DIE STRAFE

Obwohl dem Baron erst kurz vor Tagesanbruch die Augen zugefallen waren, fuhr er noch vor sieben Uhr wieder aus dem Schlaf. Im ersten Moment wusste er nicht einmal mehr, dass ihn in der Nacht furchtbare Sorgen gequält hatten, dann aber brachte ihm der hartnäckige Schmerz in seinem Herzen die Erinnerung an sein Unglück zurück.

Selbst bei Tage schien ihm seine Lage nun allerdings tadellos und nirgendwo eine Gefahr zu lauern. Nur wer eine blühende Fantasie besaß, würde in dem überaus freundlichen Kärtchen des Cavaliere etwas anderes sehen als eine Einladung, gemeinsam Austern mit Mayonnaise zu speisen.

»Das ist schon ein Unikum!«, stieß der Baron lachend aus, nachdem er Martellinis Zeilen noch einmal gelesen hatte. »Wenn ich statt meiner die Fürstin zu ihm schicken würde, dann würde er mit Sicherheit den Kopf verlieren. Solange er ihn aber noch hat, sollte ich auf den meinen gut achtgeben …«

Denn dort, in seinem Kopf, da steckte sein ganzes Leben drin. Von dort stammte die Idee, den Priester zu töten, dort wurzelten sein Grundsatz, ein Mensch gelte so viel wie eine Eidechse, und die Auffassung, dass Lebende wie Tote in der gleichen Hefe aufgingen.

Von dort kamen schließlich die umsichtigen Ratschläge und Empfehlungen, die Winkelzüge und Kriegspläne. Von dort musste folglich auch seine Verteidigung kommen.

Dieser arme Kopf, war er nicht eine Festung, in der es von bewaffneten Männern wimmelte? Wenn er die Hand an die Stirn legte, glaubte er ja schon, an einen glühenden Ofen zu fassen.

Dieser geschundene Kopf! Seit anderthalb Monaten, genauer seit dem Tag, da der Verwalter des Waisenhauses für Mädchen Sacro Monte ihn aufgefordert hatte, die fünfzehntausend Lire zurückzuzahlen, hatte er keine Stunde des Innehaltens und der Ruhe mehr gekannt. Selbst der ohnmachtähnliche Schlaf, in den er gelegentlich fiel, war nichts als eine Folge seiner enervierenden Hirnmühen.

Geduld! Von heute an würde sich alles ändern! In fünf Stunden würde er abreisen, ohne dass deswegen irgendjemand Verdacht schöpfen würde.

Endlich fort aus dieser Stadt! Was würde das für eine Freude sein, wenn er dieses Meer hier erst einmal vierhundert Meilen hinter sich gelassen hätte! Ob er nach Spanien gehen sollte? Warum eigentlich nicht? Spanien war die Heimat der Stierkämpfer und der Andalusierinnen.

Und ein klein wenig war es auch die Heimat der gottgleichen Fürstin Palàndes.

Er hing diesen Gedanken nach, um seinem Kopf ein wenig Erholung und Ablenkung zu gönnen, während er sich ausgehfertig machte. Selten hatte er eine elegantere Erscheinung abgegeben: eine strahlend weiße Weste, ein glänzender Zylinder, helle, funkelnagelneue Handschuhe und ein hoher Kragen, dazu ein Spazierstock aus Ebenholz mit Platinknauf sowie am ganzen Körper das Odeur von Schwertlilien.

Um die Zeit zu überbrücken, schrieb er ein Billett edlen Duftes voll süßer Worte an die Fürstin, in dem er ihr ankündigte, dass er sich um sechs Uhr abends zum Essen bei ihr einfände.

»Ich habe viel mit Ihnen zu bereden«, erging er sich in Andeutungen, »und vom Ausgang dieses Gesprächs könnte durchaus mein weiteres Schicksal abhängen.«

Viel zu sagen hatte er ihr also … Aber was? Letzten Endes dienten ihm auch diese Worte nur dazu, die peinigende Gegenwart zu vergessen.

Da er meinte, es sei schon sehr spät, stürmte er aus dem Haus, stellte unterwegs aber bald fest, dass es noch nicht einmal halb neun Uhr war. Damit musste er sich weitere anderthalb Stunden um die Ohren schlagen.

Was sollte er in dieser Zeit tun? Er entschied sich für einen Abstecher bei Compariello. Dort fand er nur den Spirituosenhändler selbst vor. Er begann mit ihm einen Plausch über die Rennen und über Gott und die Welt und drehte sich dabei ein paar Zigaretten.

»Übrigens habe ich angenommen, Sie wären auf Ihrem Landsitz«, sagte Compariello.

»Warum das?«

»Weil im Omnibus ein Artikel steht, in dem es heißt, ein Reporter habe Ihrem herrlichen Anwesen in Santafusca einen Besuch abgestattet.«

»Hast du die Nummer noch? Das muss dieser Trottel von Cecere gewesen sein! … Na, bitte! Das sieht dem Burschen ähnlich!«, knurrte der Baron und überflog die ihm gereichte Zeitung. »Da schlägt er sich auf Kosten eines treuherzigen Mannes den Bauch voll, und noch beim Kauen fabuliert er seine Geschichte zusammen!«

»Auf diese Weise will er ein paar Nummern mehr verkaufen. Es heißt ja, wegen dieses Hutes würde es einen großen Prozess geben, aber meiner Ansicht nach verläuft auch das am Ende wieder im Sande.«

»Auch ich bin für heute Morgen vorgeladen worden. Was man von mir will, ist mir ein Rätsel, denn mit Priestern habe ich nie viel zu tun gehabt. Na ja, Cavaliere Martellini will noch Austern mit mir essen gehen …«

»Ich hätte da einen Lipari, Exzellenz, der macht gekochte Austern glatt wieder lebendig.«

Doch wie sehr die Themen einander auch jagten, der Zeiger der Uhr klebte an der Neun.

Guter Gott! Noch eine Stunde! Die Zeitungen widerten ihn längst an. Mit der Stirn gegen die Fensterscheibe des Ladens gepresst, beobachtete er, wie die Menschen, in ihre eigenen Gedanken versunken, durch die Straße eilten.

Er verabschiedete sich von Compariello und ließ sich ziellos treiben, bis der Zufall ihn zur Kirche San Giuseppe Maggiore führte, in der Don Cirillo seine letzte Messe gehört hatte.

Ein Grüpplein armer Leute, teils Fischer, teils Arbeiter, das ein Kind zur Taufe brachte, fesselte sofort Santafuscas Aufmerksamkeit. Da er nichts sehnlicher wünschte, als die verbleibende Zeit auf irgendeine Art totzuschlagen und seinem Kopf etwas Abwechslung zu gönnen, strömte er zusammen mit der kleinen Schar in die Kirche, ganz genau wie all die Kinder, von denen es in den engen Gassen wimmelte.

Was für eine leuchtende Freude in den Augen dieser dreckstarrenden Kirchgänger lag!

Eine junge Frau, vielleicht die Schwester oder eine junge Tante des Täuflings, hielt das Kind mit der Liebe einer Mutter im Arm und presste es immer wieder an ihre Brust, während der Vater des Neugeborenen, wohl ein Krämer, in einem fort eine Säule umrundete und dabei seinen Hut in der Hand kreisen ließ. Ihm war zum ersten Mal ein Sohn geboren worden, und anders wusste er seine verschämte Freude nicht auszudrücken.

Zum zweiten Mal in seinem Leben beneidete Santafusca dieses einfache Volk ein wenig, hatte es doch einen Weg gefunden, glücklich zu sein und nicht einmal das Saatkorn eines Gedankens in sein Hirn zu legen.

Am Hochaltar las ein Priester in einem flammend roten Ornat die Messe. Ein alter Priester, ein gekrümmter und gramverzehrter Mann, hustete, den Kopf in beide Hände gestützt, in einer der Bankreihen.

