Nachdem der Baron nach Neapel zurückgekehrt war, zwang er sich, weder an Don Cirillo noch an dessen Hut zu denken.
Ersterer ruhte sicher verschlossen im Anwesen, den Schlüssel dazu hatte Santafusca weggeschlossen, in einem Geheimfach seines Schreibtischs, Letzterer, also der Hut … Sosehr der Baron sich auch mühte, nicht an ihn zu denken, es gelang ihm nicht. Ein Quäntchen des Toten hatte in diesem schwarzen Popanz überlebt und schwebte ständig um ihn herum. Trotzdem kriegte er es nicht zu fassen! Allein deswegen genoss er nicht in wunderbarer Ruhe seinen wunderbaren Reichtum, sondern lebte in alberner Angst!
Mehrere Tage versuchte er vergebens, sich am Spieltisch abzulenken, im Club, mit Marinella oder bei eleganten Abendgesellschaften, an denen er nun zum Glück ja wieder teilhaben durfte.
»Woran denkst du, Baron?«, fragte ihn Marinella irgendwann, als er abermals mit leerem Blick auf einen widerlichen schwarzen Schatten stierte.
Begegnete ihm ein Priester mit Birett, heftete sich das Auge des Barons eigensinnig und mit einer ungesunden, bohrenden Neugier auf die Kopfbedeckung. Wie gebannt folgte er dann dem Mann durch die belebten Straßen Neapels bis zur Schwelle seines Pfarrhauses, seiner Kirche oder seines Klosters.
Für diese merkwürdige Form der Faszination fand er immerhin eine wissenschaftliche Erklärung: Er hatte seinem leicht erregbaren Naturell letzten Endes übel mitgespielt, weshalb er zwar klar sehen und spüren mochte, dass sein Verfolgungswahn nicht von seinem Gewissen, sondern lediglich von seinen zerrütteten Nerven und seiner lebhaften Phantasie herrührte, gegen diese Pein aber trotzdem nichts unternehmen konnte, da erging es ihm ganz wie einem Geisteskranken, den Halluzinationen martern. Das Gehirn gaukelte einem mitunter ja bekanntlich auch Schmerzen in einem Bein vor, das längst eingebüßt war.
Schon seit einiger Zeit litt er unter heftigen Anfällen von Herzrasen und musste deshalb zuweilen auf ein Medikament aus Fingerhut zurückgreifen. Nun versuchte er es auch mit Bromid und fühlte sich danach deutlich ruhiger und frischer. Dem Hut zum Trotz schlief er allmählich besser, und es bekam ihm auch gut, wenn er weniger rauchte.
Und eines Nachts, im Traum, blitzte in seinem Kopf dann die Idee auf, der Hut könne bei diesem Giorgio sein, Salvatores Neffe, der oben in Falda die Osteria führte. War er nicht einige Tage nach dem Tod seines Onkels wegen des Erbes bei Jervolino gewesen? Hatte er nicht einen ganzen Sack voller Habseligkeiten weggeschleppt? Wäre der Hut wirklich in der Kammer gewesen, warum hätte er ihn dann zurücklassen sollen?
Sofern man Träumen überhaupt glauben kann, erschien dieser dem Baron durchaus nicht aus der Luft gegriffen. Deshalb hielt er es für der Mühe wert, sich nach Falda zu begeben und sich vor Ort mit eigenen Augen davon zu überzeugen, ob ein Körnchen Wahrheit in diesem Traum steckte.
Um keinen Verdacht zu erregen, schlüpfte er in derbe Jägerkleidung, stülpte sich einen Schlapphut auf den Kopf, schnappte sich eine lederne Jagdtasche, schulterte die Flinte, setzte sich in den Zug und fuhr bis zu der Station, die Falda am nächsten war.
Ohne jede Hast stieg er in der frischen Morgenluft den Hügel hinauf, pfeifend, leichten Herzens und mit einem Fünkchen Hoffnung.
Was hätte er nicht alles für diesen Drecksdeckel von Hut gegeben! Seine Nerven mussten sich endlich wieder beruhigen. Ein kostbareres und wertvolleres Gut vermochte er sich gar nicht mehr vorzustellen. Lieber tot wie Don Cirillo als verdammt zu einem Leben im Schatten dieses Hutes!
