DER TOTE UND DER AUFERSTANDENE PRIESTER

Es war ein hässlicher Regentag. Die Häuser Santafuscas ertranken in Wolken und machten einen trostlosen, geschundenen Eindruck.

Don Antonio lag im Sterben.

Seit gestern versammelten sich Frauen, alte wie junge, vor seiner Tür und auf den Treppenstufen, um unter Tränen für den Seelenfrieden ihres alten Priesters zu beten, der sie nun wohl bald verlassen würde.

Der Priester aus San Fedele war gekommen und hatte am Krankenbett Platz genommen, um ihm während seiner letzten Stunden beizustehen.

Obwohl Don Antonio bereits ein hohes Alter erreicht hatte, waren sie alle fassungslos, dass er von heute auf morgen niedergestreckt worden war, bezwungen von einem heimtückischen Fieber, gegen das der Arzt nichts auszurichten vermochte. Alle im Dorf waren davon ausgegangen, ihren Priester noch viele Christmetten bei sich zu haben, und er selbst hatte ja immer davon gesprochen, endlich das eine oder andere in seinem Garten zu erledigen … Aber Gott lenkt nach seinem Willen.

Martino wiederholte in einem fort, der Hut des Priesters habe Don Antonio umgebracht.

»Ihr alle wisst«, sagte er wieder und wieder, »wie gewissenhaft und gottesfürchtig Don Antonio ist. Im Alten Testament gibt es keinen gottesfürchtigen Stammvater, lässt man Abraham außen vor, der mit seinem Sohn auf den Berg steigt und das eigene Kind aus Gehorsam gegen Gott auf das hochgeschichtete Holz presst. Als dieser Teufelshut ins Haus von Don Antonio gekommen ist, da hat er zunächst Zweifel gesät, auf die sofort die Strafe folgte, dann kamen das Verbrechen und das Blut … Möge Gott unseren heiligen Priester nun wenigstens den Tod eines Gerechten sterben lassen!«

»Das möge er!«, antworteten ihm die Frauen, bevor sie weiter für den Seelenfrieden Don Antonios beteten.

Doch selbst im Schlaf stöhnte der Priester immer wieder, riss den Kopf herum, als wollte er sich von einem grauenvollen Schreckgespenst abwenden, oder hob mit letzter Kraft die Hand, um jenen Schatten von seiner Brust zu scheuchen, der die Bilder trübte, die allein er vor seinem inneren Auge sah.

Die Glocke weinte im Regen um ihn, und die Häuser von Santafusca hüllten sich in bleigraue Trauer.

In diesem Regen und Todesleid begaben sich der Cavaliere Martellini, sein Sekretär Tinca, Don Ciccio und einige Wachleute zum Anwesen, um dort nach Don Cirillo zu suchen.

Das Geständnis des Barons hätte umfassender und entsetzlicher nicht sein können. Alles, was er bis dahin verzweifelt in sich verschlossen hatte, sprudelte nun in einem wütenden Fieber aus ihm heraus, wieder und immer wieder, während er sich, zwar gefesselt wie ein Stier auf dem Weg zum Schlachthof, in Anfällen grässlichen Wahns wand.

Santafusca redete wirr, gickelte, jaulte und brüllte, kam auf die Philosophie zu sprechen und auf Doktor Panterre, auf Pferderennen, auf das Kartenspiel und auf Frauen. Don Cirillo rief er sogar mit Namen an, verhöhnte ihn, bläute ihm dann aber ein, ja dem Jäger nicht zu trauen, denn der wolle ihn töten. Sobald er zu der Szene im Hof kam, verwandelte er sich in einen schreckengebietenden Schauspieler, der das Drama seines Verbrechens in Worten und Gesten voller Düsternis vortrug.

»Dieser Tag ist wie geschaffen für ein Begräbnis«, sagte Martellini, während er seinen Schal fester um seinen Hals zog und sich, so gut es ging, mit einem Schirm gegen den Regen schützte. »Auch die Glocke hebt die Stimmung nicht gerade. Allerdings gibt man heute ohnehin etwas viel auf Stimmungen.«

»Heute gibt man überhaupt auf alles Mögliche viel zu viel«, bemerkte Don Ciccio, der neben ihm herlief. »Leider aber nicht auf mein Wissen. Denn habe ich es nicht gleich gesagt?«

»Was? Dass es regnet?«

»Dass ich meinen Toten finde.«

Diese Worte brachte Don Ciccio mit einem angedeuteten Siegerlächeln heraus.

»Sie scheinen deswegen ja höchst zufrieden zu sein …«

»Um Don Cirillo tut es mir natürlich leid, der arme Mann. Aber Ihre Justiz, die alle alten Brillen verachtet …«

»Sollen wir Ihrer Ansicht nach das Rad der Zeit etwa zurückdrehen?«

»Meiner Ansicht nach soll man sich lediglich hinter die Ohren schreiben, dass immer gelten wird: homo homini lupus*

Sie erreichten das Anwesen. Der Gemeindesekretär Jervolino und ein Schlosser wurden gerufen, um das Schloss zum zweiten Male zu öffnen. In diesem ganzen Unglück war es immerhin ein kleiner Trost, dass die Frauen, die Kinder und der schreckhafteste Teil der Dörfler zum Weinen und zum Beten vor dem Haus und auf der Treppe des sterbenden Don Antonio versammelt waren. Martino, der förmlich mit dem Seil seiner Glocke verwachsen war, entlockte dieser getragene, schluchzende Töne, wischte sich von Zeit zu Zeit mit dem Hemdsärmel über die Augen und fügte zwischen den Glockenschlägen den einen oder anderen kleinen Vers auf Latein ein, den er dem Messbuch entnommen hatte.