Der Baron hatte schon seit langem keine Kirche mehr von innen gesehen, und während sein Blick nun ringsum und hoch hinauf wanderte, fühlte er, dass diese heiligen Wände ihm heute Halt und Schutz gegen dieses schreckliche Ungeheuer von Gesellschaft zu bieten vermochten, das durch die Straßen stapfte. Düstere und unheimliche Winkel gab es hier drinnen, in denen er sich am liebsten für den Rest seines Lebens versteckt hätte, nur damit sein Kopf – dieser arme Kopf – endlich nicht mehr grübeln, denken und räsonieren musste.

Vielleicht regten sich da auch alte religiöse Gefühle in ihm, einst empfunden von ihm als junger Mann, dann aber verschüttet, wenn auch nicht erstickt, durch seine verhängnisvolle Hinwendung zum Libertin, sodass sie nach wie vor tief unten in ihm schlummerten, zusammen mit etlichen friedvollen Bildern, und all dies regte sich nun, zog durch sein Herz wie ein Schwarm weißer Tauben durch die weite Fläche einer öden Wüste.

Der Baron hatte in seinem Leben, wie eingangs erwähnt, einst mit dem Gedanken gespielt, Mönch zu werden. Mit sechzehn Jahren, noch unberührt in Geist und Kopf, jedoch voll des Schmerzes über den Verlust seiner Mutter, war er einem frommen Klosterbruder nach Montecassino gefolgt, wo er drei Tage und drei Nächte lang durch das Fenster einer Zelle einzig den Himmel über sich und das Tal unter sich betrachtet hatte.*

Was für ein Frieden, was für eine enorme Ruhe in dieser lichten Einsamkeit gelegen hatten! … Wenn er diese Abtei noch vor dem Abend hätte erreichen und im Namen Gottes um Aufnahme bitten können, dann hätte er sich für den Rest seiner Tage in einer Kellerzelle verkrochen, die ihm lediglich den Blick auf einen kleinen Zipfel des Himmels gewährte und in der er nie wieder würde grübeln müssen!

In einer Nische unter dem Altar mit der Schmerzensmutter bildeten Schienbeine und andere Knochen von Menschen einen wirren Haufen, und durch das niedrige Eisengitter davor lugten sogar einige Totenschädel mit tiefen, schwarzen Augenhöhlen, in denen eine Anmutung äußerster Neugier lag.

Auf einem dieser Schädel saß das Birett eines Priesters, staubberieselt und angenagt von der Zeit, dieser großen geduldigen Philosophin, der gleich dem unendlichen Raum so viele Dinge richtet.

Es würde mich gar nicht wundern, dachte der Baron, wenn der Zufall eines schönen Tages den zertrümmerten Schädel Don Cirillos in eine Nische des Beinhauses von Santafusca trägt, damit er mit meinem harten Sünderschädel disputiert.

Das Beinhaus des Anwesens war eine kleine barocke Kapelle, errichtet an einer Stelle, an der zwei Feldwege sich schnitten, mit Fenstern gen Westen, also hinaus zum Meer. Etliche Schädel der Bauern, die im Unglücksjahr 1630 von der Pest dahingerafft worden waren, schauten dort seit über zweihundert Jahren schon hinaus auf das blaue Meer und den schmauchenden Vesuv. Der Regen wusch von Zeit zu Zeit diese reinen, faltenlosen Stirnen, die allmählich in ihre einzelnen Elemente zerfielen, unter denen Kalziumphosphat dominierte.

Der Baron überließ sich den Gedanken an den Zerfall seines eigenen Körpers mit der gleichen Wonne, die er vorhin empfunden hatte, als er, über das Billett an die Fürstin gebeugt, von einem unbeschwerten Geplauder, von einem trauten Stelldichein, ja – wer weiß? – sogar von einer Liebesnacht geträumt hatte.

Ein aufdringliches Geflüster und ein lautes Getrampel rissen ihn aus seiner Versenkung, die ihn reglos, nahezu gefesselt hatte verharren lassen. Die Menge drängte zur Tür, in ihrer Mitte jenes Kind, das den Kummer seiner Geburt hatte hinnehmen müssen. Ob dieser Kleine gleich ihm, Santafusca, bereits wünschte, seit über zweihundert Jahren tot zu sein und die Luft und das Nichts durch das Eisengitter vor dem Beinhaus zu betrachten?

Die Glocken schlugen zur vollen Stunde.

Es war zehn Uhr.

Der Baron schaute auf die Uhr.

Noch blieben ihm fünf Minuten.

Sollte er wirklich zu Martellini gehen? Was, wenn er zum Bahnhof eilen, in den erstbesten Zug springen und sich davonstehlen würde? Wenn das Kloster ausfiel, bedeutete der Wald vielleicht seine Rettung. Mönch oder Brigant, ihm war das eine ebenso recht wie das andere, Hauptsache, er landete nicht im Gefängnis …

So grübelte er weiter, wog das Für gegen das Wider ab, das Leben gegen den Tod, das Alles gegen das Nichts, bis er schließlich den Justizpalast vor sich sah. Zwei Kräfte wirkten in ihm, die eine der Vernunft geschuldet und damit im Freien schwebend, ohne je irgendwo festzuhaken, die andere dem Instinkt geschuldet und damit voller Leid, dem noch dazu eine vorwärtstreibende Kraft innewohnte. Wir alle haben dergleichen schon durchgemacht, wenn wir uns einen Zahn ziehen lassen müssen, der uns Höllenschmerzen bereitet: Der Kopf hat Angst, doch der Schmerz zieht ebendiesen Kopf unter die Zange.

In dem Moment, da der Baron den Fuß über die Schwelle des Justizpalastes setzen wollte, in dem man sich seit einer Woche mit seinem Fall beschäftigte, meinte er, in tiefes Dunkel zu tauchen. Ein kurzes Schwindelgefühl befiel ihn, das er bekämpfte, indem er den Stock gegen eine der Säulen neben der Flügeltür stemmte und die Brust kurz auf den Knauf presste. Hätte er einen Blick für seine Umgebung übrig gehabt, dann wären ihm im Innenhof und in einem der Säulengänge einige Besucher aufgefallen, die bei seinem Erscheinen in Bewegung gerieten und sich aufgeregt seinen Namen zuraunten, als er seinen Weg fortsetzte.

Es waren all diejenigen, die eine kleinere oder größere Rolle in diesem Fall des Hutes spielten und die heute, vielleicht zum letzten Mal, hierhergekommen waren, um sich zur Verfügung des Untersuchungsrichters zu halten.

Da war der Hutmacher Filippino, gekleidet wie ein Fürst, in einem großkarierten Sakko aus feinem Tuch. Da war seine Frau Donna Chiarina mit einer seidenen, von Spitzen gesäumten Mantille und einem farbenprächtigen Fächer in der Hand. Aus ihrem Haar ragte ein hoher Schildpattkamm auf, der ihren Mann sage und schreibe zweihundertfünfzig Lire gekostet hatte.

Da war auch Don Ciccio Scuoto, die treibende Kraft hinter diesem Fall, mit seinen hoch in der Hüfte sitzenden Hosen, die nicht auf die Schuhe fielen, sondern über deren Rand fröhlich tanzten, und wie üblich mit dem räudigen, störrischen hellen Kastorhut auf dem Kopf.

Da war Don Nunziante mit der großen Knollennase, den Don Ciccio in einer rechtlichen Frage hinzugezogen hatte.

Und natürlich war da Gennariello, der Neffe Don Cirillos, inzwischen, nach diesem ewigen Herumgesitze im Gericht, das ihn daran hinderte, durch die Straßen zu ziehen und mit seinen beliebten Liedchen für einen vollen Bauch zu sorgen, bleich vor Hunger und fast am Bettelstab, dafür aber mit langem Haar.