Die Osteria Vesuv machte mit einem alten tomatenroten Schild auf sich aufmerksam. Sie lag an der großen Straße, die hoch in die Berge führte, an einer etwas abgeschiedenen Stelle, nahe einem Platanenwäldchen, und diente Fuhrleuten und Eselstreibern als beliebte Einkehr.
Ein englischer Lord hätte wohl nur die Nase gerümpft, doch bekam man im »Vesuv« einen herrlichen jungen Wein, gut gelagerten Käse, Tabak und sogar einen Salat, den Giorgio mit seinen eigenen Pranken zubereitete, mengte und anmachte.
Bei ihm handelte es sich um einen vierschrötigen Bären, mit dem Herz auf dem rechten Fleck, ein guter Junge, stets bereit, einem Nachbarn zur Seite zu stehen, wenn dabei eine halbe Lira für ihn heraussprang. Gerade wollte er einen Hammel, dessen Beine er an das Gitter vor einem Fenster gebunden hatte, in Stücke hacken, als er einen Jäger bemerkte, der ohne Hund die Straße entlangkam.
»Kriege ich bei dir einen guten Wein und etwas Käse, mein Junge?«
»Soviel du willst, guter Mann«, antwortete Giorgio und eilte bereits davon, um sich das Blut von den Händen zu waschen.
Santafusca betrat den ebenerdigen Raum und ließ seinen Blick rasch schweifen. Danach setzte er sich mit dem Gebaren eines todmüden Mannes an einen Tisch.
Giorgio kehrte schon bald mit dem Wein sowie mit einem Teller mit Käse und hartem Brot zurück.
»Täusche ich mich, mein Guter, oder kenne ich dich … Allerdings erinnere ich mich beim besten Willen nicht daran, wo wir uns schon einmal begegnet sein könnten …«
Giorgio musterte den Jäger offen.
»Man begegnet sich ja hier und da«, erwiderte er dann. »Aber ich wüsste wirklich nicht, wo ich dich gesehen haben sollte …«
»Bist du vielleicht mit einem gewissen Salvatore unten aus Santafusca verwandt?«
»Das bin ich in der Tat. Er ist jedoch vor kurzem gestorben.«
»Von seinem Tod habe ich gehört. Der arme Mann … Ein braver Mensch und die Güte selbst. Und nun ist er tot, der arme Alte.«
Giorgio legte die offene Hand auf die Brust.
»Das kommt dabei heraus, wenn man bei diesen feinen Herren in Diensten steht. Erst saugen sie dir das Blut aus, bis kein einziger Tropfen mehr durch deine Adern fließt, und dann verfüttern sie deine Knochen an ihre Hunde.«
»Du sprichst vermutlich von diesem Baron …«, bemerkte der Jäger lachend.
»Von ihm und seinesgleichen. Aber er ist vermutlich der Schlimmste von allen. Mein Onkel hat nicht einen müden Scudo hinterlassen, und das nach vierzig oder fünfzig Jahren treuer Dienste, während der Baron säckeweise Gold mit seinen Dirnen durchbringt. Aber warten wir’s ab! Man munkelt, sein Blatt würde sich bald wenden …«
»Dann bist du wohl auch derjenige, der kürzlich in Santafusca gewesen ist, um die Habseligkeiten des alten Mannes zu holen?«
»Genau. Das muss jetzt etwa zwei Wochen her sein …«
»Ich bin ein Verwandter vom Pfarrer der Gemeinde dort unten«, erklärte der Jäger leutselig. »Der Sohn einer seiner Schwestern.«
»Von Don Antonio? Der Mann ist geradezu ein Heiliger …«
»Ich meine, dass ich dich damals in Begleitung des Sekretärs gesehen habe.«
»Ganz genau. Er hat den Schlüssel für das Haus …«
»Ich habe auch deinen armen Onkel gekannt. Sein Tod hat mein Herz gebrochen!«
Der Jäger gestand all dies mit aufrichtiger Miene.
