Besagtem Fra Diavolo war allerdings auch kein ruhiger Lebensabend beschieden. Um ihn ranken sich etliche Gerüchte. Als gesichert darf gelten, dass er als Michele Arcangelo Pezza 1771 in Itri geboren wurde und 1806 in Neapel starb. Seine Mutter hatte wohl gelobt, ihn Mönch werden zu lassen, sollte er von einer bedrohlichen Krankheit genesen, doch scheint es bei einer entsprechenden Verkleidung geblieben zu sein. Er schloss sich einer Bande von Straßenräubern an, avancierte schnell zu ihrem Chef und kämpfte gegen die französische Vorherrschaft in Italien, was ihm die Anerkennung der Kirche eintrug, die zuvor gewisse Schwierigkeiten mit dem Banditen gehabt hatte. Fra Diavolo brachte es sogar zu einer echten Militäruniform, wahrscheinlich der eines Oberst, wurde dann aber von den Franzosen gefangen genommen, erhängt und in seiner Uniform noch viele Stunden auf der Piazza del Mercato hängen gelassen. Als patriotischer Straßenräuber hat er viele Schriftsteller beeindruckt. In einem Roman von Alexandre Dumas (La San Felice) tritt er auf, für die gleichnamige Oper Daniel Aubers stand er ebenso Pate wie für etliche Filme.
Ernesto Rossi (1827–1896) und Tomasso Salvini (1829–1915) gelten als die bedeutendsten Shakespeare-Mimen ihrer Zeit, die auch international Anerkennung erfuhren. Kurioserweise haben beide bei Tourneen mit Shakespeare-Stücken Konstantin Sergejewitsch Stanislawski kennengelernt. Salvini hat an der Seite Giuseppe Garibaldis gekämpft und für einige Jahre ein Engagement am Theater von Neapel gehabt.
Moggia ist ein altes italienisches Maß, einmal für das Volumen, einmal für die Fläche; beim Volumen wurde es regional unterschiedlich definiert und variierte zwischen rund 100 und 600 l. Das Flächenmaß war auch nicht unbedingt einheitlich und wurde vornehmlich im Süden gebraucht; im Königreich Neapel entsprach es 3 364,86 m2.
Die Kirche San Giuseppe Maggiore ist auch unter dem Namen »San Diego all‘Ospedaletto« bekannt.
Lat.: und ewiges Licht leuchte ihnen; teils auch »eis« statt »ei«.
Lat.: Und erlöse uns von dem Bösen.
Lat.: Glücklich der Mann, der fern von Geschäften.
Lat.: seinerzeit.
Lat.: vollständig: Per omnia saecula saeculorum – Schlussformel im Gebet: Von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Beide Kartenspiele werden in der Regel zu zweit gespielt, Pikett mit einem französischen Blatt, Scopa mit einem italienisch-spanischen, das sich nicht aus Karo, Kreuz, Pik und Herz zusammensetzt, sondern aus Schwert, Stab, Kelch und Münze; Neapel hat dieses Blatt in eigenen Farben gestaltet. Scopa ist noch heute eines der beliebtesten Spiele in Italien mit Regeln, die wohl nur Eingeweihte recht begreifen, die aber, einmal richtig verstanden, auf etwas Wunderschönes hinauszulaufen scheinen.
Träume spielen für die Ermittlung der Lottozahlen, die als Garant für einen Gewinn gelten dürfen, zwar eine enorme Rolle, das Schwalbennest ist dafür jedoch leider ganz und gar ungeeignet, weil es äußerst ambivalent ist. Es kann häusliches und familiäres Glück verheißen, aber auch Unheil in diesem Bereich ankündigen. Für die Wahl der richtigen Lottozahl wäre es deutlich ergiebiger, von einem nestlosen Vogel zu träumen, denn in dem hieße es laut neapolitanischem Traumbuch, der Smorfia, auf die 35 zu setzen.