Schließlich war da auch Giorgio, der Wirt von der Osteria in Falda, der erst gestern aus dem Gefängnis entlassen worden war und den Filippino in seinem eigenen Heim beherbergte, aus einem Gefühl heraus, das vielleicht nicht unbedingt Dankbarkeit zu nennen war – jemanden nicht umzubringen ist nichts, was Dank verdient –, sondern aus Respekt gegenüber Don Cirillo, dem er seinen Reichtum schuldete. In dem eleganten Herrn mit dem Derby-Bart erkannte Giorgio nicht einmal auf den zweiten Blick den berüchtigten Jäger mit dem langen schwarzen Bart, der oben bei ihm in Falda gewesen war und sich von ihm den Hut hatte geben lassen …

Unter ihnen allen litt Don Ciccio am stärksten, denn der temperamentvolle Advocatus fürchtete schon, sein grandioser Prozess würde sich auflösen wie ein Schneeball, den infame Zeitgenossen in einen Kessel mit heißem Öl warfen. Diese Esel von Richtern übertrafen sich nach seinem Dafürhalten dieses Mal selbst, sodass er sich gezwungen sah, wieder und wieder auf sein künftiges bedeutsames Werk Gebrechen etc. zu verweisen. Als dann auch noch völlig unvermittelt und irgendwie sonderbar der Baron durch die Tür trat, brachte dies Don Ciccios Blut endgültig in höchste Wallung.

Der Advocatus, obgleich bewandert und umtriebig in seinem Fach, war letztlich kein Mann, der seiner Zeit voraus gewesen wäre, und auch keiner, der besser gewesen wäre als die Menschen um ihn herum. Mal glaubte er an Zauber, den bösen Blick oder irgendwelche Zeichen, mal nicht, ganz nach Lage der Dinge, genau wie ja alle ein wenig an Träume und, beim Lotto, vielleicht sogar an die Kabbala glaubten. Den Baron di Santafusca kannte er nicht persönlich, sondern nur vom Sehen. Freilich galt Don Ciccio nicht ohne Grund als Mann mit dem Blick eines Arztes und eines Philosophen, will sagen: Allein die Art, wie der Baron in der Tür erschien, wie er den Stock gegen die Säule presste, wie er zum Sturm auf die Treppe ansetzte, wie übertrieben elegant er aufgemacht war, wie beschwingt, ja sorglos er ausschritt, und wohl auch etwas, das in seiner Gänze nicht erfassbar war, sich womöglich sogar jeder Vernunft entzog und lediglich einen Reflex auslöste, veranlassten den Advocatus, Santafusca zu folgen, wie man einem Licht folgt, das unvermittelt in einem stockfinsteren Dickicht aufschimmerte, in dem man schon fünf oder sechs Stunden ohne Kompass und voller Verzweiflung herumgeirrt ist.

Zur Erklärung dafür müssen weder verborgene Instinkte noch mysteriöse Gesetze der Physiologie bemüht werden. Es reicht völlig aus, von einem feinen Näschen auszugehen, um zu verstehen, warum Don Ciccio dem Baron bis unmittelbar vor die Tür zum Büro des Untersuchungsrichters folgte.

Der Baron, ganz Gernegroß, brachte mit einer frechen Geste den alten Türsteher, der gerade ein Nickerchen hielt, dazu, auf seinem Stuhl zusammenzufahren.

»Was wünschen Sie?«, fragte der alte Mann, als er sich unter Schmerzen erhob.

»Melde dem Cavaliere Martellini, dass der Baron di Santafusca zu seiner Verfügung steht.«

Nach diesen Worten hob er seinen Stock ein wenig an, als wollte er dem Türhüter den Weg bedeuten, den er gefälligst zu nehmen hatte.

Die nächste halbe Minute brachte unser Baron damit zu, wie ein Soldat vor der Tür Patrouille zu laufen, auch dies ein probates Mittel, die eigenen Nerven zu entlasten. In diesem Moment war sein Kopf leer. Da war er genau wie der eines Schülers, der vor einer Prüfung vergessen zu haben glaubt, was er gelernt, und statt Wissen nur Werg im Kopf zu haben meint. Nicht einmal die wenigen Worte, die seine Rolle ihm abverlangte, hatte er noch parat. Doch das schreckte ihn nicht. Am Ende würde es genügen, auf jede Frage dieser beschränkten Anwaltsbrut mit einem einzigen Satz zu antworten: »Ich weiß nichts.« Sicher, sein Ahn Nicolò, dieser Brigant, hätte sich zu drastischeren Worten verstiegen, aber … Gemach! Schließlich wusste Martellini noch weniger als er.

»König für drei Tage! Das müsste ich jetzt sein«, murmelte er.* »Diese Schriftgelehrten und Pharisäer!«

»Seine Exzellenz ist pünktlich wie der König«, rief der reizende Martellini aus, als er seinen kahlglatzigen, glänzenden Kopf zum Türspalt herausstreckte.

Der kugelrunde Mann mit dem etwas kurz geratenen Hals wirkte keineswegs unansehnlich mit seiner blassen Haut und dem schwarzem Backenbart und trug in der Tat eine Stirn, schön wie die weiße Billardkugel, zur Schau. Sein leutseliges, zuvorkommendes Auftreten verrieten den Mann von Welt, der insbesondere mit eleganten Damen Umgang pflegte, denen er im Übrigen gern mit Komplimenten in gereimter Form zu huldigen pflegte.

»Wie ist das werte Befinden, Baron? Warum haben Sie Ihre schöne Gefangene nicht mitgebracht? Ach ja, richtig, der Gefangene sind ja Sie!« Martellini lachte aus voller Kehle. »Bei Gott, was muss das für ein herrlicher Kerker sein!«

»Bitte?«

»Ich spreche von der Fürstin! Machen Sie mir doch nichts vor, Sie haben einen zweifachen Sieg davongetragen! Sie haben im Spiel gewonnen, indem Sie auf das richtige Pferd gesetzt haben, und Sie haben in der Liebe gewonnen, indem Sie zur rechten Zeit in Erscheinung getreten sind.«

Der Cavaliere hakte sich bei Santafusca ein, als schlenderten sie durch einen festlichen Saal, und blieb in den nächsten fünf Minuten, in denen er den Baron einen düsteren Gang hinuntergeleitete, mindestens drei oder gar vier Mal stehen.

»Ganz inter nos«, raunte er dem Baron in einem Ton zu, als wollte er ihm ein delikates Geheimnis anvertrauen, »ich hätte Ihnen dieses Ungemach liebend gern erspart, zumal es sich bei der Geschichte mit dem Hut um blanken Humbug handelt. Aber selbst wir bemitleidenswerten Richter sind Opfer der Öffentlichkeit und speziell der Journaille. Dann ist da noch dieser elende Don Ciccio … Kennen Sie Don Ciccio?«

»Nein.«

»Einen lächerlicheren Menschen hat die Welt noch nicht gesehen! Als Advocatus bekannt, furchtbar reizbar und aufdringlich, kurzum, lästig wie eine Stechmücke. Er heizt mir ordentlich ein, dass ich diesen Priester finde. Irgendein Dämlack stattet ihn auch noch mit Geld aus, und dieses Fass zapft er unter dem Vorwand an, die Beglaubigung verschiedener Dokumente koste ein Vermögen. Dieser Don Ciccio verlangt von mir also, dass ich ihm den Priester bringe, ob nun tot oder lebendig, aber im Grunde lieber tot als lebendig, als réclame für seinen Laden … Er belagert mich, droht mir mit irgendwelchen Schmähschriften, und Sie machen sich keine Vorstellung, was ein Anwalt zusammenschmieren kann! Ganz offen, fast bin ich bereit, einen Priester zu töten, nur um mir diesen Advocatus vom Hals zu schaffen!«

Das schallende Lachen des Untersuchungsrichters hallte von den düsteren Decken des Ganges wider.

