Aus den Aufzeichnungen des Täters
Als sie von Pfeffer zur Selbstverteidigung sprach, war es mit Sicherheit nicht ihre Absicht, von Selbstverteidigung zu sprechen, sondern sie wollte damit nur zu verstehen geben, dass sie nicht vorhatte, jemals Körperkontakt mit mir zu haben. Diese Sache mit ihr hat mich derartig aufgeregt, dass ich seit Mitte Januar keinerlei Anzeichen einer Depression mehr verspüre, trotz völliger Isolierung von Freunden und Bekannten. Die damalige und fast zwei Monate andauernde Depressionsphase liegt vier Monate – einem Dritteljahr entsprechend – zurück, und meine Lebenseinstellung wird fortwährend besser
Doch wie tief hat sie mich verletzt, als sie sagte, ich sei ein oberflächlicher Mensch, und möglicherweise würde ich irgendwann dafür bestraft, dass ich genauso hässliche Worte zu meinen Eltern gesagt habe. Ach, hätte ich nur mein Seelenleben nicht derart entblößt. Es war der größte Fehler meines Lebens, einer Frau Vertrauen zu schenken, und seitdem fühle ich mich schon beim bloßen Anblick einer ähnlichen Frau teilweise impotent. Das ist ihre Schuld
Um überhaupt eine Frau bekommen zu können und dadurch meinen größten Traum zu erfüllen und die Chance auf eine sinnvolle Gestaltung meines Lebens zu haben, muss ich mich in meinem Fall einer kriminellen Handlung bedienen
Alle Scheiße ist braun und alle Menschen sind Scheiße und alle Scheiße ist gleich und unveränderlich und muss beseitigt werden. […] Der Lebenskampf hat dich deiner Jugend beraubt und deinen Körper in etwas extrem Hässliches verwandelt – ermorde ihn. Ermorde sie, wo immer du sie siehst. Den größenwahnsinnigen Rektor und den Professor, der sich für die personifizierte Gerechtigkeit hielt, den Schulinspektor, der erst abließ, als du ihn um Hilfe anflehtest, und der dich darauf von allen Schulen ausschloss. Die Hunderte von falschen Freunden, die den Kontakt zu dir nur aus materieller Gewinnsucht oder aus homosexuellem Interesse suchten. Die vielen Millionen, die sich aus purer Antipathie gegen dich verschworen und deinen Erfolg in jeder erdenklichen Art verhindert haben. Die Schweine, die dich nach Schweden gelockt und dir dann in der Not jede Hilfe verweigert haben. Alle Arten sozialistischer Schweine. Die frechen Kapitalistenschweine, die sich auf ihre Seite geschlagen und dich bespuckt und beglotzt haben und deren Geiz kein Ende nimmt. Die dummen Kinder, die schon als Kleinkinder Nazis sind und darin das Symbol des Leibhaftigen sehen, und schließlich all diejenigen, die du erst noch kennenlernst und die mit Sicherheit einer der oben genannten Gruppen angehören. All die sollst du töten. Du hast fünfundzwanzig Jahre deines Lebens nach der Liebe gesucht. Jeder hat dich ohne Grund und gegen deine besten Vorsätze von sich gestoßen. Sie sollst du als die Vertreterin der öffentlichen Meinung verstehen. Jetzt gibt es für den Rest deines Lebens nur noch eine große Aufgabe, die natürliche Gerechtigkeit wiederherzustellen. Vielleicht tötest du eine, vielleicht hundert, womöglich hunderttausend Personen
Vernehmung ist eine hohe Kunst. Methoden gibt es viele. Eine davon, die unter ausländischen Polizisten zu jener Zeit populär war und noch heute mancherorts angewandt wird, ist die sogenannte Reid-Methode.[1] Und das, obwohl sie sich auf veraltete und mehrfach widerlegte pseudowissenschaftliche Annahmen stützt – wie zum Beispiel, dass man sehen könne, wenn ein Mensch lügt, weil er dabei den Blick nach oben links richtet oder weil er dabei Anzeichen einer hochgradigen Stressbelastung zeigt. Eine modernere und deutlich besser funktionierende Vernehmungstechnik nennt sich «Peace»[2] und wird heute in verschiedenen Ländern praktiziert, beispielsweise in Dänemark. Sie basiert unter anderem auf der Annahme, dass die Anzahl und die Komplexität der Lügen eines Täters im Laufe einer Vernehmung zunehmen. Ein nach dieser Methode vorgehender Vernehmer fügt im Laufe der Befragung wie eine Journalistin – oder, warum nicht, ein Historiker – geduldig Aussage an Aussage und stellt immer wieder Kontrollfragen mit dem Ziel, früher oder später den Verdächtigen bei einem verhängnisvollen Widerspruch zu ertappen, woraufhin das ganze Lügengebäude eingerissen werden kann.
Schon im Zweiten Weltkrieg setzte sich die Erkenntnis durch, dass Drohungen oder Gewalt nur in den seltensten Fällen zu einem Vernehmungserfolg führen. Sherwood F. Moran, ein älterer Major der amerikanischen Marine mit Erfahrungen als christlicher Missionar in Japan, war berühmt dafür, dass er japanische Kriegsgefangene mit weitaus größerem Erfolg verhörte als seine Kollegen, die routinemäßig polterten und brüllten, schlugen und demütigten.[3] Gerade Japaner waren bekanntermaßen schwer zu vernehmen, da sie in der Regel extrem fanatisiert waren. Morans Einstellung war, dass ein drohendes Auftreten den Widerstand bei dem Beschuldigten nur erhöhe. Vielmehr gelte es, eine vertrauensvolle Beziehung mit dem Beschuldigten aufzubauen, zuzuhören, rücksichtsvoll zu sein und allmählich «Herz und Hirn» dieser Person zu infiltrieren. Auf Außenstehende konnte das wirken, als ob er entspannte Konversation betrieb, aber Eingeweihte konnten erkennen, wie erstaunlich effektiv seine Methode war. Moran war der Ansicht, dass selbst die hartgesottensten Gefangenen eine Geschichte hätten, die sie erzählen wollten, und dass es die Aufgabe des Vernehmers sein müsse, eine Atmosphäre zu schaffen, in der der Verhörte zu reden beginnt. Und zwar ohne jemals das Ziel des Verhörs aus den Augen zu verlieren: wichtige Informationen zu gewinnen. Wie Moran 1943 in einem Memorandum über Vernehmungstechnik schrieb, das noch immer in Gebrauch ist: «Tiefe menschliche Sympathie kann mit geschäftsmäßigem, systematischem und rücksichtslos zielstrebigem Verhalten Hand in Hand gehen.»
Neuere Studien bestätigen Morans Thesen: Lärm, Dramatik und Aggressivität errichten lediglich eine Mauer zwischen dem Vernehmer und dem Vernommenen.[4] Die beste Art, jemanden zum Sprechen zu bringen, besteht paradoxerweise darin, ihm zu versichern, dass er nicht reden müsse. Nach der Geschichte zu suchen, die jeder hat. Gebrüll, Drohungen und Tricks funktionieren nicht, ein echter Wunsch zu verstehen jedoch oftmals durchaus.
GW Larsson wird immer wieder als ein gewiefter Vernehmer beschrieben mit einem fast schon sagenhaften Geschick darin, Menschen Geständnisse zu entlocken. Über eine theoretische Grundlage für diese Fähigkeit verfügte er allerdings nicht. Er wäre sicher betroffen gewesen, sogar verärgert, wenn ihm jemand gesagt hätte, dass er ein System praktizierte. Seine Erfolge erwuchsen aus einer Kombination von langjähriger Erfahrung und – noch wichtiger – seinem Temperament. Er war von Natur aus ruhig und kontrolliert und setzte seine Ehre darein, niemals die Beherrschung zu verlieren. Sein oben schon erwähntes Interesse an Menschen führte zu dem ehrlichen Wunsch zu verstehen, weshalb er dem ersten, moralischen Impuls nach einer Festnahme widerstehen konnte, aus der Vernehmung den Auftakt zur Bestrafung zu machen.
Es fiel ihm geradezu schwer, einen Verdächtigen rundheraus abzulehnen. «So habe ich mein ganzes Leben lang versucht, das Hässliche gegen das Schöne abzuwägen, das Gute gegen das Böse», schreibt er in seinen Memoiren, «und ich habe es mir zur Philosophie gemacht, dass es nicht immer Kälte und Härte sind, die einen Menschen dazu treiben, ein Verbrechen zu begehen. Es kann auch etwas ganz Schreckliches sein: große Verzweiflung, ein Zwang. Deshalb habe ich oft Mitgefühl mit dem Mörder und versuche, seine Situation zu verstehen.»
GW Larsson war bei den meisten, jedoch nicht bei allen Vernehmungen anwesend. Auch hier war vor allem komplizierte Teamarbeit gefragt. Alle Vernehmungen waren jedoch von Larssons Geist getragen. Das war auch nötig. Wie sich herausstellte, waren die Sitzungen mit Wagner zahlreich, schwierig – und dauerten lang.
Die Vernehmungen begannen in ruhigem und sachlichem Ton. Wagner wurde nach seinen Lebensverhältnissen gefragt. Er schilderte detailliert, wie er Österreich im Herbst 1963 verlassen hatte, um sein Glück im Ausland zu suchen, weil er in der letzten Klasse vom Gymnasium verwiesen worden war, worauf ihm alle Wege zu einer höheren Ausbildung verschlossen waren. Seine Wahl war auf Schweden gefallen – Wagners Interesse an dem Land war durch seine Mitgliedschaft in einer Volkstanzgruppe geweckt worden, «deren Zweck es unter anderem war, Kenntnisse über schwedische Volkstänze in Österreich zu verbreiten». Er erzählte, dass er nach seiner Einreise verschiedene Arbeitsstellen gehabt hatte, vor allem in diversen Restaurants im Stockholmer Zentrum, und an mehreren Adressen in der Stadt als Untermieter gewohnt hatte. Er gab weiterhin an, sich in Schweden sehr wohl zu fühlen, ein Studium an einer hiesigen Universität aufnehmen und die schwedische Staatsbürgerschaft beantragen zu wollen.
Wagners Sprechweise spiegelte seine steifen, ruckartigen Bewegungen wider. Seine Worte kamen manchmal stoßweise, manchmal aber als lange, elegante Kaskaden heraus.