Der Baron zitiert aus Petrarcas Triumph des Todes, vollständig lautet der Passus: »Im April, es war die Mittagsstund, am sechsten Tag / die einst mich band, doch nun, ach, mich nicht halten mag, / ganz wie Fortuna, die neuem Reiz erlag.« Rund 500 Jahre später ermordet Santafusca am 4. April Don Cirillo. Petrarca (1304–1374) war übrigens des Öfteren in Neapel zu Besuch und machte dort die Bekanntschaft des damaligen Königs, Robert von Anjou. Als ihm 1340 gleich zwei Angebote zur Verleihung der Dichterkrone unterbreitet wurden – eines aus Paris, eines aus Rom –, entschied er sich für das italienische. Die zuvor nötige Prüfung zu seinem literarischen Wissen nahm ihm wiederum Robert von Anjou in Neapel ab, der Senat in Rom verlieh ihm im Anschluss daran 1341 den Titel poeta laureatus.
Espresso, ein Problem, das eine hochprozentige Lösung verlangt: der korrekte Kaffee. Zu verstehen ist diese Stelle im Original mühelos. Ein »caffè con molto rhum« ist die Konkretisierung eines »caffè corretto«, der heute meist mit Grappa, nicht mit Rum getrunken wird. Santafusca dürfte es in seinem Zustand völlig egal sein, ob er einen Kaffee, einen Mokka oder einen Espresso serviert bekommt, Hauptsache, das Getränk ist heiß und enthält einen tüchtigen Schuss Alkohol. Für die Übersetzung ist die Frage nicht ganz so nebensächlich. In Kaffepad-Zeiten mögen die Unterschiede vielleicht verschwimmen, vorhanden sind sie aber wohl schon noch. Ein Kaffee ist etwas anderes als ein Espresso. Für die hier beschriebene Zeit ist eine etwas verworrene Situation festzuhalten. Bereits 1819 wurde in Frankreich eine Kanne von einem Ingenieur erfunden, der nur mit dem Namen Morize bekannt ist. Sie sieht der heute üblichen Espressokanne sehr ähnlich, funktionierte aber noch etwas anders: Wenn man sie zusammensetzte, musste die Tülle nach unten zeigen. Dann stellte man sie auf den Herd. Sobald das Wasser kochte, drehte man die Kanne um. Das Wasser wurde also nicht durch Dampf durch das Kaffeepulver geleitet, sondern tropfte wie beim Filterkaffee in den Teil mit der Tülle, der sich dann unten befand. Aus dieser Napoletana – auf Neapolitanisch »cuccumella« – entwickelte Alfonso Bialetti allerdings erst in den 1930er-Jahren die heute bekannte »caffeteria« oder Espressokanne. Auch er hat übrigens ein paar Jahre in Frankreich gearbeitet. Die Herstellung des Getränks einzig mit Dampf erfolgte anfangs in großen Maschinen, den sogenannten Kaffeelokomotiven, für die Angelo Moriondo 1884 in Turin das Patent anmeldete. Sie garantierten die schnelle Zubereitung des »caffè espresso«. De Marchis Roman spielt jedoch in den 1870er-Jahren, sodass Santafusca wohl ein wenig länger auf seinen Wachmacher und Ernüchterer warten musste. Was heißt das für die Übersetzung? Doch Kaffee? Als Ausweg Mokka? Da erscheinen vor dem inneren Auge die wie Puppengeschirr anmutenden Mokkatäschen samt filigraner Löffel, die sich zwar kaum von italienischen Espressotassen unterscheiden, aber dennoch … Nach einem korrekten Kaffee fiel die Entscheidung auf den Espresso …
Mit der Anspielung auf Henry Morton Stanley (1841–1904) erweist sich De Marchi auf der Höhe seiner Zeit. Der Engländer hatte erst kurz zuvor im Auftrag einer amerikanischen Zeitung eine Reise nach Afrika unternommen, um den als verschollen geltenden David Livingstone (1813–1873) aufzuspüren: Stanley entdeckte ihn am Tanganjikasee und hielt seine Erlebnisse in dem Werk How I Found Livingstone. Travels and Adventures and Discoveries in Central Africa (1872) fest. Die beiden Männer hätten im Übrigen unterschiedlicher nicht sein können: Während der Missionar Livingstone als Freund der Afrikaner handelte und gegen den Sklavenhandel kämpfte, ließ sich Stanley später mit dem belgischen König Leopold ein, ging in den Kongo, hielt sich zur Zeit des Mahdi-Aufstands im Sudan auf und kehrte von dort mit dem italienischen Forscher Gaetano Casati 1890 über Neapel nach Europa zurück.