»Deshalb, mein guter Baron, stehe ich also in der Pflicht, meine guten Absichten erkennen zu lassen, indem ich Krethi und Plethi befrage, notfalls sogar die Ziegen und die Hunde in Santafusca. Beim Hund habe ich es schon versucht, er gibt aber keine Auskunft.«

»Welcher Hund?!«, brachte der Baron nur heraus, der während Martellinis fröhlich plätschernden Wortschwalls schon wieder in seine Grübeleien abgedriftet war, sodass er nicht einmal mehr einen Witz auf Anhieb erkannte.

»Aber wenigstens kann man Hunden einen Maulkorb anlegen, Journalisten und Anwälten leider nicht.«

Unter diesem Geplauder erreichten sie einen kahlen Raum, in dem einige wenige Stühle standen, dazu in der Mitte ein Tisch und als einziger Schmuck ein Porträt des Königs an der Wand.

Türen gab es allerdings etliche. Über einer stand Königlicher Staatsanwalt, über einer anderen Sekretäre, über einer dritten Gefängnisse und über einer weiter hinten Königliche Carabinieri.

Der Gestank nach abgestandener Luft, Staub und eingetrockneter Tinte verstärkte die Tristesse des Raumes noch, hinter deren Wänden der Baron bewaffnete Carabinieri, Terror, die auf Rache lauernde Gesellschaft sowie Ketten und Kerker erahnte.

»Und nun, Exzellenz, haben Sie bitte die Güte, hier zwei Minuten zu warten. Ich werde Sie rufen lassen und dann ganz kurz befragen. Zu Mittag habe ich bereits Austern bestellt … Alle Finger werden Sie sich danach lecken!«

Der Baron, der sich so schwach auf den Beinen fühlte, als hätte er gerade ein schweres Fieber überstanden, setzte sich. Er legte seinen Zylinder auf die staubüberzogene Tischplatte und betupfte sich die Stirn mit einem Taschentuch.

Mochte er auch längst nichts mehr auf Gefühle geben, nun, da er buchstäblich mit einem Fuß im Gefängnis stand, fing er am ganzen Körper sacht zu zittern an.

Doch was sollte ihm bei seinem Plan widerfahren? Ich weiß nichts! Ein Mann, der schweigt, kann keine Torheiten von sich geben.

Es war das letzte Scharmützel. Sobald er diesen finsteren Palast hinter sich gelassen haben würde, wollte er sich für ein halbes Jährchen in die Schweiz zurückziehen, in irgendein Kuhdorf hoch oben in den Bergen, in irgendeinem gottverlassenen Tal, um dort ganze Tage ausgestreckt im Gras zu verbringen und auf diese Weise seine körperlichen und geistigen Kräfte wiederherzustellen. Danach … würde er tatsächlich Gutes tun! Abermals spürte er, dass niemand ungestraft und gefahrlos gegen die althergebrachten Gesetze der Natur verstieß … Vorher aber musste er inmitten frischen Grüns ausspannen. Danach würde er ganz gewiss Gutes tun! Denn das Leben wird mit dem Öl des Guten geschmiert, genau wie jedweder Mechanismus.

Er wandte den Blick von diesem Bild in Grün ab und stierte stattdessen auf eine der Türen.

Dort lauerte das Ungeheuer namens Gesellschaft. Er musste ihm mit einem Lächeln auf den Lippen entgegentreten, mit demselben Lächeln, mit dem er seine Fürstin aufsuchte, er musste zärtlich durch die Mähne dieses Ungeheuers fahren, es mit Scherzen besänftigen und über sein wütendes Gebrüll lachen.

Die Tür, gegen die der arme Baron diese letzten Gedanken schickte, öffnete sich nun mit einem dumpfen Scharren, und zwei Carabinieri mit kantigen Schultern und kräftigen Armen traten heraus. Zwischen sich führten sie einen bartlosen Jüngling, einen dieser schlammfarbenen Raufbolde, von denen es in den dreckigen Gassen am Hafen nur so wimmelte. Seine Hände steckten in Fesseln, an seinem Leib schlotterten eine ausgeblichene Jacke und eine viel zu weite Hose, die er mit beiden Händen am Runterrutschen zu hindern versuchte.

Die beiden Carabinieri tasteten den Burschen am ganzen Körper ab, fuhren sogar unter seine Kleidung, schubsten ihn dann zu der Tür mit dem Schild Gefängnisse über dem Rahmen und öffneten sie. Hinter ihnen fiel sie mit leisem Scheppern wieder ins Schloss.

So also endet ein Christenmensch, dachte der Baron Carlo Coriolano di Santafusca, der eine Uhr oder ein Huhn gestohlen hat. Er selbst würde sich eher zehn Kugeln durch den Kopf jagen, als …

Zu seinem Entsetzen sah er plötzlich einen gewaltigen Abgrund unter sich aufklaffen. Wer hatte ihn mit sanfter Gewalt bis an die Schwelle des Gefängnisses getrieben? Er meinte, in seinem Rücken jene unsichtbare Hand zu spüren, die ihn nun in aller Gemütsruhe vorwärtsstieß, und fuhr jäh herum.

Sofort schämte er sich seiner Feigheit und repetierte die ungezählten Gedanken, die er in diesen Tagen zur Unendlichkeit des Raumes und der Zeit und zur vollendeten Ruhe nach dem Tod zusammengetragen hatte.

Stand es einem Mann mit Verstand etwa zu Gesicht, aus einem solch lächerlichen Anlass derart zu leiden?

»Seine Exzellenz werden erwartet!«

Die Worte wurden in einem Ton demütiger Ehrfurcht von einem betagten Türhüter vorgebracht, ein Mann, mager wie ein Dorsch, mit einem schmalen Schädel voll weißen Haars und gekleidet in eine fadenscheinige schwarze Amtstracht.

Der Baron blieb wie angewurzelt stehen und starrte den kleinköpfigen Mann in seinem Priestergewand an.

»Hier lang, bitte, Exzellenz!«

Mit schierer Willenskraft zwang Santafusca sich, durch die Tür zu gehen. Als der alte Diener des Gerichts bemerkte, dass der Baron auf die falsche Tür zuhielt, legte er ihm mit dem gebotenen Respekt eine Hand auf die Schulter.

»Verzeihen Sie, Exzellenz«, sagte er, »hier entlang.«

Santafusca betrat einen großen Saal, in dessen heller Mitte an einem Tisch voller Papier der Cavaliere Martellini saß, tief eingesunken in seinen Lehnstuhl. Rechts und links hing hinter ihm je ein Klingelzug an der Wand, mit einem Knoten etwa auf Kniehöhe des Untersuchungsrichters. Sein glänzender Schädel hob sich in seinem Weiß scharf von der breiten, blutroten Rückenlehne des Stuhls ab. An den beiden Stirnseiten des Tisches beugte sich jeweils ein Herr über seine Papiere und schrieb eifrig etwas, doch beide verschwanden für Santafusca beinahe im Schatten.

Der Baron nahm eine Art magnetischer Anziehung wahr, die von dem als Priester verkleideten Türhüter in seinem Rücken ausging, der sich jetzt neben dem Ausgang aufgebaut hatte.

»Setzen Sie sich doch bitte, Exzellenz«, sagte der liebenswürdige Cavaliere nun in nicht mehr ganz so ungezwungenem Ton, der vermutlich der hohen Lehne geschuldet war, die ihm ihren ernsten und offiziellen Stempel aufdrückte.

Der Baron trat an den Tisch heran und nahm auf dem Stuhl Platz, auf den der Cavaliere gewiesen hatte. In seiner Miene spiegelte sich ein Anflug von Wut und Trotz wider.

