GEFÜHLE NACH DEM VERBRECHEN

Über allem und jedem ruhte tiefer, warmer Friede. Über den Blumen flatterten Schmetterlinge und Libellen mit durchscheinenden Flügeln. Eine fröhliche Aprilsonne wärmte den Boden und ließ das unterschiedliche Grün von Lorbeer, Bergahorn und Oliven leuchten. Die Natur zeigte sich gelassen, überhaupt nicht aufgestört, ganz als wäre Don Cirillo nie gestorben. Trotz seines Todes war die Erde die alte geblieben.

Und wenn das alles nur ein Traum gewesen ist?, überlegte der Baron. Nein, die pralle Ausbeulung, die er unter seiner Hand spürte, war kein Traum. Das war Geld, das war seine Rettung, seine Ehre, seine Freiheit und sein Leben, getreten an die Stelle des Nichts.

Zwei Minuten lang blieb er reglos stehen, die Füße in den weichen Boden gebohrt, als zöge ein gewaltiges Gewicht sie in die Tiefe, dann schüttelte er den Bann ab. Er würde sich nicht dem Grauen überlassen.

»Das ist bloß ein Gefühl!«, brachte er mit klarer Stimme heraus, um eine Frage zu beantworten, die er sich selbst gestellt hatte.

Und Gefühle, das musste er sich vor Augen halten, vergehen, Fakten aber bleiben.

Besser hätte sein Plan gar nicht klappen können. Niemand hatte Don Cirillo aus Neapel fortfahren, niemand ihn beim Anwesen eintreffen sehen, niemand wusste, warum er die Stadt verlassen hatte und wo er nun weilen mochte. Das Haus würde unser Baron die nächsten dreißig Jahre verriegeln und verrammeln, und wer sollte dann – sofern die Eidechsen nichts ausplauderten – ohne seine Erlaubnis hier einen Haufen Ziegel und jede Menge Sand beiseite schaufeln, weil er darunter womöglich einen Mann vermutete, auf den jeder getrost verzichten konnte? Blieb noch Salvatore, doch der arme alte Narr war zum Glück kaum neugierig …

Ein volles, fröhliches Glockengeläut riss den Baron jäh aus seinen Überlegungen. Das war Martino, der dieses Gebimmel aus Anlass des kommenden Weißen Sonntags anstimmte. Die feierlichen Töne brachten dem Himmel und den Hügeln eine derart kindliche Freude, als würden die Glocken in der Luft Haschen spielen.

Auf diese Weise zurückgerufen in die Welt seiner eigenen Belange, erkannte der Baron, dass er es um keinen Preis der Welt fertigbringen würde, Salvatores Rückkehr am Abend abzuwarten, weshalb er sämtliche Türen des Hauses zumachte, das Tor zur Straße abschloss und zu den Stallungen eilte, um dort noch einmal nach dem Rechten zu sehen, wobei er gleich noch zur Mauer hinaufspähte, die den kleinen Hof säumte. Dazu veranlasste ihn reiner Instinkt, nicht etwa die Befürchtung, das gelbstichige Gesicht des Priesters könnte über die Ziegel lugen.

So schloss er auch die Tür des Kobens. Für den Priester gab es nun kein Entkommen mehr. Damit er den Dörflern nicht auffiel, schlug Santafusca einen Feldweg ein und wählte einen Trampelpfad quer über die Hügel, den er seit Jahr und Tag kannte. Er würde Salvatore auf dem Weg nach San Fedele an der Landstraße abpassen, die er mit Sicherheit genommen hatte.

Der Baron machte es sich auf einem Mäuerchen bequem und steckte sich eine Havanna an, ganz der Städter auf Landpartie, der seinem Geist nach getaner Arbeit eine Verschnaufpause gönnt. Von seinem Beobachtungsposten aus genoss er freie Sicht auf Neapel und den Golf, diesen Zipfel vom Paradies auf Erden, umschlossen von zwei azurblauen Schalen, jener des Himmels und jener des Meeres.

