Don Antonio zündete nun bereits zum zweiten Mal die Lampe an, die er eine halbe Stunde später jedoch erneut erloschen fand, gerade als hätte ein bösartiger, missgünstiger Geist sie kurz vor dem Sakrament ausgeblasen.
Er war auch schon in die Kirche gegangen und über die Stufe vor der Sakristei gestolpert, oder er hatte die Messkännchen umgerissen.
Das waren schlimme Vorzeichen.
In seiner Verunsicherung wandte er sich an Martino.
»Was meinst du, Martino, ob mir der Himmel auf diese Weise seine Missbilligung darüber ausdrückt, dass ich mein Gewissen damit beladen habe, fremdes Eigentum an mich zu nehmen?«
Martino spreizte zwei seiner Wurstfinger an der Linken zu einem V.
»Entweder gehörte der Hut Salvatore«, sagte er und tippte mit dem rechten Zeigefinger auf einen Schenkel des V, »und dann wäre es nur recht und billig, wenn Sie ihn als Lohn für die Beerdigung erhalten. Oder er gehörte nicht Salvatore … Aber wem dann?«
»Genau das ist es ja, was ich mich die ganze Zeit über frage. Wem gehört er?«
»Einem Priester, so viel steht fest.«
»Na, einem Soldaten bestimmt nicht«, erwiderte Don Antonio und ließ seinen Worten ein schallendes Lachen folgen, das seinen Hals hinunterglitt und im Bauch mit einem Glockengeläut erstarb.
»Vielleicht hat Salvatore ihn ja einem Priester abgekauft …?«
»Wozu das?«
»Weil er einem armen Diener Gottes eine milde Gabe zukommen lassen wollte.«
»Martino, ich bitte dich, das ist ein nagelneuer Hut, der einem Monsignore Ehre machen würde.«
»Ha! Jetzt habe ich eine Idee! Könnte er nicht dem Vikar gehören, also dem, der sich damals nach dem Anwesen erkundigt hat?«
»Das habe ich wegen der Seidenbänder auch schon vermutet …«
»Ich wette, dass es so ist!«
»Glaubst du tatsächlich, er hätte diesen Hut vergessen? Mir ist es schon gelegentlich widerfahren, dass ich mein Messbuch vergessen habe, aber meinen Hut … Kannst du dir das wirklich vorstellen? Wie auch immer, ich werde wohl einen hübschen kleinen Brief an den Vikar schreiben, damit aus diesem Splitter in meinem Auge kein Balken wird.«
»Tun Sie das, Hochwürden! Um Ihres Seelenfriedens willen …«
Am nächsten Tag gab Don Antonio drei Tropfen Wein in das Tintenfass, in dem seit einem Monat seine letzte Predigt vor sich hintrocknete, und griff nach der Feder, bereit, seinen hübschen kleinen Brief zu Papier zu bringen.
»Der Friede und die Erbauung der Seele«, sprach er sich Mut zu, »sind jedes andere Gut wert, und besser trete ich barhäuptig ins Paradies ein, als dass ich mit dem Hut des Teufels auf dem Kopf in der Hölle lande.«
Er las noch geschwind drei Seiten bei Paolo Segneri,* um einen schönen Ton im Ohr zu haben, und konnte sodann in weniger als einer Stunde seinen Brief abfassen:
Hochwürden, Monsignore, mein hochgeschätzter Herr und Vikar!
Die erquickliche Erinnerung, die ich an Ihre hochverehrte und ehrwürdigste Person hege, sowie die väterliche Güte, die ich erst vor einer Weile durch Ihre hochverehrte Person erfahren habe, die Nachsicht ebenso wie die Ermunterung, bestärken mich in meinem Entschlusse, mich in einer Sache an Hochwürden zu wenden, in der mein Gewissen wie ein Kahn bei aufgewühlter See zwischen Klippen schlingert. Es dürfte nicht nötig sein, eigens zu betonen, mit welcher Hingabe der Unterzeichnete die hehren Prinzipien verfolgt, mögen sie in Rom ex cathedra verkündet, mögen sie von den Dienern des Herrn im Lande weitergetragen werden, unter denen mit der Kraft eines siebenarmigen Leuchters auch das Licht des hervorragenden Hirten erstrahlt, der unserer Partenopea Metropoli, der dem großen Neapel vorsteht etc. etc.