»Dann kommst du aus dem Dorf?«
»Nein, ich lebe in Neapel, aber ich gehe in Santafusca oft auf Jagd. Dieses Jahr ist aber kaum ein Schuss zu machen …«
»Stimmt, es ist ein schlechtes Jahr.«
»Da wir gerade davon sprechen«, fuhr der Jäger, dieser schlichte und recht zwanglose Mann, nach einem tiefen Seufzer fort, »hast du nicht zufällig zusammen mit den anderen Dingen auch einen Priesterhut eingesteckt?«
»In der Tat«, antwortete Giorgio. »Da war auch ein Hut …«
Der Jäger erlitt prompt einen Lachanfall, streckte die Beine von sich und riss die Arme in die Luft.
»Was ist so komisch daran?«
Doch der Jäger konnte sich einfach nicht beruhigen, hielt sich den Bauch und vermochte sich erst zu zügeln, als er den Kopf zwischen beide Hände presste.
Die unsagbare Freude, die grenzenlose Erleichterung, die der Jäger bei dieser Eröffnung empfand, lassen sich nicht ohne Weiteres beschreiben. Nach all den ausgestandenen Ängsten und Sorgen sollte er nun gleich das Corpus Delicti in Händen halten, und all das, weil ein Traum ihn auf die richtige Spur gebracht hatte. Da war er schon bereit gewesen, sonst was für diesen Drecksdeckel herzugeben, und dann spielte sein Glück ihm den Hut gratis in die Hände … Traum sei Dank!
»Das will ich dir gern verraten«, erwiderte er. »Don Antonio hat seinen Hut nämlich in der Kammer deines armen Onkels vergessen, was ihm jedoch erst nach drei oder vier Tagen aufgefallen ist. Kein Wunder, er ist schließlich fast ein Heiliger, mit den Gedanken immer im Paradies. Als er den Verlust endlich bemerkt hat, war es natürlich schon zu spät, denn da war der Hut verschwunden. Der fromme Mann ist völlig verzagt, denn einen zweiten besitzt er nicht, und wie arm er ist, das brauche ich dir nicht zu sagen: Der Gute gibt ja sein letztes Hemd her, wenn eine notleidende Kreatur vor ihm steht. Rein zufällig habe ich ihn gerade besucht, als dieser Sekretär zu ihm kam. Wie heißt der Mann doch gleich?«
»Jervolino.«
»Ach ja! Jedenfalls hat er meinem Onkel berichtet, dass du den Hut zusammen mit ein paar anderen Dingen eingepackt hättest …«
»Das ist eine Geschichte …! Die könnte glatt auf die Bühne! Ich hab mir ja gar nichts dabei gedacht, den Hut einzustecken. Mein Onkel hat so wenig besessen, dass ich alles ohne viel Federlesens in einen Sack gestopft habe.«
»Pass nur auf, dass Don Antonio dich nicht als Dieb heiliger Hüte vor Gericht bringt!«
»Ich? Ein Dieb? Ja, wenn ich mir etwas dabei gedacht hätte, aber ich hab doch bloß alles …«
»Das war doch nur ein Ulk, den ich mir erlaubt habe. Ein Dieb, der nicht weiß, dass er etwas stiehlt … das ist doch kein Dieb, sondern ein Mann, der etwas einpackt. Das würden dir die beiden großen Mimen Pulcinella und Sciosciammocca jederzeit von der Bühne herunter bestätigen.«*
Der Jäger goss sich Wein aus der Tonkaraffe ein und stürzte das große Glas hinunter. Er brachte ihn innerlich förmlich zum Glühen.
Wenn Giorgio ein etwas geübteres Auge gehabt hätte, dann wäre ihm das verräterische Funkeln im Blick seines Gegenübers vermutlich nicht entgangen.
»Glaub mir, du wirst noch in der Hölle schmoren, weil du einen Priester bestohlen hast«, nahm der Jäger grölend den Faden wieder auf und hämmerte vergnügt mit den Fäusten auf den Tisch.