Der Vesuv spuckte eine Rauchsäule aus, an seinem Fuß leuchtete das Amphitheater aus Stadt und umliegenden Dörfern hell im reinen Licht der von warmen Düften geschwängerten Luft.

Linker Hand ließ sich hinter einer dichten Lorbeerhecke der graue Dachfirst des Hauses ausmachen, auf den eine vorbeiziehende kleine Wolke einen traurigen Schatten warf.

»Das ist bloß ein Gefühl!«, stellte die Stimme von eben erneut klar, als säße in unserem Baron der Geist eines sachlichen Anatomen. Verdrossen richtete er den Blick zum Horizont.

Abermals zündete er sich seine gute Havanna an und betrachtete den Rauch mit der Unbekümmertheit eines Mannes, der einen kleinen Verdauungsspaziergang vom Speisezimmer in den Garten unternimmt.

Ringsum war alles anmutig und lieblich, hell und beschaulich, gerade, als wäre nichts geschehen.

Martino läutete fröhlich und wie verrückt zum Fest, und in der Ferne fanden sich Echos auf den Klang dieser Musik zum Tanz ein.

»Gefühle vergehen, aber Fakten bleiben!«, schärfte ihm die Stimme in seinem Innern ein, während seine Hand zur Tasche seiner Jacke hinunterwanderte und fest umschloss, womit der Tote sie so prall gefüllt hatte. Wie viel Geld dieser Priester bei sich getragen hatte! Bisher war unser Baron noch nicht dazu gekommen, es zu zählen, doch Pi mal Daumen schätzte er, es müsse ein Vermögen sein, ein ganzer Schatz, den er da besaß und den in Augenschein zu nehmen er nicht wagte, aus Furcht, alles wäre nur ein Traum, weshalb er am Zahltag aufwachen würde, an dem schon die Carabinieri vor seiner Tür lauerten …

Als Salvatore schlurfend um die Biegung der steinigen Uferstraße kam, bemerkte er den Baron erst, als er schon fast auf seiner Höhe war. Vermutlich wäre er sogar an Santafusca vorbeigetrottet, hätte dieser ihn nicht am Ellbogen gepackt.

Der alte Diener tauchte aus einem tiefen Dämmerzustand auf und öffnete den Mund für ein völlig gleichgültiges: »Oh!«

»Ich muss sofort aufbrechen und bringe dir deshalb den Schlüssel für das Tor. Ich habe alles abgeschlossen. Falls jemand kommt und behauptet, das Haus stünde zum Verkauf, weshalb er es sich ansehen will, sag ihm freiheraus, das sei ein Irrtum, oder besser noch, es habe längst den Besitzer gewechselt, und du hättest daher den Befehl, niemanden einzulassen. Hast du das verstanden?«

Doch der Baron sprach so klar und Salvatore hörte so aufmerksam zu, dass es selbst ihm schwergefallen wäre, das Gesagte nicht zu verstehen.

»Niemand, Exzellenz«, versicherte der Diener und legte dabei die Hand aufs Herz, »niemand wird das Haus betreten, gnädiger Herr.«

Aus diesem bescheidenen und demütigen Auftreten sprach noch der alte Vasall, der bereit war, sein Leben für seinen Lehnsherrn herzugeben. Was Salvatore anging, konnte der Baron also ruhig schlafen.

»Gib mir den Brief wieder«, verlangte er nun. »Ich werde ihn selbst bei der Post aufgeben, du aber geh nach Hause, Salvatore, denn du bist schon alt und hast ein wenig Erholung verdient.«

»Aber Exzellenz …!«

»Ich werde dir auch ein wenig Geld schicken, damit du nicht länger ein solches Hundeleben führen musst.«

»O hochverehrter Herr …!«

Als der Baron diese wenigen Worte des Mitleids hervorbrachte, breitete sich zärtliche Wärme in seinem Innern aus. Salvatore und Maddalena hatten ihn in ihren Armen gewiegt und bewahrten in ihrem Herzen den besten Teil von jenem jungen Herrn, sodass dieser darin nicht gestorben war, obwohl der Baron ihn in sich selbst getötet hatte.