In diesem Ton erzählte er die Geschichte von dem Hut, den er in Salvatores Stube gefunden habe, von der Verwechslung, zu der es gekommen sei, von seinen Gewissensqualen und den Himmelszeichen, um sich sodann zu erkundigen, ob der Vikar von einem Prälaten wisse, »welch selbiger in Zerfahrenheit oder anderer unglücklicher Fügung diesen Hut vergessen, zurückgelassen oder verloren« habe.
Zwei oder drei Tage später antwortete der Vikar nicht ohne Witz, sowohl er als auch seine Kollegen hätten bisweilen wohl schon den Kopf verloren, doch keiner von ihnen je seinen Hut.
Der Brief schloss mit aufrichtigen Worten des Lobes für die Bescheidenheit und Tugend, mit der Don Antonio sein Amt versah, was im Übrigen Seiner Eminenz dem Erzbischof nicht entgangen sei.
Hoch entzückt über diese Anerkennung las er Martino den Brief gleich zweimal vor.
»Ach, Don Antonio«, sagte dieser, »in diesen Worten sehe ich ein bedeutsames Zeichen, und ich hoffe inständig, dass dieser Hut Ihnen den Beginn eines sehr glücklichen Weges verheißt.«
»Willst du etwa andeuten, ich würde eines Tages den Hut eines Kardinals tragen?«
Bestens gelaunt und herzhaft lachend schnappte sich der gutmütige Priester seine Gartenschere und machte sich daran, die Myrten zu stutzen, die sein Salatbeet säumten.
»Kardinal vielleicht nicht gerade, schließlich ist Hut nicht gleich Hut. Ein Monsignore zum Beispiel trägt einen mit einer blauen Quaste in der Mitte.«
»Schweig stille, du Schalk! Du treibst den Hyazinthen ja die Schamesröte in die Blütenblätter! Und wenn du mich fragst, stecken wir noch immer in der Tinte, denn der Vikar hätte, um es einmal ganz unumwunden zu sagen, jeden Zweifel meinerseits ausräumen müssen, dass ich mir etwas wie ein Müller habe zuschulden kommen lassen, indem ich etwas behalten habe, das mir keines meiner Schäfchen ausdrücklich verehrt hat.«
»Aber was niemandem gehört, das gehört unserm lieben Herrgott«, gab Martino zu bedenken. »Außerdem habe ich Ihren alten Hut im Anwesen gesucht, aber nicht gefunden. Salvatores Neffe, der oben in Falda die Osteria hat, ist wohl gekommen und hat die Habseligkeiten seines Onkels in einen Sack gestopft. Da wird er Ihren Hut dazugepackt haben und danach damit abgezogen sein.«
»Nur dass ich jetzt zwischen zwei Hüten stehe wie Buridans Esel zwischen zwei Heubündeln oder umgekehrt …«
»Immerhin bin ich mir sicher, dass sie weder in die Berge noch ins Dorf mit kahlem Kopf gehen werden.«
»Mit Sicherheit nicht. Morgen muss ich zu einer Beerdigung nach San Fedele, und bei dieser Hitze mache ich mich ganz gewiss nicht ohne Hut auf den Weg.«
So geschah es, dass sich Don Antonio, nachdem auch er sein Gewissen beruhigt hatte, allmählich daran gewöhnte, diesen Teufelshut zu tragen. Bei der Beerdigung, an der etliche Priester zusammenkamen, bewunderten alle den leichten Wollstoff und den eleganten Schnitt, der den Mann Gottes vortrefflich mit dem von Welt verband. Sacra mixta profanis!*
»Was hat es Sie gekostet, Don Antonio, dieses Prachtstück?«
»O ja, solche Pilze wachsen nicht oft bei uns …«
»Das ist ein Hut, wie ihn die Monsignori vom Dom in Neapel tragen, wenn sie durch die Via Toledo schlendern.«
»Ob eine Contessa, der Don Antonio die Beichte abgenommen hat, ihm etwas vererbt hat?«
»Wachsen an den Bäumen von Santafusca inzwischen goldene Oliven?«
In seiner Verlegenheit lief Don Antonio hochrot an, rang sich ein Lächeln ab, ließ sich auslachen, fand jedoch nicht den Mut einzugestehen, dass er den Hut aus der Stube eines sterbenden Beichtkindes mitgenommen hatte.