Ohne die Ergebnisse der Hausdurchsuchung zu erwähnen, begannen die Beamten, einige einfache Kontrollfragen zu stellen. Bezüglich seines Waffenbesitzes erzählte Wagner freimütig, dass er zu Hause drei Handfeuerwaffen habe, die jedoch ungefährlich seien: Die eine war eine Luftpistole, eine andere schoss nur mit Platzpatronen, und die dritte war kaputt. (Das stellte sich als korrekt heraus.) Er bestätigte, dass er sich für Physik, Chemie und «Psychopharmica» [sic] interessiere, und gab an, seine Kenntnisse im Selbststudium erworben zu haben. Er erwähnte, dass er in seinem Zimmer ein Buch über Narkose und Betäubung habe, in dem auch Chloroform behandelt werde. Die direkte Frage, ob er jemals Chloroform an jemandem oder an sich selbst angewandt habe, verneinte Wagner entschieden, «dazu ist es viel zu gefährlich», und fügte hinzu: «und eine Dosis von drei Millilitern reicht aus, um einen Menschen zu töten».
Zu seinem Aufenthalt am Abend des 17. Juli machte er vage Angaben, die allerdings auch nicht schwammiger waren als die von jemand anderem, der gefragt wird, was er an einem bestimmten Sonntag vor fast eineinhalb Monaten gemacht habe. Er war überzeugt, dass er nach seiner Rückkehr von der Arbeit wie gewöhnlich den Abend zu Hause vor dem Fernseher verbracht hatte, und er war sich ziemlich sicher, dass er das Haus nicht mehr verlassen hatte. Es gab jedoch niemanden, der ihm ein Alibi hätte geben können. Er hatte sich allein im Reihenhaus aufgehalten. Im Söndagsvägen 88 war er noch nie gewesen. Nicht einmal aus Neugier. Obwohl das Haus nur einen Steinwurf entfernt lag. Er interessierte sich nicht für die dortigen Ereignisse.
Die Fragen wurden gezielter. Warum, wollte Erik Blomberg wissen, hatte Wagner so lange mit seinem Anruf bei der Polizei gewartet, obwohl die Beamten bei der ersten Befragung in der Nachbarschaft hatten ausrichten lassen, er möge sich so bald wie möglich melden? Das läge an einem Missverständnis, erklärte Wagner. Er hätte gedacht, dass der Zettel mit der Mitteilung nicht für ihn war, sondern für Frau Blekenberg. Warum hatte er bei dem ersten Gespräch mit der Polizei behauptet, dass er abends nie ausginge, während seine Vermieterin das Gegenteil ausgesagt hatte? «Er antwortet, dass er früher nicht ausging, weil er allein zu Hause war. Aber seitdem seine Vermieterin und ihr Sohn aus dem Urlaub zurück seien, gehe er abends aus.» Meistens ins Kino. Warum hatte er einem seiner Arbeitskollegen im «Gröne Jägaren» gesagt, «Kickans Mörder? Das war ich»? Das war einfach ein «ganz schlechter Witz», erklärte Wagner. Wenn er sich nun nicht dafür interessierte, was am 27. Juli in der Straße passiert war, in der auch er selbst wohnte, weshalb hatte man in seinem Zimmer einen dezimeterhohen Stapel mit Zeitungsausschnitten gefunden, die sich alle um den Mord drehten?
Hier schien Wagner zum ersten Mal ein wenig aus dem Konzept zu kommen.
Mehrfach antwortete er, dass er die Zeitungsausschnitte ohne Hintergedanken aufbewahre und dass man nicht daraus schließen solle, dass er sich für den Mord interessiere. Man hatte außerdem Bilder von Frauen gefunden, aus unterschiedlichen Zeitungen ausgeschnitten, wandte Blomberg ein, war auch das nicht als Ausdruck von Interesse zu deuten? Doch, das schon, antwortete Wagner.
Blomberg versuchte es mit neuen, nicht besonders schwer zu durchschauenden Fragen. Wagner sollte von seinem Sexualleben erzählen. Nein, er hatte in seinem ganzen Leben noch keinen Geschlechtsverkehr gehabt. Er onanierte, durchschnittlich zweimal in der Woche. Nein, er hatte keine Phantasien über Sex mit einer schlafenden oder narkotisierten Frau.
Wie würde er aber reagieren, wenn er, beispielsweise, spazieren ginge und plötzlich durch ein Fenster eine Frau sähe, die sich gerade auszog? «Er betrachtet es als unehrenhaft, sie in dieser Situation zu beobachten, wenn sie nichts davon weiß.» Würde er vor einem Beischlaf «Vorkehrungen treffen, um einer Schwangerschaft vorzubeugen»? Nein, das «war gegen seine Prinzipien und auch gegen seinen katholischen Glauben». Er konnte sich überhaupt nicht vorstellen, mit einer Frau zu schlafen, ohne mit ihr verheiratet zu sein. In keinem Fall? Doch, wenn sie «fest versprochen hätte, ihn zu heiraten». Und «am liebsten würde er vor dem Beischlaf ein eingehendes und stimulierendes Gespräch führen. Möglichst über philosophische Fragen.» Wie passte das aber damit zusammen, dass sich unter seinen Sachen sowohl Kondome als auch Gleitmittel befanden? Er entgegnete, dass er «in Österreich davon gehört hatte, dass es in Schweden Frauen gebe, die gern bei [sic] Sex zur Verfügung stünden». Er hatte daher beabsichtigt, sich «mit Hilfe von Präventivmitteln, Gleitmitteln und Geschlechtsverkehr eine billige Unterkunft zu verschaffen».
Sowohl hier als auch bei anderen Gelegenheiten spielt Wagner ganz offensichtlich auf etwas an, das oft als die «schwedische Sünde» bezeichnet wird. Das Stereotyp war zu diesem Zeitpunkt schon mehr als zehn Jahre alt und entsprang mehr der ausländischen Sicht auf die Schweden als deren Selbstbild. Dahinter verbargen sich zwei unterschiedliche Phänomene: zum einen die Einführung eines obligatorischen Sexualkundeunterrichts in schwedischen Schulen (die 1955 ohne größere Dramatik und mit großer politischer Einigkeit über die Bühne gegangen war), zum anderen mehrere international sehr erfolgreiche Filme, in denen Sexszenen vorkamen. Nach heutigen Maßstäben waren es ziemlich keusche Szenen, in denen man aber nicht nur nackte Haut, sogar nackte Busen, sah, sondern auch junge Frauen, die tatsächlich Sex haben wollten, ohne auch nur das kleinste bisschen verheiratet zu sein. «Sie tanzte nur einen Sommer» von 1951 und «Die Zeit mit Monika» von 1953 waren zwei dieser Titel.
Schriftsteller und Journalisten strömten darauf in Scharen nach Schweden, nicht zuletzt, um sich zu entrüsten. Die ausländische Presse brachte Spaltenkilometer über die «sexuell befreiten» Schweden, gerne mit einem moralisierenden oder geradezu reaktionären Unterton. Die Empörung über die Freizügigkeit verschmolz nämlich fast immer mit Kritik an dem rationalen schwedischen Wohlfahrtsstaat, dessen unleugbare Erfolge einigen konservativen Ideologen keine Ruhe ließen. Sie erhielten jedoch Schützenhilfe von unerwarteter Seite: dem Statistischen Jahrbuch und dessen Zahlenmaterial zum Thema Selbstmord. Dass die Selbstmordrate in Schweden zwar hoch war, aber ungefähr gleich hoch wie in einer Reihe ähnlicher Länder, wie Deutschland, Österreich, der Schweiz und Dänemark, übersah man allerdings großzügig, genauso wie die Tatsache, dass die niedrigen Selbstmordraten in katholischen Ländern eine Illusion waren, dem Umstand geschuldet, dass dort Selbstmord nicht nur eine Schande und eine Todsünde, sondern über lange Zeit auch eine strafbare Handlung war – also oft nicht gemeldet wurde.[5]
Das Resultat war eine Karikatur von Schweden, die man folgendermaßen zusammenfassen könnte: ein Land – um Graham Greene zu zitieren – mit hübscher Architektur, gutem Essen, künstlerisch gestalteten Möbeln, Textilien und Geschirr; man sorgt sich nicht um die Zukunft, es gibt weder Bettler noch Prostituierte, man hat ein gutes Leben, in dem jedoch sexuelle Freizügigkeit, moralischer Zerfall, freie Gesundheitsversorgung und anderer Staatssozialismus die Menschen seelenlos, leer, konform gemacht hatten, zu einer Art auf Hochglanz polierter, aber im Grunde unglücklicher Automaten, deren einziger Ausweg aus dem Elend darin bestand, sich das Leben zu nehmen.
Solche nicht gerade subtile oder auch nur irgendwie fundierte Kritik am schwedischen Wohlfahrtsstaat war jedoch in erster Linie Angelegenheit der Konservativen. Der Teil des Klischees mit der größten Wirkung war – kaum überraschend – ebenjene sexuelle Freizügigkeit, die für viele Menschen ungemein attraktiv war. Während jener Jahre scheint es auch einen vermehrten Zuzug von Ausländern gegeben zu haben, besonders von jungen Leuten, ganz besonders von jungen Männern, die neugierig auf das tiefgekühlte Utopia des Nordens waren und nicht zuletzt auf die vermeintlich so leicht verfügbaren und blonden Frauen. Einer davon war Wagner.
In den 1960er Jahren geschah einiges, was dazu führte, dass Schweden und die Schweden in gewissem Grad die jahrzehntealten Vorurteile des Auslands bestätigten. Was ich als Teil der Erklärung dafür betrachte, warum der Mord an Kickan Granell ein zeitweise geradezu lüsternes Interesse weckte.
Zu dieser Zeit war seit einigen Jahren eine lebhafte und umfassende Sexualdebatte im Gang, der man sich schwerlich entziehen konnte, da sie in allen Massenmedien stattfand: in Zeitungen, Büchern, Radio und natürlich auch im Fernsehen. Vermutlich ist niemals vorher oder nachher so viel über Sex gesprochen worden wie zu jener Zeit, und 1965 war zweifellos Peak Sex, der Scheitelpunkt.
Diese Ereignisse werden meist als «sexuelle Revolution» bezeichnet (oder als «Unanständigkeitsrevolution», wie Dagens Nyheter im gleichen Jahr schrieb). Sie enthielt zweifellos revolutionäre Elemente, wie die Anti-Baby-Pille oder die Bejahung unterschiedlicher Erscheinungsformen von Sexualität – nicht nur der heterosexuellen und in den Schranken der Ehe praktizierten –, die Bewegung für straffreie Abtreibung, die Modernisierung des Sexualkundeunterrichts und die Entkriminalisierung der Pornographie. Doch wie so viele Revolutionen wurde auch diese schließlich von anderen Kräften usurpiert: Männliche Diskussionsteilnehmer verdrängten schon bald diejenigen Frauen, die die ganze Debatte ursprünglich angestoßen hatten[6], die Verknüpfung zwischen Befreiung und Sexualität geriet in Vergessenheit, und übrig blieb vor allem die Frage nach der allgemeinen Verfügbarmachung der Sexualität, in erster Linie natürlich für Männer. Am Ende stellte sich heraus, dass nicht die ernsthaften Schriftsteller sich die Pornographie zu eigen machten, sondern kommerzielle Autoren, Berufspornographen.
