ÄNGSTE

Was war danach mit diesem Hut geschehen?

Der Baron rief sich jeden einzelnen Moment der scheußlichen Szene in Erinnerung. Er hatte den Priester in die Zisterne geschoben, er hatte Sand und Kalk und nochmals Sand auf ihn geschaufelt, anschließend die Steinplatte über die Grube gelegt und einen Berg aus allem, was er fand, aufgehäuft … In diesen Haufen hatte er die Stange gerammt. Aber der Hut …? Als er sein Tun vor seinem inneren Auge ablaufen ließ, warf er auf den tristen Schauplatz gleißende Flammen, bis er meinte, den Hut zwischen den Ziegeln und der Mauer auszumachen, gleichsam aufrecht stehend, ein schwarzer Fleck vor rotem Hintergrund, und in irgendeinem fatalen Hirnverschluss hatte er einfach nicht daran gedacht, ihn fortzunehmen, besser noch: ihn zu vernichten … Folglich musste er sich noch immer dort befinden, zwischen den Ziegeln und der Mauer aufragen, ein schwarzer Fleck auf blutgetränktem Grund, sein Ankläger in trauriger Vogelgestalt.

Der Baron sah ihn derart klar vor sich, als befände er sich wirklich vor seiner Nase …

Das nochmals durchlebte Geschehen hatte unvermittelt eines jener Gefühle geweckt, die dem legendären Panterre zufolge teils jahrelang in den Hirnwindungen verborgen vor sich hinschlummern, bis sie dann durch einen ungewöhnlich starken Eindruck jäh aus dem Schlaf gerissen werden und sofort klar wahrzunehmen sind.

Der Baron wusste einfach keine Erklärung dafür, dass er ein derart gefährliches Beweisstück am Ort der Tat zurückgelassen hatte. Auf gar keinen Fall wollte er glauben, hier habe eine heimtückische, höhere Kraft ihre Finger im Spiel. Immerhin fand sich bei Doktor Panterre auch ein Kapitel, in dem er darlegte, wie träge das Hirn oft sei, wie betäubt. Vielleicht ging seine schreckliche Zerstreutheit also auf dieses Phänomen zurück.

Wie dem auch sei, der Hut des Priesters hielt in diesem Hof Wache, eine riesige schwarze Fledermaus, ein widerwärtiges anklagendes Gespenst.

Der Baron eilte zur Tür und drehte den Schlüssel im Schloss herum, als fürchte er, seine Gedanken wollten aus diesem Zimmer ausbrechen.

Er musste der Wahrheit ins Gesicht sehen. Da hatte er schon geglaubt, die Sache sei mit dem Mord an dem Priester erledigt, aber weit gefehlt, ihm stand noch eine Menge Arbeit bevor. Doch auch sie würde er bewältigen.

Wenn der Hut an der Zisterne lag, sozusagen als Grabmal besonderer Art, hic jacet presbyter,* dann hätte Salvatore ihn ohne Weiteres entdecken können.

Aber Salvatore war tot.

Wann war er doch gleich gestorben? Der Baron suchte unter all den Zeitschriften, die sich auf dem Schreibtisch stapelten, den Brief des Gemeindesekretärs von Santafusca, der sich jedoch in Luft aufgelöst zu haben schien. Er kramte und grub, fand ihn schließlich – und während seine Hände alles erkundeten, forschten auch seine Gedanken weiter –, öffnete ihn und stellte fest, dass er vom 9. des Monats datierte und Salvatore am 8. gestorben war. Heute war der …

Der Baron sah zum Kalender an der Wand hinüber, erblickte dort aber nur ein altes Datum:

4

Hatte er dieses elende Tagesblatt nicht längst abgerissen? Wer erlaubte sich hier den Spaß, ihm ausgerechnet diese Zahl abermals vor Augen zu halten? Ob … ob er womöglich doch an Geister glauben musste? Denn diese Vier … Entsprach sie nicht exakt der Kontur des Hutes?

Humbug! Hirngespinste eines fiebernden Mannes! Er spürte es doch genau, das sengende Fieber, das sich von hinten an ihn heranschlich, ihn zwang, sich zusammenzukauern, den Kopf mit beiden Händen in die Zange zu nehmen und ihn festzuhalten. Sofort rief er sich zur Ordnung, unbedingt Ruhe zu bewahren, Kälte und Zuversicht, kurzum, klaren Verstand walten zu lassen.