Ein besonders hartnäckiger Priester nahm ihn nach einer Weile sogar beiseite.
»Was haben Sie dafür bezahlt?«, wollte er wissen.
Don Antonio zierte sich zwar kurz, bedeutete dem Mann dann aber, um jeder weiteren Frage zu entgehen, dreimal mit offener Hand eine Fünf. Über seine Lippen kam zwar kein Wort, dennoch war das eine Lüge, die zum Himmel schrie.
Den Heimweg trat er in bedrückter Stimmung an.
»Wunderbar!«, murmelte er, als er einsam die Landstraße hinunterstapfte. »Ein Priester, der stiehlt und lügt! Erst schluckst du einen Splitter, dann den ganzen Balken hinunter! Doch wer Tugend predigt, ist längst noch kein tugendhafter Mann! Gerade wir Priester finden doch stets einen klugen Spruch, den wir unserem Gewissen in den Mund stopfen, wenn es zu bellen anfängt! Und du alter Sünder hast die Geduld Gottes nun allzu lange auf die Probe gestellt!«
Die Strafe folgte auf dem Fuße. Don Antonio war noch nicht zu Hause, als ein grauenvoller Hagel losbrach und all seine schönen Rosen von einer Seite auf die andere warf.
Von diesem Moment an meinte er, die Dinge würden sich zum Schlechten wenden, als hätte dieser Teufelshut einen Fluch in sein Heim gebracht. Sobald des Nachts auf jenen schwarzen Schatten, den der Hut an die Wand warf, das Licht des Mondes fiel, schreckte Don Antonio hoch und konnte danach kein Auge mehr zutun.
So durfte das nicht weitergehen. Und wenn der Hut zum Fenster hinausflattern müsste …
Als Don Antonio diesem Gedanken Taten folgen lassen wollte, entdeckte er mit einem Mal am Futterdach ein rundes Schild mit einer Beschriftung, die lautete: Filippino Mantica, Hutmacher, Neapel, Mercato, 34.
»Wie eitel wir in unserer Anmaßung doch sind«, sagte er später zu Martino in der Sakristei. »Da zermartern wir uns das Hirn, wem dieser Hut gehören könnte, dabei hätte es uns das Futter jederzeit verraten.«
»Steht da der Name des Besitzers?«
»Nicht der des Besitzers, aber der des Mannes, der ihn angefertigt hat, samt seiner Adresse. Da der Hut noch neu ist, wird sich Signor Filippino mit Sicherheit erinnern, wem er ihn verkauft hat, sodass ich mich endlich von dem fremden Eigentum befreien kann.«
»Sie sind wirklich ein Gerechter wie aus dem Alten Testament, Don Antonio«, erwiderte Martino.
Er versprach, eine schöne Schachtel aus Holz oder Karton zu besorgen und den Hut darin persönlich zum Bahnhof zu tragen.
Wie bei einem Dorf nicht anders zu erwarten, machte die Legende vom Teufelshut und der Heiligkeit Don Antonios, einmal von Martino in Umlauf gebracht, im Nu die Runde in den Häusern und Ställen, und alle priesen Gott den Herrn, der ihnen einen Priester aus dem Alten Testament gesandt hatte.