»Gott wird mich schon davor bewahren, wegen einer solchen Kleinigkeit in der Hölle zu landen. Du solltest diesen Hut mal sehen! Da hat der Esel von unserem Müller ja ein gepflegteres Fell! Als ich das Ding auf dem Stuhl gesehen habe, da hab ich noch gedacht … Ja, was eigentlich? Ich hab’s vergessen. Jedenfalls kann man mit dem Hut nicht mal einer Vogelscheuche kommen … Warte mal, ich hole ihn dir …«
Der Jäger blieb allein zurück.
Giorgios Holzschuhe klapperten über die hölzerne Leiter, die draußen an der Mauer lehnte. Kurz darauf stapfte er über den hölzernen Dachboden und blieb quasi über dem Kopf des Jägers stehen, offenbar um den Sack zu durchstöbern.
Der Jäger stierte grinsend zur Decke, ließ all seine Zähne aufblitzen und trommelte mit den Fingern auf den Tisch. Nun fehlte nicht mehr viel, und er würde seinem Priester den entscheidenden Schlag versetzen.
Danach würde dieser elende Vogel ja wohl aufhören, vor seiner Nase herumzuschwirren! Der Baron lachte kalt, gleichzeitig hämmerte sein krankes Herz wie wild. In diesem Hut steckte ein Quäntchen der priesterlichen Seele, und tief in seinem Innern scheute der Baron vor dem Wiedersehen mit diesem Schreckgespenst zurück.
Niemals hätte er vermutet, ein solcher Feigling zu sein. Aber vielleicht gilt das für uns alle, für Jung wie Alt, für alle, die das große Meer des Lebens befahren!
Giorgios Holzschuhe klapperten nach wie vor über Santafuscas Kopf, bis er dann endlich hörte, wie der Wirt mit schweren Tritten die Sprossen der Leiter hinunterstieg. Er setzte sich aufrecht hin und stützte die Ellbogen auf den Tisch. Giorgio wiederum hatte sich, um die Komödie fortzuspinnen, den Priesterhut aufgesetzt. Er schlich ans Fenster, riss die Augen auf und stimmte ein ausgelassenes »Halleluja, Halleluja« an.
Der Jäger fuhr bei seinem Anblick derart zusammen, dass er die Weinkaraffe umstieß. In seiner Erschütterung hätte er Giorgio beinahe angebrüllt, doch da betrat dieser auch schon den Raum und brach in schallendes Gelächter aus. Er ahnte nicht einmal, was er einem Mann angetan hatte, der ohnehin schon unter Herzrasen litt.
So schluckte der Jäger, vergaß sein Herzleiden und zwang sich, ebenfalls zu lachen. Währenddessen ruhte sein entsetzter Blick allerdings auf dem hässlichen, völlig verbeulten Hut, den Giorgio auf den Tisch geworfen hatte.
Kein Naturforscher, ja vermutlich nicht einmal der berühmte Panterre, Autor der Abhandlung über die Dinge, hätte jene Gefühle in ihrem Kern erfassen können, die sich in dem Moment im Herzen des Barons rührten, da er die Hand nach der Seele Don Cirillos ausstreckte. Ein Duell dunkler Kräfte, ein Meer dunklen Wassers, tief, reich an bitterer Freude, reich an reinem Schrecken. Sein Herz hämmerte, aber seine Qualen würden nun ein für alle Mal ein Ende haben. Denn nun, dank der sicheren Gewissheit, dass ihm keinerlei Gefahr mehr drohte, würde er seinen Frieden wiedererlangen.
»Bist du damit einverstanden, dass ich Don Antonio den Hut bringe? Es wäre für meinen Onkel eine Riesenüberraschung.«
»Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist«, erwiderte Giorgio bloß. »Und mir ist es nur recht, wenn dieser Unglückshut aus dem Haus kommt.«
»Dann wollen wir das Ding mal in die Tasche verfrachten! Ob das klappt?«
»Das ist ein ziemlich fetter Vogel, dem muss man wohl ein wenig die Flügel stutzen …«
Mit einem krächzenden Lachen schnappte sich Giorgio den Hut, presste ihn zwischen seinen Händen zusammen und stopfte ihn in die Tasche. Der Jäger ließ ihn gewähren und verharrte steif, ja, fast erstarrt zwischen Bank und Tisch.