Was war dieser Drecksdeckel von Hut schon verglichen mit dem kosmischen Raum? Sollte ihm eine solche Nichtigkeit etwa das Genick brechen?

O nein, er würde die ganze Angelegenheit nun vom philosophischen Standpunkt aus betrachten und durchdenken, ja, vor allem durchdenken.

Also, der Priester war am 4. ermordet worden, Salvatore am 8. gestorben. Heute war der 15., vielleicht auch schon der 16. April. Mindestens zehn Tage, ohne dass irgendjemand den Hut gefunden hatte … Wobei: Natürlich konnte ihn jemand gefunden haben, hatte aber dann einfach nicht daran gedacht, dass der Hut womöglich Don Cirillo gehörte. Oder der Priester tot sein könnte. Doch wie auch immer, dieser Hut stellte eine Gefahr dar, solange er nicht aus der Welt geschafft war … Weil die Leute von Natur aus neugierig sind … Weil die Öffentlichkeit … die Öffentlichkeit …

Bei dem Wort musste er prompt an Don Ciccio denken. Von dem Advocatus war es dann nur noch ein Katzensprung zu dem Hutmacher Filippino und seinem Terno. Die Geschichte hatte ja sogar in der Zeitung gestanden. Don Cirillo hatte die drei richtigen Zahlen gegen den Hut eingetauscht.

Der Baron sprang auf. Gleich würde sein Kopf Feuer fangen. Er stürzte zur Waschschüssel und tauchte ihn ins Wasser.

Was für eine grauenvolle Groteske, dass ein Mann wie er in dieser Weise wegen eines Hutes zu leiden hatte. Schlimmer noch als Macbeth!

Doch nachdem sich der erste Schreck gelegt hatte, sah Santafusca schon klarer und sann auf einen Plan.

Zunächst brauste eine Flut von Gedanken durch seinen Kopf, darunter der, sich allen Scherereien zu entziehen, indem er das Weite suchte. Dann aber gelang es ihm, sein Dilemma mit der nötigen Vernunft auf den Punkt zu bringen.

Hatte man den Hut bereits entdeckt, wusste die Justiz längst von diesem Corpus Delicti. In dem Fall barg jeder Fluchtversuch ein Risiko, denn wie weit er auch fliehen mochte, der Arm des Gesetzes reichte noch weiter. Floh er, klagte er sich außerdem nur selbst an. Befand sich der Hut aber noch in dem kleinen Hof – und davon ging er aus –, dann sollte er schnellstens zum Anwesen zurückkehren und diesen Popanz an sich bringen, der, einmal in die falschen Hände geraten, für ihn einzig Prozesse und Verhöre bedeutete.

Nun, da sich sein erster Schreck, der vermutlich jeden anderen Mann in den Wahnsinn getrieben hätte, gelegt hatte und seine robuste moralische Verfassung wieder die Oberhand gewann, brach er angesichts dieses Possenspiels beinahe in schallendes Gelächter aus.

»Was bin ich bloß für ein Narr!«, stieß er aus. »Selbst wenn man nicht nur einen, sondern hundert Hüte entdecken würde, wer wollte denn daraus ableiten, dass Don Cirillo ermordet worden ist? Und selbst wenn man nicht nur einen, sondern hundert tote Priester entdecken würde, wer wollte mir nachweisen, dass ich Don Cirillo ermordet habe? Als ob es in Neapel nicht genug Ganoven gäbe, die ganz erpicht auf Zank und Streit sind! Deshalb muss ich bloß darauf achten, dass niemand um das Anwesen herumschwirrt. Den Schlüssel zum Haus bewahrt immer noch dieser Jervolino auf, aber der Garten ist nun einmal kühl und schattig, deshalb wäre nichts natürlicher, als dass die braven Leute aus Santafusca in den heißen Stunden dort im Schatten der alten Platanen ihre Siesta halten.«

Bei diesem Gedanken kehrte die Aufregung des Barons sofort zurück, und das Blut raste förmlich durch seine Adern. Lag er mit dieser Vermutung richtig, dann trieben sich nun schon seit mindestens acht Tagen irgendwelche Dörfler auf dem Anwesen herum.

