Ich fahre noch einmal zum Söndagsvägen. Wahrscheinlich zum letzten Mal. Es ist Mitte März, aber der Winter will seinen Griff nicht lockern. Am Himmel hängen niedrige Wolken, und es fällt ein leichter kalter Regen. Alles erscheint mir in verschiedenen nassen Nuancen aus Braun und Grau. Der Tennisplatz ist von zusammengesunkenem Schnee bedeckt. Hier und da stehen gebeugte, wartende Blütenstände von Winterlingen und Schneeglöckchen. Ich friere. Meine Hände sind kalt.

Als ich dort herumwandere, fällt mir wieder einmal auf, wie wenig sich verändert hat. Äußerlich. Der Wald steht noch dort, wo er immer schon stand. Der Verlauf der Fuß- und Radwege ist gleich geblieben. Als ich dort mit den Ermittlungsfotos von 1965 stehe, kann ich immer noch einzelne Bäume identifizieren. Der kleine Platz sieht fast genauso aus wie damals, ebenso die Häuser. Das Muster des ockergelben Putzes am Haus Nummer 88 ist dasselbe wie 1965, dieselbe Lampe hängt über der ebenfalls noch originalen Tür. Diese Häuser wurden gebaut, um die Zeiten zu überdauern.[1] Die Garage, von der aus die Polizisten Wagner vor seiner Festnahme überwachten, existiert noch. Ebenso der öffentliche Waschsalon. Doch natürlich ist Zeit verstrichen. Der kleine ICA-Laden – für einige immer noch der «Milchladen» – ist verschwunden. Seinen Platz hat eine Pizzeria eingenommen, die ebenfalls bald nicht mehr da sein wird. Die kleine Schule über dem Laden ist jetzt ein Kunstatelier. Den Fußweg zwischen den

 

Zu dieser Jahreszeit sind die Bäume kahl und der Stadtteil ist weniger dicht begrünt, weniger einladend. Aber man sieht auch mehr, so ohne Belaubung. Es liegt sicher an der Jahreszeit, dass ich während der ersten Stunde niemandem begegne, außer einem Kleinkind in rotem Overall, das ungeachtet des Wetters fröhlich herumtollt, sowie seinem Vater in Elternzeit mit hochgezogener Kapuze. Wir unterhalten uns ein wenig. Natürlich weiß er davon, dass vor langer Zeit da drüben in der Nummer 88 ein Verbrechen begangen wurde – waren es nicht zwei Morde? Ein Generationenwechsel ist im Gange. In vielen der Fenster hängen immer noch Keramikampeln aus Makramee, während neben zahlreichen der Eingangstreppen Spielsachen liegen, neue Kinderfahrräder und Bobschlitten aus buntem Plastik. Doch noch wohnen hier Menschen, die sich an die Tage im Juli 1965 erinnern, als alle möglichen wilden Gerüchte in Umlauf waren, überall Polizisten herumliefen und Neugierige – Männer, Paare, Familien – sich mit ihren Autos in Schlangen einreihten, um in Schrittgeschwindigkeit an dem Reihenhaus der Granells vorbeizufahren, zum Wendeplatz an der Tennisbahn hinunter, und dann in Schrittgeschwindigkeit wieder zurück.

Einen Moment lang fühle ich mich, als sei ich einer von ihnen, wenn auch mehr als fünfzig Jahre zu spät eingetroffen. Noch einmal stehe ich vor Haus Nummer 88. Ich warte, zögere. Möchte klingeln, erklären, fragen, schauen. Mein