Aus einem Text von Friedrich Wagner, publiziert in Fib-Aktuellt, Januar 1966)
Ich bin [von den Vernehmern] gefragt worden, wie es im Jahr 1965 mit den Mädchen lief, nachdem Monica mit mir Schluss gemacht hatte. Dazu kann ich sagen, dass ich eine fast schon trotzige Haltung eingenommen habe, die sich darin äußerte, dass ich Mädchen beinahe mit Verachtung gestraft und jede freundliche Geste zurückgewiesen habe, weil ich erlebte, dass Mädchen mir gegenüber wirklich die tiefste Antipathie empfinden.
Jede kleinste Beobachtung dieser Art registrierte ich mit größter Sorgfalt, und die daraus resultierenden Konsequenzen ordnete ich darauf schrittweise zu einem System an, zu einer Philosophie, die ihren Ursprung darin hat, wie sich die Umwelt mir gegenüber verhielt, und aus den Regeln, die dieser Philosophie zugrunde lagen, konnte ich die Zukunft vorhersagen und Erklärungen in ansonsten schwer zu erklärenden Situationen finden.
Ich gelangte allmählich zu der Erkenntnis, das elendeste und ausgestoßenste Geschöpf auf der Welt zu sein, weshalb sich in mir schrittweise die Überzeugung herauskristallisierte, dass es das Beste wäre, mir entweder das Leben zu nehmen oder so viele feindlich gesinnte Menschen wie möglich zu ermorden. Finde ich keine Erfüllung im Leben durch eine Ehefrau, will ich durch einen großen geplanten Massenmord Befriedigung erlangen. Ein Massenmord ist für mich derzeitig die zweite Alternative und genauso akzeptabel [sic] wie eine Ehe. Auch hier liegt es wieder bei meinem Umfeld, zu entscheiden, welchen Weg ich einschlage.
Das Leben ging weiter. Nach dem Urteil im Svea hovrätt geriet der Mord von Hökarängen schnell in Vergessenheit, verlor sich zwischen Zeitungsnotizen über Veränderungen im alltäglichen Leben (wie der, dass auf den schwedischen Straßen allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzungen eingeführt werden sollten und dass Läden auch am Abend geöffnet haben sollten), Geschichten von neuen Verbrechen (wie dem brutalen Mord an zwei Polizisten und einem Wachmann in einem Einkaufszentrum in der Nähe von Stockholm in einer Januarnacht) oder den Nachrichten von einer immer düsterer werdenden Welt (Militärputsch in Griechenland, wachsende Spannungen im Nahen Osten, eine immer gewalttätiger werdende Kulturrevolution in China, der eskalierende Krieg in Vietnam). Neue Geschichten wurden geschrieben, alte umgeschrieben. Die Angst geriet in Bewegung und suchte sich neue Objekte. Schweden durchlebte einen weiteren schneereichen Winter, aber schließlich wurde es doch Frühling.
Während dieser ganzen Zeit saß Wagner in der Abteilung für psychiatrische Zwangsbehandlung im St.-Görans-Krankenhaus auf Kungsholmen. Zwar im Erdgeschoss, aber hinter einem verschlossenen Fenster aus unzerstörbarem Glas, was für mehr als ausreichend galt. Wagner hatte Staatsanwalt Österberg eine Weihnachtskarte geschrieben. In seiner ordentlichen, leicht wiederzuerkennenden Handschrift schickte er einen höflichen Gruß und bedankte sich für ein «gutes Match».[1]
Am Dienstag, den 26. April 1967, morgens um 7.10 Uhr schlossen die Angestellten wie immer die Tür zu Wagners Zimmer auf. Da entdeckten sie, dass die Form im Bett, die wie ein schlafender Mensch aussah, nur aus geschickt arrangierten Kissen und dem Bettzeug bestand. Wie in irgendeinem x-beliebigen Kinderbuch. Das Fenster war zugezogen, aber unverschlossen. Es gab keine Spuren eines gewaltsamen Aufbruchs. Sie schauten in den solide umzäunten kleinen Spazierhof hinunter. Er war menschenleer. Wagner war geflohen.
Umgehend wurde die Polizei alarmiert, und eine große Suchmannschaft schwärmte aus. Die Beschreibung lautete: einhundertsiebzig Zentimeter groß, normaler Körperbau, markantes südländisches Aussehen, braune Augen, kurzes braunes Haar, konvexe Nase, ordentlich getrimmte Schifferkrause, leicht defekte Vorderzähne, macht einen sehr gepflegten und korrekten Eindruck, spricht ausgezeichnet Schwedisch und fließend Deutsch, Französisch und Englisch. Landesweiter Alarm wurde ausgelöst und die Wachsamkeit an den Grenzen erhöht. Das Fernsehen zeigte ein Bild von Wagner.