Die Verkaufszahlen qualitativ hochwertiger Pornographie (vom Typ «Liebe I, II, III»[7] etc.), die den Optimisten und Idealisten zufolge den billigen Schund verdrängen sollte, waren zunächst sehr hoch, fielen aber allmählich auf ein recht bescheidenes Niveau, während die für Schundliteratur explodierten. Pornozeitschriften herkömmlicher Machart (die es schon lange gegeben hatte und die in der Regel und mit wechselndem Erfolg versucht hatten, etwas anderes zu sein, wie zum Beispiel Aufklärungsschriften über die Vorzüge des Nudismus oder Handbücher für künstlerisch Interessierte) wurden von einer ständig wachsenden Flora von mehr oder weniger offen pornographischen Werken abgelöst. Am besten verkauften sich «Piff», «Raff», «Paff», «Pin-Up», «Paris-Hollywood», «Qvick», «Top Hat», «Strip Tease» und «Cocktail». Ich erinnere mich vor allem an Letztere, die in dem nach Haarwasser duftenden Friseursalon, in dem mir als Kind die Haare geschnitten wurden, neben Zeitschriften über Technik, Autos und so weiter auslag. Sie enthielt allerdings keine Hardcore-Bilder, sondern Fotos von überwiegend barbusigen und sich offenbar unwohl fühlenden jungen Frauen mit hellem Lippenstift, die an jungen Birken lehnten, und Ähnliches.[8] «Piff» war im Übrigen Wagners persönliche Lieblingszeitschrift: Er kaufte getreulich jede neue Nummer.
Allein im Pressbyrån waren die Verkäufe wie auch die Anzahl der Titel der pornographischen Zeitschriften von 1964 bis 1965 um 50 Prozent gestiegen – in dem Jahr verkaufte die Kette knapp über drei Millionen Pornozeitschriften –, und die Prognose für das kommende Jahr sagte wiederum fast doppelt so hohe Verkaufszahlen voraus.[9] Die Pornographie trat also nicht nur in Form von Hochglanzmagazinen auf. Von den zehn meistverkauften Büchern für Erwachsene 1965 waren sechs offen pornographisch, während zwei weitere sich ausschließlich um Sex drehten.[10]
Es überrascht nicht, dass Wagner sich als treuer Leser von Pornozeitschriften entpuppte und offenbar sämtliche onanistischen Stereotype übernommen hatte. Auch diesbezüglich schien er in einem Bereich zwischen der wirklichen und einer Phantasiewelt zu leben. Erik Blomberg zeigte Wagner einen Brief, den man in seinem Zimmer gefunden hatte, von einer gewissen Monica Lindberg, einer jungen Frau, die er über eine Kontaktanzeige getroffen und mit der er im vorangegangenen Jahr eine kurze Beziehung gehabt hatte. Auf diesen Brief, in dem sie ihm mitteilte, dass es zwischen ihnen unwiderruflich aus sei und dass sie keinen Kontakt mehr zu ihm wolle, hatte er mit Bleistift (auf Deutsch) geschrieben: «negative Antwort weitere Informationen einholen. Ermordung von Österreicher erforderlich.»
Hier verstrickte sich Wagner in eine bizarre Geschichte darüber, dass er in der damaligen Situation «nicht mehr viel hatte, für das es sich zu leben lohnte», nicht nur, weil er diese Liebe verloren hatte, sondern auch wegen fehlender Zukunftsaussichten aufgrund seiner Fehlschläge in Wien. Er hätte jedoch nicht die Absicht gehabt, seine ehemalige «Verlobte» zu töten, nein, sondern er hätte damals erwogen, nach Österreich zurückzukehren und sich an einer Person zu rächen, die sein Leben zerstört hatte.
«Auf konkrete Nachfrage bestreitet Wagner, selbst der Täter zu sein oder den Täter zu kennen.» Als die Beamten ihn darauf hinwiesen, dass sie seine Fingerabdrücke genommen hatten, antwortete er selbstsicher: «Sie können meine Fingerabdrücke auf keinen Fall in Granells Haus finden, weil ich dort nie gewesen bin.» An diesem Punkt kam Blomberg nicht weiter. Wagner bestritt, nachdrücklich und wiederholt, in irgendeiner Weise etwas mit dem Mord zu tun zu haben.
Gegen Spätnachmittag war klar, dass der junge Mann mit dem schmalen Schnurrbart auf der anderen Seite des Tisches unleugbar ein wenig sonderbar, jedoch auch intelligent war, sogar hochintelligent, und gewieft. Als ich das Protokoll zum ersten Mal las, fiel mir sofort auf, wie schnell er Erklärungen parat hatte. Es gab eine ganze Reihe an Auffälligkeiten, die selbstverständlich überprüft werden mussten. Gleichzeitig war klar, dass man zum gegenwärtigen Zeitpunkt nichts in der Hand hatte, was ihn wirklich mit dem Mord in Verbindung brachte. GW Larsson und die anderen Mitglieder der Ermittlungsgruppe waren jedoch entschlossen, die Sache weiterzuverfolgen. Staatsanwalt Österberg willigte ein, Wagner in Untersuchungshaft zu nehmen, allerdings nicht wegen Mordes, sondern wegen eines «Anfangsverdachts der Vergewaltigung» – das ist der niedrigste Verdachtsgrad. Und auch das mehr wegen der Ergebnisse der Hausdurchsuchung als wegen der Resultate aus der ersten Vernehmung.
Zu diesem Zeitpunkt war es 16.30 Uhr am 22. September.
Wagner wurde ins Untersuchungsgefängnis gebracht und durchsucht. In einer seiner Taschen fand man ein Stilett.
In den folgenden Tagen wurden die Vernehmungen fortgesetzt. Die Ermittler befragten ihn eingehend zu seinem Leben in Österreich und den Ereignissen nach seiner Auswanderung. Er schilderte bereitwillig, wie er in Schweden eine Gelegenheitsarbeit nach der anderen angenommen hatte, von einer Wohnung in die andere gezogen war. Im Mai hatte er einige Wochen im Grimstawald geschlafen – er legte jedoch Wert auf die Feststellung, dass er sich in dem Restaurant, in dem er damals arbeitete, täglich gewaschen hatte. Er hatte immer wenig Geld zur Verfügung gehabt, bis er jetzt eine Anstellung bei der Post erhalten hatte. Das Monatsgehalt betrug 1304 Kronen, wovon 250 Kronen für Miete und U-Bahn-Fahrten abgingen. So konnte er jetzt zum ersten Mal, seit er in Schweden war, Geld auf die hohe Kante legen.
Seine Herkunft beschrieb er als ziemlich normal. In Wien geboren und als Einzelkind aufgewachsen, der Vater ein kleiner Angestellter, die Mutter Hausfrau, die Ehepartner scheinen sich nahegestanden zu haben und glücklich miteinander gewesen zu sein. Zwar waren die Wohnverhältnisse beengt und die finanzielle Situation der Familie angespannt. Österreich war, genau wie Deutschland, lange Zeit durch die alliierten Siegermächte besetzt, und Wien hatte – genau wie Berlin – im Krieg sehr unter den wiederholten Bombenangriffen und den schweren Endkämpfen im Frühjahr 1945 gelitten. Und genau wie so viele andere europäische Kinder, die in dieser Zeit aufwuchsen, hatte er seinen Vater anfangs nur sehr selten gesehen: Der hatte in der deutschen Wehrmacht gedient und war außerdem in Kriegsgefangenschaft geraten, aus der er erst 1946 zurückgekehrt war. Das war aber dadurch aufgewogen worden, dass Wagner und seine Mutter sich sehr nahegestanden hatten.
Doch je weiter die Vernehmungen fortschritten und je mehr Details herauskamen, desto mehr verdüsterte sich das Bild. Vielleicht hatte man es hier doch nicht mit einer durchschnittlichen Kindheit zu tun.
Die Mutter war lange sein Ein und Alles. Sie war streng religiös und überbehütend: Der Junge durfte nicht mit anderen Menschen sprechen, nicht einmal mit den Nachbarn. Erst im Alter von fünfzehn Jahren hatte er seine ersten Freunde – und auch das gegen den Widerstand der Mutter, deren Verhalten er offenbar in diesem Alter eher als Ausdruck von Kontrollbedürfnis denn von Liebe erlebte. Er sagte, dass die Eltern einander mehr Gefühle gezeigt hätten als ihm. Der Vater war überzeugter Nazi gewesen.
Als seine einsame Kindheit in die Pubertät überging, lebte er weiterhin unter einem strengen Regime, in dem Vergnügungen verboten, Taschengeld nicht vorhanden, Mädchen nicht erlaubt waren und die Erwähnung von allem, was mit Sexualität zu tun hatte, tabu war. Der Drang, jemand anderen mit Gewalt von den Sünden dieser Welt fernzuhalten, erzielt meist nur den gegenteiligen Effekt. Das andere Geschlecht war für Wagner etwas, das er nur aus der Ferne beobachtete, und er wagte es niemals, Kontakt aufzunehmen. Er blieb der scheue, passive Zuschauer.
Auf dem Gymnasium lief es für ihn anfangs gut. Er war intelligent und gelehrig, seine Lieblingsfächer waren Physik und Chemie. Er schmiedete grandiose Pläne für eine Zukunft als Naturwissenschaftler. Er wurde Vegetarier. Doch dann begann er die Schule zugunsten von Nachtleben, Alkohol und Musik zu vernachlässigen – er war auch musikalisch begabt, spielte Klarinette und Saxophon und versuchte sich mit der Leitung einer kleinen Band. Als er in der Schule mit einer geladenen Pistole erwischt wurde, geriet er ernsthaft in Schwierigkeiten.
