenden Obduktion der Leiche konnte Lidholm jedoch keine Anzeichen für Krankheiten oder Ähnliches entdecken: Es schien keine der sogenannten natürlichen Todesursachen vorzuliegen. Auch halbverdaute Tabletten fanden sich nicht, weder im Magen noch im Darm. Und sie war nicht schwanger. Das Wichtigste war jedoch, dass er keinerlei Blutungen im Hals feststellen konnte. Und dass Zungenbein und Kehlkopf unverletzt waren. Trotz der Blutungen in den Augen war klar: Sie war nicht erwürgt worden.
Blut und Urin wurden zum Schnelltest geschickt, und die Antwort kam umgehend: keinerlei Spuren von Schlafmitteln. Sie hatte sich nicht das Leben genommen. Das Sperma und die Verletzungen im Gesicht deuteten darauf hin, dass es sich wahrscheinlich um einen Sexualmord handelte. Doch wenn sowohl Tod durch Erwürgen als auch Selbstmord ausgeschlossen werden konnten – wie war sie dann ums Leben gekommen?