Die Polizei ging davon aus, dass es nicht allzu schwer sein würde, Wagner aufzuspüren. Allem Anschein nach trug er immer noch seine auffällige gelb-braune Anstaltskleidung und verfügte außerdem weder über Geld noch über Kontakte. Aufgrund seiner Erfahrungen aus den Ermittlungen sagte GW Larsson jedoch skeptisch, Wagner sei «zweifelsohne ein Mann, der eine solche Aktion bis ins kleinste Detail durchplant, aber es scheint ausgeschlossen, dass er das hier ohne Hilfe geschafft haben sollte». Doch wer war dann sein Komplize?
Die alte Angst aus dem Sommer 1965 kam wieder hoch, noch befeuert von den reißerischen Schlagzeilen der Abendzeitungen und der Warnung der Polizei, die in fetten schwarzen Lettern rief: «Dieser Mann ist gefährlich!» Und das nicht ganz zu Unrecht. Während der Verhandlung im Svea hovrätt hatte Wagner damit gedroht, zu fliehen, falls er wieder in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen werden sollte, und behauptet, er habe eine Pistole und ein Messer versteckt und werde sich nicht scheuen, sie auch zu benutzen. «Niemand, wahrscheinlich noch nicht einmal er selbst, kann vorhersehen, was seine Gefährlichkeit auslöst, in welcher Situation das Risiko eines Gewaltverbrechens besteht», schrieb Svenska Dagbladet auf der Titelseite.
In aller Eile wurde eine ganze Reihe an Sicherheitsmaßnahmen improvisiert. So wurde zum Beispiel Lillan Sundin, eine der Hauptzeuginnen im Gerichtsverfahren, sofort an einen geheimen Ort in Norrland gebracht. Staatsanwalt Österberg erhielt Personenschutz: Drei Tage lang wohnte ein Beamter der schwedischen Sicherheitspolizei Säpo bei ihm zu Hause in Bandhagen, und immer, wenn es an der Tür klingelte, öffnete der Beamte mit der Dienstpistole in der Tasche. Österbergs Kinder, die das Ganze ziemlich spannend gefunden hatten, waren alarmiert, nachdem zwei Polizisten in Zivil mitten im Unterricht in ihre Klasse gekommen waren und sie aufgefordert hatten, vom Fenster wegzubleiben. Die Stockholmer Polizei nahm sogar Kontakt zu den Kollegen in Wien auf, damit sie die drei Lehrer an Wagners ehemaligem Gymnasium, gegen die er bei verschiedenen Gelegenheiten Morddrohungen ausgestoßen hatte, sowie seine alte Liebe Silvia warnen konnten.
In Wagners Zimmer wurde ein an Erik Blomberg, den Polizisten, der anfänglich die meisten Vernehmungen durchgeführt hatte, adressierter Brief gefunden. Darin beteuerte Wagner wieder seine Unschuld und dass er vollkommen ungefährlich sei und betonte: «Es ist die Sehnsucht nach Freiheit, die mich zur Flucht getrieben hat», sowie die Angst vor einem «Rücktransport nach Österreich». Der Brief endet schmissig: «Darum also: keine Panik, Herr Blomberg, es ist alles lange nicht so tragisch, wie es aussieht. Mit freundlichen Grüßen Ihr Friedrich Wagner».
Wie zu erwarten gingen umgehend Hinweise bei der Polizei ein. Und wie zu erwarten waren diese sehr widersprüchlich. Schnell war klar, dass Wagner an mindestens vier oder fünf verschiedenen Orten in Stockholm gesehen worden war. Schwarz-weiße Polizeiautos kreuzten in Rudeln durch die Stadt und schlugen in razziaähnlichen Aktionen an verschiedenen Stellen zu, unter anderem in Bromsten und Vasastan, doch ohne Erfolg. Dass am Dienstagabend eine ganze Serie von Vergewaltigungsversuchen an jungen Frauen aus Högdalen, dem unmittelbar nördlich von Hökarängen gelegenen Stadtteil, gemeldet wurde, trug auch nichts zur Beruhigung der aufgeheizten Stimmung bei. Wagner schien keine Zeit zu verschwenden.
Am Mittwochabend, den 27. April, kam aber die Meldung, dass Wagner in der kleinen dänischen Stadt Padborg festgenommen worden war, als er gerade die Grenze zur Bundesrepublik Deutschland überqueren wollte. Die Festnahme ging undramatisch und ohne Widerstand vonstatten. In einer seiner Taschen fand die Polizei zwei Rasierklingen.
Am Donnerstag übergaben ihn die dänischen Behörden an die Polizei in Malmö. Wagners Hände waren hinter seinem Rücken mit Handschellen gefesselt, er trug eine braune Jacke, die ihm ein wenig zu klein war, graue Hose, blank geputzte schwarze Schuhe, Hemd und Fliege und lächelte in die Kameras der wartenden Fotografen. Bereitwillig schilderte er seine Flucht.
