Filippino, der arme Hutmacher, gepeinigt von Gläubigern und Gerichtsdienern, schrieb die drei Zahlen, die Don Cirillo ihm genannt hatte, noch einmal sorgsam ab.
4, 30, 90
Anschließend ging er in das Zimmer seiner bettlägerigen Frau, um ihren Rat einzuholen.
Donna Chiarina, ein gütiges und gottesfürchtiges Geschöpf, erkannte in der Begegnung mit Don Cirillo sogleich den Beistand des Himmels und drängte darauf, Filippino möge ihr goldenes Armkettchen veräußern, um an Geld zu gelangen.
Wenn ein Schiff untergeht, wirft man was immer möglich über Bord, um wenigstens das Schiff selbst zu retten. Sollte es dann trotzdem sinken, so ist dies Gottes Wille.
So dachte Filippino, dieser hagere Mann mit dem von Wind und Wetter gegerbten Gesicht, der nie viel Aufhebens um seine Belange machte.
Den gesamten Freitag und zwei Drittel des Samstags wurde im Haus des Hutmachers ein striktes Fasten gewahrt, mit dem der Segen des Himmels erbeten werden sollte. Die Kinder sahen danach schon die Sonne samt allen ihren Trabanten um sich herumschwirren. Donna Chiarina, ans Bett gebunden, machte die ganze Zeit nichts anderes, als Rosenkränze zu beten.
Auf diese Weise verging der Freitag, der ihnen allen endlos schien. Ebenso verging ein Teil des Samstags, und noch ehe es drei war, verabschiedete sich Filippino von seiner Frau und begab sich in Begleitung seiner vier Kinder zur Via Santa Chiara, um dort der Ziehung der Lottozahlen beizuwohnen.
Unüberschaubar viele Menschen hatten sich hier versammelt, drängten sich in einem Torbogen oder einer Seitengasse, und es waren vor allem Arbeiter, Fischverkäufer, Wasserträger, junge und alte Frauen, samt und sonders armes Volk, das montäglich seine ganzen Hoffnungen auf eine Leine zieht und unter der Woche sein Trockenbrot damit bestreicht.
Die Hoffnung sättigt nicht, lässt aber selbst Trockenbrot gut schmecken.
Donna Chiarina zündete unterdessen vor einem wundertätigen Bild der Madonna von Loreto zwei Kerzen an und begann mit einer solchen Inbrunst zu beten, dass sie wohl selbst die Pforten des Paradieses aufgebrochen hätte.
»Psst! Ruhe! Sie kommen … Da sind sie!«
»Wer?«
»Die Abgeordneten der Stadt, der Junge zum Ziehen und die Wachmänner!«
»Heute gewinnen die Zahlen vom Erdbeben!«
»Vergiss nicht den Engländer, der sich im Hotel erhängt hat!«
»Die Achtzehn, die wird heute gewinnen, pass nur auf, Nunziatella!«
Solcher Art waren die Unterhaltungen der Menschen, die Spieleifer und Gewinnsucht hier in ihren Qualen zusammengeballt hatten.
Allenthalben flammte Hoffnung auf und versengte gleich einem Stück Kohle jedes Herz. Noch ein letzter Zweifel, ein letzter Anflug von Verzagtheit, dann folgten Gejohl und Gelächter bis zur Trunkenheit.
Weithin sichtbar tauchte der Junge mit verbundenen Augen den nackten Arm wortlos in die Trommel und zog ein zusammengerolltes Papier heraus, das er dem Obmann überreichte, damit etwas in ein Buch eingetragen, auf eine Tafel gemalt und vom Ausrufer verkündet werde:
»Vier!«
»Papa! Papa! Die Vier!«, schrien Filippinos Kinder inmitten des allgemeinen Gemurmels, das auf die Bekanntgabe der ersten Zahl folgte.
»Das hat noch gar nichts zu bedeuten, Kinder. Einen einzelnen Treffer erwischt man genauso leicht wie mit bloßer Hand einen toten Fisch. Was zählt, ist der Terno.«
So sprach Filippino, dessen Herz diese erste Zahl dennoch schrecklich zum Hämmern gebracht hatte.
Abermals senkte sich Stille herab. Der Junge tauchte seine Hand erneut in die Trommel und zog ein Blatt Papier, auf dass die Zahl eingetragen, gemalt und verkündet werde:
»Dreißig!«
»Papa! Papa! Papa …«, krächzten die vier Kinder wie vier junge Adler.