Ein Weilchen schaute er dem alten Diener nach, der seine Schritte nun zurück zum Anwesen lenkte, wo inzwischen allerdings jemand auf ihn wartete. Ein Nebelschleier verdüsterte für einen flüchtigen Moment die Pupille des Barons. Als der Nebel sich lichtete, standen Tränen in Santafuscas Augen.

Martino ließ ein weiteres fröhliches Geläut hören.

»Das ist bloß ein Gefühl!«, schärfte ihm die Stimme des heimlichen Anatomen abermals ein, die in seinen Ohren plötzlich klang wie die des Doktor Panterre, dieses famosen Nihilisten. Mit einem Mal fiel ihm auf, dass die Sonne ihren Zenit bereits überschritten hatte, und er erhob sich, schüttelte den Kopf wie ein Löwe, der aus seiner Höhle gekrochen kam, die Mähne und warf einen Blick auf die Uhr. Genau vier.

Der Priester war Schlag eins zu Mittag eingetroffen.

Wie viel in diesen wenigen Stunden geschehen war!

Kein Wunder, dass er sich um mindestens zehn Jahre gealtert fühlte!

Um vier Uhr und fünfunddreißig Minuten ging der nächste Zug nach Neapel. Über einen weiteren Pfad querfeldein gelangte der Baron unter Umgehung Santafuscas zur Landstraße. Nachdem er ihr ein Stück hinunter in Richtung Meer gefolgt war, machte er hinter einer Käserei kehrt, um die Landstraße wieder zu erklimmen, dies alles mit dem Schritt eines vielbeschäftigten Mannes, der unbeirrt seinen Weg geht, bis das Pfeifen der Lokomotive ihm verriet, dass der Zug sich dem Bahnhof näherte.

Er wartete noch kurz, damit er sofort in den Zug schlüpfen konnte, rannte dann los und erreichte den Bahnhof genau in dem Augenblick, da er am hinteren Ende der Eisenbahn aufspringen konnte. Er zeigte dem Schaffner die Rückfahrkarte und zwängte sich gleich in das erste Abteil, dessen Tür noch offen stand.

Dort saß lediglich ein Ehepaar, aus der Schweiz vielleicht oder aus Deutschland, das vermutlich seinen Flitterwochen entgegenfuhr, die es natürlich am hiesigen Busen der Natur verbringen wollte. Die beiden jungen Leute schmiegten sich eng aneinander, verflochten die Finger und saßen da, um sich herum Berge an Köfferchen und Körbchen, Schals und Schirmen, doch sie hatten, Schulter an Schulter, Hand in Hand, nur Augen für das endlose, glitzernde Meer, ließen sich von seinem gen Abend immer stärker funkelnden Licht blenden und raunten sich zärtliche Worte zu, welche die ganze Süße der deutschen Liebe verströmten.

Die Frau hatte blondes Haar, blassrosafarbene Wangen und blaue Augen, die von Unschuld und Unberührtheit kündeten. Die Seele dieses romantischen Geschöpfes wies keinen einzigen Fleck auf, und Gott spiegelte sich darin wie in einem Kristall.

Der Baron warf den Zigarrenstummel zur Tür des Abteils hinaus, kehrte dem glücklichen Paar den Rücken zu und spuckte auf den Boden. Er presste beide Hände gegen die Fensterscheibe, bettete seinen Kopf darauf, ein durch und durch abgespannter Mann, der unter halb gesenkten Lidern mit leerem Blick nach draußen starrte, ohne etwas anderes zu sehen als das Aufblitzen vorbeihuschender Farben.