»So, das wäre geschafft! Mir ist selten ein Jäger mit solcher Beute begegnet.«
»Was bekommst du für Brot, Wein und Käse?«
»Zwölf Soldi, guter Mann. Den Hut überlasse ich dir als Dreingabe. Richte Don Antonio aber bitte aus, er möge mich von all meinen vergangenen und zukünftigen Sünden lossprechen.«
In diesem Moment betraten zwei Bauern die Osteria, und Giorgio, noch ganz bei seinem Streich, eilte auf sie zu, um ihnen die Geschichte von dem Hut brühwarm zu erzählen, wobei seine Hände einen wahren Tanz in der Luft aufführten.
Die drei schütteten sich aus über den armen Priester und den in der Jagdtasche gefangenen Vogel.
Der Baron stimmte in ihr Gelächter ein, um seiner Jägerrolle gerecht zu werden, doch sobald er meinte, verschwinden zu können, ohne Verdacht zu erregen, entbot er den drei Freunden einen Gruß und ging seines Weges, die Tasche über der Schulter, den Blick in den unendlichen Raum gerichtet, den Kopf hochmütig gereckt. Sein Herz jubelte und triumphierte, als hätte er eine Probe auf Leben und Tod bestanden.
Mit weit ausholenden, gleichmäßigen Schritten lief er die abfallende Straße hinunter. Bei jedem Schritt klatschte die Tasche gegen seinen Schenkel und klang dabei wie eine leere Schachtel.
Dieses Geräusch weckte die Erinnerung an ein Ereignis, das tief in seinem Innern schlummerte …
Dieses Klacken und Knacken … als würde eine Nuss … das hatte er schon einmal gehört …
Der Jäger beschleunigte seinen Schritt in der sicheren Gewissheit, all das würde ein Ende haben, sobald er dieses letzte Tal der Pein durchquert hätte.
Auf diesem Gedanken ritt er geradezu dahin, sah die Straße gar nicht mehr, sondern überlegte nur noch, wie er den grausigen Beweis für seine Tat für immer vernichten konnte, ob er ihn verbrennen, zerschneiden oder begraben sollte. Aus diesen Grübeleien riss ihn jäh ein Hund, der bellend hinter einer einsamen Hütte hervorsprang. Nahezu panisch fuhr Santafusca zusammen und brachte sich wie ein verängstigter kleiner Junge mit einem Satz hinter einem Steinhaufen in Deckung. Auf dem Dach der Hütte arbeiteten ein paar Maurer, die über die Heidenangst, die dieser Jägersmann vor einem Hund hatte, nur lauthals lachen und unverschämt spotten konnten.
»Oho«, rief einer, »das muss ein Ameisenjäger sein!«
»Eher von Zikaden«, vermutete ein anderer.
»Wahrscheinlich springt noch irgendwo der Hase herum, mit dem er auf Hundejagd geht.«
»Unsinn, da lugt doch ein Kaninchenfell aus seiner Tasche heraus.«
Das leicht erregbare Blut der Santafuscas schäumte. Eine Kugel für jeden dieser Dreckskerle wäre noch viel zu glimpflich, grollte der Baron innerlich. Damit wäre meiner Rache nicht Genüge getan. Andererseits: Heute ist ein Tag der Geduld und der Buße. Weiter also!
Die Angst, die ihm dieser vermaledeite Köter mit seinem Gebell eingejagt hatte, steckte ihm jedoch noch als beißender Schmerz zwischen den Rippen der linken Seite.
Nach einer Dreiviertelstunde raschen Marschs kam endlich der Bahnhof in Sicht. Da gerade ein Streckenwärter vor seinem Haus auf einem Baumstumpf saß, überquerte Santafusca die Gleise und erkundigte sich bei dem Mann, wann der nächste Zug nach Neapel gehe.
»In anderthalb Stunden, guter Jäger«, antwortete dieser.
Der Mann war dabei, einen Kinderschuh zu flicken, die Stimme einer Frau und das Weinen eines kleinen Kindes drangen an das Ohr des Barons. Ansonsten herrschten rund um dieses Haus, das allein auf weiter Flur stand und das die Sonne in das rosafarbene Licht ihres Untergangs tauchte, tiefe Stille und tiefer Friede.