Lat.: im Augenblick des Todes; zum ewigen Leben, Amen.
Lat.: Meide Gerüchte!
Der Biber heißt auf Italienisch »castoro«; aus seinem Fell ist dieser Hut gefertigt, der im 17. Jahrhundert aufkommt und später vom Zylinder abgelöst wird, der die gleiche Form zeigt, aber nicht mehr ganz so hoch ist und nicht mehr aus dem Fell dieses Tiers gefertigt wird.
Lat.: und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.
Paolo Segneri (1624–1694) war eine recht schillernde Gestalt seiner Zeit, Jesuit, Übersetzer, Redner und Literat. Mal wird sein rhetorisches Talent betont, mal behauptet, er habe nur im Bereich des Schriftlichen etwas getaugt. Zumindest in späteren Jahren dürfte sein Redetalent unter zunehmender Taubheit gelitten haben, da er die eigene Stimme nun nicht mehr kontrolliert modulieren konnte. In frühen Jahren lehrte er Grammatik, im mittleren Lebensabschnitt hat er am ersten Wörterbuch der italienischen Sprache mitgearbeitet, genauer an der dritten Auflage.
Lat.: Heiliges mit Profanem gemischt; die Wendung geht vermutlich auf Horaz zurück (sit spes fallendi, miscebis sacra profanis; Briefe, I, 16), der mit dieser Formulierung davor warnt, beides zu vermengen, insbesondere dann, wenn dadurch ein Diebstahl gerechtfertigt werden soll: »Hast nicht entdeckt zu werden du Aussicht, ist nichts mehr dir heilig« (Horaz, Werke in einem Band, Berlin und Weimar 1972; aus dem Lateinischen von Manfred Simon).
Lat.: ist es gestattet.
Lat.: Hier liegt der Priester, im Sinne einer Grabinschrift.
Der Ungenannte ist eine Schurkengestalt in Alessandro Manzonis Roman Die Verlobten: Er entführt die Protagonistin Lucia und hält sie auf seiner Burg gefangen, um ihre Ehe mit Renzo zu vereiteln. Mit ihrer aufrichtigen Liebe zu ihrem Verlobten und mit ihrer Unschuld rührt sie den Ungenannten, sodass dieser, auf diesem Weg weiter angespornt durch den Mailänder Erzbischof Borromeo, sich zu einem ehrlichen Christen wandelt.
Auch dieses Zitat stammt von Alessandro Manzoni, jedoch nicht aus den Verlobten, sondern aus der Tragödie Graf von Carmagnola (II,6). Wie der kurze Ausschnitt – Worte vom Chor – vermuten lässt, ist diese Tragödie christlich-philosophisch geprägt; sie kreist auch um das Thema von Strafe und Sühne.
Lat. (scherzhaft): und machte sich davon, ohne seinem Vermieter einen Gruß zu entbieten.
Die vier Männer verbindet, dass sie sich als Naturwissenschaftler auch mit Grenzgebieten beschäftigen, bei denen es im weitesten Sinne um Zeichendeutung geht. Zumindest in Neapel muss der Star unter ihnen Gerolamo – auch Geromino – Cardano (1501–1576) gewesen sein, hat der Philosoph und Arzt doch nicht nur ein Buch zur Traumdeutung vorgelegt, sondern auch eine Untersuchung zum Glücksspiel: Liber de Ludo Aleae; er war zwar auch selbst Spieler, über spektakuläre Gewinne ist jedoch nichts bekannt. Der zweite Italiener, Giambattista – oder Giovanni Battista – della Porta (1535–1615) ist sogar waschechter Neapolitaner, die erwähnte Magia naturalis versammelt außergewöhnliche Phänomene der Naturkunde, beispielsweise ein Rezept für Hexensalbe. Dass ein Geistlicher wie Don Cirillo Werke der beiden in seinem Besitz hatte, war damals in Neapel keine Seltenheit, Glaube und Aberglaube existierten in trauter Nachbarschaft. Auf die beiden Gelehrten der Spätrenaissance folgen mit Johann Kaspar Lavater (1741–1801), einem schweizerischen Schriftsteller und Pfarrer, und Franz Joseph Gall (1758–1828), einem deutschen Arzt, der die Phrenologie begründet hat, zwei Wissenschaftler, die der Gegenwart des Romans deutlich näher stehen.