Schon bei der Hausdurchsuchung mutmaßten die Polizisten, dass Wagner ein Waffennarr sei: Davon zeugten die drei – unbrauchbaren oder ungefährlichen – Pistolen sowie der Dolch mit Nylonschnüren, mit denen man ihn unter der Kleidung verborgen am Körper tragen konnte. Außerdem ging Wagner nie ohne Stilett in die Stadt. In einigen der phantasievollen Geschichten, die er erzählte, um den Leuten zu imponieren, kamen mysteriöse Aufträge und Ähnliches vor. Nicht nur Sex, Pop, lange Haare und Kleidung mit Op-Art-Muster waren 1965 groß in Mode, sondern auch Geheimagenten. In dem Jahr hatte die James-Bond-Manie Schweden voll im Griff, der Film «Goldfinger» hatte im Januar Premiere gehabt, und «Feuerball» sollte im Dezember starten, und das waren lange nicht die einzigen Agentenfilme.[11] Es war offensichtlich, dass diese Bilder bei Wagner Eindruck hinterlassen hatten und dass er es liebte, Agent zu spielen.
Er machte gegenüber den Polizeibeamten aus seinem Interesse für Waffen keinen Hehl. Nach dem Krieg waren in Wien jede Menge Waffen im Umlauf gewesen, und er erzählte, dass er dort in einem Wald am Stadtrand mit einer Maschinenpistole geschossen hätte. Diese Begeisterung für Schusswaffen hätte die Vernehmer aufhorchen lassen sollen. (Ein klassischer Fall: Manchen Männern, die sich selbst als schwach, unzulänglich und gescheitert erleben, bietet der Waffenfetischismus die Möglichkeit, sich stark und potent zu fühlen – und gefährlich.) Jedenfalls führte die geladene Pistole dazu, dass Wagner der Schule verwiesen wurde. Was einer persönlichen Katastrophe gleichkam. Ohne Gymnasialabschluss keine Universitätsstudien, ohne Universitätsstudien keine Karriere als gefeierter Forscher, ohne Karriere als gefeierter Forscher keine Zukunft. Zumindest nicht die Zukunft, die ihm seiner eigenen Meinung nach zustand.
Dass der Schulverweis darauf zurückzuführen war, dass er die Schule vernachlässigt und eine lebensgefährliche Waffe bei sich gehabt hatte, weigerte sich Wagner zu akzeptieren. Es war nicht seine eigene Schuld, nein, sondern der Rektor hatte es auf ihn abgesehen. Er beschrieb den Rektor als Sozialisten, Juden, Anti-Nazi, Despoten und so weiter, als einen Menschen, der Wagners durch seinen Vater nazistisch geprägte Ansichten nicht ertrug und ihn darüber hinaus vor der versammelten Klasse als «homophil» bezeichnet hatte. Daher diese seltsame und immer wirrer werdende Geschichte von einer Rückkehr nach Österreich und der Rache an seinem Peiniger. Oder an den Peinigern. Darum ging es, Wagner zufolge, bei den Worten «Ermordung von Österreicher erforderlich» auf dem Briefumschlag. Ausschließlich darum.
Bislang hatten die Vernehmungen lediglich bestätigt, dass Wagner unbestreitbar ein ziemlicher Sonderling war, aber nichts in seinen Schilderungen hatte die Verdächtigungen gegen ihn erhärtet, jedenfalls nicht in juristischem Sinne.
Das war allerdings, bevor die Beamten Zeit gehabt hatten, den Inhalt von Wagners Bankschließfach genauer in Augenschein zu nehmen.
Zeitgleich mit den Vernehmungen wurden die Analysen im Staatlichen Kriminaltechnischen Labor durchgeführt. Man hatte große Hoffnungen, irgendwelche relevanten Spuren zu finden. Eine positive Antwort erreichte die Ermittler schon rasch: Ja, Wagner hatte dieselbe Blutgruppe wie der Täter – A –, und er war, wie jener, ein sogenannter Sekretor. Das Problem war nur, dass er diese Kombination mit einer knappen Mehrheit der schwedischen Bevölkerung teilte. Daher konnte man ihn allein damit noch nicht mit dem Tatort in Verbindung bringen, aber es bedeutete zumindest, dass man ihn nicht aus den Reihen der potenziellen Täter ausschließen musste.
Man setzte große Erwartungen in die vier fremden Haare, die man im Bett des Opfers gefunden hatte. Die mikroskopische Untersuchung erbrachte jedoch, dass sie nicht Wagner gehörten. Das war ein Rückschlag. Dann war da noch die bräunliche Farbe, die der Täter benutzt hatte, um sich zu schminken, und die man sowohl auf dem Kopfkissen als auch auf dem Handtuch gefunden hatte, mit dem er sich nach der Tat das Gesicht abgewischt hatte. Dabei handelte es sich, so hatten es die Techniker ja beschrieben, um eine selbstzubereitete Mischung aus Chromgelb, Englischrot und Titanweiß. Eine derartige Farbmischung hatte man bei der Durchsuchung von Wagners Zimmer nirgendwo gefunden, und trotz eingehender Suche gelang es auch nicht, Spuren der Farben oder ihrer chemischen Bestandteile auf seinen Kleidern oder anderswo sicherzustellen.[12] Auch das war ein Rückschlag. Die geruchlose Flüssigkeit in der Flasche stellte sich als Salzsäure heraus, nicht als Chloroform. Und die Analyse eines Löffels mit einem merkwürdigen braunen Belag, den man bei Wagner gefunden hatte, ergab ebenfalls nichts.
Blieb nur noch eins.
Das Kartoffelmehl.
Und hier wurde man wider Erwarten fündig.
Das am Tatort – im Teppich vor dem Bett, im Staubsauger, auf einigen von Kickans Kleidungsstücken, auf dem Sofa und im Rya-Teppich im Wohnzimmer im Erdgeschoss und vor allem auf dem Laken – gefundene Kartoffelmehl hatte den Kriminaltechnikern Rätsel aufgegeben. Sie waren ja zunächst von einem Messfehler oder einer Verunreinigung ausgegangen, bis diese Möglichkeiten ausgeschlossen werden konnten, doch die Tatsache blieb. Niemand konnte sich einen Reim darauf machen, was sich hier abgespielt hatte. Woher kam all das Kartoffelmehl?
Als die Techniker sich die Ausbeute aus ihren in Blekenbergs Reihenhaus benutzten Staubsaugerbeuteln ansahen, zeigte sich, dass sich «beachtliche Mengen» an Kartoffelmehl unter anderem in Wagners Bett, auf einem Fell auf dem Fußboden sowie vor allem auf dem Sessel in seinem Zimmer und auf dem Klavierhocker im Erdgeschoss befunden hatten.[13]
Die Erklärung lieferte die Untersuchung von Wagners Arbeitskleidung, die er im «Gröne Jägaren» zurückgelassen hatte, als er beim Postgiro anfing: Das Restaurant verwendete Kartoffelmehl, und es zeigte sich, dass vor allem Wagners Hosen quasi damit imprägniert waren. Auf dem Bettlaken hatte man pro Milligramm Staub rund dreihundertsiebzig Stärkekörner gezählt, was schon eine auffallend große Menge war, doch auf Wagners Arbeitshosen wies man fast sechsmal so viel Kartoffelmehl nach. Einem zu Rate gezogenen Sachverständigen zufolge wiesen diese Stärkekörner zwar keinerlei besondere Eigenschaften auf, sondern sahen alle gleich aus, unabhängig davon, wo sie hergestellt worden waren, weshalb dieser Fund Wagner nicht mit dem Tatort in Verbindung brachte. Doch war das Kartoffelmehl unleugbar ein starkes Indiz.
Und dann waren da noch die Aufzeichnungen.
Als Wagner das erste Mal nach den beiden Schlüsseln zu Bankschließfächern gefragt wurde, die man in seinem Zimmer gefunden hatte, tat er das als nebensächlich ab. Er hatte sein Bankschließfach lange nicht mehr benutzt, und soweit er sich erinnerte, enthielt es kaum etwas von Interesse. «Ein Tonband und wahrscheinlich ein Sparbuch», vermutete er. Weiter nichts.
Die Polizei machte das Schließfach in den Räumen der Skandinaviska Enskilda Banken am Stureplan ausfindig. Darin befand sich unter anderem eine schwarze Dokumentenmappe mit sechs vollgeschriebenen Notizbüchern, einem Spiralblock sowie jeder Menge vollgeschriebener loser Blätter. Als man Wagner damit konfrontierte, wollte er «es kaum glauben». Gefragt, ob er damit sagen wolle, dass die Beamten logen, antwortete er, «falls Notizbücher im Schließfach lagen, dann waren sie eher unwichtig».
Auch in Wagners Zimmer hatten die Beamten Notizen gefunden, nicht nur in Notizbüchern und Spiralblöcken, sondern auch auf losen Blättern, Pappe und sogar alten Servietten. Ein System konnten sie in dem dort niedergelegten Wortschwall nicht ausmachen. Es handelte sich nicht um ein Tagebuch, sondern um in aller Eile niedergeschriebene Eindrücke, Gedanken, Gefühle, Pläne, die in einem merkwürdigen, schwer zu überblickenden stream of consciousness mal hierhin, mal dahin sprangen.
Nicht nur die schiere Menge und der Mangel an Struktur machte es den Ermittlern zunächst schwer, zu verstehen, auf was sie da gestoßen waren. Oder die Tatsache, dass das meiste auf Deutsch, mit schwedischen Einsprengseln, geschrieben war. Die meisten der Beamten konnten natürlich Deutsch.[14] Das Problem war, dass viele Notizen in einem deutschen Stenographiesystem abgefasst waren, das keiner von ihnen beherrschte. Die Entzifferung brauchte Zeit.
Als die Ermittler schließlich zu lesen begannen, staunten sie nicht schlecht.
Die Aufzeichnungen bestätigten, dass Wagner ein Sonderling war. Gleichzeitig verbittert und arrogant, zerrissen zwischen Selbstüberschätzung und dem Gefühl totalen Versagens, schien er über fast alles wütend und unglücklich zu sein: die Welt, das Leben, die Zukunft, die Menschen in seiner Umgebung und sich selbst. Er träumte davon, sich neu zu erschaffen, einen «neuen Mann» aus sich zu machen, indem er seinen Körper stählte, sich bräunte, sich eine neue Frisur zulegte, sich elegante Kleidung kaufte und so weiter.
Doch während jeder, den jemals Unzufriedenheit mit dem Leben und mit sich selbst gepeinigt hat, Vorsätze dieser Art kennt und – dabei von der Konsumindustrie wie auch der menschlichen Natur bestärkt – überzeugt werden kann, dass eine äußere Verwandlung viele Möglichkeiten eröffnet, war es offensichtlich, dass Wagners Pläne, ein «neuer Mann» zu werden, weit über eine solche eher banale Selbstoptimierung hinausgingen. Ihm ging es um Sex. Und um Frauen.