Mit der Beerdigung von Salvatore hätte es angefangen. Was, wenn ein paar Kinder aus reiner Neugier durch den Garten getobt wären und womöglich irgendwo den Hut des Priesters entdeckt hätten?

Nichts hielt ihn nun noch im Haus, er musste unter freiem Himmel tief durchatmen. Die Luft in seiner Wohnung stank ja geradezu nach hässlichen Gedanken.

Doch auch draußen konnte er sich noch so sehr mühen, den Hut zu vergessen, auf Schritt und Tritt riefen ihm Hunderte von Kleinigkeiten die Kopfbedeckung in Erinnerung. Es reichte, um nur ein Beispiel zu nennen, allein der Anblick eines Priesters …

Sah er einen um die Ecke in eine Gasse abbiegen, eilte er ihm sofort nach, quetschte sich durch Menschentrauben, ließ die Häuser hinter sich und fand sich schließlich auf der Straße zum Meer wieder …

Nichts wäre natürlicher, als wenn ein paar Kinder den Hut des Priesters gefunden und mit ins Dorf genommen hätten, grübelte er schon wieder. Was gäbe das für eine Aufregung! Ein Hut? Wem mag der gehören? Wo habt ihr ihn gefunden? Beim Anwesen? Wo? Bei den Stallungen? Bringen wir ihn zum Pfarrer! Don Antonio hatte natürlich längst im Popolo Cattolico gelesen, dass Don Cirillo verschwunden war. Was, wenn das sein Hut war? Bringen wir ihn also lieber zum Kommandanten der Carabinieri oder, besser noch, gleich zum Amtsrichter …

Während sich der Baron diese Szenen ausmalte, sah er das Geschehen so lebendig vor sich, als liefe er zusammen mit diesen Bauern durch die Straßen und hörte ihre Stimmen an seinem Ohr. Um sich einen Spaß zu erlauben, pfropften die Kinder den Hut auf einen Stock, und das gesamte Dorf folgte dieser gehissten Fahne geradenwegs zum Amtsgericht …

Und der Baron rannte der kreischenden Schar hinterher, wollte sie einholen, ein paar Ohrfeigen auf die Kinder einprasseln lassen, sich den Hut schnappen, davonhetzen …

Einmal war er derart in Gedanken versunken gewesen, dass er sich auf der Straße nach Santafusca wiederfand, nur noch eine halbe Stunde vom Anwesen entfernt. Eine geheimnisvolle Kraft hatte ihn zur Porta Capuana getrieben, immer weiter und weiter, Straße um Straße, Weg um Weg, bis er fast vor dem altvertrauten Glockenturm des Dorfes stand. Als er jählings innehielt, bemerkte er, dass er von oben bis unten mit Staub und dreckdurchtränktem Schweiß bedeckt und seine Kleidung völlig in Unordnung geraten war. Er erschauderte selbst angesichts seines Wahns … Stehenden Fußes machte er kehrt und begab sich schnurstracks zu Compariello, um etwas zur Stärkung zu trinken. Absinth schaffte es jedes Mal, den Rauch aus seinem Kopf zu scheuchen und ihm einen klaren Blick auf die Dinge zurückzugeben. O ja, er sollte zum Anwesen, unbedingt, aber nicht zu Fuß, nicht wie ein Vagabund. Nein, mit großem Brimborium sollte er dort einziehen oder mit einem Gefolge aus Freunden und Jägern, mit schönen Frauen aus Neapel, mit Marinella …

Schon wollte er der Versuchung nachgeben, die Welt und den Allmächtigen Vater herauszufordern, als wäre er ein zweiter Mephistopheles. Die Idee verwarf er jedoch schnell, denn die braven Dorfleute kannten ihn bereits als Libertin, da sollte er den schlichten Seelen nicht auch noch einen solchen Skandal zumuten: Er würde sich nur ihren Hass zuziehen, beleidigte er das Andenken an den armen Salvatore. Deshalb sollte er die Reise lieber allein unternehmen, sich still und leise um seine Angelegenheiten kümmern, für die Zukunft nur die besten Absichten zur Schau tragen, ein paar Almosen verteilen …

Zwei Tage lang sprangen seine Gedanken von einem Extrem zum anderen, während er äußerlich alles daransetzte, sich so aufgeräumt und sorglos zu geben wie ehedem, sei es nun im Jagdclub, sei es bei einem Stelldichein mit Marinella oder beim Essen mit einem Freund im »Europa«.