Da der Zug Verspätung hatte, setzte er alles daran, diese wettzumachen, was für den Baron bedeutete, dass Geratter, Geschüttel und Gepfeife, die jedem Blick entfliehenden Dinge, die Hatz der Aufholjagd, sein eigener Pulsschlag sowie das hektische Hämmern seines ohnehin von Hypertrophie geplagten Herzens ihm keine Zeit zum Nachdenken ließen. Mehr noch, für eine Viertelstunde vergaß er alles um sich herum, völlig vereinnahmt von den Erregungserscheinungen seines Körpers. Sobald aber der Zug sein Tempo drosselte, beruhigte auch er sich, und als sie in den Bahnhof einfuhren, war er wieder der Alte. Seine Gelassenheit und Souveränität verwunderten ihn beinahe selbst. Er stieg aus und schlenderte erhobenen Hauptes davon, ein durch und durch von sich überzeugter Mann. Als er dann die vertraute Umgebung wiedersah, die Läden und die Menschen, auch seine Freunde, da fand er auch den Sinn seines Lebens wieder.

Auf dem Weg nach Hause legte er, längst wieder in tadellos zugeknöpfter Aufmachung, einen kurzen Halt bei Compariello ein, dem Spirituosenhändler in der Via Toledo, die alle eleganten Herren gern beehrten, um sich dort einen Wermut mit Selterswasser und Eis zu gönnen.

Ein Weilchen lauschte er einem der espritvollen Vorträge des jungen Marchese d’Usilli, Direktor des Veloce Club und begnadeter Erzähler von Witzen.

Da der Club Fenice den Baron öffentlich als zahlungsuntüchtigen Spieler bekannt gemacht hatte, nahm Usilli ihn beiseite.

»Tut mir wirklich leid, Santa, dass es nun zum Äußersten gekommen ist«, sagte der Marchese zu ihm. »Ich habe dich verteidigt, aber am Ende hieß es, dreiundzwanzig schwarze Kugeln gegen dich, bei nur zwölf weißen für dich. Soll ich dir etwas Geld leihen, damit du dein Glück noch einmal versuchen kannst? Zwanzigtausend kann ich mühelos auftreiben, zu niedrigen Zinsen, versteht sich.«

»Hat man Töne!«, entfuhr es dem Baron vergnügt. »Jetzt, da ich es nicht mehr nötig habe, bieten mir alle Geld an!«

»Eine Goldmine wirst du ja wohl kaum entdeckt haben! Ich weiß, dass du in ernsten Schwierigkeiten steckst, Santa! Aber mit einem alten Freund wie mir kannst du doch offen reden! Stimmt es denn nun, was man so hört?«

»Was genau hört man denn?«, fragte der Baron mit belegter Stimme zurück.

»Dass du dem Waisenhaus Sacro Monte die fünfzehntausend Lire nicht zurückzahlen kannst.«

»Da hoffe ich auf einen Aufschub …«, murmelte der Baron und senkte den Blick zu Boden. »Aber lass uns lieber von Marinella sprechen! Was denkt sich dieses infame Weibsbild? Kaum kehrt mir das Schicksal den Rücken zu, da behauptet sie, ich sei ein hässlicher Pinsel! Hält sie di Spiano eigentlich noch die Treue? Oder sorgt er bloß für das Auskommen der schönen Lellina, während du …«

»Was soll das, Santa? Willst du jetzt jeden in die Hölle jagen, der Lellina begehrt … Nimmst du einen Absinth?«

»Marinella hat mich in ihr Herz geschlossen!«, polterte der Baron, während er in einem einzigen Schluck das Glas mit dem smaragdgrünen Absinth hinunterstürzte, der seiner Stimme sofort zu neuer Geschmeidigkeit verhalf. »Was Marinella hasst, ist mein Unglück. Deshalb will ich ja einen Pakt mit dem Teufel schließen, genau wie der alte Faust. Er kriegt meine Seele, wenn er mir dreimal zu einem herrlichen Pik-As verhilft, das mir einhunderttausend einbringt. Was ist? Glaubst du etwa, ich lasse mir meine Sünderseele zu teuer bezahlen …? Wie auch immer, spielen wir doch erst einmal darum, wer von uns beiden den Absinth zahlt! Warte, ich rufe bloß rasch meinen Schutzteufel an!«

Die beiden Herren beugten sich über eine kleine Roulettemaschine auf dem Tresen.

Der Marchese drehte sie: die Drei.

Beim Baron hielt sie auf der Zehntausend.

