EIN BESUCH BEIM TOTEN

Ein flüchtiger Schatten huschte über Santafuscas Gesicht, als der alte Priester, der ihn getauft hatte, nun mit aller Ehrerbietung, ja mit der festen Absicht, ihm die Hand zu küssen, auf ihn zukam.

»Don Antonio!«, rief der Baron aus. »Ich bitte Sie!«

Santafusca zog seine Rechte zurück, die der Priester bereits mit beiden Händen ergriffen hatte.

Ach, könnte er doch bloß aus diesem Albtraum erwachen und wieder als Herr und Hüter in Erscheinung treten, als Gönner und Segensspender für sein Dorf, als Inbegriff der Vorsehung, Beschützer der Schwachen und Halt aller Gramgebeugten.

Wer der eigenen Bosheit überdrüssig ist, strebt häufig dem Guten entgegen, um Ruhe und Rettung zu finden. Und vielleicht liegt hinter diesem Hafen sogar ein irdisches Paradies, das freilich nicht verdient, wer es in Abrede stellt.

Diese Gedanken waberten wie Nebelschwaden durch Santafuscas Kopf, als er Jervolino zum Anwesen folgte.

Der Gemeindesekretär drehte sich immer wieder zu ihm zurück, um ihm zu berichten, ein gewisser Giorgio habe ihn aufgesucht, der Neffe Salvatores, und ihm einen Brief gezeigt, den sein Onkel einen Monat vor seinem Tod geschrieben und in dem er ihn zum Erben von seinen wenigen Habseligkeiten sowie der alten Flinte bestimmt habe.

»Ich kenne den jungen Mann und wusste ohnehin, dass Salvatore ihm seinen kleinen Besitz hinterlassen wollte. Deshalb habe ich ihm vorgestern alles ausgehändigt … Das war doch kein Fehler meinerseits, oder, Exzellenz?«

»Ganz im Gegenteil«, sagte der Baron. »Wo lebt der junge Mann?«

»In Falda, oben am Hang, Exzellenz. Ihm gehört die Osteria Vesuv.«

Der Baron saß ab, band das Pferd an, dankte Jervolino und drückte ihm einen Silberscudo für seine Dienste in die Hand.

Der Sekretär nahm die Münze mit einer Verbeugung an und versicherte, auch fortan jederzeit zur Verfügung zu stehen. Mit diesen Worten zog er sich ein paar Schritte zurück.

Der Baron verharrte noch einen Augenblick und starrte zum Horizont, wo sich nach dem Unwetter zwischen den grauen Wolken bereits die ersten Fetzen Blau erkennen ließen. Seine Füßen versanken tief im nassen Kies und fühlten sich völlig taub an. Warum bin ich eigentlich hergekommen, fragte er sich, wusste aber keine Antwort.

Als ihm der Grund endlich wieder einfiel, erfasste ihn ein eisiger Schauder.

Dieses Vorhaben schien ihm noch schwieriger als … als das letzte. Zum Ort des Geschehens sollte er zurückkehren, sich in den kleinen Hof hinter den Stallungen vorwagen und nach dem Hut Ausschau halten, all das mit tauben Füßen, bleischweren Beinen und einem klammen, zu einem kleinen, harten Kiesel zusammengeschrumpften Herzen.

»Das ist doch lächerlich!«, rief er aus, riss den Kopf fünf oder sechs Mal herum und stapfte los.

Er betrat das Haus, öffnete mit einem kleinen Schlüssel die Fensterläden an der Eingangsseite und sah sich in der Eingangshalle um, in der er damals auf Don Cirillo gewartet hatte.

Die Gesprächsfetzen, die er im Dorf aufgeschnappt, der herzliche Empfang, den man ihm bereitet hatte, bestärkten ihn in der Gewissheit, dass in Santafusca niemand etwas über Don Cirillo oder seinen Hut wusste. Eine wehe Hoffnung keimte in seinem Herzen auf, ein beinah zärtliches Gefühl versuchte sich durch die harte Schale seines lang gehegten Skeptizismus zu bohren.

Der Frühling stand in voller Blüte. Überall trieb junges Grün, in den Wiesen, den Hecken und den Bäumen. Die Wege funkelten im Sonnenlicht und verströmten den warmen Duft von regennasser Erde, und tiefer Friede – der heitere, sinnende Friede des Mittags – senkte sich auf das altehrwürdige Haus der Santafuscas herab.

Was hatte er den Bauersleuten eben versprochen? Wie sollten denn über der Leiche Don Cirillos bessere Zeiten anbrechen? Diese schlichten Gemüter ahnten ja nicht einmal, vor wem sie sich da voller Ehrfurcht verneigten! Oder Don Antonio! Wenn er wüsste, was jene Rechte getan hatte, die er hatte küssen wollen!