Einen Fluchthelfer hatte er nicht gehabt. Er hatte seine Aktion mit der bekannten Mischung aus List und Sorgfalt vorbereitet. Die Kleidung gehörte ihm, er hatte sie in seinem Krankenzimmer versteckt gehabt; ebenso das Geld: Über Monate hinweg hatte er für diesen Zweck sein Krankengeld gespart, durchschnittlich sieben Kronen am Tag; das Fenster hatte er mit Hilfe eines Dietrichs geöffnet, den er sich aus einem im Krankenhaus gestohlenen Löffel gemacht hatte.
Am späten Montagabend hatte er sich umgezogen, das Fenster geöffnet, war auf die Erde gesprungen und behände über den zwei Meter hohen Zaun geklettert, durch den dunklen Park, der das Krankenhaus umgibt, gelaufen und direkt davor in ein Taxi gestiegen, das durch einen glücklichen Zufall gerade vorbeigekommen war. Damit war er zum Hauptbahnhof gefahren, wo er den letzten Zug nach Göteborg genommen hatte. Dort angekommen, hatte er die Fähre nach Frederikshavn in Dänemark bestiegen.[2]
Auch im Laufe der weiteren Reise hatte Wagner seine Raffinesse unter Beweis gestellt. Seit knapp zehn Jahren galt Passfreiheit zwischen Schweden und Dänemark, doch die Grenze nach Deutschland würde nicht ganz so leicht zu passieren sein. Als man Wagner einsperrte, hatte man ihm einen älteren Ausweis gelassen, der bei Reisen zwischen einigen europäischen Ländern, unter anderem Dänemark, Westdeutschland und Österreich, als Passersatz galt. Dieses Dokument hatte er auf einfache, aber durchaus schlaue Art gefälscht: Aus unerfindlichen Gründen war sein Nachname darin mit kleinem «w» geschrieben, was er sich zunutze gemacht hatte, indem er in der gleichen Schrift die Silbe «Ren» davorgesetzt hatte, sodass er nun «Renwagner» hieß. Außerdem hatte er einen zweiten Vornamen ergänzt, Karl, reiste jetzt also unter dem Namen Karl Friedrich Renwagner.
Von Frederikshavn aus hätte Wagner mit einem Schnellzug direkt nach Hamburg fahren können. Allerdings war er davon ausgegangen, dass die Polizei solche Verbindungen besonders gründlich kontrollierte, weshalb er einen Zug nahm, der über Fredericia zu dem kleinen Ort Tinglev in Südjütland fuhr. Dort wanderte er in der Dämmerung herum und übernachtete darauf in einem Gebüsch. Am nächsten Morgen nahm er dann einen Regionalzug in Richtung Süden, in der wohlbegründeten Hoffnung, in dem Strom dänisch-deutscher Grenzpendler unterzutauchen.
Wagner war jedoch vier Schwedinnen aufgefallen, die auf derselben Fähre gewesen waren wie er, und zwar zuerst wegen seines Bartes und seiner Frisur, mit denen er dem beliebten Musiker und Entertainer Owe Törnqvist ähnelte. Als sie später wieder zu Hause waren und Bilder des Flüchtigen im Fernsehen sahen, ging ihnen auf, dass sie Wagner gesehen hatten. Sie teilten der schwedischen Polizei ihre Beobachtungen mit, die den Hinweis für so interessant hielt, dass sie Interpol einschaltete.
Interpol wiederum schickte ein Telex an die dänische Polizei, das bei dem Grenzposten in Padborg eintraf, kurz bevor der unscheinbare Regionalzug aus Tinglev einfuhr. (Interessant: Wäre Wagner nicht so oberschlau gewesen und hätte den Schnellzug nach Hamburg genommen, hätte er die Grenze vor Ankunft des Telex von Interpol passiert und wäre damit der Entdeckung entgangen.) Vielleicht wäre er sogar auch so damit durchgekommen, denn die Ausweispapiere, die er im Zug vorzeigte, waren wie beschrieben formal echt, und seine Fälschung war «sehr geschickt gemacht».[3] Den dänischen Grenzpolizisten fiel jedoch auf, dass Karl Friedrich Renwagner dasselbe Geburtsdatum und denselben Geburtsort hatte wie der Flüchtige aus Schweden: 9.11.1940 in Wien. Als sie sein Gepäck durchsuchten, fanden sie ein weiteres Identitätsdokument, ausgestellt auf einen gewissen Friedrich Wagner. Da nahmen sie ihn fest.
Nach Wagners Überstellung nach Malmö und nachdem er vernommen worden war, eskortierte man ihn zu seiner neuen Unterbringung. Die psychiatrische Klinik von St. Göran war nachweislich nicht sicher genug, weshalb man ihn in eine große, einsam gelegene Nervenheilanstalt bei Västervik verlegte und dort in einem besonders gesicherten Gebäude einschloss. Einige Tage später vermeldete eine kleine Zeitungsnotiz, dass Wagner einem dortigen Arzt den Mord gestanden hatte. Später fand ich allerdings Dokumente, denen zufolge er nicht gestanden oder das Geständnis zumindest später widerrufen hatte.