»Du trinkst wirklich zu viel von dem grünen Gift, Santa«, sagte ihm Usilli bei einer dieser Gelegenheiten einmal. »Und du rauchst zu viel.«

Doch der Baron rauchte und trank, ohne es überhaupt zu bemerken.

Am dritten Tag, als er sich eingestand, dass er in dieser Unsicherheit nicht länger leben konnte – weder tratschte man über den Fall noch berichteten die Zeitungen davon –, begab er sich zum Reithof von Biagi, wo jeder ihn kannte, lieh sich ein prachtvolles Jungpferd, schwang sich in den Sattel, sprengte durch die belebtesten Straßen Neapels, ließ das ungestüme Tier wilde Tänze um Menschentrauben herum aufführen und brachte mit voller Absicht Kutscher und fliegende Händler zum Fluchen. Neapel sollte ihn als starken und lebenslustigen Mann zur Kenntnis nehmen, als einen, den nie etwas aus der Bahn warf, denn was immer ein Baron di Santafusca tat, er brauchte sich dessen nicht zu schämen.

Um die Wahrheit zu sagen, verschwendete in ganz Neapel kein Hund mehr einen einzigen Gedanken an Don Cirillo oder seinen Hut, von Filippino und den Seinen vielleicht abgesehen. Doch der Baron hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, dass alle Welt genau wie er dachte und er sich deshalb gar nicht ausgelassen und hemdsärmelig genug zeigen könnte. Am Ende fiel er mit diesem Gehabe sogar seinen Freunden auf die Nerven.

Sobald er nun die Tore Neapels hinter sich gelassen hatte, spornte er sein Pferd noch weiter an und flog rund eine halbe Stunde lang dahin, geschmiegt an die Mähne des edlen Tiers, das nicht einmal ahnte, warum es derart rasen musste. Doch der Baron wollte, dass sein Blut durch seine Adern rauschte und nicht in endlosen Grübeleien stockte.

Es war ein grauer Tag, den zahllose dichte Wolken bedeckten. Vom Meer her wehte starker Wind heran. Wenig später fing es zu regnen an, zu blitzen und über den Hügeln zu donnern.

Kurz bevor er das Dorf erreichte, drosselte er sein Pferd, bis es Schritt ging. Länger hätte er damit nicht warten dürfen. Das arme Tier, dessen Gewissen nicht ein einziges Verbrechen beschwerte, bockte bereits und würde sich für den Baron mit Sicherheit nicht zuschanden reiten lassen.

Nun schritt das Tier unter kaltem, aufdringlichem Regen vorwärts. Als Santafusca das nächste Mal aufsah, fand er sich zu seiner Überraschung vor dem Anwesen wieder, diesem klotzigen Bau, der sich an den Hang klammerte. In der grauen Luft wirkte er noch blasser und trister als sonst und wurde dem Blick beinahe durch den Schleier dichten Regens entzogen.

Dieses Anwesen, diese Stein gewordene Geschichte der Santafuscas, barg nun innerhalb seiner Umfriedung ein solch schauderhaftes Geheimnis … Der Baron hielt inne, holte tief Luft, senkte den Kopf und fühlte doch die bittere Zerknirschung eines verurteilten Mannes.

Woher rührte diese Traurigkeit?

Vom Himmel samt seinem Regen?

Vom Gewissen samt seinen Grübeleien?

Wenn bloß dieses Grübeln ein Ende hätte …

Er selbst, er würde damit leben können, wie die Dinge lagen, doch er durfte auf keinen Fall zulassen, dass andere aus diesen Dingen ihre eigenen Schlüsse zogen. Deshalb musste er diesen vermaledeiten Hut finden!

Inzwischen hatte er einen Punkt erreicht, da er nicht mehr klar zwischen dem Toten und dem Hut zu unterscheiden vermochte, ja mehr noch, von diesen beiden finsteren, feindlichen Phänomenen stellte der Priester für ihn keineswegs länger die bedrohlichere dar.

Der Priester, das ahnte Santafusca vage, der Priester hätte ihm in seiner Barmherzigkeit seine Sünde verzeihen können. Der Hut nicht.