Eine deutsche Übersetzung des Liedes hat sich nie durchsetzen können, kennen tut es vermutlich jeder, vor allem in der Interpretation Enrico Carusos: Santa Lucia. Die Barkarole wurde ursprünglich auf Neapolitanisch verfasst, im Zuge des Risorgimento aber legte ihr Schöpfer Teodoro Cottrau auch eine italienische Fassung vor. Die Unterschiede sind beachtlich. Lauten die hier zitierten Worte im Original »Sul mare luccica«, so hieß es neapolitanisch ursprünglich: »Come se fricceca«.
Beide Zitate lat.: Im Wein liegt Wahrheit; höchste Achtung schuldet man dem Kinde, Letzteres von Iuvenalis, Saturae 14, 47–49.
Das Zitat stammt aus der Oper Lucia di Lammermoor von Gaetano Donizetti (Uraufführung 1835, Neapel). Das italienische Libretto hat Salvatore Cammarano nach einer Vorlage Walter Scotts geschaffen; von wem die hier zitierte deutsche Übersetzung stammt, war nicht herauszufinden.
Das Wichtigste vorweg: Sciosciammocca ist eine Figur, die einen dunklen Kastorhut, in späteren Jahren auch einen schwarzen Zylinder trägt. Sie ist gleichermaßen Nachfolger wie Gegenspieler von Pulcinella, einer Figur aus der Commedia dell’arte, entstanden im neapolitanischen Volkstheater. Einer der ganz großen Interpreten der Rolle des Pulcinella ist Eduardo Scarpetta (1853–1925) gewesen. Als Kind hatte ihn jedoch an dieser ebenso pfiffigen wie tölpelhaften Figur stets die schwarze Maske gestört, weil sie ihm Angst eingejagt hatte. Nach seinem großen Erfolg mit Pulcinella hat er diesem daher den Sciosciammocca zur Seite gestellt, der im Grunde die gleichen Charaktereigenschaften hat, aber keine Maske trägt. Sciosciammocca bedeutet so viel wie: jemand, der mit offenem Mund dasteht. Die Rolle ist eine Glanznummer für pantomimisch angehauchte Schauspielkunst. Stücke mit Pulcinella und Sciosciammocca waren in Neapel sozusagen Straßenfeger. In einem sagt Sciosciammocca die bemerkenswerten Sätze: »Ich bin kein Dieb, ich bin ein Mann, der ins Haus kommt.«
Mit Arrigo Boito (1842–1918) kommt Mailand ins Spiel, denn dort lernte der Schriftsteller, Musiker und Librettist Emilio De Marchi persönlich kennen. Die beiden verkehrten in den gleichen literarischen Kreisen. Boitos Werk ist insgesamt eher schmal, Mefistofele seine einzige Oper, die dafür aber gleich zweimal uraufgeführt wurde: 1868 in der Scala, 1875 in Bologna in einer derart überarbeiteten und gekürzten Fassung, dass eben von einer neuen Uraufführung gesprochen wird.
Xavier-Aymon Montépin (1824–1902) war ein typischer Vertreter des französischen Feuilletonromans, der im Italien des 19. Jahrhunderts unter dem Namen Saverio Montépin bekannt wurde. Er dürfte hier nicht zufällig gewählt worden sein, hat er doch eher die Variante des Feuilletons bedient, die voll »von Ungereimtheiten, von Unflat und unverhülltem Fleisch« ist, gegen die sich De Marchi im »Hinweis zur italienischen Erstveröffentlichung« seines Romans verwehrt. Wenn der Verweis dann noch in dem Kapitel »Die Orgie« erfolgt, ist das besonders pikant, denn der Roman Les filles de plâtre (1855) brachte Montépin eine Anklage wegen Unsittlichkeit ein; er wurde für schuldig befunden und zu einer Geld- und Gefängnisstrafe verurteilt.