»Da wir gewissermaßen unter uns sind, möchte ich Ihnen den Sekretär Cavaliere Tinca und meinen Kollegen Doktor Macelli vorstellen.«

Die beiden Schatten an den Schmalseiten des Tisches deuteten ein Kopfnicken an. Der Baron tat es ihnen wohl oder übel nach.

»Bringen Sie die Artefakte her, Quaglia«, verlangte Martellini.

Der dürre schwarze Schatten löste sich von der Wand, trug einen Korb mit einem grünen Tuch darüber zum Tisch und stellte ihn vor den Richter.

»Unsere kleine Unterhaltung wird nicht lange dauern, Herr Baron, denn meinen Fragen ist bereits jemand zuvorgekommen.«

»Bitte?«, rief der Baron scharf aus.

»Ein Gauner mag darauf vertrauen, den Händen der Justiz zu entgehen, aber ein Ehrenmann wird niemals denen eines Journalisten entgehen. Daher ohne Umschweife, Exzellenz! Enthält der Artikel, den der Omnibus gestern abgedruckt hat, einen wahren Kern?«

»Jetzt verstehe ich!«, sagte der Baron lachend, dem sein Herz bei den ersten Worten Martellinis wieder Probleme bereitet hatte. »Zum wahren Kern kann ich nur sagen: Erstens: Dieser Journalist ist nie im Leben in Santafusca gewesen! Zweitens: Lügen verkaufen sich am besten!«

»Dann haben Sie auch nie mit diesem Herrn gesprochen, der sich Cecere nennt?«

»Doch, das habe ich schon … Wir haben im ›Europa‹ miteinander geplaudert. Er hat mich nach meiner Sicht der Dinge gefragt, die habe ich ihm dargelegt. Im Übrigen weiß ich nichts.«

»Glauben Sie denn … oder sind Sie geneigt zu glauben, dass es diesen Jäger wirklich gibt?«

»Wie gesagt … ich weiß nichts.«

»Auch nichts ist ja relativ. Man besitzt schließlich kein Anwesen wie Santafusca, ohne sich zumindest im Groben für die Belange des Hauses zu interessieren, noch dazu wenn der eigene Name in der Zeitung erscheint. Der Hut wurde auf dem Anwesen gefunden. Sie haben sich sogar über die Entweihung Ihres Besitzes bei mir beschwert … Kennen Sie Don Cirillo?«

»Nein!«

Der Türhüter Quaglia, der während der langen Verhöre gern ein Nickerchen hielt, vermochte mit seinem feinen, geschulten Ohr jeden einzelnen Ton, der in diesem Raum gesprochen wurde, Wahrheit und Lüge zuzuordnen. In diesem allzu forschen, allzu barschen Nein, das der Baron di Santafusca dem Richter vor die Füße geschleudert hatte, erkannte er daher auf Anhieb den falschen Klang.

»Was können Sie uns über Salvatore sagen?«

»Dass er ein frommer Mann war, mein Salvatore, ein braver Alter. Lassen wir ihn also in Frieden ruhen! Wir sollten die Toten nicht aufstören, nur weil wir unbedingt ein Verbrechen entdecken wollen.«

Der Baron brachte diese Worte in einem einzigen Atemzug und mit einem Gefühl mitleidvoller Zärtlichkeit heraus.

Eine schönere Grabrede hätte sich Salvatore aus dem Munde seines Herrn nicht wünschen können, sprach der Baron doch dieses Mal mit liebendem Herzen und voller Wärme.

Salvatore und Maddalena, das haben wir bereits erwähnt, hatten sich zur rechten Zeit den besten Platz in diesem Herzen voller Leidenschaften und Gespenster zu sichern gewusst.

»Wie erklären Sie sich dann, Exzellenz, dass Salvatore im Besitz des Hutes von Don Cirillo gewesen ist?«

»Ich weiß es nicht, mein guter …«

»Sie haben diesem Journalisten doch gesagt, dass womöglich jemand den Hut in Ihren Garten geworfen hat …«

»Richtig.«

»Beschreiben Sie Ihr Haus und den Garten doch einmal! Gibt es eine Mauer rund um das Grundstück?«

»Ja.«

»Ist sie hoch?«

»Einigermaßen …«

»Ein Zeuge hat uns versichert, dass der Hut nicht im Garten gefunden wurde.«

»Sondern?«, fragte der Baron.

»Im Haus.«

»Wo?«, hakte der Baron nun beinahe patzig nach.

»Haben Sie noch etwas Geduld, mir ist ja klar, dass diese Fragerei langweilig ist. Sie wird nur noch fünf Minuten dauern.«

Doch der Baron war bei diesem Wo stehen geblieben wie vor einer verschlossenen Tür. Er brannte vor Verlangen zu erfahren, auf welche Weise der Priester seinen Hut verloren hatte.

Eine kleine Pause folgte, in welcher Cavaliere Tinca und Doktor Macelli, der eine Brille auf der Nase trug, in einem gewaltigen Haufen von Papieren wühlten und dabei konfuse, kabbalistische Wörter murmelten.

Du weißt nichts!, schärfte jene Stimme, die aus den tiefsten Schichten seines Denkens kam, Santafusca noch einmal ein.

Es war eine letzte Warnung, denn er hatte sich eben von Gefühlen hinreißen lassen.

Nun nahm der Baron wieder eine legere Haltung ein, machte es sich auf seinem Stuhl bequem und schaute zum Fenster hinaus, den Blick in die Sonne gerichtet, die Beine übereinandergeschlagen, den herrlichen Zylinder in Händen. Schließlich hob er seinen Stock ein wenig an und betrachtete die Fingerspitzen seine Handschuhe …

Du weißt nichts!, wiederholte die umsichtige Stimme in seinem Innern.

Martellini brauchte eine Weile, bis er zwischen all den Unterlagen auf dem Tisch das Dokument fand, das er suchte.

»Ihr Name?«, fragte er dann mit dem gleichförmigen Klang einer Glocke. »Es tut mir leid, aber so verlangen es die Formalitäten.«

»Carlo Coriolano Baron di Santafusca«, antwortete der Baron mit Nachdruck.

»Sohn des …?«

»… des Nicolò.«

»Alter?«

»Fünfundvierzig … würde ich denken …«

Der Baron rang sich ein Lächeln ab.

Der Richter tat es ihm nach.

»Wohnhaft in …? Gut, das wissen wir … lassen wir es also!«

Nachdem Martellini seinem Kollegen Macelli einige Worte zugeraunt hatte, sah dieser auf.

Der Türhüter stand noch immer schräg hinter Santafusca und fing nun an, sich gleich einem Pendel von einer Seite zur anderen zu bewegen.

Der Baron, der dieses Schwingen aus den Augenwinkeln heraus mitbekam, erlag sofort der Versuchung, den Kopf herumzureißen und diese klapperdürre Gestalt in Schwarz abermals anzustarren.

Wie konnte sich das Corpus Delicti, das er doch vernichtet zu haben glaubte, indem er den Hut im Meer versenkt hatte, nun in den Händen des Richters befinden?

Völlig in dieses Problem vertieft, hatte Santafusca die nächste Frage Martellinis überhört. Sofort wurden alle Anwesenden leicht verlegen.

»Glauben Sie womöglich«, wiederholte Cavaliere Martellini seine Frage in besonders liebenswürdigem Ton, damit das peinliche Schweigen überspielend, »er ist ins Meer geworfen worden?«

Bei diesen Worten ließ der Richter die Uhr nicht aus dem Auge, als wollte er Santafusca bedeuten: Noch ein wenig Geduld, wir haben es gleich hinter uns.

»Ich bin in der Tat der Ansicht, dass …«

»Was sollte ins Meer geworfen worden sein?«, fragte der Sekretär Tinca, der das Protokoll führte.