»Glaubst du mir jetzt, dass ich den Teufel auf meiner Seite habe?«

»Reiner Zufall! Pass auf, was mein Schutzengel jetzt für mich hat!«

Nach diesen Worten brach er in schallendes Gelächter aus.

Und brachte eine Eins zustande.

Santafusca gab dem Rad mit dem kleinen Finger einen Stubs und bekam die Hunderttausend!

»Das liegt bloß daran, dass wir ohne Einsatz spielen! Hättest du zufällig einhundert Lire in der Tasche, dann, mein lieber Santa, könntest du erleben, wie dir dein Teufel das Geld kurzerhand stibitzt.«

»Wer setzt einhundert Lire auf die Hörner meines Teufels?«, fragte der Baron prompt und sah sich im Raum um.

»Die kriegst du von mir«, verkündete di Spiano, der gerade hereingekommen war und das Spiel verfolgt hatte. »Also los, Santa, versuch dein Glück!«

»Bravo, Vico! Spielen wir also um einhundert Lire!«

Usilli erhielt eine Drei.

Der Baron eine Fünfhunderttausend.

Erneut Gelächter, erneut Gejohle.

»Ich erlasse dir deine Spielschuld«, tönte ein hochzufriedener Santafusca. »Versprich mir aber, heute Abend wenigstens einmal mit mir um hundert Lire zu spielen, entweder Pikett oder Scopa.«*

Dem musste Usilli wohl oder übel zustimmen. Santafusca trank einen weiteren Absinth und fand, beflügelt vom Geplauder, vom Alkohol und seinem Glück auch die letzten, noch unter Trümmer liegenden Facetten seiner alten Attitüde als Gentleman wieder. Im Übrigen hatte er derart tief ins Glas geblickt, dass er, als er auf die Via Toledo hinaustrat und durch das Gewusel aus Karren und Menschen die Straße hinunterlief, seinen Priester beinahe völlig vergaß.

Erst vor seiner Wohnungstür stellte sich erneut ein peinigendes Gefühl ein.

»O Exzellenz«, rief Maddalena aus, als sie ihm die Tür öffnete. »Willkommen daheim! Wie ist es Ihnen ergangen?«

»Bring eine Lampe in mein Zimmer«, brummte der Baron nur, denn inzwischen brach bereits die Dämmerung an.

Und während Maddalena davoneilte, um die Lampe zu entzünden, blieb er kurz reglos stehen, um den Gefühlen zu lauschen, die mit den Gespenstern des Alkohols disputierten.

»Du Biest!«, wetterte er lautlos, vielleicht gegen Usilli, sicher war er sich aber nicht.

»Die Lampe ist angezündet.«

Dem Gesicht ihres Herrn entnahm sie, dass er erneut verloren hatte, weshalb sie sich zurückzog und auf ihren Holzstuhl plumpste, wo sie Stunde um Stunde Hunger wie Zeit vertrieb, indem sie zum Fenster hinausstarrte und immer wieder einnickte.

Der Baron stieß die Tür zu seinem Zimmer mit der Schulter zu und schloss sie ausnahmsweise sogar ab.

Er war allein, er war in Sicherheit, und er konnte sich nun endlich seinem Schatz zuwenden. Vorher musste er allerdings noch etwas zu sich kommen, denn er fühlte sich, als ob er von einer sehr anstrengenden Reise nach Hause zurückgekehrt war, von jenseits des Meeres, nach drei oder vier langen Jahren. Dabei waren seit seinem Aufbruch kaum dreißig Stunden vergangen. Auch diese Gefühle wollten also abgewartet sein, weshalb er sich eine Zigarre anzündete und sich, nachdem er das Bündel Wechsel auf den Schreibtisch gelegt hatte, in einen Sessel fallen ließ.

Und nun, ermahnte er sich, sollte endlich wieder kühler Verstand walten.

Wäre er überzeugt gewesen, bei seiner Rückkehr das Gespenst des Toten in seinem Sessel vorzufinden, hätte er sich niemals auf diesen grausamen Plan eingelassen. Doch so hatten ihn die Umstände zu einer Gewalttat getrieben. Um den armen Teufel, der sein Leben hatte lassen müssen, tat es ihm leid. Andererseits galt Haut um Haut, und da war ihm die seine nun einmal die nächste.