Die Sybille, die in Cumae orakelte, ist literarisch besonders markant von Ovid in den Metamorphosen festgehalten und bildlich aus Michelangelos Sixtinischer Kapelle bekannt. Alle folgenden Angaben sind ohne Gewähr: Für das Lotto spielt sie eine astrologische Rolle, sodass sich aus der Sternenkonstellation die Trefferzahlen ableiten lassen. Ein Blick gen Himmel ist also vonnöten, die Zahlen lassen sich damit allerdings immer nur für die nächste Ziehung ermitteln, ganz im Unterschied zu denen aus dem sogenannten Traumbuch, das einem Bild dauerhaft eine konkrete Zahl zuweist. Die neapolitanische Variante dieses Buches, die Smorfia, gelegentlich auch lotto cabala oder Kabbala genannt, gibt in zwei Fällen sehr klare Auskunft: »Hut« steht für die 54, »Jäger« für die 61. Schwieriger wird es beim »Priester«, der im traditionellen Traumbuch nicht auftaucht, für den dennoch mittlerweile einige Werte ermittelt wurden: ein »Priester in Schwarz« steht für 26, 35 und 38, einer, der – beispielsweise – etwas sagt, für 2, 5, 68; der »Priester« liefert also gleich drei Möglichkeiten auf einen Schlag, verkörpert etliche Zahlen wie die 1 oder die 90 aber auch gar nicht.
Omnibus: Die Zeitschrift wurde 1833 von Vincenzo Torelli (1807–1882) und Pier Angelo Fiorentino (1811–1864) in Neapel gegründet, zunächst als literarisches Blatt, ab 1863 dann mit politischem Schwerpunkt. Torelli ist verlegerisches Urgestein, war auch als Librettist und Schriftsteller tätig und durch seine Ehe mit der Familie Tomasi de Lampedusas verbunden. Er kam in Barile zur Welt und starb in Neapel. Der gebürtige Neapolitaner Fiorentino ist ebenfalls ein Multitalent und hatte obendrein ein französisches Standbein. Nicht nur, dass er Dantes Göttliche Komödie ins Französische übersetzt hat, nein, es gibt auch Gerüchte, er sei der wahre Autor einiger der großen Romane seines Freundes Alexandre Dumas, darunter auch der Graf von Monte Christo. Fiorentino ist in Paris gestorben, seine Leiche wurde jedoch nach Neapel überführt.
An den Fluss Sebeto erinnert in Neapel nur noch ein spektakulärer Brunnen. Darüber hinaus belegen seine Existenz Münzfunde und antike Quellen, auch der 1725 in Neapel verstorbene Musiker Alessandro Scarlatti erwähnt ihn in einem Lied. Doch selbst Petrarca ist 1340 nicht recht weitergekommen, als er den einstigen Verlauf des Flusses, ausgehend von Beschreibungen bei Vergil und anderen, bestimmen wollte.
Dieser Bart ist benannt nach dem Politiker Henry John Temple, dem 3. Viscount von Palmerston, dabei scheint es sich wie beim Derby-Bart um einen Backenbart zu handeln, allerdings einen gewaltigen.
Wenn sich Santafusca hier mit der Figur des Don Abbondio aus Manzonis Verlobten vergleicht, hat er sicherlich nicht auf äußere Ähnlichkeit angespielt, denn der Dorfpfarrer war ein nach damaligen Vorstellungen nicht unbedingt attraktiver Mann. Er ist die erste Figur, die in dem Roman auftritt, doch ist er nicht als Platzhirsch in die Literaturgeschichte eingegangen, sondern – und das dürfte auch Santafusca im Hinterkopf gehabt haben – als Mann, der »stets zu Diensten« ist. Anders ausgedrückt: Er hat das Etikett »Held der Angst« erhalten, was vermutlich weniger nach Santafuscas Geschmack gewesen wäre.
Lat.: Den Tapferen hilft das Glück; das Zitat wird mal Vergil, mal Terenz zugeschrieben – gelegentlich mit Abweichungen: Fortes oder Audentes fortuna juvat –, ist aber auf alle Fälle in dieser Form für Uderzo und Goscinny belegt.
