Der vortreffliche Cavaliere Martellini war ernstlich in Verlegenheit, denn sein Fall steckte fest. Sowohl die Aussagen der Zeugen als auch die Lage der Dinge bewiesen einerseits, dass Giorgio aus Falda unschuldig war, andererseits, dass es einen zweiten Hut geben musste, der in gewisser Weise den ersten hinfällig werden ließ. Damit hatte er nur eines in der Hand, nämlich dieses unauffindbare Gespenst, diesen legendären Jäger, den zwar etliche Zeugen gesehen hatten, der nun aber wie vom Erdboden verschluckt war.
Der wackere und emsige Untersuchungsrichter musste sich also mit einem ganz und gar hypothetischen Fall herumschlagen: mit einem Toten, der nicht aufzutreiben war, und einem Mörder, der sich »verflüchtigt« hatte.
»Mein guter Don Ciccio«, sagte er daher irgendwann zum Advocatus, »Ihren Eifer kann ich nur bewundern, allerdings hoffe ich sehr für Sie, dass sich Ihre Rechnungen, vor allem aber das Geld Ihrer Klienten als handfester erweisen als dieser Fall. Die Ergebnisse einiger Untersuchungen will ich gern noch abwarten, doch weigere ich mich, einen Mann im Gefängnis zu behalten, nur weil er einem Jäger Wein serviert hat.«
»Aber diesen Jäger, den gibt es!«
»Wenn es ihn gibt, dann haben Sie doch bitte die Güte, mir zu sagen, wo ich ihn finde.«
»Was ist mit Don Cirillo, der nach wie vor kein Lebenszeichen von sich gibt?«
»Das besagt gar nichts, wir brauchen einen Beweis, dass er tot ist.«
»Da ist sein Hut, der auf dem Anwesen von Santafusca gefunden worden ist und der etliche Dellen sowie Spuren von Kalk und Ziegelstaub aufweist!«
»Der ist nicht der Rede wert! Der alte Salvatore hat den Hut gefunden und mitgenommen, dort hat ihn dann Don Antonio entdeckt, der ihn zurück an den Hutmacher geschickt hat … dieser Weg lässt sich leichter nachvollziehen als der Gedankengang manch Anwalts.«
»Wie erklären Sie sich dann, dass dieser Jäger behauptet hat, Don Antonio habe ihn geschickt?«
»Verschonen Sie mich mit diesem Jäger! Der ist ja der reinste Phönix … Jeder weiß davon zu schwatzen, doch wo er ist, das weiß man nicht.* … Nein, bringen Sie mir die Leiche, falls es denn überhaupt eine gibt. Danach suchen wir, falls das dann nötig ist, nach dem Mörder. In einem Anflug übermäßiger Beflissenheit werde ich morgen früh noch seine Exzellenz den Baron di Santafusca anhören, mit dem ich schon bei den Rennen gesprochen habe. Er soll mir noch zu Klarheit in der Frage des Fundortes verhelfen und mir etwas über Salvatore berichten, den Verwalter seines Anwesens. Danach ist Schluss! Noch heute werde ich den Angeklagten aus dem Gefängnis entlassen, und auch die Zeugen müssen sich nicht mehr zu meiner Verfügung halten.«
Don Ciccio wollte seinen Ohren kaum trauen, dass sein spektakulärer Fall, von ihm in Filippinos Haus so wunderbar ausgeklügelt, wie eine Seifenblase platzen sollte.
Wie hatte man die einzelnen Teile nur derart miserabel zusammenführen können! Das war mal wieder typisch für die hiesige Justiz! Blind auf beiden Augen, aber auf Reporter hören, auf den ganzen Tratsch und Klatsch, damit der wahre Schuldige – und er wusste genau, dass es diesen Schuldigen gab – auch ja genug Zeit hatte, sich in Sicherheit zu bringen und von dort aus der Polizei eine lange Nase zu drehen.
Sofort eilte er in die Redaktion des Popolo Cattolico, um dort seinen Geifer zu verspritzen.
»Diese ewige Dummheit!«, polterte er. »Schon als sie bloß einen Hut in Händen hielten, hätten sie von einem Verbrechen ausgehen müssen, jetzt aber, da sie ihrer quasi zwei haben, gilt das erst recht! Und diese Ledertasche schreit doch förmlich zum Himmel! Und sind da nicht etwa zwei Bauern, drei Maurer, ein Streckenwärter und ein Wirt, die samt und sonders aussagen, am fraglichen Tag zur fraglichen Stunde einen Jäger gesehen zu haben? Aber nein, das sind ja keine soliden Hinweise, und weil es sich lediglich um einen armen Knecht Gottes handelt, denkt niemand auch nur daran, die Mühe auf sich zu nehmen und nachzuforschen, ob er lebt oder tot ist … Aber wenn Gott mich erhält und mir die Kraft gibt, dann werde ich noch das Werk Gebrechen unserer Justiz schreiben. Ständig heißt es bloß, die kriminelle Neigung ist angeboren, ein unwiderstehlicher Drang, da führt man Schwermut an und Irrsinn und redet gelehrt von positiver Schule und von klassischer! Das ist Gewäsch! Gauner muss man schnappen, damit der Schrecken, der von einem Bösewicht ausgeht, nicht als Schatten auf die Sicherheit der Unbescholtenen fällt. Das ist es, was sich diese Freigeister in puncto Strafgesetzbuch einmal hinter die Ohren schreiben sollten, für die der große Rechtsgelehrte Romagnosi,* wenn er denn noch leben würde, nichts anderes wäre als ein schwadronierender Kretin.«
An diesem Tag war Don Ciccio sogar noch widerborstiger als sein heller Kastorhut.