»Der Hut.«

»Der Priester.«

Die beiden Antworten erfolgten gleichzeitig, die erste kam aus dem Mund des Barons, der von der Kraft der Wahrheit mitgerissen worden war, die zweite aus dem Mund des Richters, der sich von den bereits vorliegenden Anhaltspunkten leiten ließ.

Als diese beiden Wörter aufeinander prallten, trug das Gemäuer, das der Baron zu seiner Verteidigung errichtet hatte, einen ersten Riss davon. Da er fürchtete, sich in einen Widerspruch verwickelt zu haben, schob er umgehend nach: »Der Hut … selbstverständlich der Hut.«

»Das nun bestimmt nicht«, hielt der Richter dagegen. »Denn der Hut befindet sich in unserem Besitz. Falls Sie ihn sich einmal ansehen wollen … Quaglia, nimm das Tuch weg!«

Der Türhüter schlurfte auf zittrigen Beinen zum Korb hinüber und legte seinen Inhalt frei.

»Nur zu, Exzellenz!«, sagte Martellini und erhob sich.

Da Santafuscas Stuhl sehr tief war, konnte er nicht in den Korb spähen. Auf die neuerliche Aufforderung des Richters hin wollte er aufstehen, brachte dies aufgrund einer Art Nervenlähmung aber nicht auf Anhieb fertig.

»Wenn es Ihnen keine allzu große Unannehmlichkeiten bereiten würde, Baron …«

Damit war Santafusca klar, dass er nicht länger stocksteif dasitzen durfte. Seine körperliche Unfähigkeit ängstigte ihn ja selbst, zu seinem noch größeren Entsetzen meinte er außerdem, in das Gesicht des Cavaliere male sich Verwunderung. Er schüttelte seine Benommenheit ab und mit einer solch übernatürlichen Anstrengung, als müsste er sich am eigenen Schopf in die Höhe ziehen, stand er auf und schaute in den Korb.

Der Hut des Priesters zeichnete sich in seiner ganzen funkelnagelneuen Pracht gegen das Rostrot eines Sacks oder einer Jagdtasche ab, die ebenfalls in dem Behältnis lag.

»Das ist der berüchtigte Hut«, fuhr Martellini fort. »Sehen Sie ihn sich nur in Ruhe an, Exzellenz. Die Justiz weiß übrigens zweifelsfrei, dass dieser Hut Don Cirillo am Morgen des 4. April verkauft worden ist. Don Antonio hat ihn im Zimmer von Salvatore gefunden, der ihn seinerseits vermutlich im Garten aufgelesen hat. Das schlechte Gewissen hat den Priester veranlasst, den Hut in einer Schachtel an Filippino Mantica zu schicken. Irgendwann in diesem Zeitraum ist Don Cirillo verschwunden, und niemand weiß, was aus ihm geworden ist. Der Hut weist hier und da ein paar kleine Dellen auf, auch Kalkflecken … Hier, sehen Sie?«

Doch vor seinen Augen hatte der Baron bloß eine gewaltige schwarze Fläche. Sein Sinnen und Trachten dagegen galt einzig den Ausführungen des Richters … Dann war da noch diese schwarze Gestalt, die sich bewegte und beide Hände in den Korb steckte, als wollte sie ihn herausfordern. Daraufhin richtete Santafusca den Blick aus seinen blutunterlaufenen Augen auf die Figur.

Das fadenscheinige, schwarze Gewand des alten Türhüters ließ das Weiß seines kleinen Kopfes und seines leinenen Jabots geradezu strahlen. Quaglia hielt den Hut in Händen und drehte ihn mehrmals in die eine oder andere Richtung, um mit seinem knochigen Finger auf die verschiedenen Flecken und Dellen zu deuten, wobei er seine trüben Augen jedes Mal weit aufriss.

Der Baron stierte auf diese aufgerissenen Augen, in denen er einen Anflug von Ironie auszumachen meinte.

»Ihre Ansicht, ein Jäger sei der Schuldige«, fuhr der Richter fort, »wird zumindest teilweise von dem Fund dieser Jagdtasche gestützt.«

»Ah!«, stieß der Baron nahezu triumphierend aus, fast als verkniffe er sich nur mit Mühe die Worte: Habe ich es nicht gleich gesagt?!

»Diese Tasche wurde in einem Kahn bei einigen Klippen entdeckt.«

»Eben!«, ließ sich der Baron vernehmen.

Er merkte nicht einmal, dass er sich damit verplapperte, sondern glaubte fest, durch diese Bestätigung jenen Widerspruch, in den er sich kurz zuvor verwickelt hatte, ein für alle Mal aus der Welt geschafft zu haben. Doch aufgewühlt, wie er war, gepeinigt durch den inneren Widerstreit von Wahrheit und Gewissen, noch dazu vor den Augen des Richters, war ihm nicht länger gegenwärtig, was er vorbringen und was er tunlichst verschweigen sollte.

»Verzeihen Sie, Baron, aber fühlen Sie sich unwohl …?«, erkundigte sich Martellini Richter zuvorkommend und wurde sofort selbst ein wenig blass.

»Nein, nein, mir geht es bestens. Was sagten Sie?«, fragte der Baron, fuhrwerkte dabei aber mit den Armen, als wäre er im Dunkeln eine Treppe hinuntergestolpert. »Ich wollte nur anmerken«, erklärte er dann lächelnd, »dass meine Ansicht durchaus auf einer stichhaltigen Vermutung beruht und dass ich mit meinem cherchez le chasseur am Ende nicht ganz falsch lag. Ich fühle mich wirklich nicht unwohl, ganz im Gegenteil, ich bekomme langsam Hunger …« Er zog seine Uhr heraus und blickte demonstrativ darauf. »Was ja auch kein Wunder ist, schließlich haben wir fast Mittag. Es sieht ja fast so aus, als wollten mich die Herren in Widersprüche verwickeln, aber vor uns liegt der beredte Beweis, dass es diesen Jäger gibt. Die Tasche stellt gewissermaßen die traurige Verbindung zwischen dem Mörder und seinem Opfer her.«

Die Stimme Santafuscas klang nun derart tief und dunkel, der Blick, mit dem er den alten Türhüter belauerte, war derart wild und entsetzt, dass Martellini die beiden anderen Herren am Tisch mit bestürzter Miene ansah.

Als er sich daranmachte, einige Papiere zu suchen, zitterten seine Hände, als litte er unter heftigem Fieber.

»Ist Don Ciccio Scuoto bereits da?«, erkundigte er sich schließlich bei Quaglia.

»Er wartet draußen.«

»Bitte ihn ruhig schon herein!«

In Santafuscas Kopf tobte nunmehr ein stürmisches, aufgewühltes Meer, und er drehte sich ein wenig zur Seite, um abermals zum Fenster hinauszuschauen.

»Verzeihen Sie, Exzellenz«, sagte Martellini mit deutlich festerer Stimme als bisher, »aber nehmen Sie doch bitte wieder Platz! Auch wir haben die Existenz dieses Jägers nie in Zweifel gezogen … Also setzen Sie sich bitte wieder!«

Der Baron ging zur Wand, schnappte sich dort einen Stuhl, trug ihn in die Mitte des Raumes und nahm Platz, um sofort seine Uhr und das Zifferblatt an der Wand miteinander zu vergleichen und zu verifizieren. Fast konnte der Eindruck entstehen, die ganze Angelegenheit sei damit für ihn erledigt.