Der Baron schickte seinen Blick durch die Eingangshalle zu all den Türen in der Tiefe der endlosen, verschatteten Fluchten von leeren Zimmern, in denen nunmehr einzig Erinnerungen und Fledermäuse hausten.

Das Haus und seine Gedanken waren einander beinahe zum Verwechseln ähnlich, sodass er schon bald nicht mehr zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu unterscheiden vermochte, gleichzeitig in beiden lebte, nicht mehr wusste, was er bereits getan hatte und was er noch tun musste, und in dieser seltsamen Verwirrung spähte er sogar zweimal aus dem Fenster, die Allee hinunter, um zu sehen, ob dort nicht Don Cirillo auftauchte.

»Wenn er es doch bloß täte!«, stieß er im Brustton der Überzeugung aus. Ein raunendes Gezischel huschte daraufhin über die nackten Wände. »Wenn er doch nur leben würde und ich der Mann wäre, der zu sein ich versprochen habe!«

Bei diesem Gedanken schwappte eine hohe Welle der Freude durch sein Inneres. Doch schon im nächsten Moment zog sich diese Welle krachend zurück, sodass die Klippen seines elenden Gewissens wieder nackt aufragten. Und auf diesen Felsen lag hingestreckt eine Leiche …

Wenn er erst einmal jede Gefahr aus dem Weg geräumt und für seinen Frieden gesorgt haben würde, dann wollte er nicht ausschließen, dass sein Mut ausreichte, einen neuen Anfang zu wagen und sich ein besseres Leben aufzubauen, dessen Reize er selbst im Gewirr seines unsagbaren Stolzes erahnte. Gerade aus seinem Verbrechen, aus der im Schoß der Erde begrabenen Leiche würde er die Energie schöpfen, ganz wie Manzonis Ungenannter, der seine schwarze Seele an den Teufel verkauft, dann aber unter Tränen der Reue und durch gute Taten zu sittlicher Erneuerung gelangt.*

Doch dem Ungenannten stand ein braver Bischof zur Seite, kein Hüter von Gesetz und Ordnung gegenüber.

Damals war man freilich nicht allzu pedantisch, weshalb niemand dem Ungenannten mit den Artikeln des Gesetzbuchs zu Leibe rückte und von ihm verlangte, er müsse für sämtliche Schurkereien bezahlen. Ein paar zerknirschte Tränen genügten, um den Unflat von seinem Gewissen zu waschen.

Wollte irgendein Gott auch ihm, Baron di Santafusca, in dieser bedingungslosen Weise vergeben, würde er sofort vor ihm auf die Knie fallen.

»Doch selbst wenn es einen Gott gibt, ob er dann so gut ist?«, fragte sich Santafusca und verwickelte sich in seinen Gedanken wie in einem schwarzen Bettlaken. »Wenn er existiert, warum erlaubt er mir dann nicht, meine Schuld mit einem Leben voller Buße abzustottern? All mein Geld gäbe ich her, meinen gesamten Besitz würde ich den Armen überlassen. Diese Felder würden wieder gedeihen, ich selbst würde sie mit der Hacke in der Hand bestellen, von der Sonne gepeitscht, Seite an Seite mit den Bauern, mit denen ich das Brot und das Wasser ihres kargen Mahls teilen würde. Warum also verschließt sich Gott dieser Ratenzahlung? Was hindert ihn da oben in seinem Himmel daran, sich zum alleinigen Richter über einen aufrichtigen Wurm hier unten auf Erden zu erklären?«

An diesem Punkt stockte der Baron jäh, verblüfft von seinen eigenen Worten. Sprach da etwa ein Mönch aus ihm?

Eine Stunde war er nun schon durch die Eingangshalle gestapft, jedes Zeitgefühl hatte er längst verloren. Eine umfassende Stille, eine warme und klare Schwüle lastete auf dem regenfeuchten Grün des Gartens.

Und ihm stellte sich eine Frage, die seltsamer und furchteinflößender war als alle bisherigen.

Warum ging er nicht zu Don Antonio und beichtete?

Die freundliche Erscheinung des guten alten Priesters hatte zahlreiche Empfindungen in ihm wachgerufen, die er längst für tot gehalten hatte. Doch wie er nun feststellte, hatten sie nur geschlummert, verschüttet unter jüngeren Passionen.

Gut möglich, dass es sogar Don Antonio war, der in diesem Augenblick aus ihm sprach, mit der Stimme, mit der er auch bei seiner Taufe gesprochen und ihn im Namen der Heiligen Dreifaltigkeit gesegnet hatte.