Diese unbestätigten Informationen zu Wagners Geständnis fand ich verwirrend. Sie passten nicht zu dem Bild, das ich mir von Wagner gemacht hatte, zu seinem Verhalten während der Ermittlungen und der Gerichtsverhandlung. Er schien einer von denjenigen Mördern zu sein, die niemals gestehen, unter keinen wie auch immer gearteten Umständen, sondern ungeachtet aller Widersprüche mit einer Art rechthaberischem Pathos an ihrer Geschichte festhalten, was im Falle Wagners gut zu seiner Diagnose Paranoia passen würde: Ich bin unschuldig, verfolgt, Opfer einer Konspiration.
Gleichzeitig stand ich vor einem Problem. Falls es wirklich ein Geständnis gab, war es höchstwahrscheinlich unmöglich, da heranzukommen.
Mittlerweile war mir die Naivität meiner anfänglichen Hoffnungen vollends klar geworden. 1965 war weiter entfernt, als ich gedacht hatte. Ich erinnere mich an einen ganz besonders qualvollen Nachmittag, an dem Lars-Olov, der mir bei der manchmal komplizierten Suche nach Personen aus dem Fall Granell half, mit seinem Laptop auf dem Schoß auf dem grauen Sofa in meiner Schreibklause saß und ohne aufzublicken mit monotoner Regelmäßigkeit wiederholte «verstorben», «verstorben», «verstorben». Die Leute waren tot. Und viele von denen, die noch lebten, erinnerten sich nicht.
Eine andere Komplikation, mit der ich schon eher gerechnet hatte, betraf die Möglichkeit, an Informationen zu gelangen, die der Geheimhaltung unterliegen. Das hatte sich unter anderem herausgestellt, als ich mit den Dokumenten aus der Verhandlung im Svea hovrätt arbeitete.
Dessen Akten aus jener Zeit liegen in der Zweigstelle des Reichsarchivs in Arninge. An einem eisig kalten Wintertag fuhr ich hin. Anders als sonst waren die Räume beinahe verwaist. Zu dritt saßen wir in dem großen Forschersaal, während einige andere Räume gähnend leer waren, denn in gut einem Monat sollte das Archiv wegen Umbaus schließen. Draußen vor dem Fenster war alles grau oder graubraun, Lehm, Gesteinsbrocken, Betonpfeiler im gefrorenen, aufgewühlten Boden. Während ich auf die bestellten Archivkartons wartete, wanderte ich etwas planlos umher und ließ meinen Blick an den vielen Metern Archivverzeichnissen entlangschweifen, die meisten für diverse staatliche Behörden, und in mir trafen zwei widerstreitende Impulse aufeinander. Der eine: Man stelle sich all die Arbeit, all die Mühen vor, und alles, was übrig bleibt, sind Hekatomben Papier. Der andere: Alle sind hier, alle hinterlassen irgendwelche Spuren, niemand verschwindet für immer.
Dann bekam ich mein Material. Es war nur ein einziger Archivkarton. Und der war verdächtig leicht. Darin lagen vielleicht dreißig Dokumentkopien. Darunter waren die Protokolle, aber fast keine anderen Unterlagen. Vor allem fehlte Holmstedts Gutachten, das für das Urteil der Berufungsinstanz so eine entscheidende Rolle gespielt hatte. Es war eine Verschlusssache.
Ich versuchte alles Mögliche, um an das Material heranzukommen. Ich schrieb viele E-Mails und berief mich auf den vom Gericht selbst festgelegten Geheimhaltungszeitraum von fünfzig Jahren, die jetzt abgelaufen waren. Die Sachbearbeiterin war höflich, aber bestimmt. Sie berief sich auf das Öffentlichkeits- und Geheimhaltungsgesetz von 2009. («Das ärztliche Attest und die Expertengutachten fallen unter Kap. 35 § 1 Pkt. 1 und Kap. 43 § 3 Abs. 2, und die Geheimhaltungsfrist für Dokumente dieser Art beträgt 70 Jahre, woraus folgt, dass sie nicht vor dem Jahr 2036 herausgegeben werden dürfen.» Sie hatte das Gesetz auf ihrer Seite. Ich musste mich schließlich damit zufriedengeben, aus der Presse und aus Zitaten im Gerichtsprotokoll von Svea hovrätt ein Bild vom Gutachten des Psychiaters zusammenzubasteln.[4]
Aufgrund dieser Erfahrung gab ich mich keinen Illusionen hin, Material über Wagners Zeit im psychiatrischen Krankenhaus bei Västervik einsehen zu dürfen. Falls es überhaupt ein Geständnis gab, würde es nicht vor, ja, 2037, freigegeben werden. Nein, daran war gar nicht zu denken.