»Dann wollen wir doch einmal sehen, was wir haben, verehrter Baron, um zu einem Schluss zu gelangen«, fuhr Martellini mit seiner üblichen Liebenswürdigkeit fort, dies nun aber eine richterliche List, die fast immer zum Ziel führte, denn indem er sich dem Zeugen an die Seite stellte und sich in ihn hineinversetzte, wollte er dessen Aufmerksamkeit zurückgewinnen. »In Falda ist also ein Jäger gesehen worden, in der Osteria Vesuv. Später hat ihn der Streckenwärter auf dem Weg zum Bahnhof gesehen, und schließlich ist er wohl mit einem Kahn, den er an einigen Klippen gefunden hat, aufs offene Meer hinausgefahren. Richtig?«

»Absolut«, antwortete Santafusca im schlichten und natürlichen Ton eines Mannes, der all das mit eigenen Augen gesehen oder mit eigenen Händen angefasst hatte und daher verlässlich bestätigen konnte.

Um sich zu sammeln, kramte Martellini abermals in seinen Unterlagen. Tinca und Macelli an den Stirnseiten des Tisches warfen einander bereits ängstliche Blicke über ihre eigenen Papiere und Protokolle hinweg zu.

Stärker noch als das gereizte Gebaren und der leere Blick Santafuscas verwirrten die drei Herren an dem langen Tisch die Bestimmtheit und Rigorosität, mit welcher der Baron auf die Fragen einging und Antworten vorwegnahm.

Unterdessen trat Don Ciccio ein, dem Quaglia noch einige Worte ins Ohr flüsterte. Der Blick des pfiffigen Anwalts schnellte zum Baron, der, wie er da in der Mitte des Raumes saß oder schon halb kniete, nur noch ein Schatten seiner selbst war. Wie angewurzelt blieb der Advocatus stehen. Sollte er gar mehr gefunden haben, als er gesucht hatte?

Von diesem Triumph verzückt, fuhr Don Ciccio mit dem Ärmel über seinen hellen Kastorhut, dessen Biberfell nie zuvor so gestriegelt worden war.

Der Cavaliere Martellini ließ von seinen Papieren ab und wandte sich mit seiner gewohnten Leutseligkeit erneut dem Baron zu. »Noch ein Wort, Exzellenz, dann haben Sie Ihre Freiheit wieder. Wenn Sie so wollen, ist es nicht einmal der Richter, der nun zu Ihnen spricht, sondern der Freund, den ein kurioser Fall beschäftigt. Wir von der Justiz sind ja häufig mit Kurzsichtigkeit geschlagen und je genauer wir hinschauen, desto weniger erkennen wir die Dinge, die wir suchen. Ein Mann von Welt verfügt dagegen über einen unverstellten Blick. Wie Sie mit bestechender Klarheit dargelegt haben, mein teurer Baron …«, fuhr der Richter in einem angenehmen Ton voller Vertraulichkeit fort, »haben wir den schändlichen Beweis für die Verbindung von Mörder und Opfer klar vor uns. Doch welches Interesse sollte Ihrer Ansicht nach der Mörder haben, den armen Priester umzubringen?«

»Dieser Priester war reich«, sagte der Baron und zuckte griesgrämig die Achseln.

»Und was meinen Sie, mein teurer Baron, hat der Jäger auf eigene Rechnung gearbeitet oder von einer mächtigen Person im Hintergrund den Auftrag für die Tat erhalten?«

»Zum Teufel aber auch, auf eigene Rechnung natürlich!«

»Dann hat also dieser Jäger«, fuhr Martellini fort, dessen Stimme jetzt einen leicht aufgeregten, silberhellen Klang hatte, »der womöglich auch ein falscher war, den Priester irgendwie aus Neapel fortgelockt …«

Der Baron stand mit dem Gestus des großen Tragöden auf und unterstrich seine Antwort mit markigem Gehabe, indem er den Arm ausstreckte und mit dem Zeigefinger auf einen Punkt an der Wand zeigte.

»Exakt«, tönte er, »und dann hat er ihn ins Meer geworfen.«

»Den Priester?«, hakte der Richter nach.

»Den Priester …«, bestätigte der Baron, dessen Sprechwerkzeuge sich nun wie von selbst bewegten.

»Nehmen Sie bitte zu Protokoll, Cavalliere Tinca, dass der Zeuge davon ausgeht, der Priester sei ins Meer geworfen worden.«

Der scharfe, autoritäre Ton, mit dem der Richter diese Aufforderung vorbrachte, und die Art, wie er dabei mit dem Finger auf ein Dokument pochte, versetzten Santafusca, gegenwärtig im Grunde ein Schlafwandler, einen neuerlichen, diesmal verhängnisvollen Schlag. Er fuhr zusammen, wiederholte sich in Gedanken seine letzte Antwort und erschrak, sich derart rasch in Widersprüche verwickelt zu haben. Erst hatte er doch gesagt, der Jäger habe den Hut, nicht den Priester ins Meer geworfen. Und nun behauptete er, es sei doch der Priester gewesen. Angesichts dieser Misslichkeit sah er sich außerstande, Bedeutung und Gefahr seiner Worte kühl einzuschätzen, geschweige denn, flugs eine Verbindung zwischen seiner ersten und seiner zweiten Aussage zu ersinnen. Er ahnte vage, dass das Gebäude seiner Verteidigung nun an allen Seiten bröckelte, weshalb ihm fortan in Cavaliere Martellini ein grausamer Feind gegenübersaß.

Zuallererst galt es deshalb, den Schaden zu begrenzen. Allein, es mangelte ihm an Argumenten, es mangelte ihm an Stimme und an Zeit. Sämtliche Worte verknoteten sich in seinem Mund. Es fehlte ihm die Kraft, diesen Jäger noch klar von sich zu scheiden, ihm nicht Gedanken und Taten zuzugestehen, die – leider! – sein Eigen waren. Er vermochte die Tat, von der alle wussten, nicht mehr von den Einzelheiten, die nur er kannte, zu trennen. Während er für den Priester und den Hut um jeden Preis eine schlüssige Erklärung vorbringen wollte, während er unbedingt an den Jäger glauben wollte, da verstrickte er sich, ohne es selbst zu bemerken, immer stärker und wurde schließlich zu seinem eigenen Ankläger. Sein Kopf glühte wie ein Brennofen. Tausende von Gespenstern, gejagt, zurückgedrängt, bezwungen und gegeißelt von seiner Wissenschaft und seiner Logik, strömten nun geschlossen aus den finstersten Höhlen seines Bewusstseins und eroberten seinen Verstand, auf dass darin der Schrecken obsiegte und sich des Barons bemächtigte, der seinerseits vor gut einem Monat Gott und Natur den Fehdehandschuh vor die Füße geschleudert hatte.

Diese arme Seele, die allen Erschütterungen des Gewissens und aller Verzweiflung getrotzt hatte, die ein schützender Lack aus wissenschaftlichen Überzeugungen überzog, zerfiel nun in winzige Teile, weil ihr eigener Firnis sich als minderwertig erwies.

Er dachte nicht mehr klar, die logischen Formeln barsten, und der Wahn, der rächende Furor an der hochfahrenden Vernunft, wollte dem Baron di Santafusca den Schädel spalten, ganz wie er den kleinen Kopf des Don Cirillo mit einer Eisenstange zertrümmert hatte.

Was dann folgte, gehörte zu keinem Verhör mehr, das war der verzweifelte Kampf des Verstandes gegen das Gewissen.

Der Baron stand einsam in der Mitte des Raumes, gestikulierte wild und hielt seinen Spazierstock fest in der Hand.