Der Glockenturm des Pfarrhauses läutete gerade zur zweiten Stunde, und Santafusca erkannte den Silberklang wieder, der ihm in seiner Kindheit Gesellschaft geleistet hatte, der nächtliche Ängste vertrieben und ihn am Morgen geweckt hatte, wenn der Tag anbrach und vor dem weißen Streifen des Horizonts die Vögel zu flattern und zu zwitschern begannen.

»Komm, komm!«, schienen die beiden silberhellen Glockenschläge zu verlangen.

Doch die Zeiten, in denen eine Soutane einen geschundenen Gesell vor dem Galgen rettete und geradenwegs als Heiligen ins Paradies brachte, waren vergangen …

Und sollte er Don Antonio tatsächlich den Mord beichten, würde der arme Mann vermutlich einen gewaltigen Schrecken davontragen, vielleicht sogar auf der Stelle tot umfallen. Oder es würde ihm derartige Qualen bereiten, das Beichtgeheimnis zu hüten, dass es am Ende statt eines unglücklichen – oder vielmehr schuldbeladenen – Mannes ihrer zwei gäbe, von denen jeder seinen Seelenfrieden nur wiederfände, wenn der andere stürbe.

Nachdem der Baron in dieser Weise lange jedes Für und Wider erwogen hatte, nachdem er wirre Gedanken oder Splitter längst vergessener, erörterter und abgelehnter Überlegungen aussortiert hatte, war der Baron überzeugter denn je, dass er – und zwar er allein – seine Rettung in die Hand nehmen musste, und so ging er unter Aufbringung seiner ganzen Willenskraft die Freitreppe hinunter und schleppte sich, anfangs noch mit schweren Schritten, dann aber mit vehement drängender Hoffnung dicht am Haus entlang, vorbei an den Stallungen zu dem niedrigen Koben, betrat diesen mit Spinnweben tapezierten Verschlag und tastete sich ein wenig vorwärts.

Abermals zögerte er. Nun galt es, all seine Kräfte zu sammeln.

In seinen Schläfen hämmerte der Puls, als wollte er ihm den Schädel zerschmettern. Tiefe Stille waltete an diesem Ort. Eine Stille, in der mancherlei lauerte.

Wenn er hier, dicht hinter der Tür, stehen blieb, würde er den kleinen Innenhof mit dem Haufen aus Sand und Ziegeln nicht einsehen können. Ob er wollte oder nicht, er musste noch mindestens drei Schritte machen. Drei Schritte … eine unendliche Weite …

Dort, in dieser tiefen Stille, wartete sein Toter.

Santafusca wollte schon den Rückzug antreten, als ein zweiter Santafusca ihn mit hundert Eisenhänden packte und vorwärtszerrte.

»Los jetzt! Das ist eine Sache auf Leben und Tod!«

Er machte einen langen Hals, doch auch das vergeblich. Den Ziegelhaufen erspähte er nicht!

»Vorwärts, du Feigling!«, spornte sich Santafusca an. Mit weit aufgerissenen Augen und wilder Entschlossenheit rannte er auf den Eingang zu …

Alles war an seinem Platz. Die Steinplatte, Sand und Ziegel, die Stange im Kalk … Alles war unberührt.

Nur der Hut fehlte.

Der Baron stand in der Tür des Kobens und suchte den ganzen Hof mit entschlossenem, unerbittlichem Blick ab, schickte ihn doppelt und dreifach über den Boden. Dennoch konnte er nicht erkennen, ob das Corpus Delicti hinter dem Haufen über der Zisterne lag.

Es half nichts, er musste sich dem Toten noch weiter nähern, wenigstens noch einen halben Schritt.

Er tat auch dies. Unverändert nichts.

»Verflucht!«, schrie er aus voller Kehle.

Kaum hatte sein innerer Richter mit einem schlichten Nichts sein Urteil verkündet, ließ ein Rascheln von trockenem Stroh Santafusca auflauschen. Im Koben tat sich etwas. Schon im nächsten Moment stand ein schwarzer Hund vor ihm und schaute ihn mit kleinen gelben Augen an.

Der Baron schnaubte wie ein Stier, kurz bevor er erstickte.

»Kusch dich!«, zischte er dann.

Sofort verkroch sich der Hund wieder im Stroh.

Santafusca atmete tief durch und hieb auf seine Ängste mit der ganzen Kraft seines Willens ein.

Nicht einmal gegen den Priester hatte er mit einem solch harten Schlag vorgehen müssen.

»Das ist doch bloß Salvatores Hund«, schalt er sich.

Dennoch zitterte er am ganzen Leib wie ein gespanntes Tau, das eine starke Hand zum Schwingen gebracht hatte.

Dass seine Kräfte ihn zu verlassen drohten, jagte ihm noch größeren Schrecken ein als sein Toter. Wenn er sich von seiner Schwäche niederringen ließ und ohnmächtig zu Boden sank, dann wäre er endgültig verloren.