Wie glücklich sie doch sind, diese armen Schlucker, dachte Santafusca.
Giorgio aus Falda und dieser Bahnwärter hatten ihn in ihrem herzlichen Zutrauen für ihresgleichen erachtet und sich entsprechend mit ihm unterhalten. Dadurch hatte er unvermutet in eine Welt gelugt, auf die er sonst von hoher Warte aus herabsah: die Welt der schlichten Bedürfnisse und der unverfälschten Zuneigung. Denn hier, in diesem jungfräulichen Boden, keimte das Kraut des Glücks.
Wie glücklich sie doch sind, diese armen Schlucker, dachte der Baron erneut, als er sich gut hundert Schritte vom Bahnhof entfernt auf die Brüstung einer kleinen Brücke setzte, die über einen Bach führte.
Anderthalb Stunden galt es nun hinter sich zu bringen. Ob ich hier, in dieser Ödnis, wo mich niemand kennt, den vermaledeiten Hut in einer Felsspalte versenke oder in einem Gebüsch verstecken soll?, fragte er sich. Damit sich seine Spur verliert und sein Schatten mich nie wieder verfolgt …?
Von diesem Gedanken vorwärtsgetrieben, stiefelte er einen Trampelpfad zu einigen niedrigen Haselsträuchern hinunter, die sich in eine unbestellte, trostlos und vulkanisch anmutende Fläche weiterzogen.
Ein Königreich des Todes. Soweit das Auge reichte, kein einziges Haus, keine Menschenseele.
»Wie glücklich sie doch sind, diese armen Schlucker«, hielt er zum dritten Male fest, diesmal laut, denn danach verlangte sein Stimmapparat, während sein Blick und sein Denken sich auf die Suche nach einer Grube machten, um in ihr das zu begraben, was noch von Don Cirillo zeugte.
Nachdem er eine Weile umhergestreift war, setzte er sich auf ein paar Bimssteine, die mit Ginsterbüschen um den Platz stritten. Unvermittelt spürte er eine bleierne Müdigkeit in den Beinen. Es war ein langer Tag gewesen und auch eine lange Reise. Immerhin aber gehörte der Sieg ihm.
Und all das hatte er einem Traum zu verdanken! Don Cirillo hatte ja auch gern von Eingebungen gesprochen … Wäre es nicht geradezu lächerlich, gewisse haltlose Ideen anzuerkennen, dann hätte der Baron fast glauben können, sein Priester habe ihm im Traum zugeflüstert, sich nach Falda zu begeben.
Hatte Don Cirillo ihm nicht sogar versprochen, seinen Körper und seinen Geist zu retten? Die Seelen der Toten sind ohne Groll, und wenn Don Cirillo aus dem Jenseits eine irdische Seele in den Hafen des Heils leiten könnte, warum sollte er das nicht tun? Schließlich hatte auch er ein paar Sünden auf sich geladen und mit Sicherheit Vergebung nötig.
Was, in Gottes Namen, wissen wir denn von den Dingen dieser und jener Welt?
Musste er bei allem, was er in letzter Zeit erlebt hatte, im Grunde nicht an eine Kraft mildtätiger Vorsehung glauben, die mit erstaunlicher Präzision alle Geschicke lenkt?
Die Sonne stand schon tief, die Sträucher warfen ihre Schatten auf die ausgetrocknete Erde. Ein klarer, ein lichtgeschwängerter Himmel spannte sich über die ausgedehnte Ödnis, in der unser Jäger verzweifelt nach einem Versteck suchte. Nirgends fand er eines … Und er konnte in dieser Brache doch keine Grube schaufeln, da hätte er sich ja sofort verdächtig gemacht. Außerdem behagte ihm nicht, wie viel Himmel es über ihm gab.
Irgendwann stieß er auf einen kleinen Graben, in dem noch Regenwasser stand, hockte sich hin, zog die Jagdtasche vor seine Brust, sah sich aufmerksam um … Am Ende fehlte ihm aber der Mut, die Tasche in diese Brühe zu werfen. Sein Schatten, von der untergehenden Sonne vergrößert, war ein allzu ungebetener Zeuge.