Dieser neue Gedanke, aufgekeimt am Schauplatz des Mordes, verdrängte sämtliche Überlegungen, die er noch in Neapel angestellt hatte. Das Pferd bockte nun hartnäckig. Hinter den Hügeln braute sich das Gewitter immer stärker zusammen. Ein gewaltiger Trauerflor aus Wolken legte sich über den Himmel und das Ufer. Der Regen ging mal in feinen Strippen nieder, mal in dicken Tauen, bald stärker, bald schwächer, doch stets eingefasst von den Tollereien der Blitze, die sein Tier so erschreckten.

Der Baron verfolgte das beeindruckende Schauspiel der erzürnten Natur, das Donnern und Lichtzucken über den Gipfeln, und fühlte sich den entfesselten Elementen ausgesetzt wie ein Strohhalm. Das Schicksal, das Menschen wie Dinge schuf und bewegte, vertrieb gleich einem aufflammenden Blitz die romantischen Nachtgespenster seines kindlichen Aberglaubens. Welche Schuld trifft den Blitz, der den armen Bauersmann neben seinem Pflug erschlägt? Menschen und Blitze sind doch bloß blinde Handlanger universeller Kräfte … Und jetzt vorwärts, hü!

Der Pferd wieherte und schüttelte die Mähne. Mit dem Gebaren und dem Geist eines Siegers hielt der Baron Coriolano di Santafusca Einzug in das Dorf.

Das Getrappel der beschlagenen Hufe zog die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich. Wie der Baron voller Hochmut registrierte, erkannten ihn alle. Aus den Häusern und Läden lugten neugierig Köpfe hervor, Barette und Hauben, in den Straßen warf man sich ihm fast zu Füßen.

Der Baron ritt unter einen Torbogen und zügelte sein Pferd, weil er abwarten wollte, bis sich das Unwetter verzogen hatte. Der Regen wechselte sich inzwischen mit Hagelschauern ab und prasselte auf die Dächer, auf die Mauern und Straßen, schäumte und gurgelte in den engen Gräben an ihrem Rand.

»Wer von euch holt mir den Gemeindesekretär?«, fragte der Baron.

Ein Junge rannte flink wie ein Hase davon. Zwei Minuten später kam Jervolino in Pantoffeln und über Pfützen hinwegspringend angeeilt, um sich tief vor dem Baron zu verbeugen.

Dieser erkundigte sich gerade bei den Bauern nach dem Tod Salvatores und nach der Ernte von Wein und Oliven.

Die ältesten unter ihnen antworteten in ihrer bildhaften Sprache, dass die guten Zeiten tot waren, dass der Frost die Orangen verschlungen hätte, dass die jungen Männer beim Korallenfischen nicht einmal mehr genug verdienten, um ihrer Liebsten Ohrringe zu schenken, dass die Regierung sie mit den Steuern noch an den Bettelstab bringen werde …

Unter einem roten Barett hier oder unter dem schwarzen Lack aus Sonne und Wetter da entdeckte der Baron manch vertrautes Gesicht aus seiner Kindheit, jener glücklichen Phase in seinem Leben, als sie alle noch ohne Dünkel miteinander gespielt hatten.

Er versprach, dass Santafusca wieder bessere Zeiten erleben werde, und deutete an, er würde früher oder später ins Anwesen zurückziehen.

»Gebe es Gott!«, riefen die Männer und Frauen mit einer Freude, die sogar den Baron rührte. »Gebe es die Madonna!«

Martino eilte davon, um die Neuigkeit sofort Don Antonio mitzuteilen. Dieser wollte sich zwar just zu Tisch setzen, doch da es nun zu regnen aufhörte, beschloss er, den Schutz des Pfarrhauses aufzugeben und dem Baron einen Gruß zu entbieten. Bei einem derart respektablen Herrn wagte der brave Gottesmann es selbstverständlich nicht, ihm mit seinem staubigen, schon grünlichen Strohhut oder der wollenen Hausmütze gegenüberzutreten. Blieb nur der neue Hut, der sich noch immer in seinem Besitz befand – nicht aus Eitelkeit, sondern weil er damit seiner Kirche etwas Glanz verleihen wollte –, und so eilte Don Antonio mit besagtem Teufelshut zu dem Baron.