In den ersten Tagen nach einer solchen Tat sitzt einem der Schrecken natürlich noch in den Knochen. Man bringt niemanden um und bewahrt anschließend völlig ruhig Blut. Die Natur verlangt ihr Recht, mehr aber auch nicht, eine leichte Übelkeit also, doch die ließ sich ertragen, obendrein würde sie nach und nach von selbst vergehen.

Don Cirillo war ein wandelndes Skelett gewesen, längst dem Tod geweiht. Die Zeit hätte über kurz oder lang vollbracht, was er mit nur einem einzigen Streich im Nu vollbracht hatte. Letzten Endes standen also Monate und Tage zur Debatte, die jedoch angesichts von Jahren wenig und angesichts der endlosen Zeit gar nichts bedeuteten.

Gäbe es im Jenseits tatsächlich einen Gott, spielte der Baron in Gedanken den Advocatus Diaboli, und würde dieser von seinem goldenen Pappthron aus über die heutigen Ereignisse richten, dann endete der Tag des Jüngsten Gerichts für mich allerdings hinter Gittern. Außerdem wäre ich nicht gerade darauf erpicht zu beobachten, wie mein Priester wieder aus der Zisterne herauskriecht. Da ich aber nun einmal davon überzeugt bin, dass da oben niemand hockt und der Himmel lediglich einen Dachboden für die Ideen bedeutet, die wir hier unten entrümpeln … Wen also sollte ich da fürchten? Was? Irgendwelche Schatten? Träume? Den Teufel? Das Geschwätz der Priester? Eben! In dieser Hinsicht kann ich ruhig schlafen. Don Cirillo hat seine Schuld der Natur gegenüber lediglich ein wenig vor dem eigentlichen Zahltag beglichen, doch das geschieht ihm recht, diesem Geizhals, der den Armen das Blut ausgesaugt hat und mir die Luft zum Atmen nehmen wollte, indem er mir die Kehle mit dem Würgegriff der Not abschnürt.

Das hielt sich der Baron immer wieder vor, auf dass es ihm in Fleisch und Blut überging.

»Wir beide, er und ich, haben einen Kampf um Leben und Tod ausgetragen. Wie immer hat der Stärkere gewonnen, siehe Darwin.«

Der Baron schaute sich um.

Wenn nur nicht die Gefahr bestünde, die Angst, wenn da nicht diese entsetzliche Befürchtung wäre, sinnierte er weiter, dass die Polizei sich des Falles annimmt. Aber die Gesellschaft hat nun einmal ein viel zu starkes Interesse daran, dass ihre Gesetze geachtet werden, als dass sie jemanden ungeschoren davonkommen lässt, der das nicht tut. Denn nur wenn Recht und Ordnung gewahrt werden, fühlt sich auch ein Schwächling sicher und beschützt, womit die Selbstsucht jedes Einzelnen jene umfassende Selbstsucht der Gesellschaft hervorbringt, die wir das Gesetz nennen.

Auch das sollte ihm in Fleisch und Blut übergehen.

»Von daher ist der Tote gefährlich. Nur gut«, murmelte er und blies den Rauch zur Zimmerdecke, »dass du alles mit höchster Sorgfalt durchdacht hast und deshalb weder irgendein Kommissar noch die Herren Journalisten oder Carabinieri, geschweige denn die werte Signora Öffentlichkeit je von deiner Tat Kenntnis nehmen werden. Die Gesellschaft ist doch wie eine betrogene Ehefrau: Was das Auge nicht sieht, das Herz nicht betrübt.«

Während seine Gedanken um diese Dinge kreisten, beruhigte sich nach und nach sein Blut, fand sein Herz zu friedlicherem Schlag zurück, kehrte in seinem Kopf wieder Klarheit ein.