Er hatte noch nie Geschlechtsverkehr gehabt, noch nie eine enge Beziehung zu einer Frau, und litt offensichtlich darunter – das war das größte Versagen von allen, der abschließende Beweis dafür, wie wertlos er tatsächlich war. Sein eifriges Onanieren sowohl in seinem Mietzimmer als auch bei der Arbeit scheint sein Gefühl der Unzulänglichkeit noch verstärkt zu haben. Mit seinen Plänen, sich neu zu erschaffen, verfolgte er schlussendlich das Ziel, eine Frau körperlich für sich zu gewinnen, auch wenn er bezeichnenderweise gleichzeitig daran zweifelte, den Geschlechtsakt überhaupt ausführen zu können. Denn dieser neue Mann wollte nicht nur attraktive Kleidung kaufen, sondern auch verschiedene sexuelle Stimulanzien, «Kraftsalbe für Männer, um damit den Penis einzureiben».
Die Ermittler stellten fest, dass Wagners Unvermögen, sich Frauen zu nähern, sich auch andere, bizarre Ausdrucksformen gesucht hatte. In einer deutschen Zeitschrift hatte er eine aufblasbare Badepuppe aus Plastik entdeckt, die seine Phantasie anregte. Im Bestreben, sich solch eine Puppe zu verschaffen, schrieb er an die fünfzig Briefe an Firmen in Japan und Deutschland sowie an den amerikanischen «Playboy» – unter dem Pseudonym Fredrik von Rosenstein. Er wollte die Puppe mit warmem Wasser füllen, sie in hübsche Frauenkleider stecken und sie dann in seinem Zimmer zum Souper mit Essen und Wein einladen. Er selbst wollte vorher baden, sich rasieren und kämmen, gründlich die Zähne putzen und seinen besten Anzug anziehen. Gegen Ende der Mahlzeit wollte er die Puppe verführen, sie behutsam ausziehen:
Sie sollte Objekt jener Zärtlichkeit sein, die ein Mann einer Frau schenken möchte und für die ein kurzzeitiger, bezahlter Sexualpartner kein passendes Objekt sein kann. Falls die Puppe sich widersetzte und mir den Geschlechtsverkehr verweigerte, wollte ich ihren Widerstand mit Küssen und Zärtlichkeiten brechen. Wenn sie aber weiterhin Schwierigkeiten machte, würde ich Wasser und Luft ablassen, sie zusammenfalten und sie in die Schreibtischschublade legen. Da könnte sie sich dann schämen.
Es war Wagner nicht gelungen, so eine Puppe zu bekommen. Danach hatte er mit derselben spektakulären Erfolglosigkeit versucht, in einem Geschäft für Damenbekleidung in der Nähe von Hötorget eine Schaufensterpuppe zu kaufen.
Das Sammelsurium von schnell hingeworfenen Gedanken, Einfällen und unzusammenhängenden Notizen, die man in seinem Schließfach und in seinem Zimmer gefunden hatte, entpuppte sich als weit mehr als nur Spielereien mit willenlosen Substituten. Entscheidend ist, dass es hier nicht um ein «Anstelle von» ging. Die Suche nach diesen Puppen muss vielmehr als ein erster Schritt in Richtung des Endziels verstanden werden: Erlangung der vollständigen Kontrolle über einen Menschen, der genauso willenlos ist wie diese Wesen aus Plastik. Ein Objekt. Leicht zu manipulieren. Zu kontrollieren. Nur darin kann die Phantasie ihre Erfüllung erlangen.
Phantasien über sexuellen Zwang tauchten überall in den Aufzeichnungen auf. Für den Fall, dass es Wagner nicht gelingen sollte, ein attraktiver und kraftvoller «neuer Mann» zu werden, wollte er sich eine Pistole besorgen, damit eine Dreizehnjährige kidnappen und Sex mit ihr haben. (Pistolen besaß er ja bereits, wenn auch keine funktionstüchtigen.) Oder vielleicht könnte er nach Indien fahren und sich dort eine Jungfrau kaufen?
Sein Revanchismus und seine Gewaltphantasien verschmolzen zu einem höchst seltsamen Plan, der immer und immer wieder in den Notizen Erwähnung fand. Dieser Plan lief darauf hinaus, dass Wagner nach Wien fahren und eine gewisse Silvia B. kidnappen wollte, ein Mädchen, in das er sich 1958 oder 1959 aus der Ferne verliebt hatte. Er nannte sie einen «Leitstern» in seinem Leben, seine «große Liebe». Hätte er sie erst einmal in seiner Gewalt, wollte er sie irgendwo einsperren: Zunächst sollte sie seine Sexsklavin sein, aber er ging davon aus, dass sie ihn irgendwann lieben würde und sie ein richtiges Paar werden würden. (Im Übrigen fast exakt derselbe Plan, den der gestörte Frederick Clegg in «Der Sammler» verfolgte.) Für den Fall, dass sie mittlerweile verheiratet war, wollte er Silvia und ihren Mann kidnappen – in den Notizen fanden sich Skizzen von Koffermodellen, in denen er sie transportieren wollte – und dann mit Hilfe von Hypnose und «Gehirnwäsche» das Paar nicht nur voneinander trennen, sondern auf irgendeine abseitige Art auch eine solche Macht über den armen Ehemann gewinnen, dass der einwilligte, sie alle drei zu versorgen.
Den Ermittlern fiel auf, dass diese Fixierung auf Silvia in eine Fixierung auf einen bestimmten Frauentyp übergegangen war: klein, zierlich und blond. Der Grund dafür, dass Wagner nach Schweden gegangen war, war nicht nur, dass er gehört hatte, dass die Frauen dort sexuell zugänglicher waren, sondern auch, dass sie dem «arischen» Typus angehörten – ihm entschlüpften hin und wieder Begriffe, die er von seinem Vater hatte, dem überzeugten Nazi. Wagner hatte sogar ein Wort für diesen Frauentyp: «Silvia-Typ». Auch Kickan war klein, zierlich und blond.
Noch frappierender war, dass dieser in weiten Teilen sehr detaillierte Plan für die Entführung von Silvia offensichtliche Übereinstimmungen mit der Methode aufwies, mit der Kickans Mörder vorgegangen war: 1. wollte er sich maskiert an sein Opfer heranmachen, 2. sollte das Opfer mit Hilfe einer chemischen Substanz bewusstlos gemacht werden, 3. sollten die Telefonleitungen gekappt werden, 4. sollte das bewusstlose Opfer vergewaltigt werden, 5. sollte danach der Tatort gründlich gereinigt werden: Finger- und Fußabdrücke weggewischt, Haare und Ähnliches entfernt und die Fußböden gestaubsaugt werden.
Wagner tat das alles in den Vernehmungen als Phantasien ab. Manchmal müsse er sich schreibend von «hässlichen Gedanken» befreien. Außerdem handele es sich um Fiktion, eine Idee für einen Roman, den er schreiben wolle, und hätte überhaupt nichts mit der Realität zu tun. Eventuelle Ähnlichkeiten mit dem Mord im Söndagsvägen seien reiner Zufall.
Die Beamten versuchten es abwechselnd mit List und mit Druck, aber Wagner ließ sich nicht beirren. Er sei unschuldig, «zu 2000 Prozent». Und obwohl seine Pläne sowie viele der Notizen seltsam waren, ja geradezu grotesk, und die Ermittler an seiner geistigen Gesundheit zweifeln ließen, waren sie für sich genommen weder ein Verbrechen noch ein Beweis für ein solches.[15] Lediglich ein Indiz. Hypnose, Gehirnwäsche, Pistolen, Maskierungen, Dolche, K.-o.-Tropfen, gereinigte Tatorte, Karateschläge, Jiu-Jitsu, Entführungen – die Beamten sahen sich einem Menschen gegenüber, der von allen Klischees der billigen Kriminalliteratur geprägt war. Wagner war in der Tat ein fleißiger Konsument dieser Art Literatur. Fakten und Fiktion kommunizieren miteinander.
Für die Anklage war es von zentraler Bedeutung, belegen zu können, dass dieser Mensch nicht nur in einer Halbwelt aus billigen, zusammengesuchten Fiktionen lebte, sondern auch den Willen gezeigt hatte, seine Ideen Wirklichkeit werden zu lassen. Es markierte daher einen wichtigen Ermittlungsfortschritt, als die Beamten in Wagners Aufzeichnungen Notizen fanden, die darauf hindeuteten, dass er einmal tatsächlich versucht hatte, seine zentrale sexuelle Phantasie zu verwirklichen: eine Frau bewusstlos zu machen und sich dann an ihr zu vergehen. Und zwar eine noch unbekannte Frau. Einziger Anhaltspunkt war ihr Kosename: «Bojan».
Die Ermittler machten sich auf die Suche nach ihr.
Unterdessen gingen die langwierigen Vernehmungen weiter. Jetzt hatte sich auch GW Larsson selber eingeschaltet. Ihm zur Seite stand mit Sven Thorander ein weiterer Kriminalkommissar, gut zehn Jahre jünger, erfahren und als tüchtig bekannt. Er hatte ein freundliches Auftreten, interessierte sich für Menschen, Opfer ebenso wie Verdächtige, und war sozial engagiert. (Es kam vor, dass er Menschen in Notlagen, denen er bei der Arbeit begegnete, kurzzeitig zu Hause bei seiner Familie übernachten ließ, wenn es keine andere Möglichkeit gab.) Der Göteborger Thorander war zwar ein wenig eitel, legte Wert darauf, sich mit den Journalisten gut zu stellen, und machte manchmal sogar einen weichlichen Eindruck, doch der Schein trog: Er war einer der mutigsten Polizisten, völlig angstfrei, körperlich schnell, ergriff in schwierigen Situationen rasch das Kommando, und zwar auf eine nicht immer rücksichtsvolle Weise.[16] Genau wie Larsson war er ziemlich groß und schlank, immer untadelig in grauem Anzug, weißem Hemd, ordentlich gebundenem Schlips und gut geputzten Schuhen.
GW Larsson und Sven Thorander – jetzt waren die schweren Geschütze aufgefahren.
Protokoll der Vernehmung im Kriminalkommissariat am 25. September 1965 mit dem österreichischen Staatsangehörigen Friedrich Wagner. Vernehmer Kommissar GW Larsson und Sven Thorander. Uhrzeit: 13.40 Uhr.
V = Vernehmer
W = Wagner
V: Bei der Durchsuchung Ihrer Wohnung sind wir auf Notizen gestoßen, die überwiegend in deutscher Sprache abgefasst sind?
W: Ja.
V: Und soweit wir sehen können, handelt es sich dabei um von Ihnen verfasste Aufzeichnungen.
W: Ja.