Sobald er sich erhob, meinte er sogar, zu einem Giganten angewachsen zu sein, und fürchtete beinahe, sich den Kopf am Himmel zu stoßen.
Nein, sicherer ist es, ich fahre nach Hause, entschied er, schließ mich in mein Zimmer ein und zerhacke diese lästige Reliquie, zerstöre sie Hieb um Hieb. So stapfte er los, kehrte zur Straße zurück und lief am Häuschen des Streckenwärters vorbei zum Bahnhof. Als der Zug einfuhr, stieg er in einen Wagen dritter Klasse ein, zufrieden, in Gesellschaft einfacher Menschen zu reisen, mit denen er sich ausführlich über Hunde, Schnepfen und Lerchen unterhielt. Über diesen Plaudereien verlor er seine Attitüde als Baron und fand bald schon Gefallen daran, ein Jäger zu sein, wie es ihrer zahllose gab, einzig schuldig, Wildbret geschossen zu haben, kurz und gut, ein braver, unbescholtener Mann, der für sein Glück nicht mehr brauchte als ein Glas Wein oder eine gute Pfeife.
Da es bereits dunkelte, als er Neapel erreichte, wollte er seine Schritte doch noch zum Stadtrand lenken, um irgendwo am Meer ein einsames und verlassenes Plätzchen zu suchen.
Unterwegs hielt er mehrmals an und überlegte, ob er die Tasche samt Hut nicht in einen der Abwassergräben werfen sollte, die zu den Häusern der armen Leute führten. Jedes Mal fielen ihm dann aber die Kinder ein, die in dieser Kloake planschten wie Frösche im Morast und die seinen Hut herausfischen konnten.
Der Priester war bereits zu einer kleinen Berühmtheit geworden, da durfte er auf gar keinen Fall für Hinweise sorgen, die neugierige Menschen auf die Spur des Verbrechens bringen konnten. Schließlich rankten sich mittlerweile auch um den Hut allerlei Legenden.
Der Priester hatte dem Hutmacher drei Lottozahlen genannt, die dem Mann tatsächlich einen Terno eingebracht hatten. Ganz Neapel hatte davon gesprochen. Sämtliche Zeitschriften hatten ihre Berichte damit ausgeschmückt. Da wäre der Hut ein gefundenes Fressen für sie: Der Wirt vom »Vesuv« gibt den Hut des Priesters, den er zuvor in einem Sack nach Falda gebracht hatte, einem Jäger …
In der Osteria unterhielt Giorgio seine Gäste wahrscheinlich immer noch mit der Geschichte. Umsicht war also geboten, damit ja niemand auf diesen Hut des Toten aufmerksam wurde, in dem noch jede Menge steckte. Bei Gott! Beinahe glaubte er ja selbst, der Geist des Priesters hocke in dem Ding, schlage mit aller Vehemenz um sich und winde sich in Krämpfen wie ein sterbender Vogel. Nicht einmal am Strand durfte er ihn verbuddeln, wo Kinder nach Muscheln oder Korallen suchten.
Geschweige denn, dass er ihn hier irgendwo verbrennen konnte.
Wie würde das denn aussehen? Ein Lagerfeuer unter freiem Himmel? Zum Teufel! Es war weitaus einfacher gewesen, sich den Priester vom Hals zu schaffen … Aber der Hut bedeutete nun einmal handfeste Materie, er war ein unverwüstliches Stück. Einen Menschen, ja, den schaltete man so mühelos aus, wie man das Licht einer Kerze ausblies. Etliche Passagen des legendären Doktor Panterre zu diesem Thema fielen ihm ein, während er vorbei an den letzten Fischerhütten durch das Dunkel lief und wie ein Besessener gestikulierte.
Die Schwierigkeit des Unternehmens, die Anstrengungen der Reise und der Verdruss, den ihm dieser elende Hut bereitete, der in der Tasche nach wie vor gegen seine Hüfte schlug und dabei ein Geräusch verursachte, als würde eine Nuss geknackt – all das mengte sich mit der Angst vor jedem einzelnen Schatten und trieb Santafusca durch das Dunkel, die Einsamkeit und die Stille der Nacht, ließ ihn sich bis zum Überdruss seiner selbst gewahr werden.
