Der Baron spielte und gewann an diesem Abend, wie bereits gesagt, in einem fort. Als er dem Marchese Vico Spiano seine Karten gab, packte er die Gelegenheit beim Schopfe, ihn auf die Hypothek anzusprechen.
»Gestern war ein Priester bei mir«, sagte er, ohne den Blick von den Karten zu heben, »und hat behauptet, du wolltest ihm den Hypothekenbrief für Santafusca abtreten.«
»Das stimmt, mein Verwalter hat mir dazu geraten und mir die Vorteile des Geschäfts aufgezeigt. Danach habe ich dem Priester geschrieben, seitdem aber nichts mehr von ihm gehört.«
»Ich kann mir schon vorstellen, um wen es sich da handelt«, fuhr Santafusca fort und legte Karte um Karte auf den Tisch. »Vor kurzem habe ich nämlich allen Ernstes mit dem Gedanken geliebäugelt, auch den alten Steinkasten zu verkaufen, um meine Spielschulden begleichen zu können. Doch dann ist es mir ergangen ganz wie Fortuna, die neuem Reiz erlag, um einmal mit Petrarca zu sprechen.* Wenn du magst, dann lass uns um die Hypothek spielen …«
Mit einem herzhaften Lachen warf der Baron einen Blick auf die Uhr. Erst kurz nach zwei. So, wie sie beide sich amüsierten, wäre es ein Sakrileg gewesen, zum Aufbruch zu blasen.
»Soll mir recht sein«, erklärte der Marchese di Spiano. »Spielen wir um meine Forderungen.«
»Da ich den Teufel auf meiner Seite habe, begnüge ich mich mit diesen vier Karten. Drehen wir sie um! Hier hätten wir die Dame mit dem Stab … Bist du etwa müde, Vico?«
»Ein wenig schon.«
»Dann lass uns alles zusammenzählen! Du schuldest mir achthundert Lire. Die Hypothek ist deutlich höher. Wenn du das Wagnis trotzdem eingehst, würde ich dir das Abheben überlassen und meinen bisherigen Gewinn setzen.«
Der Marchese zog den Stapel mit den Karten zu sich heran und hob ab, musste sich der Dame aber geschlagen geben.
»Damit wären wir quitt«, rief der Baron aus und lachte in sich hinein. »Lass mir den Hypothekenbrief gelegentlich zukommen. Die Geister der alten Santafuscas werden frohlocken. Dieses Dokument war geradezu ein Fettfleck auf einem der alten Wandbehänge …«
Kurz darauf schlief der erschöpfte, von den Anstrengungen, den Emotionen und dem Spiel entkräftete Baron auf einem Kanapee im Clubsaal ein und versank in eigensinnigen, pechzähen Schlaf.
Weniger von Albträumen als vielmehr von flüchtigen, zusammenhanglosen Bildern gequält, verirrte sich sein Geist in den dunklen Tiefen eines Syllogismus, der aus den hintersten Höhlen seines Hirns herangenaht war, sich ihm indes nur lädiert, zerrissen und teils verhüllt zeigte. Es verlangte ihm eine schier übermenschliche, peinigende Anstrengung ab, in diesem Strudel aus dreckstarrenden, von Spinnweben behangenen Trugbildern die Bruchstücke der einzelnen Prämissen, die gleich Aasgeiern im Sturzflug auf seinen Kopf herabschossen, wieder zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzufügen. In diesem bleiernen Schlaf zogen ebenso strahlende wie düstere Dinge an ihm vorbei, Fetzen vom Meer und einer grauen Mauer, weißliche Flecke ungelöschten Kalks, durchgetretene Stiegen hinab zu Kellern und Verliesen, und inmitten all jener Dinge drehte sich sein Syllogismus in Gestalt eines Priesters, der im Müll herumstocherte. Dieser Priester wiederum war niemand anders als der splendide Doktor Panterre, aus reinem Jux im Priestergewand, doch unfehlbar zu erkennen an seinem Gesicht mit den markanten Wangenknochen, der lachte und lachte … Völlig unvermittelt drängte sich dann ein grundlegender Gedanke in den Vordergrund, der sich schmerzlich in das Hirn Santafuscas bohrte, tief in die Falten hinein, und der besagte: Der Mensch gilt so viel wie eine Eidechse …
Auf diese Weise brachte unser Baron die Nacht herum, dabei bis neun Uhr morgens laut schnarchend wie ein Bär.
Als er die Augen öffnete und sich umsah, wusste er kaum zu sagen, wo er eigentlich war. Das fahle Licht eines Regentages fiel durch die hohen Fenster und ergoss seine Tristesse über die Kartentische, über die kreuz und quer stehenden Stühle sowie über den leeren, kalten Saal, in dem noch wenige Stunden zuvor Lachen zu hören gewesen war, Getuschel, Tischgeklopfe und Flüche.