V: Ich habe Sie gestern einmal bezüglich der Notizen gefragt, ob Sie Notizen um [sic] andere Personen hätten, und Sie antworteten, dass die Notizen zu 99 Prozent von Ihnen selbst stammen?
W: Ja.
V: Außerdem sagten Sie gestern, dass Sie hin und wieder hässliche Gedanken haben?
W: Ja, das ist richtig.
V: Und diese hässlichen Gedanken schreiben Sie dann auf?
W: Korrekt.
V: Und das ist für Sie eine Art … Sie reagieren sich auf diese Weise ab?
W: Ja.
V: Ihre Aggression reagieren Sie also auf diese Weise ab, wenn Sie sich Notizen machen?
W: Ja, und beim Schreiben.
V: Und Schreiben. Und dann bewahren Sie diese Notizen bis zum nächsten Tag auf und lesen sie dann durch, und dabei denken Sie dann, wie dumm war ich doch, oder so ähnlich?
W: Richtig.
V: Stimmt das so?
W: Das stimmt.
V: Was machen Sie danach mit Ihren Notizen?
W: Ich lege sie beiseite und hebe sie so lange auf, bis ich sie vielleicht bei einer späteren Gelegenheit noch einmal durchlese, aber das passiert nur mit einigen, dass ich sie noch einmal lese, denn das [sic] sind viel zu viele, und vieles stenographiere ich, sodass ich es selbst nicht ohne Mühe lesen kann.
V: Sie haben die Stenographie erwähnt. Gestern sagten Sie, dass Sie Ideen für einen Roman stenographieren, den Sie schreiben wollen?
W: Ja, ich habe das kombiniert, wenn ich es eilig hatte, habe ich stenographiert, und wenn ich mehr Zeit hatte, habe ich die gewöhnliche Schrift benutzt.
V: Wenn Sie was aufschreiben wollten?
W: Meine Gedanken.
V: Ihre Gedanken … waren das die hässlichen Gedanken?
W: Ja, also Gedanken sind entweder hässlich oder … ja, da gibt es keinen Unterschied.
V: Aber Sie schreiben doch nicht alles auf, was Sie denken?
W: So viel würde man nicht schaffen.
[…]
V: Diese Notizen über Verbrechen, die Sie notiert haben, welche Art Verbrechen sind das, die Sie aufgeschrieben haben?
W: Ja, es gibt ja so vieles, über das man nachdenkt …
V: Denken Sie selbst über Verbrechen nach?
W: Nein, aber man bekommt ja so viele Eindrücke, wenn man Radio hört und wenn man Krimis liest und so …
V: Wenn Sie zum Beispiel einen Krimi lesen, machen Sie sich da Notizen?
W: Ich notiere mir, welche interessanten Höhepunkte vorkommen, welche also welche interessanten Stellen [sic] und oft kommt es vor, dass ich sie in Verbindung zu meinem Leben sehe, wie sie da wirken würden, wie sie hineinpassen würden in mein ganz persönliches …
V: Versuchen Sie sich da sozusagen gewissermaßen mit einer der Personen in der Handlung, mit ihr zu identifizieren?
W: Nicht mit einer bestimmten Person, aber jedenfalls mit einer Romanfigur, die bei [sic] einigen Romanen vorkommt.
Die Polizei fragte verschiedene Personen, die mit Wagner in Kontakt gestanden hatten, ob ihnen der Name «Bojan» etwas sage. Im Restaurant «Östermalmaren» in der großen Markthalle am Östermalmstorg wurden sie fündig. Dort hatte Wagner vom Vorfrühling 1963 bis zum Herbst 1964 als Abräumer gearbeitet – Lohn 210 Kronen, auszuzahlen alle zehn Tage –, und dort arbeitete jetzt auch noch eine Frau mittleren Alters namens Valborg Bergstrand, meist nur «Bojan» genannt. Sie kannte Wagner tatsächlich. Man bestellte sie zur Vernehmung ein.
Bojan Bergstrand war geschieden, einsam, freundlich, abgearbeitet. Sie hatte eine Schwäche für Alkohol und lange als Bargehilfin im «Östermalmaren» gearbeitet. Sie entwickelte Sympathien für den ebenso einsamen Österreicher mit seiner korrekten, steifen Art und der Ausstrahlung eines Verlierers. Damit stand sie übrigens nicht allein da. Auch mehreren der anderen Angestellten tat er leid, und untereinander sprachen sie vage davon, dass er «aus schweren Verhältnissen in seiner Heimat» stammen müsse. Zwar hatten sowohl Bojan als auch die anderen bemerkt, dass Wagner sich die schlechte Angewohnheit zugelegt hatte, die Reste aus den Gläsern der Gäste auszutrinken und einige selbst bezahlte und mit Albyltabletten aufgepeppte Biere hinterherzuschütten. Das war nicht nur eine beliebte Methode, die Wirkung des Alkohols zu verstärken, sondern die Mischung wurde auch oft von Amphetaminabhängigen als «Downer» benutzt. Nach einiger Zeit war allen klar, dass Wagner regelmäßig stimulierende Tabletten konsumierte, vermutlich das leicht erhältliche Mittel Preludin. Weil er seine Arbeit trotzdem tadellos machte und die anderen ihn für «nett und ungefährlich» hielten, schritten sie nicht ein. Im Herbst 1964 wurde er schließlich doch gefeuert, nachdem er beinahe eine Prügelei mit einem der anderen Angestellten vom Zaun gebrochen hatte. Der junge Mann hatte ja doch Temperament.
Damals lud Bergstrand ihn in ihre kleine Zweizimmerwohnung im Eslövsvägen in Björkhagen ein, «weil sie sich nach ein wenig Gesellschaft sehnte und nach jemandem, mit dem sie reden konnte, und weil sie dachte, Friedrich sei genauso einsam wie sie». Sie wollte auch «feiern», dass er bei der Arbeit aufhörte. Sie hatten «Grog» getrunken – die schwedische Mischung aus Schnaps und Limonade –, Schallplatten gehört und geredet. Weitere Besuche folgten. Einmal war es spät geworden, zu viel Alkohol, und Wagner hatte so viele Tabletten intus, dass er zu halluzinieren begann, weshalb er über Nacht geblieben war, in dem Zimmer, das sie sonst untervermietete. Die knospende Freundschaft war nie erotisch oder sexuell geworden, nicht zuletzt weil Bergstrand mit ihrem schon seit langem zerstörten Selbstvertrauen sich unmöglich vorstellen konnte, dass dieser junge Mann sich für eine abgelebte Frau interessieren könnte, die fast doppelt so alt war wie er selbst. Was er jedoch tat. Wenn auch nicht auf die übliche Weise.
In dem Wortbrei der beschlagnahmten Notizen fanden die Ermittler Hinweise auf etwas, was ein detailliert geplanter Überfall auf Bojan Bergstrand zu sein schien:
Phase A. 4–5 Karateschläge mit voller Kraft. Sie soll im Fallen aufgefangen werden. Knebel und Handfesseln und Fußfesseln und auf das Bett legen.
Phase B. Schlauch ganz befüllen [?] Abwarten.
Phase C. In den Lehnstuhl setzen. Auf die Augen achten. Sorgfältig fesseln. Außerdem Augenbinde. Schutz gegen Speichelfluss. Knebel und das Ganze noch einmal. Stethoskop und Schalldämpfung.
Phase D. Tonbandende auf Endlosschleife. Und dann der Text: «Bojan, du bist blind, allein und hilflos. Stockholm ist dein Grab. Wird dein Tod sein» etc.
Und:
«Jetzt bist du allein, Bojan. Du fürchtest dich, weil du allein bist, ganz allein und wehrlos und ohne Hilfe, falls du krank wirst. Der Telefonstecker ist herausgezogen. Die Situation im Moment ausgezeichnet.»
Ans Werk. Text 15 Sekunden, Satz 2/4 Musik, 5 Sekunden Pause. Dann Text und wieder Pause und so weiter […]
Später Austausch der Nylonschnur durch ein breiteres Band zum Beispiel Laken. Puls- und Atemkontrolle für weitere Drogen.
Als GW Larsson und Sven Thorander ihn wegen dieser Aufzeichnungen unter Druck setzten, gab Wagner schließlich zu, dass es sich hierbei nicht um bloße Spinnereien handelte, sondern um einen Plan, den er hatte ausführen wollen. Er hatte Bojan Bergstrand hypnotisieren oder einer «Gehirnwäsche» unterziehen wollen – darum das auf Wiederholung eingestellte Tonbandgerät, suggestive Phrasen und so weiter –, damit sie ihm half, seine Anstellung im «Östermalmaren» wiederzubekommen, ja, ihm vielleicht sogar eine Unterkunft anbot.
Der Plan war an einem Abend im Oktober 1964 zur Ausführung gekommen. Wagner ging zu Bojan Bergstrand nach Hause und überreichte ihr die etwas ungewöhnliche Kombination Schnaps und Kaffeegebäck. Außerdem hatte er einen halben Jahrgang von «Piff» dabei, seiner Lieblings-Pornozeitschrift, die er ihr zeigen wollte. Und er hatte Gegenstände mitgebracht, bei denen er sorgfältig darauf achtete, dass sie sie nicht sah, unter anderem eine sonderbare, selbstgebaute Kiste, die innen mit Stanniol ausgekleidet und mit einem rotierenden Rad ausgestattet war, das – wie Wagner glaubte – einen hypnotischen Blinkeffekt erzielen würde. Des Weiteren:
– Tonbandgerät
– Seil
– ein Kieferspreizer aus Holz
– ein Knebel
– ein Stethoskop
– eine Pfefferdose
– eine Flasche siebenprozentige Salzsäure
– zwei Gesichtsmasken mit Löchern für die Augen, die eine aus einem Strumpf gemacht, die andere aus dem Bein einer Herrenunterhose
Von GW Larsson unter Druck gesetzt, räumte Wagner ein, dass die letztgenannten Dinge kaum als Material für eine Hypnose zu bezeichnen seien, und gab zu, mit dem Gedanken an Sex mit der narkotisierten Bojan Bergstrand gespielt zu haben. Es sei aber nichts passiert.
Bei der Vernehmung Bergstrands erfuhren die Beamten, warum. (Wagner bestätigte später ihre Version.) Er hatte sie nicht mit einem Karateschlag niedergestreckt, wie ursprünglich geplant, sondern ihr stattdessen ein Glas mit K.-o.-Tropfen gereicht, genauer gesagt mit etwas, von dem er annahm, dass es wie K.o.-Tropfen wirkte: ein halbes Glas Schnaps mit Salzsäure. Das Rezept hatte Wagner in einem Kriminalmagazin gefunden. Bojan hatte die ausgenommen übelschmeckende Flüssigkeit einfach ausgespuckt und war ausgerastet: Sie glaubte, dass Wagner sie dafür bestrafen wollte, dass sie zu viel Alkohol trank.