In gleich doppelter Hinsicht geht es um Übersetzung: Die Feder stammt im Original von einem »gallo silvestre«, von einem »Hahn des (dichten) Waldes«. Die beiden Wörter wirken schlicht, haben aber enorme Verweiskraft: Giacomo Leopardi (1798–1837) betitelt ein Stück in seinen insgesamt pessimistisch grundierten Operette morali »Cantico del gallo silvestre«; Burkhart Kroeber spricht in seiner Übersetzung (als Opuscula moralia in der Anderen Bibliothek erschienen, Band 389) vom »Krähen des urigen Hahns« und erläutert, mit dem »urig« wolle er das »wildwaldige« des Originals vermitteln. Das ist ihm gut gelungen, denn in dem Textstück überzeugt das »urig« mit ironischem Charme. Aber Santafusca, der sich die »Feder eines urigen Hahns« ans Barett steckt? Ohne weiteren Kontext schien der Boden für dieses Adjektiv nicht bereitet. Die Anspielung ist aber wunderbar: Der Hahn bei Leopardi ist riesengroß und berührt daher mit dem Kamm den Himmel. Als Santafusca zunächst vergeblich nach einer Möglichkeit sucht, den falschen Priesterhut zu entsorgen, meint er »zu einem Giganten angewachsen zu sein, und fürchtete beinahe, sich den Kopf am Himmel zu stoßen«. Bei dem titelgebenden »Krähen« handelt es sich um die Übersetzung des Morgengesangs dieses Hahns, das Ganze ist eine kurze philosophische Abhandlung mit recht fidelem Einschlag, vor allem aber mit viel »unendlichem Raum«, wie ihn auch Santafusca gern zitiert.
Frz.: Man suche die Frau; man suche den Jäger.
Im Original deutsch.
Das Stück findet sich gleich zu Beginn der Ilias, der ganze Satz lautet in der Prosaübertragung Gerhard Scheibners (Aufbau 1972): »Wer von den Göttern hetzte die beiden im Streit aufeinander zum Kampfe?«
Cecere ist der Mann der literarischen Anspielungen, hier zitiert er aus Torquato Tassos Befreites Jerusalem (Zweiter Gesang, 52), und auch hier ist die Fortsetzung – in der deutschen Fassung von Johann Diedrich Gries – interessant: »Was auch vermöcht’ ein solches Fürwort nicht? / Gnad’ oder Recht will ich als Richter sprechen, / Geb’ Unschuld frei und schenke das Verbrechen.« Tasso (1544–1595) ist in Sorrent geboren, seine Mutter war Neapolitanerin, er selbst hat dort viele Jahre gelebt. Seine Intelligenz zeigte sich ausgesprochen früh, doch bis heute ist umstritten, ob er unter einer Geisteskrankheit litt.
Und der Dritte im Bunde: Der göttliche Dichter ist selbstverständlich der Dichter der Göttlichen Komödie, Dante Alighieri (1265–1321). Im Dreiundzwanzigsten Gesang heißt es bei ihm: Der Mönch dann: »Schon in Bologna es kam mir zu Ohren, / dass der Teufel voll des Lasters, und gehört hab ich, / dass gern er lügt und dass Lüg ihm auch ward geboren.« Im Original lauten die Zeilen: E ’l frate: »Io udi’ già dire a Bologna / del diavol vizi assai, tra ’ quali udi’ / ch’elli è bugiardo e padre di menzogna.« Die Übersetzungen des Werkes sind Legion, doch eine darf hier auf gar keinen Fall unerwähnt bleiben, stammt sie doch von einem sächsischen Herrscher, keinem Herzog, sondern gleich einem König, Johann von Sachsen (1801–1873), vorgelegt unter dem Pseudonym Philalethes: Der Mönch darauf: »Schon in Bologna hört’ ich / Vom Teufel manches Bös’ und drunter auch, / Daß er ein Lügner sei und Lügenvater.«
Es gibt zwei Brüder Spaventa, Bertrando und Silvio, beide liberal eingestellt und stark von Hegel beeinflusst. Bertrando (1817–1883) hat sich noch stärker mit Philosophie beschäftigt als Silvio (1822–1893), der größeres Gewicht auf sein politisches Engagement legte. Aus seinen Parlamentsreden ist auch die zitierte Wendung bekannt (»Dunque, riassumendo«). Beide Brüder haben zeitweilig in Neapel gelebt, Bertrando ist auch dort gestorben.