Zu einem anderem Schauplatz, dieses Mal im Archiv von Stockholms ehemaligem Polizeipräsidium, einem Palast im Imperialstil im Park hinter dem Rathaus. Das Archiv befindet sich im ehemaligen Untersuchungsgefängnis, und aufgrund der Menge an Material zu diesem Fall wurde mir bei meinen Besuchen immer ein eigener Raum, eine ehemalige Zelle, zur Verfügung gestellt. (Zwei Wagen waren nötig, um alles dorthin zu transportieren.) Es war ein Freitag im Dezember, es war schon spät, und in den Fenstern brannten Adventsleuchter. Die Angestellten gingen allmählich ins Wochenende. Die Lichter erloschen. Kirchenstille breitete sich aus, und bald würde auch ich aufbrechen, um mich mit einem guten Freund zu treffen.
Vor mir lag einer der letzten Kartons der Serie, dem ich eine verschlissene Mappe entnahm, als ein Dokument heraus- und auf den Boden fiel, mir buchstäblich vor die Füße. Ich beugte mich hinunter, um es aufzuheben, und las die Überschrift: «Tonbandaufnahme vom 3.5.1967 im Norra sjukhuset in Västervik, Gespräch mit dem österreichischen Staatsangehörigen Friedrich Wagner.»
Ich begann zu lesen. Es war sein umfassendes Geständnis.
Tonbandaufnahme vom 3.5.1967 im Norra sjukhuset in Västervik, Gespräch mit dem österreichischen Staatsangehörigen Friedrich Wagner. Anwesende: Oberarzt Doktor Ragnar Winberg und Erster Kriminalassistent Bo Malm.
Dr. Winberg: Noch einmal zu diesem Mord von gestern, nicht wahr?
Wagner: Ja.
Dr. Winberg: Hier ist jetzt ein Mann von der Polizei, der gerne mit Ihnen sprechen möchte. Würden Sie ihm das noch einmal erzählen?
Wagner: Ja, das kann ich gerne tun.
Dr. Winberg: Ja, Sie können es ja selbst erzählen.
Wagner: Also, ich hatte ja ein Zimmer da in dem Stadtteil, der Hökarängen heißt, und mein Haus, das war ungefähr 75 Meter vom Mordhaus entfernt, und irgendwann, nachdem ich eingezogen war, habe ich dieses Mädchen mit ihrer Freundin gesehen, und ich fand sie ganz besonders hübsch, und so war das dann also, und es dauerte ungewöhnlich lange, nichts [passierte], also sie war ja verreist, habe ich dann gehört, und nach ungefähr drei Wochen [kam sie zurück]. Vor dem Mord habe ich sie durch Zufall durch das Küchenfenster gesehen, als sie draußen war, und ich dachte, dass sie allein war, das war also an dem betreffenden Tag, und da muss ich hinzufügen, dass ich zu der Zeit darüber nachgedacht habe, eine Frau zu betäuben und sie zum Sex mit mir zu zwingen, und zu dem Zweck hatte ich mir französisches Chloroform besorgt, das man sehr billig kaufen konnte und an das man herankommen konnte, ohne Genehmigung also, ohne, ohne [lange Pause] und damit und mit meinen fertigen Plänen, ja, das waren so ungefähr fünf- bis sechshundert Seiten, die ich geschrieben hatte, über verschiedene Projekte. Ich hatte ja reichlich Material, dann ging ich zu Fräulein Granells Haus, ungefähr gegen zehn Uhr abends am 24. Juli war das, und da sah ich, dass drinnen Licht war, und deswegen hielt ich mich auf der kleinen bewaldeten Anhöhe vor dem Haus auf, bis das Licht gelöscht wurde. Das dauerte vielleicht eine Stunde. Dann habe ich mich vorgetastet. Meine Absicht war es, ein Fenster einzuschlagen und ins Haus einzusteigen, aber das stellte sich als unnötig heraus, sondern die hintere Tür, die zum Garten, Terrassentür wurde sie später genannt, stand offen, und durch die Tür bin ich ins Haus gegangen, und ich muss noch sagen, dass das Innere ja genauso aussieht wie in dem Haus, in dem ich wohnte. (Weshalb ich mich in einem anderen [Haus] wahrscheinlich nur schwer [zurechtgefunden] hätte.[5]) Und dann ging ich die Treppe hoch, und ich wusste ja nicht, welches Zimmer ihres war, deswegen habe ich mich sicherheitshalber eine Weile in der Bodenkammer versteckt, die neben dem Badezimmer, das ist eine kleine Kammer, in der man alle möglichen Sachen verstaut, und als ich dachte, dass sie bestimmt schlief, schaute ich nach, in welchem Zimmer sie war. Sie lag nicht in ihrem eigenen Zimmer, sondern in dem von ihrer Mutter und ihrem Vater, und dann packte ich die Sachen aus, die ich mitgebracht hatte. Das waren also das Chloroform und die Gesichtsmaske, die ich schon im Wald angezogen hatte und ein bisschen eingeschmiert hatte, damit man mich nicht wiedererkennen konnte. Ich nahm also die Flasche und das Taschentuch und näherte mich dem Bett und nahm also so wenig, so wenig wie möglich, und das waren wirklich nur einige, sehr wenige Tropfen, die auf dem Taschentuch waren, und ja, und dann passierte es, dass, jedenfalls, ich wusste absolut, das muss ich hinzufügen, ich wusste nicht, dass sie bei dem Ganzen zu Schaden gekommen war. Also es war meine feste Überzeugung, dass sie also nur betäubt war, ich konnte ja nicht wissen, dass es zu viel war, das konnte ich doch wirklich nicht wissen. Und wenn ich gewusst hätte, dass es so gefährlich sein kann, dann hätte ich mit Sicherheit nicht so gehandelt!