Auf einem Silbertablett leuchteten die Goldstücke und die bunten Banknoten, der gesamte Gewinn des Barons, von ihm auf dem Tisch gelassen, als er am Abend in Schlaf gefallen war.
Der Anblick all des Geldes rief ihm die letzten Eindrücke der vergangenen Nacht in Erinnerung, sodass er die Spieltische wiedererkannte, sich erinnerte, wie er völlig enthemmt gesetzt hatte, und einen letzten Widerhall all des Gelärms und Geplappers in seinem verwirrten Kopf zu hören meinte.
Obwohl er länger als gewöhnlich geschlafen hatte, hing vor seinen Augen ein Schleier, hatte er einen bitteren Geschmack im Mund, wohnte jeder Faser seines Körpers eine Abgeschlagenheit inne, deren Ursache er nicht zu benennen gewusst hätte. Nach und nach, sich von Eindruck zu Eindruck tastend, als erklimme er eine Leiter, fiel ihm erst das Essen im Café Europa ein, dann die Begegnung mit Usilli davor, der Besuch in Santafusca gestern, der … An diesem Punkt schreckte er hoch, sah sich mit weit aufgerissenen Augen um, setzte sich gerade hin, spürte das Blut wild in seinen Schläfen hämmern und merkte, wie sein Herz sich verkrampfte.
Nur gut, dass er allein war.
Er ließ auch dieses Bild an sich vorbeiziehen. Das Leben ist ein Fluss, der nach einem Sturm trübes Wasser führt, deshalb muss man gelegentlich ein Weilchen abwarten, bis das Wasser wieder aufklart.
Der Baron läutete nach Raffaello, dem Clubdiener, und bestellte einen Espresso mit viel Rum.*
Er plauderte mit dem jungen Mann ein wenig über belanglose Dinge, um sich wieder an seine Stimme zu gewöhnen und seinen Geist in Gang zu bringen.
Schließlich stopfte er das Geld ungezählt in seine Taschen. Hätte sich Fortuna nur einen Tag früher eingefunden, dachte er bei sich, hätte ich mir den Mord am Priester sparen können.
»Aber Paradies und Hölle liegen eben beide ganz unten im gleichen Sack. Du kannst nur die Hand hineinstecken und blindlings das eine oder das andere herausziehen …«
Mit diesem Gebrumme auf den Lippen stieg er die Treppe hinunter. Seine Glieder kamen ihm bleischwer vor, insbesondere die Arme …
Am Ausgang blieb er kurz stehen, um etwas lustlos all die Menschen zu beobachten, die mit flinkem und gradlinigem Schritt irgendwo hineilten und offenbar genau wussten, wohin sie wollten und warum. Es regnete zwar nicht mehr, doch die Luft war trübgrau und dampfgesättigt, die Straßen matschig und trostlos.
Sein Wille schien restlos gekappt worden zu sein. Wohin sollte er nun gehen? Nach Hause? Oder zu Marinella? Sollte er vielleicht erst frühstücken? Hunger hatte er allerdings gar keinen, im Gegenteil, ihm lag noch immer dieser bittere Geschmack auf der pelzigen Zunge.
Droschken fuhren an ihm vorbei, Ochsenkarren und vollgestopfte Omnibusse. Alle um ihn herum besaßen einen klaren Kopf und einen folgsamen Körper, jeder wusste etwas zu sagen, hatte etwas zu überbringen oder entgegenzunehmen. Er dagegen fand sich als verlorener Mann inmitten all dieser Menschen, ganz so als hätte die Anstrengung, den Priester zu töten, sämtliche Lebenssäfte aus ihm herausgesaugt, sodass nur ein ausgetrockneter Mann in einer ausgetrockneten Hülse verblieben war.
Ein seltsamer Wunsch führte ihn in die belebten Straßen von Mercato: Irgendwann hielt er jäh inne. Er meinte, in Neapel wimmelte es nur so von Priestern. Noch nie hatte er so viele schwarz gewandete Männer gesehen. An jeder Ecke lauerte ja einer! Oder achtete er nur das erste Mal darauf …? Diese Unmengen von Priestern!
Nun sah er sich auch die Zeitungen und die Photographien vor dem Laden eines Buchhändlers genauer an und ließ sich verleiten, eine Ausgabe von Stanleys Reisen quer durch Afrika zu erwerben.* Zumindest in Gedanken sollte er dieses Land verlassen, bis viel Wasser den Fluss hinuntergeflossen war.
Es war nun einmal wesentlich einfacher, einen Mann zu ermorden, als in sich selbst ein Vorurteil zu töten.
Nein, mit diesem Leben durfte er sich nicht abfinden, mit diesem Bangen von Minute zu Minute. Er war doch keine Uhr! Deshalb würde er für eine tüchtige Erschütterung sorgen, damit in seinem Leben endlich all das welke Laub abfiel.