Filippino, dem Herz wie Stimme nun versagten, während in der Menge ringsum das Gemurmel anschwoll, fürchtete beinahe, die Sinne würden ihm schwinden, weshalb er sich selbst ermahnte, einzig an die noch ausstehende Ziehung zu denken.
»Schweigt, ihr Käuze!«, schalt er seine Kinder. »Was sind schon zwei richtige Zahlen? Wer Kiemen und Schwanz eines Fisches in Händen hält, der hat noch längst keinen Fisch in der Pfanne. Das Glück ist wie eine hohe Meereswelle, die euch zum Ufer trägt, aber nicht an Land spült, dafür aber manchmal als Leiche auf einer Klippe ablegt. Ist das wirklich die Dreißig, Angiolillo?«
Filippino hob den jüngsten seiner Söhne hoch, damit er über die Köpfe der Menschen hinweg die Zahl las, lag ihm selbst doch ein Nebelschleier vor den Augen.
»Es ist die Dreißig«, kreischte der Junge, »das sehe ich ganz genau.«
»Schön und gut, aber auch das heißt noch gar nichts! Wir brauchen den Terno secco, bei zwei Treffern gilt: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer!«
»Angeblich hat die Regierung die Zahlen, die ihr gefährlich werden könnten, ja gar nicht erst in die Trommel gegeben«, raunte ein massiger Schmied einer hübschen jungen Frau aus Mercato zu.
»Die Lotterie ist eh ein großer Schwindel«, erwiderte sie.
»Genau wie die Liebe, mein Glücksstern!«, parierte der Schmied, der zu gern die runde Wange der jungen Skeptikerin getätschelt hätte.
Filippino lauschte angestrengt diesem Wortgeplänkel, nur um sich irgend abzulenken, nur um irgend Linderung zu finden, nur um irgend die Zeit bis zur nächsten Zahl herumzubringen. Wenn wenigstens Chiarina hier wäre …! Doch die fromme Frau träumte in diesem Augenblick ungetrübt von einem Schwalbennest.* Deshalb zupfte Filippino vorerst an Angiolillos Locken, als wollte er ihn rupfen wie ein Huhn.
Zum dritten Mal tauchte der Junge die Hand in die Trommel. Er zog die Zahl, die eingetragen, gemalt und verkündet wurde, wobei die Stimme des Ausrufers diesmal donnerte wie eine Kanone:
»NEUNZIG!«
»Schwalben, Schwalben«, brummelte Filippino weiter vor sich hin. »Sommer, Sommer …«
90
Ein gewaltiger Stimmenorkan hieß diese Majestät des Lottos willkommen, diese strahlende Erscheinung, die in ihrer pontifikalen Würde den Abschluss aller Zahlen bildet, die letzte der neunzig Nummern in der Trommel, das schiere Symbol der Opulenz.
»Papa! Paparino! Die Neunzig! Der Terno, Papa …!«
Warum müssen die Kinder nur so schreien? Filippino taumelte, als hätte ihm jemand von hinten eins über den Schädel gezogen, verdrehte die Augen und grimassierte fürchterlich.
»Schwalben, Schwalben«, murmelte er in einem fort vor sich hin. »Sommer, Sommer.«
Da wähnte er, Finsternis käme über ihn, wie sie auch Jesus auf dem Berg eingehüllt habe. Die Beine versagten ihm. Schreiend umklammerten die Kinder plötzlich seine Schenkel, doch er sah überhaupt nichts mehr.
»Zu Hilfe! Zu Hilfe!«
»Was ist da los?«
»Dem Mann ist schlecht geworden.«
»Wer ist das denn?«
»Ein Epileptiker.«
»Er hat bestimmt den Terno gewonnen.«
»Das ist die Hitze!«
»Bringt ihn hier weg!«
»Jemand muss eine Droschke holen!«
»Platz da, die Herren! Aus dem Weg …!«
Schon kamen ein paar Wachmänner herbeigeeilt, die Filippino hochhoben und aus der Menge trugen, wobei sich hinter der kleinen Gruppe ein Schweif aus Menschen bildete, die alle durcheinander fragten und riefen, die ihre Meinung kundtaten und ihre Kommentare abgaben und im Nu allerlei Geschichten zu erzählen wussten.
Angiolillo, dieser vogelschnelle Junge, war bereits nach Hause geeilt, um seiner Mamma die gute Nachricht zu überbringen.
Eine halbe Stunde später sprach man in ganz Mercato von nichts anderem. Filippino der Hutmacher hatte einen Terno secco gewonnen, für den ihm Don Cirillo im Austausch gegen einen Hut die Zahlen genannt hatte. Noch vor dem Abend kannten alle Menschen im Viertel die Namen vom Hutmacher Filippino und vom Priester Don Cirillo.