Seit wann hatte er denn Angst vor Hunden?

Und hatte er allen Ernstes mit diesem Hund gesprochen?

Durfte er wirklich noch von sich behaupten, den Geist Banquos nicht zu fürchten, wenn er beim Anblick eines Hundes in Panik geriet?

Herausfordernd spähte er abermals in alle Ecken des Hofes und in den Koben … Nichts. Trotzdem hatte er Angst vor dem Rückweg. Und vor diesem Hund.

Gott hatte sich nicht auf den Pakt mit ihm eingelassen, ein klares Zeichen dafür, dass Gott nicht existierte. Sonst hätte er Mitleid gezeigt.

Nun musste er noch einmal von vorn anfangen. Dabei durfte er auf gar keinen Fall den Kopf verlieren. Kühl musste er alles bedenken, kühl und nüchtern.

Salvatore hatte zwei oder drei Tage nach besagter Tat aus heiterem Himmel der Schlag getroffen. In dieser kurzen Zeit hätte er auf einem seiner Streifzüge durchaus den Hof betreten und den Hut auflesen können. Oder sein Hund hatte ihn angeschleppt … Bei diesem Gedanken stürzte Santafusca sofort zurück in den Garten.

Wenn dieser vermaledeite Hund doch bloß reden könnte!

Doch wie auch immer, Salvatore hätte diesen Hut ohne jede Frage in seiner Kammer in Sicherheit gebracht.

Dorthin rannte der Baron nun.

Salvatores ganzer Besitz bestand aus einer Kommode und einem Bettgestell samt Strohsack. Santafusca zog eine Schublade heraus, fand darin aber nichts. Er öffnete eine zweite und eine dritte, lugte unter die Kommode und unter das Bett, betastete den Strohsack von allen Seiten, beklopfte ihn … Nichts. Er trat wieder ins Freie.

Ob der Hund den Hut irgendwo im Garten oder im alten Treibhaus für Blumen versteckt hatte?

Der Baron drehte eine Runde durch den Garten, schlug sich in das kleine Wäldchen, suchte beim Springbrunnen, lief ins Treibhaus, wo der Hund sein Lager hatte, doch auch hier fand er nichts außer abgenagten Knochen.

Erfasst von einem schauerlichen Paroxysmus, der es verhinderte, dass er auch nur eine Sekunde innehielt, eilte er zurück in das Haus und lief von Zimmer zu Zimmer, um in jeden einzelnen Winkel zu spähen. Danach stieg er sogar die alten Stufen hoch, auf die er lange Jahre keinen Fuß gesetzt hatte und die inzwischen unter abgebröckeltem Putz fast verschwanden. Auch hier oben durchmaß er die lange Flucht völlig verfallener Zimmer, kletterte dann enge Stiegen hinab, hinunter zu Orten, die er in seinem ganzen Leben kaum gesehen hatte, längst fest davon überzeugt, auch hier nichts zu finden, doch gejagt von Angst und törichter Wissbegier, von seinem brennenden Wunsch, diesen elenden Hut in die Finger zu bekommen, der ihm so furchtbar Widerpart bot.

Plötzlich blieb er stehen.

»Ob ich ihn zusammen mit dem Priester begraben habe?«, fragte er sich.

Und auch, ob er sich imstande fühlte, seinen Frieden zurückzuerlangen, indem er des Nachts den Haufen von Ziegeln abtrug, den Sand wegschaufelte, die Steinplatte anhob und nachsah, ob …

Gleichzeitig war er sich völlig sicher, dass auf dem eingeschlagenen Schädel kein Hut gesessen hatte, als er in die Zisterne geglitten war …

All diese Gedanken floh der Baron, als wären sie die Pest. Er rannte zu seinem Pferd und sprang in den Sattel. Sofort kam Jervolino wieder herbeigeeilt. Der Baron setzte ein undurchdringliches Gesicht auf und beobachtete, wie der Gemeindesekretär das Tor zum Anwesen abschloss. Voller Ehrfurcht überreichte er Santafusca den Schlüssel.

»Was hast du mir doch gleich über Salvatores Neffe erzählt?«, fragte er ihn, um zum Abschied wenigstens noch ein Wort herauszubringen.

»Dass ich ihm einige Sachen ausgehändigt habe, die sich in der Kammer des Verschiedenen befanden …«

»Ach ja!«, rief der Baron betonter als nötig aus. »Und wo finde ich diesen jungen Mann?«

»In Falda, Exzellenz, ihm gehört die Osteria Vesuv …«

Das Pferd trabte gemächlich über die Straße. Eine herrliche Sonne strahlte, und die Luft, vom Regen frisch gewaschen, schickte allen einen sanften Schimmer des Himmels.