Im Angesicht dieser alles andere als willenlosen Frau verließ Wagner der Mut. Er zog mit hängenden Ohren ab.
Die Episode mit Frau Bergstrand im Oktober 1964 war der eindeutige Beweis dafür, dass es sich bei den Notizen keineswegs nur um Phantasien handelte, um Entwürfe zu einem geplanten Roman, sondern dass sie Teil eines realen Plans waren, einer tatsächlichen Vorgehensweise – und dass die Gründe, warum sie nicht ausgeführt wurden, außerhalb von Wagners Kontrolle lagen. Wie bereits angedeutet, sind die beiden Pole keine Gegensätze. Im Gegenteil sind Phantasien für einen bestimmten Typus Vergewaltiger und Mörder sogar der Dreh- und Angelpunkt. Sie gehen der Ausführung voraus. Sie treiben die Handlung voran.
Es ist außerdem bekannt, dass größere Versagenserlebnisse oder emotionale Traumata irgendwelcher Art oftmals der Auslöser dafür sind, dass dieser Typus unzulänglicher und schwacher Männer seine Phantasien auslebt. Im Leben des Verlierers Wagner waren die Krisen Legion, angefangen mit dem Verweis vom Gymnasium in Wien und der Reise nach Schweden, die auch eine Flucht vor seinem Scheitern war, eine Flucht, die wiederum selbst – scheiterte. Ohne Geld oder richtige Wohnung, ohne Freunde oder vor allem Freundin, ohne Zukunftsaussichten und gefangen in einer Arbeit, für die er sich schämte und die nicht dem entsprach, was er für angemessen hielt. Er fühlte sich ausgeschlossen, von einigen wegen seines südländischen Aussehens als «Neger» bezeichnet – sein eigenes Wort. Darin lag eine gewisse Ironie, da er sich die nazistischen Übermenschenphantasien seines Vaters zu eigen gemacht hatte. Gerade deshalb hatte Wagner ja nach Schweden gewollt: Schweden war ein Arierland.
Der nächste Schritt war wichtig. Es galt, festzustellen, wann genau Wagners Phantasien von sexueller Machtausübung in Phantasien von sexueller Gewalt übergingen. Und von Mord.
In der Dagens Nyheter von Donnerstag, dem 14. Oktober 1964, standen die privaten Kleinanzeigen auf Seite 35. An diesem Tag nahmen sie drei Spalten ein, die zwischen Zeilen mit Werbung für Reisen («Mallorca 1 Woche ab 290,–»), Fahrschulen («Der leicht zu fahrende Volkswagen 1500 ist Ihre Abkürzung zum Führerschein») sowie Gesundheitsthemen («Ihre Dritten, naturgetreu, fertig in einem Tag. Zahnziehen ohne Schmerzen») eingekeilt waren. Die Anzeigen waren die übliche Mischung, ein buntes Durcheinander aus Großem und Kleinem, Merkwürdigem und Menschlichem. In Enskede war ein kastrierter Kater entlaufen. Eine Amateurband suchte einen Schlagzeuger. Jemand kündigte ein Paarturnier im Bridge an, Vasagatan 38, Beginn 19.30 Uhr. Für einen sechs Monate alten Jungen in der Birger Jarlsgatan wurde eine Tagesmutter gesucht. Ein dreiundzwanzigjähriger, solider Norrländer wollte sich zweitausend Kronen leihen und hoffte auf eine lange Rückzahlungsfrist. Ein Privatdetektiv (Tel. 938205) bot Beschattungs- und Bewachungsdienste an. Ein gewisser Larsson (Tel. 348273) setzte Menschen mit Kontaktschwierigkeiten davon in Kenntnis, dass sie bei ihm Hilfe in Einzelsitzungen oder in der Gruppe erhalten könnten. Irgendwer hatte sich entzweit, und jemand versuchte mit kryptischen Worten etwas wieder zurechtzubiegen («Gelieb. Ja falsch. Sonst spars. Nicht missverst. Glaube ich verst. Dich»). Und so weiter.
Und dort, unter der Rubrik «Bekanntschaften, Ehen», zwischen einer Anzeige, in der zwei jugendliche Herren in den Fünfzigern mit «Charme und Humor» zwei nichtrauchende Damen suchten, und einer anderen, mit der zwei finnlandschwedische Seeleute sich die Bekanntschaft zweier Damen «zur Gesellschaft und für den Kinobesuch» wünschten, war Folgendes zu lesen:
SPANIER schwedischsprachig, 21/178, sucht Bekanntschaft mit nettem Mädchen. Antw. an «Gerne mit eigener Wohnung od. ähnl.» DN Stureplan.
Das war bereits Wagners dritte Annonce. (Im selben Monat inszenierte er übrigens auch seinen tragikomischen Versuch, Bojan Bergstrand zu «hypnotisieren».) In der ersten Anzeige hatte er geschrieben, er sei Österreicher, hatte darauf aber keine Zuschriften erhalten. Danach hatte er eine weitere Anzeige geschaltet, in der er sich als Italiener ausgab, doch die klang wahrscheinlich allzu verzweifelt – «fühlt sich einsam …» – und zog ebenfalls keine Antworten nach sich. Doch mit der dritten, in der er als Spanier auftrat, hatte er Erfolg.
Wie ich bereits gezeigt habe, war die Grenze zwischen Fakten und Phantasie für Wagner durchlässig. Die Korrekturen der Realität, deren er sich in den Anzeigen schuldig machte – dass er seine Nationalität fälschte, seine Körpergröße übertrieb und sich auch einmal zu jung machte –, mögen zum Genre gehören. Dass er sich zuerst als Italiener und dann als Spanier ausgab, war jedoch offenbar der Versuch, sein alles andere als arisches Aussehen zu seinem Vorteil umzumünzen.
Auf diese Anzeige meldete sich Monika Lindgren, eine junge, ambitionierte Büroangestellte im Außenministerium, die gern ihre Spanischkenntnisse verbessern wollte. Also stand Wagner eines Sonntags mit einem Blumenstrauß vor ihrer Tür in der Maria Prästgårdsgata. Zwar wirkte dieser Mann – der sich als «Francesco Murcia» vorstellte – äußerst nervös, aber sie fand, er sähe mit seinen blank geputzten Schuhen und sorgfältig manikürten Fingernägeln nett und gepflegt aus, und sein Auftreten war höflich. Deswegen nahm sie seinen Vorschlag, essen zu gehen, an. (Wagner konnte vermutlich sein Glück kaum fassen: Monika war blond und zierlich – sein Ideal.) Sicherheitshalber steckte sie einen Pfefferstreuer in ihre Manteltasche. Die beiden gingen ins Restaurant «Brända Tomten» am Stureplan[17], eines der beim jungen Stockholmer Publikum angesagten Lokale – was man an den Schlangen erkennen konnte, die sich immer wieder vor der Tür bildeten. Solche Warteschlangen vor den Vergnügungslokalen der Stadt waren übrigens ein neues Phänomen. Sie aßen Krabbencocktail und tranken Champagner. Als Monika Spanisch zu sprechen versuchte, stellte sich heraus, dass «Francesco» kein einziges Wort dieser Sprache kannte, was er damit erklärte, dass er zwar spanische Eltern habe, aber in Österreich aufgewachsen sei.
Dann erzählte er eine bizarre Geschichte, die ziemlich typisch für seine Phantasiewelt war und sicher sowohl beeindrucken als auch verwirren sollte: Er behauptete, Mitglied eines Netzwerks zu sein, das in das damals noch faschistische Spanien einreisen wollte, um Flugblätter zu verteilen, die zu einer Revolte gegen Franco und sein Regime aufriefen. Und da er die beständig wachsenden Ströme schwedischer Badetouristen dazu nutzen wollte, um ins Land zu kommen, brauchte er eine Frau als Tarnung. Deswegen die Anzeige.
Die sowohl temperamentvolle als auch gescheite Monika mochte diese Geschichte nicht wirklich glauben. Sie ignorierte die merkwürdige Erzählung, die er so rasch fallenließ, dass das an sich schon verdächtig war, und sie sprachen stattdessen über Musik, ein Thema, in dem sich «Francesco» erstaunlich gut auskannte, so gut, dass es ihr sogar ein wenig imponierte.
Sie trafen sich also wieder.
Sein Werben war steif, keusch, altmodisch und unsicher. Sie telefonierten, manchmal meldete er sich per Telegramm, und praktisch jede Woche schickte er ihr Gedichte, die von der Natur handelten und von der Liebe. Sie gingen zum Essen aus – unter anderem ins Restaurant «Bäckahästen» in der Hamngatan: Krabbenbrot, Wein, Kaffee und Likör. Alles in allem für ungefähr dreißig Kronen. Sie gingen tanzen – in die «Berzeliiterrassen» am Norrmalmstorg: Obwohl sie nicht Wange an Wange mit ihm tanzte, damit ihre gestylte Frisur nicht in Unordnung geriet, stellte sie fest, dass «Francesco» besser tanzte als erwartet. Als sie sich an «Letkiss»[18] versuchten, dem neuen Modetanz des Jahres 1965, war ihm jedoch spürbar unwohl. Sie gingen ins Kino, wo sie sich unter anderem die Komödie «Scheidung auf Italienisch» ansahen. Sex hatten sie nie miteinander, und er vermittelte ihr den Eindruck, dass man sich das am besten für die Ehe aufsparen sollte. Nach vierwöchiger Werbung küsste er sie leicht auf den Mund, verbeugte sich dann und bedankte sich mit Tränen in den Augen.
Monika fand ihn eigenartig. Zwar hatte er ziemlich bald zugegeben, dass «Francesco Murcia» nicht sein richtiger Name sei, sondern «Friedrich Werner»[19], aber er erzählte weiterhin wilde Geschichten. Wie dass er mit einem Kompagnon in die Sowjetunion reisen wolle, um dort mit geschmuggelten Armbanduhren das große Geld zu machen; oder dass er in Österreich einen Mann in Notwehr erschossen habe, einen ehemaligen Verlobten seiner großen Liebe – die im Übrigen Silvia heiße und mittlerweile tot sei –, der auf ihn losgegangen sei, doch dass sein Vater, der in Österreich ein einflussreicher Mann sei, dafür gesorgt habe, dass er der Strafe entging; dass seine Mutter zu Hause in Wien im Sterben läge und er wolle, dass Monika mit ihm hinfuhr, und dass er wisse, wie man ihren Pass fälschen könne, damit sie reisen könne. Dass sein Vater während des Krieges eine Nazigröße gewesen sei, dass beinahe seine ganze Verwandtschaft in der Partei und außerordentlich einflussreich gewesen sei und dass es deshalb für ihn und seine Familie ein Verlust gewesen sei, dass Hitler den Krieg verloren hatte – ein Gedanke, den sie im Übrigen geradezu schockierend egozentrisch fand.