Wie viel Angst und Aberglaube doch seine Kindheit erschüttert hatten, beides zwar ebenso haltlos wie unnütz, einst aber prägend, damals, als Maddalena ihm ihre Geschichten erzählt hatte von Zauberern, Kobolden und über den Friedhof tanzenden Toten …

Nur bleiben wir alle ja immer ein wenig Kinder auf dem Schoß des Aberglaubens …

»Wohlan!«, rief er nun beherzt aus. »Auf zum Kassensturz!«

Sein Kopf ruckte, sein Körper ruckte, er massierte sich die Stirn und machte sich endlich über seine Beute her.

Außer dem Geld für den Kauf des Anwesens – rund vierzigtausend Lire – hatte der Priester noch ein kleines Vermögen bei sich getragen, etliche Wechsel, vor allem aber eine lange Liste mit Nummern von Wertpapieren, die bei Vorweis dieser Angaben an den Überbringer ausgehändigt werden sollten. Der Baron brauchte folglich nichts weiter zu tun, als zum Bankschalter zu gehen und selbige zu verlangen.

Zu seiner Freude hielt er irgendwann auch die Quittung in Händen, die der Verwalter des Waisenheims Don Cirillo über die fünfzehntausend Lire ausgestellt hatte, die Santafusca dem Sacro Monte schuldete.

Damit hatte der Priester ihm nicht nur die Peinlichkeit erspart, sich persönlich an die Einrichtung wenden zu müssen, sondern auch – und dies vor allem – die lästige Mühe, sich den Kopf über eine Erklärung zu zerbrechen, woher dieses Geld eigentlich stammte.

Schließlich entdeckte er noch einen Brief von Vico Spiano, in dem es hieß:

Verehrter Herr!

Mein Verwalter hat mir gestern mitgeteilt, dass Sie bereit wären, mir den Hypothekenbrief im Werte von zehntausend Lire für das Anwesen Santafusca abzukaufen. Von meiner Seite gäbe es keine Bedenken, den Vorschlag anzunehmen, allerdings müssten Sie noch mit dem Baron und dem Buchhalter Omboni darüber sprechen …

Dieser Umstand, schoss es Santafusca sogleich durch den Kopf, könnte Ermittlungen nach sich ziehen. Der Marchese di Spiano war viel zu zerstreut, als dass er sich um irgendwelche Geschäfte kümmerte, doch dürfte er sich kaum dagegen sträuben, gutes Geld aus einer Hypothek zu ziehen, die er vermutlich schon als Verlust verbucht hatte. Wenn der Priester mit ihm über die Angelegenheit gesprochen hatte, könnte er dabei seinen Wunsch erwähnt haben, das Anwesen zu kaufen. Sollte Spiano wegen des Schuldbriefs Don Cirillo früher oder später aufsuchen, ihn aber in seiner Wohnung nicht antreffen – der Brief war ja immerhin an Don Cirillo adressiert –, könnte er durchaus auf den Gedanken kommen, Santafusca wisse etwas, und ihn bei erstbester Gelegenheit auf den Priester ansprechen. Das war ein haarfeiner Riss im Gemäuer seiner Verteidigungsanlage, den er sofort kitten musste. Aber wie?

Zwei dumpfe Schläge an der Tür ließen ihn jäh hochschrecken.

»Wer ist da?«, rief er mit erstickter Stimme und schirmte die Wertpapiere instinktiv mit beiden Händen ab.

»Ich wollte nur noch mitteilen, Exzellenz«, erklang die brüchige Stimme Maddalenas, »dass vor einer halben Stunde ein Priester nach Ihnen gefragt hat.«

»Was für ein Priester?«, donnerte die Stimme des Barons. »Ich kenne keine Priester …«

»Er hat gesagt, er würde wiederkommen.«

Diesen Worten folgte ein langes Schweigen. Maddalena zog sich, mit ihren Pantoffeln schlurfend, zurück. Der Baron stand wie erstarrt, die Finger gleich Klauen über Noten und Wertbriefe gespreizt.