Womöglich hätte er sich sogar ausgelaugt und angewidert mitten auf die Straße geworfen, wenn er nicht plötzlich aus einer engen Gasse herausgetreten wäre und mit einem Mal das weite Meer erblickt hätte, den langen, menschenleeren Strand, auf den ächzend eine gewaltige Welle zubrandete, um dann mit freudigem Schaumgetuschel über dem Kies zu zerfließen.
Linker Hand lockte das nächtliche Neapel mit seinen tausend Lichtern und schickte seinen Glanz hoch hinauf zum Himmel.
Die Nacht schien verriegelt, ohne Wind, ohne Sterne, wie geschaffen für ein Verbrechen.
Zehn oder zwölf Schritte vom Baron Santafusca entfernt ragte eine kleine Landzunge mit ihren schwarzen Klippen und Steinformationen ins Wasser hinein.
Der Baron wurde von einer unsichtbaren Hand – mittlerweile glaubte er fest an sie – zu den Klippen geleitet, wo er auf ein Fischerboot samt Rudern stieß, das, vor den Wellen geschützt, mit einer Kette an einem Felsbrocken festgemacht war. Ringsum keine Menschenseele. Der Baron bestieg den Kahn, löste die Kette, griff nach den Rudern, passte den Moment ab, in dem die nächste Welle zurückschwappte, und fand sich nach einigen kräftigen Zügen im weiten, dichten Dunkel wieder, allein, eingeklemmt zwischen einem schwarzen Meer und einem schwarzen Himmel, von allen vergessen, vom Tod einzig durch ein paar wurmstichige Bretter getrennt.
Er hatte der Natur eine große Schlacht geliefert, als sie ihn mit irgendwelchen Gespenstern gehetzt hatte. Doch er, der starke und umsichtige Mann, hatte den Sieg davongetragen.
Als fürchte er, den Kopf eines Toten zu erblicken, senkte er die Lider, griff mit der Hand in die Tasche, spürte den Hut, zog ihn heraus, warf die Tasche auf den Boden des Kahns, band den Hut mit einem Riemen fest an sein Gewehr, zerriss mit einem eisigen Lachen die Stille der Nacht und tauchte die Flinte bis zur Mündung ins Wasser, gönnte sich die Freude, sie einen Moment in der geballten Faust zu halten und damit seinen Triumph auszukosten … Schließlich ließ er die Waffe los.
Gewehr samt Hut sanken lautlos in die Tiefe, verloren sich im Dunkel des Meeres.
»Siehst du, Priester, auch das ist nun erledigt!«, sagte der Baron laut und weckte damit etwas auf, das in den Klippen geschlummert hatte. Mit leiser Stimme schien sein Priester ihm zu antworten: Amen.
Eine Stunde später erreichte der Baron im strömenden Regen Neapel. Er eilte geradenwegs nach Hause, riss sich die Jägerkleidung vom Leib, warf sich aufs Bett und fiel in schweren, traumlosen Schlaf. Wie sehr hatte er sich danach gesehnt! Sein heutiger Tag hatte einfach nicht enden wollen und zu viele Überraschungen für ihn bereitgehalten. Die Knochen zermalmt, das Innere zersplittert, schlief er endlich den tiefen Schlaf des Siegers.
Am nächsten Morgen, während Santafusca noch immer seinen Siegerschlaf genoss, flitzten die Zeitungsjungen durch die Straßen Neapels, um ihre Blätter auszurufen.
»Der Hut von Don Cirillo!«
»Riesenentdeckung! Der Hut des Priesters!«
»Für einen Soldo den Hut des Priesters!«
Die Menge, und vor allem das einfache Volk, riss den Jungen ihre Ware aus den Händen und ballte sich um Wasserträger und Kaffeekocher. Einer las vor, die anderen hörten zu, und alle wiederholten am Ende die Geschichte vom Hut, der in einer Schachtel bei Filippino eingetroffen war, und legten dabei jene überbordende Phantasie an den Tag, welche nur Menschen eigen ist, die, sollte sich eine schöne Geschichte je als wahr erweisen, getröstet werden müssen, sie nicht erfunden zu haben.