»Bringen Sie uns jetzt bitte zu den Stallungen«, verlangte Martellini von Jervolino.

»Wenn die verehrten Herrschaften mir dann folgen wollten.«

Der traurige Zug begab sich zu den Ställen.

Sie durchquerten den Koben und fanden sich in dem kleinen Geviert wieder, wo sie vor dem Haufen aus Ziegeln, Sand und Kalk stehen blieben.

Hier hatte sich nichts verändert, selbst die Eisenstange steckte noch im Kalk.

»Wir brauchen zwei Männer mit Spaten«, sagte der Richter.

Während Jervolino sich auf die Suche machte, sahen sich alle, die in der Stille dieses traurigen Hofes zurückgeblieben waren, eifrig um.

Regen fiel auf das Dach des Kobens und tropfte von dort zu Boden, nur um dann wieder in die Höhe zu spritzen. Da sie nicht allzu arg durchweichen wollten, zogen sich Don Ciccio und der Richter in das kleine Gebäude zurück. Während sie noch den guten alten Pufendorf zitierten, vernahmen sie einen langen Klagelaut, der aus den Tiefen der Erde selbst zu kommen schien.*

Es war Salvatores Hund, der im Stroh raschelte, nun hervorschoss und dann zwischen Don Ciccios Beinen hindurch das Weite suchte. Der Advocatus knurrte kurz.

Martellini stieß ein etwas gekünsteltes Lachen aus, denn die Muskeln seines Mundes zeigten sich dieses eine Mal eingerostet.

Seinen Ruf als Mann des Geistes wollte er freilich nicht einbüßen.

»Homo homini canis«, murmelte er deshalb.

»Das ist dasselbe!«, beeilte sich Don Ciccio zu versichern, der Wert darauf legte, über gewissen Ängsten zu stehen, und wohl auch zum Ausdruck bringen wollte, dass – ob nun Hund oder Wolf – der Mensch ein grausames Tier bleibt.

Schließlich kamen die Männer mit den Spaten und begannen, die Zisterne freizulegen. Sie schaufelten Ziegel, Kalk und Sand beiseite, bis die große Steinplatte zutage trat.

Martino läutete noch getragener und noch trauriger.

Der Arzt zwängte sich zwischen den Frauen auf den Stufen und dem Treppenabsatz hindurch, den Spazierstock in der einen Hand, das Taschentuch in der anderen.

»Die Erde hat einen gerechten Menschen weniger«, sagte er, »und der Himmel einen heiligen mehr. Es war ein Blutstau im Hirn.«

Die Frauen antworteten nun auf die Totengebete, die der Priester in Don Antonios Stube las.

Ihre Tränen versiegten aber bald, sahen sie sich doch mittlerweile einer Tatsache gegenüber, die für sie mit der unerschütterlichen Überzeugung einherging, dass ihre Hoffnungen in Erfüllung gegangen waren. Ihre Gebete klangen nun, da sie einen Heiligen mehr im Paradies wussten, noch wärmer und inniger. Und es war nicht länger zu unterscheiden, ob sie noch für Don Antonio beteten oder ihn schon als ihren Beschützer anriefen.

Sobald es ihnen gestattet wurde, hielten sie in einer Prozession in seinem Zimmer Einzug, umrundeten das Bett, küssten Hände und Füße des Priesters, berührten seine Gewänder und zerstreuten sich anschließend im ganzen Haus, betraten das kleine Arbeitszimmer und sahen Don Antonio zu ihrer Freude noch einmal lebend vor ihrem inneren Auge, wie er in seinem hohen Lehnstuhl saß, gebeugt über die Bücher, die sie in ebendiesem Moment mit derselben Achtung berührten wie ein Messbuch.

Dann passten sie den Moment ab, da der Regen für einen Moment verstummte und Sonne die Luft erstrahlen ließ, schlüpften in den Garten und pflückten sich eine Rose zur Erinnerung, hauchten einen Kuss auf die Blüte und pressten sie an ihre Brust, als wäre sie eine Reliquie.

Als Martino die Glocke wechselte und zu Mittag läutete, verlief sich die Schar und strebte nach Hause, um ihr Mahl einzunehmen, und da war keine einzige Menschenseele mehr, die noch weinte, im Gegenteil, alle zeigten sich von einer Art Trost erfüllt, von Freude beinahe, die Hände eines Heiligen geküsst zu haben.

Es schien ein wahres Maienfest mit all den Rosen im Ausschnitt der schönen Frauen.

Sie zogen just zusammen durch die Straße, die Alten, die Mädchen und Frauen, hielten auf die Dorfmitte zu, als ihnen der schnaufende, gespensterbleiche Jervolino entgegengestapft kam.

»Aus dem Weg!«, verlangte er. »Lasst uns durch!«

Gleich darauf sah die Menge einen Herrn ganz in Schwarz an sich vorbeiziehen, der seinen Schal fest um seinen Hals gewickelt hatte. Ihm folgte ein Mann mit einem räudigen hellen Kastorhut, dahinter einige Wachleute und schließlich zwei Männer, die eine Bahre trugen.

Sie brachten Don Cirillo, auf den nun ein Grab in geweihter Erde wartete.