EKrA Malm: Sie sagten gestern, dass Sie das Taschentuch mit Chloroform tränkten und es ihr dann auf das Gesicht drückten und dann Geschlechtsverkehr mit ihr hatten?
Wagner: Ja.
EKrA Malm: Ja. Doch dann bemerkten Sie, dass sie tot war, also danach?
Wagner: Nein, das habe ich nicht [Pause]
EKrA Malm: Aber Sie haben danach alles wieder ordentlich gemacht?
Wagner: Ja. Aber das war, um eventuelle Spuren zu beseitigen, die meine Identität verraten konnten, aber ich hatte absolut keine Ahnung, dass sie tot war. Ich weiß nicht, wie ich in dem Fall reagiert hätte, vielleicht hätte ich selbst die Polizei gerufen, ich weiß es nicht.
EKrA Malm: Wie viele Tropfen waren ungefähr auf dem Taschentuch?
Wagner: Ja, mir schien, es waren vielleicht drei Tropfen, mehr nicht.
EKrA Malm: Es könnten aber auch mehr gewesen sein.
Wagner: Es war sehr, sehr wenig. Es ist möglich, dass ich nervös war und meine Hand ein bisschen zitterte, dass dadurch [Wörter fehlen], aber ich wusste ja, dass es gerade mit diesem Mittel nicht einfach zu erreichen würde [sic], aber dass es wirklich so gefährlich ist, das kann sich ein Laie gar nicht vorstellen.
EKrA Malm: Warum haben Sie das nicht schon eher erzählt?
Wagner: Ja, darauf könnte ich ganz einfach sagen, der Grund war, dass ich eben mit dem Arzt gesprochen habe.
EKrA Malm: Ja, weiter nichts?
Wagner: Nein.
Dr. Winberg: Ich wollte Sie noch fragen, wie reagierte die junge Frau, als Sie ihr das Taschentuch vor den Mund hielten?
Wagner: Ja, soweit ich das bemerken konnte, reagierte sie überhaupt nicht. Ich war zu dem Zeitpunkt, also ich war so aufgestellt [aufgeregt?] und ein wenig erschrocken und hatte, könnte man sagen, Erwartungen[6], deshalb habe ich keine Reaktion bemerkt.
EKrA Malm: Ich vermute, dass sie schlief? Sie schlief, als Sie kamen?
Wagner: Ja. Ich dachte deswegen, es wäre einfach eine Schlafvertiefung.
EKrA Malm: Jaa. Haben Sie noch weitere Fragen, Herr Doktor?
Dr. Winberg: Nein, ich habe keine Fragen.
EKrA Malm: Zu dem, was vorgefallen ist?
Dr. Winberg: Das war wohl ungefähr das, was Herr Wagner gestern erzählt hat. Mehr war da nicht.
Wagner log in allen Vernehmungen und Gerichtsverhandlungen, konsequent, zungenfertig und phantasievoll. Es ist keineswegs überraschend, dass er, als er endlich beschließt zu gestehen, dabei weitere Lügen zu Hilfe nimmt.
Es kann nicht stimmen, dass er wartete, bis alle Lichter im Söndagsvägen 88 erloschen waren: Man denke an die offene Dose mit Handcreme, man denke daran, dass auf dem Nachttischchen nicht das Glas Wasser stand, das Kickan jeden Abend mit ans Bett nahm, um damit die Anti-Baby-Pille hinunterzuspülen. Die Details weisen darauf hin, dass sie eben dabei war, ins Bett zu gehen, als er sich Zutritt verschaffte. (Hörte sie die Terrassentür? Hörte sie die Schritte auf der Treppe? Hörte sie das laute Knarren der obersten Treppenstufe?) Es stimmt nicht, dass Wagner «so wenig, so wenig wie möglich» des Chloroforms auf das Taschentuch gegeben hatte: Man denke an die Mengen, die bei der Obduktion in Kickans Körper gefunden wurden (Mageninhalt 2,5 Milligramm pro 100 Gramm, Gehirn 5,5 Milligramm pro 100 Gramm), ein Anzeichen dafür, dass eine große Menge verwendet worden war, an die zwei Deziliter vielleicht. Es stimmt nicht, dass Wagner «als Laie» nicht überblickte, wie gefährlich dieses Mittel war: Man denke nur daran, dass sich das Buch «Narkose und Betäubung» bei seinen Sachen befand. Sowohl in den Vernehmungen als auch im Gerichtsverfahren hatte er erkennen lassen, dass ihm die Gefahren bekannt waren, die mit der Verwendung von Chloroform einhergingen. Es stimmt nicht, dass sein Opfer keine Reaktion zeigte, dass er ihr einfach das Taschentuch aufs Gesicht legte und daraufhin lediglich eine «Schlafvertiefung» zu bemerken war: Man denke an die kleinen Verletzungen in Kickans Gesicht (eine kleine Verfärbung links an der Nase, ein runder blauer Fleck auf dem linken Augenlid, direkt daneben ein kleiner Kratzer, die Blutung in ihrer Nase), die alle verraten, dass ihr das Taschentuch mit Gewalt auf Nase und Mund gedrückt worden war.