»Ich frage mich wirklich«, legte er los, »welchen Grund Sie haben, mich eines Widerspruchs überführen zu wollen! Mein Gott, die Sache liegt doch auf der Hand! Bringen Sie mich also bitte nicht dazu, Dinge zu sagen, die ich nicht denke. Was weiß denn ich von diesem Fall? Das Einzige, was ich sage, ist, dass der Jäger ein Interesse daran hatte, die Spuren des Priesters zu verwischen, also dessen Hut verschwinden zu lassen. Das eine gilt so viel wie das andere, vielmehr, es gilt noch mehr, denn ein Mensch erlischt so schnell, als blase man eine Kerze aus, während jede Materie …« Der Baron schrie nun und malträtierte seinen Stock mit beiden Händen. »… jede Materie hart ist, widerstandsfähig, unzerstörbar, ihre Fasern sind für die Ewigkeit gemacht, unsterblich. Haben die Herren vielleicht die Abhandlung über die Dinge des legendären Doktor Panterre gelesen? Muss ich Ihnen erst Büchner, Moleschott oder Hartmann in Erinnerung rufen, damit Sie sich das grundlegende Prinzip vor Augen halten, dass nichts zerstört werden kann, was existiert?* Bedenken Sie doch bitte nur einmal, dass eine Kanonenkugel über eine Million Jahre braucht, um vom Mittelpunkt der Sonne zum Mittelpunkt der Erde zu gelangen, und dass die Sonne verglichen mit all den Nebeln und Asteroiden und dem unendlichen Raum nichts als ein winziges Eigelb ist, dann werden Sie, also wenn Sie das tun, das bedenken, meine ich, dann werden Sie, davon bin ich fest überzeugt, gemeinsam mit mir über diesen Humbug lachen, genau wie ja auch dieser Totenschädel des Priesters vorhin, dessen Zähne an den Stangen des Eisengitters lehnten, über die ganze Zeit lacht. Doch weder dieser Priester noch jener andere werden je wieder eine Messe lesen …«

Der Baron setzte ein sinistres Grinsen auf, machte drei oder vier schnelle Schritte im Raum, zerbrach nun endgültig seinen Stock und warf die beiden Hälften hoch in die Luft.

»Allein aus diesem Grund wollte der Jäger den Hut des Priesters ja verschwinden lassen, indem er ihn ins Meer warf«, fuhr er, von weiterer Hitze angestachelt, fort. »Um ihn sich zu besorgen, diesen Hut, ist er sogar rauf nach Falda gegangen, denn er wusste, dass der Wirt Giorgio ihn zusammen mit anderen Sachen aus Salvatores Kammer geholt hat. Daraus schlussfolgere ich, dass der Hut ins Meer geworfen wurde, und das ist überhaupt kein Widerspruch, mein teurer Cavaliere Martellini. Wenn der Jäger den Priester ertränkt hätte, warum ist der Mann dann in Santafusca begraben? Sie werden jetzt ja wohl nicht unterstellen, dass Salvatore ihn ermordet hat? Bei meiner Seele! In dem Fall muss ich die Erinnerung an einen Mann verteidigen, der mich auf seinen Armen getragen hat! Und selbst wenn ich mein ganzes Blut hergeben müsste, ich würde niemals zulassen, dass auch nur der Schatten eines Verdachts auf sein reines und bescheidenes Grab fällt! Ein Rohling ist, wer so denkt, ein Rohling, wer so spricht! Nur weil Sie den Hut in seiner Kammer gefunden haben, fällt Ihnen nichts Besseres ein, als einen armen Toten zu verleumden, der sich nicht mehr verteidigen kann. Wer sagt Ihnen denn eigentlich, dass nicht Salvatores Hund den Hut in die Kammer geschleppt hat? Beim Verhör hat sich der Hund ausgeschwiegen, hat der werte Cavaliere Martellini vorhin mit viel Ironie angemerkt. Doch wenn dieser Hund sprechen könnte, meine Herrschaften, dann würde er Ihnen mit Sicherheit sagen, was er auch mir gesagt hat, nämlich, dass der Priester nicht ins Meer geworfen, sondern von diesem Jäger ermordet und in Santafusca begraben wurde …«

»Von dem Jäger?«, japste Martellini und klammerte sich an seine Armlehnen, um den Schreck dieser unerwarteten Eröffnung zu verkraften.

Seinem Kollegen, seinem Sekretär, dem Türhüter und Don Ciccio gefror angesichts dessen, was sich da vor ihren Augen abspielte, das Blut in den Adern und sie gaben kaum noch ein Lebenszeichen von sich.

»Ja, ganz genau, vom Jäger!«, schrie der Baron. »Von diesem Antichrist!«

»Der … der den Priester unter einem Vorwand nach Santafusca gelockt hat … ihn dort getötet und im Garten begraben hat? War es so?«

Martellini hielt es nun kaum noch in seinem Lehnstuhl.

»Doch nicht im Garten«, rief der Baron lachend aus, als hätte sich der reizende Richter einen Scherz erlaubt. »Im Hof hinter den Stallungen, unter diesem Haufen …«

Der Baron verstummte. Sein Blick bohrte sich in den Hut des Priesters. Nachdem er diesem Publikum die Geschichte vom Jäger erzählt hatte, wie er sie sich seit über einem Monat ständig selbst wiederholte, versenkte er sich nun in eine derart ekstatische Betrachtung seiner Tat, dass er sogar meinte, in diesem Moment vor dem Haufen aus Ziegeln und ungelöschtem Kalk zu stehen. Es war ein ergreifendes, ein wahrhaft tragisches Schauspiel, dem Geständnis eines Mannes beizuwohnen, der seinen eigenen Schatten anklagte.

»Baron di Santafusca!«, presste Martellini schließlich heraus, erhob sich, stellte sich in aufrechter Haltung hin und wirkte plötzlich weitaus größer. »Hiermit verhafte ich Sie!«

Kaum hörte der Baron diese Worte, schüttelte er den besonderen hypnotischen Schlaf ab, in den ihn sein eigener Geist mit dieser Geschichte versetzt hatte. Er vollführte eine halbe Drehung um die eigene Achse und sah sich mit stumpfem, irrem Blick um, schien erneut den ganzen Schrecken seiner Lage zu erfassen, stieß einen Schrei aus, riss die Arme hoch, warf den Stuhl zu Boden und stolperte in Richtung Tür.

Zu spät. Dort erwarteten ihn bereits zwei Carabinieri.

»Nein!«, keifte der Baron und Schaum trat ihm vor den Mund. »Sie irren! Ich kann weitere Beweise vorbringen. Ich bin krank, das sehen Sie doch, mein armer Kopf! Befühlen Sie doch nur mal meine Stirn! Heiliger Christus, ich fiebre! Ich bin unschuldig. Soll ich Sie zum Ort des Verbrechens bringen? Damit Sie alles mit eigenen Augen sehen können? Meine Herren, vor Ihnen steht Baron di Santafusca, der sich nicht wie irgendein Raufbold ins Gefängnis stecken lässt.«

Bei diesen Worten bückte er sich, griff mit beiden Händen nach dem Stuhl, hob ihn mit der ganzen Kraft seiner wütenden Muskeln hoch und wollte sich mit dem Sitzmöbel einen Weg in die Freiheit bahnen.

Unbeschreibliches spielte sich ab.

Der Richter, der Sekretär und der Kollege zogen sich panisch an die hintere Wand zurück, richteten bei ihrer Flucht jedoch ein heilloses Chaos unter Papieren und Büchern an. Der Türhüter Quaglia bekam vom Baron den Stuhl über den Schädel gezogen, was ihn vermutlich das Leben gekostet hätte, wäre er nicht gerade noch rechtzeitig in Deckung gegangen.

Es folgte ein erbittertes Handgemenge zwischen dem rasenden Baron und den beiden Carabinieri. Die Männer packten ihn mit ihren kräftigen Armen, als wäre er ein grimmiger Bär. Santafusca ging zu Boden, riss aber einen seiner Widersacher mit sich, versuchte verzweifelt, ihm ins Gesicht zu beißen, und wälzte sich mit ihm über den Boden, bis sie schließlich gegen die Beine des Tisches stießen. Weitere Carabiniere eilten herbei, und mit ihrer Hilfe konnte der Baron gebändigt und gefesselt werden … Doch da bekam die Justiz nur noch einen armen Irren in die Hände.

Der Baron Santafusca war verraten und längst bestraft worden. Von seinem eigenen Gewissen.