Martellini zitiert hier zwei Zeilen aus einem Auftritt Don Alfonsos in Mozarts Oper Così fan tutte (1. Akte, 1. Szene). Vollständig lautet die Strophe im Deutschen: Die gepriesene Weibertreue, sie gleicht dem Phönix aus Arabien. Jeder weiß davon zu schwatzen, doch wo er ist, das weiß man nicht. – Das italienische Originallibretto stammt von Lorenzo Da Ponte, von wem die deutsche Übersetzung ist, ließ sich leider nicht ermitteln. Sollte sie von Kurt Honolka (1913–1988) sein, wäre sie als Text aus der Zukunft in das Geschehen um 1875 geschmuggelt worden.
Gian Domenico Romagnosi (1761–1835) wusste, was es hieß, einen Verurteilten ins Gefängnis zu stecken, denn er wurde 1799 in Innsbruck als Jakobiner angeklagt und musste danach eine Haftstrafe von 15 Monaten absitzen. Die Zeit nutzte er zur Ausarbeitung einer theoretischen Schrift. Außer als Jurist hat er sich auch als Philosoph und Naturwissenschaftler hervorgetan. Für einiges Aufsehen haben seine Untersuchungen zum Einfluss von Strom auf eine Magnetnadel gesorgt, in Italien hat er wesentliche Grundlagen für das Strafgesetz geschaffen. Er starb in Mailand.
Das eindrucksvolle Benediktinerkloster liegt zwischen Neapel und Rom auf dem Hügel Montecassino.
Möglicherweise handelt es sich hier um eine Anspielung auf Verdis Oper Un giorno di regno (König für einen Tag) von 1840, die ungeachtet einer katastrophalen Uraufführung an der Mailander Scala 1856 in Neapel auf die Bühne gebracht wurde.
Santafusca verweist hier auf ein Trio aus Philosophen und Medizinern: Ludwig Büchner (1824–1899), Arzt und Philosoph, Vertreter des Materialismus und Verfasser des Werks Kraft und Stoff (1855), den Niederländer Jacob Moleschott (1822–1893), ebenfalls eine Doppelbegabung, nämlich Philosoph und Physiologe, dazu ebenfalls Materialist und Gegner der Metaphysik, und schließlich Philipp Karl Hartmann (1733–1830), Mediziner, zunächst noch von der romantischen Naturphilosophie beeinflusst, dann aber vom Kritizismus Kants überzeugt, in seinem fachlichen Tun schon heilkundlich angehaucht und hervorgetreten mit der Glückseligkeitslehre für das physische Leben des Menschen (1808).
Don Ciccio zitiert hier aus Plautus’ Eselskomödie die alte Weisheit, wonach der Mensch dem Menschen ein Wolf sei; als kurz darauf die Sprache noch einmal auf diesen Vergleich kommt, wird der Wolf durch den Hund ersetzt.
Samuel von Pufendorf (1632–1694) hat als Naturphilosoph, Historiker und Rechtsgelehrter allerlei Gedanken zur Justiz und der Verfasstheit des Menschen hinterlassen, die Don Ciccio und Martellini hier zitieren könnten. Gleichzeitig schließt Emilio De Marchi mit Pufendorf in gewisser Weise aber auch einen Kreis, denn mit ihm geht es wieder zurück zum Anfang: Pufendorf war es, der 1665 das Lotto erfunden hat. Allerdings machen die Genuesen dem Deutschen ein wenig Konkurrenz und behaupten, er hätte nur den Namen ersonnen, während sie bereits 1575 mit einem entsprechenden Losverfahren ihre 90 Ratsmitglieder bestimmt hätten; ebendaraus habe sich dann später das Lotto als Glücksspiel entwickelt.