Bis auf ein paar hundert Lire, mit denen er sein Glück versuchen wollte, verschloss er seinen Reichtum in einer Schublade seines Schreibtischs. Er kleidete sich wie stets bei feierlichem Anlass voller Bedacht an, dachte sogar noch daran, seinen Reiseanzug in der Kommode zu verschließen und auch diese Schlüssel sicher zu verstauen. Zu guter Letzt schloss er die Zimmertür ab und steckte den Schlüssel in die Tasche.

»Heute Abend komme ich nicht nach Hause«, sagte er Maddalena.

»Treiben Sie nur kein Schindluder mit Ihrer Gesundheit, Exzellenz«, ermahnte ihn die gute alte Frau mit weinerlicher Stimme.

»Mach dir um mich keine Sorgen! Pass auf, morgen kriegst du Geld von mir!«

An der Tür blieb er einen ausgedehnten Moment lang schweigend stehen.

»Dieser Priester?«, ergriff er noch einmal das Wort. »Hat er dir wirklich nicht gesagt, was er wollte?«

»Mit keinem Wort …«

Daraufhin verließ der Baron endgültig das Haus.

Es war sieben Uhr, als er bemerkte, dass er noch immer Hunger hatte. Den ganzen Tag über hatte er nicht einen Bissen zu sich genommen, nun meinte er, ihm schwindelte bereits und Arme wie Beine wären völlig erschlafft … Erstere vor allem.

Ob ich im Café Europa etwas zu mir nehme?, überlegte er.

Zehn Minuten später harrte ein Kellner, picobello wie ein Lord, in einem prächtigen Saal voller Spiegel und funkelndem Gold seiner Befehle. Gerade beendeten etliche Herren von außerhalb sowie einige hiesige Diplomaten ihr Mahl an einer langen Tafel. In einem kleinen Nebenraum flüsterten sich die beiden jungen Eheleute aus Deutschland über einer Apfelsine, die sie Stirn an Stirn schälten, zärtliche Worte zu. Santafusca hielt entschlossenen Schrittes und mit dem hochmütigen Blick eines Mannes, der keine Niederlagen kennt, auf einen kleineren Tisch zu, wo ihn der nächste Kellner mit dem gebührenden Respekt empfing, auch er ausstaffiert wie ein Bräutigam.

Dem Baron eilte hier im »Europa« der Ruf eines Mannes voraus, der sich umso großzügiger gegenüber den Kellnern zeigte, je tiefer er beim Besitzer des Restaurants in der Kreide stand. Er überflog das Menu, deutete mit der Messerspitze auf drei oder vier Gerichte und brachte nur ein einziges Wort hervor: »Wein!«

Die laue Luft, geschwängert von köstlichen Düften, die Schönheit des Saales, das Funkeln des Kristalls und die erste Verzückung, hervorgerufen durch einen exzellenten Médoc, trugen den Baron weit weg von seinem Priester. Seine Gedanken kreisten nicht länger einzig um den Fall, und dieser versank im Nebel der Erinnerung, ganz wie ein wirrer Traum bei Anbruch eines klaren Morgens.

Um zehn machte er einen Abstecher in das San Carlo, wo er sich eine belanglose Aufführung der Aida anschaute, dann fiel ihm ein, dass Usilli ihn im Club erwartete.

Die wenigen Gäste, die dort an den Tischen saßen, empfingen ihn kalt, ja nahezu missbilligend.

»Freunde!«, sagte Usilli da mit durchdringender Stimme und tat sich abermals als Verteidiger des Barons hervor. »Santafusca ist ein Ehrenmann, der heute Abend sein Glück versuchen und mir einhundert Lire abknöpfen will. Angeblich hat er den Teufel selbst auf seiner Seite …«

»Einen ganz kleinen nur«, versicherte Santafusca mit gekünsteltem Lachen, was ihm heiteres Gemurmel aller eintrug, die gerade gewannen. »Den letzten seiner Art …«

Um elf Uhr hatte er bereits zehntausend Lire gewonnen.

Außer sich vor Wut und Spielsucht, setzte Usilli wie ein Wahnsinniger und verlor ständig.

Fast konnte man tatsächlich an die Legende vom alten Faust glauben.

Um ein Uhr nachts spielte der Baron noch immer – und gewann noch immer.