Er überfiel sie, als sie noch wach war.
Und sie wehrte sich.
Ja, es gab ein Geständnis. Und ja, es wurde später zurückgezogen. In einem Brief an die Gesundheitsbehörde Anfang Februar 1968 teilte Wagner mit, dass er alles Gesagte zurücknehme und dass er unschuldig sei. Das Geständnis sei eine Folge «starker Druckausübung» von Seiten der Psychiater gewesen, schrieb er. Sie hätten damit gedroht, falls er nicht gestehe, werde er nie wieder freikommen, es werde keine Erlaubnis zur Überstellung nach Österreich zwecks Weiterbehandlung erteilt, man werde ihn einer medikamentösen Zwangsbehandlung unterziehen (mit der man im Übrigen bereits begonnen hatte: mit Hibernal und Lithium), und man werde ihn mit Elektroschocks behandeln «etc.»[7]. Er sei – und dies ist das verräterische Detail – infolge dieses Drucks Ende April 1967 geflohen. In dem eigenartigen Brief an Erik Blomberg behauptete er das genaue Gegenteil: dass es unter anderem die Angst vor einer Überstellung nach Österreich gewesen sei, die ihn zur Flucht aus St. Göran bewogen hatte. Außerdem gab er an, aus der einen Anstalt geflohen zu sein, um dem Druck zu gestehen zu entkommen. Darauf landet er in einer anderen, weit von der ersten entfernt gelegenen Anstalt, und das Erste, das er macht, ist – gestehen. Es ist offensichtlich, dass Wagner immer das sagt, was ihm in der jeweiligen Situation den größten Vorteil verspricht.
Es ist allerdings nicht schwierig zu verstehen, warum Wagner all diese Lügen erzählt. Er möchte gestehen, sich aber selbst dabei in ein so gutes Licht setzen wie möglich. Vielleicht war die Tatsache, dass er gestand, wichtiger als was er gestand? Vielleicht hing das mit dem Druck zusammen, der bereits in St. Göran in Stockholm auf ihn ausgeübt wurde, wo man ihm signalisierte, dass eine Überstellung nach Österreich ohne ein Geständnis nicht möglich wäre?
Am Donnerstag, den 21. November 1968, wurde Friedrich Wagner aus Schweden ausgewiesen. Er traf auf dem Flugplatz von Kalmar an der gecharterten Maschine von Sydair «in eleganter Kleidung und mit sechs Koffern und drei Pflegern des schwedischen psychiatrischen Krankenhauses» ein, wie es in einer Meldung von Dagens Nyheter heißt, worauf er direkt nach Wien geflogen wurde. Das Flugzeug landete gegen zwölf Uhr. Dort wartete bereits die österreichische Polizei und nahm ihn zur weiteren Untersuchung und Unterbringung in Gewahrsam.
Friedrich Wagner starb 2010 in Wien.
Als Wagner außer Landes geflogen wurde, war Eva Marianne Granell, die immer nur Kickan genannt wurde, seit beinahe dreieinhalb Jahren tot. Ihre Eltern waren umgezogen, die Ehe war durch den Schock zerbrochen, das Haus Söndagsvägen 88 von ihren Habseligkeiten und Erinnerungen geleert, und eine andere Familie war eingezogen. Nach «dem Ereignis» – wie jemand den Mord mir gegenüber nannte – hatte das Paar andere Menschen gemieden und sich in seine Trauer zurückgezogen und dort eingekapselt. Denn wir schrieben die 60er Jahre, und intensive Gefühle waren etwas, was man für sich behielt. Vielleicht waren sie einfach all der Fragen und lüsternen Blicke müde, müde der leeren und unbeholfenen Worte des Mitgefühls, denn was kann man Eltern schon sagen, die ihr einziges Kind verloren haben? Und dann noch auf diese Weise? Einer der Nachbarn erzählte, dass die zwei ein sehr stilles, geradezu anonymes Leben geführt hätten und dann eines Tages verschwunden gewesen seien.