Was für Monika dann anscheinend den Ausschlag gab, waren Wagners Lügen und Übertreibungen – es stellte sich zum Beispiel heraus, dass seine Mutter gar nicht im Sterben lag –, doch vor allem, dass sie herausfand, dass er Amphetamin konsumierte. Er war nie high, wenn sie sich trafen, aber ihr fiel auf, dass er oft unter dem Einfluss irgendeines Stoffs zu stehen schien. Außerdem wusste er erschreckend genau, wo in Stockholm man die unterschiedlichen Tabletten kaufen konnte. Schlussendlich gab er selbst zu, dass er abhängig war.
Selten war es so leicht, an Narkotika zu kommen, wie in Stockholm 1965. Verschiedene Amphetamine und Metamphetamin wurden ganz legal von der Arzneimittelindustrie in Tablettenform hergestellt. Die beliebtesten Marken waren Preludin und Ritalin, Präparate, die man sich vom Arzt verordnen lassen konnte, wenn man zum Beispiel abnehmen wollte oder sich einfach nur müde oder deprimiert fühlte, und die man sich dann bei der Apotheke an der nächsten Ecke abholte.
Für dieses riesige Angebot an Drogen gab es mehrere Ursachen.
Zum einen wurden große Mengen der Mittel ins Land geschmuggelt, meist aus Ländern, in denen die Präparate frei verkäuflich waren. Die Schmuggler waren keine kriminellen Banden, denn für die war der Endabnehmerpreis noch etwas zu niedrig, sondern meist Charterreisende. Viele gewöhnliche Svenssons finanzierten sich so ihren Urlaub – ein unerwarteter Nebeneffekt des Jahr für Jahr wachsenden Tourismus.
Zum anderen wurde sehr viel legal verordnet. Es war nicht schwierig, Ärzte zu finden, die bereit waren, diese Präparate zu verschreiben. Sie waren ja noch nicht als gefährliche Drogen stigmatisiert, sondern hatten seit Jahrzehnten den Nimbus der kurzzeitig genutzten und verhältnismäßig ungefährlichen Leistungsförderer, die von prominenten Schriftstellern, Schauspielern, Musikern und Sportlern verwendet wurden.[20] Allerdings wuchs das Bewusstsein um die Gefahren, die von diesen Mitteln ausgingen, und um das Elend und die Kriminalität, die sie nach sich zogen.[21] Eine unheilige Allianz aus Drogenliberalen, radikalen Ärzten, organisierten ehemaligen Rauschgiftsüchtigen sowie der Boulevardzeitung Expressen argumentierte genau gegenteilig und meinte in einem Anfall von zeittypischem Optimismus, wenn die unglücklichen Abhängigen auf legalem Wege an ihre Drogen kämen, würde die Drogenkriminalität aussterben. (Diese Argumentation tauchte zu dieser Zeit in mehreren Diskursen auf: Die Beschränkungen, die man eingeführt hatte, um ein bestimmtes Problem zu bekämpfen, wirkten nicht; vielmehr seien diese Beschränkungen das eigentliche Problem.) Es gelang ihnen, die öffentliche Meinung und die Gesetzgeber auf ihre Seite zu ziehen, und im März jenes Jahres wurde in Stockholm ein Programm für die legale Verordnung von Narkotika aufgelegt: Die Teilnehmer mussten sich nur an einen der angeschlossenen Ärzte wenden, um Amphetamin, Ritalin oder Preludin in den gewünschten Mengen zu erhalten.[22] Kaum überraschend, dass die Mittel vom ersten Tag an auf breiter Front in den illegalen Drogenmarkt durchsickerten. Die Anzahl Drogenabhängiger nahm rasant zu und damit auch die Probleme. (So verfünffachte sich zwischen 1963 und 1965 zum Beispiel die Zahl der «Preludinnotfälle» in der psychiatrischen Klinik des Karolinska-Krankenhauses.) Für jemanden wie Wagner war es mit anderen Worten kein Problem, an Amphetaminpräparate zu kommen.
Monika war durch seinen ständigen Tablettenkonsum und seine Lügen zunehmend irritiert und wies seine wiederholten Heiratsanträge zurück. Sie begann sich stattdessen aus der Beziehung zurückzuziehen – vorsichtig, weil er ihr leidtat und weil sie seine Reaktion fürchtete. Eine Einschätzung, die er sofort bestätigte, zunächst durch eine Selbstmorddrohung, dann mit einem harschen und beleidigenden Brief. Daraufhin brach sie den Kontakt ganz ab.
Wagner reagierte mit zunehmender Wut. In seinen Notizen tauchen immer mehr und immer eindeutigere frauenverachtende Ausdrücke auf. Schon bald begann er von Rache zu träumen und sich in diese Phantasie hineinzusteigern. Sein Hass richtete sich nicht allein gegen Monika, sie wurde vielmehr für ihn zu einem Symbol für alle Frauen. So schreibt er unter anderem:
Mit welcher Verachtung die Frauen Güte und Treue vergelten, hat mir Diana gezeigt.[23] Darum darf man sie alle mit reinem Gewissen ermorden. Sie versuchen einem die letzten jugendlichen Kräfte auszusaugen, was eine Frechheit ist. Stolze Frauen, warum verschmäht ihr mich? Euer Stolz muss gebrochen werden. Ihr habt mich zu einem millionenfachen Martyrium verurteilt. Doch fürchtet meine Rache.
Gegen Ende Oktober übergab GW Larsson die Verantwortung für die weiteren Ermittlungen an Sven Thorander. Weshalb, habe ich nicht in Erfahrung bringen können, vermute aber, dass Larsson schlicht und einfach überarbeitet war und Erholung brauchte. Sein im Polizeiarchiv archivierter Dienstplan belegt, dass er im Jahr 1965 nur einmal Urlaub hatte, und zwar im Mai, und dann ohne Pause den ganzen Sommer hindurch und bis weit in den Herbst hinein arbeitete, offenbar bis zu dem Zeitpunkt, als der Fall Granell als mehr oder weniger aufgeklärt gelten konnte. Darüber hinaus hatte er noch Resturlaub von 1964, und im folgenden Jahr würde er sechzig Jahre alt werden, er litt an Bronchitis und betrachtete die zunehmende Kriminalität mit Schrecken. Kein Wunder, dass er sich auf seine Pensionierung freute. Auf jeden Fall verabschiedete sich Larsson am 15. Oktober in den Urlaub.
Die Vernehmungen gingen weiter, wochenlang, bis in den November. Sie drehten sich zunehmend um Detailfragen. Wagner bestritt weiterhin alles mit verblüffender Ausdauer: Er war unschuldig. Punkt. Gleichzeitig bewies er auch jetzt wieder sein großes Talent, Dinge in Frage zu stellen, alternative Erklärungen zu finden, die Wahrheit zu frisieren, seine Antworten schnell zu korrigieren oder mit Ausflüchten zu kommen.
Aus der letzten Vernehmung, vom Vormittag des 30. November 1965:
V: Herr Wagner, Sie haben diese Seite der Notizen jetzt durchgelesen – worauf spielen Sie mit den Worten an: «dann werde ich sehen, ob es die richtige Frau oder die Puppe wird»?
W: Das bezieht sich auf das Neumann-Projekt[24], wobei ich … Geschlechtsverkehr … also kaufen … wollte … das war ungefähr genauso teuer, nämlich 200 Kronen, wie die Puppe.
V: Woher wussten Sie, dass ein Beischlaf 200 Kronen kostet?
W: Tjaa, das ist so … die üblichen Preise für ein junges Mädchen … man konnte sie schon für 10 Kronen haben, aber bei den jüngeren muss man mit 200 Kronen rechnen.
V: Wer hat Ihnen das erzählt?
W: Ein Koch.
V: Welcher Koch?
W: Einer, der öfter ein paar Tage zur Aushilfe da war und mit dem ich gesprochen habe … über Mädchen und so, und der mir angeboten hat, sozusagen einen Kontakt herzustellen.
Wagner blieb konsequent dabei, dass seine Notizen Phantasien seien bzw. etwas, das er nicht verwirklicht hatte. Viele seiner Erklärungen fußten auf seinen erwiesenermaßen nie ausgeführten Plänen, seine große Liebe Silvia mit ausgeklügelten Methoden zu entführen oder schreckliche Rache an denen zu üben, die er für seine Erniedrigung zu Hause in Wien verantwortlich machte. Eine Rache, die in ihrem absonderlichen Größenwahn manchmal an Science-Fiction erinnerte oder auch nur an blanken Wahnsinn, wie zum Beispiel die Idee mit den bakteriell vergifteten Wasserspeichern oder mit Raketenangriffen.
Unsicher wurde er eigentlich nur ein einziges Mal, und zwar in einer der allerletzten Vernehmungen. Wagner hatte seine Zelle auf Långholmen eine Zeitlang mit einem anderen Untersuchungshäftling geteilt, und die beiden waren miteinander ins Gespräch gekommen. Der andere Mann hatte Wagner gefragt: «Warum bist du hier?», und der hatte geantwortet, dass er des Mordes verdächtigt werde, aber selbst wenn er «hundert Jahre» hier sitzen sollte, würde er «das nicht zugeben», denn er habe keinen Mord begangen. «Allerdings», hatte er hinzugefügt, «bin ich bereit, acht bis zehn Jahre für Vergewaltigung einzusitzen». Das hatte der andere später der Polizei hinterbracht.
Die Vernehmer nahmen Wagner in die Mangel. Welche Vergewaltigung hatte er begangen, für die er eine Strafe auf sich nehmen wollte? Das konnte Wagner nicht erklären.
Die Beamten fassten die Ermittlungsergebnisse für Bertil Österberg zusammen, den Staatsanwalt, dem der Fall jetzt zugeteilt worden war. Für ihn war klar, dass es ein reiner Indizienprozess würde. Es gab keine stichhaltigen Beweise. Österberg beschloss dennoch, Anklage zu erheben. Angesichts der Fülle an Indizien und der Aufmerksamkeit, die der Fall erregt hatte, konnte er auch kaum anders.
Am 4. Dezember 1965 wurde Wagner wegen Mordes angeklagt, «gemäß Kapitel 3, Paragraph 1 Strafgesetzbuch».