»Der Gewinn ist riesig! Mal heißt es, hunderttausend Lire, mal zweihunderttausend, mal sogar dreihunderttausend. Don Nunziante hat den Lottoschein gesehen und weiß, dass Filippino um das Leben seiner Kinder gespielt hat. Könnte der Priester für uns nicht auch mal ein paar Zahlen herausrücken?«
Fassungslosigkeit, Neid, Zorn und Leidenschaft verschmolzen zu dem berühmten Funken, der im Pulverfass landete, und überall in den engen Gassen, in den kleinen Läden und bei den Fischständen kam es zu Tumulten. Besonders unruhig ging es freilich in Mercato zu, wo der Priester lebte.
Inmitten der Menge fand sich Gennariello, der Schuster, der den Wohnungsschlüssel seines Onkels hütete und seit zwei Tagen nichts mehr von diesem gehört hatte. Gegen Abend spähte sogar Don Ciccio Scuotto zur Tür hinaus, der Advocatus und Anwalt aller Priester, dem Don Cirillo noch einen Brief geschrieben hatte. Von der Schwelle aus beäugte er die zotteligen Klatschweiber, die in unablässigem Getratsche verzweifelt versuchten, sich einen Reim auf die Geschichte zu machen. Seit Donnerstag war der Priester wie vom Erdboden verschluckt. Die alte Ciamminella hatte ihn noch im Morgengrauen das Haus verlassen, danach aber nicht zurückkehren sehen.
Gennariello, der sogar Schulden gemacht hatte, um die Zahlen seines priesterlichen Onkels spielen zu können, war den ganzen Abend wie vor den Kopf geschlagen und brachte kein einziges Wort über die Lippen.
Und niemand, der nicht mit ihm fühlte.
»Ich sag’s ja immer wieder, der eigenen Sippschaft ist nicht zu trauen! Du armer Tropf! Dir gibt er falsche Zahlen, obwohl du der Sohn von seiner Schwester bist, aber die richtigen, die steckt er dem Mann von Donna Chiarina.«
»Ach Liebchen, mein Herz ich dir antrag!«, schmetterte irgendwo ein Wasserträger. »Hüt’s nur Tag um Tag! Verlang nicht, dass ich mir versag, zu huldgen der, die ich so mag!«
»Bei diesen Dingen hat der Teufel seine Hand im Spiel, Ciamminella, und ich würde nicht einen Soldo von diesem Geld anrühren.«
»Ich ebenso wenig, Carmela. Wer Glück sich erhökert, die Seele verhökert.«
Nicht geringer waren der Aufruhr und das Gewusel vor Filippinos Laden.
Der Ärmste war mehr tot als lebendig gewesen, als man ihn durch die Tür geschleift hatte, wo er seine Frau mehr tot als lebendig im Bett vorfand. Der Sonntag stand nun ganz im Zeichen von Seufzern, Ausrufen und leichten Ohnmachtsanfällen. Der Verbrauch von mit Melisse oder Orangenblüte versetztem Wasser war enorm. Alle konnten nur von Glück sagen, dass Feiertag war und der Laden geschlossen blieb. Davor drängten sich längst zahllose Menschen, die sich partout nicht trollen wollten, sondern unverdrossen auf den Türklopfer, die Fensterläden und Filippinos Schild starrten, wie es sonst nur an Orten grauenvoller Bluttaten geschieht, sodass der zu den Manticas gerufene Arzt den Weg durch die Nachbarwohnung und eine eingerissene Trennwand nehmen musste.
Don Nunziante, der Notar, hatte von Filippino den Auftrag erhalten, beim Generaldirektor vom Regio Lotto, Commendatore Berti, in Erfahrung zu bringen, wie hoch der Gewinn ausfalle und wie sich das Prozedere der Auszahlung gestalte. Gegen Mittag suchte er den Hutmacher auf, um ihm zu berichten, dass Filippino Mantica nach Abzug der Steuer auf den Erlös voraussichtlich 455 000 Lire erwarten dürfe, was zwar keine halbe Million sei, aber doch besser als nichts. Die Eheleute Mantica nahmen diese große Zahl mit einer gewissen Kümmernis zur Kenntnis.
Sie fürchteten zu fiebern oder es mit Hexenwerk zu tun zu haben. Ihre Benommenheit, ihr Somnambulismus, währte bis Montag, dann überzeugte der Arzt sie von einem Aderlass.
Wir jedoch müssen noch einmal zu unserem Baron zurückkehren und seine Schritte verfolgen.