Erinnerungen verblassen. Das wird unter anderem deutlich, als ich Menschen darum bitte, Kickan zu beschreiben. Dass die Beschreibungen so vage bleiben, liegt nicht allein daran, dass Kickan nicht viel Wesens von sich machte. «Munter und fröhlich», natürlich. Aber nicht viel mehr. «Ich weiß noch, dass wir uns gegrüßt haben.» Das ist alles, was einige über sie zu erzählen hatten. Im Register der Friedhofsverwaltung findet man sie sofort: «Kickan Eva Marianne Granell, geboren am 22.12.1946, gestorben am 27.07.1965, beigesetzt am 08.10.1965, Grab Nummer 12413. Skogskyrkogården Quartier 14E». Fährt man aber hin, findet man nichts. Nur eine kaum sichtbare Vertiefung in dem mit Baumnadeln bedeckten Gras. Es gibt keine Nummer 12413. Das Grabnutzungsrecht ist abgelaufen.
In den ersten drei, vier Monaten nach dem Mord wurde in Skönstaholm scheinbar über nichts anderes gesprochen als über diese Tat. (Und wenn es einmal gelang, die Sache zu vergessen, konnte man sicher sein, dass wieder ein Polizist in Zivil an der Tür klingelte und dies oder jenes wissen oder auch nur bereits gegebene Antworten überprüfen wollte.) Um Kickans Eltern und den Söndagsvägen 88 scheint sich wie gesagt eine ohrenbetäubende Stille gelegt zu haben – eine Mischung aus Unbehagen und aufrichtigem Mitgefühl, umgedeutet zu dem, was man damals gern als Diskretion bezeichnete.[8] Später, nach dem Prozess und nachdem Wagner weggesperrt worden war, schien es, als ob die Leute das alles nicht nur hinter sich lassen wollten, sondern es auch konnten. Man feierte Lucia und Weihnachten wie immer, oder jedenfalls fast wie immer, mit allerlei gemeinsamen Aktivitäten.
Der Mord wurde zu etwas, von dem alle wussten, über das aber niemand sprach. Die Haustüren hielt man jedoch fortan verschlossen. Später, als Bewohner, die 1965 dort gewohnt hatten, wegzogen, und andere, glücklich unwissende, einzogen, nahm die Verdrängung eine neue Form an. Sie wurde zu echtem Vergessen.
Das Gedächtnis ist eine spröde Materie. Und manchmal ist das wohl auch gut so.
Viele der Menschen, die in jenem kühlen Sommer vor über fünfzig Jahren dort wohnten, ja vielleicht die meisten, begleitet «das Ereignis» – nun benutze ich selbst dieses Wort – dennoch bis heute, allerdings als eine undeutliche Besorgnis, eine Besorgnis ohne Objekt. Eine Besorgnis, die sich zum Beispiel bemerkbar macht, wenn man den Fahrradweg hinter dem Haus entlangfährt und der Blick auf das linke Fenster im oberen Stockwerk fällt, oder die sich als ein diffuses Unbehagen beim Anblick einer offen stehenden Terrassentür äußert oder in der Erkenntnis, dass bestimmte Dinge geschehen können, obwohl alles sicher zu sein scheint, und dass man auf der Hut sein muss. Eine Frau, die ganz in der Nähe von Nummer 88 gewohnt hatte und zwanzig Jahre später mit ihrer eigenen Familie in einem Einfamilienhaus lebte, spannte noch lange Zeit, wann immer sie allein zu Hause war, Stolperdrähte an der Haustür, damit sie hören konnte, falls jemand versuchte, sich Einlass zu verschaffen. Sicherheitshalber.
Für einige Menschen hat sich die Angst niemals auf diese Weise transformiert. Sie existiert weiterhin, intakt. Wie für Anna Margareta Sjöö, geborene Sundin, «Lillan». Die längste Zeit ihres Lebens hatte sie Angst «vor ihm», wie sie sagt, vor Wagner, davor, dass er früher oder später vor ihrer Tür stehen könnte. Obwohl sie bewusste Anstrengungen unternommen hat zu verdrängen, unter anderem, weil man damals mit Erlebnissen dieser Art nun einmal so umging. «Warum darin herumwühlen? Man schlägt einen Pflock ein. Es ist nie passiert.» Das funktionierte meist ziemlich gut. Doch manchmal reichte es schon, dass das Telefon klingelte und es am anderen Ende still war, damit die Angst und die Gedanken wiedererwachten. Im Frühjahr 2000 machte sie eine Therapie, aus anderen Gründen, doch dabei kam alles wieder hoch. Die Angst. Die Erinnerung. Die Bilder. Und sie steht noch einmal dort in der Tür im Söndagsvägen 88, schaut auf das Bett und sieht wieder die Flecken an Kickans Hals und nimmt den Geruch wahr und kann trotzdem unmöglich begreifen, und die Zeit steht still, dehnt sich aus, wird immer länger, wird zu Jahren, und die Jahre folgen aufeinander, immer mehr, bilden Jahrzehnte, bis es jetzt ist, heute, und dann kommt ihr Onkel und zieht sie von der Tür weg, zur Treppe.